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Celas "La familia de Pascual Duarte" vor dem soziokulturellen Hintergrund des Franco-Regimes

von Raphaela Reiber (Autor) Heike Gross (Autor)

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 30 Seiten

Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde

Leseprobe

Gliederung

1. Einleitung

2. Celas La familia de Pascual Duarte vor dem soziokulturellen Hintergrund des Francoregimes
2.1 Die Zensur unter Franco
2.1.1 Francos Machtübernahme
2.1.2 Wer waren die Zensoren?
2.1.3 Die drei Phasen der Zensur
2.1.3.1 1. Phase (1936 – 1951)
2.1.3.2 2. Phase (1951 – 1966)
2.1.3.3 3. Phase (1966 – 1975)
2.1.4 Die Position der Kirche
2.1.5 Die Organisation der Zensur
2.1.6 Umgehungsstrategien und Autozensur
2.2 La familia de Pascual Duarte
2.2.1 Inhalt
2.2.2 Das Familienbild unter Franco
2.2.3 Die zwiespältige Figur des Pascual
2.2.4 La familia de Pascual Duarte als ein Spiegelbild Spaniens
2.2.5 Honra, machismo y violencia
2.2.6 Ein moderner Schelmenroman
2.2.7 Tremendismo
2.2.8 Neorealismo
2.2.9 Rahmenkonstruktion
2.2.10. Problem der Glaubwürdigkeit

3. Schluss

Bibliographie:

1. Einleitung

Das Thema dieser Arbeit soll die Literaturproduktion unter Zensurbedingungen während Francos Regime in Spanien sein. Dazu wird zunächst der geschichtliche Hintergrund ab dem Zeitpunkt der Machtübernahme Francos geschildert. Im Anschluss erfährt man mehr über den Beruf Zensor und darüber welche Personen sich dieser Aufgabe widmeten. Es folgt eine genauere Betrachtung der Themen und Formulierungen, welche zu Zensur geführt haben. Hierbei wird auf die unterschiedliche Gewichtung der Tabus im Verlauf von Francos Regierungszeit eingegangen und die gängige Einteilung der in drei zeitlich voneinander abgegrenzten Phasen übernommen.

Inwiefern die Kirche im streng katholischen Spanien Francos eine Rolle spielte und ob sie Einfluss auf die Zensur nehmen konnte, wird hier ebenfalls angesprochen. Anschließend wird der Organisationsapparat der Zensur mit seiner Hierarchiestruktur und geläufigen Praxen vorgestellt. Im letzten Kapitel des ersten Teiles der Arbeit wird dann der Gedanke behandelt, ob die Zensur die Literatur immer nur einschränkte, oder sie nicht teilweise sogar beflügelte. Verbunden damit ist das Thema der Autozensur und welche literarischen Möglichkeiten den Künstlern zur Verfügung standen, um die harten Regeln der Zensur zu umgehen.

Im zweiten Teil möchten wir die bisher gewonnenen Erkenntnisse und Informationen, praktisch am Beispiel des Romans La familia de Pascual Duarte aufzeigen. Es wird dargelegt, durch welche Techniken es Cela erfolgreich gelang, sich der Zensur zu entziehen. Hier wären unter anderem die komplexe Rahmenkonstruktion oder das Zurückgreifen auf althergebrachte literarische Formen, wie zum Beispiel der Schelmenroman oder der Naturalismus des 19. Jahrhunderts zu nennen. Außerdem wird kurz darauf eingegangen inwiefern sich Cela mit La família de Pascual Duarte auf das Spanien unter Franco bezieht.

2. Celas La familia de Pascual Duarte vor dem soziokulturellen Hintergrund des Francoregimes

2.1 Die Zensur unter Franco

2.1.1 Francos Machtübernahme

Nach der Machtübernahme des Generals Francisco Franco am 17. Juli 1936 wurde mit allen Mitteln der Wunsch des spanischen Volkes nach Freiheit und Ausbruch zurückgedrängt. Man versuchte, diese bereits in der Zweiten Republik entstandenen Sehnsüchte umzukehren und wieder die imperialen Denkstrukturen und moralischen Werte des 17. Jahrhunderts zu etablieren. Dem “falschen“ Weg des Liberalismus – welcher Parteien- und Meinungsvielfalt, Diversität der Regionen und Sprachen, gewerkschaftliche Mitbestimmung, Gleichberechtigung von Mann und Frau sowie Aufhebbarkeit der Ehe bedeutete – sollte rigoros ein Ende gesetzt werden. Es herrschte die Dogma: “An die Stelle der »Freiheit« tritt nun abermals die »Wahrheit«. Und die nicht weiter hinterfragbare Wahrheit des Regimes heißt: Gott, Vaterland und Familie.“[1] Von nun an bestimmte allein Franco, was für die Menschen in seinem Land gut sei und was nicht. Er verstand sich als Vater einer Familie, die aus lauter Unmündigen bestand.

Dies betrachtete er als Berechtigung für die Etablierung eines mächtigen Zensurapparates, dessen Aufgabe es war, die vierte Gewalt im Staat, nämlich die der publizistischen Kritik, zu brechen und die Presse in ein vom Staat gelenktes Propagandainstrument zu verwandeln. Aber nicht nur die Presse wurde fortan kontrolliert und zensiert, sondern jegliches Medium, das für die Öffentlichkeit bestimmt war. Dies fing sogar schon bei einfachen Sportberichten über Fußballspiele an.

Die Strenge der Kontrolle war von der Größe des Zielpublikums abhängig und wie leicht das Medium öffentlich zugänglich war. Am genauesten wurden demnach Presse und Film überwacht. Bis zu zwanzig Zensoren beschäftigten sich damit. Es folgte das Theater mit bis zu zehn Zensoren und die wenigste Zensur hatten die erzählende Belletristik und Lyrik zu befürchten. Meistens hatte nur jeweils eine Person mit einem Werk zu tun.[2]

2.1.2 Wer waren die Zensoren?

Wer und wie waren die Personen, die in Francos Regime nicht Zensoren, sondern “Lektoren“ genannt wurden? Diese Frage ist nicht leicht zu beantworten, denn zum einen sind viele bereits verstorben und zum anderen dürfen die Personalakten der noch lebenden nicht herausgegeben werden.

Was man jedoch weiß ist, dass in der Behörde Mitglieder der verschiedenen Machtgruppen saßen. Vertreter der Kirche sollten sich mit religiösen Werken beschäftigen, die Falangisten mit Werken in denen es um die Falange ging und Mitglieder des Militärs sollten Bücher beurteilen, in denen militärische Belange relevant waren. Aus der Zugehörigkeit zu den verschiedenen Gruppierungen lässt sich auch schließen, dass die Zensoren jeweils eine andere ideologische Überzeugung vertraten. Dies führte dazu, dass manchmal zu ein und demselben Werk sehr unterschiedliche Gutachten erstellt wurden. Falangisten achteten nicht so genau auf unmoralische Textstellen, wohingegen einen Geistlichen Offensiven auf die Falange weniger interessierten.

Die soeben erwähnte Zuteilung der verschiedenen Gruppenvertreter zu den jeweiligen Medien war der Idealfall, doch in der Realität sah das meist anders aus: alle Zensoren mussten Werke aus allen Bereichen lesen. Und die im Nachhinein angestellten Auswertungen der Zensurgutachten provozierten oft sogar die Frage, inwieweit die Zensoren überhaupt literarisch kompetent waren.

In der Anfangsphase der Zensur, welche die “glorreiche Epoche“ genannt wurde, waren viele Zensoren geisteswissenschaftlich hochgebildete Personen. Doch mit der Zeit kehrten sich viele vom Regime ab und diejenigen die blieben, waren in der Hierarchie sehr weit oben angesiedelt, so dass sie sich nicht mehr um die einfachen, ersten Gutachten zu kümmern hatten. Ab der Fraga-Ära[3] 1962, die man die “triviale Epoche“ nannte, waren jedoch meist simple Bürokraten für die Erstzensur zuständig.

Der Beruf des Lektors war nicht sonderlich beliebt, nicht hoch angesehen und zusätzlich auch schlecht bezahlt. Einige der Zensoren waren festangestellte Beamte der Behörde, der Rest freie Mitarbeiter, die auf Honorarbasis pro erstelltem Gutachten bezahlt wurden. Dabei handelte es sich meist um unterbezahlte Lehrer, Professoren und Schriftsteller, die so ihren spärlichen Verdienst etwas aufbesserten.

Viele nahmen den Posten aus pragmatischen Gründen an und daher war die Motivation der Zensoren häufig nicht besonders groß. Zwar gab es auch Zensoren, die den “Kampf“ gegen die Autoren mit Erbitterung führten und aus Überzeugung handelten wie folgendes Zitat unterstreicht, “In einem Interview mit der spanischen Tageszeitung El País sagte etwa der Filmzensor Alberto de la Escalera, er und seine Kollegen hätten ihr Amt durchaus ernst genommen und es als gewisses Privileg und als Pflicht zur Verteidigung der Gesellschaft empfunden.“[4] doch im Arbeitsalltag ging der Idealismus schnell unter, was leidenschafts- und anspruchslos geschriebene Gutachten deutlich zeigten.

Als zusätzliche Belastung, abgesehen vom schlechten Gehalt und Ansehen, ist die schier nicht zu bewältigende Anzahl an Werken die jährlich beurteilt werden mussten, zu nennen. Die Stammbelegschaft der Bücherzensur umfasste ungefähr 30 Mitarbeiter, der 1943 8500, 1961 7200 und 1966 über 8800 Publikationen gegenüberstanden. Infolgedessen kam es vor, dass die Zensoren beim Überfliegen und stichprobenartigen Lesen der Bücher heikle Stellen nicht entdeckt haben. Auch befragte Autoren und Verleger bestätigten, dass die Zensur sehr oberflächlich gearbeitet habe. Die Zensoren suchten gezielt nach bestimmten Schlüsselbegriffen und wenn diese nicht auftauchten oder eine kritische Aussage verhüllt worden war, reagierten sie nicht unbedingt. Demnach trug Schludrigkeit (und nicht Dummheit, wie manchmal behauptet) einen Teil dazu bei, die Zensur manchmal willkürlich scheinen zu lassen.[5]

2.1.3 Die drei Phasen der Zensur

2.1.3.1 1. Phase (1936 – 1951)

Bereits am 18. Juli 1936, also einen Tag nach Francos Putsch und Beginn des Bürgerkrieges, wurde die “política de comunicación“ verabschiedet, welche die Vorzensur für alle zur Veröffentlichung bestimmten Medien verpflichtend machte. Im Dezember des noch gleichen Jahres folgte das Pornographie-Gesetz, das die Tabus festlegte, die bis zu Francos Tod gelten sollten. Die Legimitation der Zensur erfolgte schließlich mit der Erlassung des “Pressegesetzes“ am 22. April 1938. Trotz dieser Gesetze gab es keine festen Bestimmungen nach denen zensiert wurde, man hielt sich jedoch an gewisse Orientierungsregeln:

1. Verstößt das vorgelegte Projekt gegen die guten Sitten, insbesondere gegen die « moral sexual », also gegen das Reinheitsgebot der altehrwürdigen opinión ?
2. Liegt ein Verstoß gegen das katholische Dogma oder eine Beleidigung kirchlicher Institutionen und ihrer Diener vor?
3. Werden die politischen Grundsätze des Regimes oder seine Einrichtungen und Mitarbeiter mißachtet?[6]

Wie man sieht, waren diese Standardnormen sehr unkonkret formuliert und somit gleichzeitig äußerst umfassend. Dementsprechend gab es relativ große Freiheiten für die Interpretationen der Zensoren. Außerdem kam hinzu, dass durch die besondere Stellung der Kirche stets ein moralisches Veto eingeschoben werden konnte, auch wenn es in Wirklichkeit um einen politischen Kritikpunkt ging. Die Grundrichtung dieser drei Regeln blieb über die gesamte Regierungszeit Francos erhalten, doch änderte sich später die hier angegebene Hierarchie.

Wie soeben erwähnt verfügten die Zensoren zwar über einen gewissen Spielraum, was dann aber letzten Endes tatsächlich zu Zensur führte, waren folgende, genauer formulierte Themenbereiche:

- Die wirkliche Darstellung der spanischen Geschichte, denn die Helden der Geschichte mussten völlig makellos dargestellt werden
- Darstellungen der zweiten Republik und des spanischen Bürgerkrieges, welcher als Befreiungskrieg für Spanien anzusehen war
- Eine positive Beurteilung der Feindbilder des Franquismus, welche zum Beispiel der Sozialismus, Anarchismus oder Kommunismus waren und als Wurzel alles Bösen angesehen wurden, da sie angeblich die traditionellen Werte verachteten. Außerdem sollte die spanische Einheit gewahrt werden, was unter anderem zum Verbot der spanischen Nationalsprachen im Jahr 1939 führte
- Kritik an den Verbündeten des Franquismus (zum Beispiel Deutschland und Italien)
- Darstellungen der Realität: Diese mussten unpolitisch, harmlos und positiv sein, also dem Moralbild des Franquismus entsprechend
- Kritik an der aktuellen Politik des Regimes
- Moralische Verstöße und Angriffe auf die katholische Kirche (zum Beispiel waren Martin Luthers oder Calvins Werke verboten). Auch Darstellungen von Sexualität oder allgemein unmoralischen Handlungen, wie Ehebruch, Selbstmord, usw. wurden geahndet[7]

2.1.3.2 2. Phase (1951 – 1966)

Im Vergleich zu der kulturpolitischen Eiszeit der 40er Jahre, waren die 50er Jahre in Spanien zumindest teilweise offener. Das Land wurde in die Weltgemeinschaft integriert und Francos Regime anerkannt. Durch die Stationierung von US-Militärstützpunkten in Spanien näherte sich dieses langsam den westlichen Demokratien an und beendete so die teils selbstgewollte und teils aufgezwungene internationale Isolierung. Auf wirtschaftlicher Ebene kam es ebenfalls zu großen Veränderungen, wobei das spanische Wirtschaftswunder der 50er Jahre dem Land den Aufstieg zu einer Industriegesellschaft ermöglichte. Doch nicht nur wirtschaftspolitisch fand eine Liberalisierung statt. Von 1951 bis 1956 gab es unter dem liberalen Erziehungsminister Ruiz Giménez auch eine erste Öffnung auf kulturellem Gebiet. Es dauerte jedoch nicht allzu lang und dessen Politik wurde für die konservativen, insbesondere klerikalen Mächte unhaltbar, so dass es zu einem nachhaltigen Rückschlag kam, der erst in den späten 60er Jahren durch die sogenannte apertura wieder abgelindert wurde.[8] Die Zensurkriterien für Medien hatten sich allerdings bereits geringfügig geändert:

[...]


[1] Neuschäfer, Hans-Jörg (32006): Spanische Literaturgeschichte. Metzler. Stuttgart-Weimar. S. 374.

[2] Neuschäfer (32006), S. 374.

[3] Manuel Fraga Iribarne war von 1962-1969 Minister und Mitglied der Partido Popular.

[4] Knetsch (1999), S. 58 zitiert Soledad Alameda: „Nosotros, los censores“, in: El País, 13.3.1977, S.11f.

[5] Knetsch, Gabriele (1999): Bücherzensur und Umgehungsstrategien im Franquismus (1939-1975). Vervuert. Frankfurt am Main. S. 55-58.

[6] Neuschäfer, Hans-Jörg (1991): Macht und Ohnmacht der Zensur. Literatur, Theater und Film in Spanien (1933-1976). Metzler, S. 43.

[7] Salomon, Monika (2004): Die Buchzensur unter Francisco Franco in Spanien. Auf: http://www.hausarbeiten.de/faecher/vorschau/108606.html. (3.11.2008)

[8] Neuschäfer (1991), S. 45-46.

Details

Seiten
30
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640383924
ISBN (Buch)
9783640384204
Dateigröße
531 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130146
Institution / Hochschule
Ludwig-Maximilians-Universität München
Note
2
Schlagworte
Celas Pascual Duarte Hintergrund Franco-Regimes

Autoren

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