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Der böse Verdacht, dass es ohne Gott nicht geht - Eine Betrachtung zu Friedrich Dürrenmatts "Der Verdacht" und "Die Physiker"

Essay 2009 7 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Der böse Verdacht, dass es ohne Gott nicht geht

Eine Betrachtung zu Friedrich Dürrenmatts Der Verdacht und Die Physiker von Dr. Dietmar Mehrens

Das Jahr 1948, das Jahr 3 der Nachkriegsära, geht seinem Ende entgegen. Der schwer an Krebs erkrankte Kommissär Bärlach, der krankheitsbedingt aus dem Polizeidienst ausscheidet, schöpft Verdacht, als sein Freund und behandelnder Arzt Hungertobel auf einem Foto des Nachrichtenmagazins Life einen früheren Kollegen wiedererkannt haben will, dessen Spezialität das Operieren ohne Narkose war. Selbiges wird auch von einem barbarischen KZ-Arzt namens Nehle berichtet und genau in diesem Nehle erkennt Hungertobel seinen einstigen Studienkollegen Emmenberger wieder. Hungertobel rudert dann aber zurück, weil Emmenberger die Kriegsjahre nachweislich in Chile verbracht habe, doch die Indizien häufen sich und Bärlach ist überzeugt, dass der KZ-Arzt in den Kriegsjahren die Identität seines Doppelgängers Nehle angenommen hat, diesen nach dessen Rückkehr aus Chile ermordete und danach unbehelligt als Emmenberger weiterleben konnte. Dr. Emmenberger betreibt inzwischen eine teure Sterbe-Klinik in Zürich und in genau die lässt sich der todkranke Polizist am letzten Tag des Jahres einschleusen. Doch Bärlach ist bereits aufgeflogen, als er nach dem Jahreswechsel aus einer fünftägigen Narkose erwacht, und sein Freund, der Journalist Fortschig, dem er den Auftrag erteilt hatte, in einem (übrigens unglaubwürdigen) Skandalartikel die Identität des KZ-Arztes zu enthüllen, ermordet. Bärlach erfährt das von der skrupellosen Ärztin Marlok. Die einstige KZ-Insassin ist heute Emmenbergers Geliebte und lebt jenseits der Moral.

Selbiges gilt für Emmenberger selbst, der sich im Gespräch mit seinem wehrlosen Patienten nicht viel Mühe gibt seine Verbrechen zu verschleiern und sich als Materialist und Nihilist par excellence erweist: "Und ich glaube, dass ich bin, als ein Teil dieser Materie, Atom, Kraft, Masse, Molekül wie Sie, und dass mir meine Existenz das Recht gibt, zu tun, was ich will. [...] Die Freiheit ist der Mut zum Verbrechen, weil sie selbst ein Verbrechen ist." Der Mensch, glaubt Emmenberger, sei gemessen an den Weiten des Universums nur Augenblick und Zufall, heilig sei nur die Materie. Alles sei austauschbar und gleichgültig, ob etwas existiere oder etwas anderes an seiner Stelle. Freiheiten würden nicht gegeben, man müsse sie sich nehmen. Denn es sei Unsinn an etwas anderes zu glauben als an das Ich als Teil der Materie. Der intensivste Augenblick, der einem Menschen in solcher Freiheit möglich sei, "gleich ungeheuer wie die Materie", sei es, zu foltern und zu töten, denn "wenn ich mich außerhalb jeder Menschenordnung stelle", laut Emmenberger eine Ordnung, die nur durch Schwäche errichtet worden ist, "werde ich frei, werde ich nichts als ein Augenblick, aber was für ein Augenblick!" (Zitat aus dem Kapitel "Die Uhr"). Exemplarisch will Emmenberger diese triumphale Freiheit an einem weiteren Opfer demonstrieren: an Bärlach. Als Deus ex Machina erscheint der Hüne Gulliver, ein exzentrischer KZ-Überlebender ohne festen Wohnsitz. Er befreit Bärlach aus seiner Notlage und teilt eher beiläufig mit, dass er Emmenberger gezwungen habe, eine Giftkapsel zu nehmen.

Wie in den meisten seiner Theaterstücke geht es Dürrenmatt auch in diesem Pseudo-Kriminalroman nicht um psychologischen Realismus. Bärlachs dilettantische Einschleusaktion ohne Rückversicherung wirkt ebenso wenig schlüssig und durchdacht wie der Mord an dem Journalisten Fortschig durch einen Zwerg, der übrigens erst in Emmenbergers Diensten steht und sich am Ende urplötzlich als Gullivers bester Gefährte aus gemeinsamen KZ-Zeiten erweist (eine Konstruktion, die eher in eine der Dürrenmatt-Komödien gepasst hätte). Die Krimihandlung ist eher Vehikel für philosophisch-moralische Betrachtungen wie die oben kurz umrissenen als Garant für Spannung. Die kommt hier lediglich am Schluss auf, als Bärlach in einer langen Nacht der Operation ohne Narkose entgegenblickt, die ihm der verbrecherische Arzt am Vorabend perfide in Aussicht gestellt hat.

Der eher eindimensionale Plot (Verdacht – Einlieferung – Enthüllung), für den es eine 30-seitige Kurzgeschichte auch getan hätte, ist kaum der Rede wert. Wirklich mitreißend ist dagegen Emmenbergers Herausforderung an uns alle: "Zeigen Sie mir Ihren Glauben!", fordert der Schwerverbrecher den Kommissär auf und weiß, dass er damit einen wunden Punkt berührt hat: "Man liebt es heute zu schweigen, wenn man gefragt wird, wie ein Mädchen, dem man eine peinliche Frage stellt. Man weiß ja auch nicht recht, woran man eigentlich glaubt [...]."Der Verdacht, 1951 erschienen, ist also im Kern eine philosophisch-theologische Reflexion des Schweizer Autors, vielleicht kein Plädoyer für ein Festhalten am überlieferten Glauben – dafür erscheint Bärlach, der Held, als zu passiv und theologisch standpunktlos –, aber doch ein großes Zweifeln an der Angemessenheit des materialistischen Weltbildes. Dürrenmatt exemplifiziert das Dilemma der Moderne am Eingang zur Postmoderne: kein Gott, kein Ethos. Ein buchstäblich böser Verdacht, den er da äußert. Hegel, Kant, Marx, Nietzsche, Freud – die namhaften Philosophen der Aufklärung und der Moderne haben viele Modelle entworfen, haben mitunter die tradierten ethischen Normen auch auf den Kopf gestellt. (Der verbrecherische KZ-Arzt steht mit seinem Nihilismus markant in der Tradition Nietzsches.) Aber woran soll man sich halten zum rechten Ver halten? Auch an Dürrenmatts Zeitgenossen, den Existenzialisten Camus und Sartre, nagten diese Fragen. In einer Zeit, da an tragfähigen philosophischen Antworten auf die Frage eines Weltethos mit Recht gezweifelt werden konnte – Stalin hatte den Marxismus nachhaltig diskreditiert und wer noch in den Sechzigern an marxistische Welterlösungsmodelle glaubte, trägt heute eine Narrenkappe –, kam die Frage zur rechten Zeit. Der Sohn eines protestantischen Pfarrers legt den Finger in die Wunde und fragt: Schaffen wir es wirklich aus eigener Kraft oder sind Hitler und Stalin Ausgeburten einer Hölle, die wir Menschen selbst uns erschaffen, wenn wir die moralische Integrität und Autorität des Gottes unserer abendländischen Offenbarungsreligion auf dem Altar der eigenen Prätentionen opfern? Wer bei dieser Schlüsselfrage so schwach, so sprachlos bleibt wie Bärlach, der hat, vor allem diesen Verdacht nährt Dürrenmatts Buch, den Emmen­bergers dieser Welt weiß Gott wenig entgegenzusetzen.

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Details

Seiten
7
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640393992
Dateigröße
369 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131178
Institution / Hochschule
Nanjing University
Note
Schlagworte
Verdacht Gott Eine Betrachtung Friedrich Dürrenmatts Physiker

Autor

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Titel: Der böse Verdacht, dass es ohne Gott nicht geht - Eine Betrachtung zu Friedrich Dürrenmatts "Der Verdacht" und "Die Physiker"