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Texttypologie und Übersetzungsstrategie - Eine linguistisch-translatorische Studie

Diplomarbeit 2002 129 Seiten

Dolmetschen / Übersetzen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0 Einleitung

1 Abgrenzung des Themas

2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen
2.1 Vorbemerkungen
2.2 Mindestanforderungen an Modelle im allgemeinen
2.3 Mindestanforderungen an wissenschaftliche Modelle
2.4 Der Übersetzer
2.5 Mindestanforderungen an übersetzungsbezogene Textsortenmodelle

3 Textsortenmodelle und übersetzungsbezogene Analyse
3.1 Das Modell von Katharina Reiss
3.1.1 Grundlagen zum Verständnis des Reiss’schen Modells: Das Kommunikationsmodell von Karl Bühler
3.1.2 Vorbemerkungen
3.1.3 Sprachwissenschaftlicher Zugang
3.1.4 Kommunikationstheoretischer Zugang
3.1.5 Die übersetzungsrelevante Texttypologie
3.1.6 Texttyp und Übersetzungsmethode
3.1.7 Übersetzungsbezogene Analyse des Reiss’schen Modells
3.2 Das Modell von Egon Werlich
3.2.1 Texte
3.2.2 Textgruppen
3.2.3 Texttypen
3.2.4 Textformen
3.2.5 Textformvarianten und Kompositionsmuster
3.2.6 Textexemplare
3.2.7 Übersetzungsbezogene Analyse des Werlichschen Modells
3.3 Das Modell von Georges Mounin
3.3.1 Die religiöse Übersetzung
3.3.2 Die literarische Übersetzung
3.3.3 Die lyrische Übersetzung
3.3.4 Die Kinderbuch-Übersetzung
3.3.5 Die Bühnenübersetzung
3.3.6 Die Filmübersetzung
3.3.7 Die technische Übersetzung
3.3.8 Übersetzungsbezogene Analyse des Mouninschen Modells
3.4 Das Modell von Albrecht Neubert
3.4.1 Komponenten der sprachlichen Kommunikation
3.4.2 Beziehungen zwischen den einzelnen Komponenten
3.4.3 Pragmatik und Übersetzung
3.4.4 Übersetzungstypen
3.4.5 Übersetzbarkeit
3.4.6 Übersetzungsbezogene Analyse des Neubertschen Modells

4 Abgrenzung der Erklärungskraft der einzelnen Ansätze
4.1 Eindimensionalität von Typologien
4.2 Kontext und Zweck der Übersetzung

5 Übersetzungsstrategische Ansätze als Alternative zur Orientierung an Texttypologien

Anhang

Literaturverzeichnis

0 Einleitung

Wo eine Ansammlung von Dingen vorhanden ist, ergibt sich oft auch das Bedürfnis, diese Dinge zu klassifizieren, das heißt Gruppen mit jeweils bestimmten gemeinsamen Eigenschaften zu bilden. Bei der Feststellung von Gemeinsamkeiten treten zugleich auch Unterschiede zwischen einzelnen Elementen einer Gruppe deutlicher hervor. Es kann also die Verallgemeinerung bzw. das Zusammenfügen von einzelnen Elementen zu einer Serie durchaus Mittel zur Bewußtmachung der Vielfalt sein.

Bemerkenswerterweise sind in diesen Tagen (28. September 2001 bis 6. Januar 2002) die Effekte der Serie Thema einer Ausstellung in der Hamburger Kunsthalle. Sie trägt den Titel „Monets Vermächtnis. Serie – Ordnung und Obsession“. Der Impressionist Monet wandte das Prinzip der Serie bei vielen seiner Werke an. Unter anderem schuf er eine Reihe von Bildern mit Heuschobern, zu denen beispielsweise die Gemälde Heuschober bei Sonnenuntergang, Heuschober, Sommerende am Morgen und Heuschober, Sommerende am Abend gehören. Dargestellt wird jeweils ein ähnliches Motiv, das durch veränderte Lichtverhältnisse vollkommen unterschiedlich wirkt. Durch die Einheitlichkeit des Motivs wird die Aufmerksamkeit des Betrachters auf bestimmte feine Unterschiede gelenkt. Diese Art der Darstellung ermöglicht eine neue Sichtweise des vermeintlich Bekannten. Ungeachtet der Verschiedenheiten ordnet jedoch der Betrachter die wahrgenommenen Objekte einer einheitlichen Klasse zu. Eine solche Klassifizierung dient – gebunden an die ihr zugrundeliegende Interpretation der Wirklichkeit – zugleich auch als Verständnishilfe für das Erkennen von Zusammenhängen innerhalb einer gegebenen Menge von Elementen.

Auch in der Textlinguistik spielt das Prinzip der Serie eine tragende Rolle. Angesichts der unendlich großen Menge von Texten, die im Laufe der Menschheitsgeschichte entstanden sind, gab es zahlreiche Klassifizierungsversuche, die zu unterschiedlichen Zwecken aufgestellt und aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven angewendet wurden. Jede wissenschaftliche Disziplin erhebt – ihrem spezifischen Interesse und ihrer Zielsetzung entsprechend – eigene Forderungen an ein Textklassifikationsmodell. Wird beispielsweise im Deutschunterricht das Verfassen eines Gedichts angestrebt, so muß vorab definitorisch geklärt sein, um welche Textsorte es sich hierbei handelt. (In einschlägigen Enzyklopädien und Lexika werden etwa „Rhythmus“, „Reim“, „Sprachklang“ und „bildhafter Ausdruck“ als grundlegende Stilelemente des Gedichts genannt.) Darüber hinaus muß eine Abgrenzung gegenüber anderen Textsorten erfolgt sein. So muß klar sein, ob man sich mit dem Gedicht im weiteren Sinne befassen möchte, also die epische und die dramatische Dichtung einbezieht, oder ob man eine Beschränkung auf die lyrische Versdichtung in concreto bevorzugt. Mit Blick auf die Notwendigkeit einer solchen Abgrenzung wäre eine Texttypologie unbrauchbar, welche die Textsorte „Gedicht“ nicht einschließt.

Die Fragestellung der vorliegenden Arbeit konzentriert sich auf den Zusammenhang zwischen Übersetzungswissenschaft und Texttypologie. In der Übersetzungswissenschaft steht im allgemeinen ein aposteriorisches empirisches Interesse an Texten1 im Vordergrund (vgl. Wilss 1977:137 f.), das heißt Phänomene2 werden aus der translatorischen3 Erfahrung heraus registriert und analysiert. Dieses Erkenntnisinteresse ist hauptsächlich auf relevante Ergebnisse der Translationsforschung und linguistische Modelle4 gerichtet. Die aus dieser Feststellung resultierenden übersetzungswissenschaftlichen Beiträge bewegen sich bis dato jedoch kaum auf praxisbezogenem Terrain. Der Auffassung, wonach die Textlinguistik, insbesondere die Texttypologie5, als organon (gr. für „Werkzeug“) des Überse tzers6 zu verstehen ist, wurde bisher wenig Beachtung geschenkt (vgl. hierzu auch Diller/Kornelius 1978, Vorwort). Daher sollen in der vorliegenden Studie nicht rein linguistische Gesichtspunkte, sondern reale Arbeitsbedingungen im Vordergrund stehen, welche hier als wesentlicher Einflußfaktor beim Übersetzungsprozeß betrachtet werden. Eine Wissenschaft sollte schließlich über ihre intern orientierte Forschung hinaus immer auch Praxisrelevanz besitzen, verlöre sie doch andernfalls ihren Bezug zur außersprachlichen Realität und somit ihre Daseinsgrundlage. Siegfried J. Schmidt formuliert in einer Diskussion von Linguisten anläßlich des sogenannten Rhedaer Textsorten-Colloquiums 1972 treffend:

Die Frage, ob eine linguistische Theorie diesen Mindestbedingungen [ Anm.: Intersubjektivität, Explizitheit, Nachprüfbarkeit und Ökonomie] gerecht wird, wird jedoch erst relevant im Zusammenhang mit der sehr selten überlegten Frage, wozu man eigentlich Linguistik macht. (zitiert in: Gülich/Raible 1975:21)

In der vorliegenden Arbeit steht, wie zuvor angedeutet, die Texttypologie in bezug auf die übersetzerische Praxis im Vordergrund. Dabei geht es nicht um die grundsätzliche Frage danach, ob es Textsorten überhaupt gibt. Hier sei im Sinne der Sapir-Whorf-Hypothese7 angenommen, daß all das existiert, was sprachlich erfaßt ist. Wenn also im Deutschunterricht der „Aufsatz“ besprochen wird oder jemand sich über die Bedienungsanleitung des neuen Videorekorders ärgert, ist in diesem Sinne durchaus von verschiedenen Textsorten die Rede, wie sie in einem bestimmten Moment in unserer Wirklichkeitswahrnehmung existieren (vgl. hierzu Dimter 1981:3 f.). Ebensowenig geht es um die Frage, wie die Menge aller existierenden Texte zu kategorisieren sei, gibt es doch bereits unzählige Textsortenmodelle, die diese Frage zu beantworten suchen. Für dieses Problem kann ohnehin keine universelle Lösung existieren, weil die Adäquatheit einer Kategorisierungsmethode, wie am Beispiel des Gedichts gezeigt wurde, von ihrem Verwendungszweck abhängt. Im Rahmen der vorliegenden Arbeit wird eine Auswahl bestehender Textsortenmodelle auf einen bestimmten Verwendungszweck hin analysiert, nämlich auf ihre Anwendbarkeit im Übersetzungsprozeß hin. Im einzelnen wird dabei wie folgt verfahren.

Zunächst wird in Kapitel 1 eine Abgrenzung des Themas vorgenommen, indem dessen einzelne begriffliche Bestandteile definitorisch untersucht werden. So wird für die in der vorliegenden Studie vorgenommenen Untersuchungen ein klarer Bezugsrahmen festgesetzt. Dieses Vorgehen darf keinesfalls mit der Absicht gleichgesetzt werden, die Existenz von nicht einbezogenen Faktoren oder Untersuchungskriterien zu leugnen oder diese in ihrer Relevanz herabzusetzen. Auch wird durch die Klärung der Begriffe keine grundsätzlich geltende Definition angestrebt. Vielmehr liegt ihr die Notwendigkeit zugrunde, den im Gesamtkontext der vorliegenden Arbeit verwendeten Benennungen eindeutige, in allein dieser speziellen Situation relevante Begriffe zuzuordnen, um Diskordanzen auszuschließen.

Bevor zur Beschreibung und Untersuchung verschiedener exemplarischer Textsortenmodelle übergegangen werden kann, gilt es Kriterien festzulegen, nach denen eine Untersuchung solcher Modelle auf sinnvolle Weise erfolgen kann. Dies geschieht in Kapitel 2. Nach einigen allgemeinen Vorbemerkungen wird zunächst in Abschnitt 2.2 der Begriff „Modell“ aus genereller Sicht erörtert, indem die gemeinhin an ein Modell gestellten Anforderungen pointiert werden. Unter Punkt 2.3 folgt eine fokussierte Betrachtung desselben Begriffs, im Rahmen derer der Aspekt der Wissenschaftlichkeit als Prämisse für eine fundierte Untersuchung angenommen wird und eben jene Kriterien in den Betrachtungsmittelpunkt rücken, die durch den Charakter der Wissenschaftlichkeit erforderlich werden. Aus der übersetzungspraktischen Orientierung der Thematik ergibt sich darüber hinaus die Notwendigkeit, auf einzelne Konstituenten der Ausbildung eines Übersetzers sowie mögliche Probleme während des Übersetzungsprozesses näher einzugehen. Dies geschieht in Abschnitt 2.4. Die Vervollständigung der Liste erfolgt schließlich unter Punkt 2.5 durch jene Kriterien, die sich auf Grund der Eigenschaft der Übersetzungsbezogenheit einer Theorie ergeben.

In Kapitel 3 wird dann eine repräsentative Auswahl an Textsortenmodellen vorgestellt und im Anschluß jedes Modell einzeln kommentiert bzw. analysiert. Die Auswahl war unter anderem von dem Kriterium der Bekanntheit der Modelle in der Fachliteratur bestimmt; so gehören die vielzitierten Modelle von Reiss und Werlich unbedingt in eine Abhandlung wie diese hinein.

Ein weiteres Kriterium war die Übersetzungsbezogenheit, die von Reiss, Mounin und Neubert für ihre Modelle postuliert wird. Da viele Modelle einander sehr ähneln und entweder von einer Zwei- oder einer Dreiteilung ausgehen, erschien es interessant, Modelle zu untersuchen, die mehr als drei Texttypen unterscheiden. Diesem Kriterium werden Werlich, Mounin und Neubert gerecht.

Im Anschluß werden in Kapitel 4 generelle Probleme der Texttypologie sowie die Relevanz von Texttypologien für die übersetzerische Praxis – genauer: für den Übersetzungsprozeß im Sinne einer Textsynthese – untersucht. Hierbei geht es um grundlegende Probleme bei der Anwendbarkeit der Modelle, im besonderen um die eingangs gestellte Frage nach dem Zusammenhang zwischen Texttypologie und Übersetzungsstrategie. Abschließend erfolgt in Kapitel 5 eine Auswertung der im Rahmen der Untersuchungen gewonnenen Erkenntnisse.

Vorab sei darauf hingewiesen, daß der Begriff „Textsorte“ in der Linguistik nicht eind eutig definiert ist. Vielmehr gibt es eine Vielzahl von signifiés für diesen signifiant 8: „Texttyp“, „Textart“, „Textgruppe“, „Textklasse“, „Textmuster“, um nur einige Beispiele zu nennen, werden häufig synonym verwendet. Ebenso bezeichnen etwa die Benennungen „Textsortenmodell“ (sowie andere Komposita aus den obengenannten Benennungen und dem Wort „Modell“) und „Textklassenkonzept“ denselben Begriff. Die Klass ifizierung selbst wird bald als „Einteilung“, bald als „Kategorisierung“, dann wieder als „Ordnung “ bezeichnet. Auf eine Vereinheitlichung wurde in dieser Arbeit verzichtet, weil dem Leser keine Präferenzen suggeriert werden sollen und die begriffliche Eindeutigkeit durch den Kontext gewährleistet ist. Es handelt sich bei den verschiedenen Termini somit um unterschiedliche Benennungen, nicht aber um unterschiedliche Begriffe.

1 Abgrenzung des Themas

Zur Abgrenzung des Themas ist zunächst eine Definition der einzelnen im Thema enthaltenen Begriffe erforderlich. Komposita werden dabei üblicherweise in ihre Bestandteile zerlegt, die dann einzeln definiert werden. Dies soll im folgenden geschehen.

- Texttypologie

Eine Definition von „Text“ ist in der Einleitung erfolgt (S. 2, Fußnote 1), so daß hier mit einer Eingrenzung des Gesamtbegriffs „Texttypologie“ be gonnen wird. Nach Lewandowski ist eine Texttypologie eine „Klassifikation von Texten nach bestimmten Kriterien“ (1994:1177, Stichwort „Texttypologie“). Bußmann, Abraham und Delisle/Lee -Jahnke/Cormier äußern sich ähnlich. Bußmann weist zudem darauf hin, daß Texttypologien unter bestimmten Gesichtspunkten erstellt werden, als da wären:

(a) nach pragmatischen Kriterien der Textfunktion: Gebrauchstext, literarischer Text, rhetorischer Text, Informationstext, Appelltext usf.; (b) nach pragmatischen Kriterien der kommunikativen Distanz (Kommunikationsmedium, Zahl und Bekanntheit der Adressaten): schriftlicher/mündlicher Text; Rundfunksendung, Brief, Gespräch usw. (...); (c) nach inhaltlichen und strukturellen Kriterien (...): deskriptiver Text, argumentativer Text; Abhandlung, Erzählung, Beschreibung; (d) nach spezifischen Konstellationen der externen und internen Kriterien (a) bis (c): ‚Textsorten‘ im engeren Sinne, z.B. Wetterbericht, Kochrezept, Rundfunkkommentar (1990:782, Stichwort „Texttypologie“).

Sie betont, daß eine „konsistente, terminologisch einheitliche“ (ebd.) Texttypologie bis dato nicht erstellt worden sei. Die Grundlage der vorliegenden Untersuchung beschränkt sich nicht auf eine der von Bußmann genannten Arten von Kriterien. Auch ist ihre Aufzählung nicht als erschöpfend zu betrachten. Delisle/Lee-Jahnke/Cormier drücken sich allgemeiner aus. Sie nennen als Klassifizierungskriterien „Fachgebiet, Art, Zweck und diskursive[n] Konventionen“ (1999:397, Stichwort „Texttypologie“). Als entscheidend wird in der vorliegenden Studie angesehen, daß, wie auch Abraham unter dem Stichwort „Textsorte“(1988:872) betont, bei der Erstellung einer Texttypologie sowohl textinterne Merkmale (Lexik, Stil etc.) als auch textexterne Gegebenheiten (Literaturepoche, Empfängerkreis etc.) berücksichtigt werden müssen. Als allgemeine Definition möge die zuvor zitierte Passage Lewandowskis gelten.

- Übersetzungsstrategie

Eine Definition für den Begriff „Übersetzungsstrategie“ findet man bei Delisle/Lee - Jahnke/Cormier: „Strategie , die ein Übersetzer in Abhängigkeit von dem Ansatz, den er für die Übersetzung des Ausgangstextes gewählt hat, anwendet“ (1999:407, Stichwort

„Übersetzungsstrategie“). Diese Definition ist mit den folgenden Anmerkungen versehen:

Anm. 1. – Bei der Übersetzung eines bestimmten Textes ist die Übersetzungsstrategie für das gesamte Übersetzungsverfahren richtungweisend und unterscheidet sich von Fall zu Fall.

Anm. 2. – Der Übersetzer kann z.B. die Übersetzungsstrategie der Adaptation oder der wörtlichen Übersetzung wählen, die Textart ändern oder einen Text im Hinblick auf die Bedürfnisse eines Empfängerkreises umformen. So kann in bestimmten Fällen eine zusammenfassende Übersetzung angebracht sein. (ebd.)

Von Relevanz für die vorliegende Studie sind insbesondere die Individualität des Einzeltextes und die Tatsache, daß die Art der Übersetzung ihrem Zweck entsprechend variieren kann. Die erstgenannte, allgemeine Definition ist deshalb wenig aussagekräftig, weil sie mit den beiden Komponenten des zu definierenden Wortes gebildet wurde, ohne daß diese einzeln definiert wurden.9 Definitionen der einzelnen Ausdrücke, hier „Übersetzung“ und „Strategie“, müssen hinzugefügt werden. Dies soll im folgenden geschehen.

Bußmann formuliert eine allgemeine Definition von „Üb ersetzung“ folgendermaßen: „Vorgang sowie (...) Ergebnis der Übertragung eines Textes aus einer Ausgangssprache in eine Zielsprache“(1990:812, Stichwort „Übersetzung“). Lewandowski versteht unter „Übersetzung“ genauer die „Übertragung von Informationen, d ie in einem Text enthalten sind, die Wiedergabe des denotativen und konnotativen Gehalts eines Textes“(1994:1201, Stichwort „Übersetzung“). Hier ergibt sich die Notwendigkeit der Definition der Begriffe „denotativ“ und „konnotativ“. Unter „denotativer Bed eutung“(= Denotation) versteht Lewandowski den „begriffliche[n] Kern einer Wortbedeutung“ (1994:209, Stichwort „denotative Bedeutung“) im Gegensatz zur „emotional gefärbte[n] und affektiv getönte[n], auch wertende[n] oder beurteilende[n] Neben - oder Mitbedeutung“ (1994:585, Stichwort „konnotative Bedeutung“) oder Konnotation. Der denotative Aspekt eines Wortes ist also seine neutrale Bedeutung, der konnotative Aspekt enthält eine – positive oder negative – Wertung, wie dies etwa bei den Ausdrücken „versche iden“ statt „sterben“ oder „Itaker“ statt „Italiener“ der Fall ist. In der vorliegenden Arbeit werden beide obengenannten Definitionen, das heißt sowohl die von Bußmann als auch die von Lewandowski, akzeptiert.

Eine Strategie ist laut Lewandowski die „Art und Weise des Verfügens über Regeln“ (1994:1103, Stichwort „Strategie“) bzw. „die Tendenz, sich an eine bestimmte Lösungsmethode zu halten“(ebd.). Beide Vorgehensweisen können im Übersetzungsprozeß zur Anwendung kommen. Im ersten Falle steht die eigenständige Verknüpfung erlernter Regeln durch den Sprachmittler im Vordergrund, es geht also um die Lösung einzelner übersetzerischer Probleme wie: Übersetzt man den französischen Begriff magistrat mit „Richter“, „Staatsanwalt“ oder mit „Richterschaft und Staat sanwälte“10, oder ist eine erklärende Übersetzung alledem vorzuziehen? Im zweiten Falle steht die Anwendung einer integralen Methode im Vordergrund. Denkbar wäre die Zuhilfenahme eines Buchs mit dem Titel Wie übersetze ich juristische Texte aus dem Französischen? Die Wahl der Vorgehensweise obliegt dem Übersetzer. Es sei hier angemerkt, daß die kritiklose Übernahme einer ganzheitlichen Methode in der Regel als nicht empfehlenswert betrachtet wird, weil letztendlich der Zweck der Übersetzung die Mittel bestimmt und nicht der Text per se.

- Linguistisch

Bußmann unterscheidet zwei Bedeutungen der Bezeichnung „Linguistik“: Zum einen wird sie als Synonym für „Sprachwissenschaft“ gebraucht, zum anderen kann sie im folgenden Sinne verwendet werden:

Im Anschluß an die Auffassung strukturalistischer Sprachbetrachtung, die zwischen einer ‚inneren‘ (systembezogenen) und ‚äußeren‘ Sprachwiss. unterscheidet, wird L. als Teildisziplin einer allgemeinen und umfassenden Sprachwiss. verstanden. In diesem engeren Verständnis gilt L. zunächst seit den 50er Jahren als Bezeichnung für ‚moderne‘, synchron orientierte, auf die interne Struktur der Sprache bezogene Wissenschaft, die sprachliche Regularitäten auf allen Beschreibungsebenen untersucht und ihre Ergebnisse in expliziter (formalisierter) Beschreibungssprache und in integrierten Modellen niederlegt. (Bußmann 1990:458 f., Stichwort „Linguistik“)

Lewandowski trifft diese Unterscheidung nicht, sondern setzt „Linguistik“ und „Sprachwissenschaft“ gleich. Im Rahmen der vorliegende n Studie wird „Linguistik“ ebenfalls als Synonym für „Sprachwissenschaft“ verstanden, weil zum einen keine Beschränkung auf die von Bußmann genannte Synchronität bestehen soll und zum anderen eine Vielzahl wissenschaftlicher Teildisziplinen als relevant für die vorliegende Untersuchung erachtet wird. Es wird also als wesentlich angesehen, sich nicht auf eine Sichtweise zu beschränken, die in der Psychologie als „introspektiv“ bezeichnet würde. Eine umfassende Definition des hier verwendeten Begriffs „Sprach wissenschaft“ ist bei Bußmann unter demselben Stichwort nachzulesen. Dort wird der Linguistik eine „Zwischenstellung zwischen Natur - und Geisteswissenschaften“ (ebd.) attestiert. Zudem wird ihre Funktion als „Spezialdisziplin einer allgemeinen Semiotik“ (1 990:723) einbezogen. Diese Definition ist in Abgrenzung zur Auffassung Lewandowskis zu sehen, derzufolge die Linguistik eine vorwiegend theoretische Wissenschaft ist.

- Translatorisch

Von der Bezeichnung „Translation“ ausgehend, wird in der vorliegenden Arb eit der Ausdruck „translatorisch“ in bezug auf „(schriftliches) Übersetzen und (mündliches) Dolmetschen“ (Bußmann 1994:807, Stichwort „Translation“) verwendet, wobei sich durch das hier vorgegebene Thema „Übersetzungsstrategie“ der Schwerpunkt in Richtung des Übersetzens verschiebt.

2 Kriterien zur übersetzungsbezogenen Analyse von Textsortenmodellen

2.1 Vorbemerkungen

Neben den in der Einleitung aufgeführten fachlich relevanten Gesichtspunkten sind bei der Analyse der vorliegend beschriebenen Modelle einige logische11 Aspekte zu berücksichtigen, von denen zwei näher betrachtet werden sollen.

Zunächst sollte jedem Klassifizierungsmodell eine Definition des erfaßten Gegenstands vorausgehen. Wenn ich beschließe, meine Socken zu sortieren, so werde ich zuerst festlegen müssen, bis zu welcher Strumpflänge überhaupt von Socken zu reden ist. Ab einer bestimmten Länge handelt es sich um Kniestrümpfe, und die muß ich aus der Sockenschublade entfernen, bevor ich mir überlege, nach welchen Kriterien ich die Socken letztlich ordnen möchte. Dieses einfache Alltagsbeispiel erfüllt bereits alle Kriterien eines Klassifizierungsprozesses. Auch bei der Festlegung eines Textklassenkonzepts darf eine Definition des Textbegriffs, der diesem zugrunde liegt, nicht fehlen.

Des weiteren sollte ein übersetzungsbezogenes Modell skriptural fixierte Texte einschließen, weil es der Übersetzer, im Gegensatz zum Dolmetscher, stets mit einem schriftlich niedergelegten Text zu tun hat. Ein Textsortenmodell, das ausschließlich gesprochene Texte zum Gegenstand hat, kann für die vorliegende Studie nicht von Relevanz sein.

[...]


1 Die Definition eines allgemeingültigen Textbegriffs ist in der Linguistik ein unerschöpfliches Diskussionsthema. Der Einfachheit halber wird hier von einem weitgefaßten Textbegriff ausgegangen: Als „Text“ gilt alles mit Hilfe von Sprache Produzierte.

2 Unter einem „Phänomen“ wird hier nicht etwa das Ungewöhnliche verstanden, sondern schlichtweg „der sich der Erkenntnis darbietende Bewusstseinsinhalt [sic]“ (Duden [2001]: Das Fremdwörterbuch. Mannheim, S. 757, Stichwort „Phänomen“, Unterpunk t 2).

3 Der Begriff „translatorisch“wird in Kapitel 1, S. 7, erläutert.

4 Eine ausführliche Erörterung der Begriffe „linguistisch“ und „Modell“ erfolgt in Kapitel 1, S. 7, bzw. in Kapitel 2, Abschnitt 2.2.

5 Das Problemfeld „Texttypologie“ wird in Kapitel 1, S. 4 f., eingehend erörtert.

6 Der Übersetzer überträgt, im Gegensatz zum Dolmetscher, der sich mit gesprochener Sprache befaßt, schriftliche Texte von der Ausgangs- in die Zielsprache. Als Oberbegriff für „Übersetzer“ und „Dolmetscher“ werden, im allgemeinen und auch in der vorliegenden Arbeit, die Termini „Translator“und „Sprachmittler“verwendet.

7 Die Sapir-Whorf-Hypothese stützt sich auf die Erkenntnisse Humboldts und besagt, daß Sprache nicht eine allgemein und intersubjektiv wahrnehmbare Realität beschreibt, sondern daß die Art und Weise der Wahrnehmung durch das Sprachsystem fest vorgegeben ist (vgl. Whorf 1963:12).

8 Das Begriffspaar signifiant / signifié wurde von Ferdinand de Saussure geprägt (1972:97-100). In der deutschen Übersetzung seines Cours de linguistique générale werden analog die Ausdrücke „Bezeichnung“/„Bezeichnetes“ verwendet. Signifiant und signifié sind die konstitutiven Bestandteile eines sprachlichen Zeichens, wobei unter ersterem das Lautbild verstanden wird und unter letzterem die Vorstellung, die mit diesem Lautbild verbunden ist. In der vorliegenden Studie werden die in der modernen Linguistik vermehrt gebrauchten Termini „Benennung“/„Begriff“stets als Synonyme für „Bezeichnung“/„Bezeichnetes“verwendet.

9 Von vergleichbarer definitorischer Unzulänglichkeit ist die Formulierung „Ein Schraubendreher ist ein Werkzeug, mit dem Schrauben gedreht werden können“.

10 Diese Formulierung stammt von Haberhauffe (Mitschrift der Veranstaltung „Fachtexte Recht Französisch - Deutsch“, Winters emester 2000/2001, Fachhochschule Köln) und ist streng genommen nicht korrekt, weil „Richterschaft“ und „Staatsanwälte“ keine gleichwertigen Begriffe sind und somit nicht mit „und“ verbunden werden können. Statt dessen könnte man magistrat – im entsprechenden Kontext – zum Beispiel mit „Richter und Staatsanwälte“ übersetzen.

11 Das griechische Wort logos, auf dem die Bezeichnung „logisch“ gründet, wird hier in seinem umfassenden Sinne von „Weltordnung“ verstanden. Diese Auffassung findet sich im Neuen Testam ent wieder: „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott“ (Johannes 1,1) . Aus nicht religiöser Sicht steht „Gott“ hier für die Welt, das „Wort“ oder logos ist als das System zu verstehen, nach dem die Welt aufgebaut ist. Alles, was nicht den Regeln dieses Systems gehorcht, ist nicht logisch.

Details

Seiten
129
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638187039
Dateigröße
2.1 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12922
Institution / Hochschule
Technische Hochschule Köln, ehem. Fachhochschule Köln – Studiengang Übersetzen/Dolmetschen
Note
1,0
Schlagworte
Textsortenmodell Mounin Werlich Reiss Neubert Texttyp Textsorte Übersetzungsstrategie

Autor

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Titel: Texttypologie und Übersetzungsstrategie - Eine linguistisch-translatorische Studie