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Polarisierender Karriereknick

Image stiftend oder Erfolg begrabend? Öffentliche Äußerungen und ihre Konsequenzen in der Analyse. Zwei Beispiele deutscher Nachwuchspolitiker

Hausarbeit 2009 10 Seiten

Medien / Kommunikation - Medien und Politik, Pol. Kommunikation

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Unterschiedliche Gemeinsamkeiten
2.1 Der Fall Mißfelder – Rente ohne Hüftgelenk
2.2 Die Löffelaffaire des Jan Dittrich
2.3 Unmögliche Einstellungsveränderung

3. Fazit: Eine Frage der Rückendeckung

Literatur- und Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Gute Kontakte zur Presse und prägnante Äußerungen sind elementare Voraussetzung für politische Karrieren, dienen der Profilschärfung und dem Bekanntheitsgrad des Politikers. Doch nicht jede Aussage kommt beim Publikum an wie erhofft. Im besten Falle verpufft sie in der Informationsflut der Medien oder landet sofort im Papier-korb der Redaktionen. Mit dem nötigen Pech jedoch wird aus prägnant polarisierend, werden Botschaften thematisiert und skandalisiert. Nicht selten steht am Ende einer einfachen Pressemitteilung dann ein politischer Rücktritt.

Genau das soll Thema dieser Hausarbeit sein. Es gilt herauszufinden, was gute Pressearbeit ausmacht, welche Kriterien beachtet und was für Fehler vermieden wer-den sollten. Das Hauptaugenmerk liegt deshalb auf der vergleichenden Betrachtung zweier öffentlich stark diskutierter Botschaften. Da es in diesem Zusammenhang sinnvoll erscheint, Äußerungen von inhaltlicher Ähnlichkeit zu Rate zu ziehen, die für ihre Urheber letztendlich zu unterschiedlichen Ergebnissen führten, stehen fol-gende Fälle im Zentrum der Analyse: Im März 2005 sorgte eine Pressemitteilung Jan Dittrichs für Furore, in deren Titel er forderte „Alte gebt den Löffel ab!“. Nicht nur Seniorenverbände, auch sämtliche Parteien und Jugendorganisationen – inklusive seiner eigenen – forderten daraufhin den Rücktritt Dittrichs, damals Bundesvorsit-zender der Jungen Liberalen (JuLis). Der kam nur wenige Tage später, doch die Bot-schaft verschwand erst nach Wochen aus der öffentlichen Diskussion.

Ähnlich erging es Philipp Mißfelder, dem Vorsitzenden der Jungen Union (JU). Bereits 2003 stellte er die Sinnhaftigkeit von künstlichen Hüftgelenken für Rentner in Frage und forderte diese Behandlung nicht länger im Katalog der gesetzlichen Krankenkassen zu belassen. Anders als Dittrich, musste Mißfelder nicht zurücktre-ten. Er ist heute Abgeordneter im Deutschen Bundestag und Mitglied im CDU-Präsi-dium – doch auch seine Äußerung beherrschte Tage lang die Medien.

Woran lag es, dass Mißfelder bleiben, Dittrich aber gehen musste? Was unter-scheidet die beiden Meinungen voneinander und wieso reagierten die beiden Organi-sationen so unterschiedlich? Diese und weitere Fragen sollen im Rahmen der Haus-arbeit geklärt werden. Zur vollständigen Analyse mag jener vielleicht nicht ausrei-chen, doch einen tieferen Einblick ermöglicht er mit Sicherheit.

2. Unterschiedliche Gemeinsamkeiten

2.1 Der Fall Mißfelder – Rente ohne Hüftgelenk

Die politische Karriere des Philipp Mißfelder begann früh: Bereits als 14-Jähriger trat er der Jungen Union im Kreisverband Gelsenkirchen bei. Der Einstieg bei der örtlichen Schülerunion war ihm zwei Jahre zuvor aus Altersgründen verwehrt wor-den1, was Mißfelder jedoch nicht davon abhielt, sich 1998 zum deren Bundesvorsit-zenden wählen zu lassen. Drei Jahre vorher, 1995, war er bereits in die CDU einge-treten und schaffte es nach nur vier Jahren Parteiangehörigkeit 1999 in den Bundes-vorstand der größten, konservativen Partei der Bundesrepublik. Nach seinem Abitur in Bochum musste er im Jahre 2000 den Vorsitz der Schülerunion abgeben, wurde 2002 dann jedoch nur zwei Jahre später Bundesvorsitzender der Jungen Union.2

Als deren Chef machte er sich in den folgenden Monaten für das Thema Genera-tionengerechtigkeit stark, das Mißfelder schon lange am politischen Herzen lag. So sprach er auf Landestagen der Jungen Union öffentlich über mehr private Altersvor-sorge, ein schlankeres, staatliches Rentensystem, das einzig Grundsicherung gegen die schlimmste Altersarmut sein solle, und stark gekürzte Kataloge für die gesetzli-chen Krankenkassen – alles jedoch immer in der zeitlichen Perspektive von 20 oder gar 30 Jahren. Gemeinsam hatten diese Auftritte neben dem Thema vor allem eines: Niemand protestierte, niemand fragte genauer nach. Ebenso die Redaktion der Zei-tung „Die Welt“, in der Mißfelder im Mai 2003 die Frage stellte, „ob jede Operation in jedem Alter vom Kollektiv der Versicherten bezahlt werden muss“3 und eine grö-ßere Eigenbeteiligung von älteren, gesetzlich Versicherten einforderte. Bis hierhin kann man wohl getrost von einer politischen Bilderbuchkarriere sprechen4.

Das änderte sich im Sommer 2003 binnen weniger Tage. Am 3. August veröffent-lichte der Tagesspiegel am Sonntag mitten im politischen Sommerloch ein ausführli-ches Interview mit Philipp Mißfelder, in dem die wirtschaftliche und soziale Situati- on Deutschlands in 2020 bzw. 2030 beleuchtet werden sollte. Hier bescheinigte der damals 23-jährige JU-Chef der rot-grünen Bundesregierung die Vernachlässigung des Prinzips des solidarischen Generationenvertrags und bezichtigte sie einer Politik des Generationenverrats. Besonders die Äußerung „ich halte nichts davon, wenn 85-Jährige noch künstliche Hüftgelenke auf Kosten der Solidargemeinschaft bekom-men“, die begründende Ergänzung „früher gingen die Leute schließlich auch auf Krücken“ und seine Meinung die gesetzlichen Krankenkassen seien nicht dafür zuständig, „dass jeder Senior fit für einen Rentner-Adventure-Urlaub“ sei, sorgten für ein starkes öffentliches Echo und große Kritik.5 Die stieß vor allem ein Bericht in den Tagesthemen und ein dort am 6. August ausgestrahltes Interview mit der damali-gen Familienministerin Renate Schmidt (SPD) an. Schmidt sah in der Äußerung Mißfelders den ersten Schritt in Richtung einer dystopischen Gesellschaft, in der mit 60 oder 65 Jahren alle Bürger eine Todespille nehmen sollten.

Am nächsten Tag schaltete sich auch die Bild-Zeitung in die Diskussion ein und betitelte ein Foto von Mißfelder und einer weiteren Unions-Politikerin in fünf Zen-timeter großen Lettern mit den Worten „Schämt euch! Deutschlands Alte schäumen vor Wut“. Den JU-Chef bezeichnete die Zeitung als „Milchgesicht der Jungen Uni-on“6 und druckte Statements von erbosten Rentnern, die seine Äußerung als beleidi-gend oder erniedrigend aufgefasst hatten. Die öffentliche Empörung war geschürt, fast 3000 Reaktionen trafen in der Bundesgeschäftsstelle der Jungen Union ein, da-runter Morddrohungen und Beleidigungen gegen Mißfelder, der zusammen mit sei­ner Familie unter Polizeischutz gestellt werden musste.

Doch trotz vieler, auch politisch gewichtiger Gegenstimmen, beispielsweise von Edmund Stoiber oder dem damaligen CDU-Generalsekretär Laurenz Mayer, blieb der Jungpolitiker in der Sache standhaft. Zwar entschuldigte er sich öffentlich bei all jenen, die seine Äußerungen als beleidigend aufgefasst hatten, inhaltlich rückte er jedoch keinen Zentimeter von seiner Linie ab . Auch Rücktrittsforderungen der Seni-oren Union kam er nicht nach7 und eine Strafanzeige der Partei rechtsstaatlicher Of- fensive wurde eingestellt8. Seit 2005 ist Mißfelder Abgeordneter im Deutschen Bundestag und Mitglied des CDU-Präsidiums.9

[...]


1 Vgl. Denkler, Thorsten: Der Steher, in: Sueddeutsche.de vom 24. September 2007, http://www.sueddeutsche.de/politik/510/419274/text/, eingesehen am 26. Dezember 2008

2 Vgl. Mißfelder, Philipp: Lebenslauf Philipp Mißfelder, http://www.philipp-missfelder.de/de/Person/Lebenslauf/, eingesehen am 26. Dezember 2008

3 Hoidn-Borchers, Andreas: Philipp Mißfelder. Todesstrafe, Drecksau, in stern.de vom 24. September 2003, http://www.stern.de/politik/deutschland/:Philipp-Mi%DFfelder--Todesstrafe,-Drecksau/513486.html, eingese-hen am 26. Dezember 2008

4 Vgl. Hoidn-Borchers: Philipp Mißfelder. Todesstrafe, Drecksau

5 Vgl. Eubelund, Cordula und Siebenmorgen, Peter: „Keine Hüftgelenke für die ganz Alten“, in: Tagesspiegel.de vom 3. August 2003, http://www.tagesspiegel.de/politik/;art771,1930676, eingesehen am 26. Dezember 2008

6 Vgl. Hoidn-Borchers, Andreas: Philipp Mißfelder. Todesstrafe, Drecksau, in stern.de vom 24. September 2003, http://www.stern.de/politik/deutschland/:Philipp-Mi%DFfelder--Todesstrafe,-Drecksau/513486.html, eingese-hen am 26. Dezember 2008

7 Vgl. Hoidn-Borchers: Philipp Mißfelder. Todesstrafe, Drecksau

8 Schneider, René: Strafanzeige gegen den Berliner Jura-Studenten Philipp Mißfelder, 9. August 2003, http://www.medienanalyse-international.de/miesfelder..pdf, eingesehen am 28. Dezember 2008

9 Vgl. Mißfelder: Lebenslauf Philipp Mißfelder

Details

Seiten
10
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640368747
ISBN (Buch)
9783640369140
Dateigröße
434 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v130014
Institution / Hochschule
Universität Duisburg-Essen – Institut für Politikwissenschaft
Note
1,9
Schlagworte
Polarisierender Karriereknick Image Erfolg Konsequenzen Analyse Zwei Beispiele Nachwuchspolitiker

Autor

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