Lade Inhalt...

Die Ermittlung – ein Dokumentartheaterstück im Sinne der Weiss’schen Konzeption

Hausarbeit 2007 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Dokumentartheater
2.1. Eine einleitende Genrebestimmung
2.2. Die Weiss’sche Konzeption des dokumentarischen Theaters

3. Das Theaterstück „Die Ermittlung“ von Peter Weiss
3.1. „Die Ermittlung“– ein Dokumentartheaterstück im Sinne der Weiss’schen Konzeption?

4. Schlussbetrachtung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Peter Weiss gehört zweifelsohne zu den bedeutendsten deutschen Vertretern des dokumentarischen Theater in den sechziger und siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts. Als eines der berühmtesten, gleichzeitig aber auch umstrittensten Werke, zählt sein Stück „Die Ermittlung. Oratorium in 11 Gesängen.“ Jenes Werk von Weiss wurde am 19. Oktober 1965 gleichzeitig in siebzehn Städten uraufgeführt.[1]

Für den Dramatiker bedeutet das Stück seinen persönlichen

[…] Beitrag zur deutschen Vergangenheits-Bewältigung. Aber das konnte doch bloß ein Anstoß, ein Anfang sein. Müßte zu einer ’Massenbewegung’ werden. Verlangt nach jahrelanger Aufarbeitung. Dieses Stück stellvertretend für etwas, das noch brachliegt – kann ein Volk sich von einem Trauma, einer Psychose befreien?[2]

Die Presse und Zuschauer reagierten in jener Zeit sehr unterschiedlich auf das Stück. So erzeugte „Die Ermittlung“ einerseits „Betroffenheit und Nachdenken beim Publikum.“[3]

Andererseits sah sich Weiss aber auch vielen Angriffen aus der Presse ausgesetzt. Manfred Haiduk schrieb beispielsweise zur Rezeption des Werkes:

Es gibt wohl in der deutschen Theatergeschichte kaum ein Werk, dass schon vor seiner Uraufführung so heftig umstritten war, wie die „Die Ermittlung“. Es fällt schwer, bei den zahlreichen Artikeln, deren Verfasser sich gegen eine Aufführung der Ermittlung aussprachen, zu unterscheiden zwischen denen, die ästhetische Bedenken erhoben, um die politische Absicht des Werkes zu verunglimpfen, und den wenigen, die vielleicht wirklich echte Zweifel an der ästhetischen Realisierung des Werkes auf der Bühne hegten.[4]

In meiner Arbeit werde ich versuchen, genau jenes ästhetische Konzept, dies des Dokumentartheaters, vorzustellen. So werde ich im ersten Teil meiner Hausarbeit anhand ausgewählter Schriften des Dramatikers seine theoretische Konzeption vorstellen.[5] Weiterhin werde ich versuchen zu zeigen, welche Absichten der Schriftsteller mit der Verwendung der dokumentierenden Form verfolgte. Im zweiten Teil werde ich die erarbeiteten Merkmale des Weiss’schen Dokumentartheaters im Stück „Die Ermittlung“ nachzuweisen versuchen.

Da der Umfang meiner Arbeit begrenzt ist, verzichte ich auf eine tiefgehende Beschreibung des inhaltlichen Geschehens. Vielmehr werde ich nur beispielhaft inhaltliche, sprachliche und strukturelle Elemente des Stückes anführen, die einen Zusammenhang zwischen der Konzeption des dokumentarischen Theaters bei Peter Weiss und seinem Stück aufzeigen.

2. Das Dokumentartheater

2.1. Eine einleitende Genrebestimmung

Mit dem Begriff des Dokumentartheaters verbindet sich ein, in der Literaturwissenschaft, vieldiskutiertes Problem. Es fällt noch heute schwer, eine genaue Definition des Begriffs zu formulieren. Brian Barton unternimmt in seinem Buch „Das Dokumentartheater“ den Versuch, Kennzeichen dieser Form des Theaters herauszuarbeiten und schreibt:

[Das] Dokumentarstück hat seinen Ursprung in der Vorstellung, dass die Fiktion nicht mehr in der Lage sei, gewisse Aspekte der Wirklichkeit ausreichend darzustellen.[6]

So wird im dokumentarischen Theater der Versuch unternommen, die künstlerische Wahrheit mit Hilfe konkreter historischer Belege zu beglaubigen. Dies soll dazu führen, dass die Trennung zwischen Kunst und Wahrheit aufgehoben wird.

Weiterhin zeichnen sich jene Stücke, die in besonderer Vielzahl in den Jahren von 1924 bis 1929 sowie von 1963 bis1970 entstanden sind, dahingehend aus, dass sie zumeist Zeitgebunden sind.[7] So entstanden jene Stücke „zu Zeiten, in denen bestimmte soziale und politische Fragen der Zeit als [...] dringend empfunden“ wurden.[8] Um diesem Empfinden Ausdruck zu verleihen, verwendeten jene Dramatiker „Faktenmaterial, das aus dem aktuellen Geschehen oder aus der jüngsten Vergangenheit“ stammte.[9] Es war ihnen somit möglich, die gegenwärtige politische, soziale und wirtschaftliche Situation teilweise wirklichkeitsgetreu nachzuzeichnen. Somit lässt sich in jenen Stücken das dokumentarische Material strukturell erkennen und anhand der Originaldokumente überprüfen.

2.2. Die Weiss’sche Konzeption des dokumentarischen Theaters

Auch Peter Weiss ging in seiner Konzeption davon aus, dass es notwendig sei originales Faktenmaterial zu verwenden. Denn mit Hilfe des authentischen Quellenmaterials wäre es möglich ein „in Form und Inhalt konzentrierte[s] Wirklichkeitsbild“ zu erschaffen.[10]

Der Dramatiker schreibt in den 1968 verfassten „Notizen zum dokumentarischen Drama“ zur Verwendung jener Materialen folgendes:

Das dokumentarische Theater ist ein Theater der Berichterstattung, Protokolle, Akten, Briefe, statistische Tabellen, Börsenmeldungen, Abschlußberichte von Bankunternehmen und Industriegesellschaften, Regierungserklärungen, Ansprachen, Interviews, Äußerungen bekannter Persönlichkeiten, Zeitungs- und Rundfunkreportagen, Fotos, Journalfilme und andere Zeugnisse der Gegenwart bilden die Grundlage der Aufführung. Das dokumentarische Theater enthält sich jeder Erfindung, es übernimmt authentisches Material und gibt dies, im Inhalt unverändert, in der Form bearbeitet, von der Bühne aus wieder.[11]

Es wird hierbei erkennbar wie vielfältig das verwendete Quellenmaterial sein kann. Es werden somit in den Theaterstücken keine fiktiven, sondern ausschließlich authentische Gegenstände behandelt. Für den Schriftsteller ist somit das dokumentarische Theater „ein Theater der Berichterstattung“.[12]

Jedoch war sich Weiss auch bewusst, dass genau jene geforderte Faktizität spezielle Anforderungen an die Poetizität stellt. So führe die Komplexität und Undurchsichtigkeit des historischen Materials dazu, dass der Dramatiker die Aufgabe hat, die Vielzahl der Materialien zu sichten. Dann ist es ihm nämlich möglich, aus den vorhandenen Dokumenten eine kritische Auswahl zu treffen. Dieser Auswahl bedarf es dann einer, „ihre[r] historische[n] Aussagekraft verdeutlichenden Bearbeitung.“[13]

„Als das grundlegende ästhetische Prinzip der formalen Gestaltung“, die zu einem in sich abgeschlossenen Gesamttext führen soll, „sieht Weiss die kompositionelle Montage“ an.[14] Der Gesamttext konzentriert somit, durch die Auswahl der verwendeten Dokumente und deren Anordnung im Drama, die Aussagen des dokumentarischen Materials. Weiss schrieb dazu:

Alles Unwesentliche, alle Abschweifungen können weggeschnitten werden zugunsten der eigentlichen Problemstellung. Verloren gehen die Überraschungsmomente, das Lokalkolorit, das Sensationelle, gewonnen wird das Allgemeingültige.[15]

Jedoch führt die selektive Auswahl, Kürzung und Bearbeitung des dokumentarischen Materials nicht zu einem Verlust der Authentizität. Vielmehr kann man davon ausgehen, dass die Aussage des dokumentarischen Theaterstücks der grundlegenden Aussage, der verwendeten Quellen identisch ist.[16] Durch die Montagetechnik wird das Allgemeingültige aus dem Quellenmaterial gewonnen und im Stück dargestellt.

Ich möchte aber darauf hinweisen, dass die Aussagen und Notizen des Dramatikers zum Verhältnis zwischen dem Aussagegehalt des dokumentarischen Theaterstücks und dem darin verwendeten Quellenmaterial nicht einheitlich sind. So lassen sich bei tiefgehender Werkanalyse, teilweise widersprüchliche Äußerungen über die Jahre bei Weiss finden.[17]

[...]


[1] In: Altenburg; Berlin (Ost/ West); Cottbus; Dresden; Erfurt; Essen; Gera; Halle; Köln; Leipzig; London; München; Neustrelitz; Potsdam; Rostock und Stuttgart

[2] Weiss, Peter: Notizbücher 1960-1971. Band I (von II Bänden), Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1982, Seite 389

[3] Vestli, Elin Nesje: Osloer Beiträge zur Germanistik. Band 22. Die Figur zwischen Faktizität und Poetizität. Zur Figurenkonzeption im dokumentarischen Drama Heinar Kipphardts, Peter Weiss und Tankred Dorsts, Europäischer Verlag der Wissenschaften, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien, 1998, Seite 222

[4] Haiduk, Manfred: Der Dramatiker Peter Weiss, Henschelverlag Kunst und Gesellschaft, Berlin, 1977, Seite 150

[5] Hierbei werde ich im Besonderen auf die von Peter Weiss 1968 aufgestellten Thesen zum dokumentarischen Theater eingehen.

[6] Barton, Brian: Das Dokumentartheater, J.B. Metzlersche Verlagsbuchhandlung, Stuttgart, 1987, Seite 1

[7] Barton spricht hierbei von den beiden dokumentarischen Wellen im deutschen Theater.

Einen tiefgehenden literaturgeschichtlichen Einblick zum Dokumentartheater lässt sich bei Elin Nesje Vestli finden. Vgl. Vestli, Elin Nesje, 1998, Seite 51-58

[8] Barton, Brian, 1987, Seite 2

[9] Barton, Brian, 1987, Seite 2

[10] Weiss, Peter, 1982, Seite 779

[11] Weiss, Peter: Notizen zum dokumentarischen Theater, In: Weiss, Peter: Rapporte 2 (Seite 91-104), Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1971, Seite 92

[12] Brauneck, Manfred: Das deutsche Drama vom Expressionismus bis zur Gegenwart. Interpretationen, C.C. Buchners, Bamberg, 1972, Seite 250

[13] Roelcke, Thorsten: Dramatische Kommunikation. Modell und Reflexion bei Dürrenmatt, Handke, Weiss, de Gruyter, Berlin, Nex York, 1994, Seite 169

[14] Vestli, Elin Nesje, Seite 69

[15] Weiss, Peter, 1971, Seite 100

[16] Weiss ging es nicht um die 1 zu 1 Abbildung des Quellenmaterials im dokumentarischen Theaterstück. Vielmehr sollte das Theaterstück ein Abbild der Wirklichkeit sein.

[17] Jedoch werde ich im Weiteren auf diese Problematik nicht eingehen können und verweise nur auf entsprechende Sekundärliteratur:

Durzak, Manfred: Dürrenmatt, Frisch, Weiss. Deutsches Drama der Gegenwart zwischen Kritik und Utopie, Reclam, Stuttgart, 1972, Seite 285 ff sowie Roelcke, Thorsten, 1994, Seite 169 ff

Details

Seiten
20
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640392254
ISBN (Buch)
9783640392193
Dateigröße
494 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130526
Institution / Hochschule
Universität Potsdam
Note
1,3
Schlagworte
Ermittlung Dokumentartheaterstück Sinne Weiss’schen Konzeption

Autor

Zurück

Titel: Die Ermittlung – ein Dokumentartheaterstück im Sinne der Weiss’schen Konzeption