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Die Gattung des romantischen Nachtstücks am Beispiel E. T. A. Hoffmanns Erzählungen "Ignaz Denner", "Die Jesuiterkirche in G.", "Das Sanctus"

Magisterarbeit 2007 56 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

1. DIE WICHTIGSTEN MERKMALE DER EPOCHE DER ROMANTIK
1.1 E.T.A. Hoffmann als ein Künstler der Romantik
1.2 Zum Begriff „Nachtstück“
1.3 Romantisches Konzept des „Nächtlichen“
1.4 Hoffmanns Nachtstücke

2. „I GNAZ D ENNER“
2.1 Zum Inhalt der Erzählung
2.2 Zur Form des Textes
2.3 Der Zeitraum
2.4 Der Raum
2.5 Personal des Textes
2.6 Kernmotive des Nachtstücks
2.6.1 Motiv des Waldes
2.6.2 Motiv des Spuks
2.6.3 Motiv des Magnetismus
2.6.4 Motive des Blutzaubers und der Alchemie
2.6.5 Motiv des Doppelgängers
2.6.6 Teufelsmotiv
2.6.7 Motiv der Kiste und des Teufelspakts
2.6.8 Motiv des Mordes
2.7 Ungeklärte Stellen der Handlung
2.8 Merkmale des „Nächtlichen“

3. „J ESUITERKIRCHE IN G.“
3.1 Zum Inhalt der Erzählung
3.2 Zur Form des Textes
3.3 Der Zeitraum
3.4 Der Raum
3.5 Personal des Textes
3.6 Kernmotive des Nachtstücks
3.6.1 Motiv des Künstlers und der Kunst
3.6.2 Motiv der unglücklichen Künstlerliebe
3.6.3 Motiv der Vision
3.6.4 Motiv des Wahnsinns
3.7 Ungeklärte Stellen der Handlung
3.8 Merkmale des „Nächtlichen“

4. „D AS S ANCTUS“
4.1 Zum Inhalt der Erzählung
4.2 Zur Form des Textes
4.3 Der Zeitraum
4.4 Der Raum
4.5 Personal des Textes 46
4.6 Kernmotive des Nachtstücks
4.6.1 Motiv der Sünde und der Strafe
4.6.2 Motiv der Musik
4.6.3 Motiv des Magnetismus
4.7 Ungeklärte Stellen der Handlung
4.8 Merkmale des „Nächtlichen“

5. Schlussfolgerungen

6. Bibliographie

Einleitung

Das Hauptziel meiner Arbeit bildet die Analyse der Erzählungen von E.T.A. Hoffmann: „Ignaz Denner“, „Die Jesuiterkirche in G.“ und „Das Sanctus“. Im ersten Kapitel stelle ich wichtige Merkmale der Epoche der Romantik dar. Ich bespreche auch die künstlerische Entwicklung von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann und seine Sammlung von „Nachtstücken“. Außerdem stelle ich den Begriff des Nachtstücks dar, sein Vorkommen in der Malerei, Musik und Literatur. Die Gattung des romantischen Nachtstücks assoziiert man in erster Linie mit der Nacht, deswegen widme ich diesen Kapitel der Besprechung von verschiedenen Konzepten der Nacht in der Romantik.

Die Analyse der Erzählungen fange ich mit der kurzen Zusammenfassung des Werkes an, danach bespreche ich die Struktur der Erzählung. Mein nächster Schritt ist die Darstellung des Handlungsplatzes und des Zeitraums. Ich werde auch das Personal jeder Erzählung präsentieren. Dann befasse ich mich mit den Kernmotiven, die in den einzelnen Erzählungen auftreten und am Ende stelle ich rätselhafte Stellen im Text und die „nächtlichen“ Merkmale der Erzählung dar.

Im Laufe meiner Analyse stelle ich fest, dass in E.T.A. Hoffmanns Erzählungen manche Motive besonders gern verwendet werden. Zu den vom Dichter oft verwendeten Motiven gehören:

Motiv des Waldes, des Spuks, des Magnetismus, des Blutzaubers und der Alchemie, des Doppelgängers, der Kiste, des Teufelspakts, des Mordes, der Kunst, des Künstlers, der unglücklichen Künstlerliebe, der Vision, des Wahnsinns, der Musik, der Sünde und der Strafe und Teufelsmotiv. Diese Motive bespreche ich genauer.

1. Die wichtigsten Merkmale der Epoche der Romantik

Die Frühromantik hatte ihr Zentrum in Jena. Der Jenaer Gruppe gehörten Wilhelm Heinrich Wackenroder (1773 – 1798), Novalis (1772 – 1801), Johann Gottlieb Fichte (1762 – 1814) und Friedrich Schlegel (1772 – 1829), August Wilhelm Schlegel (1767 – 1845), die für das Entstehen der Zeitschrift „Athenäum“ verantwortlich waren. Das „Athenäum“ galt als programmatisches Organ der Frühromantiker und seine Aufgabe war es, die romantische Kunst- und Lebensauffassung vorzustellen. Wichtig für die Romantiker war der Begriff „progressive Universalpoesie“, der von Friedrich Schlegel eingeführt wurde. Seiner Auffassung nach, sollte die Poesie „alles umfassen, alle Formen mischen, und sich im Sinne der romantischen Ironie immer wieder über sich selbst erheben, nicht im Stillstand verharren, sondern progressiv (dynamisch, produktiv) sein“.[1] Die „Universalpoesie“ band also alle Gattungen zusammen und verwischte die Grenzen zwischen Poesie und dem Leben des Individuums. Sie konzentrierte sich auf Gefühle und menschliche Psyche.

Die Haupvertretter der Hochromantik waren Jakob Ludwig Karl Grimm (1785– 1863), Wilhelm Karl Grimm (1786 – 1859), Achim von Arnim (1781 – 1831), Ernst Theodor Amadeus Hoffmann (1776 – 1822), Joseph von Eichendorf (1788 - 1857). Die Schriftsteller sammelten sich seit 1805 in Heidelberg. Sie wandten sich vor allem der Vergangenheit zu. Im Mittelpunkt ihrer Überlegungen stellten sie die überlieferten Werte wie Staat, Volk und Religion. Große Aufmerksamkeit wurde der Wiederentdeckung, Sammlung und Überarbeitung von Volksbüchern, Volksliedern und besonders Volksmärchen geschenkt. In der romantischen Kunst existierten Phantasie und Wirklichkeit nebeneinander. Man durfte und konnte die Wirklichkeit von der Phantasie nicht trennen. Die Romantiker glaubten, dass in der Realität phantastische Elemente vorkommen können. Die nüchterne Wirklichkeit des Tages, die Konturen des grellen Lichts wurden in der Nacht verwischt. Deswegen wurde der Blick für das Wunderbare nicht durch äußere Reize abgelenkt. Voller romantischer Motive, die mit Natur (Lerchen, Nachtigalle, Waldrauschen, Waldhornklang) und mit der Nacht und ihrer Schattenseite verbunden waren, waren die Gedichte von Joseph von Eichendorf. Sie verbreiteten sich so weit und schnell, wie es bei den Volksliedern üblich ist, und sind deswegen für viele zum Inbegriff der Romantik geworden Für die Romantiker war die Nacht „das Reich des Absoluten, in das erst gelangt, wer die gesamte sinnliche Welt zum Verschwinden gebracht hat“.[2] Neben der Nacht, die zum schöpferischen Phantasieren anregte, stand aber auch die dämonische Traumwelt des Abenteuerlichen, Chaotischen und Wahnsinnigen vor allem in den „Nachtstücken“ von E.T.A. Hoffmann. Wenn es um den philosophischen Hintergrund geht, ausschlaggebend war hier Fichtes „Wissenschaftslehre“, die er als Synonym für Philosophie benutzte. Als Ausgangspunkt allen Denkens galt bei ihm das Ich, das nach einem Gegenüber, dem Nicht-Ich verlangte. Nur mit Hilfe der Einbildungskraft konnte man eine Vermittlung zwischen den beiden herstellen. Das Ich wurde in Fichtes Thesen zu einem schöpferischen Ich, das Grenzen überwinden kann.[3]

Die Literatur der Frühromantik beschäftigte sich mit dem Innenleben des Menschen, den Seelenvorgängen, den Träumen, Stimmungen, Ahnungen, Erinnerungen und begann ein Bildersystem zu entwickeln, das die organische und anorganische Welt, Naturvorgänge, spezifische Zeiten wie Nacht, Dämmerung zur Zeichensprache machte.[4] Durch zwei Werke Schuberts „Ansichten von der Nachtseite der Naturwissenschaften“ und Jung-Stillings „Theorie der Geisterkunde“ waren Magnetismus und Somnambulismus[5] von besonderem Interesse. Man glaubte, dass der Somnambule im magnetischen Schlaf eine direkte, nicht durch die Sinne vermittelte Beziehung zum inneren Gesetz der Natur, zum Geistigen hat. Im Unterschied zur Frühromantik charakteristisch für die Erzählkunst der Hochromantik waren: Psychopathologie, Phänomane des Somnambulismus, der Suggestion, der Wahnvorstellungen, der Ichspaltung, des Bewusstseinsverlustes.[6]

1.1 E rnst T heodor A madeus H offmann als ein K ünstler der R omantik

Einer der wichtigsten Vertreter der Literatur der Romantik war Ernst Theodor Amadeus Hoffmann Jurist, Komponist, Musikkritiker, Zeichner und Karikaturist. Er ist in Königsberg in einer Juristen- und Pfarrerfamilie geboren. Seit der Kindheit war er auf sich selbst angewiesen wegen der Anfälle der Hysterie seiner Mutter. Das verursachte, dass er seine Familie ablehnte. Er fühlte sich immer mehr von der Umgebung abgestoßen und „immer wieder ergriff ihn das Gefühl, inmitten von äußerlichen, oberflächlichen, im Trott des Alltags und der Konvention befangenen Personen der einzig denkende und empfindende Mensch zu sein“.[7]

Hoffmann begann 1792 das Jurastudium in Königsberg. Nebenbei widmete er sich dem Schreiben, Musizieren und Zeichnen. In Berlin arbeitete er als Jurist, dann wurde er Gerichtsassesor in Posen. Als Organisator des Musiklebens gründete Hoffmann die musikalische Gesellschaft. Seine Singspiele wurden öffentlich aufgeführt. Gegen 1807 entschied er sich, die Amtstube hinter sich zu lassen und Künstler zu werden. 1810 war Hoffmann beim Bamberger Theater als Direktionsgehilfe und Dekorationsmaler beschäftigt. Seit 1813 bekam er eine Stelle als Musikdirektor in Leipzig und Dresden. Dort erlebte er eine Krise, die von der unglücklichen Liebe zu seiner Schülerin Julia Mark verursacht war. 1815 kehrte er nach Berlin zurück und arbeitete dort als Kammergerichtsrat. Hoffmann erwarb sich einen ansehnlichen Ruf als Schriftsteller. Mit der Veröffentlichung der „Phantasiestücke“ sowie des Märchens „Der goldene Topf“ hatte er einen Erfolg. Die Arbeit an dem Roman „Die Elixiere des Teufels“ und den Nachtstücken wollte er an großen Erfolg anknüpfen. In den einzelnen Erzählungen im zweiten Teil „Phantasiestücke“

z. B. dem „Magnetiseur“ wurden schon Hoffmanns mystische Neigungen im Vordergrund zu sehen. In dieser Erzählung bringt Alban, ein „dämonischer“ Mann ein junges Mädchen, die mit einem anderen verlobt ist, durch magnetische Einwirkungen unter seinen psychischen Einfluß . Hier kommt ein Leitmotiv: das Einwirken dunkler, unwiderstehlich wirkender psychischer Kräfte auf das menschliche Leben, die Unheil, Tod und Verderben bringen, indem sie den Menschen mit dem Verlust seiner Identität bedrohen.[8]

In Berlin hatte Hoffmann den Umgang mit Contessa, Brentano, Chamisso, Eichendorf und Tieck. Er beschäftigte sich immer wieder mit Kunst, insbesondere mit Musik. Hoffmann fühlte sich eher zum Komponisten berufen. In seinen literarischen Werken befasste er sich mit den unheimlichen Begebenheiten, Begegnungen mit dem Teufel, schicksalhaften Wendungen im Leben der Protagonisten, denen diese sich nicht entgegenstemmen können. Außerdem analysierte er in seinen Werken die Abgründe der menschlichen Seele. In vielen Novellen, in den „Nachtstücken“ und „Serapionsbrüdern“ wurden die Nachtseiten der menschlichen Natur dargestellt. Schon als Kind sah er oft Hysterie und Wahnsinn. So interessierte sich Hoffmann für unerhörte psychische Begebenheiten, besondere Fälle menschlichen Lebens.[9] Er war am tierischen Magnetismus interessiert. Er ging nach Wien, wo der Arzt Franz Anton Mesmer praktizierte, der glaubte, dass er im Magnetismus und in der Hypnose die Kraft fand. Der Autor wurde ein scharfer Beobachter durch seine Vielseitigkeit, sein zeichnerisches Talent und auch seine Berufsausübung als Jurist. Seine Talente existieren nebeneinander. Musik und Schriftstellerei waren oft mit den Zeichnungen mit der Juristik und dem Schreiben verbunden. Hoffmann war „doppelt“. Hoffmann lebte zwei Leben, die sich deutlich voneinander unterschieden: das eines Beamten und das eines Künstlers.[10]

E.T.A. Hoffmann hatte weltliterarische Bedeutung. Er war als „nächtliche Hoffmann“, der „Teufels-Hoffmann“, der „Gespenster- und Grusel-Hoffmann“ bekannt.[11] Franz Kafka, Alfred Kubin, Paul Klee, Gustav Meyrink und Hugo von Hofmannsthal waren von seinen Motiven des Grauens inspiriert.

Hitzig sah in Hoffmann einen Autor, dessen Werke einer genauen Beobachtung der Realität entspringen. Karl Gutzkow lobte ihn dagegen in seiner Schrift „Vom deutschen Parnaß“ als einen Romantiker, der die Wirklichkeit karikaturenhaft und gespenstisch verfremdet. Baudelaire würdigte an Hoffmann ein Element, das in Deutschland auf Kritik stieß: das freie Spiel der Phantasie, das sich von der Realität loslöst. Außerdem sieht er in Hoffmann ein Vorbild des Konzeptes einer fiktiven Welt als Ersatz für die ungenügende Alltagsrealität.[12]

„An den Namen Hoffmanns, des ‚Phantasten’, knüpft sich immer wieder die

Vorstellung von einer Art schwarzer Literatur, von einer Geisterwelt, in welcher der Schrecken, das Verbrechen, der Erbfluch, die Vampire herrschen.“[13]

1.2 Z um B egriff „N achtstück“

Nachtstück ist ein ästhetischer Begriff, der in der Musik, Malerei und Literatur vorkommt. Noch bis Mitte des 18. Jhs war Nachtstück fast ausschließlich auf Malerei bezogen.[14] Wenn es um Malerei geht, bezeichnete man als Nachtstück ein Gemälde, dass eine Szenerie mit künstlicher, unheimlicher Beleuchtung, mit Mondschein oder im Nachtdunkel, mit schauriger Stimmung darstellt z. B. man sieht ein strahlendes Kind bei der Geburt Christi. Für die Nachtstücke waren Szenen ohne Sonne, Tageslicht bestimmend. Die Szenen waren nur durch Fackeln oder angezündete Lichter erleuchtet. In der Zeit der Romantik waren die Nachtstücke sehr beliebt und sind zum ersten Mal im 16. Jh. erschienen und vermittelten meistens einen romantischen oder mystischen Eindruck.

Nach „Metzlers Literaturlexikon“ bezeichnet Nachtstück Gemälde, auch Grafiken mit figürlicher oder landschaftlicher Darstellung einer nächtlichen Szene in vorwiegend dunkler Farbgebung.[15] Nachtstück ist in der Malerei eine Gattung mit betontem Hell–Dunkel-Kontrast. Caravaggio stellt die Sonderform des Nachtstücks - Chiaroscuro dar (Hell-Dunkel-Malerei in Gestaltungsmittel der Grafik und Malerei, das von hell-dunkel Kontrasten gekennzeichnet ist).[16] Das Nachtstück verändert alle Farben, die man beim Tageslicht oder Sonnenschein sieht. Es entsteht ein neues künstliches Licht, das ein bisschen rötlich, gelb und blau ist. Nachtstück beginnt mit dem Werk Piero della Francescas „Traum des Konstantin“ (1452-1466) und der Hell-Dunkel-Lehre Leonardo da Vincis.[17]

Elsheimer war der Autor des Nachtstücks „Flucht nach Ägypten”, (1609, München, Alte Pinakothek). Das war ein Nachtstück mit einer nur vom Mond erleuchteten Landschaft. Beliebte Motive waren z. B. das spärlich erleuchtete Innere des Stalls zu Bethlehem mit der Krippe, die Gefangennahme Christi bei Fackelbeleuchtung.[18] Im 20. Jh. erscheinen auf den Ansichtkarten verschiedene Mondscheinmotive mit geheimnisvollen und romantischen Lichtverhältnissen. Diese Mondscheinmotive wurden schon in den Nachtstücken von Künstlern wie z. B. Hieronymus Bosch, Rembrandt oder Caspar David Friedrich verbreitet. Nachtstück war im deutschen Sprachraum im 17. Jh. fast ausschließlich als bildkünstlerisches Verfahren bekannt.

Das Nachtstück erschien auch in der Musik. Die Musik, die man in der Nacht im Freien spielte, wurde als „Nocturno“, „Notturno“, „Nocturne“, „Nachtstück“, „Nachtmusik“ oder „Abendmusik“ bezeichnet. Das Notturno bedeutet im Italienischen Nachtstück und ist eine musikalische Form in der Klaviermusik, die aus dem 19. Jh. stammt. Das Notturno ist für zwei, drei oder mehrere Instrumente bestimmt und kann aber auch für Gesang geschrieben werden, der mit oder ohne Begleitung ausgeführt wird. Diese Musik kann als Harmoniemusik mit Streich- und Blasinstrumenten verbunden sein. Das Notturno hat eine Sonatenform und ist ein Tonstück, das aus mehreren Sätzen besteht und mit Tänzen untermischt ist. Wenn es um Gesang geht, hat das Notturno eine Liedform und einen einzelnen sentimentalen Satz in Romanzeform für Klavier. Als Erster hat John Field– ein englischer Komponist das Nachtstück als eine Form eines Solostücks verbreitet. Außerdem haben sich Robert Schumann und auch Mozart mit den Nachtstücken beschäftigt.[19]

Nocturne ist vor allem ruhig und schlicht, aber trotzdem anspruchsvoll, wenn es um die Klavierspieltechnik und das Darstellungsvermögen des Pianisten geht. Zu den Komponisten, die sich mit dieser musikalischen Form befasst haben zählen u. a. Frédéric Chopin, Alexander Skriabin, Franz Liszt, Sergej Rachmaninow.

Im „Metzlers Literaturlexikon“ kann man den Begriff „Nachtstück“ finden. Nach dem Lexikon bezieht sich diese Bezeichnung auf mehrsätzige, aus der Suite entwickelte Musikstücke meist unterhaltender Art. Dabei meint die Bezeichnung anfangs nur die Aufführungszeit bei Nacht, seit der Romantik auch einen entsprechenden Stimmungswert.[20]

Weite Verbreitung fand Nachtstück als literarischer Begriff durch Jean Paul, in dessen Werk die Romantiker ihn kennen lernten.[21] Der Begriff Nachtstück wurde in Deutschland erst gegen des 18. Jhs auf die Literatur übertragen. Ein wichtiges Merkmal dieser Gattung sind unheimliche Figuren und Szenen, die in der Nacht spielen. Charakteristisch für diese Gattung sind noch schaurige Stimmung und unheimliche Beleuchtung.[22] In der Spätromantik befasste man sich mit den Abgründen des menschlichen Seins und sehr wichtig wurde der Kampf mit den dunklen Mächten, was man bei Hoffmann bemerken kann.

Als Nachtstück gilt zunächst eine Passage entsprechenden Stimmungsgehaltes innerhalb eines Textes, etwa aus Schauerromanen oder der Gräberpoesie. Von den literarischen Nachtstücken gingen wiederum Anregungen auf die anderen Künste aus, vor allem auf R. Schumann. Seine Nachtstücke beziehen sich eindeutig auch auf Hoffmann.[23]

In der Literatur bestimmt Hell-Dunkel-Konrast die einzelnen Szene und den Wechsel der Erzähltöne wie die Weltanschauung. E.T.A. Hoffman befasste sich mit dieser Gattung, mit Mystik, Fantastik und den dunklen Seiten der menschlichen Seele. Das literarische Nachtstück erhielt seine Unvewechselbarkeit als eine Art erzählerischer Kleingattung erst durch Hoffmann, „indem er das oberflächliche Kriterium einer schauerlichen Szene im Sinne der >>gothik novel<< um die ästhetische Reflexion der Nachtseiten der menschlichen Seele erweitert“.[24] Hoffman war ein Vertreter der Schauerromantik, weil er in seinen Nachtstücken das Entsetzliche und Grauenvolle darstellte. Er hat seine Erzählungen als Nachtstücke untertitelt. Seine Sammlung von Nachtstücken hat er in zwei Teile verteilt. In diesen Erzählungen ist häufig die Nacht die Handlungszeit z. B. in „Ignaz Denner“. Diese Texte enthalten die sog. Nacht–Motive. Hoffmann beschäftigt sich mit den Themen wie: Verbrechen, Wahnsinn, Spuk und Hexerei, mit deren Hilfe er die Nachtseite des Seelenlebens poetisch auswerten will. Hoffmann zeigte die dämonischen Kräfte der Phantasie in seinen „Nachtstücken“ (1817) und in den „Elixieren des Teufels“ (1815/16). Für die Romantiker war der Schauder der Nacht beliebter als das Licht des Tages. Das Geheimnisvolle hat sie fasziniert. Man thematisierte in der romantischen Literatur Traum und Nachtwandel.

Nach „Metzlers Literaturlexikon“ wird mit Nachtstück um 1800 auch die literarische Gestaltung einer nächtlichen Szene bezeichnet. In England wurde der Begriff im 17. Jh. auf die Dichtung übertragen. Man nannte die Nachtstücke „Night–Pieces“.[25]

1.3 Romantisches K onzept des „N ächtlichen “

Die Nacht ist die Zeit zwischen dem Abend und dem Beginn der Morgendämmerung.[26] Man hat angenommen, dass während der Nacht die ganze Natur schläft. Tiere, die in der Nacht aktiv sind, wie z. B. Fledermäuse, Wölfe gelten oft als unheimlich. Die Nacht steht im Verbindung mit Schlafwandeln, Befreiung von allen irdischen Problemen, Geheimnissen, Stille, bösen Taten und sie ist ein Spielraum der Träume. Die Menschen versuchen oft die Träume zu interpretieren. Der Verlauf der Traumereignisse weist eine überraschende Ähnlichkeit mit dem Verlauf des Schicksals auf. Die „Traumbildersprache“ besteht aus Bildern und sie entspricht weitgehend der Sprache des Gefühls, der Liebe und der Poesie.[27] In Träumen und visionären Ahnungen scheint sich ein neues Leben zu erschließen, in dem die Zerrissenheit der Tageswelt aufgehoben ist und das Ich vereinigt sich mit der Natur. Die Doppelmetapher von Hellem und Dunklem, Tag und Nacht verweist auf die Relation von Bewusstem und Unbewusstem. Sie wurde durch die Psychologie des 18. Jhs. und die Hinwendung zu den Abgründen des Seelenlebens vorbereitet.[28]

Die Nacht ist also die geheimnisvolle, dunkle Zeit, die Viele ins Angst versetzen kann. Damit assoziierte man dunkle Mächte, denen man negative Gefühle, wie Hass, Wahnsinn zuschrieb. Sie stellt Personen, Ereignisse anderes dar, als sie in der Wirklichkeit, am Tage aussehen. Manche glauben, dass die Nacht die Geisterwelt ist. Erst Hoffmann verband die verschiedenen Schichten des Begriffs unter starker Betonung der übertragenen Bedeutung. In diesem Sinne wurde „Nachtstück“ im 19. Jh. verstanden und nicht selten in direkten Bezug auf Hoffmann, als literarische Gattungsbezeichnung verwendet.[29]

E.T.A. Hoffmann hat sich auf das Werk von Carl Ferdinand Kluge „Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heilmittel“ berufen. Das Buch stellte die „Nacht, als die Erzeugerin alles Schönen und Furchtbaren, Dunkeln und Geheimnißvollen, und daher die Mutter der Brüder Schlaf und Tod“[30] dar.

Hoffmann berief sich auf die Beschreibung G. H. Schuberts von den „Nachtseiten der Naturwissenschaft“. Schubert beschäftigte sich mit den Gegenständen, „die man zu dem Gebiet des sogennanten Wunderglaubens gezählt hat“.[31] Von ihm stammmt der Begriff der „Nachtseite“ überhaupt nicht in der Tradition der Gespenster- und Schauerlieratur verstanden, die die menschliche Ohnmacht angesichts des Einflusses höherer Mächte zeigt.[32]

„Die Nacht“ war ein Schlüsselbegriff der beginnenden Romantik, deshalb breiteten sich Zusammensetzungen mit „Nacht“ aus, z. B. „Nachtwachen von Bonawentura“, „Nachtseite der Naturwissenschaft“.[33] Novalis versteht die Nacht als Ursprungsraum der kreativen Phantasie. In den „Hymnen an die Nacht“ ruft er ein poetisches Jenseits als Reich des Traumes, der Visionen, der Verbundenheit aller Dinge hervor. Mit dem Nacht-Motiv verbindet sich oft die Lust am Dunklen, an der Trauer, der genussvollen Hingabe an den Schmerz.[34]

[...]


[1] Barbara Baumann, Brigitte Oberle: Deutsche Literatur in Epochen. München 1985, S. 129.

[2] Albert Beguin: Traumwelt und Romantik. München 1972, S. 482.

[3] Vgl. Barbara Baumann, Brigitta Oberle: a. a. O., S. 126-135.

[4] Vgl. Helmut Schanze: Romantik-Handbuch. Tübingen 2003, S.593.

[5] Duden, Deutsches Universalwörterbuch, Mannheim 2001, S.1467: somnambul <Adj.> [frz. Somnambule, zu lat. somnus = Schlaf u. ambulare = umhergehen]: (Med.) schlafwandelnd; mondsüchtig;

[6] Vgl. Helmut Schanze: a. a. O., S. 594.

[7] Johannes Mittenzwei: Romantik. Berlin 1967, S. 442.

[8] Vgl. Johannes Mittenzwei: a. a. O., S. 448.

[9] Vgl. Johannes Mittenzwei: a. a. O., S. 449.

[10] Vgl. Gabrielle Wittkop-Menardeau: E.T.A. Hoffmann. Reinbek bei Hamburg 1966, S. 35.

[11] Vgl. Hartmut Steine>

[12] Vgl. Stefan Ringel: Realität und Einbildungskraft im Werk E.T.A. Hoffmanns. Köln 1997, S. 11-13

[13] Albert Beguin: a. a. O., S. 358.

[14] Vgl. Hartmut Steine>

[15] Vgl. Metzler Literatur Lexikon: Begriffe und Definitionen. Leipzig 1792, S. 318.

[16] Vgl. R. Brenstedt: Die Entstehung und Entwicklung des Nachtbildes in der abendländischen

Malerei, Göttingen 1966, S. 115.

[17] Vgl. Gerhad Kaiser (Hg.): Nachwort: In Hoffmann E.T.A. Fantasie- und Nachtstücke. Stuttgart 1994,

S. 396.

[18] Vgl. P. W. Hartmann: Das große Kunstlexikon,

http://www.beyars.com/kunstlexikon/lexikon_6217.html (05.08.2007).

[19] Vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Nocturne_(Musik) (10.07.2007).

[20] Metzler Literatur Lexikon: a. a. O., S. 318.

[21] Vgl. Gerhard Kaiser: a. a. O., S. 396.

[22] Vgl. Detlef Kremer: E.T.A. Hoffmann zur Einführung. Hamburg 1998, S. 67.

[23] Vgl. Metzler Literatur Lexikon: a. a. O., S. 318.

[24] Ebd., S. 67.

[25] Vgl. Hartmut Steine>

[26] Vgl. Gerhard Wahrig: Wörterbuch der deutschen Sprache. München 1997, S. 891.

[27] Vgl. Brigitte Feldges, Urlich Stadler: E.T.A. Hoffmann. Epoche-Werk-Wirkung. München 1986,
S. 25.

[28] Vgl. Monika Schmitz-Emans: Einführung in die Literatur der Romantik. Darmstadt 2004, S. 63.

[29] Vgl. Hartmut Steine>

[30] Carl Alexander Ferdinand Kluge: Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als

Heilmittel. Berlin 1811, S. 613.

[31] Gotthilf, Heinrich Schubert: Die Symbolik des Traumes. Bamberg 1814, S. 195.

[32] Vgl. Stefan Ringel: a. a. O., S. 195.

[33] Vgl. Hartmut Steine>

[34] Vgl. Monika Schmitz -Emans: a. a. O., S. 63.

Details

Seiten
56
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640352784
ISBN (Buch)
9783640352913
Dateigröße
692 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129186
Institution / Hochschule
Uniwersytet Jagiellonski w Krakowie
Note
3 plus
Schlagworte
Gattung Nachtstücks Beispiel Hoffmanns Erzählungen Ignaz Denner Jesuiterkirche Sanctus

Autor

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