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Das Gegensätzliche als ästhetisches Ganze in der Novelle 'Brigitta' von Adalbert Stifter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 16 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2 Vielfalt der Gattungstheorien

3. Brigitta als Novelle der Kontraste
3.1 Das Verhältnis von Wildnis und Zivilisation
3.2. Das Verhältnis von Schönheit und Hässlichkeit
3.3 Trennung und Versöhnung

4 Resümee: Das Gegensätzliche als ästhetische Besonderheit

5 Bibliographie:

1. Einleitung

Das Ziel dieser Hausarbeit ist die Darstellung der Novelle Brigitta von Stifter und die Untersuchung dieses Werkes unter dem ästhetischen und pädagogischen Aspekt. Eine einleitende Annäherung zu der Novelle Brigitta bildet die kurze Darstellung der theoretischen Vielfalt der Novelle als literarische Gattung. Im Hauptteil dieser Arbeit wird die Novelle Brigitta auf inhaltlicher Ebene untersucht, und zwar auf der Ebene der gegenübergestellten Begriffen der Zivilisation und Wildnis (Kapitel 2.1), Schönheit und Hässlichkeit (Kapitel 2.2) oder Trennung und Versöhnung (Kapitel 2.3), die alle samt diesem Werk das Besondere verleihen und durch die das ästhetische Programm ausgeführt wird. Warum Stifter seine Novelle als Gegenüberstellungen konstruiert und welche Bedeutung sie auf die Perzeption des Textes haben, wird in der Zusammenfassung beschrieben.

2 Vielfalt der Gattungstheorien

Auf die Vielfalt der Gattungstheorien um die Novelle weist das Zitat von einem der berühmtesten deutschen Novellisten Ludwig Tieck hin:„Es ist nicht leicht zu sagen, was eigentlich die Novelle sei, und wie sie sich von den verwandten Gattungen, Roman und Erzählung, unterscheide. Die Engländer nennen alles, was in der erzählenden Prosa angehört, novel, und ähnlich machen es die Italiener. Man gibt mit dem Namen bald zu viel, bald zu wenig. Es ist zu viel, wenn man geradezu sagt, die Novelle müsse eine ausgesprochene Tendenz haben, aber noch erwartet man in ihr etwas Hervorspringendes, eine Spitze, in der man sich wiederfindet.(…) Es ist sehr schwer, hier einen allgemeinen Begriff zu finden, auf den sich alle Erscheinungen dieser Art zurückbringen ließen.“[1] Wenn man die grundsätzliche Frage nach der Definition der Novelle in der germanistischen Gattungsgeschichte von Werden und Entwicklung dieser Gattung versucht zu beantworten, stößt man auf zahlreiche Wandlungen sowohl in der Theorie als auch in der Praxis.

Der Begriff der Novelle kommt aus dem römischen Recht[2]. Die Bedeutung der Novelle wurde mit der Zeit zu Neuigkeit allgemein erweitert und in der Renaissance zum ersten Mal als Bezeichnung für eine kurze Prosaerzählung verwendet. Für die Gattungsentwicklung der Novelle gilt Boccaccio mit seinem D ecamerone als „Vater der europäischen Novelle“[3]. In seinem Decamerone erzählen sich zehn Menschen, die vor der Pest auf ein Landgut geflohen sind, in zehn Tagen hundert Geschichten. Auf diese Art und Weise stellt Boccaccio eine Sammlung von neu erfundenen Erzählungen dar, die jedoch alt bekannte Motive und Formen als Märchen, Fabel oder Legende aufweisen. Von hier nimmt die Novelle auch ihren gesellschaftlichen Charakter. Sie wird in einer Gesellschaft erzählt und dadurch hält sich deren Geschmack und Moral.

In Deutschland wird erstmals der Begriff Novelle von Wieland angewandt, aber

„von einer eigentlichen `Geschichte der Novelle` wird man in Deutschland seit Goethe sprechen können“[4], dessen Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten aus dem Jahre 1975 als Vorläufer der modernen deutschen Novelle[5] gelten. Wieland versucht in der zweiten Auflage von D on Sylvio von Rosavia eine Begriffsbestimmung, indem er sagt: „Novellen werden vorzüglich eine Art von Erzählungen genannt, welche sich von den großen Romanen durch die Simplizität des Plans und den kleinen Umfang der Fabel unterscheiden oder sich zu demselben verhalten wie die kleinen Schauspiele zu der großen Tragödie oder Komödie.“[6] Nach Wielands erstem Versuch der Abgrenzung und Definition der Novelle wurden zahlreiche Ansätze unternommen, die eine theoretische und praktische Kunstform der Novelle zu entwickeln versuchten. In der Zeit der Romantik verlangte man von der Novelle, dass sie das Wunderbare und Märchenhafte in sich einschließe. Der Realismus dagegen forderte von der Novelle, dass sie das besondere Augenmerk auf die Bewältigung von Lebensfragen richten und „die tiefsten Probleme des Menschen Lebens“[7] behandeln solle. Ludwig Tieck verlangte für den Bau der Novelle einen „Wendepunkt, von dem aus sie sich unerwartet völlig umkehrt“[8], und Goethe sagte im Gespräch mit Eckermann vom 25. Januar 1827, „denn was ist eine Novelle anders als eine sich unerhörte Begebenheit“[9]. Paul Heyse forderte von der Novelle etwas Besonderes, was diese Geschichte von tausend anderen unterscheidet.

„Wenn der Roman ein Kultur- und Gesellschaftsbild im Großen, ein Weltbild im Kleinen entfaltet (…) so hat die Novelle in einem einzigen Kreise einen einzelnen Konflikt, eine sittliche oder Schicksals-Idee oder ein entschieden abgegrenztes Charakterbild darzustellen und die Beziehungen der darin handelnden Menschen zu dem großen Ganzen des Weltlebens nur in eindeutiger Abbreviatur durchschimmern zu lassen. (…) Im Allgemeinen aber halten wir auch bei der Auswahl für unseren Novellenschatz an der Regel fest, der Novelle, den Vorzug zu geben, deren Grundmotiv sich am deutlichsten abrundet und – mehr oder weniger gehaltvoll – etwas Eigenartiges, Spezifisches schon in der bloßen Anlage verrät.“[10]

Eine allgemeine und allzeit gültige Definition der Novelle lässt sich wegen der Vielzahl der Theorien nicht geben. Heutzutage wird der Begriff anhand verschiedener Definitionen verwendet. Auch die Abgrenzung dieser Gattung zu Roman oder Kurzgeschichte ist relativ fließend. Damit lässt sich feststellen, dass die in verschiedenen Theorien dargestellten Novellemerkmale zusammen eine allgemeingültige Definition dieser Gattung bilden. Anhand der großen Vielfalt der Theorien zeigt sich, dass die Novelle eine Gattung mit großem Spielraum und großen Möglichkeiten ist, die immer wieder neue Theorieideen hervorrufen können.

3. Brigitta als Novelle der Kontraste

Zum ersten Mal erscheint die Erzählung Brigitta 1843 im Journal „Gedanke mein“ als Journalfassung. Ein Jahr später wird diese Novelle in der Buchausgabe zusammen mit anderen Erzählungen unter dem Titel Studien veröffentlicht. „Die Benennung ´Studien´ mag subjektiv genommen, vom bescheidenen Verfasser ausgehend, bezeichnender und richtiger sein; objektiv dem Publikum gegenüber, sind es: ´Novellen´ und zwar Novellen im schönsten und edelsten Sinne des Wortes, wogegen sich, einzelner Abschweifungen und Merkmals-Verschiedenheiten wegen, um so weniger einwenden lässt, als die Grenzlinie dieser Dichtungsart ohnehin weder so haarscharf gezogen ist noch gewissenhaft treu beobachtet und wahrgenommen wird.“[11] Warum gerade Stifter seine Sammlung der Novellen Studien nennt, kann nicht genau erklärt werden. Eins lässt sich jedoch vermuten, dass die ganze Sammlung den Titel Studien bekommen hat, weil es sich bei den fünf Novellen der Sammlung um die Studien des menschlichen Lebens handelt, und zwar um die menschliche Reifung, Ehebruch oder individuelle Sensibilität.

Formal ist die Erzählung in vier Teile untergeteilt. Der erste Teil Steppenwanderung ist einleitend, denn in diesem Teil wird dargelegt, wie der Erzähler, eine junge Frau, aufgrund einer Einladung eines auf Reisen kennen gelernten Majors im wilden Ungarn ankommt. Nach der langen Reise findet die Erzähler, der in der Novelle als Reiseberichterstatter funktioniert, den Weg zum Gut des Majors Stephan Bathori, dessen Nachbarin Brigitta Maroshely ist. Die folgende Zeit, die in dem zweiten Kapitel Steppenhaus beschrieben wird, vergeht nun damit, dass der Major seinen Gast mit dem Leben und der Landschaft und landwirtschaftlichen Tätigkeit seiner Umgebung bekannt macht. So wie der Leser in dem ersten Kapitel mit der Gegenüberstellung der Heimat der Erzählerin und dem wilden Ungarn konfrontiert wird, so stößt er im zweiten Kapitel auf den Gegenpol der ungarischen Wildnis und die von den Gutsbesitzern organisierte Zivilisation. Die Gegenüberstellung der wilden Natur der Zivilisation erscheint als notwendig für die weitere Entwicklung der Novelle, denn darin versteckt sich der Reifeprozess der beiden Protagonisten Brigitta und Stephan. Im dritten Teil der Erzählung Steppenvergangenheit widmet sich die Erzählerin dem Lebenslauf von Brigitta Maroshely und ihrer Heirat mit Stephan Murai. Brigitta selbst, die „im Gegensatz zu fast allen Mädchen- oder Frauengestalten Stifters äußerlich hässlich genannt wird“[12], aber über große Sensibilität und natürliche Kraft verfügt, kriegt den äußerlich schönen Stephan Murai als Ehemann, dem sie einen genauso schönen Sohn gebärt. In diesem Kapitel wird durch die Gegenüberstellung von Brigittas Hässlichkeit und Stephans Schönheit die erzieherische Reflexion über die Sittlichkeit eingesetzt, die beim Fehlen der äußerlich erscheinenden Schönheit das Herz und innere Schönheit herausfühlen soll. Dieser didaktische Gedankengang verläuft zwar ohne Lösung und Abschluss, aber erscheint neben der Liebe als das Leitmotiv der Novelle. In diesem Kapitel werden auch Glück und Unglück dargestellt, denn nach kurzer Zeit kommt es in Brigittas und Stephans glücklicher Ehe zum Ehebruch durch Stephan, der sich in die Arme der schönen Gabriele wirft. In der Novelle werden also noch zwei andere Begriffe als Trennung und Versöhnung aufgegriffen. Zu der Versöhnung zwischen den Eheleuten kommt es erst nach vielen Jahren, indem ihr Leben durch den Unfall des gemeinsamen Sohnes Gustav einen Wendepunkt nimmt, was im vierten Teil Steppengegenwart beschrieben wird. Die Versöhnung der beiden schließt die Fabula mit einem glücklichen Ende.

[...]


[1] Karl Konrad Polheim (Hrsg.): Theorie und Kritik der deutschen Novelle von Wieland bis Musil, Max Niemayer, Tübingen 1970, S. 78.

[2] Vgl. Gesetznovelle.

[3] Hugo Aust: Novelle, Metzler Verlag, Stuttgart 1995, S. 9.

[4] Richard Brinkmann: Studien zur deutschen Literatur. Novelle und Novellentheorie in der Biedermeier Zeit, Max Niemayer, Tübingen 1970, S.13.

[5] Ebda. S.14.

[6] Herbert Krämer: Theorie der Novelle, Philipp Reclam, Stuttgart 1999, S. 9.

[7] Ebda., S. 50.

[8] Ebda., S. 26.

[9] Ebda., S. 29.

[10] Ebda., S. 40 Paul Heyse Einleitung zu Deutscher Novellenschatz. Meine Novellistik.

[11] Ebda., S. 38.

[12] Moritz Enzinger: Adelbert Stifter im Urteil seiner Zeit. Festgabezum 28. Jänner, Böhloau, Wien 1967, S. 13.

Details

Seiten
16
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640354795
ISBN (Buch)
9783640355068
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129256
Institution / Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
1,0
Schlagworte
Gegensätzliche Ganze Novelle Brigitta Adalbert Stifter

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