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Hofmannsthals Frauen

Frauentypen im Drama "Elektra" von Hugo von Hofmannsthal

Hausarbeit 2006 15 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Wiener Moderne und die Ästhetik der Frauenbilder

2 Analyse: Darstellung der Frauen im Drama `Elektra` von Hofmannsthal
2.1 Elektra und das aggressive Mannweib
2.2 Klytämnestra und die weibliche Sexualität
2.3 Chrysothemis und die mütterliche Weiblichkeit

3 Resümee: Dolce Vita

4 Bibliographie:

Primär:

Sekundär:

1. Wiener Moderne und die Ästhetik der Frauenbilder

Was ist eigentlich „ die Frau“ und wodurch unterscheidet sie sich vom Mann? Diese Frage war vielfach ins Zentrum der philosophisch-kulturellen Diskussionen zur Zeit der Wende vom 19. bis zum 20. Jh. Gestellt worden. Portraits, Allegorien, Akte und zahlreiche literarische Heldinnen verweisen auf die Bedeutung der Frau und ihrer Sexualität als Motiv für das gesamte intellektuelle, kulturelle und literarische Klima Wiens im Fin de siècle. In den intellektuellen Diskursen um die Jahrhundertwende spielte die Geschlechterfrage eine wichtige Rolle, denn in der von Männern dominierten Welt haben die wurde der Frau trotz der Emanzipationsbewegungen ihre Subjektivität verweigert.

Die allgemeine Frauenfrage, die zentral in den Gedanken Wiens um 1900 stand, wurde noch stärker durch die männliche Identitätskrise hervorgehoben. Diese männliche Identitätskrise entstand aus der Unfähigkeit, mit Bedrohungen und Veränderungen Frauen begonnen, sich ihre eigenen Wege zu bahnen. Aber immer noch fertig zu werden. Aus diesem Grund auch wurde die um ihre Rechte kämpfende Frau zu einem natürlichen Feind des männlichen Ichs. Der Geschlechterkampf zwischen Mann und Frau wurde in Literatur, Psychologie und Philosophie deutlich spürbar. Im philosophischen Diskurs eines der bedeutendsten Denker dieser Zeit, Otto Weiniger, wird die Frau als seelenlose Materie dargestellt, die sich im Widerspruch zum asketischen Geist befindet. Er schildert die Frau als Gegensatz zu Ratio und Technik und weist darauf hin, dass es in dieser Polarität keine Lösung gibt. „Weiniger schreibt, dass es keine eindeutigen Geschlechter gebe, sondern eben nur gemischte: Männer haben weibliche Elemente und Frauen eben männliche.“[1] Die Frau wurde also als von den Männern als Bedrohung für die männliche Welt empfunden und dadurch wurde sie zum Gegenstand der Forschung und zum Störfaktor in der bestehenden Geschlechterordnung und zum Problem degradiert.

Die Epoche der Wiener Moderne entwickelte in ihrem Ästhetizismus nicht nur ein einheitliches Frauenbild, sondern es gab unterschiedliche Typen. Erstens wurde die Frau zu einem sexuellen Geschöpf reduziert. Durch die Darstellung der Frau als Hure und Hurenkult äußerte sich die „Kritik der bürgerlichen Doppelmoral, provoziert von extremen Frauen“[2]. Zweitens wurde die Frau als ein krankes Wesen gezeigt. Die Weiblichkeit wurde oft mit der Hysterie oder mit einem Nervenzusammenbruch gleichgestellt. „Zwei große Krankheiten prägten die Kultur der Zeit, die Tuberkulose und die Hysterie, Empfindsamkeit, Schwäche, Nervosität.“[3]

In der polarisierten Mann-Frau-Welt der Wiener Moderne findet man ein breites Panorama von weiblichen Figuren und ein „großes Provokationsmaterial gegen die anständigen Bürger, das von Androgynität und Blasphemie bis zu Satanismus und Zerstörungsorgien reicht, von Allmachtsphantasien bis zum Kult der Nervosität, von der Zerbrechlichkeit der femme fragile bis zur männervernichtenden ´femme fatale´“[4]. Diese zwei Begriffe der ´femme fragile und femme fatale´ sind wichtige in der Ästhetik der Wiener Moderne stilisierte Frauentypen. Die femme fragile symbolisiert die weibliche Mädchenzartheit und elegante Schwindsüchtigkeit. Sie ist eine kränkliche Schönheit. „Femme fragile, der Frauentypus der englischen Präraffaeliten war lang, schmal, gespenstig, mager und von einer fahlen Blässe und erschien mit seinen langen aufgelösten Haaren und buschig weißer Gewandung als gespenstige Vision.“[5] Dieses Frauenbild verkörpert eine schöne, sinnliche, aber schwache Frau, die durch die Krankheit geplagt wird, aber die offensichtlich von der körperlichen, hässlichen Seite des Krankseins unberührt bleibt. Dieser `schwachen Schönheit` wird ein anderes Frauenbild gegenübergestellt – Femme fatale. Femme fatale verkörpert ein Modell weiblicher Emanzipation. Mit der Femme fatale wird ein verführerisches Machtweib stilisiert. „Mit der Femme fatale werden keine Wesensbestimmungen der Frau geliefert, sondern es wird ein Wunsch- und Angstbild des Weiblichen entworfen, das in der Zeit des Fin de siècle seine markanteste Ausprägung erfährt. Als ästhetischer Typus ist sie Spiegel und Movens des damals herrschenden Bewusstseins“[6].

Diese Frauenbilder um die Jahrhundertwende markieren „eine ästhetische Gestaltung dämonisierter Weiblichkeit“[7], worüber nicht nur in der Literatur, sondern vor allem in der Psychologie und Sexologie geschrieben wurde. Nach der Theorie von Michel Foucaults[8] lassen sich die Darstellungen der Frauen von diesen drei Psychophilosophen in einem Dreieck veranschaulichen:

Sigmund Freud
entsexualisierte Frau
Frank Wedekind Otto Weininger
sinnliche Frau sexueller Charakter der
- positiv gewertet Frau - negativ gewertet

Foucaults These stellt das gegensätzliche Verhältnis von Freud - Weininger sowie Weininger und Wedekind dar. Diese in einem Dreieck veranschaulichten Thesen sind trotzdem zwiespältig aufgrund verschiedener Tabuisierungen, Mystifizierungen und Denunziationen des Weiblichen. In der Krise des männlichen Selbstbewusstseins war die Hysterie eine Projektion weiblicher Normalität. „Freud verbrämte wissenschaftlich die Hysterie und Misogynie mit dem Mythos der Frau als dem negativen Charakter der Frau.“[9] Weiningers Frauenbild bestimmt die Frau in großer Negation zum Mann. In seinem Buch „Geschlecht und Charakter“ aus dem Jahr 1903 weist Weininger „dem Weiblichen einen alogischen und amoralischen, ich- und seelenlosen sowie ungenialen und unsozialen Charakter“[10] zu. Demgegenüber erscheint Wedekinds sinnliche Frau im Fin de Siècle als ein Sinnbild entfesselter Erotik, denn „Wedekind stilisiert die Frau zum lustvollen Naturprinzip“[11].

Diese drei Spitzen des Dreiecks bilden drei verschiedene Darstellungen der Frauen, die ohne Zweifel im Drama `Elektra` von Hugo von Hofmannsthal zu finden sind. In seinem einaktigen, nach Sophokles bearbeiteten Drama entwickelt Hofmannsthal einen Diskurs über die Weiblichkeit. Hofmannsthal schildert drei Aspekte der weiblichen Natur. Zu seiner Darstellung des Weiblichen in seinem Drama sagt Hofmannsthal, dass „ diese Frauentypen wie die Schattierungen eines intensiven und geheimlichen Farbtones gleichzeitig aufgegangen.“[12] werden. Hofmannsthal verkörpert das entsexualisierte, todbringende und aggressive Bild des Weiblichen, was man bei Freud finden kann in seiner Elektra - Hauptheldin des Dramas. Elektra ist im Drama eine Frau, aber sie unterdrückt alle weiblichen Charaktereigenschaften und wird dadurch zu einem Mannweib (Kapitel 2.1). Durch die Person der Klytämnestra enthüllt Hofmannstahl die sexuellen Seiten des weiblichen Wesens. Klytämnestra, Mutter von Elektra, begeht Mord an ihrem Mann Agamemnon, um Aegisth in ihr Bett lassen zu können. Klytämnestra ist das Sinnbild der weiblichen Sexualität und der fleischlichen Lust, das von Weninger negativ beurteilt wird ( Kapitel 2.2). Der dritte Frauentypus, der parallel zu oben genannten beiden Frauendarstellungen zentral im Drama steht, ist die Frau als sinnliches Wesen, das seine Rolle als Frau und Mutter anerkennt und danach strebt. Die Frau als Symbol der Mütterlichkeit wird im Drama durch die Person Chrysosthemis, Schwester von Elektra, veranschaulicht (Kapitel 2.3). Wie genau diese drei Frauen im Drama dargestellt werden und warum Hofmannsthal zwei Frauentypen sterben und nur die sinnliche Weiblichkeit überleben lässt, ist der Kern der folgenden Untersuchung.

Zitiert wird aus „ Elektra“ von Hugo von Hofmannsthal nach Seite und nach der Ausgabe der Reclam Universal-Bibliothek (Nr. 18113)

[...]


[1] Brigitte Hamann, Frauenbilder um die Jahrhundertwende, in: Richard Straus. Hugo von Hofmannsthal Frauenbilder, hrsg. v. Ilija Dürhammer, Pia Janke, Edition Praesens, Wien 2001, S. 20.

[2] Ebda., S. 21.

[3] Sylvia Kronberger, Die unerhörten Töchter. Fräulein Else und Elektra und die gesellschaftliche Funktion der Hysterie, Studien Verlag, Insbruk, Wien, München, Dozen 2002, S. 142.

[4] Theresa Rocha – Barco, Ästhetizismus und frauenfeindliche Weiblichkeit, in: Richard Straus. Hugo von Hofmannsthal Frauenbilder, hrsg. v. I. Dürhammer, P. Janke, Edition Praesens, Wien 2001, S. 132.

[5] Ariane Thomalla, Die `femme fragile`. Ein literarischer Frauentypus der Jahrhundertwende, Düsseldorf 1972, S. 25.

[6] Carola Hilmes, Die Femme fatale. Ein Weiblichkeitstypus in der nachromantischen Literatur, Stuttgart 1990, S. 5.

[7] Ebda., S. 50.

[8] Annemarie Taeger: Die Kunst, Medusa zu töten. Zum Bild der Frau in der Literatur der Jahrhundertwende. Bielefeld 1987, S. 73.

[9] Ebda., S. 74.

[10] Nike Wagner, Geist und Geschlecht, Karl Kraus und die Erotik der Wiener Moderne, Suhrkamp Frankfurt am Mein 1982, S. 35.

[11] Johannes Pankau, Frank Wedekind, Drama und Aufklärung. Weiblichkeit und Dressur. In: Ders., Sexualität und Modernität, Studien zum deutschen Drama im Fin de Siècle, Königshause und Neumann Würzburg 2005, ( Wedekindlekturen 4), S. 92.

[12] Hugo von Hofmannsthal, Briefe 1900- 1909, hrsg. v. Heinrich Zimmer, Wien 1939, S. 384.

Details

Seiten
15
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640391332
ISBN (Buch)
9783640391493
Dateigröße
442 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129392
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,7
Schlagworte
Hofmannsthals Frauen Frauentypen Drama Elektra Hugo Hofmannsthal

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Titel: Hofmannsthals Frauen