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Die Kopfpauschale eine Option zur Reform der gesetzlichen Krankenversicherung im Kontext der Reformdiskussion

Seminararbeit 2006 11 Seiten

VWL - Gesundheitsökonomie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Diskussion um die Finanzierung der Krankenversicherung

3. Hauptmerkmale der Kopfpauschale

4. Wesentliche Unterschiede zum Modell der GKV
4.1. Verbreiterung der Bemessungsgrundlage
4.2. Veränderung der Umverteilungsprozesse

5. Ausgewählte Auswirkungen der Kopfpauschale
5.1. Nachhaltigkeitswirkungen
5.2. Beschäftigungswirkungen
5.3. Verteilungswirkungen
5.4. Ausgewählte zentrale Vorteile der Kopfpauschale
5.5. Ausgewählte zentrale Kritikpunkte der Kopfpauschale

6. Einführung einer Bürgerversicherung mit Kopfpauschale in den Niederlanden
6.1. Vorherige Krankenversicherung
6.2. Struktur der neuen Versicherung
6.3. Kernelemente der neuen Krankenversicherung

7. Einkommensbezogene versus pauschale Krankenversicherungsbeiträge

8. Resümee

9. Literatur- und Rechercheverzeichnis:

1. Einleitung

In der Lehrveranstaltung zur Sozialpolitik wurden Entwicklungen, wie der demografische Wandel, bereits besprochen. Neben diesem gelten vor allem die veränderte Morbidität, der medizinisch-technische Wandel, medizinischer Fortschritt, veränderte Präferenzen der Versicherten und weitere Faktoren als große Herausforderungen für die in Europa historisch gewachsenen Sozialsysteme. (Vgl. Grabka Diss. 2004: 29ff)

Aufgrund der erwarteten Entwicklungen wird über eine Vielzahl von möglichen (grundlegenden) Gesundheitsreformen auf sehr unterschiedlichen Ebenen diskutiert.

So sollen in dieser Seminararbeit zunächst ein kurzer allgemeiner Einblick in die Reformdiskussion der Bundesrepublik Deutschland gegeben werden. Nach der Darstellung der wesentlichen Kernelemente der Kopfpauschale und einigen Unterschieden zur GKV werden mögliche Wirkungen dieser präsentiert.

Im weiteren Verlauf wird die Einführung der Kopfpauschale am Beispiel der Niederlande erläutert.

Abschließend findet sich nach einem kritischen Begriffseinwurf das Fazit mit persönlicher Meinung des Autors.

2. Diskussion um die Finanzierung der Krankenversicherung

In der BRD hat die Debatte über die Finanzierungsform der Krankenversicherung nicht zuletzt durch die Einsetzung der so genannten „Rürup-Kommission“[1] viele Konzepte hervorgebracht. Die Vorschläge reichen von der Stabilisierung des Status quo durch Kopfpauschalen über die Einführung von Teilkapitaldeckungsverfahren bis hin zu einer kompletten Systemumstellung zu voll kapitalgedeckter Finanzierung. (Vgl. Henke et al 2004)

Der Streit um die Finanzierungsreform spiegelt sich auch in verfestigten politischen Positionen wieder. SPD und Grüne bevorzugen das Bürgergeld, während die CDU/CSU die Gesundheitsprämie bevorzugt. (Vgl. Richter 2005: 693)

Auch in der Schweiz wurden Pauschalprämien durch das Bundesgesetz über die Krankenversicherung (KVG) mit dem 1.1.1996 eingeführt, wodurch es im Zusammenhang mit den erwähnten Ereignissen zu einer Hochkonjunktur in der Debatte für Kopfprämien als Finanzierungsform der Krankenversicherung in der BRD gekommen ist; so setzt sich dieser Text genauer mit dieser Form auseinander. (Vgl. Greß et al 2005: 4 und Grabka Diss. 2004: 122)

3. Hauptmerkmale der Kopfpauschale

Theoretisch können die wesentlichen Punkte der Kopfpauschale in wenigen Sätzen dargestellt werden. Bei näherer Betrachtung der einzelnen Reformvorschläge differieren einige von diesen stark (siehe Bemerkung in Fußnote 2) und daher finden sich im Folgenden nur die wesentlichen Hauptmerkmale.

„Bei einer Pauschalprämie wird innerhalb einer Region und einer Versicherung ein für alle Versicherte gleicher, insgesamt ausgabendeckender Beitrag für die Krankenversicherung erhoben. Die Bemessung des Beitrages erfolgt also unabhängig vom persönlichen Krankheitsrisiko und weiteren individuellen Merkmalen. […] Die eigentliche Solidarfunktion des Ausgleichs zwischen Gesunden und Kranken bleibt durch die Finanzierung von Pauschalprämien weiterhin gewahrt.“ (Grabka Diss. 2004: 122)

Im ökonomischen Sinn handelt es sich bei den Beiträgen zur Krankenversicherung als Kopfpauschale um eine Steuer, da Gegenleistung zum großen Teil unabhängig vom geleisteten Betrag ist. (Vgl. Kifmann 2005: 466)

Die Rechtfertigung für die fehlende Äquivalenz zwischen bezahlter Prämie und empfangener Leistung kann dadurch erklärt werden, dass die Wahrscheinlichkeit für eine (schwere) Erkrankung ex ante nicht bekannt ist und jeder Versicherte potentiell davon betroffen sein kann. Die Pauschalprämie entspricht damit dem Gegenwert aller Leistungen bei Eintritt einer Erkrankung. (Vgl. Grabka Diss. 2004: 124)

Weiters kann eine Prämienverbilligung – wie im Modell der Schweiz – eingeführt werden, die beispielsweise einen Gesamtbetrag des Haushaltseinkommens festlegt, welcher nicht überschritten werden darf. (Vgl. Kifmann 2005: 466) Letztlich ist der steuerfinanzierte soziale Ausgleich wichtiger Bestandteil dieser Reformalternative, vor allem um Akzeptanz für eine mögliche Reform zu schaffen. (Vgl. Grabka Diss. 2004: 126)

Die beiden letztgenannten Vorschläge entstammen beispielsweise zwei der zahlreichen Möglichkeiten der Ausgestaltung der Kopfpauschale auf welche hier nicht weiter eingegangen wird.[2]

4. Wesentliche Unterschiede zum Modell der GKV

Vor allem in der deutschen Reformdebatte wird die Kopfpauschale immer wieder mit der derzeit vorherrschenden gesetzlichen Krankenversicherung verglichen. Dies erscheint deshalb notwendig, um die Wirkungsprozesse näher analysieren zu können. Weiters versuchen die diversen Autoren dadurch erste Vor- und Nachteile für die Einführung einer Kopfpauschale zu finden.

4.1. Verbreiterung der Bemessungsgrundlage

Eines der Hauptargumente für die Einführung der Kopfpauschale liegt in der Erweiterung der Bemessungsgrundlage zur Berechnung des Betrags. So ist die Bemessungsgrundlage nicht mehr an das Erwerbseinkommen gebunden. Die Versicherten zahlen die Prämie aus ihrem gesamten steuerpflichtigen Einkommen und die tatsächliche finanzielle Leistungsfähigkeit wird maßgebend. Damit sind die Beitragsgrundlagen langfristig stabilisiert (Vgl. Kifmann 2005: 466 und Grabka Diss. 2004: 122)

4.2. Veränderung der Umverteilungsprozesse

In der GVK der BRD werden derzeit die Beiträge nicht alters- und risikogerecht bestimmt, sondern es kommt so zu einer interpersonellen und intergenerationalen ex-ante Einkommensumverteilung unter anderem in der Form eines Risikoausgleichs, einer Einkommensumverteilung, eines Familienlastenausgleichs und Generationenausgleichs. (Vgl. Grabka Diss. 2004: 7 und Greß et al 2005: 6f)

Durch die Einführung einer Kopfprämie allein wird die Umverteilung von höheren zu niedrigeren Einkommen aus der GKV eliminiert; diese wird allerdings in den meisten diskutierten Modellen durch einen steuerfinanzierten Transfermechanismus ersetzt. (Vgl. Greß et al 2005: 7)

5. Ausgewählte Auswirkungen der Kopfpauschale

Die möglichen Auswirkungen sind in der Literatur oft sehr genau auf die verschiedenen Detailmodelle bezogen, was in dieser Ausarbeitung nicht berücksichtigt werden kann. Daher wird versucht, grundsätzliche Folgen aufzuzeigen, ohne zu sehr ins Detail zu gehen.

5.1. Nachhaltigkeitswirkungen

Falls die Finanzierung nur über Pauschalprämien durchgeführt wird, sind hier kaum Probleme zu erwarten, da die Prämien für alle Versicherten gleich sind, sind die Einnahmen per Definition unabhängig von der Bevölkerungsstruktur und der steuerfinanzierte Solidarausgleich unberücksichtigt bleibt. (Vgl. Grabka et al 2004: 29)

Werden die Prämien allerdings zum Teil einkommensbezogen finanziert, werden automatisch alle Einkommensarten zur Finanzierung herangezogen werden. Je nach Ausgestaltung seiner Finanzierung gilt das grundsätzlich auch für den sozialen Ausgleich. Bei dynamischer Betrachtung kann hier ein Problem entstehen: Falls die Kosten durch den medizinisch-technischen Fortschritt die Gesundheitsausgaben (und damit auch die Gesundheitsprämie) mehr als die Einkommen steigen lassen, wird in Folge auch der Anteil der Bevölkerung zunehmen, der berechtigt ist, den sozialen Ausgleich in Anspruch zu nehmen. Somit steigt auch der Transferbedarf. (Vgl. Greß et al 2005: 51)

5.2. Beschäftigungswirkungen

Grundsätzlich wirkt sich ein System mit Pauschalprämien mit einem sozialpolitisch begründeter Solidarausgleich über das Steuer-Transfer-System positiv auf das Wachstum und die Beschäftigung aus. Zu beachten sind jedoch die benötigten Steuererhöhungen für die Finanzierung des Solidarausgleichs und der einkommensabhängige Prämienzuschuss, welcher ökonomisch wie eine Einkommenssteuererhöhung wirkt und dadurch sinken bei gegebenem Lohnniveau die Anreize, die Arbeitsleistung auszuweiten. (Vgl. Grabka et al 2004: 27)

[...]


[1] Die als Rürup-Kommission bezeichnete Expertenrunde wurde von der Bundesregierung, vertreten durch Ulla Schmidt, vormalige Bundesministerin für Gesundheit und Soziale Sicherung, eingesetzt. Die Kommission wurde am 21. November 2002 einberufen und beendete ihre Arbeit mit der Übergabe des sog. Rürup-Berichts am 28. August 2003 in Berlin an Ulla Schmidt.
Der Namensgeber ist der Wirtschaftswissenschaftler Bert Rürup, der als Vorsitzender der Kommission agierte. Offiziell hieß das Experten-Gremium Kommission für die Nachhaltigkeit in der Finanzierung der sozialen Sicherungssysteme. Sie setzte sich u.a. zusammen aus Universitätsprofessoren, Arbeitnehmern und Vertretern der Gewerkschaften. Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/R%C3%BCrup-Bericht (1.5.2006)

[2] Einen Überblick über viele Modelle zur Finanzierung der GKV durch Kopfprämien bietet Greß et al 2005: 8ff. Weitere Reformvorschläge zur Finanzierung der Krankenversorgung in Deutschland werden bei Henke et al 2004 systematisiert.

Details

Seiten
11
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640355532
ISBN (Buch)
9783640355358
Dateigröße
396 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129489
Institution / Hochschule
Wirtschaftsuniversität Wien
Note
2
Schlagworte
Kopfpauschale Option Reform Krankenversicherung Kontext Reformdiskussion

Autor

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