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Schreibende Frauen im Mittelalter

von Marie-Luise Leise (Autor)

Seminararbeit 2006 16 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I. Einleitung
1.) Hinführung an das Thema
2.) Bildungsgeschichtliche Bedingungen um 1200
3.) Schreibfähigkeit der Frauen

II. Hauptteil
4.) Das Kloster – Wiege der mystischen Literaturproduktion
4.1.) Mechthild von Magdeburg
4.2.) Hildegard von Bingen
5.) Autorinnen im Umkreis der Höfe
5.1) Hrotsvitha von Gandersheim

III. Schlussbetrachtungen

I. Einleitung

1.) Hinführung an das Thema

Zum heutigen Selbstverständnis von Frauen in Deutschland gehört zweifelsohne die Fähigkeit zu Schreiben. Kaum vorstellbar mag mittlerweile für viele unter ihnen sein, dass diese nicht immer allen ihres Geschlechtes vorbehalten war. Zu finden sind die uns bekannten Wurzeln, und somit der vermeintliche Beginn, im Mittelalter. Im Rahmen des Proseminars für ältere deutsche Literatur werde ich im folgenden auf die bildungsgeschichtlichen Umstände um 1200 des deutschen Sprachraumes eingehen, um dann bewusst drei, sich voneinander unterscheidende, Lebenswege von Autorinnen herauszuarbeiten, die uns bis heute noch ein Begriff sind. Eingegangen werden soll auf literarisch Schreibende, nicht jedoch auf solche, die beispielsweise in Schreibstuben das Abschreiben praktizierten, ohne zu verstehen. Das Ziel dieser Arbeit ist, zu zeigen, dass trotz der unterschiedlichen Frauenbildung im Mittelalter, beispielsweise aufgrund sozialer Herkunft, es eine Grundtendenz gibt, unter welchen Umständen weibliches Schreiben möglich war. Auf die produzierte Literatur selbst soll nur ansatzweise eingegangen werden, um das Verstehen der Zusammenhänge zu erleichtern.

2.) Bildungsgeschichtliche Bedingungen um 1200

Im frühen Mittelalter (1050- 1170) gehörten noch fast ausschließlich die Geistli­chen zu den sogenannten „litterati“, also zu den Lese- und Schreibkundigen. Neben Latein schrieben sie in der Regel auf Griechisch oder Hebräisch, die als heilige Sprachen galten. Um dem Volk ihre christlichen Glaubensinhalte besser zugänglich machen zu können, übersetzten sie ihre Texte jedoch immer häufiger in die Volkssprache.[1]

Die Angehörigen des weltlichen Standes hingegen waren zu dieser Zeit in der Regel Analphabeten, also „illitterati“. Die Fähigkeit zum Lesen und Schreiben wurde unter ihnen nur in sehr geringem Maße geschätzt und galt beispielsweise für einen Herrscher nicht als Voraussetzung. Bewertet wurde dieser allein nach der Menge des gewonnen Landes, der niedergeschlagenen Aufstände oder wie viele Bauten er für Kirche und Stadt hat errichten lassen. Über eine literarische Ausbildung verfügte dieser nur dann, wenn er als Zweitgeborener eigentlich für eine geistige Tätigkeit ausgebildet wurde, jedoch aus dynastischen Gründen das eigentlich dem ersten Sohn vorbehaltene Herrscheramt übernahm. Durch eine entsprechende Bildung der Nachkommen versuchten Könige und Kaiser zunehmend, ihre eigene Position zu legitimieren sowie zu stärken.

Ein entscheidender Wandel ist jedoch in der Blütezeit des Mittelhochdeutschen (1170- 1230/ 50) zu verzeichnen: Indem in erster Linie eben diese Königs- und Fürstenhöfe sich als Mäzene für die Entstehung und Verbreitung volkssprachlicher Literatur verstehen, liegt die Aufzeichnung der mittelhochdeutschen Literatur nicht mehr ausschließlich in den Händen der Klöster, in Folge dessen sich natürlich auch die Inhalte verschieben. Wegen der Ausweitung von volkssprachli­cher Schriftlichkeit sind im Spätmittelhochdeutschen (1250-1350) schließlich zahlreiche Textsorten wie Predigt, Geschichtsschreibung, Drama u.a. aufweisbar.[2]

3.) Schreibfähigkeit der Frauen

Ihrem gesellschaftlichen Status nach die „Einfältigen“ und „Unwissenden“ ver­setzen ab Mitte des 12. Jh. die Geist der Gebildeten in Erstaunen: Frauen begin­nen zu schreiben. Entsprechend der Zeit zuerst in Latein, ab dem 13.Jh. jedoch zunehmend in der jeweiligen Landessprache.[3]

Die Schriftstellerinnen, obgleich unterschiedlicher historischer Bedingungen, lebten in ähnlichen sozialen Verhältnissen. Nämlich in solchen, die den gesellschaftlichen Umbruch voraussetzten, der den Ort schuf, an welchem Schreiben ermöglicht, begünstigt und gefördert wird: das Frauenkloster sowie - allerdings in abgeschwächtem Maße- das Beginenhaus. Vorhanden waren dort, wie Virginia Woolf es Jahrhunderte später noch in ihrem gleichnamigen Buch forderte, ein eigenes Zimmer und eine meist reichlich ausgestattete Bibliothek.[4]

Den Nonnen wurde das Lesen und Schreiben beigebracht und mit Hilfe eines Selbststudiums hatten sie die Möglichkeit, ihr Wissen zu erweitern. Die Äbtissinnen reicherer Klöster jedoch konnten sich ungewöhnlich hoher Macht erfreuen. Sie hatten meist einen ausgedehnten Landbesitz, den sie, im Gegensatz zu den Bauern, wie Feudalherren verwalten konnten. Das Amt einer Äbtissin bot so, durch seine große Unabhängigkeit, einen großen Reiz für die Töchter Adeliger.[5]

Bürgerliche Frauen hingegen waren den alltäglichen Hindernissen, wie familiäre Verpflichtungen, Mutterschaft, kein eigenes Zimmer usw. ausgesetzt, was ihnen das Schreiben unmöglich machte.[6] Der nötigen Bildung fehlte es ihnen zudem, die sie auch nicht durch einen späteren Eintritt ins Kloster wettmachen konnten, da dieses ausschließlich für wohlhabende adlige Frauen vorgesehen war. Die aus niedrigeren Schichten stammende konnten höchstens noch Laienschwester oder Magd werden.[7] Mehr Berührungspunkte zur Schrift hatten sicherlich Städterinnen, wenn diese in einem kaufmännischen Geschäftsbetrieb aufwuchsen, in diesem gar mitarbeiteten. Denn dass ein angesehener Geschäftsmann am Ende des 13. Jh. lesen, schreiben, mit Zahlen umgehen und einigermaßen Latein konnte, galt als eine Selbstverständlichkeit an führenden Handelsplätzen, wovor auch weibliche Familienmitglieder sicherlich nicht die Augen verschlossen.[8] Ein Glanzbeispiel für weibliche Handelsaktivitäten wäre Familie Veckinchusen, die zu Beginn der Neuzeit hauptsächlich in Lübeck und Köln tätig war.[9] Um den Rahmen meiner Arbeit nicht zu sprengen, werde ich jedoch bewusst nur auf literarisches Schreiben eingehen.

[...]


[1] Grundmann, Herbert: Die Frauen und die Literatur des Mittelalters. In: Ausgewählte Aufsätze, Bildung und Sprache, Stuttgart 1978, S. 76- 95.

[2] Quelle: eigenes Wissen, das in der Einführung ins Mittelhochdeutsche erworben wurde

[3] Gnüg, Hiltrud und Mörmann, Renate (Hrsg.): Frauen Literaturgeschichte. Schreibende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Verlag Metzler 1985, S. 1.

[4] Engelsing, Rolf: Der Bürger als Leser, Verlag Metzler 1974, S. 5- 10.

[5] Ennen, Edith: Frauen im Mittelalter, Verlag C.H. Beck München 1987.

[6] Weinhold, Karl: Die Deutschen Frauen im Mittelalter, 3. Aufl., 2. Bnd., Wien 1897, S. 43 ff.

[7] Ennen, Edith: s.o.

[8] Engelsing, Rolf: Analphabetentum und Lektüre. Zur Sozialgeschichte des Lesens in Deutschland zwischen feudaler und industrieller Gesellschaft, Metzler Verlag 1973, S. 3- 5.

[9] Stieda, W.(Hrsg.): Hildebrand Veckinchusen. Briefwechsel eines deutschen Kaufmanns im 15. Jahrhundert, Leipzig, 1921.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640362981
Dateigröße
441 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130685
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Neuphilologisches Institut
Note
2,0
Schlagworte
illitterati Frauen Mittelalter Autorinnen Schreibfähigkeit Schriftstellerinnen Mechthild von Magdeburg Hildegard von Bingen Mystikerinnen Hrotsvitha von Gandersheim KLöster Beginenhaus litterati Frauenklöster

Autor

  • Marie-Luise Leise (Autor)

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