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Interkulturelle Kompetenz als Ziel interkultureller Bildung

Ansätze aus der bundesdeutschen Kulturpolitik im 21. Jahrhundert

Masterarbeit 2008 116 Seiten

Politik - Sonstige Themen

Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung
1.1 Forschungsgebiet
1.2 Forschungsfragen
1.3 Gliederung der Arbeit und Hypothesen

2 Grundlagen
2.1 Kulturbegriff
2.2 Zentralität von Kultur
2.3 Identitätsbegriff
2.3.1 Kulturelle Identität
2.3.2 Europäische Identitätsbildung
2.3.3 Schutz kultureller Vielfalt
2.4 Linguistische Relativitätstheorie

3 Interkulturelle Kompetenz - ein theoretischer Rahmen
3.1 Philosophie der Interkulturalität
3.1.1 Ethnozentrismus und Kulturelle Identität
3.1.2 Interkulturelle Hermeneutik
3.1.3 Kulturalität und Universalismus
3.1.4 Kommensurabilität und Inkommensurabilität
3.1.5 Kulturelle Pluralismus
3.2 Transkulturalität
3.3 Diskursive Interkultur
3.4 Darstellungsweisen von interkultureller Kompetenz

4 Interkulturelle Bildung im Kontext bundesdeutscher Kulturpolitik
4.1 Deutsche Innen-und Außenkulturpolitik
4.1.1 Kulturpolitikbegriff
4.1.2 Kulturpolitische Ebenen und Akteure in Deutschland
4.1.3 Interkulturelle Bildung
4.1.3.1 Handlungsempfehlungen der Enquete-Kommission Kultur in Deutschland
4.1.3.2 Fazit zur nachhaltigen Entwicklung von interkultureller Kompetenz
4.2 Interkultureller Dialog
4.2.1 Fremdheitswissen als Basis auswärtiger Kulturpolitik
4.2.2 Nachhaltigkeit durch gemeinschaftliche Kulturpolitik
4.2.3 Interkulturelle Kompetenz als Grundlage für die Umsetzung auswärtiger Kulturpolitik

5 Interkulturelle Bildung durch das Mehrsprachigkeitskonzept
5.1 Europäische Sprachenpolitik im 21. Jahrhundert
5.1.1 Mehrsprachigkeitsstrategie der EU- Kommission
5.1.2 Sprachpolitische Ziele in Europa
5.2. Zwischenfazit Nachhaltigkeit durch Mehrsprachigkeit
5.2.1 Sprache als schützenswertes Gut
5.2.2 Sprachenpolitik als Basis für einen interkulturellen Dialog
5.2.3 Notwendigkeit einer Verkehrssprache

6 Schlussfolgerungen
6.1 Interkulturelle Bildung als Desiderat in der bundesdeutschen Kulturpolitik
6.2 Interkulturelle Kompetenz als Chance für eine multikulturelle Gesellschaft
6.3 Interkulturelle Kommunikationswissenschaft als Grundlage reflektierter Kulturpolitik

7 Abstract

Bibliographie

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung

Als Forschungsgegenstand sprach- und kulturwissenschaftlicher Analysen hat „Interkulturelle Kompetenz“ in den vergangenen Jahrzehnten als ein avanciertes Forschungsthema an nicht zu unterschätzender Bedeutung gewonnen und erfreut sich gegenwärtig innerhalb zahlreicher wissenschaftlicher Disziplinen großer Popularität. Die vorliegende Arbeit soll die Rolle von interkultureller Kompetenz in der deutschen Kulturpolitik beleuchten und damit eine stärkere Beachtung interkultureller Forschung in der Kulturpolitik bewirken. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, wie aus politischer Sicht die Rahmenbedingungen für die nachhaltige Entwicklung von interkultureller Kompetenz geschaffen werden können. Es steht die Frage im Zentrum, inwiefern sich Leitbegriffe aus den schwierigen Interkulturalitätsdebatten in der bundesdeutschen Kulturpolitik wiederfinden und besonders mit welchen Zielen Schlagwörter, wie beispielsweise „Horizonterweiterung“ und „Schutz kultureller Identität“ verwendet werden.

In einer globalisierten Welt spielt die interkulturelle Forschung eine enorm wichtige Rolle. Das Bild des Fremden ist alltäglich und folglich ein toleranter, respektvoller Umgang mit Menschen aus verschiedenen Kulturen unabdingbar geworden. Die Entscheidung für den Schutz und Förderung kultureller Vielfalt impliziert auch den Erhalt der sprachlichen Vielfalt. Die rechtliche Verankerung dafür findet sich im Grundgesetzt[1], das kulturelle Vielfalt, Gleichberechtigung von Mann und Frau, Meinungs- und Glaubensfreiheit und das Recht auf Selbstverwirklichung garantiert.

Die Bundesrepublik Deutschland als Zuwanderungsland verfügt über eine moderne, differenzierte Gesellschaft, geprägt von Menschen, die mit unterschiedlichen kulturellen, religiösen, ethnischen und sozialen Hintergrund zusammenleben. Gerade in heutigen Industriegesellschaften lässt sich eine sukzessive Zunahme von interkulturellen Kontakten verzeichnen. Durch das Zusammentreffen von kulturell unterschiedlich geprägten Verhaltensweisen und Denkmustern, kann es häufig zu Kommunikationsproblemen und Missverständnissen kommen, die auf einen ungeschulten Umgang mit kultureller Fremdheit zurückzuführen sind. Besonders im Hinblick auf eine immer stärkere internationale Vernetzung von Politik, Wirtschaft und Gesellschaften, wird der Wunsch nach einer Verständigungsbasis und zugleich, paradoxer Weise, der Wille, die National- und Minderheitensprachen innerhalb, aber auch außerhalb der EU zu schützen, deutlich. Ein solcher Schutz lässt sich mit der sprachlichen Relativitätstheorie begründen. In Bezug auf die Bundesrepublik Deutschland lässt sich festhalten, dass die deutsche Sprache bewahrt werden muss. Gleichzeitig soll eine konfliktfreie, interkulturelle Kommunikation durch die Förderung von Fremdsprachenkenntnissen und interkultureller Kompetenz ermöglicht werden, um nachhaltig, friedvollen, interkulturellen Kontakt in Europa zu gewährleisten.

Das Konzept Mehrsprachigkeit ist sicherlich das am ehesten nachvollziehbare und auch ein überaus wichtiges Konzept, um nachhaltige Kulturpolitik zu realisieren und fungiert somit als kulturpolitisches Musterbeispiel. An dieser Stelle stellt sich die Frage, was noch getan werden kann, um das gesellschaftliche Zusammenleben nachhaltig zu gestalten. Das Verstehen der Fremdsprachen ist nur eine Fähigkeit, über die sich interkulturelle Kompetenz definiert.

Interkulturelle Kulturpolitik führt eher ein Schattendasein in Deutschland. Bisher kamen Begriffe wie „Interkulturalität“ im Zusammenhang mit dem Schlagwort „Dialog“, nur am Rande und nicht genügend reflektiert in der bundesdeutschen Kulturpolitik vor. Unbestreitbar ist, dass Deutschland als Mitgliedstaat der EU und als Zuwanderungsland durch eine multiethnische Gesellschaft geprägt ist. Deswegen trägt auch der Gesetzgeber der Bundesrepublik eine Verantwortung gegenüber dem Gelingen eines toleranten Zusammenlebens und dem Entstehen einer kulturellen Dimension in Europa, die eine Einheit in Vielfalt impliziert.

Aus diesem Grund soll durch die wissenschaftliche Einbettung dieser Feststellung gezeigt werden, welche Möglichkeiten noch offen stehen, die Entwicklung von interkultureller Kompetenz in Deutschland, mit Hilfe der Kulturpolitik nachhaltig zu fördern. Die Frage, ob in Zukunft eine interkulturelle Kulturpolitik konzipiert und implementiert werden muss, sollte eindeutig bejaht werden. Dafür ist es unerlässlich Problemfelder der Interkulturalitätsdebatten genügend zu reflektieren und die Erkenntnisse sinnvoll in kulturpolitische Diskurse aufzunehmen. Es geht nicht nur um Fördergelder aus dem Haushaltsetat des Bundes, sondern um Qualität und Nachhaltigkeit von interkulturellen Projekten, die Deutschlands Gesellschaft eine neue Chance für ein besseres

Zusammenleben bieten. Interkulturelle Kompetenz heißt, dass Individuen die Fähigkeit entwickeln, in verschiedenen Situationen, sozialen und kulturellen Kontexten auf andere Menschen Rücksichtnehmen, mit ihnen kommunizieren, ihrer Werte und kulturelle Eingebundenheit und auch der eigenen kulturellen Identität bewusst zu werden. Interkulturelles Lernen sollte damit zu den Kernaufgaben politischer Bildung gehören und Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ansprechen. Die „gesamtgesellschaftliche Querschnittsaufgabe“, um einer zukunftsverträglichen Entwicklung von interkultureller Kompetenz Rechnung zu tragen, heißt interkulturelle Bildung.

1.1 Forschungsgebiet

Die vorliegende Arbeit ist von der interdisziplinären Idee der Kulturwissenschaften geprägt. An der Schnittstelle von interkultureller Forschung, Philosophie, Linguistik und Politik wird die Frage behandelt, wie die Kulturpolitik in Deutschland Rahmenbedingungen setzt, um die Entwicklung von interkultureller Kompetenz zu fördern. Erst Bachmann-Medick postulierte in der 2007 erschienen Publikation „Cultural Turns. Neuorientierungen in den Kulturwissenschaften.“ eine methodische Pluralisierung der Forschungseinstellung der Kulturwissenschaften. In diesem Sinne versteht sich die im Plural verstandene Idee „Kulturwissenschaften“ als ein Dachbegriff vieler Einzeldisziplinen, die nicht nebeneinander existieren, sondern im Dialog miteinander stehen und gegenseitig Bezug nehmen. Damit steht das Konzept der Kulturwissenschaften für den interdisziplinären Charakter verschiedener Wissenschaften, die einen gemeinsamen Bezugspunkt, die Kultur, besitzen. Schließlich spricht ein interdisziplinäres Arbeiten auch immer für etwas Innovatives. Bachmann-Medick stellt fest, dass eine grenzüberschreitende Perspektive für ein anderes Konzept von Kulturwissenschaften spricht.

„Dieses ist von vornherein disziplinenübergreifend angelegt, und zwar bereits in den Ausgangsfächern selbst und dort ausdrücklich mit disziplinären Kompetenzen verschränkt[...].lebendig gehalten wird dagegen das Projekt der Kulturwissenschaften erst dann, wenn es sich über den diffusen Gesamtanspruch einer im Singular verstandenen Kulturwissenschaft hinaus profiliert: als eine ausdrücklich fächerüberspannende Orientierung, deren Verankerung in den verschiedenen Disziplinen unverzichtbar ist.“ (Bachmann-Medick 2007: 11f.)

Bachmann Medick (2007, 45) behauptet, dass in einer globalisierten Welt die interkulturelle Auseinandersetzung immer mehr zum Ausgangspunkt für die Entwicklung[2] kulturwissenschaftlicher Theorieansätze und Forschungsperspektiven wird. Grundbegriffe aus den Geistes-und Sozialwissenschaften, die in diesem Kontext erneut in Frage gestellt werden, um interkulturell bedingte Probleme zu bewältigen sind u.a Kultur, Identität, Fremdheit, Interkulturalität, Selbst-und Fremdverstehen.

Mit dem Ziel, derartige Auswirkungen kultureller Unterschiede zu identifizieren, deren Ursachen aufzudecken und durch geeignete Formen von Beratung, Ausbildung oder Training ihr Auftreten zu vermeiden oder ihre Folgen zu minimieren, beschäftigen sich heute mehrere anwendungsorientierte Disziplinen mit interkultureller Kommunikation.“ (Knapp 2004,410)

Doch Bachmann-Medick ist nicht die erste in der langen Debatte darüber, was die Geisteswissenschaften vor allem in Deutschland eigentlich leisten sollen. Eine sehr zentrale Publikation, auf die sich fast alle späteren beziehen ist ,,Geisteswissenschaften heute. Eine Denkschrift“ von Frühwald, Wolfgang/Jauß, Hans Robert/Koselleck, Reinhart/Mittelstraß, Jürgen, et al. (1996 [1991]). Darin heißt es, dass die zu Kulturwissenschaften ernannten Geisteswissenschaften der disziplinäre Ort sein sollen, „an dem sich moderne Gesellschaften ein Wissen von sich selbst in Wissenschaftsform verschaffen.“ (Frühwald 19991,43)

„ Die Geisteswissenschaften beziehen sich forschend, analysierend, beschreibend nicht nur auf ein kulturelles Teilsystem, sie vermitteln auch nicht nur affirmativ und‘ kompensierend[3] [4] Modernisierungsprozesse ihnen fremder Art; ihre Optik geht vielmehr auf das kulturelle Ganze, auf Kultur als Inbegriff der menschlichen Arbeit und Lebensformen, naturwissenschaftliche und andere Entwicklungen eingeschlossen, auf die kulturelle Form der Welt.“ (Frühwald u.a. 1991,40)

Darauf beruft sich auch der Gründungsauftrag der Europa-Universität Viadrina zu Frankfurt (Oder).4 Kittsteiner (2004) dokumentiert in einem Vorwort in „Was sind Kulturwissenschaften? 13 Antworten.“ die Geschichte dieser langen Debatte, ob es eine „Kulturwissenschaft“ oder „Kulturwissenschaften“ im Plural geben sollte. Er stellt fest, dass sich letztere auf Ernst Cassirer[5] als Vorläufer berufen können.

„ Wir betrachten die „Kulturwissenschaft“ nicht als eine einheitliche neue Disziplin, die verbindlich definiert werden könnte, sondern als eine offene Verflechtung von Wissenschaften, die sich zusammengefunden haben, um neue Phänomene der Kultur zu untersuchen, die mit alten Disziplingrenzen nur schwer zu erfassen wären. Ihr Anspruch ist nicht der einer neuen

„Totalwissenschaft“, sondern er muss sich messen lassen an dem, was er der Bearbeitung neuer Fragestellungen leistet.“ (Kittsteiner 2004,2)

Es ist sehr wichtig zur interkulturellen Kommunikation möglichst viele oder sogar alle Forschungsperspektiven zu berücksichtigen und zu schauen, inwieweit sie in der Politik wiedergefunden werden können. Dennoch soll in dieser Arbeit vordergründiges Anliegen sein, theoretische Ansätze aus Kulturphilosophie und Kulturpolitik zusammenzuführen.

Darauf aufbauend wird die Beziehung von Weltsicht und Sprache in Kontext der Mehrsprachigkeitsstrategie erläutert werden. Die Frage nach dem Zusammenhang von Sprache, Mensch, Wirklichkeit und Weltsicht, sowie das gesamte Interesse an der sprachlichen Relativität, gehören in den Bereich der Sprachphilosophie, welche sich mit dem „Ursprung, Eigenschaften, Funktionsweise und Leistung von Sprache“ beschäftigt (Bußmann 2002, 628). Sprache kann als ein Hilfsmittel angesehen werden, welches die Welt beschreibt und Denken ausdrückt. Die Diskussion, inwieweit Sprache einen Einfluss auf das Denken hat und inwiefern die Sprachenvielfalt den Zusammenhang von Wirklichkeit und Denken beeinflusst, ist ein wesentliches Problem von Universalismus und Relativismus. Die Verschiedenheiten der Gesellschaften und Kulturen, sowie das Verhältnis von Sprache und Kultur sind grundlegende Bestandteile in der Diskussion um das Prinzip der sprachlichen Relativität. Diese Perspektive auf den Gegenstand interkulturelle Kommunikation findet ihren Ursprung bei Wilhelm von Humboldt. Knapp beschreibt die Beschäftigung mit interkultureller Kommunikation „d.h. mit der authentisch, aktuell ablaufenden Interaktion zwischen Angehörigen unterschiedlicher ethnischer oder kultureller Gruppen“ (Knapp 2004, 411) als ein junges linguistisches Arbeitsfeld, das versucht unterschiedliche Interpretationen von Gesprächsbeteiligten eines situativen Kontextes aufzudecken. Die interagierenden Personen verfügen über einen unterschiedlichen kulturell und sprachlich geprägten Hintergrund.[6]

Nach der sprachphilosophischen Perspektive auf das Forschungsgebiet interkulturelle Kommunikation, soll nun auch erläutert werden, was unter dem Begriff „Interkulturalität“ verstanden werden kann und wie dieses Forschungsfeld konzipiert wird. Nach Hansen gibt es vier Argumentationslinien, erstens eine philologisch-philosophische, zweitens eine soziologisch-politologische, drittens eine psychologische und viertens eine psychoanalytische Formation. Dazu soll es an dieser Stelle genügen, weil in Verlauf der Arbeit auf diese Einteilung, insbesondere auf die philosophische Formation zurückgegriffen wird. Besonders wichtig erscheint der philosophische Ansatz, deshalb, weil dieser versucht mit Hilfe interkultureller Grundfragen das Forschungsthema zu erschließen. Mögliche Antworten eigenen sich gut für einen theoretischen Hintergrund , um kulturpolitische Maßnahmen zu beleuchten.

„Kulturpolitik und kulturpolitische Maßnahmen“ beziehen sich auf die Politik und die Maßnahmen im Zusammenhang mit Kultur auf lokaler, nationaler, regionaler oder internationaler Ebene, die entweder Kultur als solche zum Gegenstand haben oder darauf abzielen, sich unmittelbar auf die kulturellen Ausdrucksformen von Einzelpersonen, Gruppen oder Gesellschaften auszuwirken, einschließlich des Schaffens, der Herstellung, der Verbreitung und des Vertriebs kultureller Aktivitäten, Güter oder Dienstleistungen, sowie des Zugangs zu ihnen.“ (UNSESCO 2005, pass)

Gerade weil sich kulturpolitische Maßnahmen auf die kulturellen Ausdrucksformen einer Gesellschaft nachhaltig auswirken, ist es wichtig, dass die im Zusammenhang mit Interkulturalität verbundene, kulturpolitische Konzepte genügend reflektiert werden und offen für wissenschaftliche Beratung sind. Leitbegriffe und Konzepte finden sich schnell in kulturpolitischen Diskursen wieder und neigen dazu politisch missbraucht zu werden. Beispielsweise kann sich das Konzept „kulturelle Identität“ zugleich als respektforderndes Konzept erweisen und zugleich die Gefahr bergen ethnozentrisch zu sein, wenn die Bezugnahme auf kulturelle Identität unter Berufung auf das Eigene in Abgrenzung zum Fremden, in extremer Weise geschieht. Die Prämisse eines offenen Kulturbegriffes ist empfehlenswert, denn werden Kulturen als homogene und geschlossene Einheiten gedacht, dann hat das Konzept „kulturelle Identität“ eine ethnozentrische Tendenz.

„Das traditionelle Kulturkonzept ist ein Konzept innerer Homogenisierung und äußerer Abgrenzung zumal. Hart formuliert: Es tendiert in seiner begrifflichen Konsequenz zu kulturellen Rassismus. Kugelprämisse und Reinheitsgebot machen nicht nur ein gegenseitiges Verstehen der Kulturen unmöglich, sondern die Forderung nach derartigen kulturellen Identitäten führt auch zu Separatismus und bereit politischen Konflikten und Kriegen den Boden.“ (Welsch 2000, 333)[7]

Das Konzept „Interkulturelle Bildung“ kann eine echte Chance für Deutschlands heutige und zukünftige Gesellschaft sein. „Das Ziel einer nachhaltig zukunftsverträglichen Entwicklung gehört zu den größten, gesellschaftspolitischen Herausforderungen des 21.Jahrhunderts. Um diese Zukunftsaufgabe, die das Überleben unserer Kinder und Enkel sichern soll, zu meistern, müssen wir heute beginnen.“ (Wolfgang Thierse 2000)

1.2 Forschungsfragen

Der Schlussbericht der Enquete Kommission „Kultur in Deutschland“ wird als hauptsächlicher Untersuchungsgegenstand herangezogen, um Antworten auf folgende Fragen zu finden: Welche Rolle spielt der Forschungsgegenstand „Interkulturelle Kommunikation“ in der deutschen Kulturpolitik? Wie werden aus kulturpolitischer Sicht Rahmenbedingungen für die nachhaltige Entwicklung für interkulturelle Bildung und damit für interkulturelle Kompetenz geschaffen? Welche kulturpolitischen Akteure beschäftigen sich mit Interkulturalität auf Bundesebene? Wie wird der Kulturbergriff dabei gefasst und wie kommen darin interkulturelle Aspekte zum Ausdruck? Was kennzeichnet die Problemlage in einer multikulturellen Gesellschaft? Warum brauchen wir interkulturelle Bildung und Mehrsprachigkeit? Welche Begründungen stehen hinter diesen Strategien? Welche Bedeutung wird interkultureller Kommunikation als Forschungsgegenstand zugemessen und wo sehen die Akteure Handlungsbedarf? Welche Vorschläge werden gemacht? Welcher Einfluss auf die deutsche Kulturpolitik von der europäischen Ebene existiert? Inwiefern kann interkulturelle Kompetenz als Basis für Deutschlands auswärtige Kulturpolitik sein und infolge dessen auch einen wichtigen Beitrag für eine europäische Identität leisten? Weswegen sollte kulturelle Vielfalt geschützt werden und warum kann interkulturelle Kommunikation als Chance für die Gesellschaft, Wirtschaft und Kultur gesehen werden? Worin besteht dieser Nutzen und Zukunftsverträglichkeit für multikulturelle Gesellschaft?[8]

1.3 Gliederung der Arbeit und Hypothesen

Hypothese 1: Der Umgang mit Interkulturalität wird als kulturpolitischer Aspekt einer Auseinandersetzung mit einer nachhaltigen Entwicklung von Gesellschaften verstanden.

Hypothese 2: Gerade Europas Entscheidung für eine Einheit in Vielfalt bestärkt die Arbeitshypothese, dass ein geschulter Umgang mit der Vielfalt an Kulturen wichtig ist, um Missverständnissen, Konflikten oder gar feindlichen Abgrenzungen in einer multikulturellen Gesellschaften entgegenzuwirken und vielmehr Chancen und Potential einer vielgestaltigen Gesellschaft zu erkennen. Kulturpolitik erkennt in der Gestaltung von Rahmenbedingungen an, dass das gegenseitige Abschotten von Kulturen verhindert werden muss, weil es zu tiefgreifenden, identitätsverletzenden Konflikten führen kann.

Hypothese 3: Die Dringlichkeit einer nachhaltigen Entwicklung von interkultureller Kompetenz wird vom Gesetzgeber erkannt und in der Umsetzung kulturpolitisch gefördert. Es ist jedoch festzustellen, dass interkulturelle Kulturpolitik bisher nur in Ansätzen existiert. Gesellschaften finden sich einem Spannungsfeld wieder, das von Prozessen der von Globalisierung und Regionalisierung geprägt ist. Das führt zur Zunahme von Wahlmöglichkeiten für individuelle Lebensweisen und zu unterschiedlichen Persönlichkeitsentwicklungen. Der Kulturpolitik geht von einem offenen Kulturbegriff aus, der Kulturen als heterogene und dynamische Gebilde beschreibt.

Hypothese 4: Auswärtige Kultur-und Bildungspolitik übernimmt in der Umsetzung der Nachhaltigkeitsstrategie bezüglich der Idee des Dialogs zwischen den Kulturen eine wichtige Funktion. Es wird der Erwerb von interkulturellen Handlungskompetenzen gefördert, indem kulturell Austausch und interkulturelles Fremdverstehen ermöglicht wird.

Hypothese5: Den Zugang zu anderen Kulturen findet man selten, ohne Sprachkenntnisse. Folgt man der These, dass Sprache das Denken beeinflusst und eine Kultur prägt, so ist der Schutz kultureller, speziell sprachlicher Vielfalt, unerlässlich. Diese These soll in dieser Arbeit hinsichtlich der europäischen Sprachenpolitik diskutiert und als Grundlage sprachpolitisches Handeln dargestellt werden. Besonders im Hinblick auf eine immer fortschreitende EU-Integration, wird dem Schutz sprachlicher Vielfalt zum einen durch die gesetzliche Verankerung und zum anderen durch deren Implementierung Rechnung getragen. Die leitende Hypothese dieser Arbeit ist, dass sprachliche Vielfalt definitiv geschützt werden muss, weil darin eine Chance auf ein besseres gesellschaftliches, multikulturelles Zusammenleben in Europa verborgen liegt. Demnach muss interkulturelle Kommunikation durch Sprachenpolitik gestaltet werden. Dazu gehört auch die Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit der EU-Kommission, die einen kulturpolitischen Nachhaltigkeitsgedanken trägt. Es geht darum Vielfalt zu schützen Rechnung, Traditionen zu bewahren, aber dabei Neuem, in diesem Falle Mehrsprachigkeit aufgeschlossen gegenüberzutreten. Sprachenschutz und Begünstigung von Mehrsprachigkeit nutzen den heutigen und auch künftigen Generationen.

Hypothese 6: Die Förderung von interkultureller Bildung gehört damit zum wesentlichen Bestandteil einer soziokulturellen Nachhaltigkeitsstrategie.9Interkulturelle Bildung setzt nicht nur Kenntnisse der je eigenen Kultur voraus, sondern fördert den Zugang zu anderen Kulturen. Kultur-und Bildungsangebote müssen für neue Formen der Kultur geöffnet sein und kulturelle Vielfalt widerspiegeln. Es geht schließlich darum, schon in der Familie Werte zu vermitteln, dazu gehören Offenheit und Toleranz für andere kulturelle Werte und Lebensweisen. Damit den Grundstein setzen für „Toleranz, Respekt und die Fähigkeit, sich in verschiedenen Kulturen zurechtzufinden. Die Vermittlung dieser Werte ist unabdingbar für das Zusammenleben in einer Gesellschaft“ (Deutscher Kulturrat 2007, pass).

Als übergeordnetes Ziel interkultureller Bildung kann die Entwicklung von interkultureller Kompetenz bezeichnet werden. Eine Fähigkeit, die gesellschaftlich vorhandene kulturelle Vielfalt produktiv zu bewältigen, sich im Umgang mit Fremden im eigenen Land sowie im Ausland bewähren und sich integrieren zu können. Der Gesetzgeber nimmt dabei auf Bundesebene eine wesentliche Rolle ein, denn sehr gut reflektierte Rahmenbedingungen sind die Grundlage für die Umsetzung interkultureller Kulturpolitik auf Landesebene, in Kommunen und Gemeinden. Nicht nur die Rahmengesetzgebung, sondern auch die finanzielle Förderung durch den Bund haben erheblichen Einfluss auf die Gestaltung von interkulturellen Projekten und dadurch auf die Chance in der Öffentlichkeit Bewusstsein für Interkulturalität und deren Chancen zu sehen. Bisher wurde in diesem ersten Kapitel der vorliegenden Arbeit Forschungsgebiet, Forschungsgegenstand und -fragen und daraus abgeleitete Hypothesen vorgestellt.

Zunächst sollen im zweiten Kapitel grundlegende Begriffe geklärt werden. Der Zusammenhang von Kultur und Identität spielt dabei eine ebenso große Rolle wie die Beziehung von Sprache, Denken und Kultur. Vordergründiges Anliegen des dritten Kapitels ist es, den Forschungsgegenstand interkulturelle Kommunikation in einen theoretischen Rahmen einzubetten. Daraus wird ersichtlich, welche Sachverhalte reflektiert werden müssen, um schließlich von interkultureller Kompetenz zu sprechen. Darauf aufbauend soll im vierten Kapitel versucht werden diese vorgestellten theoretischen Ansätze in der bundesdeutschen Kulturpolitik wiederzufinden und zu bewerten. Im Fokus des fünften Kapitels steht die europäische Sprachenpolitik im 21Jahrhundert. Im Vordergrund steht dabei die Rahmenstrategie für Mehrsprachigkeit der EU-Kommission, die im Zusammenhang mit dem linguistischen Relativitätsprinzip von besonderem Interesse ist. Aufschlussreich sind hier hauptsächlich die mit dieser Strategie verfolgten sprachpolitischen Ziele. Erstens Sprache ist ein schützenswertes Gut. Zweitens kann eine angemessene Sprachenpolitik eine Basis für einen erfolgreichen interkulturellen Dialog in Europa sein. Drittens wird die Notwendigkeit einer Verkehrssprache in Grenzen betont. Kapitel sechs ist einigen konkreten Schlussfolgerungen gewidmet. Interkulturelle Bildung ist zu einem kulturpolitischen Schlüsselthema geworden und deren Umsetzung steckt noch den Anfängen. Interkulturelle Kommunikation bestimmt kulturpolitisches Handeln mit. Das Ergebnis dieser Arbeit präsentiert sich in Form von drei Thesen. Erstens zählt interkulturelle Bildung als ein Desiderat in der bundesdeutschen Kulturpolitik. Zweitens ist die Herausbildlung interkultureller Kompetenz eine Chance für eine multiethnische Gesellschaft. Drittens ist interkulturelle Kommunikationswissenschaft die Grundlage reflektierter Kulturpolitik.

2 Grundlagen

In Zeiten zunehmender Internationalisierungen von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft hat interkulturelle Kommunikation an nicht zu unterschätzender Bedeutung gewonnen. Interkulturelle Kontaktsituationen sind in verschiedenen Bereichen, auf unterschiedlichen Ebenen keine Seltenheit mehr. Der geschulte Umgang mit dem Fremden ist von besonderem Interesse, weil wir in einer Gesellschaft, die täglich mit Fremdheitsfragen konfrontiert ist, leben. Es besteht Wissensbedarf vor allem in Unternehmen und Politik, die sich zunehmend mit internationalen Projektrealisierungen beschäftigen. "Diesem Wissensbedarf entsprechend ist Fremdheitsforschung keine nur theoretische, sondern auch eine praktische Wissenschaft, die lehrt, dass und warum Rücksichtnahme auf die Eigenart anderer Lebensgewohnheiten heute mehr denn je Vorbedingungen unserer kulturellen Freiheit ist.” (Wierlacher 2000, 262) Durch vermitteltes Fremdheitswissen können Akteure in Berufen, die täglich Fremdheitsproblemen gegenüberstehen, ihre Handlungskompetenzen verbessern. Eine wichtige Grundlage dieser Arbeit bildet der Begriff der Fremdheit. Was genau lässt sich unter Fremdheitswissen verstehen? An dieser Stelle bietet es sich an, sich wieder auf Wierlacher zu beziehen, der sich mit dem Kulturthema Fremdheit beschäftigte und den Begriff wie folgt definiert:

"Fremdheitswissen ist ein Relationsbegriff. Kulturwissenschaftliche Xenologie ist demnach eine kulturbezogene Beziehungs- und Kommunikationswissenschaft; sie befasst sich mit der gewaltfreien, wenn auch nicht immer freiwilligen Begegnung von Menschen aus verschiedenen Kulturen; sie verfolgt die epistemische und pädagogische Frage nach der anthropologischen Relevanz kultureller Fremderfahrungen und deren Thematisierungen in verschiedenen Diskursen." (Wierlacher 2000, 261)

Wierlacher hebt hervor, dass Menschen eine andere Kultur immer durch "den Filter ihrer eigenkulturellen Vorverständnisse und Vorbilder sehen [,..]das Fremde definieren wir deshalb grundsätzlich als das aufgefasste Andere, als Interpretament der Andersheit und Differenz, also als Relationsbegriff." (Wierlacher 2000, 270)

Inwiefern ist interkulturelle Kommunikation Voraussetzung für und gleichzeitig Bestandteil internationaler Kulturpolitik? Warum ist das Verstehen von fremden Ansichten, Werten, Traditionen und Lebensweisen so wichtig wenn wir vor dem Hintergrund einer fortschreitenden europäischen Integration von Kooperation der Mitgliedstaaten sprechen? Welchen Herausforderungen steht nationale Kulturpolitik gegenüber, gerade wenn es heißt, die kulturelle Vielfalt in Europa zu schützen? Das folgende Kapitel wird kurz wesentliche Begriffe dieser Arbeit erläutern. Zunächst wird der zugrunde liegende Kulturbegriff, dann werden der Identitätsbegriff, weiterhin kulturelle und europäische Identität erläutert.

2.1 Kulturbegriff

Der Kulturbegriff hat viele Bedeutungen und Verwendungsmöglichkeiten. Es ist schwierig, einen treffenden Kulturbegriff zu finden, der in der Kulturpolitik sinnvoll anzuwenden ist, da sich sehr vielen Personen, aus unterschiedlichen Disziplinen mit kulturpolitischen Themen befassen. Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit Kultur hat besonders in den vergangenen zehn bis zwanzig Jahren in unterschiedlichen Wissenschaftsdisziplinen zugenommen. Man spricht von einen „cultural tum“, der Entdeckung der Relevanz von symbolisch ausgedrückten Bedeutungen.

Zunächst lässt sich festhalten, dass es eine Wandlung in der Definition des Kulturbegriffs gab. Wolfgang Welch zerschlägt den alten, Herderschen Kulturbegriff in seinem Aufsatz „Transkulturalität. Zwischen Globalisierung und Partikularisierung“. Welsch erarbeitet in diesem Aufsatz eine neue Konzeption von Kultur, die er Transkulturalität bezeichnet. Kritik an Herder basiert auf der These, dass der alte Kulturbegriff für moderne Gesellschaften unhaltbar geworden ist, weil er zu politischen Konflikten führt. „Das klassische Kulturmodell ist nicht nur deskriptiv falsch, sondern auch normativ gefährlich und unhaltbar geworden“(Welsch 2000, 332)

„Alles was mit meiner Natur noch gleichartig ist, was in sie assimiliert werden kann, beneide ich, strebs an, mache mirs zu eigen; darüberhinaus hat mich die gütige Natur mit Fühllosigkeit, Kälte und Blindheit bewaffnet;-sie kann gar Verachtung und Ekel werden-hat aber nur zum Zweck, mich auf mich selbst zurückzustoßen, mir auf dem Mittelpunkt Genüge zu geben, der mich trägt.“ (Herder 1774, 36)

Das Konzept ist stark vereinheitlichend, volksgebunden und separatistisch, geht davon aus, dass Kulturen statisch und dadurch genau voneinander abgrenzbar sind. Aber dem kann entgegengehalten werden, dass Kulturen heute stets eine eigene innere Dynamik haben und diese durch Kulturbegegnungen erhöht wird. Kultur ist weder statisch, eindeutig noch einheitlich. Die nationale Kultur ist nur ein Identitätsmerkmal von vielen, über die die kulturelle Identität eines Individuums definiert wird.

„Kulturen sind zudem nie homogen, sondern ständig in Austauschprozessen. Am kann sagen, dass der Modus des Kulturellen das Interkulturelle ist. Man spricht von Creolisierung und von hybriden Kulturen, von Interkultur und von transkulturellen Prozessen, um das Nicht-Statische, das ständige Mischen und die Offenheit der Ränder zu bezeichnen.“ (Fuchs 2007,13)

Kulturpolitisch ist diese Erkenntnis sehr wichtig, um die dynamischen Prozesse in multiethnischen Gesellschaften zu verstehen. Es beginnt nur sehr schleppend ein Prozess, indem sich auch Bundeskulturpolitik mit dieser Erkenntnis auseinandersetzt. Ein Beispiel dafür ist das schwierige Konzept der „Leikultur“. Seit dem gültigen Einbürgerungsrecht können nun viele „Fremde“ die deutsche Staatsangehörigkeit haben, was zu einer enormen Verunsicherung eigener Identität führen kann. „Wir benötigen daher alle in den modernen Gesellschaften als Teil unserer kulturellen Kompetenz die Fähigkeit, mit Vielfalt umzugehen.“ (Fuchs 2007, 13)

Im heutigen Verständnis ist der Kulturbegriff sehr weit gefasst. Damit wird Kultur also nicht auf ästhetisch-symbolische Produktionen der Hochkultur, wie Theater, Oper oder Literatur reduziert, sondern umfasst die Gesamtheit eines gemeinsam geteilten Bedeutungssystems einer Gruppe. In der internationalen Kulturpolitik wird ein „weiter Kulturbegriff“ vertreten, der Wert auf eine Vielfalt von Lebensweisen legt. Zur Kultur zählt für die UNECSO, seit dem Dokument von 1982 (Weltkulturkonferenz in Mexiko), "im weitesten Sinne die Gesamtheit der einzigartigen geistigen, materiellen, intellektuellen und emotionalen Aspekte, die eine Gesellschaft oder soziale Gruppe kennzeichnen. Dies schließt nicht nur Kunst und Literatur ein, sondern auch Lebensformen, die Grundrechte des Menschen, Wertesysteme, Traditionen und Glaubensrichtungen" (Bernecker 2002, 5).

"Kultur [lat. "Bearbeitung (des Ackers)", "(geistige) Pflege"] allgemein ist die Gesamtheit der Leistungen und Orientierungen, die der Mensch aus den ihm gegebenen Fähigkeiten in Auseinandersetzung mit seiner Umwelt hervorbringt und die seine Natur fortentwickeln, veredeln und überschreiten." (Krüger 2002,223) So beschreibt Kultur nicht nur Lebensbereiche des Menschen, die als besonders wertvoll eingestuft werden, wie technisch-wissenschaftliche Leistungen, Lebensweisen, Sprache und Kunst, sondern ist auch als ein Prozess oder auch Zustand sittlicher Reflexion zu verstehen. 10 Für Cesana bezeichnet die Kulturalität des Menschseins „das menschliche Angewiesensein auf die kulturelle Sphäre, in der sich das, was Menschsein über die Identität seiner biologischen Ausstattung hinaus konkret bedeutet, überhaupt erst entscheidet. Da alles Kulturelle der Dynamik von geschichtlichem Wandel und lokaler Differenzierung unterworfen ist, bedeutet das Bestimmtsein durch die kulturelle Sphäre, dass die Vorstellung einer invarianten Substanz des Menschseins jenseits der biologischen Beschaffenheit aufzugeben ist.“ (Cesana 2000, 49)

In einem dynamischen System von Werten, Normen und Verhaltensstrategien, ermöglicht Kultur dem Individuum sich in seiner gesellschaftlichen Situation zu orientieren und zu handeln. Die kulturelle Identität eines jeden Menschen wird immer wieder durch die Interaktion mit seinem sozialen Umfeld neu bestimmt. Dabei ist die ethnische Kultur nur ein Merkmal von vielen. Dennoch läuft auch dieses Verständnis Kultur Gefahr, Zuschreibungen, Stereotypen und Vorurteile vorzunehmen, die die Individuum unangemessen stigmatisieren.

Kulturpolitisch relevant ist sind diese Hypothesen, weil Kultur und Bildung einem engen Zusammenhang stehen und die Aufmerksamkeit auf bewusste Lebensführung richten. Basierend auf der Annahme, dass kleinste soziale Gruppen Regeln brauchen, um Ordnung und Sinn zu stiften, müssen Mitglieder einer multiethnischen Gesellschaft über Toleranz, dass es eine Vielzahl unterschiedlicher Weisen gibt, die Welt zu verstehen, verfügen. Der Mensch ist zunehmend in der Lage, seine Lebensbedingungen zu gestalten. In diesem Zusammenhang nimmt die Fähigkeit, die eigene kulturelle Verortung selbst reflektieren zu können, eine besondere Rolle in einer stark kulturell differenzierten Gesellschaft ein.

„Reflexivität heißt das Zauberwort, und es bezeichnet einen grundsätzlich nicht abschließbaren Prozess. Es entsteht so eine zunehmende Bewusstheit seines Handels, seines Seins in der Welt. Er gewinnt Freiheit, dies allerdings um den Prei, dass er diese Gestaltungsverpflichtung nicht mehr rückgängig machen kann: Die Gestaltung des eigenen Lebens wird zur zentralen Aufgabe des Menschen. Neue Generationen müssen dabei nicht immer wieder am Nullpunkt beginnen, weil sie in bereits gestaltete Umwelten hineingeboren werden, also umgeben sind von Dingen und Regeln, die bedeutungsvoll für ihr Überleben sind. Durch den tätigen Umgang lernen sie an passant deren Bedeutung und eignen sich somit schnell das akkumulierte Wissen früherer Generationen an.“ (Fuchs 2007,14)

Max Fuchs bezieht sich in seiner Abhandlung über Kulturpolitik auf Ernst Cassirer, der Kultur als die Summe symbolischer Formen begreift. „Die Welt des Menschen ist als eine gemachte Welt, ‘Kultur‘ bezeichnet diese grundlegende Dimension des Gemachtseins.“ (Fuchs 2007,14) Der Mensch entwickelt „Sprache, Politik, Kunst, Mythos und Religion, Wirtschaft, Wissenschaft und Technik als unterschiedliche Möglichkeiten, die Welt (und sich) zu erfassen, zu begreifen und letztlich zu gestalten“ (Fuchs 2007,15) Mit der Gestaltungsmacht von Kultur muss abschließend erwähnt werden, dass es auch destruktive Potentiale von Kultur mit Blick auf den Nationalsozialismus gibt.

2.2 Zentralität von Kultur

Stuart Hall beschäftigt sich in einen Aufsatz von 2002 „Zentralität von Kultur“ mit der Revolution von Kultur im 20. Jahrhundert. Mit zunehmenden Globalisierungsprozessen kann Kultur auch durch neue Informationssysteme zunehmend produziert, verbreitet und ausgetauscht werden. Diese weltweiten Veränderungen führen zu einem beschleunigten sozialen Wandel und betreffen lokale Identität stark mit. „Der Begriff ,die Zentralität von Kultuť deutet an, wie Kultur in alle Bereiche des sozialen Lebens vordringt, eine Vielzahl von sekundären Umgebungen schafft und dabei alles ,mediatisiert‘.“ (Hall 2002,100) Diese Zentralität wird durch vier substantielle Dimensionen konstituiert. Erstens nennt Hall das Hervortreten neuer Bereiche, Institutionen und Technologien in den Kulturindustrien. Zweitens führt er Kultur als Faktor globalen historischen Wandels an, drittens erwähnt er die kulturelle Transformation des Alltagslebens und viertens nennt er die zentrale Bedeutung von Kultur in der Formation von subjektiven und sozialen Identitäten.11 Ferner beschreibt Hall epistemologische Aspekte des cultural turn. Er äußert, dass die Human- und Sozialwissenschaften eine konzeptionelle Revolution durchlaufen.

„ Wie wichtig dieser Wandel auch ist, geht es doch über empirische Erkenntnis hinaus, kulturelle Fragestellungen ins Zentrum unserer Überlegungen gleichberechtigt neben wirtschaftliche Prozesse, soziale Institutionen und Warenproduktion, Besitz und Dienstleistungen zu stellen.“ (Hall 2002,106).

Der cultural turn begann mit der Revolutionierung der Einschätzung von Sprache, da sie eine privilegierte Position in der Konstruktion und Verbreitung von Bedeutung hat.

„Der cultural turn überträgt die sprachbezogene Erkenntnis auf das allgemeine soziale Leben .Da auch ökonomische und soziale Prozesse von Bedeutung abhängig sind und Konsequenzen für unseren Lebensstil haben, wird argumentiert, dass sie ebenfalls als kulturelle und diskursive Praktiken verstanden werden müssen.“ (Hall 2002,108f.)

Der cultural turn kann als eine Neuordnung von Elementen verstanden werden, die schon immer vorhanden waren.

„Im epistemologischen Sinn liegt die Zentralität von Kultur somit in den Paradigmenwechseln, die der cultural turn in den traditionellen Disziplinen hervorgerufen hat, in der Überzeugungskraft von Erklärungen auf der Grundlage von Kulturkonzepten, und in seiner grundlegenden, nicht abhängigen Rolle in der Sozialanalyse.“ (Hall 2002, 112)

Soziale, wirtschaftliche und politische Praktiken finden innerhalb eines Diskurses statt, der kulturell geprägt ist.

2.3 Identitätsbegriff

Identität [lat. Idem: "derselbe"/"dasselbe"] ist allgemein vollkommene Gleichheit oder Übereinstimmung. In der Soziologie und Psychologie kann man zwischen einer persönlichen und einer sozialen Identität unterscheiden. Persönliche Identität beschreibt die organische und biografische Einmaligkeit des Individuums. Soziale Identität bezieht sich auf die Gesamtheit der Rollenerwartungen, die ein Individuum im Interaktionsprozess erfüllen muss. In anderen Werken findet man die Unterscheidung zwischen personaler und kollektiver Identität, welche zusammen die Ich-Identität ausmachen und sich nicht voneinander trennen lassen. Die Ich-Identität erhält das Gleichgewicht zwischen sozialer/kollektiver und persönlicher/personaler Identität. Diese Balance ist ständig neu zu gewinnen, denn das Individuum kann die Ich-Identität auch verlieren, "indem es die Rollenerwartungen der anderen verinnerlicht und sich so nicht mehr von der ihm zugeschriebenen sozialen Identität abhebt. Ebenso geschieht dies, indem es die Erwartungen der anderen zurückweist und um der Wahrung der persönlichen Identität willen sich selbst als Interaktionspartner aufgibt." (Krüger 9009,186) Identität ist folglich in ständiger Entwicklung, die von vielseitigen internen, als auch externen Faktoren beeinflusst wird. Je nach Lebenslage und sozialer Situation nehmen wir unterschiedliche Identitäten an. "Die Herausbildung einer spezifischen Identität und ihre inhaltliche Modifikation ist vielmehr ein Produkt sozialer Interaktion und Kommunikation." (Mead 1973, 999) Sprache ist identitätsstiftend, weil sie u.a. einer Person ermöglicht Erfahrungen zu kategorisieren und diese mithilfe von konventionellen Begriffen mit der Sprachgemeinschaft zu teilen. Jede Sprache konserviert eine einzigartige Weltsicht und hält Strukturen bereit, Wünsche, Erfahrungen und Erlebnisse auszudrücken. Warum fällt es manchmal bzw. sehr oft schwer, von Auslandsaufenthalten zu berichten oder einem Freund von einem Roman zu erzählen, den man in einer anderen Sprache gelesen hat.

Ich kann als Autor dieser Arbeit selbst aus Erfahrung berichten. 13 Monate USA als deutsches junges Mädchen in einer völlig fremden Welt. Das, was man sich in dieser Zeit aufgebaut hat an Erfahrungsschatz an Erinnerungen und Träumen, die man in dieser Zeit entwickelte, war sehr schwierig daheim gebliebenen Freunden nach diesem Jahr zu vermitteln. Mein Ausweg , die dort gemachten Erfahrungen zu konservieren, waren Briefe in englischer Sprache und unzählige Fotoalben und folgender kleiner Spruch: “There are things in the world which are hardly to describe. You are only looking for words to give others an idea of whatyou thinking about. ”

Dieser kleine Ausflug in die Welt eines Ex-Au Pairs verdeutlicht nur zu gut, welchen Einfluss eine Sprache auf unsere Denken nehmen kann. Es sind die Aspekte einer Sprache auf morphologischer, syntaktischer, semantischer, stilistischer und auch pragmatischer Ebene, die die Sprachen voneinander unterscheiden. Die Nuancen einer Sprache machen sie durchaus interessant, was auch in der Werbung nützlich ist, wenn von der Wirkung sogenannter Lehnwörter Gebrauch gemacht wird. Sie werden eingesetzt, weil sie fremd und interessant wirken und Assoziationen zum Fremden wecken. Der Erwerb einer weiteren Sprache kann einen Menschen im Menschsein nur bereichern, indem er einen Blick auf die Welt gewinnt, der ihm zuvor in seinem Sprachsystem verborgen blieb.

2.3.1 Kulturelle Identität

Die Unterscheidung zwischen Personaler- und Gruppenidentität, ist in Bezug auf kulturelle Identität wichtig. Beide zusammen prägen die Ich-Identität aus. Diese bedeutet: "sich einerseits einem Kollektiv zugehörig fühlen und sich dabei zugleich als einmaliges Individuum wissen." (Ritter/Gründer 1971, 147) Nach Mead hat das menschliche Individuum drei Facetten. Das "I" als Subjekt, das spontan und kreativ ist bzw. sein kann. Das "Me", ist das soziale Selbst, indem sich eine Bezugsperson oder -gruppe in mir niederschlägt. Das "Self", das auch als Identität bezeichnet werden kann. Mead formulierte die These vom generalisierten Anderen. Das Individuum sieht sich doppelt. Es nimmt sich für sich selbst wahr und kann sich mit den Augen des oder der anderen sehen. So können Menschen die Perspektive wechseln und das Verhalten der anderen[9] vorwegnehmen und können dann in Interaktion verschiedene Rollen annehmen14. Die Kommunikation zwischen den Subjekten, den verschiedenen "Is" ist unerlässlich, für das Entstehen für Identität. Grundsätzlich kann der Mensch sein Verhalten nach seinem Gegenüber richten, ist fähig mit anderen zu kooperieren, zu kommunizieren und sich dabei selbst in Bezug zur Gruppe zu reflektieren. Sich einem Kollektiv zugehörig fühlen und von diesem geprägt zu werden heißt, dass wir Gruppenidentität auch in weiterer Folge kulturelle Identität nennen können. Durch diesen Begriff kommt die Zugehörigkeit zu einer ganz bestimmten gesellschaftlich-kulturellen Situation besser zum Ausdruck.

An dieser Stelle sollte gezeigt werden, dass gerade das Verhältnis zwischen Individuum und dessen Zugehörigkeit in ein soziales Kollektiv immer auch spannungsvoll und problematisch sein kann. Es geht um die grundlegende Frage, inwiefern die eigene Identität selbst bestimmt und gewählt ist und in wieweit sie von äußeren Gegebenheiten determiniert ist. Die Balance zwischen Individualität und Kollektivität bestimmt letztendlich die Identität. Sich einerseits der eigenen Persönlichkeit in einer Gesellschaft besonders zu wissen und andererseits in einer Gesellschaft ein WIR Gefühl anstrebend. durch das man sich als Kollektiv von anderen sozialen Gruppen unterscheidet. Abgesehen von der Problematik der Entwicklung einheitlicher nationaler kultureller Identität, stellt sich das Problem der Entwicklung einer nationalen Identität auf europäischer Ebene. Es soll nun noch abschließend der grundlegende Begriff kulturelle Identität durch die Definition von Lepsius anführen: "Als kulturelle Identität werden institutionalisierte Ordnungsvorstellungen bezeichnet, die sich als Einheit verstehen, gegen andere abgrenzen und sich als solches selbst beschreiben. Kulturelle Identitäten sind [...] immer heterogen und umfassen konfligierende Ordnungsvorstellungen." (Lepsius 1999, 201) Aspekte der kulturellen Identität können faktische und institutionalisierte Gemeinsamkeiten, sowie Selbst- und Fremdbeschreibung sein. Die Erläuterung einzelner Aspekte wird in dieser Arbeit nicht vorgenommen. Zusammenfassend kann man nun sagen, dass kulturelle Identität nach Lepsius durch institutionelle Ordnungsvorstellungen entsteht. Als Beispiel in dieser Arbeit wird das multilaterale Abkommen der UNESCO angeführt, welches Zeit dass solche Völkerverträge normgerechtes Verhalten verlangen, wodurch internationale Kommunikation bzw. Kooperation gesteuert wird. Darauf wird im vierten Kapitel genauer eingegangen.

2.3.2 Europäische Identitätsbildung

Europa ist auf der Suche nach seiner Identität. Einige Autoren haben sich Gedanken gemacht, wie eine europäische Identität geschaffen werden könnte. Man ist sich einig, dass eine erfolgreich funktionierende, demokratische europäische Integration nur mit einer europäischen Öffentlichkeit verwirklicht werden kann. Ausgehend von der Annahme, dass das europäische Projekt nur erfolgreich sein wird, wenn es demokratisch legitimiert wird, ist die Entwicklung einer europäischen Identität absolut wichtig. Die Identitätsfrage der EU hat an Bedeutung gewonnen, da ein Mangel an legitimatorischer Kraft festgestellt wurde und durch eine gemeinsame Identitätsfindung sich eine verstärkte Anerkennung der Rechtmäßigkeit europäischer Unionspolitik erhofft wird.[10] Die bislang nationalstaatlich geschlossene Identitätsbildung wird sich öffnen, wenn die EU einen finalen Bezugspunkt für kollektive Identitätsbildung hat.[11] Lepsius konstatiert, dass eine europäische Identität, sich mit den nationalstaatlichen Identitäten der EU-Mitglieder verbinden muss.

Es ist festzustellen, dass auf der Suche nach einer europäischen Identität eher auf eine Pluralität von Identitäten gesetzt wird, als an ein einheitliches Bewusstsein zu denken. Die Differenzierung zwischen personaler und kollektiver Identität ist in Bezug auf die europäische Identität bedeutsam. Zum einem wird sie bestimmt durch das Grundbedürfnis des Menschen sich in Gruppen zu formen und sich einer Gruppe zugehörig zu fühlen, zum anderen durch den Wunsch sich von Anderen abzugrenzen. Daraus resultiert, dass das Verhältnis zwischen Nationalstaaten und deren Zugehörigkeit in ein soziales europäisches Kollektiv auch spannungsvoll und problematisch sein kann. Die Balance zwischen Individualität und Kollektivität bestimmt letztendlich die europäische Identität. Folglich spielen Prozesse von Individualisierung und Homogenisierung ineinander. Vor diesem Hintergrund zunehmender interkultureller Interaktion tritt interkulturelle Kompetenzforschung g zunehmend in die Aufmerksamkeit von Wirtschaft und Politik.

2.3.3 Schutz kultureller Vielfalt

Mit dem Dokument der UNESCO von 2005 „Konvention zur kulturellen Vielfalt“ wird der Leitbergriff „Kulturelle Vielfalt“ für die internationale, nationale und regionale Kulturpolitik geprägt. Er bezieht sich auf „die mannigfaltige Weise, in der Kulturen von Gruppen und Gesellschaften zum Ausdruck kommen“ (UNSECO 2005,5). Ziel dieses Überreinkommens ist u.a. „die Achtung der Vielfalt kultureller Ausdrucksformen zu fördern und das Bewusstsein für den Wert dieser Vielfalt auf lokaler, nationaler und internationaler Ebene zu schärfen“ (UNSECO 2005,2). Sprache ist eine kulturelle Ausdrucksform und in Folge dessen ist „Sprachenvielfalt ein grundlegender Bestandteil der kulturelle Vielfalt“ UNESCO 2005,2).

2.4 Linguistische Relativitätstheorie

„Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr bist Mensch.“

(Slowakisches Sprichwort)

Vor dem Hintergrund, dass Sprache im Zusammenhang von Wirklichkeit, Denken und Kultur steht, soll die Rolle der linguistischen Relativitätstheorie aus sprachpolitischer Sicht untersucht werden. Das Thema Mehrsprachigkeit in Europa erfreut sich gegenwärtig großer Popularität, gerade weil in Zeiten zunehmender Internationalisierung von Politik, Wissenschaft und Gesellschaft die interkulturelle Kommunikation an nicht zu unterschätzender Bedeutung gewonnen hat. Interkulturelle Kontaktsituationen sind in den verschiedensten Lebensbereichen, auf lokaler, regionaler, nationaler Ebenen keine Seltenheit mehr. Gegenwärtig wird die Diskussion um die europäische Sprachenpraxis stark durch Argumente für Effizienz und Praktikabilität bestimmt, was für eine internationale Verkehrssprache spricht. Dennoch geht es schließlich auch darum, ob die Sprachenvielfalt Europas durch eine einheitliche Sprache, wie das Englische, gefährdet werden könnte. Die vielfältigen Sprachen in Europa haben besonders auf lokaler und nationaler Ebene eine enorme Bedeutung und werden dies auch in der Zukunft. Grundsätzlich sind alle Sprachen gleichwertig, denn man kann alles in jeder Sprache ausdrücken, nur auf unterschiedliche Art und Weise. Dieses Argument spricht wieder für eine Einheitssprache, weil jeder lernen könnte, z.B. seine Erfahrungen, Ideen und Wünsche in einem anderen Sprachsystem auszudrücken. Doch so einfach scheint das beim Fremdsprachenerwerb nicht zu sein. Probleme ergeben sich da, wo sich Sprachstrukturen unterscheiden und der Gebrauch der Sprache nicht automatisiert werden kann. Der Deutsche Germanistenverband erarbeitete 1999 auf der Tagung “Euro-Deutsch“ die ,, Tutzinger Thesen zur Sprachpolitik in Europa“. Demnach bleibt Sprachenvielfalt in Europa ein viel diskutiertes und strittiges Thema, weil es nach wie vor schwierig bleibt, das „Miteinander der europäischen Sprachen richtig auszubalancieren und für den „kulturellen Reichtum“ den die Sprachenvielfalt bietet, Verständnis zu wecken. Die europäische Sprachenvielfalt ist eine der wichtigsten Ressourcen des Kontinents und keineswegs eine „babylonische Sprachverwirrung“[12]. Das Bewußtsein [sic!] für die Möglichkeiten, dieses Potenzial auszuschöpfen, ist bisher wenig entwickelt. Hier besteht Nachholbedarf.“ (Deutscher Germanistenverband 1999, pass)

An dieser Stelle knüpft Kapitel fünf dieser Arbeit an. Es soll gezeigt werden, warum das Bewusstsein für die Wahrung der Sprachenvielfalt, entwickelt werden muss. Besonders durch das Interesse an Sprache als Verständigungsmittel, als identitätsstiftender Kitt einer Gesellschaft, ist es wichtig mit der Vielfalt an Sprachen respektvoll umzugehen. Diese tolerante und respektvolle Umgang mit Diversität kann nach dem Kohäsionsansatz von Rathje (2006) als interkulturelle Kompetenz bezeichnet werden. Kohäsion in einer multiethnischen Gesellschaft kann durch Normalität erzeugt werden, durch die Bekanntheit von Differenzen kann Kultur als Kitt einer Gesellschaft beschrieben werden. Dieser Zusammenhalt wird durch die Fähigkeit sich ersten in mehreren Sprachen verständigen zu können und zweitens durch die Toleranz und den Respekt anderen Sprachsystemen gegenüber erzeugt.

Die Beziehung zwischen Sprache, Denken und Kultur soll im Folgenden kurz erläutert werden. Die spannende Diskussion zur Thematik, ob unsere Sprache auch unsere Erfahrungen beeinflusst oder gar wesentlich determiniert, ist ausgelöst worden durch Sapir (1884-1935) und Whorf (1897-1941) zu Beginn des 20Jh. Die Sapir-Whorf Hypothese beschäftigt sich in erster Linie damit, wie Sprachen Gedanken beeinflussen. Sie besagt, dass die Sprache, die die Person spricht, unabhängig von der Kultur, in der sie lebt, den Weg ihres Denkens beeinflusst. Die Struktur der Sprache beeinflusst damit die Wahrnehmung der Umwelt.

Zunächst muss die enge wechselseitige Beziehung von Sprache und Denken genannt werden. Es ist relativ einfach, von einer Kultur auf eine jeweilige Sprache zu schließen, d.h. eine Kultur wird durch eine bestimmte Sprachform kenntlich gemacht. Die Umkehrfrage ist hingegen viel komplizierter. Kann man mit Sprache eine Kultur und eine bestimmte Weltsicht konstituieren, bzw. von einer Sprache auf eine bestimmte Denkform schließen? Ein möglicher Lösungsansatz wäre, die Sprache als Symbolsystem für Kultur zu betrachten, folglich ein Symbolsystem, das für Identität steht. Die Sprache gilt als primäres Kommunikationsmedium, als Gruppensymbol und als Kategorisierungsmittel. Besonders Letzteres ist im Zusammenhang mit der linguistischen Relativitätstheorie von Interesse. Unsere Sprache kann beeinflussen, wie wir die Welt interpretieren, Erfahrungen einordnen, Gegenstände und Sachverhalten einteilen und unterscheiden. Durch unsere Sprache als Unterscheidungssystem können mithilfe von Begriffen, Segmentierungen unserer Wahrnehmung vorgenommen werden. Unsere Sprache gibt uns Muster für die Interpretation diese vor. Unter Spracheinflüssen auf Kultur, das heißt Faktoren einer Sprache, von denen ein möglicher Einfluss auf eine Kultur ausgehen kann, können folgende drei Aspekte verstanden werden:

1. ) Sprache als Kategorisierungssystem: Kategorien strukturieren Wahrnehmung
2. ) Struktur der Sprache Systemcharakter: Grammatik Raum- und Zeiteinteilung,
3. ) Sprachgebrauch: Normen, Wünsche ausdrücken, Höflichkeit, Sprechpausen, Sprecherwechsel

Die Verschiedenheiten der Sprachen bewirken verschiedene Auffassungen der Realität. Diese Einflussnahme ist dem Sprecher meist nicht bewusst und so steht der Spracheinfluss im Hintergrund unsere Wahrnehmung. Die Sprachwissenschaft kann diesen Hintergrund erhellen und damit zum Erkenntnisgewinn in gleicher Weise wie die Naturwissenschaften beitragen. Wilhelm von Humboldt hat als erster versucht, den Anteil der Sprachen an unseren Erfahrungen zu argumentieren. Nach Humboldt ist Sprache nicht nur bloßes Verständigungsmittel, sondern Ausdruck des Geistes. Der Sprachbegriff, sowie wie er von Humboldt geprägt wird, ist essentiell für das Verstehen der Rolle von Sprache in der Gesellschaft und des Zusammenhangs von Denken und Sprache:

„Die Sprache in ihrem wirklichen Wesen aufgefasst, ist etwas beständig [sic!] und in jedem Augenblick Vorübergehendes. Selbst ihre Erhaltung durch die Schrift ist immer nur eine unvollständige, mumienartige Aufbewahrung, die es doch erst wieder bedarf, dass man dabei den lebendeigen Vortrag zu versinnlichen sucht. Sie selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Thätigkeit [sic!] (Energia). Ihre wahre Definition kann daher nur eine genetische seyn [sic!]. Sie ist nemlich [sic!] die sich ewig wiederholende Arbeit des Geistes, den articulierten [sic!] Laut zum Ausdruck des Gedankens fähig zu machen.“ (Humboldt 2003,315)

Demnach ist Sprache etwas Beständiges, wenn sie von Generation zu Generation in Form von verschrifteten Werken weitergegeben wird und dadurch die Gedanken konserviert. Sprache ist in dem Sinne etwas Vorübergehendes, als das sie während des Sprechens zugleich wieder vergangen ist und sich durch das individuelle Sprechen, individuelles Abgrenzen immer neu schafft. Humboldt unterscheidet zwischen einem Ergon-und Energiacharakter. Sprache ist eine Tätigkeit, weil sie durch ihre Anwendung existiert und in der individuellen Rede immer wieder verfeinert und neu geschaffen wird. Dabei kann Sprache nicht losgelöst vom Kontext angewendet werden. Sprache funktioniert nur in der Gemeinschaft. Dies beschreibt den Ergon-/Systemcharakter von Sprache. Sprache ist wie ein Gewebewerk, dessen einzelne Punkte miteinander verflochten sind. Sprecher einer Sprachgemeinschaft bemühen sich um gegenseitiges Verständnis, indem sie sich an Sprachkonventionen halten, obwohl keiner bei einem Wort genau das Gleiche denkt, wie der andere. Nach Humboldt beschreiben sowohl der aktive Prozess, des Ringens um Verständnis, als auch der Systemcharakter von Sprache, die Arbeit des Geistes, einen Gedanken zum Ausdruck zu bringen.

„Die Sprachen als Arbeit des Geistes zu bezeichnen, ist schon darum ein vollkommen richtiger und adäquater Ausdruck, weil sich das Daseyn[sic!] des Geistes überhaupt nur in Thätigkeit[sic!] und als solche denken lässt. Die zu ihrem Studium unentbehrliche Zergliederung ihres Baues nöthigt [sic!] uns sogar sie als ei Verfahren zu betrachten, das durch bestimmte Mittel zu bestimmten Zwecken voranschreitet, und sie insofern wirklich als Bildung der Nationen anzusehen.“ (Humboldt 2003, 315)

In diesem Kontext sollte nun auch der Begriff „Denken“ bestimmt werden. Sapir versucht den Begriff in das WAS und WIE aufzusplitten: „Culture may be defined as what a society does and thinks. Language is a particular how of thought.“ (Sapir 1921,215) Kultur ist demnach das, WAS eine Gesellschaft macht und Sprache das, WIE sich diese Gesellschaft ausdrückt. Damit konnte er das Verhältnis von Kultur und Sprache kausal bestimmen. Durch die Aufteilung des Denkens in das WAS und WIE kann er die Beziehung von Denken zu Kultur und Sprache aufrechterhalten. Auf diese Weise ging er den Schwierigkeiten aus dem Weg, die durch das fehlende Glied zwischen Kultur und Sprache impliziert wären. Sprache schafft den Zugang zu Gedanken, weil durch sie dem Gedanken Ausdruck verliehen wird.

[...]


[1] Vgl. Grundgesetz Art.1bis 19GG. Orientieren sich an Charter der Menschenrechte der Vereinten Nationen.

[2] Vgl. Deutscher Kulturrat (2007), pass..

[3] Vgl. Bachmann-Medick (2007),S.45.

[4] Vgl. Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder), Denkschrift, Frankfurt (Oder), (1993) S.50f..

[5] Vgl. Cassirer, Ernst (1988): Philosophie der symbolischen Formen.

[6] Essentielle Grundlagenarbeit geht auf John Gumperz zurück. Seit den 80er Jahren untersuchte J. Gumperz Kommunikationsprobleme, „die Angehörige von ethnischen Minderheiten im Umgang mit Repräsentanten der Mehrheitskultur insbesondere in kommunikativen Schlüsselsituationen wie bei Bewerbungsgesprächen, in Ämtern bei Anträgen für öffentliche Dienstleistungen, vor Gericht usw. erlebten und die zu vielfältigen Formen der Diskriminierung und Benachteiligung führten.“ (Knapp 2004, 411).

[7] Vgl. hierzu Hansen (2000a), „Interkulturaltät: Eine Gewinn-und Verlustrechnung.“ S.289-306.

[8] Nachhaltigkeitsbegriff stammt aus der Forstwirtschaft. „Das klassische Vorbild für die Nachhaltigkeit ist der umsichtige Waldbesitzer, der immer nur so viel Bäume einschlägt, wie wieder nachwachsen können. Seit 1987 wird in der internationalen Umweltdiskussion der Begriff „sustainable development“, zu Deutsch „nachhaltige zukunftsverträgliche Entwicklung“ verstanden. Es werden ökonomische und soziokulturelle Nachhaltigkeitsstrategien unterschieden, die eine Entwicklung fördern, welche den Bedürfnissen der heutigen Generationen entspricht, ohne die Möglichkeiten künftiger Generationen zu gefährden, sondern eine Lebensstil in Zukunft ermöglichen, der Bedürfnisse befriedigt. Demnach versteht man unter Nachhaltigkeit „umsichtiges, vorausschauendes verhalten, das Alte bewahrend, dem Neuen aufgeschlossen, vernetztes Denken und flexibles Lernen“ (Deutscher Bundestag 2000,5).

[9] Vgl. Mead (1973), S.222.

[10] Vgl. Walkenhorst (1999), pass..

[11] Vgl. Lepsius (1999), S. 223-252.

[12] Turmbau von Babel ist ein mythologischer Bereich im Alten Testament zur Erklärung der Vielfalt von Sprachen: Der Hochmut der Menschen, „eine Stadt und einen Turm zu bauen, des Spitze bis an den Himmel reiche“ wird von Gott durch die „Babylonische Sprachverwirrung“ betraft: „Wohlauf, lasset uns herniederfahren, und ihre Sprache daselbst verwirren, dass keiner des anderen Sprache verstehe!“ 81.Moses 11:1-9). Gott nennet die sündige Stadt Babel(nach herbr. Bälal'verwirren‘), sie dient fortan als Symbol für Hochmut und Sprachenvielfalt.“ (Bußmann 2002,716)

Details

Seiten
116
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640360420
ISBN (Buch)
9783640360178
Dateigröße
1.7 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129200
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder) – Juniorprofessur für Interkulturelle Kommunikation
Note
1,1
Schlagworte
Interkulturelle Kompetenz Kulturelle Vielfalt Kulturpolitik Auswärtige Kulturpolitik Interkulturalität Thema Interkulturelle Kompetenz

Autor

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Titel: Interkulturelle Kompetenz als Ziel interkultureller Bildung