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Die ideale Stadt, eine Aporie der Utopie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2003 27 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Soziologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die ideale Stadt, eine Genese
2.1 Antike und Mittelalter
2.2 Renaissance
2.3 Utopia
2.4 Cittá del sole
2.5 Zwischenton
2.6 Aufklärung und industrielle Revolution

3.0 Das Maschinenzeitalter – Die Stadtmaschine
3.1 Frankreich
3.2 Deutschland
3.3. Italien
3.4 Russland
3.5. LeCorbussier
3.6 Der Aufstand des Bürgers

4.0 Die Aporie der Utopie

5.0 Literaturliste

1. Einleitung

Die Genese utopischer Entwürfe idealer Städte vollzieht sich entlang eines unbedingten Ordnungswillen und vor dem Hintergrund elender Lebensbedingungen weiter Teile der Bevölkerung, mit dem Telos vermeintlich glücklicher Gemeinschaften.

Damit war das utopische Denken auch ein früher Vorläufer der Soziologie, obschon durchsetzt von religiösen Motiven, wurde doch ein IST-Zustand der Gesellschaft reflektiert als Ausgangspunkt für Utopisten einen SOLL-Zustand zu denken. Im Wesentlichen handelte es sich dabei aber nicht um Utopien der Freiheit, sondern um Visionen der Ordnung. Auch Morus schwebte keine freiheitliche Gesellschaftsordnung vor, sonder eine, die im wesentlichen von Hunger und Not befreit sein sollte. Letztlich blieb alles Planen Ausdruck eines Herrschaftswillens, wenngleich er in den Utopien auch maskiert auftritt. Bestehende Ordnungszwänge sollten weniger gelockert werden, als die als chaotisch empfundenen Lebensumstände in eine neue, nach strengen Vernunftregeln konstruierte Form gegossen werden.

Alle utopischen Entwürfe sind zweischneidig. Dass sich “glückliches Leben” als konkretes Bild einfangen lässt, als planbares Konstrukt von Lebensbedingungen, ist ihr Mythos. Solch ein Glücksversprechen geht in der Totalität jener besseren Welten jedoch unter und verkehrt sich in ihr Gegenteil. Die utopischen Gedankenwelten laufen oft auf weitreichendere Zwänge hinaus, als die bis dato bestehenden. Weisen sie doch eine mathematisch-regelhafte und damit lebensfeindliche, weil die Organizität negierende, Ordnungsstruktur auf. Das ist der Kern der “alten” utopischen Entwürfe, die das menschliche Glücksverlangen in sozialphilosophisch ausfabulierten, sowie städtebaulich und architektonisch durchgestalteten Lebensräumen zum Ausdruck bringen. Erst im jüngeren utopisch-städteplanerischen Denken der letzten Jahrzehnte gewinnt die Einsicht, Spielräume für nicht prognostizierte Entwicklungen zu eröffnen, und schließlich die bevormundeten Objekte der alten Utopien emanzipatorisch ihrer Organizität zu überlassen. Jene alten Utopien wurden nie Realität. Erst mit dem Auftreten der Arbeiterbewegung und z.B. der Marxschen Forderung nach Selbstbestimmung der Menschen, eröffnete sich die Möglichkeit fragmentarischer Realisierung.

Es gibt Probleme, mit denen alle utopischen Stadtentwürfe zu kämpfen haben. Die Einwohner müssen in Städten leben, welche keine geschichtlichen Spuren aufweisen und keine kollektiven Erfahrungen bergen. Die ideale Stadt ist Mythos, oszillierend zwischen notwendigem Planungsbedarf realer Soziotektonik und phantasmagorischen Ordnungsbedürfnissen und sich dem Zeitgeist entsprechender Epochen entlehnend.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Ideale Stadt, unbekannt, Ende 15.jh. Öl auf Holz, The Walter Art Gallery, Baltimore

2. Die ideale Stadt, eine Genese

2.1 Antike und Mittelalter

Immer wieder im Verlauf der Geschichte wurden von verschiedenen Kulturen die bestehenden Lebensverhältnisse, die oft durch Hunger und Elend weiter Teile der Gesellschaft geprägt waren, durch gegensätzliche Visionen einer besseren Welt kontrastiert (Paradies, Gilgames-Epos, Goldenes Zeitalter, das verheißene Land Kanaan), die entweder in einer anderen Zeit, oder an einem anderen Ort lokalisiert wurden. Schon früh wurde die Gestaltbarkeit dieser Träume auf die realen Lebensräume der Menschen übertragen, welche ihre höchste Form in der Stadt[1] fand.

Bereits in den frühesten Überlegungen zur Stadtgestaltung tauchen die beiden Grundformen für die Anlage idealer Städte auf. Der Kreis, Symbol für Ewigkeit und Göttlichkeit, Grundlage für den Städtebau bereits im ersten vorchristlichen Jahrhunderts, dass Quadrat, das seit der Antike zum universellen und meistgebrauchten Muster in der Planung idealer Städte wurde, sind diese Grundformen.

Das quadratische Raster[2] wurde von den Griechen häufig bei der Anlage neuer Siedlungen verwendet und verbreitete sich mit Alexander dem Großen in der gesamten antiken Welt und war für 1000 Jahre prägend im Mittelmeerraum. Das Raster wurde als genuin demokratisch angesehen. Der griechische Begriff der πολίς vereint in sich bereits die Aspekte der gesellschaftlichen Ordnung wie der räumlichen. In der πολιτέίά entwirft Platon eine ideale Staatsgemeinschaft, die sich auch in der Gestaltung und Aufteilung der Stadt widerspiegeln soll. Hier findet sich auch der erste Hinweis auf genormte, anonymisierte Unterbringung der Bewohner, wie sie im Lauf der Geschichte fester Bestandteil sozialräumlicher Utopien werden wird. Auch das römische Reich legte seine Heerlager und Städte nach dem gerasterten Vorbild der griechischen Städte an.

In den Klosteranlagen des Mittelalters, die eigenen, unabhängigen Städten ähnelten, wurden die einzelne Sektionen nach funktionalen, wie symbolischen Gesichtspunkten angelegt.

Der klösterliche Kernbereich mit mönchischen Regeln liegt zentral, der offen zugängliche Bereich mit Laienschule und Gästeunterkünften ist in der Peripherie verortet, die Hauswirtschaftszone und der Bereich für Kranke und Novizen gliedert sich rechts ans Zentrum an und versinnbildlicht den Versuch einer räumlichen Darstellung des Klosterlebens.

2.2 Renaissance

War die Erweiterung des geistigen Horizonts, zunächst und vor allem in Italien. Die Wiederentdeckung antiker Schriften, die Entdeckung der Neuen Welt und politische Veränderungen (Stadtstaaten werden Territorialstaaten eingegliedert) charakterisierten den Aufschwung.

In der Renaissance entwickeln sich Architekturtheorie und Idealstadtplanung parallel und befruchten sich gegenseitig. Mit der Architekturtheorie wird die Stadtplanung rational fundiert. Der Raum wird nicht mehr als gegebenes Umfeld gedacht, in das sich der Mensch einpassen soll, sondern die Überlegenheit des menschlichen Geistes über die natürlichen Verhältnisse soll zum Ausdruck gebracht werden. Darüber hinaus wollen die Planer den antiken Zusammenhang von Staats- und Stadtplanung wieder aufleben lassen. Ein erster überlieferter Entwurf einer Idealstadt stammt von Antonio di Pietro Averlino, genannt Filarete (15. Jhdt.). Die Stadt Sforzinda ist in Radialform angelegt und weist sechzehn strahlenförmige Straßen auf und ist eines der ersten erhaltenen Beispiele eines sternförmigen Grundrisses jener Zeit.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Im Zentrum befinden sich drei Plätze. Auf dem einen befinden sich Kathedrale und Prinzenpalast, welche die religiöse und säkulare Macht repräsentieren, die beiden anderen sind dem Markt und den Kaufleuten vorbehalten. Die Festungsanlagen gestaltete Filarete noch im mittelalterlichen Stil. Fragen der Verteidigung waren es jedoch, die den Stadtplaner im folgenden 16. Jhdt. wesentlichen Auftrieb gaben und sozialräumlichen Rationalisierungsprozessen zum Durchbruch verhalfen. Damit reduzierte sich die Stadt aber auch im Wesentlichen auf ihre Funktion als Festung, der militärische Städtebau spaltete sich vom zivilen ab. Das Beispiel der norditalienischen Stadt Palmanova zeigt einen polygonalen Grundriss, eine zentrale Piazza, sechs Radialstraßen, die den Platz mit den Toren verbindet, sowie weitere Straßen, die zu den Toren, Bastionen und Mittelwällen führen. Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Plan von Palma Nuova. In: G. Braun und F.Hogenberg, civitas orbis terrarum, Köln, 1597. Bibliotheque Royale Bruxelles

2.3. Utopia

Thomas Morus Utopia (1516) war eine Reaktion auf die herrschenden Verhältnisse in England. Der Niedergang des Feudalsystems und der noch nach mittelalterlichen Gesetzen funktionierende Wirtschaft, hohe Arbeitslosigkeit unter den Bauern und Soldaten ließen die Kluft zwischen arm und reich rasant wachsen. Den status quo kritisierend entwarf Morus die Vision einer modellhaft umgestalteten, egalitären Gesellschaft, die im Städtebau ihr Äquivalent findet.

[...]


[1] Einerseits wurden Städte ohnehin an strategisch relevanten (geopolitischen) Orten gegründet und waren somit für jegliche Zukunftsplanung interessanter als Dorfflecken, andererseits boten nur Städte das nötige Bevölkerungspotential und die soziale Dichte um Utopien dort zu planen.

[2] Ästhetische Vollkommenheit als mathematische Funktion

Details

Seiten
27
Jahr
2003
ISBN (eBook)
9783638187060
Dateigröße
7.3 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12925
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Erziehungswissenschaft
Note
2
Schlagworte
Ideale Stadt Stadtplanung soziale Utopien Aporie der Utopie als solche

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