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Das "Unternehmen Barbarossa" und die Genesis der "Endlösung der Judenfrage"

Examensarbeit 2005 125 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

I. Die nationalsozialistische „Judenpolitik“ 1939-1941: Gescheiterte Konzepte im Spannungsfeld zwischen Zentrum und Peripherie
1. Der Auftrag der Einsatzgruppen in Polen
2. Die Politik der Vertreibung bis zum „Unternehmen Barbarossa“
a) Das „Judenreservat“
b) Der Niskoplan
c) Himmlers Bevölkerungsverschiebungen
d) Vom „Madagaskarplan“ zur „Territorialen Endlösung“

II. Planungen für „Barbarossa“: Entscheidungen im Zentrum
1. Entschlussbildung und Charakter des Krieges
2. Wirtschaftliche und bevölkerungspolitische Planungen
3. Vorbereitungen der Wehrmacht
a) Abstimmungen mit der SS
b) „Gerichtsbarkeitserlass“ und „Kommissarbefehl“
4. Vorbereitungen der SS
a) Die Einsatzgruppen
Einsatz- und Personalstruktur
Befehle an die Kommandoführer
b) Die Bataillone der Ordnungspolizei
c) Die SS-Brigaden unter den Höheren SS- und Polizeiführern

III. Der Massenmord an der jüdischen Bevölkerung: Entwicklungen an der Peripherie
1. Die erste Phase der Ermordung der Juden in der besetzten Sowjetunion
a) Einsatzgruppe A: Pogrome und Exekutionen im Baltikum
b) Einsatzgruppe B: Koordinierte „Großaktionen“ in Weißrussland
c) Einsatzgruppe C: Pogrome und Erschießungen in Ostgalizien und der Westukraine
d) Einsatzgruppe D: Pogrome und Massaker in Bessarabien und der Bukowina
2. Die Ausweitung der Massenmorde – Der Übergang zur ethnischen Vernichtung
a) Einsatzgruppe A: Vollständige Vernichtung im Baltikum
b) Einsatzgruppe B: Initiativen „von unten“ und Nachsteuerungen „von oben“
c) Einsatzgruppe C: Massaker der SS-Brigaden und die Radikalisierung des Tötens
d) Einsatzgruppe D: Vertreibungen und lokale Initiativen
3. Überregionale Faktoren der Eskalation

IV. Der Kriegsverlauf und die Ingangsetzung der „Endlösung“: Entscheidungen im Zentrum
1. Die militärische Situation im Hochsommer und der Mord an den sowjetischen Juden
2. Die Auswirkungen auf die jüdische Bevölkerung im Reich
3. Die militärische Situation im Frühherbst und der Beginn der Deportationen

V. Der Krieg und die Eskalation der Judenverfolgung

Literatur

Einleitung

Die Erforschung des Verlaufs und der Ursachen des „Holocaust“ ist im Gegensatz zur wissenschaftlichen Beschäftigung mit der Geschichte des Nationalsozialismus eher jüngeren Datums.[1] Aus verschiedenen Gründen war die Analyse des Massenmords an der jüdischen Bevölkerung der Sowjetunion und Europas in der west- und ostdeutschen Geschichtsschrei-bung lange Zeit kein eigenständiges Thema; frühe Standardwerke über das „Dritte Reich“ wandten sich zwar ausführlich dem Prozess der sukzessiven Entrechtung der deutschen Juden bis 1939 zu, widmeten der Phase der Vernichtung ab 1941 aber nur wenige Seiten.[2] Auch die deutsche Öffentlichkeit schien sich erst Ende der 70er Jahre mit dem erschütternden, aber bis dahin eher verdrängten Komplex der Nazi-Diktatur zu beschäftigen – ausgelöst durch die 1979 in der Bundesrepublik ausgestrahlte US-Fernsehserie „Holocaust“.[3] Eine Ausnahme bildete das am Münchner Institut für Zeitgeschichte von einer neuen Generation von Zeitge-schichtsforschern verfasste Gutachten für den Frankfurter Auschwitz-Prozess des Jahres 1964: Hans Buchheim, Martin Broszat, Hans-Adolf Jacobsen und Helmut Krausnick sezierten nüchtern und präzise die Anatomie des NS-Staates und analysierten hier die Strukturen von SS und Polizei, den Komplex der Konzentrationslager, den Kommissarbefehl sowie den Pro-zess der Judenverfolgung.[4] Diese Studien blieben lange Zeit Referenzstandard für die wissen-schaftliche Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Herrschafts- und Vernich-tungspolitik.

Die seit dem Ende der 70er Jahre verstärkt einsetzende Beschäftigung mit dem „Holo­caust“ hat sich zwangsläufig von einer Debatte beeinflussen lassen, die die geschichtswissen-schaftliche Analyse der Struktur des „Dritten Reiches“ in dieser Zeit prägte: der Debatte zwi-schen „Intentionalisten“ und „Funktionalisten“ bzw. „Strukturalisten“.[5] Ohne näher auf diese zeitweise sehr heftig geführte Diskussion eingehen zu können – dieses Thema könnte Gegen-stand einer eigenen Untersuchung sein – kann jedoch erleichtert festgestellt werden, dass die extremen Positionen – Hitler habe von Anfang an programmatisch die Ermordung der Juden verfolgt bzw. der Holocaust sei in erster Linie das Ergebnis eines kumulativen, vor allem von mittleren NS-Chargen radikalisierten Prozesses – mittlerweile überwunden sind.[6] Ende der 80er Jahre kam es zu einer Synthetisierung: Den „Intentionalisten“ erschien die „Endlösung“ nicht mehr als Kulminationspunkt einer von Hitler schon lange vorher gefassten Absicht; die „Funktionalisten“ räumten im Gegenzug ein, dass Hitler im Jahr 1941 doch eine Reihe wich-tiger Entscheidungen getroffen hatte. Diese Mittelposition wurde auch auf die beiden Jahre vor Beginn der systematischen Vernichtung eingenommen, und hier vor allem auf die natio-nalsozialistische Um-, Aussiedlungs- und Ghettoisierungspolitik: Die „Programmologen“ erkannten, dass die NS-Führung die Vertreibungspläne zwischen 1939 und 1941 durchaus ernst nahm und diese weder als Tarnkonstrukte noch als logische Vorstufe einer bereits be-schlossenen Vernichtung anzusehen waren; die „Strukturalisten“ kamen zu dem Schluss, dass neben den sich bekämpfenden Behörden und ehrgeizigen mittleren Bürokraten auch Hitler und NS-Größen wie Himmler und Heydrich Schlüsselrollen für die Kumulation der Entwick-lung spielten. Schließlich besteht mittlerweile Konsens darüber, dass das Jahr 1941 für die Genesis der „Endlösung“ zentral war: Im Jahr, in dem der Krieg gegen die Sowjetunion vom Zaun gebrochen wurde, sind wichtige Weichen gestellt und Entscheidungen getroffen wor-den, die die Verfolgung erheblich beschleunigten und den Prozess, der schließlich zur „End-lösung“ führte, in Gang setzten.

Nur sind Zeitpunkt und Motive dieser Eskalationsphasen weiterhin umstritten. Eine Position geht davon aus, dass Hitler bereits Anfang des Jahres 1941 den grundlegenden Be-schluss zur Ermordung der europäischen Juden gefasst habe.[7] Eine zeitliche Gegenposition vertreten drei Historiker, die das Schicksal der europäischen Juden erst im Dezember 1941 besiegelt sehen und hier vor allem den Beginn der russischen Winteroffensive bzw. den Kriegseintritt der USA an die Entscheidung zum Völkermord koppeln.[8] Eine nächste, eher auf Hitler fixierte Analyse, verlegt den Entscheidungsprozess in den Herbst 1941. Der Befehl zur Vernichtung der jüdischen Bevölkerung Europas sei zwischen Mitte September und Mitte Oktober erfolgt, in einer Zeitspanne, in der Hitler klar wurde, dass Russland bis zur Jahres-wende nicht zu besiegen sein und die kommende Großmacht USA bald in den Krieg eintreten werde; aus Enttäuschung über den Kriegsverlauf habe Hitler in einem quasi religiösen Akt der Rache seine Prophezeiung vom Januar 1939 wahr machen wollen und die Juden, die aus der antisemitischen Wahnperspektive des Diktators den Weltkrieg erneut angezettelt hätten, geop-fert.[9] Ein anderer, eher „funktionalistisch“ argumentierender Ansatz sieht im März, Juli und Oktober 1941 deutliche Entwicklungssprünge, stellt den Entscheidungsprozess jedoch vor allem in den Kontext der geplanten, letztlich gescheiterten gigantischen Umsiedlungskonzepte zwischen 1939 und 1941.[10] Dass der Entscheidungsprozess fließend und vor allem durch Kontinuität geprägt gewesen sei, ist eine weitere Auffassung: Die entscheidende Zäsur für die Radikalisierung der Entwicklung, d.h. der Umschlag von der „Judenpolitik“ in Vernichtungs-politik sei hier der Überfall auf Polen im September 1939; der gesamte Eskalationsprozess habe erst im Sommer 1942 mit dem Anlaufen des in den Tötungszentren industriell betriebe-nen Völkermords seinen Kulminationspunkt erreicht.[11] Schließlich ist – und diesen Ansatz wird diese Arbeit versuchen zu begründen – dargestellt worden, dass sich der Prozess in zwei Stufen, an zwei kriegsbedingten Schlüsselstationen radikalisiert habe. Im Hochsommer und im Frühherbst seien, jeweils aus einer Stimmung der – verfrühten – Siegeseuphorie heraus, zwei für die weitere Entwicklung zentrale Entscheidungen getroffen worden: Mitte Juli habe Hitler im Siegesrausch die Mordstimmung seiner Untergebenen angeheizt, was Himmler dazu bewog, die Tötungsmaschinerie in der Sowjetunion zusätzlich zu verstärken; Mitte September fällte der Diktator – wiederum nach glänzenden Siegen der Wehrmacht – die Entscheidung, die deutschen und später die europäischen Juden noch während des Krieges zu deportieren, was eine erneute Eskalation der Lage bewirkt habe. Mitte bis Ende Oktober habe sich dann in den laufenden Planungen für die ersten Vernichtungslager in Polen manifestiert, dass der Be-schluss zur biologischen Ausrottung der jüdischen Bevölkerung gefasst worden ist. Zwar sieht auch dieser Ansatz eine Kontinuität bis in den Sommer 1942 hinein; die entscheidenden Wei-chen, die die Richtungsänderung von der geplanten späteren Vertreibung hin zur sofortigen physischen Vernichtung einleiteten, seien aber im Hochsommer und im Frühherbst gestellt worden.[12]

Angesichts des zwar größeren, aber doch begrenzten Umfanges dieser Untersuchung konnten die für den Zusammenhang wichtigen Quellen und Dokumente nicht vor dem Hin-tergrund aller dieser kontroversen Forschungspositionen analysiert werden. Dort, wo es not-wendig erscheint, wird diese Arbeit versuchen, Schlüsseldokumente, deren Interpretation nach wie vor umstritten ist, zu beleuchten. Der zeitliche Rahmen erstreckt sich von September 1939 bis in den Herbst 1941; erst im Frühjahr oder gar im Juni 1941 zu beginnen, hätte m. E. zur Folge gehabt, die verhängnisvolle Richtungsänderung, also den Umschlag von der projek-tierten Vertreibung in die sofortige Vernichtung nicht genügend verständlich machen zu kön-nen. Der vorliegenden Arbeit liegen zwei Komplexe, zwei leitende Fragestellungen zugrunde, die im Folgenden erläutert werden sollen. Sie stehen im Zentrum vieler neuerer Forschungen, bedürfen aber immer noch grundsätzlicher Analysen:

Erstens: Welche Bedeutung kam dem Krieg für die Genesis der „Endlösung“ zu? So-wohl der Überfall auf Polen als auch der „Westfeldzug“ hatten die nationalsozialistische „Ju-denpolitik“ verschärft: Mit jeder neuen Eroberung wuchsen die selbst geschaffenen Probleme – aber auch die projektierten Strategien ihrer Überwindung. Dennoch sollte erst das „Unter-nehmen Barbarossa“ eine völlig neue mörderische Dimension eröffnen. Schon in den Planun-gen zum „Ostfeldzug“ ist eine Tod bringende Struktur angelegt, die dann während des Krie-ges ihr volles Potenzial entfalten sollte. Der Mord an den sowjetischen Juden ereignete sich im Rücken der Wehrmacht; entgegen den ursprünglichen Planungen wurde er noch während des Krieges vollstreckt. Worin liegen die Gründe für diesen Richtungswechsel? Welchen Ein-fluss hat, so wird weiter zu fragen sein, die militärische Entwicklung des Feldzuges auf die Eskalation der Judenverfolgung zunächst in der Sowjetunion – eine Eskalation, die teilweise bereits nach wenigen Wochen die Strategie einer vollständigen Ausrottung verfolgte? Wenn man davon ausgeht, dass dieser erste Genozid – bis zum Jahresende 1941 wurden mindestens eine halbe Million sowjetischer Juden ermordet – eine Initialzündung für den zweiten Geno-zid an den europäischen Juden war, der auch während des Krieges durchgeführt wurde, dann kommt der Beantwortung dieser Frage entscheidende Bedeutung zu. Der Krieg wirkte für die Täter als treibender Motor und fungierte zugleich als Tarnmantel für den Völkermord, obwohl weder die Massenerschießungen noch die spätere Vernichtung in den Tötungszentren vor der lokalen Bevölkerung, aber auch Teilen der deutschen Öffentlichkeit, geheim gehalten werden konnten. Der Russlandkrieg setzte ein bisher nicht für möglich gehaltenes Potenzial an de-struktiven Kräften frei. Deckt man die Verbindungslinien zwischen dem „Unternehmen Bar-barossa“ und der Ingangsetzung der „Endlösung“ auf, dann kann vielleicht mehr Licht auf das verstörende Dunkel dieses präzedenzlosen Verbrechens geworfen werden.

Zweitens: Wodurch war das Verhältnis zwischen Zentrum und Peripherie gekenn-zeichnet? Welche Rolle spielte die NS-Führung, insbesondere Hitler und Himmler, für den Prozess der Eskalation, und welche Bedeutung kam den Entscheidungsträgern vor Ort zu? Auch für die Phase der Vertreibung 1939-1941 zeigt sich, dass mittlere NS-Bürokraten ihrem Einfallsreichtum freien Lauf lassen konnten und ihre Ideen umgesetzt wurden, wenn sie mit der Richtung der NS-Führung übereinstimmten. Und gerade auch die Agierenden an der Peri-pherie, also die Einsatzgruppenleiter, Kommandoführer und Angehörigen der entstehenden Zivilverwaltungen, legten ein ehrgeiziges Engagement an den Tag und konnten sich dabei innerhalb eines erheblichen Handlungsspielraumes bewegen. Diese radikal denkenden und kalt handelnden Männer prägten die Situation vor Ort maßgeblich: Sie waren es, die entschie-den, ob ein russisches Dorf mit Terror überzogen wurde, „nur“ alle jüdischen Männer im wehrfähigen Alter getötet oder ihre Frauen und Kinder sowie Greise gleich mit ermordet wurden – oder ob ihr Kommando an dem Ort einfach vorbei zog. Die mittlerweile als sicher geltende Annahme, dass es vor Beginn der Invasion keinen umfassenden „Judentötungsbe-fehl“ gegeben hat, rückt die Rolle der lokalen Entscheidungsträger in ein besonders brisantes Licht. Im Zusammenhang mit der Frage nach dem Verhältnis zwischen Zentrale und Periphe-rie steht auch die Frage nach dem Gewicht von ideologischen und utilitaristischen Faktoren der Eskalation, die hier aber nur am Rande skizziert werden. Nach der Öffnung der osteuropä-ischen Archive 1990/91 haben zahlreiche neuere Regionalstudien herausgearbeitet, dass besondere lokale Situationen und Strukturen eine radikalisierende Wirkung hatten, wie z.B. die mörderische Hilfe einheimischer Hilfstruppen, eine immer prekärer werdende Wohnungs-, Ernährungs- und Hygienesituation sowie das für die Besatzer zunehmend beunruhigende Ge-fühl, die weiten Räume nicht ausreichend sichern zu können.[13] Diese zweite Frage nach dem Verhältnis von Zentrum und Peripherie soll sich quasi wie ein dünnes heuristisches Tuch über die mörderischen Ereignisse legen, damit es ihre vielschichtigen Konturen besser abbilden kann.

I. Die nationalsozialistische „Judenpolitik“ 1939-1941: Gescheiterte Konzepte im Spannungsfeld zwischen Zentrum und Peripherie

Unter den Holocaustforschern hat sich in den letzten Jahren herauskristallisiert, dass im Jahr 1941 die entscheidenden Weichen zur „Endlösung“ gestellt wurden. Uneinigkeit be-steht aber nach wie vor in einer Reihe von Fragen. Zu welchem Zeitpunkt und in welchem Kontext hat die NS-Führung den zentralen Entschluss gefasst, die Juden systematisch zu ver-nichten? Gab es überhaupt einen solchen zentralen Befehl? Haben vor allem bestimmte lokale Entwicklungen an der Peripherie dazu geführt, dass die eingeleitete Politik der „ethnischen Säuberung“ in den einzelnen Regionen eskalierte? Wann war der point of no return über-schritten? Trotz zahlreicher neuerer Forschungsbeiträge gerade zu diesem Komplex der Ge-schichte des Holocaust ist die Debatte über die Genesis der „Endlösung“, die in der Einleitung kurz skizziert worden ist, keineswegs beigelegt.

Will der Historiker mehr Licht in dieses Dunkel bringen, das mittlerweile immer deut-lichere Konturen des komplexen Prozesses von Entschlüssen, Befehlen und Nachsteuerungen von oben und lokalen Ausführungen, Initiativen und Forcierungen von unten erkennen lässt, ist ein Blick auf die Zeit vor 1941 hilfreich. Zwischen dem Überfall auf Polen am 1. Septem­ber 1939 und dem Beginn des „Unternehmen Barbarossa“ am 22. Juni 1941 konnte die natio-nalsozialistische Führungsspitze – und mit ihr die Wehrmacht und die Partei- und Ministerial-bürokratie – in den eroberten polnischen Gebieten wichtige Erfahrungen sammeln. Die „Ju-denpolitik“ in Polen wurde in diesen Monaten von zwei Aspekten bestimmt: Vertreibung und Ghettoisierung. Die jüdische Bevölkerung aus den eroberten Gebieten zu vertreiben, war das Ziel; sie zu ghettoisieren war die tatsächlich durchgeführte Maßnahme. In ihrem Kern war die „Judenpolitik“ in dieser Zeit aber eine Politik der Juden vertreibung, denn Ghettoisierung war ein Mittel, Abschiebung und Deportation effektiver zu realisieren. Spätestens seit dem Früh-jahr 1941 war sie in gigantische Umsiedlungspläne eingebettet und wurde Teil ebenso utopi-scher wie monströser Völkerverschiebungs- und Vernichtungsszenarien, die die Nationalsozi-alisten im „Weltanschauungskrieg“ gegen die Sowjetunion zu realisieren gedachten. Darüber hinaus kann beobachtet werden, dass von dem Terror und der Gewalt der Einsatzgruppen schon in Polen die jüdische Bevölkerung überproportional betroffen war. Mit den Einsatz-gruppen wird bereits im Polenfeldzug eine brutale Mordmaschinerie in Gang gesetzt, die dann knapp zwei Jahre später im „Unternehmen Barbarossa“ ihr genozidales Potenzial gegen die sowjetischen Juden voll entfalten wird. Der Phase zwischen Herbst 1939 und Sommer 1941

kommt also im Rahmen der Analyse der Genesis der „Endlösung“ hohe Bedeutung zu. In dieser Zeit entstand in Polen ein komplexes Geflecht aus rassistischen Konzeptionen und Er-wartungen, militärischen Siegen und dialektischen Befehlsstrukturen, regionalen Initiativen und lokalen Frustrationen. Viele Elemente der Judenverfolgung wurden in Polen erfunden, ausgelotet, verworfen, neu erprobt. In dieser Hinsicht erscheint Polen in den beiden ersten Jahren der deutschen Besatzung als das „Laboratorium der Rassenpolitik“.[1]

1. Der Auftrag der Einsatzgruppen in Polen

Mit der Eroberung und Aufteilung Polens, der ersten Stufe des geplanten Aufbaus ei-nes auf rassistischen Kriterien beruhenden gigantischen deutschen Imperiums, wurde Hitlers seit den zwanziger Jahren verwendete diffuse Formel von der „Erweiterung des Lebensrau-mes im Osten“[2] erschreckend konkret. Durch den Blitzkrieg gegen den östlichen Nachbarn gelangten etwa 20 Millionen Menschen in den deutschen Machtbereich. Im annektierten west-lichen Teil, der „eingedeutscht“ werden sollte, lebten 1940 acht Millionen Menschen, unter ihnen ca. 550.000 Juden. Im zentralpolnischen Gebiet, im NS-Jargon „Restpolen“ bzw. seit dem 12.10.1939 „Generalgouvernement“ genannt,[3] lebten etwa 12 Millionen Menschen, dar-unter 1,5 Millionen Menschen jüdischer Herkunft.[4] Mit der Eroberung Polens vervielfachte sich also die Zahl der unter deutscher Herrschaft lebenden jüdischen Menschen schlagartig: Zu den etwa 350.000 Juden, die noch im „Großdeutschen Reich“ und dem Protektorat lebten, kamen nun mehr als zwei Millionen polnischer Juden.[5] Etwa 10 Prozent von ihnen konnte vor dem Ansturm der Deutschen fliehen; als Ende 1939 zwischen der deutschen und der rus-sischen Zone die Grenzen geschlossen wurden, lebten etwa 1,7 bis 1,8 Millionen Juden in den eroberten polnischen Gebieten.[6]

Der als „Fall Weiß“ bezeichnete Überfall auf Polen war von Hitler von Anfang an als vernichtender Feldzug geplant; in ihm findet sich in seinen Grundzügen schon die gesamte rassistische Eroberungs- und Vernichtungsideologie wieder, die knapp zwei Jahre später den Russlandkrieg prägen sollte – dort allerdings in immens gesteigerter Dimension. Nach den Aufzeichnungen des Generalstabchefs des Heeres, Franz Halder, führte Hitler am 22. August 1939 vor Generälen der Wehrmacht aus: “2. Ziel: Vernichtung Polens = Beseitigung seiner lebendigen Kraft. Es handelt sich nicht um Erreichen einer bestimmten Linie oder einer neuen Grenze, sondern um Vernichtung des Feindes, die auf immer neuen Wegen angestrebt werden muß. 3. Auslösung: Mittel gleichgültig.“[7] Die einheimische Bevölkerung der „einzudeut-schenden“ Gebiete sollte ihrer politischen und gesellschaftlichen Führungsschicht beraubt und in den „fremdsprachigen Gau“, das spätere Generalgouvernement, abgeschoben werden; dort sollte sie auf niedriger Kulturstufe ein Helotendasein fristen und als Arbeitskräftereservoir für das Deutsche Reich ausgebeutet werden. Reinhard Heydrich, der Chef der Sicherheitspolizei und des SD, forderte knapp drei Wochen nach Beginn des Überfalls, „Überlegungen anzustel-len, wie man einerseits die Arbeitskraft der primitiven Polen in den Arbeitsprozeß eingliedert, andererseits sie aber auch gleichzeitig aussiedelt. Ziel ist: der Pole bleibt der ewige Saison-und Wanderarbeiter, sein fester Wohnsitz muß in der Gegend von Krakau liegen.“[8] Dieses Ziel sollte zunächst durch die Exekution der polnischen Eliten erreicht werden, und zwar durch besondere Einheiten, die im Rücken der Wehrmacht operierten: Unter der Tarnbezeich-nung „Unternehmen Tannenberg“ wurden vor dem Überfall auf Polen „gemäß Sonderbefehl des Führers besondere polizeiliche Einsatzgruppen“ gebildet[9] – wie schon zuvor beim deut-schen Einmarsch in Österreich, im Sudetenland und in der Tschechoslowakei sowie dann knapp zwei Jahre später im „Unternehmen Barbarossa“. Von den sieben „Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei“ wurden fünf (EG I-V) den Armeen zugeteilt, die Einsatzgruppe VI war für die Provinz Posen zuständig, die letzte „Einsatzgruppe z. b. V.“ wurde – auf direkten Befehl des Reichsführer SS und Chef der deutschen Polizei, Heinrich Himmler – dem ostoberschlesi-schen Industriegebiet zugeteilt.[10] Jede der Einsatzgruppen I-VI bestand aus zwei bis vier Einsatzkommandos, deren Stärke 120-150 Mann umfasste. Die Männer der 16 Einsatzkom-mandos der EG I-VI rekrutierten sich aus den SS-Dienststellen des gesamten Reichsgebietes, der Sicherheitspolizei (Sipo) mit ihren Teilorganisationen Geheime Staatspolizei (Gestapo) und Kriminalpolizei (Kripo), des Sicherheitsdienstes (SD) sowie der Ordnungspolizei (Orpo); es handelte sich insgesamt um 2700-3000 Personen.[11] Die Einsatzgruppenführer kamen vor-nehmlich aus dem SD und waren praktisch und ideologisch mit dieser ehemaligen Nachrich-tenorganisation der NSDAP, die im Amt III des Ende September 1939 neu geschaffenen Reichssicherheitshauptamtes (RSHA) aufging, verschmolzen.

Bereits Ende Juli kam es zu einer ersten Besprechung zwischen Heydrich und dem Oberkommando der Wehrmacht. Himmlers Adlatus konnte mit der militärischen Führungs-spitze eine Einigung über die Aufgabenstellung der Einsatzgruppen während des Polenfeld-zuges erzielen: „Bekämpfung aller reichs- und deutschfeindlichen Elemente in Feindesland rückwärts der fechtenden Truppe.“ Darüber hinaus erhielten die Einsatzgruppen den Auftrag, alle potentiellen Feinde festzunehmen, und das seien z. B. Landeseinwohner, „die sich den Maßnahmen der deutschen Amtsstellen widersetzen oder offensichtlich gewillt und auf Grund ihrer Stellung und ihres Ansehens in der Lage sind, Unruhe zu stiften.“[12] Auf den ersten Blick erscheint dieser Befehlsauftrag unpräzise und vage; in ihm liegt aber schon der Keim der ge-wollten Möglichkeit späterer Massentötungen. Ob einzelne Personen oder ganze Bevölke-rungsgruppen „deutschfeindlich“ seien oder in Zukunft „Unruhe stiften“ würden, lag ganz im Ermessensspielraum der Einsatzgruppenführer. Die Brutalität der Strategie des RSHA kam in einer knapp drei Wochen nach Beginn der Offensive geführten Aussprache zwischen Heyd-rich und dem Unterhändler der Wehrmacht, Generalquartiermeister Eduard Wagner, zum Ausdruck. Auf die Frage des Militärvertreters nach dem genauen Auftrag der im rückwärtigen Heeresgebiet operierenden Einsatzgruppen, antwortete der Chef des RSHA lakonisch: „Flur-bereinigung: Judentum, Intelligenz, Geistlichkeit, Adel“[13] – und nahm damit Bezug auf eben jene Bevölkerungsgruppen, die im Hauptvisier der Einsatzgruppen standen und an denen von Anfang an erschreckende Gräuel verübt wurden.

Tatsächlich kam es schon sehr bald nach dem 1. September zu einer Serie von Massa-kern an Zivilisten. Unter Mitwirkung des „Volksdeutschen Selbstschutzes“, einer spontan gebildeten, pronationalsozialistischen Miliz der deutschstämmigen Minderheit in Polen, er-schossen die Einsatzgruppen zwischen September 1939 und Frühjahr 1940 mehr als 52.000 Menschen – zählt man nur die „Großaktionen“, bei denen mehr als 1000 Personen getötet wurden.[14] Diese Terroraktionen, die nicht so gut dokumentiert sind wie die späteren Massen-erschießungen der Einsatzgruppen in der Sowjetunion, transformierten sich innerhalb kurzer Zeit von einzelnen Erschießungen zu Massenexekutionen, als im letzten Oktoberdrittel das frisch geschaffene RSHA die „Intelligenzaktion“ startete. Sie richtete sich gegen die höheren Schichten der polnischen Bevölkerung: Akademiker, Lehrer, Beamte, ehemalige Offiziere, Geistliche, Gutsbesitzer und Mitglieder nationalpolnischer Organisationen. Und neben Insas-sen lokaler psychiatrischer Anstalten sowie Geisteskranken, die sogar aus dem Reich in die neu eroberten Gebiete zur Erschießung deportiert wurden, richtete sich die Gewalt auch im-mer wieder gegen die jüdische Bevölkerung.[15] Bis Jahresende wurden in Polen mindestens 7000 jüdische Menschen umgebracht.[16] Mit besonderer Brutalität ging dabei die EG z.b.V. unter SS-Obergruppenführer Udo von Woyrsch vor.[17] Von Woyrsch ließ in den ersten drei Wochen nach Kriegsbeginn in „Befriedungsaktionen“ in der Nähe Krakaus „Aufständische“ und „Plünderer“ erschießen; regelmäßig kam es zu tödlicher Gewalt gegen Juden und Syn-agogen wurden in Brand gesteckt.[18] Das Morden dieser Einsatzgruppe erreichte ein derartiges Ausmaß, dass Abwehrchef Wilhelm Canaris von einem Abwehroffizier in Kenntnis gesetzt wurde „über die Unruhe, die im Armeebereich durch die zum Teil ungesetzlichen Maßnah-men der Einsatzgruppe [...] Woyrsch entstanden ist (Massenerscherschießungen, insbesonde-re von Juden). Die Truppe sei insbesondere verärgert darüber, daß junge Leute, statt an der

Front zu kämpfen, ihren Mut an Wehrlosen erprobten.“[19] Trotzdem ist das Verhalten der Wehrmacht als zwiespältig zu bezeichnen. Zwar gab es eine Reihe von Protesten einzelner Heeresführer am Verhalten der Einsatzgruppen; Wehrmachtskommandeure und Generäle setzten nach Ausschreitungen vor Ort Disziplinierungsmaßnahmen gegenüber besonders bru-talen SS-Männern durch.[20] Viele jüdische Opfer sind im September und Oktober aber auch durch reguläre Wehrmachtseinheiten – Infanterie und Geheime Feldpolizei – ermordet wor-den, und zwar bevor die Einsatzgruppen vor Ort eintrafen. So sind z. B. allein im Distrikt Lublin unter der Militärverwaltung 110 Juden getötet worden.[21]

Den Spitzen der Wehrmacht war das Vernichtungsziel des NS-Regimes schon relativ früh bekannt. Franz Halder, der Generalstabschef der Wehrmacht, berichtete dem Abwehrof-fizier Helmut Groscurth bereits am 9. September, es sei die „Absicht des Führers und Gö-rings, das polnische Volk zu vernichten und auszurotten.“[22] Die Wehrmachtsführung ver-säumte es aber, die brutale Stoßrichtung gegen die polnische Zivilbevölkerung in diesem auf rassistischen Prinzipien beruhenden Eroberungskrieg auch den mittleren Offiziersrängen an der Front zu vermitteln; eingeweiht in die verbrecherischen Pläne der Naziführung, verzichte-te sie auf einen eigenen Standpunkt und zog – nicht anders als andere Eliten der deutschen Gesellschaft – die „Verschwörung des Schweigens“ vor.[23] Keitel, von Brauchitsch, Wagner und Halder hatten keine prinzipiellen Einwände gegen die verbrecherische Natur der geplan-ten und durchgeführten Politik in Polen. Sie fürchteten eher einen Verlust an Autorität gegen-über der SS sowie einen Imageschaden der stolzen Institution im Ausland.[24] Verhängnisvoll für die weitere Entwicklung war, dass die Wehrmacht als einzig verbliebene Kraft, die dem NS-Regime in dieser Zeit noch Kritik und Widerstand hätte entgegen setzen können, auf eine konformistische Linie einschwenkte. Obwohl ihrer Führung die verbrecherische Richtung des Eroberungsfeldzuges immer deutlicher wurde, versäumte sie es, sich von den eindeutigen Verletzungen elementarer Menschenrechte und des Völkerrechts zu distanzieren; bereits im September 1939 wurde die Wehrmacht zum „Komplizen“ des Regimes.[25]

Die Rolle Hitlers im Prozess der geplanten Umstrukturierung Polens ist für die Rekon-struktion der Genesis der „Endlösung“ in mehrfacher Hinsicht aufschlussreich: Um die rassis-tische Bevölkerungspolitik störungsfreier umzusetzen, griff der Diktator in den Prozess be-schleunigend ein: Wegen der Konflikte und Kompetenzstreitigkeiten zwischen Wehrmacht und SS-Verbänden forcierte er die Ablösung der Militärverwaltung. Seit Anfang Oktober ging die vollziehende Gewalt auf die Zivilverwaltungen über, an deren Spitze verdiente National-sozialisten gesetzt wurden. Am 5. Oktober wurde Westpreußen dem Reich zugeschlagen; am 8. Oktober unterzeichnete Hitler einen Erlass, nach dem die Militärbezirke Danzig-Westpreußen, Posen und Oberschlesien eingegliedert wurden. Am 12. Oktober verfügte er die Bildung eines „Generalgouvernements“, das am 26. Oktober ausgerufen wurde; an dessen Spitze sollte sein Anwalt und Minister ohne Geschäftsbereich, Hans Frank, stehen. Damit war die Militärverwaltung in Polen beendet, und die unter „alten Kämpfern“ stehenden neuen Zi-vilverwaltungen konnten ihre Arbeit aufnehmen.[26]

Wie sich Hitler die Zukunft für Polen und die polnische Bevölkerung vorstellte, wird auf einer Besprechung am 17. Oktober deutlich, an der neben Frank, Himmler und anderen NS-Größen auch OKW-Chef Keitel teilnahm. Nach der Bemerkung, dass die Wehrmacht froh sein solle, von der Verantwortung für Polen befreit zu werden, skizzierte der Diktator die Be-deutung Polens als Reservoir billiger Arbeitskräfte für das Reich und entwarf schemenhaft ein Programm der zukünftigen Bevölkerungspolitik. Keitel notierte: „Führung muß ermöglichen, das alte u. neue Reichsgebiet zu säubern von Juden, Polacken u. Gesindel. Niedrer Lebens-standard. [...] Ungeheuer harter, aber bewußter Volkstumskampf.“[27] Der Charakter dieser Aussage ist symptomatisch für Hitlers Herrschaftsmethode: Mit der Ansprache schuf der Dik-tator einen ideologischen Rahmen und gab die allgemeine Richtung der auf rassischen Krite-rien beruhenden NS-Bevölkerungspolitik in Polen vor. Seine „weltanschaulich“ deutliche, inhaltlich aber vage Rede hatte dabei einen doppelten Effekt: Einerseits signalisierte sie den Versammelten, dass jetzt im Krieg eine neue Ära in der rassistischen Verfolgung großer Be-völkerungsgruppen angebrochen war. Gerade ehrgeizige Nationalsozialisten konnten von nun an ungezwungen Initiativen ergreifen und Erfindungsreichtum beweisen und durften damit rechnen, bei Erfolg vom „Führer“ mit weiteren Sondervollmachten ausgestattet zu werden. Zum anderen waren Hitlers emotionale Tiraden ein impliziter Aufruf zu inhaltlicher Füllung. Wie im Folgenden zu zeigen sein wird, werden untergebene NS-Chargen in den kommenden Monaten versuchen, seine allgemeinen bevölkerungspolitischen Äußerungen in konkrete Um-siedlungsprogramme umzusetzen.

2. Die Politik der Vertreibung bis zum „Unternehmen Barbarossa“

a) Das „Judenreservat“

Mitte September 1939 ließen sich innerhalb der NS-Führung Überlegungen ausma-chen, die auf ein „Bevölkerungsumsiedlungsprogramm“ innerhalb der neu eroberten Gebiete hinausliefen. Die Pläne der nationalsozialistischen Lebensraum- und Rassenpolitik nahmen also erst nach dem Einmarsch in Polen allmählich Gestalt an. Im Zentrum dieser Politik stand die Idee der Errichtung eines Reservates, in das die jüdische Bevölkerung sowie unerwünsch-te Polen und „Zigeuner“ aus den annektierten westpolnischen Gebieten abgeschoben werden sollten. Heydrich erklärte bei einer Besprechung am 14. September, dass Himmler Hitler Vor-schläge zur „Judenfrage“ unterbreitet, und dieser sie gebilligt habe.[28] Genau eine Woche spä-ter, am 21. September, gab Heydrich bei einem erneuten Treffen mit seinen Amtschefs und Einsatzkommandeuren bekannt: „Die Juden-Deportation in den fremdsprachigen Gau [= Ge-neralgouvernement, R.S.], Abschiebung über die Demarkationslinie ist vom Führer geneh-migt worden. Jedoch soll der ganze Prozeß auf die Dauer eines Jahres verteilt werden: Das Judentum ist in den Städten in Gettos zusammenzufassen, um eine bessere Kontrollmöglich-keit und später Abschubmöglichkeit zu haben. [...] Diese Aktion muß innerhalb der nächsten 3 bis 4 Wochen durchgeführt sein.“[29] Zunächst ist hier unklar, wie das Konzept der Vertrei-bung genau aussehen sollte. Sollte die „Juden-Deportation in den fremdsprachigen Gau“ und die „Abschiebung über die Demarkationslinie“ parallel oder nacheinander realisiert werden?[30] Die Aktennotiz lässt das offen. Das Festhalten an den Reservatsplänen, die in der kommenden Zeit erstaunlich offen diskutiert wurden,[31] beweist aber, dass die NS-Führung in ihren Völker verschiebenden Planungsspielen nicht davon ausging, die „Judenfrage“ allein mit Abschie-bungen auf russisches Gebiet lösen zu können.[32]

In einem noch am gleichen Tag verfassten „Schnellbrief“ an die Einsatzgruppenführer wurde ein Maßnahmenkatalog erstellt: Unterschieden wurde zunächst ausdrücklich zwischen einem „Endziel (welches längere Fristen beansprucht)“ und „streng geheim zu halten“ sei und „den Abschnitten der Erfüllung dieses Endzieles (welche kurzfristig durchgeführt werden).“[33] Die zur Erreichung dieses Ziels aufgeführten Maßnahmen – Ghettoisierung in Städten mit Eisenbahnanbindung, Einrichtung von Judenräten, Abstimmung mit den logistischen Interes-sen der Wehrmacht – lassen das nicht näher bestimmte „Endziel“ erkennen: Geplant war eine Deportation der räumlich konzentrierten jüdischen Bevölkerung in ein an den östlichsten Aus-läufern des Reiches zu errichtendes Reservat. Zuerst wurde an den Raum östlich von Krakau gedacht, dann an ein Gebiet bei Lublin zwischen Bug und Weichsel, in das die unerwünschten Menschen, die in den neuen Reichsgauen lebten, deportiert werden sollten.[34] Am 29. Septem­ber, einen Tag nach der endgültigen Festlegung der Demarkationsgrenze zwischen dem deut-schen und dem sowjetischen Einflussgebiet, erklärte Heydrich in bürokratisch-zynischem Jargon, „daß in dem Raum hinter Warschau und um Lublin ein ‚Naturschutzgebiet’ oder ‚Reichs-Getto’ geschaffen werden soll, in dem die polnischen und jüdischen Elemente unter-gebracht werden, die aus den künftigen deutschen Gauen ausgesiedelt werden müssen.“[35]

Wenn im Folgenden nur auf das eine Element der „Judenpolitik“ zwischen 1939-1941 eingegangen wird – die geplanten, letztlich jedoch gescheiterten Versuche ihrer vollständigen Vertreibung aus dem deutschen Machtbereich –, so ist das andere Element, die Ghettoisie-rung, nicht zu vergessen. Die Konzentration der jüdischen Bevölkerung in Ghettos wurde tatsächlich durchgeführt und lief in einem uneinheitlichen Prozess ab. Das erste Ghetto wurde im Dezember 1939 im Warthegau in Lodz eingerichtet und Ende April 1940 abgeriegelt; im GG wurde das Ghetto Warschau im November 1940 geschlossen; die Juden aus Krakau, Ra­dom und Lublin wurden in die Umgebung vertrieben. Trotz aller organisatorischer Maßnah-men in den Ghettos, der wirtschaftlichen Ausbeutung der jüdischen Arbeitskraft und des Ei-gentums ihrer „Bewohner“, dem Massensterben auf Grund von Hunger, Krankheit und Seu-chen, sind die Ghettos als „Zwischenlösung“ betrachtet worden, als provisorische Maßnahme vor der Deportation.[36]

b) Der Niskoplan

Es war vor allem ein junger und ehrgeiziger SD-Mitarbeiter Heydrichs, der sich nach der Teilnahme an der Besprechung vom 21. September dem neuen Vertreibungsprojekt ver-schreiben sollte: Adolf Eichmann.[37] Der 33jährige SS-Sturmbannführer hatte sich schon kurz nach dem „Anschluss“ Österreichs in der Wiener „Zentralstelle für jüdische Auswanderung“ einen Namen als erfindungsreicher Organisator gemacht.[38] Im Juli 1939 hatte er in Prag be-gonnen, eine gleichnamige Behörde einzurichten.[39] Jetzt, da die Auswanderungsmöglichkei-ten nach Ausbruch des Krieges beschränkt waren, drohte seine Karriere ins Stocken zu gera-ten.[40] Am 6. Oktober bekam er in einem Gespräch mit dem Chef der Gestapo, Heinrich Mül-ler, den Auftrag, in Zusammenarbeit mit dem schlesischen Gauleiter Wagner die Abschie-bung von 70-80.000 Juden aus dem ostoberschlesischen Kattowicz zu organisieren. Diese Menschen sollten nach Osten über die Weichsel gebracht werden. Gleichzeitig sollten auch Juden aus Mährisch-Ostrau/Ostrava abgeschoben werden.[41] Zwei erste Transportkommandos, eines aus Kattowicz, ein anderes aus Ostrava, sollten „gewissermaßen als Vorkommando“ in den südwestlichen Lubliner Raum geschickt werden, um dort „Durchgangslager für alle nach-folgenden Transporte“ zu errichten, aus denen die Deportierten weiter in den Osten abgescho-ben werden konnten. Die „Aktion“ habe gewissermaßen Testcharakter und diene dazu, „Erfahrungen zu sammeln“, um dann später „die Evakuierung größerer Massen durchführen zu können“, wie Eichmann notierte.[42]

Eichmann zeigte in den nächsten Tagen nicht nur umtriebiges Organisationstalent, sondern ging über seinen ursprünglichen Auftrag weit hinaus: Am 10. Oktober erklärte er Gauleiter Wagner, dass je zwei Transporte mit jeweils etwa 1000 Juden aus Ostrava und Kat-towicz vorgesehen seien, Heydrich und Himmler darüber berichtet und die ganze Angelegen-heit vermutlich Hitler selbst vorgelegt werde. Darüber hinaus setzte er sich in Wien mit einem Mitarbeiter des Reichskommissars der „Ostmark“ (also Österreich), Josef Bürckel, in Verbin-dung und teilte diesem mit, Hitler habe die Umsiedlung von 300.000 Juden aus dem groß-deutschen Reichsgebiet nach Polen angeordnet, und zwar innerhalb eines dreiviertel Jahres.[43] Als Bürckel davon erfuhr, zeigte er sich begeistert; sein Stab erteilte Eichmann am 16. Okto-ber die Vollmacht für die Deportation der jüdischen Bevölkerung aus Wien, die in zunächst zwei Transporten pro Woche umgesetzt werden sollte.[44] Zwischenzeitlich hatte der ambitio-nierte Bürokrat zusammen mit seinem Vorgesetzten, SS-Oberführer Dr. Franz Walter Stahl-ecker, SD-Führer von Wien und frisch ernannter „Befehlshaber der Sicherheitspolizei und des SD in Böhmen und Mähren“,[45] das Terrain erkundet, in dem die Transporte enden und die Deportierten ein Durchgangslager errichten sollten: Gemeinsam wählten sie Nisko am San aus, ein Gebiet an der Westgrenze des Distriktes Lublin. Mit der Vorbereitung der Transporte – der Erstellung der Deportationslisten, der Information der „Auswanderer“ sowie ihrer Sammlung – wurden die jüdischen Gemeinden in Wien und Mährisch-Ostrau beauftragt; am 18. Oktober verließ der erste Transportzug mit 901 Juden den Bahnhof Ostrava, zwei Tage später folgten die ersten Transporte aus Wien (912 Personen) und Kattowicz (875).[46] Eich-mann hatte sich alle Mühe gegeben, den Charakter der Vertreibung zu verschleiern und sie als „Umsiedlung“ erscheinen zu lassen. Den Juden wurde versprochen, sich in der Region zwi-schen San, Weichsel und Bug eine friedliche neue Existenz aufbauen zu können, ohne die Einschränkungen, die ihnen im Reich auferlegt worden waren.[47]

Bei ihrer Ankunft ergab sich schlagartig ein anderes Bild: Die zuerst ankommenden Juden aus Ostrava wurden bei Dauerregen auf eine durchnässte Wiese in der Nähe des Dorfes

Zarzecze geführt, auf der sie Barackenlager zu errichten hatten. Am nächsten Tag wurden die besten Arbeiter und Handwerker ausgesondert, die übrigen wurden von der SS zur Grenze getrieben und unter Todesdrohungen gewaltsam über die Demarkationslinie gejagt. Auch den jüdischen Menschen der Transporte aus Wien und Kattowicz erging es nicht anders.[48] Insge-samt wurden vom 20.- 28. Oktober etwa 4700 Menschen nach Nisko deportiert.[49] Die meisten von ihnen wurden ostwärts in die Flucht getrieben und ihrem Schicksal überlassen; ungefähr 600 Gefangene hatten bis zum Abbruch der Gesamtaktion im April 1940 Baracken zu errich-ten, Zäune zu ziehen, Wassergräben auszuheben und Straßenbauarbeiten auszuführen.[50]

Doch kaum hatte die „Aktion“ begonnen, wurde sie schlagartig gestoppt. Bereits am 19. Oktober, also einen Tag, nachdem der erste Zug aus dem Protektorat abgefahren war, schickte Gestapochef Müller vom SD-Hauptamt in Berlin ein Telegramm nach Wien und Mährisch-Ostrau, in dem die Deportationen bis auf weiteres untersagt wurden. Als Grund gab er an, „daß die Umsiedlung sowie Abschiebung von Polen und Juden in das Gebiet des künf-tigen polnischen Reststaates einer zentralen Leitung bedarf. Deshalb muß dazu grundsätzlich eine Genehmigung der hiesigen Dienststelle vorliegen.“[51] Obwohl Eichmann sofort nach Ber­lin eilte, konnte er den Stopp des Deportationsprojektes nicht aufheben. Da die Vorbereitun-gen weiterer Transporte aber schon vorangeschritten waren und ein Prestigeverlust der Polizei bei den jüdischen Organisationen befürchtet wurde, ging am 26. Oktober ein letzter Zug mit 672 Juden aus Wien ab, am 27. je ein Teiltransport mit 400 Männern aus Ostrava und ein mit 1000 Personen besetzter Zug aus Kattowicz. Damit waren die Niskotransporte beendet. Worin lag aber der Grund für die plötzliche Unterbrechung des viel versprechenden Deportationspro-jektes, in das hohe NS-Führer eingeweiht waren und dem sie zugestimmt hatten? Warum er-ging der Stopp zu einem so frühen Zeitpunkt, an dem nicht einmal eine Tendenz abzusehen war, ob es erfolgreich verlaufen würde oder nicht?[52] Hans Frank, der designierte Generalgou-verneur, der am 26. Oktober seinen Dienst in der Hauptstadt des GG, Krakau, antrat, war in diesen Tagen eher mit der Ausweitung seines zukünftigen Machtbereichs beschäftigt, als da-mit, gegen die Transporte zu protestieren.[53] Logistische Schwierigkeiten der Wehrmacht, die die Transportzüge für eine von Hitler für Mitte November geplante Westoffensive[54] bean-spruchte, waren zwar grundsätzlich nicht auszuschließen, spielten jedoch nicht die ausschlag-gebende Rolle, da das Militär nicht sämtliche Züge benötigte. Auch hatte Eichmann nicht ohne Einverständnis des RSHA gehandelt, als dass sich die Berliner Zentrale hätte übergan-gen fühlen können.

Vielmehr kam der entscheidende Einspruch von Heinrich Himmler. In einem Tele-gramm an den wegen des Stopps erbosten Wiener Gauleiter Bürckel gab er diesem zu verste-hen, dass er selbst dafür verantwortlich und „bis auf weiteres wegen technischer Schwierig-keiten die Abschiebung von Juden verboten“ sei.[55] Diese „Schwierigkeiten“ bezogen sich auf die Ansiedlung von Baltendeutschen, die Mitte Oktober in Danzig eintrafen. In einem vertrau-lichen Abkommen mit der Sowjetunion vom 28. September wurde die Repatriierung einer immensen Zahl von „Volksdeutschen“ vereinbart: Zehntausende von Deutschstämmigen, die im sowjetischen Machtbereich lebten, sollten vornehmlich in die soeben vom Reich annek-tierten westpolnischen Gebiete – die Reichsgaue Danzig-Westpreußen und Wartheland[56] – umgesiedelt werden.[57] Dieses immer größere Ausmaße annehmende Umsiedlungsprojekt zog Himmler an sich; auf der Grundlage eines geheimen Erlasses Hitlers vom 7. Oktober 1939 ernannte er sich zum „Reichskommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ (RKFDV).[58] Zu seinen Aufgaben gehörten „1. Die Zurückführung der für die endgültige Heimkehr in das Reich in Betracht kommenden Reichs- und Volksdeutschen im Ausland, 2. die Ausschaltung des schädigenden Einflusses von solchen volksfremden Bevölkerungsteilen, die eine Gefahr für das Reich und die deutsche Volksgemeinschaft bedeuten, 3. die Gestaltung neuer deut-scher Siedlungsgebiete durch Umsiedlung, im besonderen durch Seßhaftmachung der aus dem Ausland heimkehrenden Reichs- und Volksdeutschen.“[59] Die Ermächtigung erstreckte sich ausdrücklich auf sämtliche Behörden, die sich mit Siedlung beschäftigten. Schnell entwi-ckelte Himmler eine ständig wachsende RKF-Dienststelle; sie unterstellte sich den Apparat der Höheren SS- und Polizeiführer, der das Generalgouvernement und die annektierten Gebie-te in der Folgezeit mit einem dichten Netz von Dienstellen überzog, deren Mitarbeiter Polizei- und Siedlungsaufgaben übernahmen.[60] Himmler konnte sich damit neben seiner Funktion als „Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei“ nicht nur eine weitere Machtbasis auf pol-nischem Gebiet verschaffen, sondern zog auch innerhalb kurzer Zeit die Kompetenzen für eine an rassistischen Kriterien orientierte ethnische Neuordnung Europas an sich.

Die Ansiedlung der Baltendeutschen schien für Himmler eine höhere Dringlichkeit gegenüber der Deportierung von Juden aus Kattowicz, Ostrava und Wien zu besitzen.[61] Und da die „Volksdeutschen“ in den neuen Reichsgauen angesiedelt werden sollten, musste Himmler dort „Platz schaffen“. Wenn also Juden deportiert werden sollten, dann aus den Gauen Danzig-Westpreußen und Wartheland und nicht aus Österreich und dem Protektorat, Gebieten, auf die Eichmann den Transportschwerpunkt gelegt hatte, weil seine „Zentralstelle“ dort über gute Kontakte verfügte. Selbst die geplante Deportation von Juden aus Ostober-schlesien, dem südlichen Teil des Warthelandes, hätte nicht genug Unterkünfte und Arbeits-plätze für die Neuanzusiedelnden bereitgestellt.[62] Die Schaffung von „Lebensraum im Osten“ und die „Lösung der Judenfrage“ waren innerhalb der rassistischen Bevölkerungspolitik der nationalsozialistischen „Ethnokraten“[63] plötzlich zu zwei miteinander konkurrierenden Zielen geworden. Himmler gab ersterem im Herbst 1939 den Vorzug: Das Niskoprojekt wurde bis auf weiteres gestoppt. Die Entwicklung der „Judenpolitik“ bis zum Frühjahr 1940 zeigt aber, dass am Ziel der Vertreibung in ein Reservat grundsätzlich festgehalten wurde, und zwar auf noch gesteigerter Stufe; allerdings sollte seine Umsetzung an der Realität genauso scheitern wie der improvisierte Anfang.

Die Idee der Errichtung eines „Judenreservates“, der Niskoplan und sein frühzeitiges Scheitern sind in mehrerlei Hinsicht für den Zusammenhang dieser Arbeit aufschlussreich. Zum einen zeigt sich, dass schon Mitte September 1939, zu einem Zeitpunkt also, als der Sieg über Polen nur noch eine Frage von Tagen war,[64] die Reservatsidee Gestalt annahm. Sollten die „rassisch minderwertigen“ Polen aus den annektierten Gebieten, ihrer geistigen Führung und kulturellen Identität beraubt, nach „Restpolen“ abgeschoben und dort praktisch als billige Arbeitssklaven für das Deutsche Reich missbraucht werden, so war den Juden, die in der Ras-senhierarchie der Nationalsozialisten noch unter den Polen angesiedelt waren, das Schicksal zugedacht worden, gänzlich zu verschwinden. Sie sollten zunächst ghettoisiert und dann ver-trieben werden – über die deutsch-sowjetische Demarkationslinie und in ein zu errichtendes „Reichs-Getto“ im Distrikt Lublin, am südöstlichsten Punkt des deutschen Machtbereiches.

Es war Himmler, der in der militärischen Siegesphase Hitlers Zustimmung bekam, die besetzten Gebiete nach rassischen Kriterien neu zu ordnen. Mit dem Niskoprojekt wurde in den kommenden Wochen getestet, ob diese Bevölkerungsverschiebung organisatorisch und logistisch durchführbar sein werde. Dabei entwickelte ein SS-Funktionär auf mittlerer Ebene ehrgeizige Energie und organisatorische Phantasie, weitete seinen Auftrag eigenständig aus und bewirkte, dass innerhalb kurzer Zeit Tausende von jüdischen Menschen deportiert und auf brutale Weise vertrieben wurden. Da sich zwischenzeitlich die Prioritäten der Bevölke-rungspolitik verschoben hatten, wurde das Experiment von oben gestoppt. Festzuhalten bleibt, dass die oberste NS-Führung in Siegeslaune die grobe Richtung der „Judenpolitik“ vorgab, Initiative und Handlungsspielräume mittlerer karriereorientierter NS-Funktionäre enorm wa-ren und erst dann unterbrochen wurden, als sie mit der geänderten Zielsetzung der Führung kollidierten.

Im Folgenden soll kurz skizziert werden, welche Entwicklung die Planungen und Rea-lisierungen der Umsiedlungspolitik vom Scheitern des Nisko-Experiments im Herbst 1939 bis zum Mai 1940 nahmen, als der Madagaskarplan die Köpfe der Nationalsozialisten beflügelte. Es war eine Zwischenphase, die auf den ersten Blick verworren erscheint, weil sich von nun an in großer Deutlichkeit verschiedene Interessen überlagerten und in Widerspruch zueinan-der gerieten. Die „Lösung der Judenfrage“ trat in dieser Zeit zwar hinter anderen bevölke-rungspolitischen Problemen zurück, verschwand aber nie ganz aus dem Blickfeld der Ethnokraten. Trotzdem ist auch diese Phase für die Rekonstruktion der Genesis der „Endlö-sung“ bedeutend. Sie zeigt zum einen, in welche – aus rassistischer Perspektive – prekäre Lage sich die Nationalsozialisten durch die Eroberung Polens manövrierten, und wie ernüch-ternd klein die hoch gesteckten Ziele einer „ethnischen Säuberung“ der besetzten Gebiete ausgefallen waren. Zweitens schien der NS-Führung allmählich zu dämmern, dass allein mit den Mitteln der Vertreibung das „Judenproblem“ innerhalb kurzer Zeit nicht zu lösen war und sich der zeitliche Erwartungshorizont deutlich erweitern musste. Drittens ist aufschlussreich, unter welchen Umständen eine neue, radikalere Form der „Lösung der Judenfrage“ entstand – die projektierte Abschiebung der Juden Europas nach Madagaskar nach einem Sieg über Frankreich –, und welche Rolle Hitler und Himmler dabei spielten.

c) Himmlers Bevölkerungsverschiebungen

Am 30. Oktober 1939 erließ Himmler eine bevölkerungspolitische Verfügung, die die neuen Reichsgaue betraf. Innerhalb der nächsten vier Monate, also bis Februar 1940, sollten umgesiedelt werden: „1. Aus den ehemals polnischen, jetzt reichsdeutschen Provinzen und Gebieten alle Juden. 2. Aus der Provinz Danzig Westpreußen alle Kongresspolen. 3. Aus den Provinzen Posen, Süd- und Ostpreußen und Ostoberschlesien eine noch vorzuschlagende An-zahl besonders feindlicher polnischer Bevölkerung.“[65] Die Zahl der Juden schätzte man auf 550.000, die Zahl der Umzusiedelnden insgesamt auf etwa eine Million Menschen.[66] Die in den Gauen zuständigen Höheren SS- und Polizeiführer, die Himmlers Auftrag als „Reichs-kommissar für die Festigung deutschen Volkstums“ in den Regionen praktisch umzusetzen hatten, sollten die Deportationsziele untereinander absprechen. Für die Juden jedoch war das Gebiet zwischen Weichsel und Bug festgelegt worden.[67] Damit wurde eine neue, noch gigan-tischere planerische Stufe in der Vertreibung von Juden und unerwünschten Polen erreicht – freilich nur auf dem Papier. Denn vor Ort sollte sich in der Folgezeit zeigen, dass dieses Pro-gramm undurchführbar war, u.a. auch auf Grund der Schwierigkeiten, die sich im Zusam-menhang mit der Ansiedlung von Baltendeutschen ergaben.[68] „Wilde Umsiedlungen“ durch das Eintreffen der ersten „Volksdeutschen“ und chaotische Zustände in Gdingen (Gotenhafen), ein wenig kooperativer Gauleiter in Westpreußen, ständig neue in Umlauf gebrachte Deportationszahlen und überforderte lokale SS-Funktionäre veranlassten Heydrich am 28. November, die Situation zu entschärfen. Von Berlin aus reduzierte der Chef des RSHA die Deportationsziele. Er unterschied nun – wie schon im „Schnellbrief“ vom 21. September – einen „Nahplan“ von einem „Fernplan“. Laut „Nahplan“, der nur für den Warthegau galt, waren „so viel Polen und Juden abzutransportieren, daß die hereinkommenden Baltendeut-schen untergebracht werden können.“[69] Da man davon ausging, dass Aus- und Ansiedlungen im Verhältnis 2:1 stehen müssten und etwa 40.000 Baltendeutsche angesiedelt werden sollten, waren 80.000 Polen und Juden ins Generalgouvernement zu deportieren. In den nächsten drei Wochen wurde dieses Plansoll sogar übererfüllt: Der Höhere SS- und Polizeiführer für den Warthegau, Wilhelm Koppe, und der SS-Sturmbannführer Albert Rapp gingen bis zum 17. Dezember mit äußerster Brutalität und „Effizienz“ vor – in 80 Zügen deportierten sie insge-samt 87.833 Menschen.[70] Die genaue Anzahl der Juden unter ihnen auszumachen, ist nicht mehr möglich, da die erhalten gebliebenen Berichte darüber merkwürdigerweise keine Aussa-ge machen; es dürfte sich aber um schätzungsweise 10.000 Menschen gehandelt haben.[71]

Mit Deportationsplanungen befasste sich Mitte Dezember 1939 auch das Berliner RSHA. Am 19. Dezember wurde Eichmann zu Heydrichs Sonderreferenten im Amt IV (Ges­tapo) ernannt.[72] Zwei Tage später wurde auf einer Sitzung ein von Eichmann ausgearbeiteter „2. Nahplan“ vorgestellt, zu dessen Ziel „die restlose Erfassung sämtlicher Juden ohne Rück-sicht auf Alter und Geschlecht in den Deutschen Ostgauen und deren Abschiebung in das Ge-neralgouvernement“ erklärt wurde.[73] Die Berliner Ethnokraten gingen nun von 600.000 jüdi-schen Menschen aus, die bis Ende April nächsten Jahres zu deportieren waren.[74] Die einge-gliederten Gebiete sollten von Norden nach Westen durchkämmt werden; dadurch wollte man ab Mitte Januar 1940 täglich 5000 Juden ins Generalgouvernement abtransportieren.[75] Doch obwohl dieses Programm kurz danach reduziert wurde,[76] scheiterte es kläglich, und zwar an einer Reihe von Faktoren: an den nach wie vor drängenden Problemen der Ansiedlung von „Volksdeutschen“, zu der nun auch noch die „Wolhynien- und Galiziendeutschen“ kamen,[77] an heftigen Protesten des Generalgouverneurs Frank, der die chaotischen Zustände und die wachsende Nahrungsmittelknappheit in seinem Herrschaftsgebiet anprangerte, an den wirt-schaftspolitischen Interessen Görings, der nützliche (polnische) Arbeitskräfte nicht aussiedeln wollte und an den Transportengpässen der Reichs- und Ostbahn.[78] Der folgende „Zwischen-plan“, den Heydrich am 30. Januar in Anwesenheit von SS-Funktionären aus den Ostgebieten, Vertretern von Himmlers RKFDV-Dienststelle und Görings „Hauptreuhandstelle Ost“ ver-kündete, verschob die Prioritäten erneut: 40.000 Juden und Polen sollten nun den Baltendeut-schen weichen, 120.000 Polen für die anzusiedelnden Wolhyniendeutschen „umgesiedelt“ werden.[79] Erst danach, d. h. nach Beendigung der im März anlaufenden „Wolhynienaktion“, sollte „als letzte Massenbewegung die Abschiebung von sämtlichen Juden der neuen Ostgaue und 30.000 Zigeunern aus dem Reichsgebiet in das Generalgouvernement erfolgen“.[80] AuL3er-dem wollte man nun 800.000 bis eine Million Polen zum Arbeitseinsatz ins Reichsgebiet bringen. Eichmanns ehrgeiziger Plan, alle Juden aus den neuen Reichsgauen bis Ende April 1940 zu vertreiben, wurde also zweimal verändert, weil sowohl die Ansiedlung „Volksdeut-scher“ als auch der Arbeitskräftemangel im Reich Vorrang hatten.

Doch damit war die Diskussion keineswegs beendet. Am 12. Februar 1940 versam-melte Göring die Gauleiter der eingegliederten Gebiete, Staatsekretäre wichtiger Ministerien sowie Himmler und Frank auf seinem Gut „Karinhall“.[81] Es fällt schwer, ein allgemeines Fa-zit dieser Zusammenkunft zu ziehen, da es einen Konsens aller Beteiligten offenbar nicht ge-geben hat. Görings Position, die landwirtschaftliche Produktion in den annektierten Gebieten aufrechtzuerhalten, kollidierte zwar mit Himmlers Vertreibungsplänen für die Polen. Der „Reichsmarschall“ hatte aber nichts Grundsätzliches gegen die Deportationen von Juden ein-zuwenden. Frank müsse die Juden zwar aufnehmen, das solle jedoch „geordnet“ geschehen: „Es darf aber nicht mehr vorkommen, dass Transportzüge ohne ordnungsmässige und fristge-rechte Anmeldung bei dem Generalgouverneur in das Generalgouvernement geschickt wer-den.“[82] Himmler beschwichtigte indes den Generalgouverneur und versprach, die Umsied-lungspläne einstweilen aufzuschieben; seine Strategie war, die Störungen im Generalgouver-nement und in den eingegliederten Gebieten zunächst zu verringern, gleichwohl aber langfris-tig an seinen megalomanischen Bevölkerungsverschiebungsplänen in Osteuropa festzuhalten – wenn auch in vermindertem Tempo. Die „Lösung der Judenfrage“ stand in dieser Phase hinter dem „Festigungsauftrag“ des RKF zurück.

Franks Position war klar: Die bisherige Deportationspraxis habe den Aufbau einer ef-fektiven Verwaltung im Generalgouvernement verhindert und obendrein zu wirtschaftlichen und ernährungspolitischen Schwierigkeiten geführt. So deutlich Franks Haltung auf der Kon-ferenz war, so schwankend erscheint seine spätere Bewertung der Besprechung. Anfang März bemerkte er gegenüber seinen Mitarbeitern nach der Rückkehr ins GG sarkastisch: „Wir ha-ben noch nicht genügend Juden im Lande; wir kriegen noch viel mehr ins Land hinein; das ist erst der Anfang. Wir leiden direkt unter einem Judenmangel. Wir bekommen noch mindestens 400- bis 600 000 Juden ins Land hinein. Dann können wir uns erst allmählich darüber unter-halten, was mit ihnen zu geschehen haben wird. ... Im übrigen besteht ja der Plan, daß sie alle in den östlichen Teil des Generalgouvernements mit der Grenze nach Sowjetrußland überführt werden sollen, und das werden wir auch durchsetzen.“[83] Zwei Tage später erklärte er im Dist-rikt Lublin: „Es ist unbeschreiblich, welche Meinungen sich im Reich gebildet haben, daß das Gelände des Generalgouvernements östlich der Weichsel immer mehr als eine Art Judenre-servat in Aussicht genommen ist.“[84] Auf der anderen Seite hob der Generalgouverneur hervor, dass er von Göring quasi ein Vetorecht zugesprochen bekommen habe für alle Umsiedlungs-aktionen, die sein Herrschaftsgebiet beträfen, und er nun die Vollmacht besitze, Umsiedlungszüge zu stoppen.[85] Und dann kam Frank zu einer Einschätzung des Treffens auf „Karinhall“, die zeigt, dass er die Taktik Himmlers nicht durchschaut hatte: „Im Allgemeinen ist ja der große Umsiedlungsgedanke aufgegeben. Von dem Gedanken, daß man 7,5 Millionen Polen nach und nach in das Generalgouvernement hereintransportieren kann, ist man völlig abgekommen. Es handelt sich nur noch um die Frage der Abführung von etwa 100-120.000 Polen, etwa 30.000 Zigeunern und einer nach Belieben festzusetzenden Zahl von Juden aus dem Reich, denn das Endziel soll sein, das Deutsche Reich judenrein zu machen. Daß das aber nicht in einem Jahr geht und insbesondere nicht unter den Umständen des Krieges, sieht man auch in Berlin ein.“[86]

[...]


[1] Vgl. dazu die Übersichtsartikel von Ulrich Herbert, Vernichtungspolitik. Neue Antworten und Fragen zur Ge-schichte des „Holocaust“, in: ders. (Hg.), Nationalsozialistische Vernichtungspolitik 1939-1945. Neue For-schungen und Kontroversen, Frankfurt 21998, S. 9-66, hier S. 12-19 und Ian Kershaw, Hitler und der Holocaust, in: ders., Der NS-Staat. Geschichtsinterpretationen und Kontroversen im Überblick, Neuausg. Hamburg 1999, S. 148-206, hier S. 150-162.

[2] Vgl. Karl Dietrich Bracher, Die deutsche Diktatur. Entstehung, Struktur, Folgen des Nationalsozialismus, Köln 1969. Die Vernichtung der jüdischen Bevölkerung wird hier auf nur zwölf (von insgesamt 580) Seiten darge-stellt.

[3] Vgl. Konrad Kwiet, Zur historiographischen Behandlung der Judenverfolgung im Dritten Reich, in: Militärge-schichtliche Mitteilungen 1980, Heft 1, S. 149-192, hier S. 149-153.

[4] Hans Buchheim, Martin Broszat, Hans-Adolf Jacobsen und Helmut Krausnick, Anatomie des SS-Staates, Mün-chen 61994, (11967).

[5] Das ist ein Begriffspaar, mit dem Tim Mason 1979 auf einer Tagung als Erster die Positionen bezeichnete; einen Einblick in diese – mittlerweile überwundene – Debatte gibt z. B. Ian Kershaw, Hitler: „Herr und Meister im Dritten Reich“ oder „schwacher Diktator“?, in: Der NS-Staat, S. 112-147 (m. weit. Lit.).

[6] Vgl. die informativen Beiträge von Christopher Browning, Jenseits von „Intentionalismus“ und „Funktionalis-mus“: Die Entscheidung zur „Endlösung“, in: ders., Der Weg zur „Endlösung“. Entscheidungen und Täter, Bonn 1998, S. 67-104, hier S. 67-75; ders., Der Entscheidungsprozess im Machtzentrum. Weichenstellungen für die „Endlösung“, in: ders., Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter, Frankfurt/Main 2001, S. 47-92, bes. S. 47-55.

[7] Dieser Meinung ist Richard Breitman, Heinrich Himmler. Der Architekt der „Endlösung“, Zürich 32000. Der moderat „intentionalistisch“ argumentierende US-Historiker ist der Ansicht, dass es seit den Planungen im Vor-feld des Russlandkrieges zwischen Hitler und Himmler eine Verschwörung gegeben habe, und beide, miteinan-der geistesverwandt und symbiotisch verbunden, seitdem nur auf eine günstige Gelegenheit warteten, um den Völkermord in die Tat umzusetzen; Himmler, der „Architekt der Endlösung“, sei aber die treibende Kraft im Entscheidungs- und Umsetzungsprozess gewesen.

[8] Der österreichische Historiker Hans Safrian, Die Eichmann-Männer, Wien 1993 sieht im Scheitern des „Unter-nehmens Barbarossa“ und im Beginn des sowjetischen Gegenangriffs seit Anfang Dezember den Grund für die Entscheidung zum Genozid, da damit die Vertreibungskonzepte der NS-Führung obsolet geworden seien; die Wannseekonferenz habe Heydrich verschoben, um einen neuen Plan auszuarbeiten, ebd., S. 169-175; der nieder-ländische Historiker L. J. Hartog, Der Befehl zum Judenmord. Hitler, Amerika und die Juden, Bodenheim 1997 (niederl. 11994) glaubt, durch den Kriegseintritt der USA nach der japanischen Bombardierung Pearl Harbours hätten die Juden für die NS-Führung ihren Nutzwert als Geiseln gegenüber den Vereinigten Staaten verloren, deren Neutralität man erpressen wollte; der Berliner Historiker Christian Gerlach nimmt eine von Hitler auf einer Gauleiterversammlung am 12.12.1941 ausgesprochene „Grundsatzentscheidung“ an, die deutschen und europäi-schen Juden zu vernichten, da sie nach dem Kriegseintritt der USA ihren Wert als Faustpfand eingebüßt hätten und nun an ihnen Vergeltung durch die erneute „Anzettelung des Krieges“ geübt würde: Christian Gerlach, Die Wannseekonferenz, das Schicksal der deutschen Juden und Hitlers politische Grundsatzentscheidung, alle Juden Europas zu ermorden, in: Werkstatt Geschichte, 18, 1997, S. 7-44; der Aufsatz ist unter dem gleichen Titel über-arbeitet zu finden in: ders., Krieg, Ernährung, Völkermord. Forschungen zur deutschen Vernichtungspolitik im Zweiten Weltkrieg, Hamburg 1998, S. 79-152.

[9] Philippe Burrin, Hitler und die Juden. Die Entscheidung für den Völkermord, Frankfurt 1993, bes. S. 172.

[10] Diese Position vertritt der Berliner Historiker Götz Aly, „Endlösung“. Völkerverschiebung und der Mord an den europäischen Juden, Frankfurt/Main 1995. Aly bezieht dabei auch Aspekte des „Euthanasieprogramms“ mit ein; Hitler misst er in seinem Ansatz, der am stärksten von allen „funktionalistisch“ ausgerichtet ist, eine eher untergeordete Rolle zu.

[11] Das ist der Ansatz von Peter Longerich, Politik der Vernichtung. Eine Gesamtdarstellung der nationalsozialis-tischen Judenvernichtung, München 1998.

[12] Diese Meinung vertritt am nachdrücklichsten der amerikanische Historiker Christopher Browning, zuerst in Fateful Months. Essays on the Emergence of the Final Solution, New York 1985; danach in: ders., Der Weg zur „Endlösung“. Entscheidungen und Täter, Bonn 1998; ders., Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Ver-halten der Täter, Frankfurt/M. 2001; ders., Die Entfesselung der „Endlösung“. Nationalsozialistische Judenpoli-tik 1939-1942. Mit einem Beitrag von Jürgen Matthäus, München 2003.

[13] Zum Verhältnis ideologischer und utilitaristischer Faktoren vgl. Ulrich Herbert, Vernichtungspolitik, S. 45-66; Herbert weist hier darauf hin, dass diese nicht im Widerspruch zueinander stehen, sondern miteinander verknüpft sind: Die Entscheidung, ein Massaker durchzuführen, um durch die Liquidation „unnützer Esser“ die Ernäh-rungssituation zu „entspannen“, kann einem akuten pragmatischen Anlass folgen, ist seinerseits aber natürlich ideologisch motiviert, weil die Definition eines „unnützen Essers“ rassistischen Kriterien entspringt, ebd., S. 59f.; vgl. die Beiträge regionaler Untersuchungen in diesem Band von Dieter Pohl (Generalgouvernement), Thomas Sandkühler (Galizien), Walter Manoschek (Serbien), Christian Gerlach (Weißrussland) und Christoph Diekmann (Litauen).

[1] So lautet die zweite Kapitelüberschrift bei Christopher Browning, Die Entfesselung der „Endlösung“. Auch Peter Longerich, Politik der Vernichtung, ist der Auffassung, dass der Beginn des Zweiten Weltkriegs einen „tiefgreifenden Einschnitt“ für die „Judenpolitik“ bedeutete, S. 229f.; er sieht im Herbst 1939 „eine Zäsur für den Übergang der Judenpolitik zur Vernichtungspolitik“, S. 579.

[2] Hitler hatte diese Vorstellung bereits in Mein Kampf entworfen, siehe unten Kap. II. 1.; vgl. auch Eberhard Jäckel , Hitlers Weltanschauung. Entwurf einer Herrschaft, Stuttgart 1981, S. 38–41. Hitler verwendete diese Formulierung auch in einer Besprechung mit Vertretern der Wehrmacht am 23.5.1939, der Bericht ist abgedr. in: International Military Tribunal (IMT): Der Prozeß gegen die Hauptkriegsverbrecher vor dem Internationalen Militärgerichtshof, 14.10.45-1.10.46, 42 Bände, Nürnberg 1947-1949, hier Bd. 37, S. 546-556, Zitat S. 548.

[3] Das „Generalgouvernement“ bestand aus den vier Distrikten Krakau, Radom, Warschau und Lublin.

[4] Zahlen nach Götz Aly, „Endlösung“, S. 15.

[5] Ebd., S. 31.

[6] Davon geht Browning, Entfesselung, S. 30 und S. 627 Anm. 1 aus (m. weit. Lit.).

[7] Franz Halder, Kriegstagebuch, 3 Bände, bearbeitet von Hans-Adolf Jacobsen, Stuttgart 1962-1964, hier Bd. I, S. 25 (Eintrag vom 22.8.1939, Herv. im Orig.).

[8] Vermerk über eine Besprechung Reinhard Heydrichs mit den Amtschefs und Einsatzgruppenleitern am 21.9.1939, betr. die Depotation jüdischer Deutscher und die Ghetoisierung der jüdischen Bevölkerung in Polen, zit. n.: Verfolgung, Vertreibung, Vernichtung- Dokumente des faschistischen Antisemitismus 1933 bis 1942, hg. von Kurt Pätzold, Leipzig 41991, S. 239f., Zitat S. 240.

[9] Diese Formulierung findet sich in einem späteren Vermerk Heydrichs über die Aufgaben der Einsatzgruppen in Polen vom 2. Juli 1940, BA Sammlung Schumacher/457; abgedr. in: Die Ermordung der europäischen Juden. Eine umfassende Dokumentation des Holocaust 1941-1945, hg. von Peter Longerich, München 1989, S. 46. Zu den Anfängen der Einsatzgruppen in Österreich, Sudetenland und der Tschechoslowakei siehe den knappen Überblick bei Helmut Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen. Die Truppe des Weltanschauungskrieges 1938-1942, Frankfurt/Main 1985, S. 13-25; zum Operationsfeld Polen ebd., S. 26-88. Einen Überblick über die Vorgeschich-te gibt auch die Einleitung von Peter Klein in: Die Einsatzgruppen in der besetzten Sowjetunion 1941/42. Die Tätigkeits- und Lageberichte des Chefs der Sicherheitspolizei und des SD, hg. von Peter Klein, Berlin 1997, S. 11-17.

[10] Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen, S. 27.

[11] Krausnick zählt 2700 Mann, ebd., S. 28f.; Browning, Entfesselung, S. 36, kommt auf eine Stärke von 3000 Personen. Die Differenz ergibt sich vermutlich daraus, dass in Krausnicks Aufstellung der 16 Einsatzkomman-dos die EG z.b.V. nicht miteingerechnet ist, wie er in Anm. 10, S. 255f. vermerkt. In beiden Fällen wird die personale Dimension dieser Truppen jedoch deutlich; sie entspricht ziemlich genau der später im Russlandkrieg eingesetzten Zahl an Einsatzgruppenmitgliedern.

[12] Zit. n. Hans Umbreit, Deutsche Militärverwaltungen 1938/39. Die militärische Besatzung der Tschechoslowa-kei und Polens, Stuttgart 1977, S. 76.

[13] Halder, Kriegstagebuch, Bd. I, S. 79 (Eintrag vom 19.9.1939); die Aussprache war nötig, weil heftige Kritik einiger Offiziere am Vorgehen der Einsatzgruppen aufkam; Ziel von Wagner war in diesem Gespräch, dass die „Flurbereinigung“ erst „nach dem Herausziehen des Heeres und nach Übergabe an stabile Zivilverwaltung“

durchgeführt werden sollte, ebd. Die Wehrmachtsführung protestierte also nicht prinzipiell gegen die Massaker an der Zivilbevölkerung, sondern wollte mit der Angelegenheit nichts zu tun haben.

[14] Vgl. die kursorische Übersicht dieser Verbrechen bei Longerich, Politik der Vernichtung, S. 245f., der sich hier auf die aus deutschen und polnischen Quellen schöpfenden Forschungen von Christian Jansen/Arno Weck-becker, Der „Volksdeutsche Selbstschutz“ in Polen 1939/40, München 1992, bezieht.

[15] Vgl. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 245; Browning, Entfesselung, S. 55ff., der hier auch auf neuere Forschungen polnischer Historiker verweist.

[16] Dieter Pohl, Von der „Judenpolitik“ zum Judenmord. Der Distrikt Lublin des Generalgouvernements 1939­1944, Frankfurt/Main 1993, S. 25.

[17] Zu Woyrschs Einsatzgruppe z.b.V. siehe Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen, S. 41-45; hier werden auch die zunehmenden Spannungen zwischen Woyrsch und den militärischen Befehlshabern beschrieben. Wagners Inter­vention bei Heydrich am 22. September erreichte, dass die EG z.b.V. schließlich in das ostoberschlesische In-dustriegebiet zurückbeordert wurde.

[18] Krausnick, ebd., S. 42; im Aktionsraum der EG z.b.V. wurden während des gesamten Polenfeldzuges die rela-tiv meisten Synagogen zerstört.

[19] Zit. n. Helmuth Groscurth, Tagebücher eines Abwehroffiziers 1938-1940. Mit weiteren Dokumenten zur Mili-täropposition gegen Hitler, hg. v. Helmut Krausnick/Harold C. Deutsch, Stuttgart 1970, S. 209, Zitat in Anm. 509.

[20] Diese können hier im Einzelnen nicht dargestellt werden, siehe aber den Überblick bei Krausnick, Hitlers Einsatzgruppen, S. 65-88.

[21] Pohl, „Judenpolitik“, S. 25, der hier neueste polnische Forschungen heranzieht.

[22] Groscurth, Tagebücher, S. 202. Auch an anderer Stelle werden die Vernichtungsabsicht der NS-Führung und die Einweihung der obersten Militärspitze in diese Pläne deutlich. Als Heydrich bei einer Besprechung mit Wehrmachtsvertretern über die „langsame“ Vorgehensweise der Militärgerichte in Rage geriet (obwohl diese 200 Hinrichtungen am Tag [!] vornahmen, Browning, Entfesselung, S. 37), notierte Groscurth in seinem Tage-buch die Haltung Heydrichs: „Die Leute müßten sofort ohne Verfahren abgeschossen oder gehängt werden.“ Danach zitiert er RSHA-Chef wörtlich: „,Die kleinen Leute wollen wir schonen, der Adel, die Popen und Juden müssen aber umgebracht werden’“, ebd. S. 201.

[23] Vgl. Browning, Entfesselung, S. 40-43, Zitat S. 43.

[24] Ebd., S. 41.

[25] Ebd., S. 42.

[26] Vgl. Martin Broszat, Nationalsozialistische Polenpolitik 1939-1945, Stuttgart 1961, S. 26-37.

[27] „Besprechung des Führers mit Chef OKW über die künftige Gestaltung der polnischen Verhältnisse zu Deutschland“, 17.10.1939, abgedr. in: IMT, Bd. 26, S. 378-383, Zitat, S. 381.

[28] Vgl. Browning, Entfesselung, S. 50; Longerich, Politik der Vernichtung, S. 252.

[29] Bundesarchiv Berlin (BAB), R 58/825, Amtsbesprechungen, Protokoll v. 27.9.1939 zit. nach Longerich, Poli-tik der Vernichtung, S. 252.

[30] Vgl. Browning, Entfesselung, S. 66, der sich hier bezieht auf Seev Goshen, Eichmann und die Nisko-Aktion im Oktober 1939, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 29, 1981, S. 74-96, hier S. 80.

[31] Vgl. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 255, der hier auf Hitlers Äußerungen über Pläne eines „Judenre-servats“ gegenüber ausländischen Gästen, sowie ihre Behandlung in der deutschen und internationalen Presse verweist; vgl. dazu auch Pohl, „Judenpolitik“, S. 48.

[32] Zu diesem Schluss kommt Browning, Entfesselung, S. 66. Die im nächsten Kapitel skizzierte erste Vertrei-bung, die „Niskosaktion“, zeigt den tastenden Charakter der „Judenpolitik“ dieser Frühphase: das Regime hielt sich hier beide Optionen offen – die „Umsiedlung“ in ein Reservat und die Abschiebung über die Demarkations-linie.

[33] BAB, R 58/954 (Kopie), Schnellbrief des Chefs der Sicherheitspolizei Heydrich an die Chefs der Einsatzgrup-pen in Polen betr. Die Judenfrage im besetzten Gebiet, 21.9.1939, abgedr. in: Die Ermordung der europäischen Juden, S. 47-52, Zitat S. 47.

[34] Der östliche Distrikt Lublin rückte erst Ende September als Reservatsgebiet in den Vordergrund, als dem Deutschen Reich durch den Vertrag mit der Sowjetunion am 28.9.1939 statt Litauen unerwartet der Raum Lublin zufiel.

[35] BAB, R 58 /825 Amtschefbesprechung vom 29.9., Protokoll vom 1.10.1939, zit. n. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 254.

[36] Vgl. zu diesem Komplex Browning, Entfesselung, S. 173-252.

[37] Zu Eichmann siehe vor allem die neuere Studie von Hans Safrian, Die Eichmann-Männer, Wien 1993.

[38] Eine Übersicht über Eichmanns Berufsanfänge und seine Schule machenden Wiener Aktivitäten findet sich ebd., S. 23-67.

[39] Ebd., S. 72. Eine Außenstelle befand sich in Mährisch-Ostrau/Ostrava, einer Stadt im „Reichsprotektorat Böhmen und Mähren“ an der tschechoslowakisch-polnischen Grenze.

[40] Vgl. Browning, Entfesselung, S. 66f.

[41] Safrian, Die Eichmann-Männer, S. 73.

[42] Zit. nach Browning, Entfesselung, S. 67.

[43] Browning, Entfesselung, S. 68 und Longerich, Politik der Vernichtung, S. 256f., beide mit genauen Zitaten; Safrian, Die Eichmann-Männer, S. 75 und Anm. 37, S. 84 ist mit Seev Goshen, Eichmann und die Nisko-Aktion, S. 85 der Meinung, dass diese angebliche Weisung Hitlers eine Erfindung des karrieresüchtigen Eichmanns ist.

[44] Safrian, Die Eichmann-Männer, S. 76.

[45] Stahlecker sollte im Juni 1941 Führer der Einsatzgruppe A werden, die die Judenvernichtung im Baltikum besonders grausam und „effizient“ betrieb.

[46] Browning, Entfesselung, S. 70; Safrian, Die Eichmann-Männer, S. 77.

[47] So hatten sie zynischerweise sogar eine Erklärung zu unterschreiben, sich freiwillig in ein Umschulungslager zu begeben, Browning, Entfesselung, S. 70.

[48] Vgl. die Schilderungen Überlebender bei Safrian, Die Eichmann-Männer, S. 77f.

[49] Longerich, Politik der Vernichtung, S. 258.

[50] Safrian, Die Eichmann-Männer, S.78. 501 Gefangene wurden Mitte April 1940 wieder in ihre Heimatstädte Ostrava und Wien zurückgebracht, was nicht nur auf den zweifellos chaotischen Charakter der Vertreibungsex-perimente verweist, sondern auch darauf, dass sich die Pläne der „Judenpolitik“ der Naziführung in dieser Zeit verändert hatten.

[51] Zit. n. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 258; vgl. Safrian, Die Eichmann-Männer, S. 78f.

[52] Die folgende Argumentation verfolgt Browning, Entfesselung, S. 72f.

[53] Der überzeugte Antisemit Frank, in dessen Herrschaftsgebiet später viele Juden deportiert und ghettoisiert wurden, sollte aber in naher Zukunft zu einem Hauptkritiker dieser Abschiebepolitik werden – freilich nicht aus moralischen oder humanitären, sondern aus organisatorischen, ernährungs- und machtpolitischen Gründen.

[54] Die Auffassung einer frühen Westoffensive vertrat Hitler schon seit Ende September 1939; Anfang Oktober intensivierten sich seine Pläne für einen frühen Angriffstermin. Der Beginn des Westfeldzuges („Fall Gelb“) war ursprünglich für den 15. November 1939 geplant, musste aber immer wieder – wegen schlechter Wetterbedin-gungen – verschoben werden und wurde schließlich auf den 10. Mai 1940 verlegt; vgl. die knappe aber vorzügli-che Übersicht bei Ludolf Herbst, Das nationalsozialistische Deutschland 1933-1945. Die Entfesselung der Ge-walt: Rassismus und Krieg, Frankfurt/Main 1996, S. 293-298 (m. weit. Lit.).

[55] Schreiben Himmlers vom 9.11.1939 an Bürckel; ein Faksimile ist abgedr. bei Gerhard Botz, Wohnungspolitik und Judendeportation in Wien 1938 bis 1945. Zur Funktion des Antisemitismus als Ersatz nationalsozialistischer Sozialpolitik, Wien/Salzburg 1975, S. 196.

[56] Zu dieser Zeit hieß dieses Gebiet noch „Reichsgau Posen“; erst ab Januar 1940 galt die Bezeichnung „Reichs-gau Wartheland“.

[57] Zum „Vertraulichen Protokoll“ zwischen Ribbentrop und Molotow, in dem der gegenseitige Bevölkerungsaus-tausch festgehalten wurde, siehe Aly, „Endlösung“, S. 39ff.

[58] Dieser Erlass ist – entgegen Himmlers Zielsetzung – nicht veröffentlicht worden, Aly, „Endlösung“, S. 50 Anm. 43; einen Überblick über die Vorgeschichte dieser Ernennung, die mit der geplanten Rücksiedlung von 200.000 Südtirolern beginnt, gibt Aly ebd., S. 46-50; eine Chronologie der Ereignisse, die das ganze Ausmaß dieses riesigen Umsiedlungsprogramms zwischen September 1939 und April 1940 aufzeigt, findet sich ebd., S. 59-92.

[59] „Erlaß des Führers und Reichskanzlers zur Festigung deutschen Volkstums vom 7. Oktober 1939“, abgedr. in: IMT, Bd. 26, S. 255-257, Zitat S. 255. Ein Faksimile dieses Dokumentes findet sich bei Hans Mommsen, Um-volkungspläne des Nationalsozialismus und der Holocaust, in: Helge Grabitz u.a. (Hg.), Die Normalität des Verbrechens. Bilanz und Perspektiven der Forschung zu den nationalsozialistischen Gewaltverbrechen, Berlin 1994, S. 73-75.

[60] Mommsen, Umvolkungspläne, S. 76; zu den HSSPF siehe Ruth Bettina Birn, Die Höheren SS- und Polizeifüh-rer. Himmlers Vertreter im Reich und in den besetzten Gebieten, Düsseldorf 1986.

[61] Insgesamt sollten etwa 80.000 deutschstämmige aus Estland und Lettland ausgesiedelt werden, Mommsen, Umvolkungspläne, S. 72. Ende Oktober wurde in einem deutsch-lettischen Umsiedlungsvertrag beschlossen, zwischen dem 7. November und dem 15. Dezember 1939 48.868 Lettland-Deutsche per Schiff auszusiedeln und in Gdingen, Stettin und Swinemünde vorläufig unterzubringen, wie Aly, „Endlösung“, S. 65 zeigt.

[62] Browning, Entfesselung, S. 73.

[63] Das ist eine Bezeichnung von Götz Aly.

[64] Warschau kapitulierte am 27. September 1939.

[65] BAB, R75/3b, zit. n. Faschismus – Getto – Massenmord. Dokumentation über Ausrottung und Widerstand der Juden in Polen während des zweiten Weltkrieges, hg. v. Tatiana Berenstein u.a., Berlin (Ost) 11962, S. 42f. „Kongresspolen“ waren Polen, die nach 1919 aus dem ehemals russischen in den ehemals preußischen Teil Po-lens ausgewandert waren, vgl. Aly, „Endlösung“, S. 109.

[66] Das geht hervor aus einem Bericht des Befehlshabers der Sicherheitspolizei im Generalgouvernement, Bruno Streckenbach, vom 31.10.1939, siehe Longerich, Politik der Vernichtung, S. 262f.

[67] Browning, Entfesselung, S. 75.

[68] Auf diesen Zusammenhang kann hier nur kursorisch eingegangen werden, vgl. aber die ausführliche Behand-lung bei Browning, Entfesselung, S. 79-83; siehe dazu auch die chronologische Übersicht bei Aly, „Endlösung“, S. 65-69.

[69] Zit. n. Browning, Entfesselung, S. 83. Der „Fernplan“ sollte nach der Volkszählung am 17.12.1939 ausgear-beitet werden, ist aber bislang nicht aufgetaucht; ein gefundener, vermutlich im Amt III des RSHA erstellter Entwurf eines solchen Planes nennt als Ziel die „Entpolonisierung und Entjudung der deutschen Ostprovinzen“, vgl. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 264; dieser Entwurf ist abgedruckt in Aly, „Endlösung“, S. 70f.

[70] Rapp rühmte sich, dabei zahlreiche Hindernisse überwunden zu haben und hielt die „Aktion“ in zwei langen Berichten fest, Browning, Entfesselung, S. 83-85.

[71] Vgl. Christopher Browning, Von der „ethnischen Säuberung“ zum Völkermord und zur „Endlösung“. Die Entwicklung der nationalsozialistischen Judenpolitik 1939-1941, in: ders., Judenmord. NS-Politik, Zwangsarbeit und das Verhalten der Täter, Frankfurt/Main 2001, S. 11-46, hier S. 20. Browning, Entfesselung, S. 85 erklärt das Fehlen dieser Information damit, dass zur Deportation in erster Linie antideutsche und politisch aktive Polen vorgesehen waren. Da es aber in Lodz, einer Stadt mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil, schwierig war, diese Polen aufzuspüren, wurden die Transporte mit Juden „aufgestockt“, um das Plansoll zu erreichen. Das habe Rapp aber schriftlich nicht festhalten wollen, weil damit nur das „Versagen des Systems und die Unfähig-keit der Behörden in Lodz“ zum Ausdruck gekommen wäre.

[72] Browning, Entfesselung, S. 88.

[73] Zit. n. ebd., S. 88.

[74] Die hohe Zahl ergibt sich aus dem Umstand, dass zu diesem Zeitpunkt zwei Städte mit sehr hohem jüdischen Einwohneranteil – Lodz im Warthegau und Sosnowitz-Bedzin in Ostoberschlesien – dem Reich eingegliedert waren, die man vorher nicht mit einbezogen hatte, vgl. Aly, „Endlösung“, S. 44, Browning, Entfesselung, S. 89.

[75] Browning, Entfesselung, S. 89; Aly, „Endlösung“, S. 73f.

[76] Am 4. Januar 1940 überlieferte Eichmann Himmlers Anordnung, dass statt der 600.000 Juden „nur“ noch 352.000 bis 357.000 deportiert werden sollten, und zwar in alle Distrikte des Generalgouvernements, nicht nur nach Lublin, Browning, Entfesselung, S. 89f.

[77] Bis zum 9.2.1940 wurden 128.000 Deutschstämmige aus Wolhynien und Galizien aus dem jetzt von der Sow-jetunion besetzten Teil Polens ins GroL3deutsche Reich gebracht, der gröL3te Teil von ihnen vor allem nach Sach­sen und ins Sudetenland, weil der Warthegau und das GG sie nicht aufnehmen konnten, Aly, „Endlösung“, S. 74f. Aly führt auch an, dass für die „Rücksiedlung“ von „Volksdeutschen“zunächst etwa 500.000 Menschen vorgesehen waren, ebd., S. 45.

[78] Einen genaueren Überblick der Situation bieten Aly, „Endlösung“, S. 73-92 und Browning, Entfesselung, S. 88-104.

[79] Da die Wolhyniendeutschen ländlich geprägt waren und die jüdischen Bewohner eher in den Städten lebten, war die Abschiebung Letzterer für die Ansiedlung Ersterer irrelevant und wurde aufgeschoben, vgl. Browning, Von der „ethnischen Säuberung“ zur „Endlösung“, S. 23.

[80] Aktenvermerk über die Sitzung vom 30.1.1940 im RSHA unter Vorsitz Heydrichs, Nürnb. Dok. NO-5322, abgedr. in: Faschismus – Getto – Massenmord, S. 50-52, Zitat hier S. 51. Es gab schon vorher Überlegungen, die „Zigeuner“ aus Deutschland gleich mit zu vertreiben: Heydrich hatte schon am 21.9.1939 bei der Besprechung mit den Amtschefs und Einsatzgruppenleitern erwähnt, 30.000 „Zigeuner“ aus Deutschland zu deportieren; bei der „Niskoaktion“ hatte der Chef des Reichskriminalpolizeiamts, Arthur Nebe (der spätere Kommandeur der Einsatzgruppe B im Russlandfeldzug), bei Eichmann angefragt, ob er nicht auch gleich die Berliner „Zigeuner“ mit abtransportieren könne, was Eichmann bejahte, indem er vorschlug, einfach zusätzliche Waggons an die aus Wien, Ostrava und Kattowicz abgehenden Deportationszüge anzuhängen, Browning, Entfesselung, S. 69f.

[81] Vgl. Browning, Entfesselung, S. 100-104; Aly, „Endlösung“, S. 84f.

[82] Das Protokoll der „Sitzung über Ostfragen unter dem Vorsitz des Ministerpräsidenten Generalfeldmarschall Göring“ vom 12.2.1940 ist abgedr. in: IMT, Bd. 36, S. 299-307, Zitat S. 302.

[83] Zit. n. Longerich, Politik der Vernichtung, S. 269; Longerich verweist darauf, dass Frank einige Tage zuvor mit Hitler gesprochen hatte und danach ziemlich ernüchtert war; vielleicht war die (innerhalb welches Zeitrau-mes auch immer) geplante Abschiebung der Juden ins GG zwischen ihm und Hitler Gesprächsthema gewesen.

[84] Zit. n. ebd., S. 269.

[85] Browning, Entfesselung, S. 103; Longerich, Politik der Vernichtung, S. 269.

[86] Browning, Entfesselung, S. 103.

Details

Seiten
125
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640352876
ISBN (Buch)
9783640352982
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129713
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin – Friedrich Meinecke Institut
Note
1,3
Schlagworte
Unternehmen Barbarossa Genesis Endlösung Judenfrage

Autor

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Titel: Das "Unternehmen Barbarossa" und die Genesis der "Endlösung der Judenfrage"