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Das Theodizee-Motiv in Kleists Erzählung "Das Erdbeben in Chili"

Seminararbeit 2001 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Das Erdbeben in Lissabon und die darauffolgende Diskussion

2. Das Theodizee-Motiv in Kleists „Erdbeben in Chili”
2.1. Die verschiedenen Deutungen des Erdbebens
2.1.1. Die Errettung der Liebenden
2.1.2. Das Strafgericht Gottes
2.2. Die ironische Verkehrung religiöser Motive
2.3. Die Uninterpretierbarkeit Gottes und der Welt

3. Ausblick: Der Zufall als alternatives Handlungsmodell

4. Literaturverzeichnis:
Primärliteratur:
Sekundärliteratur:

1. Das Erdbeben in Lissabon und die darauffolgende Diskussion

Das Erdbeben, das Kleist zum Gegenstand seiner Erzählung „Das Erdbeben in Chili” macht, fand im Jahr 1647 tatsächlich statt. Allerdings weicht Kleist in seiner Darstellung in einigen Punkten von den historischen Ereignissen in Santiago ab. Beispielsweise verlegt er das Beben von der Nacht auf den Tag.[1]

Zudem bleibt Kleist in der Beschreibung der Stadt eher vage, so dass der Schauplatz der Katastrophe beinahe austauschbar wirkt.

Dies legt die Vermutung nahe, Kleist beziehe sich weniger auf die Katastrophe in Chile als vielmehr auf jenes Erdbeben in Lissabon, das 1755 nicht nur die Erde, sondern auch das Welt- und Gottesbild des 18. Jahrhunderts erschütterte. Der Glaube an einen guten Schöpfer und eine sinnvolle Weltordnung wurde dadurch massiv in Frage gestellt:

Der Knabe, der alles dieses wiederholt vernehmen mußte, war nicht wenig betroffen. Gott, der Schöpfer und Erhalter Himmels und der Erden, den ihm die Erklärung des ersten Glaubensartikels so weise und gnädig vorstellte, hatte sich, indem er die Gerechten mit den Ungerechten gleichem Verderben preisgab, keineswegs väterlich bewiesen. Vergebens suchte das junge Gemüt sich gegen diese Eindrücke herzustellen, welches überhaupt um so weniger möglich war, als die Weisen und Schriftgelehrten selbst sich über die Art, wie man ein solches Phänomen anzusehen habe, nicht vereinigen konnten,[2]

schreibt Goethe in „Dichtung und Wahrheit.”

So wurde das vor allem von Leibniz vertretene Konzept der prästabilierten Harmonie, dem zu Folge unsere von Gott geschaffene Welt die beste aller möglichen Welten sei unter anderem von Voltaire in seinem „Poème sur le désastre de Lisbonne“ in Frage gestellt. Kant hingegen betont die Ambivalenz des Erdbebens, während Rousseau die Zivilisation für die Katastrophe verantwortlich macht, womit nur einige Thesen des philosophischen Diskurses angedeutet werden sollen.[3]

Auch Kleists Erzählung kann unter anderem als Reaktion auf den Theodizeediskurs des 18. Jahrhunderts betrachtet werden.

Im Folgenden soll das Motiv der Theodizee in der Erzählung näher untersucht werden. Dabei soll zunächst auf die unterschiedliche Sichtweise der Figuren, auf die Verwendung religiöser Motive und schließlich die Uninterpretierbarkeit Gottes und der Welt eingegangen werden. Am Ende wird dem Modell der göttlichen Vorsehung das Prinzip des Zufalls entgegengestellt.

2. Das Theodizee-Motiv in Kleists „Erdbeben in Chili”

2.1. Die verschiedenen Deutungen des Erdbebens

2.1.1. Die Errettung der Liebenden

Das Erdbeben, jene doch so erschreckende Katastrophe, scheint für die beiden Hauptfiguren der Erzählung zunächst einmal nur positive Folgen zu haben. Beispielsweise wird Jeronimo durch das Beben nicht nur vom Selbstmord abgehalten:

Und gleich als ob sein ganzes Bewußtsein zerschmettert worden wäre, hielt er sich jetzt an dem Pfeiler, an welchem er hatte sterben wollen, um nicht umzufallen.[4]

Er kann auch durch eine „Öffnung [...], die der Zusammenschlag beider Häuser in die vordere Wand des Gefängnisses eingerissen” (S. 53) hat, aus seiner Zelle entfliehen.

Nachdem er aus der Stadt entkommt, schickt er sich an, „Gott für seine wunderbare Errettung zu danken” (S. 54), bereut allerdings dieses Gebet gleich darauf, als er an Josephe und deren vermeintliches Schicksal denkt. „Fürchterlich” (S. 54) erscheint ihm nun „das Wesen, das über den Wolken waltet”. (S. 54) Wenig später jedoch findet er die Geliebte wieder. Sein Ausruf „O Mutter Gottes, du Heilige!” (S. 55) legt nun eine Rückkehr zur vorigen Dankbarkeit nahe.

Jeronimos Gottesbild schwankt je nach Situation zwischen dem eines grausamen Rächers und dem eines fürsorglichen Helfers.[5]

Dass das Erdbeben von diesem Gott persönlich gesandt wurde, zweifelt er jedoch nicht an.[6]

Auch Josephe scheint von göttlichen Mächten beschützt, denn als sie ihr Kind aus dem zusammenbrechenden Kloster rettet, bleibt sie unversehrt, „als ob alle Engel des Himmels sie umschirmten”. (S. 56) Zwar zeigt das „als ob” bereits an dieser Stelle, wie zweifelhaft der Eindruck der göttlichen Rettung in Wirklichkeit ist, doch der folgende Abschnitt scheint das göttliche Eingreifen noch zu bestätigen. Josephe sieht nun alle Instanzen, die zu ihrem Unglück beigetragen haben, vernichtet. So wird die „Leiche des Erzbischofs” (S. 56) „zerschmettert aus dem Schutt der Kathedrale hervorgezogen” (S. 56), der „Palast des Vizekönigs” (S. 56) und das „väterliche[...] Haus” (S. 56) werden zerstört und „der Gerichtshof, in welchem ihr das Urteil gesprochen worden war” (S. 56) steht „in Flammen”. (S. 56)

Obwohl im Text selbst an dieser Stelle keine Interpretation von Seiten des Erzählers zu finden ist, legt die antithetische Anordnung von Josephes Rettung und der unmittelbar darauffolgenden Vernichtung der Strafinstanzen doch zumindest die Vermutung nahe, dass es sich bei Letzterer wohl um ein Gottesurteil handelt.[7]

Als sich Josephe und Jeronimo jedoch wiederfinden, wird der Erzähler wesentlich deutlicher:

Mit welcher Seligkeit umarmten sie sich, die Unglücklichen, die ein Wunder des Himmels gerettet hatte! (S. 55)

Die göttliche Rettung wird hier zur „eindeutigen, nun indikativisch gehaltenen Gewißheit.”[8]

Jeronimo und Josephe sind überzeugt, das Erdbeben habe als Teil der himmlischen Vorsehung nur zu ihrem Wohl beigetragen. Dass ihre Rettung vom Tod unzähliger anderer begleitet wird, beeinträchtigt die beiden nicht.[9] Sie sind nur „sehr gerührt, wenn sie daran dachten, wieviel Elend über die Welt kommen mußte, damit sie glücklich würden!” (S. 58)

Dieser Satz erinnert stark an die optimistische Formel „All partial Evil, universal Good” Alexander Popes[10], kehrt diese jedoch um, denn hier ist es ja im Gegenteil das allgemeine Unglück, das zum Wohl der Einzelnen führt.

Auch später wird dieses Problem noch einmal thematisiert:

Ein Gefühl, das sie nicht unterdrücken konnte, nannte den verfloßnen Tag, so viel Elend er auch über die Welt gebracht hatte, eine Wohltat, wie der Himmel noch keine über sie verhängt hatte. (S. 60)

Und an anderer Stelle heißt es:

[...] so war der Schmerz in jeder Menschenbrust mit so viel süßer Lust vermischt, daß sich, wie sie meinte, gar nicht angeben ließ, ob die Summe des allgemeinen Wohlseins nicht von der einen Seite um ebenso viel gewachsen war, als sie von der anderen abgenommen hatte. (S. 61)

Gerade der letzte Satz scheint die Thesen von Leibniz und Wolff, nach denen das Übel in der Welt am Ende zu deren Vervollkommnung beiträgt, zu unterstützen.[11] Gleichzeitig erinnert er an Kant, der die Ambivalenz des Erdbebens von Lissabon betonte und darauf hinwies, dass die selben Erschütterungen, welche die Stadt verwüsteten, an anderen Orten Heilquellen sprudeln ließen:

So sind die Zufälle beschaffen, welche das menschliche Geschlecht betreffen. Die Freude der einen und das Unglück der anderen haben oft eine gemeinschaftliche Ursache.[12]

Bis zu diesen Stellen der Erzählung dominiert also eine positive Einschätzung des Erdbebens als ein von Gott gesandtes Mittel, die Liebenden zu retten und deren Peiniger zu strafen. Die Katastrophe wird von den Figuren als notwendige Bedingung zur Herstellung des paradiesischen Zustands im Tal angesehen, welcher durch die häufige Verwendung des „als ob” (vgl.: u.a. S. 59: „als ob die Gemüter [...] alle versöhnt wären.”) dem Leser allerdings schon hier sehr brüchig erscheint.

2.1.2. Das Strafgericht Gottes

Dem Bild der Liebenden vom helfenden Gott wird im letzten Teil der Erzählung das eines ganz anderen, alttestamentarischen Rächers entgegengestellt. Auch der Dominikanerpriester sieht das Erdbeben als Eingreifen Gottes an: „Er schilderte, was auf den Wink des Allmächtigen geschehen war.” (S. 64)

Jedoch interpretiert er die Katastrophe als Strafe für „das Sittenverderbnis der Stadt” (S. 64) und erinnert an das biblische Sodom und Gomorrha. Schließlich weist er direkt auf den „Frevel[...]” (S. 65) hin, „der in dem Klostergarten der Karmeliterinnen verübt worden war.” (S. 65) Die Schuldzuweisungen an Jeronimo und Josephe lösen am Ende jenes drastisch geschilderte Massaker aus, in dem nicht nur die Liebenden, sondern auch ein Teil der Gesellschaft aus dem Tal auf brutale Weise ums Leben kommen. Es zeugt von besonders tragischer Ironie, dass Jeronimo und Josephe nun ausgerechnet vor der Kirche, in der sie Gott für die Errettung danken und in der Josephe „ihr Antlitz vor dem Schöpfer in den Staub” (S. 62) legen will, getötet werden.

Hat der Dominikaner also recht? Werden die beiden für ihren Frevel bestraft? Aber warum wurden sie dann zuvor gerettet?

Die Erzählung bietet keine eindeutige Antwort auf diese Fragen. Die Gewissheit des Dominikaners wird jedoch indirekt durch das grotesk-komische Verwechslungsspiel während des Massakers in Frage gestellt. So wird Don Fernando für Jeronimo gehalten (S. 66) und Donna Constanze wird zunächst an Josephes Stelle erschlagen. (S. 67) Die ungeheuerliche Gewissheit des Priesters erweist sich hier als haltlos. Doch auch, ob wirklich Gott dieses Strafgericht geschickt hat, bleibt äußerst fraglich. Es erscheint schon sehr ironisch, dass der Dominikaner „die Seelen” (S. 65) der Liebenden zunächst „allen Fürsten der Hölle” (S.65) übergibt, woraufhin diese von den Besuchern der Messe in einer Art und Weise niedergemetzelt werden, die zumindest dem Leser reichlich satanisch vorkommen muss. Aber auch der Erzähler deutet die Gottlosigkeit des Geschehens an, indem er die Angreifer „Bluthunde” (S. 68) und Meister Pedrillo den „Fürst der satanischen Rotte” (S. 68) nennt, während Don Fernando als „göttlicher Held” (S. 68) bezeichnet wird.

Hier ist eine gewisse Kritik an der Kirche in Gestalt des Dominikaners zu erkennen, denn es wird deutlich, wie der Priester das christliche Gebot der Nächstenliebe unzweifelhaft missachtet.[13] Das von ihm heraufbeschworene Strafgericht ist weder gerecht, noch sonderlich göttlich, wie die bereits erwähnten Anspielungen auf den Teufel und die Hölle zeigen.[14]

Damit erweisen sich beide Gottesbilder, sowohl das des Liebespaars als auch das des Priesters als subjektiv.[15] Am Ende ist nicht klar, inwiefern das ganze Geschehen als Gottes Handlung angesehen werden kann.

[...]


[1] Vgl.: Hartmut Kircher: Heinrich von Kleist: Das Erdbeben in Chili, Die Marquise von O... Interpretation. München 1992. S. 9.

[2] Johann Wolfgang von Goethe: Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit. Herausgegeben von der Deutschen Akademie der Wissenschaften zu Berlin. Band 1. Berlin 1970. S. 29.

[3] Vgl.: Kircher 1992: S. 11-19.

[4] Heinrich von Kleist: Die Marquise von O..., Das Erdbeben in Chili. Stuttgart 1997. S. 53.

Es wird nach dieser Ausgabe zitiert, die Seitenangaben im Text beziehen sich auf die obengenannte Ausgabe.

[5] Vgl.: Suzan Bacher: Lektürehilfen Heinrich von Kleist: "Die Marquise von O...", "Das Erdbeben in Chili". Stuttgart 1990. S. 89.

[6] Ebd.

[7] Ebd.

[8] Bacher 1990: S. 89.

[9] Vgl.: Bacher 1990: S. 90.

[10] Kircher 1992: S. 12.

[11] Ebd. S. 33f.

[12] Immanuel Kant: Gesammelte Schriften. Akademieausgabe. Abteilung 1. Band 1. Berlin 1910. S. 437.

[13] Vgl.: Kircher 1992: S. 32.

[14] Ebd. S. 42.

[15] Vgl.: Bacher 1990: S. 92.

Details

Seiten
12
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783640414369
ISBN (Buch)
9783640410415
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v131175
Institution / Hochschule
Universität Regensburg – Institut für Germanistik
Note
1,0
Schlagworte
Kleist Heinrich von Kleist Theodizee Erdbeben Leibniz Kant Erzählung Diskurs Philosophie

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