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An Anna Blume und die Ballade vom Tod der Anna Gewölkegesicht

Oder: Welche Farbe hat der Vogel?

Seminararbeit 2008 9 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

„Anna Blume hat ein Vogel“, schreibt Kurt Schwitters 1918, und: „Rindertalg tröpfelt streicheln über meinen Rücken“[1].

Anna Blume, deren Namen der Merzdichter, so will es das Gerücht, in weißer Farbe auf eine Planke geschrieben fand[2], und der ihn naiv und unschuldig berührte und inspirierte, hat also ein’ Vogel. Sie wandert auf den Händen, trägt den Hut auf ihren Füßen und benimmt sich daneben.

Anna Gewölkegesicht hingegen ist tot, so schreibt es Bertolt Brecht zur selben Zeit.

Sieben Jahre ist sie tot, und ihr Gesicht erscheint in den Wolken, einmal nur. „Einmal hörte er noch, fern im Wind, ihre Stimme“[3].

„An Anna Blume“ ist ein Liebesgedicht, und die „Ballade vom Tod der Anna Gewölkegesicht“ erzählt von der Liebe. Der Liebe zu einer anderen Anna.

Anna Blume ist rot und grün, die andere Anna hinterlässt ein schwarzes Loch, eine Bitternis.

Beide Annas werden besungen und lassen gegensätzliche Gefühlswelten entstehen. Zwei Arten, eine lyrische Anna zu lieben stehen sich in den Gedichten gegenüber.

Was ein Glücksfall ist, denn wer sich auf die Suche begibt nach einem Gedicht, das er zu Hausarbeitszwecken mit dem an Anna Blume vergleichen möchte, hat ein schweres Los. Aber man kann die Gedichte vergleichen, kann sie einzeln interpretieren und formal analysieren, und ihre großen Unterschiede und kleinen Gemeinsamkeiten aufdecken. Wie liebt der Merz-Schwitters seine Anna (rot, aber wie noch?), und wie liebt lyrisch ein Bertolt Brecht? Wie werden die bunte, fröhliche und die bewölkte, traurige Art der Liebe in den Gedichten dargestellt?

1. An Anna Blume

Die Frage, wieweit es sich um ein Liebesgedicht handle, hat auch andere Autoren beschäftigt. Als wirkliches Liebesgedicht [...], in dem Grammantik und Vokabular nicht bloß deshalb durcheinandergeraten, weil es der Dadaismus, sondern weil es die - gespielte - Liebestrunkenheit so will, bewertet es Werner Schmalenbach, als ein ins Groteske parodiertes Liebes-gedicht Erwin Rotermund, wobei er einige für das traditionelle Liebesgedicht typische Stilfiguren erkennt, den Liebespreis, das Spiel mit dem Namen und die Frage nach dem Wesen. Als Parodie auf die Sturm-Lyrik speziell August Stramms liest es Friedrich Lach, als Satire Bernd Kolf. Von einer konstruktiven Spannung zwischen Nonsens und Plausibilität spricht wiederum Scheffer, während Philip Thomson das eigentlich innere Muster des Gedichts in der Ambivalenz zwischen sprachlicher und Inhaltsebene ortet. Schließlich versteht Alfred Liede den Text als Ausdruck moderner literarischer Freude am Unsinn, aber auch als „Sinnbild schöpferischer Schwäche“.“[4]

Ich schließe mich Werner Schmalenbach an und interpretiere „An Anna Blume“ als Liebesgedicht, nicht als Parodie. Die Liebestrunkenheit, gespielt oder nicht, hat Grammatik und Vokabular durcheinander gebracht, und dies sind die deutlichsten stilistischen Mittel des Gedichts. „An Anna Blume“ besteht nicht aus Strophen; es gibt kein Reimschema; ein durchgängiges Metrum ist nicht zu finden. Die Metaphorik ist ungewöhnlich, wenn auch nicht für ein Dada-Gedicht – „Anna Blume hat ein Vogel“; „a-n-n-a, ich träufle deinen Namen“ – und die Vergleiche erscheinen seltsam. „Dein Name tropft wie weiches Rindertalg“. Auf das Rindertalg möchte ich später eingehen. Es gehört „(beiläufig) in die Glutenkiste“. Allerdings finden sich im Gedicht „An Anna Blume“ auch gebräuchliche Elemente traditioneller Lyrik, wie die Repetitio. Die Zeile „Du, deiner, dich, dir (...)“ kommt dreimal vor und wirkt wie ein Refrain. Die „Glutenkiste“ ist ein Neologismus und bezeichnet in meiner Vorstellung die Kiste unter einem Kaminofen, in die die Asche fällt. „Beiläufig“ kann im Zusammenhang des Gedichts „vorläufig“ bedeuten, was der Vermutung entspricht, dass es sich hier um eine noch unerwiderte Liebe handelt.

[...]


[1] Alle Kurt Schwitters-Zitate aus „Lyrik des expressionistischen Jahrzehnts“, München,1968, S. 192.

[2] http://www.uni-stuttgart.de/ndl1/schwitters2.htm

[3] Alle Brecht-Zitate aus „Gedichte Band II“, Berlin 1961, S. 49 und 50.

[4] Siehe Fußnote 2.

Details

Seiten
9
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640392094
ISBN (Buch)
9783656406358
Dateigröße
456 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130476
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Fakultät III
Note
1,3
Schlagworte
Anna Blume Ballade Gewölkegesicht Oder Welche Farbe Vogel

Autor

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Titel: An Anna Blume und die Ballade vom Tod der Anna Gewölkegesicht