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Die Naturbeschreibung und ihr Symbolgehalt in Theodor Storms 'Immensee'

Hausarbeit 2008 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Deutungsvarianten der Naturdarstellung
2.1 Interpretation von Thomas Kuchenbuch
2.2 Interpretation von Birgit Reimann

3 Naturbeschreibung und ihr Symbolgehalt
3.1 Darstellung und Einbettung von Natur in das Werk
3.2 Symbolträchtigkeit der Naturbeschreibung

4 Distanzlosigkeit/ Perspektivenvielfalt/ Resignation

5 Fazit

6 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Immensee“ zählt zum novellistischen Frühwerk des Husumer Lyrikers und Erzählers Theodor Storm. Dennoch ist die Anschaulichkeit und der Symbolgehalt seiner Beschreibungen, welcher vor allem seinen Naturdarstellungen immanent ist, bereits von außerordentlicher Ausdruckskraft. Vielleicht gerade deshalb ist das in der Zweitfassung 1851 grundlegend überarbeitete,[1] in einer Sommergeschichten- und Liedersammlung[2] erschienene Werk „Immensee“ die erfolgreichste Novelle des Holsteinischen Schriftstellers zu dessen Lebzeiten.[3] Im Folgenden widmet sich die vorliegende Arbeit demzufolge der Frage, welche Aufgaben die Naturbeschreibungen in „Immensee“ erfüllen und wie Storm die Natur in den Handlungsverlauf seiner ersten größeren Prosaarbeit[4] einbettet. Um diese Fragestellung adäquat bearbeiten zu können, werden zunächst zwei markante Forschungspositionen zusammenfassend dargelegt, um anschließend im Hauptteil mit eigenen Forschungsansätzen an diese Basis anzuknüpfen. Als Grundlage sollen hierbei die Analysen von Birgit Reimann[5] und Thomas Kuchenbuch[6] dienen. Die Wahl fiel dabei bewusst auf einen aktuelleren sowie einen älteren literaturwissenschaftlichen Beitrag, um eventuelle Weiterentwicklungen wie auch gefestigte Erkenntnisse in der Bearbeitung dieses Themenkomplexes aufzuzeigen. Im Rahmen dieser Arbeit wird es nicht das Ziel sein beide Standpunkte detailgetreu miteinander zu vergleichen. Vielmehr konzentriert sich die Analyse der Naturbeschreibungen auf die für Stimmung und Handlungsverlauf wichtigsten werkimmanenten Bilder und Motive. Im Anschluss daran wird geklärt, weshalb das Verständnis dieser Symbolträchtigkeit konstituierend auf das gesamte Werk „Immensee“ wirkt und inwiefern Kritikern mit Vorwürfen der auftretenden naiven Distanzlosigkeit in Storms Werk zur Natur sowie subtil vermittelter Resignation begegnet werden sollte.

2 Deutungsvarianten der Naturdarstellung

Das folgende Kapitel wird die Standpunkte der Literaturwissenschaftler Thomas Kuchenbuch und Birgit Reimann zum Vorkommen von Natur in Storms „Immensee“ näher betrachten sowie deren damit verknüpfte Naturinterpretation vorstellen.

2.1 Interpretation von Thomas Kuchenbuch

Thomas Kuchenbuch rückt in seiner 1969 erschienenen Dissertation die Technik der dichterischen Wirklichkeitsspiegelung im Erzählwerk Theodor Storms in den Mittelpunkt. Der Begriff der „ästhetischen Illusion“[7] nimmt in seiner Argumentation eine zentrale Rolle ein. Dies geht bereits zu Beginn seiner Analyse des „Alten“, der am „Spätherbstnachmittage“[8] die Straße hinab geht, hervor, den Kuchenbuch als Sonderling charakterisiert, welcher „den Typus des geistigen, ästhetischen Menschen überhaupt [verkörpert], der sich aufgrund seiner Vorzüge von der Allgemeinheit unterscheidet.“[9]

Reinhardt nimmt die Natur laut Kuchenbuch anders als seine Mitmenschen, im Speziellen anders als Elisabeth, wahr. Zu Reinhardts Leidwesen könne Elisabeth dessen ästhetisches Bewusstsein jedoch nicht nachvollziehen. Diese, sich in einem subjektiven Empfinden abspielende „Illusion“, ließe ihn auf bürgerlich-materieller Ebene, wie sich zeigen wird, scheitern, bringe ihn in „ästhetischer“ Hinsicht jedoch voran. Dies werde bei der Erdbeerensuche im Kapitel „Im Walde“ deutlich:

„Reinhardt verliert sich mit Elisabeth im Wald und, anstatt Erdbeeren zu sammeln, verträumt er die Zeit. [...] Wenn dieser Vorfall auch ein Versagen auf materieller Ebene war, so bedeutet er für Reinhard in ideeller Hinsicht einen Gewinn: ,Aus der erlebten Versenkung in die Tiefe des Waldes entsteht sein erstes Gedicht.‘“[10]

Kuchenbuch sieht in der Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Seelentiefe mit „schönem Schein“[11] eine Gefahr. Schöner Schein – das bedeutet für den Literaturwissenschaftler auch Reinhardts Glaube an die erwiderte Liebe von Elisabeth. Reinhardt gehe jedoch fälschlicher Weise davon aus, sein subjektives Empfinden sei objektiver Natur. Das hier benannte „Motiv des Sich-Verlierens“[12] in der Subjektivität erkennt Kuchenbuch erneut in Reinhardts Begegnung mit dem Zithermädchen „mit feinen zigeunerhaften Zügen“,[13] woraus Kuchenbuch schlicht und zu einfach eine „Zigeunerin“[14] macht. Zudem sieht er in der Naturdarstellung Storms eine Plattform für den Kampf zwischen Poetischem, Ästhetischem auf der einen und Bürgerlichem, Realistischem auf der anderen Seite.

Dieser Kampf zwischen „Illusion“ und „Desillusion“ findet im Kapitel „Immensee“ letzten Endes seinen Höhepunkt. Die „anschaulich-malerischen“ Beschreibungen, also das symbolische Landschaftserlebnis Reinhardts, gaukele ihm nur den Schein einer Idylle vor. Diese Idylle im „Gemäldecharakter“ bleibe aufrecht, solange der Wanderer sich den Immensee und das Gut aus der Ferne betrachtet. Doch „Je tiefer er sich in das Leben dort unten im Tal verstrickt, [...] desto mehr schwindet der Schein der Idylle.“[15] Denn je näher er Elisabeth kommt und je öfter er sich mit ihr unterhält, desto mehr schwindet das Bild einer glücklichen Ehe zwischen Elisabeth und Erich sowie einer idyllischen Stimmung. Zudem verleihe allein die in den letzten Abschnitten verstärkt pessimistische Sicht- und Deutungsweise Reinhardts, im Hinblick auf die Natur, dem Gesamtwerk eine resignierende Grundstimmung. Die natürliche Umgebung erzeuge in Reinhardts Gemüt Gefühle, zu denen Elisabeth keinen echten und Erich überhaupt keinen Zugang finden können.

Als Lösung, aus der verfälschten Objektivität der Wahrnehmung auszubrechen,[16] sieht Kuchenbuch lediglich die Konfrontation mit der Wirklichkeit. So gewaltig wie in der Badeszene Reinhardts im See, finde das Erwachen aus der Illusion zu keinem anderen Zeitpunkt im Leben des Ästheten statt. In dieser Szene sammelten sich alle Motive, Symbole, Gefühle und Verweisungsbezüge der gesamten Novelle.[17] Die weiße Wasserlilie vertrete Elisabeth, denn die heimlich Verehrte begegnete Reinhardt bereits zuvor als weiße, mädchenhafte Frauengestalt.[18] Die Lilie fungiere als eine Art Materialisation der Unerreichbarkeit und des Idealen. Verwandt sei sie zudem mit dem Spiegelbild des Hauses auf dem See und „überhaupt mit allen Motiven des Abglanzes, die den epiphänomenalen Charakter der Schönheit verdeutlichen.“[19] Die dunkle herabziehende Tiefe, welche Reinhardt in der Nähe der Pflanze umfängt, sei wiederum eng mit der „dunklen Seelentiefe“ der Zigeunerin verbunden. So sei ebenso das Wasser mit dem Wald verwandt, in dem sich das Motiv des „Sich-Verlierens“ erneut wiederspiegele.

[...]


[1] Storm, Theodor: Immensee. Hg. Gerd Eversberg. Heide: Boyens & Co. 1998, S. 79.

[2] Storm, Theodor: Sommer-Geschichten und Lieder von Theodor Storm. Berlin: Duncker 1851.

[3] Eversberg, S. 72.

[4] Ebd.

[5] Reimann, Birgit: Zwischen Harmoniebedürfnis und Trennungserfahrung: Das menschliche Naturverhältnis in Theodor Storms Werk. Freiburg i. Br. Univ. Diss. 1995.

[6] Kuchenbuch, Thomas: Perspektive und Symbol im Erzählwerk Theodor Storms. Zur Problematik und Technik der dichterischen Wirklichkeitsspiegelung im Poetischen Realismus. Marburg/Lahn. Univ. Diss. 1969.

[7] Kuchenbuch, S. 57.

[8] Eversberg, S. 11.

[9] Kuchenbuch, S. 58.

[10] Ebd., S. 63.

[11] Ebd., S. 65.

[12] Ebd., S. 64.

[13] Eversberg, S. 25.

[14] Kuchenbuch, S. 64.

[15] Ebd., S. 81.

[16] Vgl. Kuchenbuch, S. 87.

[17] Vgl. Ebd., S. 70.

[18] Eversberg, S. 42.

[19] Kuchenbuch, S. 70.

Details

Seiten
16
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640363872
ISBN (Buch)
9783640364275
Dateigröße
417 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130554
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,3
Schlagworte
Naturbeschreibung Symbolgehalt Theodor Storms Immensee

Autor

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Titel: Die Naturbeschreibung und ihr Symbolgehalt in Theodor Storms 'Immensee'