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Der Bruderkrieg in Thomas Manns "Betrachtungen eines Unpolitischen"

Hausarbeit (Hauptseminar) 2005 20 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Vorbemerkung

2. Zur Entstehungsgeschichte der 'Betrachtungen eines Unpolitischen'

3. Die TBetrachtungen eines Unpolitischen' als Bruderkrieg
a) Heinrich MamtfZola' - Essay
b) Die Vorrede aus: 'Betrachtungen eines Unpolitischen'
c) Kapitel 6 aus 'Betrachtungen eines Unpolitischen': 'Gegen Recht und Wahrheit'

4. Literaturverzeichnis

1. Vorbemerkung

Diese Hausarbeit will einige Aussagen und Aussageabsichten der 'Betrachtungen eines Unpolitischen' von Thomas Mann nachzeichnen, wobei die Vorrede und das Kapitel 'Gegen Recht und Wahrheit' - entsprechend meinem Referat vom 30.05.05 - den Schwerpunkt bilden. Neben der Entstehungsgeschichte des Textes und seiner Einordnung in den historischen Kontext soll berücksichtigt werden, inwiefern der Konflikt zwischen dem Autor und seinem Bruder Heinrich die Textgestaltung beeinflußt hat. Hierfür wird Heinrich Manns 'Zola' - Aufsatz aus der Essay - Sammlung 'Macht und Mensch' hinzugezogen.

Zitate aus dem Primärtext werden nicht als Fußnote aufgefuhrt, sondern lediglich mit dem Kürzel (TM, S.X) versehen; in meinem Text wird er als 'Betrachtungen' bezeichnet. Textgrundlage ist die anhand der Erstausgabe (S. Fischer Verlag, Berlin 1918) neu durchgesehene Ausgabe im Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt a.M., 2001 (zu finden in der Thomas - Mann - Sammlung in der UB).

2. Zur Entstehungsgeschichte der 'Betrachtungen eines Unpolitischen*

Die 'Betrachtungen eines Unpolitischen' sind im ersten Weltkrieg entstanden und waren von Thomas Mann ursprünglich als kurzer Text geplant. Der Verlauf des ersten Weltkrieges und ein sowohl politischer als auch persönlicher Streit mit seinem Bruder Heinrich lassen das Projekt zu einem umfangreichen Buch heranwachsen, welches Thomas Manns inneren Konflikt zwischen den Wirren seiner Zeit und der konservativen Lebensform, für die er sich entschieden hat, herauskehrt.

Klaus Mann schreibt in der Vorbemerkung seiner Autobiographie 'Kind dieser Zeit': "Unsere Kindheit, nach außen noch ziemlich behütet, war [...] von den [...] ungeheuren Umständen der Zeit derart in Mitleidenschaft gezogen, daß sie fragwürdiger, gefährdeter wurde, als [...] 'bürgerliche Kindheiten' [...] Wenn mein Vater sowohl als meine Mutter noch aus einem [...] rein kapitalistischen Milieu stammten [...] so steht fest, daß die Daseinsformen, in denen wir aufwuchsen, entschieden nicht mehr rein bürgerliche waren [...] Wichtiger ist, daß uns der feste Boden unter den Füßen fehlte, den unsere Eltern noch hatten. Sowohl geistig - moralisch als wirtschaftlich hatten wir gar nichts, womit wir rechnen konnten". [1]

Die bürgerliche Fassade ist noch sichtbar, aber "tiefer drinnen" [2] wird die bürgerliche Existenz großen Umwälzungen unterzogen. Die entscheidende Zäsur für die Erschütterung des deutschen Bürgertums ist der erste Weltkrieg bzw. sein für Deutschland katastrophaler Verlauf. Man kann also - Klaus Manns Sicht auf die geschichtliche Entwicklung folgend - die 'Betrachtungen' als eines der letzen Zeugnisse deutsch-bürgerlicher, konservativ­monarchistischer Denkweise ansehen. Von der Politik bisher weit entfernt, hatte Thomas Mann sich im Jahre 1914 unreflektiert in die Kriegsbegeisterung, die sein Land erfasst hatte, eingereiht. Wie viele andere verfasst er deutschnationale Schriften, die Deutschland auf dem Weg zum Sieg unterstützen sollen, wie etwa 'Gedanken im Kriege' (1914) und 'Gute Feldpost' (1914).

Die 'Betrachtungen' zeigen Thomas Manns Entwicklung im ersten Weltkrieg und werden damit zu einem Spiegelbild der Krise des deutschen Bildungsbürgertums jener Zeit, indem sie exemplarisch die problematisch gewordene Bürgerlichkeit Thomas Manns vorführen.

Der Entstehungsprozeß der 'Betrachungen', der vom September 1915 bis zum März 1918 reicht, gliedert sich nach Hermann Kurzke in 4 Phasen [3]:

Im Herbst 1915 plant Thomas Mann einen "Generalrevisions-Aufsatz" [4], der in erster Linie politische Überlegungen enthalten soll, und eine Selbstvergewisserung über die eigene Haltung im Krieg. Aus dieser Zeit stammen die beiden ersten Kapitel 'Der Protest' und 'Das unliterarische Land'. Im ersten wird Deutschland "als das stets gegen den Geist Roms und des Westens protestierende Land" [5] beschrieben wird. Deutschland ist unliterarisch, "weil der römische Westen 'literarisch' ist" [6]

Die zweite Phase wird durch Heinrich Manns Zola - Essay eingeleitet [7], dessen Lektüre im Januar 1916 für Thomas Mann eine entscheidende Zäsur bedeutet. Er motiviert ihn, seinen Aufsatz zu einem umfangreichen Buch-Projekt auszuweiten; "Kembestand [dieser Phase] ist das Kapitel 'Der Zivilisationsliterat'"[8], in dem der "undeutsche, frankophile Typus des 'fortschrittlichen' [demokratisch-republikanisch gesinnten und politisch aktiven] Schriftstellers und sein Ideal der Demokratisierung (=Entdeutschung)"[9] kritisiert wird; der Typ also, dem Heinrich Mann in vielerlei Hinsicht entspricht. Mit dem Zola - Aufsatz Heinrichs wird der erste Weltkrieg zum Bruderkrieg: nicht nur weil die politischen Ansichten, die Heinrich darin vorstellt, stark von Thomas' Ansichten abweichen, sondern weil Thomas den Aufsatz viel mehr als persönlichen Angriff gegen ihn denn als politisches Buch versteht. Somit entwickeln sich die 'Betrachtungen' von einer bloßen Bestandsaufnahme zu einer Selbstverteidigung.

In der dritten Phase von Frühjahr 1916 bis Anfang 1917 wird der Titel gefunden; die komplizierten Arbeitsgänge zeigen die Unsicherheit Thomas Manns [10] Es enstehen das vierte Kapitel 'Einkehr', ferner 'Bürgerlichkeit' und 'Gegen Recht und Wahrheit'. Außerdem wird das 'Politik' - Kapitel angefangen. [11] Das vierte Kapitel "beginnt die 'General-Revision der eigenen Grundlagen' [mit dem Schwerpunkt] Wagner, Nietzsche und Schopenhauer" [12], das fünfte "stellt die Solidarität der bürgerlich - individualistischen Ethik gegen die Bodenlosigkeit der Ästheten und der Politiker" [13] Das Kapitel 'Gegen Recht und Wahrheit' "verteidigt die Kriegsaufsätze [...] gegen Rolland und gegen Heinrich Mann" [14], der Titel dieses Kapitels ist "ein abgewandeltes Zitat aus Heinrich Manns 'Zola'" [15] und gleichzeitig eine Anspielung auf die Formel 'Einigkeit und Recht und Freiheit'. Kapitel sieben bestimmt "den Ästhetizismus als Freiheit von Politik positiv." [16] und äußert sich zu Themen wie "Bismarck, den Staat, Konservativismus [...] die Demokratie, die politisierte Kunst und Deutschland 1914." [17]

Mit der vierten Phase ab Frühjahr 1917 wird die bis dahin stockende Arbeitsproduktion flüssiger: Nach Beendigung des siebten Kapitels werden 'Von der Tugend', 'Einiges über Menschlichkeit', 'Vom Glauben', 'Ästhetizistische Politik' und 'Ironie und Radikalismus' fertig gestellt. Mit der Vorrede schließt die Entstehungszeit im Februar / März 1918 ab. [18]

Kapitel acht "richtet sich gegen die dünkelhafte und schlagwortartige 'Tugend' des Zivilisationsliteraten" [19], Kapitel neun "entwickelt eine religiös getönte Humanität des Leidens und des Dienens" [20].

Unter Berufung auf Dostojewski steht das zehnte Kapitel gegen eine Ideologie von Freiheit, Gleichheit und Demokratie und bekennt sich zum Glauben an die Liebe, das Leben und die Kunst. [21] Die letzten beiden Kapitel entwickeln Thomas Manns Ästhetik; Kapitel elf "erweist das im Sein Ungegründete [...] des Zivilisationsliteraten" [22], das letzte Kapitel "setzt das eigene Schaffen als ironisches vom 'radikalen' des Zivilisationsliteraten ab" [23]

Manns Haltung steigert sich in Zeiten der nationalen Begeisterung über den Kriegsausbruch "zu einem Nationalismus des geistigen Kriegsdienstes, der [...] eine demagogische Polarisierung zwischen Deutschland und den Weltmächten vomimmt: hier Kultur und Moral, dort Zivilisation und die Machtwelt der Politik"[24] Von diesem Spannungsfeld lebt das ganze Buch, wobei Thomas Mann das Deutsche (also die Kultur, das Unpolitische), Heinrich das Undeutsche (also die Zivilisation, die Demokratie, den Feind) verkörpert - ohne namentlich erwähnt zu werden.

Etwa zwei Drittel der 'Betrachtungen' sind im letzten Jahr der Produktionszeit entstanden, nur etwa ein Drittel in den 1 1/2 Jahren davor [25] ; dies zeigt, dass sich Thomas Mann bei sehr schlechter Verfassung befand. Er scheint mit seinem Gegenstand nicht zurecht gekommen und wenig produktiv gewesen zu sein. Ein Grund hierfür ist eine Schaffenskrise, die ihn schon lange vor dem Krieg erfasst hat: "Ich bin oft recht gemütskrank und zerquält [...] Erschöpfung, Skrupel, Müdigkeit, Zweifel [...] eine [...] Schwäche, daß mich jeder Angriff bis auf den Grund erschüttert [. ..] die Unfähigkeit, mich [...] politisch zu orientieren [...] Ich bin ausgedient [...] und hätte nie Schriftsteller werden dürfen." [26] Thomas ist verunsichert und von großem, aber ziellosen Ehrgeiz. Hinzu kommt noch der Dauerkonflikt mit Heinrich, und die Tatsache, dass er der Kriegssituation politisch nicht gewachsen ist.

In Klaus Manns Autobiographie wird die "Niedergeschlagenheit und Gereiztheit" [27] der Eltern angesichts der politischen Vorgänge geschildert, den Vater zeichnet er als "weniger lustig, gleichsam unweltlicher geworden" [28] Die 'Betrachtungen' seien mit "unerbittlicher Langsamkeit" [29] entstanden.

Klaus Mann nimmt eine ironische Verknüpfgung zwischen den großen politischen Ereignissen und privaten Erlebnissen vor: die Katastrophe des ersten Weltkrieges vergleicht er mit seinem Blinddarmdurchbruch [30]: Krieg durch innere Vereiterung. Die Bündnisse und Feindschaften des 1. Weltkrieges werden mit den Freundschaften bzw. Prügeleien unter Kindern parallelisiert. [31] Außer den Schwierigkeiten bei der Nahrungsbeschaffung ("Es gibt kein Brot. Wir haben so eine Art Fladen gebacken" [32] ist wenig Kriegsrealität im Hause Mann zu spüren: "Wir hörten keinen Schuß, von 1914 bis 1918." [33]

Wie um der kriegerisch - antiaufklärerisch - reaktionären Welt des Krieges - die auch die Welt des Vaters ist - zu entfliehen, liest er Bertha von Suttners 'Die Waffen nieder!', ferner Lessing, Grillparzer, Hauptmann, Ibsen, Heine etc. [34]

Golo Mann erinnert die Atmosphäre im Elternhaus jener Zeit als "eine gut bürgerliche, vielleicht betont bürgerlicher als vor 1914" [35]. Hinter der Fassade aber beobachtet er einen neuen Thomas Mann, aus dem Vater, an dem "wir früher mit [...] Zärtlichkeit gehangen [hatten]"[36] wird ein kriegerisch - patriotischer 'TM'. Die 'Betrachtungen' sieht er in Zusammenhang mit diesem Wandel: "Wohl konnte er noch Güte ausstrahlen, überwiegend aber Schweigen, Strenge, Nervosität oder Zorn. Nur zu genau erinnere ich mich an [...] Ausbrüche von Jähzorn und Brutalität [...] gegen meinen Bruder Klaus [...] Kann man an sich nicht immer sehr nett zu seiner Umgebung sein, wenn man sich ausschließlich der eigenen schöpferischen Arbeit widmet, um wie viel weniger, wenn man Tag fur Tag sitzt an den Betrachtungen eines Unpolitischen [...] Diese [...] Kriegspflicht [...] war dem Autor selber zur schweren Last. [...] Ein Werk [...] für den Abbruch bestimmt, kaum daß es fertig gebaut wäre - das konnte keine gute Laune geben." [37]

Der Vater schätzt die Situation über lange Zeit falsch ein, so glaubt er noch "Ende Juli 1914 [nicht] daß es zum Kriege kommen wird. Man wird bis hart an das Äußerste gehen und dann sich doch irgendwie einigen." [38] Im Dezember 1914 bezeichnet er den 1. Weltkrieg als "großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg" [39] und empfindet Dankbarkeit, "so große Dinge erleben zu dürfen [und] ungeheuere Neugier." [40]

Mit Kriegsgegnern entstehen Konflikte, so etwa mit Katjas Bruder Klaus Pringsheim. Dieser "wußte früh, daß Deutschland den Krieg nie gewinnen könnte" [41] und sprach "spätetestens im Sommer 1917 [...] von der Notwendigkeit eines Verzichtfriedens." [42] Thomas Mann reagiert verständnislos: "'Nun und [...] sollen wir ihnen Elsaß - Lothringen zurückgeben?'"[43]

Heinrich Mann taucht gar nicht mehr im Hause auf, da "Vater und Onkel im Streit miteinader lagen. [...] Später [erzählte] Heinrichs Frau, Mimi, von der letzten Auseinandersetzung zwischen den beiden Bürdem, von Heinrichs [...] überlegenen Reden: 'Weißt du denn nicht, daß Deutschland den Krieg verlieren wird, daß seine herrschenden Stände die Hauptschuld daran tragen, daß er zum Sturz der Monarchie fuhren muß [44].

Die Freundschaften, die Thomas Mann statt dessen pflegt, sind "geistig - deutsch - bürgerlich - unpolitisch" [45] Der Widerstreit zwischen Kultur und Zivilisation zieht sich bis ins Private hinein.

Heinrich Mann bekennt sich früh zu Demokratie und zeichnet sich im 1. Weltkrieg durch eine politische Weitsicht aus, die ihn im späteren Verlauf seines Lebens verläßt. So läßt er sich z.B. in der Hitler - Zeit zu dem stalinistischen Bekenntnis hinreißen, dass "jeder angesichts der Nazi - Diktatur [...] überlegen müsse, 'wie er zum Bolschwismus steht'" [46]

[...]


[1] Klaus Mann 1989, S.7/8

[3] Phasengliederung nachzulesen in Kurzke 2001, S.683-684

[4] Kurzke 2002, S.249

[6] Kurzke 2001, S.678

[7] nachzulesen in Kurzke 2001, S.683

[8] Kurzke 2001, S.684

[9] Kurzke 2001, S.678

[11] nachzulesen in Kurzke 2001, S.684

[12] Kurzke 2001, S. 678

[18] nachzulesen in Kurzke 2001, S.684

[19] Kurzke 2001, S.678

[21] naclizuLesen in Kurzke 2001, S.678

[23] Kurzk'e 2001, S.679

[24] Hansen 1984, S.69

[25] nachzulesen in Kurzke 2001, S.684

[26] Wysling, S. 127/128

[27] Klaus Mann 1989, S.62

[30] nachzulesen in Klaus Mann 1989, S.37

[31] nachzulesen in Klaus Mann 1989, S.53

[32] Klaus Mann 1989, S.68

[33] Klaus Mann 1989, S.64

[34] nachzulesen in Klaus Mann 1989, S. 66, 78/79, 84, 96

[35] Golo Mann 1986, S.37/38

[36] Golo Mann 1986, S.41

[37] Golo Mann 1986, S. 41/42

[38] Golo Mann 1986, S.32

[39] Wysling 1984, S.134

[40] Wysling 1984, S.131

[43] Golo Mann 1986, S.39

[44] Golo Mann 1986, S.40

[45] Golo Mann 1986, S.44

[46] Ringel 2000, S.322

Details

Seiten
20
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640359707
ISBN (Buch)
9783640359356
Dateigröße
17.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129576
Institution / Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf – Germanistisches Seminar II
Note
1,0
Schlagworte
Bruderkrieg Thomas Manns Betrachtungen Unpolitischen

Autor

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