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Historische Realität und literarische Umsetzung bei Oswald von Wolkenstein am Beispiel der Gefangenschaftslieder

Examensarbeit 2008 61 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

1. Einleitung

Die Kenntnisse über die Biografie und den Lebenslauf Oswalds von Wolkenstein sind auf einem relativ guten Stand. Dies ist nicht nur die Meinung Anton Schwobs, einer der großen und bedeutenden Oswald-Forscher. In seiner Publikation zur Historischen Realität und literarischen Umsetzung am Beispiel der ‘Gefangenschaftslieder’[1] versucht er die Rolle dieser historischen Realität in den Liedern neu zu überprüfen. Da er damit, ebenso wie mit seiner ausführlichen Biografie Oswalds von Wolkenstein, einen wesentlichen und oft verwendeten Beitrag zur Forschung erarbeitet hat, stützt sich auch meine Arbeit zu einem großen Teil auf die von Schwob erarbeiteten Fakten und Thesen. Zu Beginn, nach einer kurzen, allgemeinen Einführung zur Tradition in der mittelalterlichen Dichtung, werde ich dem Zusammenhang von Realität und literarischer Fiktion in den Liedern Oswalds von Wolkenstein auf den Grund gehen. Es ist selbstverständlich, dass wir Oswalds Lieder nicht wie eine Autobiografie lesen können, dennoch hat die Forschung bei diesem außergewöhnlichen Dicher allen Grund zu der Annahme, dass er wichtige, historisch reale Stationen seines Lebens in seinen lyrischen Texten verarbeitet hat. Wie das Zusammenspiel von realen Ereignissen und Dichtung theoretisch aussehen kann und was die Lyrik Oswalds so außergewöhnlich macht, soll im ersten Teil der Arbeit näher untersucht werden. Des Weiteren werden die historischen Befunde der insgesamt drei Gefangenschaften Oswalds, sowie deren Hintergründe und Folgen, detailliert ausgeführt. Obwohl im ‘religiös-didaktischen Lied’ Kl. 1 offensichtlich viele Details der historischen Person Oswald von Wolkenstein mit den Aussagen des lyrischen ‘Ichs’ übereinstimmen, ist eine eineindeutige Interpretation schwierig. Warum das so ist, und welche Intentionen dem Lied zugrunde liegen könnten, soll näher beleuchtet werden. Eine inhaltliche Analyse von Kl. 1 soll Aufschluss über wichtige Textphänomene und deren Bezug zur Tradition geben. An die Beobachtungen zum Verhältnis von Biografie und literarischer Stilisierung bei Ain anefangk schließt sich die Untersuchung von drei weiteren ‘Gefangenschaftsliedern’ an. Bei den zwei ‘weltlich-politischen Liedern’ Kl. 23 und Kl. 26, sowie bei Kl. 2, einem weiteren Lied mit ‘religös-didaktischen’ Motiven, wird das Augenmerk ebenfalls auf die Umsetzung der biografischen Fakten in der Lyrik Oswalds gelegt werden. Dieser Teil bildet den Kern der Arbeit. Erst durch die konkreten inhaltlichen Analysen der Lieder können auf den ersten Blick verwirrende und unvereinbare Teile in einen sinnvollen Zusammenhang gebracht werden. Vorwegzunehmen ist, dass natürlich keine Antworten auf bereits jahrzehntelang zum Diskurs stehende, noch offene Fragen zum Verhältnis von ‘Dichtung’ und ‘Wahrheit’ gegeben werden können. Vielmehr werden die in der Forschung bisher erarbeiteten Gegenüberstellungen zwischen historisch belegbaren Fakten und der Dichtung Oswalds gezeigt. Inwieweit wir durch die Lieder des Dichters sicher sein können über Erfahrungen aus dessen Leben berichtet zu bekommen und welche Teile seiner Arbeit diesbezüglich Spekulation bleiben müssen, wird ausführlich behandelt werden. Will man die Texte Oswalds von Wolkenstein methodisch korrekt und sinnvoll analysieren und interpretieren, so muss man die Entstehungsumstände dieser beachten. Es muss sich, wie bei jeder literarischen Interpretation, vor Augen geführt werden, dass ein Text immer ein Kommunikationsversuch zwischen einem Autor und einem Hörer / Leser einer vergangenen Zeit ist. So ist der Text unter bestimmten Vorraussetzungen zu einer bestimmten Zeit, in einer bestimmten soziokulturellen Umgebung entstanden. Darum muss in einer literarischen Untersuchung sowohl der Einfluss von Historikern als auch von Sprach- und Literaturwissenschaftlern spürbar sein. Auch die vorliegende Arbeit versucht diesem Grundsatz gerecht zu werden.

2. Zur Tradition in der mittelalterlichen Dichtung

In der mittelalterlichen Dichtung wurde nur die Vermittlung von als objektiv empfundenen Wahrheiten als Kunst anerkannt. Die Zweckfreiheit von Kunstobjekten, wie wir sie heute kennen, gab es in dem Sinne nicht. Demnach wurde Dichtung nicht nach ‘fiktiv’ und ‘nicht fiktiv’ charakterisiert. Es musste lediglich ein formales Muster erfüllt sein, um etwas als Dichtung zu spezifizieren. Die strikte Trennung zwischen Fakten und Ideen ist eher eine neuzeitliche Erscheinung.[2] Die literarische Umsetzung eines realen Stoffs erfolgt durch Stilmittel, die eine bestimmte Funktion haben, sowie durch vorgegebene traditionelle Muster. Die Literatur des Mittelalters ist charakterisiert durch Entlehnung und Nachahmung. Sowohl bei hoch- als auch spätmittelalterlicher Literatur findet man stets bekannte Motive und vorgeformte Stoffe wieder. Es gab also eine ausgeprägte Traditionstreue. Über Jahrhunderte war das Minnekonzept von ‘höfischer Liebe’ Grundlage für die Gestaltung lyrischer, epischer und didaktischer Minneliteratur.[3] Diese Konzepte mussten von den Autoren übernommen werden, denn Innovation gab es nicht. Zwar waren Variationen möglich, aber Originalität war nicht “erlaubt”, sie wäre als Unbildung gedeutet worden.[4] Es stellt sich also die Frage, worin die individuelle Leistung Oswalds liegt; ob es seine Intention war originell im modernen Sinn zu sein oder ob er schon oft Gesagtes auf eine neue und andere Art und Weise wiederaufnehmen und durchspielen wollte. Schwobs Meinung zufolge, machte es sich Oswald offensichtlich zur Aufgabe sein dichterisches Können an besonders traditionsgebundenen Gattungen zu messen. Dies lässt sich zum Beispiel gut an einigen seiner Tagelieder erkennen. In diesem Bereich hat Oswald viele, sehr wirkungsvolle Contrafakturen kreiert, die ein Kennen der traditionellen Muster dieser Gattung voraussetzen. Auch bei seinen Kalendergeschichten wird diese Intention sichtbar.[5]

[...]


[1] Anton Schwob: Historische Realität und literarische Umsetzung. Beobachtung zur Stilisierung der

Gefangenschaft in den Liedern Oswalds von Wolkenstein. Innsbruck 1979 (Innsbrucker Beiträge zur

Kulturwissenschaft. German. Reihe 9)

[2] Ebd., S. 9.

[3] Ebd., S. 11.

[4] Ebd., S. 12.

[5] Ebd., S. 12.

Details

Seiten
61
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640361700
ISBN (Buch)
9783640361786
Dateigröße
655 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130504
Institution / Hochschule
Universität Rostock
Note
2,0
Schlagworte
Historische Realität Umsetzung Oswald Wolkenstein Beispiel Gefangenschaftslieder

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Titel: Historische Realität und literarische Umsetzung bei Oswald von Wolkenstein am Beispiel der Gefangenschaftslieder