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Linguistische Textanalyse - Drei unterschiedliche Ansätze und deren Umsetzung am konkreten Beispiel

Hausarbeit (Hauptseminar) 2001 25 Seiten

Germanistik - Linguistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Vorbemerkung

1. Untersuchungsgegenstand

2. Isotopielinien
2.1 Das Konzept
2.2 Vorteile und Probleme
2.3 Konkrete Umsetzung
2.4 Fazit

3. Die „Linguistische Textanalyse“ nach Klaus Brinker
3.1 Das Konzept
3.2 Schritt für Schritt
3.3 Konkrete Umsetzung
3.3.1 Analyse des Kontextes
3.3.2 Analyse der Textfunktion
3.3.3 Analyse der Textstruktur
3.4 Fazit

4. Stilanalyse nach Bernd Spillner
4.1 Der Eliminierungstest
4.2 Konkrete Umsetzung
4.3 Fazit

5. Schlussbemerkung

6. Bibliographie

0. Vorbemerkung

Kommunikation zwischen Menschen existiert auf sehr vielen verschiedenen Ebenen und kann in vielerlei Hinsicht unterschieden werden, beispielsweise in Bezug auf Mündlichkeit oder Schriftlichkeit, Kommunikationsrichtung oder zeitliche Darstellung, um nur einige wenige Differenzierungsmöglichkeiten zu nennen. Am einfachsten ist wohl generell die mündliche persönliche Kommunikation, denn man kann durch sofortige Rückfragen Verständnisprobleme beseitigen und als Rezipient interaktiv auf den Verlauf des Gesprächs Einfluss nehmen. In der Schriftlichkeit ist dies ein größeres Problem. Rückfragen sind nicht möglich, und auch Gestik und Mimik können nicht gedeutet werden. Dafür kann man sich bei der Interpretation sehr viel gründlicher mit der Struktur eines Textes oder mit der Wortwahl beschäftigen, immer vorausgesetzt, dass der Autor einen sinnhaften Text schreiben wollte und dies auch getan hat. Ist das nicht der Fall, hilft jede Interpretation nichts.

Ansätze und Hilfen zur Interpretation gibt es in unserer Bücherlandschaft mindestens genauso viele wie Texte, die man interpretieren kann. Die Palette reicht dabei von kleinräumigen Ansätzen, die sich strikt auf Teilaspekte eines Textes oder eine ganz bestimmte Textsorte konzentrieren bis hin zu Konzepten, die sowohl Literatur als auch Prosa als Ganzes auf verschiedenen Ebenen untersuchen und die gesammelten Ergebnisse für die Interpretation verwenden.

In dieser Arbeit werden drei sehr unterschiedliche Konzepte auf einen Text angewandt und versucht, ihre Brauchbarkeit und Umsetzbarkeit zu bestimmen. Zuerst geschieht das mit dem Konzept der Isotopielinien von A.J. Greimas von 1971, im Anschluss daran wenden wir uns dem integrativen Ansatz Klaus Brinkers zu, dessen 5. Auflage dieses Jahr erschien. Zum Schluss wird noch eine Analyse von Bernd Spillner vorgestellt, der sogenannte Eliminierungstest, der 1974 publiziert wurde.

Der Text, auf den diese drei Methoden der Text- beziehungsweise Stilanalyse angewandt werden, stammt aus dem Nachrichtenmagazin Focus. Es handelt sich dabei um einen Kommentar, erschienen unter der Rubrik „Standpunkt“. Eine Kopie des Artikels findet sich im Anhang, im folgenden wird der Text zur besseren Kenntlichkeit mit Zeilennummern versehen.

1. Untersuchungsgegenstand

Auf dem Weg in die Misstrauensgesellschaft

Immer weniger Deutsche vertrauen den Institutionen

von Werner Weidenfeld

Unsere Gesellschaft ist kälter geworden. Die seelische Temperatur sinkt. Anonymität und Vereinsamung breiten sich aus. Es mangelt an Orientierung. So lauten viele Klagen zu unserer Lage der Nation. Man könnte meinen, wir stehen vor einer neuen Eiszeit.

Drei Ursachen sind für diesen Wertewandel zu benennen.

1. Die neue Beliebigkeit

In früheren Wahlkämpfen entschieden die großen, stabilen Gruppen der Stammwähler die Wahlen. Heute sind es die Dramatisierungen des Augenblicks. Weniger das Programm, sondern die Inszenierungs-qualität markiert das Erfolgsprofil. Die Umfragen wenige Tage vor den Wahlen werden scheinbar erheblich ungenauer, die am Wahltag selbst erheblich genauer, weil sich viele Wähler erst in letzter Stunde entscheiden. Vor zehn Jahren bezeichneten sich weit über 60 Prozent als Stammwähler – heute nur noch etwas mehr als 30 Prozent. 70 Prozent der Wähler sehen keinen Unterschied darin, ob SPD oder CDU die Bundesregierung führen, 45 Prozent sehen keinerlei Unterschiede zwischen SPD und CDU.

Nur 25 Prozent glauben, dass die Politik langfristig angelegt sei. Entsprechend schnell schwanken auch die Stimmungs-pegel: In dieser Legislaturperiode – also seit 1998 – gab es Umfragewerte für die SPD zwischen 29 und 46 Prozent und für die CDU zwischen 28 und 41 Prozent. Das politische Interesse ist stark zurück gegangen. Nur 12 Prozent formulieren ein ausgeprägtes Interesse an Politik. 63 Prozent der deutschen sagen, Politiker könnten versprechen, was sie wollen, man könne ihnen sowieso nicht glauben.

2. Nicht Krise der Werte, sondern Krise der Repräsentation.

Wenn man Werte als Konzepte des Wünschbaren begreift und vor diesem Hintergrund nach den großen Lebenszielen fragt, dann sind die Antworten erstaunlich stabil und konstant. Ganz oben steht: ein glückliches Familienleben; und dann: finanzielle Sicherheit und Entfaltung der individuellen Fähigkeiten.

Zur Erlangung dieser Ziele werden als wichtigste Werterhaltung angesehen:

Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Sicherheit.

Wenn es dennoch zu politischer Verdrossenheit in beachtlichem Maße kommt, dann erklärt dies die Sozial-wissenschaft einerseits mit gewachsener Anspruchshaltung, andererseits mit einer tief greifenden Individualisierung. Aber ob das eine ausreichende Erklärung ist? Wir haben starke, stabile Mentalitätsstrukturen in unserem Land, autoritätsorientierte Traditionslinien wie modernisierende, an Eigenverantwortung orientierte ebenso wie die an kollektiver Absicherung interessierte.

Bei näherem Hinsehen fällt auf, dass nicht diese stabilen Mentalitätsstrukturen in unserer Gesellschaft zerfallen, sondern dass die jeweiligen Einstellungsgruppen keine öffentlichen Sprecher mehr haben, keine wirkliche Repräsentanz. Die Präge-kraft oder Vorherrschaft bestimmter Repräsentanten aus Parteien, Verbänden oder Intellektuellen ist zerfallen. Alle politischen Lager versuchen ihre Anhänger aus allen Richtungen an sich zu binden und schaffen damit eine diffuse Konturlosigkeit, eher unklare Orientierungen.

3. Misstrauen dominiert

Jede moderne Gesellschaft lebt vom Vorschuss an Vertrauen. Denn sie ist in vielen Funktionen arbeitsteilig spezialisiert. Wir betreten ein Haus im Vertrauen auf die Qualifikation des Architekten und des Statikers. Wir setzen uns in ein Flugzeug im Vertrauen in die gute Ausbildung des Piloten. Wir begeben uns in medizinische Behandlung im Vertrauen auf die Befähigung des Arztes. Dieses Vertrauen ist der Kitt unserer Gesellschaft. Wir brauchen auch Vertrauen in die Institu-tionen, die für alle diese Qualifikationen bürgen.

Nun zeigen aber die Umfragen der vergangenen Jahre, dass wir immer weniger bereit sind, anderen zu vertrauen. Wir wollen weder den Parteien noch den Kirchen, weder den Unternehmern noch unseren Nachbarn trauen. Heute sagen 54 Prozent – also die Mehrheit - , dass sie nicht vertrauen können, weder den Institu-tionen noch ihren Mitmenschen.

Wir befinden uns offenbar auf dem Weg in die Misstrauensgesellschaft. Das ist das eigentliche Alarmsignal des Wertewandels.

2. Isotopielinien

2.1 Das Konzept

Beim Isotopieansatz geht es darum, die semantischen Basisstrukturen eines Textes zu erkennen und zu interpretieren. Die Grundidee dazu stammt von A. J. Greimas aus dem Jahre 1971[1], der Isotopie in der Redundanz, in der Wiederholung von Strukturen innerhalb eines Syntagmas verankert.

Bei der literarischen Textanalyse verließen Greimas und andere nach ihm die reine Wortebene und versuchten, Textverknüpfungen rein semantisch zu untersuchen und ausschließlich auf Kohärenz einzugehen. Die Textkohäsion wird trotzdem nicht ganz vernachlässigt, denn das Isotopiekonzept greift sowohl auf das Prinzip der Rekurrenz als auch auf das Prinzip der Substitution zurück. Allerdings geht es dabei nicht länger um die Rekurrenz und Substitution sprachlicher Elemente an der Textoberfläche, sondern um deren semantische Entsprechung. Mit Hilfe von Semanalyse werden alle Wortbedeutungen in ihre Einzelteile, in Seme, zerlegt, an denen dann die semantische Äquivalenz untersucht wird. Als Kriterien für eine Verknüpfung dienen dabei semantische Merkmale. Für die Seme „Mann“ und „Frau“ beispielsweise ergibt sich eine Isotopie in Bezug auf das Merkmal „Geschlecht“. Treten solcherart zusammen hängende Strukturen in einem Text wiederholt auf, ergeben sich Isotopielinien. Die Wiederholung kann auf verschiede Arten erfolgen, ähnlich wie auf der Kohäsionsebene geschieht das durch identische Wiederholung von Semen, durch deren Rekurrenz und Variation oder auch durch die Substitution eines Sems durch ein grammatisch gleichwertiges.

Greimas merkt dazu an, dass ein Text in sich geschlossen sein müsse, um die Aufstellung von Isotopien zu erlauben, der Text bilde dadurch „ein in sich abgeschlossenes semantisches Mikro-Universum“[2]. In nicht abgeschlossenen Texten, die Greimas offene semantische Universen nennt[3], kann man keine definitiven Isotopien bestimmen, da permanent weitere Informationen hinzugefügt werden (vgl. beispielsweise eine mündliche Diskussion).

Das Isotopiekonzept ist kein allgemeingültiger Leitfaden, denn natürlich kann jeder Mensch nur dann Isotopien auffinden, indem man vom eigenen Weltwissen ausgeht. Prinzipiell kann es daher passieren, dass zwei verschiedene Rezipienten aus demselben Text völlig verschiedenen Isotopielinien konstruieren, Isotopie ist also nichts, was man als Autor endgültig kontrollieren kann, sondern wird immer rezipientenseitig dominiert.

2.2 Vorteile und Probleme

Mit Hilfe der Isotopielinien kann der Leser einen ersten Eindruck der thematischen Struktur eines Textes bekommen und diese eventuell auch hierarchisch aufteilen. Teilthemen, deren Beginn, Ende und gegebenenfalls Wiederaufnahme werden so sichtbar. Exkurse werden meist deutlich abgegrenzt und Inkohärenzen im Text deutlich gemacht. Über die daraus abgeleiteten Anhaltspunkte kann man dann in die Interpretation einsteigen.

Probleme ergeben sich bei der Abgrenzung der Isotopielinien. Wie schon gesagt wurde, ist die Bildung von Isotopien stark vom Rezipienten und dessen Vorwissen abhängig. Zusätzlich besteht die Gefahr, dass Assoziationen und subjektive Konnotationen zu stark mit in die Analyse einfließen und die Isotopien damit mehr willkürlich als objektiv festgelegt werden.

Weiterhin ist die Analyse dadurch eingeschränkt, dass man nur mit der konkreten semantischen Bedeutung der einzelnen Wörter und Ausdrücke arbeiten kann, Metaebenen sind schwer erfassbar. Auf der anderen Seite bedeuten semantische Entsprechungen nicht notwendigerweise thematische Zusammengehörigkeit oder sonstige Konsequenzen für den Textaufbau.

2.3 Konkrete Umsetzung

In Weidenfelds Kommentar gibt es zwei relativ umfangreiche Isotopielinien, die als erstes ins Auge fallen. Die eine umfasst negative, die andere positive Erscheinungen innerhalb einer Gesellschaft.

Negativ sind zu verzeichnen:

- Kälter gewordene Gesellschaft (Z.1)
- Sinkende seelische Temperatur (Z.2)
- Anonymität (Z.2)
- Vereinsamung (Z.3)
- Klagen zur Lage der Nation (Z.5)
- Eiszeit (Z.7) ® aufgrund des speziellen Kontexts
- Wertewandel (Z.8, 106)
- Schwankende Stimmungspegel (Z.32f)
- Politisches Interesse stark zurückgegangen (Z.38)
- Man könne Politikern sowieso nicht glauben (Z.40ff)
- Krise der Werte/Repräsentation (Z.43f, 70f)
- Politische Verdrossenheit in beachtlichem Maße (Z.55f)
- Zerfallen, in Bezug auf die stabilen Mentalitätsstrukturen (Z.69)
- Diffuse Konturlosigkeit (Z.78)
- Unklare Orientierungen (Z.79)
- Immer weniger bereit, anderen zu vertrauen (Z. 96f, Untertitel)
- Misstrauensgesellschaft (Z.105, Titel)
- Alarmsignal (Z.106)

Diese Wörter drücken entweder von Natur aus oder in diesem speziellen Kontext etwas Negatives aus, das sich auf die Gesellschaft bezieht. Diese negativen Ausdrücke treten gehäuft im einleitenden Teil auf, werden dann seltener und im Schlussteil findet man sie wieder öfter. Dem gegenüber steht eine Liste mit positiven Charakteristika:

- Große, stabile Gruppen (Z.12)
- Stammwähler (Z.13, 23)
- Ausgeprägtes Interesse an Politik (Z.39)
- Werte (Z.14)
- Große Lebensziele (Z.47, 53)
- Stabil & konstant (Z.49)
- Glückliches Familienleben (Z.50)
- Finanzielle Sicherheit (Z.51)
- Entfaltung der individuellen Fähigkeiten (Z.51f)
- Werterhaltung (Z.53)
- Ehrlichkeit (Z.54)
- Gerechtigkeit (Z.54)
- Sicherheit (Z.54)
- Starke, stabile Mentalitätsstrukturen (Z.62, 68)
- Traditionslinien (Z.64)
- Eigenverantwortung (Z.65)
- Kollektive Absicherung (Z.66)
- Vertrauen (Z.82, 84, 87, 89, 90, 92, 97, 100, 102, Untertitel)
- Qualifikationen (Z.93)

[...]


[1] Greimas 1971: Die Isotopie der Rede

[2] Greimas 1971: S.141

[3] ebd.

Details

Seiten
25
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638187992
ISBN (Buch)
9783656574309
Dateigröße
546 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v13046
Institution / Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg – Germanistisches Institut
Note
1,7
Schlagworte
Linguistische Textanalyse Drei Ansätze Umsetzung Beispiel Methoden

Autor

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Titel: Linguistische Textanalyse - Drei unterschiedliche Ansätze und deren Umsetzung am konkreten Beispiel