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Halb oder gar nicht: Eine Analyse von Georg Büchners Darstellung der Französischen Revolution in "Dantons Tod"

Hausarbeit 2006 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung: Die Frage nach dem Unfertigen

2 Analyse: Die Revolution ist noch nicht fertig
2.1 Das Volk und die materiell-praktische Perspektive
2.2 Robespierres und die kollektivistische Perspektive
2.3 Danton und die individualistische Perspektive

3 Resümee: Mittendrin und schon vorbei

4 Bibliografie

1 Einleitung: Die Frage nach dem Unfertigen

Dantons Tod von Georg Büchner ist nicht nur als dramatische Unterhaltung von Interesse. Schon Büchners eigene Biografie drängt die Rezeption des Stücks schnell in eine politische Interpretation hinein. Büchner hat selbst einige identifikatorische Momente ins Stück eingebaut, wie die Verkürzung Dantons Vornamens von George-Jacques auf Georg und ein Zitat aus seinem bekannten Fatalismus-Brief, das er Danton aussprechen lässt.[1] Der Danton Büchners ist von dem historischen Danton sehr verschieden. Da Büchner aber diese große historische Persönlichkeit als Hauptfigur gewählt hat, stellen sich auch viele Fragen zum Beispiel nach der Beziehung zwischen Text und Geschichte: Warum also ist das Drama zu diesem bestimmten Zeitpunkt – die dreizehn Tage vor Dantons Hinrichtung (24.März bis 5.April 1794) – angesiedelt?

Büchner schildert in Dantons Tod die Revolution nicht von ihrem Beginn her dar, sondern er von einem Zeitpunkt des revolutionären Geschehens, zu dem die Revolution und ihre Ideale in Frage gestellt werden, und die revolutionären Führer sich neu überlegen müssen, in welche Richtung sie den weiteren Verlauf der Revolution lenken sollen. Büchners Hauptaugenmerk gilt gerade der Phase der Revolution, in der die Guillotine das einzige Mittel zu sein scheint, die Menschen von ihrer frustrierenden politischen Lage und von der materiellen Not abzulenken. Alle im Drama dargestellten Figuren sind mit dem Status quo unzufrieden und der allgemeine Zustand wirkt desolat. Die in den revolutionären Parolen propagierten Werte – Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit – verwandelten sich in der Wirklichkeit in eine Schreckensherrschaft, in der die Guillotine die Rolle des einzig gültigen Maßstabs übernimmt, denn vor der Guillotine sind alle gleich. Diese Situation kann insofern auch als „Halbheit der Revolution bestimmt werden, infolge des Widerspruchs zwischen den von ihr proklamierten Idealen und der durch sie hergestellten Wirklichkeit“ (Thorn-Prikker 1978:13). Als „Halbheit der Revolution“ bezeichnet Thorn-Prikker „ein Bild der Revolution als einer unvollendeten Revolution und damit auch ein Bild einer unabgeschlossenen Geschichte“ (S.15).

Die vorliegende Seminararbeit nimmt die Wahl dieses spezifischen Zeitrahmens zum Anlass, Büchners Position zur Französischen Revolution näher zu untersuchen. Ich frage danach, wie Büchner mit seinem Text Stellung bezieht, und ob er dabei Partei ergreift. Mein Ansatzpunkt ist hierbei ein Motto, das Büchner bezeichnenderweise (im Abstand einer Buchseite in der fünften und sechsten Szene des ersten Aktes) gleich beiden Gegenspielern – Danton und Robespierre – in den Mund legt: „Die Revolution ist noch nicht fertig“. Der Begriff des „Unfertigen“ hat im Zusammenhang mit der Revolution keineswegs einen neutralen, rein beschreibenden Charakter, sondern meint im Grunde ihr Scheitern. Für die Revolution gilt, dass sie entweder ganz gelingen, also zuende geführt werden muss, oder aber sie versagt. Hier stehen wir vor dem Problem, wie wir uns nach Büchner das Verhältnis zwischen dem Unvollendeten und dem Scheitern genau vorzustellen haben: Ist die Halbheit verantwortlich fürs Versagen, oder ist das Versagen verantwortlich für die Stagnation?

In Büchners dramatischer Ausgestaltung dieser Problematik lassen sich drei polarisierende Perspektiven auf den unfertigen Zustand unterscheiden, die im Folgenden einzeln analysiert werden:

Auf der Ebene des Volkes entwirft Büchner eine materiell-praktische Perspektive (Kapitel 2.1), auf der Ebene der Fraktion um Robespierre eine kollektivistische Perspektive (Kapitel 2.2) und auf der Ebene der Fraktion um Danton eine individualistische Perspektive (Kapitel 2.3). In diesem Polyperspektivismus bringt Büchner ein bestimmtes politisch-philosophisches Sinnangebot zum Ausdruck, das ich im Resümee (Kapitel 3) zusammenfasse.

Zitiert wird aus Dantons Tod nach Akt/Szene und Seite nach der Ausgabe aus Reclams Universal-Bibliothek (Nr.6060).[2]

2 Analyse: Die Revolution ist noch nicht fertig

2.1 Das Volk und die materiell-praktische Perspektive

Auf der Ebene des Volkes, das der eigentliche Träger der Revolution ist, wird die Revolu-tionswirklichkeit dargestellt. Das Volk ist in den Zerfallprozess der Revolution hineingezogen, und in ihm spiegelt sich die reale materielle Situation während der Schreckenszeit wider.

Das Volk erwartete von der Revolution vor allem eine Verbesserung der materiellen Lebensverhältnisse. Dem stand jedoch in erster Linie die institutionalisierte Ungleichheit des Feudalstaats entgegen. Revolution heißt in diesem Sinne zunächst Zerstörung. Aber natürlich hätten auch neue Institutionen entstehen sollen. „Die große wirkliche Frage, die die Französische Revolution zu lösen hatte, war die Zerstörung der Ungleichheit und die Einführung von Institutionen, welche dem französischen Volk das Glück sichern sollten“ (Wender 1992:123). Doch die Revolution hat zu dem Zeitpunkt, zu dem Büchner sie darstellt, weder die positiven noch die negativen Ziele erreicht. Der Kampf gegen die Aristokraten nimmt kein Ende und die Bürger leiden nach wie vor Hunger. Diese Situation schildert Büchner in der zweiten Szene des ersten Aktes, in der die Stimmung im Volk wiedergegeben wird. Der Erste Bürger geht auf Simon ein, dessen Tochter sich prostituiert, um ihre Eltern zu ernähren:

Ihr Hunger hurt und bettelt. Ein Messer für die Leute, die das Fleisch unserer Weiber und Töchter kaufen. Weh über die, so mit den Töchtern des Volkes huren! Ihr habt Kollern im Leib, und sie haben Magendrücken; ihr habt Löcher in den Jacken, und sie haben warme Röcke; ihr habt Schwielen in den Fäusten, und sie haben Samthände. Ergo, ihr arbeitet und sie tun nichts; ergo, ihr habt’s erworben, und sie haben’s gestohlen; ergo, wenn ihr von eurem gestohlnen Eigentum ein paar Heller wiederhaben wollt, müßt ihr huren und betteln; ergo, sie sind Spitzbuben und man muss sie totschlagen! (I/2, S.10)

Für das Volk scheitert die Revolution, weil weder die sozialen Unterschiede ausgeglichen wurden, noch der materielle Grundbedarf gedeckt worden sind. Der Hunger und das Elend des Volkes lösen eine steigende Wut gegenüber der Aristokratie aus, die nach wie vor ein gutes und wohlhabendes Leben führt. Daher verlangt das Volk nach der Guillotine, weil nur sie ihm das Gefühl der Gleichheit geben. Das Umschlagen der Unzufriedenheit des Volkes in Mordlust bringt der Erste Bürger deutlich zur Sprache: „Unsere Weiber und Kinder schreien nach Brot, wir wollen sie mit Aristokratenfleisch füttern. Heh! totgeschlagen, wer kein Loch im Rock hat!“ und die Masse wiederholt: „Totgeschlagen! Totgeschlagen!“ (I/2, S.12.).

[...]


[1] „Es muß ja Ärgernis kommen (...) Was ist das, was in uns lügt, mordet, stiehlt?“ Vgl. Brief aus Gießen an die Braut im November 1833 (Bergemann 121974:374) und Dantons Tod II/6, S.39f.

[2] Dantons Tod ist erstmals im Juli 1835 bei J.D. Sauerländer in Frankfurt/Main erschienen, war aber durch eine Präventivzensur durch Büchners Förderer Karl Gutzkow sehr verunstaltet worden. Eine sich enger an den Originaltext haltende Ausgabe brachte der Bruder Ludwig Büchner erst 1850 im selben Verlag heraus. Diese Ausgabe liegt der Reclam-Ausgabe zugrunde. In ihr sind allerdings einige Teile, wie z.B. die Szenenzählung, ergänzt.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640379262
ISBN (Buch)
9783640379415
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129258
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,3
Schlagworte
Halb Eine Analyse Georg Büchners Darstellung Französischen Revolution Dantons

Autor

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Titel: Halb oder gar nicht: Eine Analyse von Georg Büchners Darstellung der Französischen Revolution in "Dantons Tod"