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Kulturologie am Beispiel Russlands

Essay 2006 7 Seiten

Russistik / Slavistik

Leseprobe

Nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion waren für die Epoche von Jelzin folgende Fragen charakteristisch: „Was ist Russland?“, „Wohin geht Russland ?“, „Wer sind wir?“. Sie sind bis in die allerjüngste Gegenwart hinein gültig geblieben. Die Marxismus – Leninismus Doktrin wurde zur Geschichte und in Russland entstand ein Vakuum, eine leere Stelle, die man auf verschiedene Weisen versuchte aufzufüllen. Gleichzeitig hatte man mit dem Phänomen des Cultural Turns zu tun, der schon längere Zeit her auftritt - ungefähr seit den sechziger Jahren. Cultural Turn bedeutet eine Verschiebung des Denkens in die Richtung Kultur anstatt Politik oder Volkswirtschaft, was Entwicklungen in den kulturellen Studien und der Kultursoziologie verursachte. Der Wert der hohen Künste und die Massenkultur ist in den kulturellen Studien gesunken. Kultur nahm vorher eher die Sachen wahr, jetzt sind die Prozesse und Praxis von Bedeutung. Cultural Turn hat den Kulturwissenschaften geholfen, indem die Disziplin mehr Respekt als akademische Disziplin gewonnen hat. Nach dem Umbruch 1991, der das endgültige Versagen des sozialistischen Modells offenbarte, wurde der Vergleich Russlands mit dem Westen wieder aktuell. Man hat angefangen Russland und den Raum dessen Einflüssen als russisch – euroasische Zivilisation nennen. Die Sehnsucht nach neuen Verbindlichkeiten zeigte sich in Russland in der Suche nach Identität auch auf der Ebene des Staates. Die Wertefundament-Konzeption konnte Kultur erfolgreich in den Mittelpunkt eines nationalen Diskurses zur Identitätsbildung stellen. Nur dann war es möglich einen kleinsten gemeinsamen Nenner an Vorstellungen zu finden, der sich auch in den verschiedenen Zeichensystemen der Ethnien wie Kunst, Sprache, Religion etc. widerspiegelte. Besondere geopolitische Lage zwischen Osten und Westen sind für die neuen russischen Kulturologen dafür verantwortlich, dass Russland eine eigene Philosophie, Religion und Psychologie herausgebildet hat. Für diesen Zustand sind sowohl historische Faktoren verantwortlich, wie: byzantinische Herkunft, 200 Jahre mongolischer Herrschaft, begrenzter Kontakt mit dem Renaissance, der Reformation und der Aufklärung als auch die Faktoren, die sich direkt auf Gegenwart beziehen, d.h. enormer Einfluss der orthodoxen Kirche, bürokratischer Despotismus und so typischer für diesen Weltraum Kollektivismus. Die Kultur der russländischen Ethnie bildete demzufolge die Grundlage des einheitlichen Raumes. Bekannte ist der Motiv des ‚ großen Bruders ‘, wonach die Russen innerhalb der Völkerfamilie Russlands eine Führungsposition einnehmen. Auf diese Weise Kulturologie wurde zu konkreter Folge des Cultural Turns in Russland und gleichzeitig füllte ein ideologisch-weltanschauliches Vakuum aus. Der affirmativen Kulturbegriffs, der von den kommunistisch geprägten Kulturschaffenden Russlands zum ‚neuen Menschen‘ führen sollte, erklärt, warum diese Vorstellung unter den russländischen1 Akteuren noch verbreitet ist.

Es kann daher nicht verwundern, dass im Zuge der für Russland in den 1990er Jahren stets präsenten Suche nach der eigenen kollektiven Identität eine intensive Auseinandersetzung mit Samuel Huntingtons These vom „Kampf der Kulturen“ erfolgte. Gerade die Vertreter der Auffassung, dass Russland einen Sonderweg zu beschreiten habe und anders sei als der Rest der Welt, sich in ihrer Auffassung durch die These Huntingtons bestätigt. Es sollte jetzt um die Identitätsfindung innerhalb einer Kultur gehen und Russland, die sich historisch mit dem orthodoxen Christentum identifiziert, gehört nach dem kalten Krieg zu den bedeutendsten Weltkulturen2. Als Zentrum der orthodoxen Kultur hat Russland zur Aufgabe, die Hauptverantwortung für die Aufrechthaltung der Ordnung und Stabilität den russländischen Völkern zu tragen. Aus diesem Grund stilisierten die Politiker der 90er Jahre, wie z. B. Präsident Jelzin die russische kulturelle Identität auf Huntington´s Thesen. Zwei Grundfesten der Russischen Idee: die Geistigkeit der russischen Orthodoxie und die Staatlichkeit der russischen Großmacht haben sie in der Form als neues (altes?) Selbstbewusstsein Russland in die Weltzivilisation des XX - ten Jahrhundert eingebracht.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb.1 Russländische Kultur als Weltzivilisation

Jutta Scherrer vertritt nach Analyse einer Vielzahl von Werken und Lehrbüchern über Kulturologie die Ausfassung, mit der in den 1990er Jahren verbreiteten Form der Kulturologie hätten sich die „Orientierungsprobleme des heutigen Russland (...) einen Ausweg im philosophischen Dilettantismus des 19. Jahrhundert mit seinen schon damals veralteten ganzheitlichen Vorstellungen, der unreflektierten ‚histoire totale‘ “ ( Scherrer 2003: 56) gesucht. Die Wissenschaftlerin unterstreicht die Gegenüberstellung von ɦ upoewi und omi e cm ee titiasi Icy ɥ bmypa3, was die russische Idee des eigenen Platzes unter den Weltzivilisationen abbildet. Sie betont dabei, dass „die Kulturologie nahezu nichts mit der Kulturwirklichkeit zu tun hat“ (Scherrer 2006: 10). Besonderer Weg Russlands als Vielvölkerreichs erklärt die These, dass Kultur als geistige Wiedergeburt Russlands gesehen werden soll.

[...]


1 russischländisch - es wird das russische Wort poccuüciuü übersetzt, was einen Unterschied zu dem pyccxu [ russisch] bilden soll. Der Unterschied umfasst die ethnischen und territorialen Aspekte; russländisch wird sich in engerem Sinne auf Russland beziehen, russisch dagegen auf alle Länder des russischen Kulturkreises.

2 Siehe: Abb.1

3 Welt- und Heimatkultur

Details

Seiten
7
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640411009
ISBN (Buch)
9783656489474
Dateigröße
707 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130533
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
2,0
Schlagworte
Kulturologie Russland Russische Idee

Autor

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