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Shared Mental Models - Ein institutionenökonomischer Ansatz zur Beschreibung des Einflusses von Religion

In ökonomischen Entscheidungssituationen aus religionswissenschaftlicher Perspektive

Diplomarbeit 2008 70 Seiten

Soziologie - Religion

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Aufbau der Arbeit

2 Begriffsbestimmungen
2.1 Handeln
2.2 Wirtschaftliches Handeln
2.3 Religion
2.4 Modell

3 Darstellung der Rational-Choice-Theorie
3.1 Historische Entwicklung des Homo-Oeconomicus-Modells
3.2 Darstellung der Rational-Choice-Theorie
3.2.1 Der Homo-Oeconomicus als Menschenbild der Rational-Choice-Theorie
3.2.2 Sechs Grundannahmen des Modells
3.2.3 Der Homo-Oeconomicus in Entscheidungssituationen
3.2.4 Koordination und Interdependenz des Homo-Oeconomicus
3.3 Kritische Würdigung der Rational-Choice-Theorie unter Zuhilfenahme der drei Dimensionen nach R. Manstetten
3.3.1 Die axiomatische Dimension des Modells: Kritik am methodologischen Individualismus
3.3.2 Die phänomenologische Dimension: Kritik an der Realitätsferne der Annahmen
3.3.3 Die ethisch-politische Dimension: Kritik am Menschenbild der Rational-Choice-Theorie
3.4 Die Rational-Choice-Theorie und Religion
3.4.1 Vom Haushaltsmodell zum Markt der Religionen Die Anwendung Ökonomischer Theorie zur Beschreibung von Religion
3.4.2 Religion als Präferenz im Ökonomischen Modell
3.5 Fazit

4 Darstellung des Konzepts der Shared Mental Models
4.1 Forschungsprogramm der Institutionenökonomik
4.2 Kritik an der Rational-Choice-Theorie durch die Institutionenökonomik
4.3 Modellierung von Entscheidungssituationen in der Institutionenökonomik
4.4 Verhaltenswirkung mentaler Modelle
4.4.1 Der deskriptive Charakter von mentalen Modellen
4.4.2 Der präskriptive Charakter von mentalen Modellen
4.4.3 Lernen: Über die Entstehung mentaler Modelle
4.4.4 Direktes Lernen aus eigener Erfahrung
4.4.5 Indirektes Lernen durch Kommunikation
4.5 Kommunikation und Kultur
4.6 Ideologien
4.7 Institutionen
4.8 Organisationen
4.9 Fazit

5 Das Konzept der Shared Mental Models und Religion
5.1 Übertragung des Modells auf den Bereich Religion
5.2 Wirkung von Religion auf wirtschaftliches Verhalten
5.2.1 Funktionale Wirkung von Religion
5.2.2 Dysfunktionale Wirkung von Religion
5.3 Fazit

6 Diskussion des Konzepts der Shared Mental Models
6.1 Historisch-Kritische / Hermeneutische Diskussion
6.2 Diskussion des Konzepts der mentalen Modelle
6.2.1 Menschenbild
6.2.2 Religion
6.2.3 Interaktion und Koordination
6.2.4 Restriktionen versus Präferenzen
6.2.5 Transaktion
6.3 Fazit
6.4 Zur Anwendung des Konzepts der mentalen Modelle in der Religionswissenschaft
6.4.1 Aussagekraft von Modellen
6.4.2 Religionswissenschaft und mentale Modelle
6.4.3 Religionswissenschaft und Rational-Choice

7 Ausblick und Schlussbetrachtung
7.1 Ausblick: Annäherungen an die Wirklichkeit
7.2 Schlussbetrachtung

8 Literatur

1 Einleitung

Die Bedeutung von Religion als grundlegendes Muster menschlichen Handelns wird seit den achtziger Jahren des 20. Jahrhunderts verstärkt wahrgenommen, u. a. sowohl von der Geschichtswissenschaft als auch von den ökonomischen Diszipli- nen. Zu dieser Zeit des cultural turn wurden Kultur und Religion als hand- lungsbestimmende Kräftw wiederentdeckt und anschließend an Max Weber und Clifford Geertz in größerem Maße als prägende Elemente der menschlichen Lebensführung begriffen.

Seit den 1990er Jahren entwickelt sich die Religionsökonomie als Unterdisziplin der Religionswissenschaft. Neben Finanzierungsfragen von Religion und der Beschreibung von Religion mittels ökonomischer Modelle behandelt sie die Frage, in wie weit religiöses Handeln und Verhalten von Einzelnen und Gemein- schaften wirtschaftlich relevant ist (vgl. Schulz 2006 a). Die Religionswissen- schaft beansprucht bei ihrem Vorgehen keine wirtschaftswissenschaftliche Kom- petenz, versteht sich jedoch als Kulturwissenschaft, die sowohl die ökonomische Relevanz als auch die spezifischen ökonomischen Dimensionen religiösen Han- delns und Verhaltens untersucht. In modernen Gesellschaften sind die Wechselbe- ziehungen zwischen ausdifferenzierten Lebensbereichen tagtäglich national und global zu erfahren, z. B. auf den miteinander verflochtenen Konsumgüter-, Pro- duktionsmittel- und Finanzmärkten. (Schulz 2006 b)

Auch in den ökonomischen wissenschaftlichen Disziplinen hat man begonnen, sich explizit mit Kultur und damit auch implizit mit Religion als einem Teil von Kultur auseinander zu setzen. Einflüsse von Kultur auf ökonomisches Handeln werden als signifikant erachtet, erforscht und die gewonnen Erkenntnisse umge- setzt, z. B. in Form von interkulturellen Trainings oder Ethnomarketing, bei dem Produkte und Werbung auf unterschiedliche Kulturen zugeschnitten werden. Fest- zuhalten ist dabei, dass Kultur hauptsächlich im Allgemeinen und nicht Religion im Speziellen untersucht wird.

Das Bild des Menschen, das vom Paradigma der rationalen Wahl propagiert wird, ist der nach Nutzenmaximierung strebende, perfekt informierte Homo-Oeconomi- cus, mit dem bisher ökonomisches Verhalten erklärt wurde. In diesem Modell kommt Religion aber nicht vor. Die Institutionenökonomik als ein Teilbereich der Ökonomik hat in jüngerer Zeit mit dem sich von der Rational-Choice-Theorie absetzenden Konzept der überindividuell geteilten mentalen Modelle einen Ansatz hervorgebracht, mit dem die Beschreibung von Einflüssen religiöser Vorstellun- gen auf das Verhalten in ökonomischen Entscheidungssituationen möglich ist. Ihn zeichnet aus, dass er sich in Unsicherheit befindet, also nicht alle Handlungsalter- nativen und daraus resultierenden Konsequenzen kennt und daher nur begrenzt rational handeln kann.

Da das Konzept der Shared Mental Models in der Religionswissenschaft bisher wenig diskutiert wurde, soll es hier dargestellt werden, um anschließend zu erörtern, ob die Darstellung von Religion in wirtschaftlichen Handlungszusammenhängen mit Hilfe dieses Ansatzes gewinnbringend ist.

1.1 Aufbau der Arbeit

Zunächst werden in Kapitel 2 Begriffsbestimmungen vorgenommen. Da die Fra- gestellung der Arbeit ist, welche Modelle bzw. Theorien für die Modellierung von Auswirkungen von Religion auf wirtschaftliches Verhalten geeignet sind, soll in Kapitel 3 zunächst die Rational-Choice-Theorie dargestellt werden. Sie ist das Modell, mit dem wirtschaftliches Verhalten bislang beschrieben wurde. Es schließt sich die Untersuchung an, ob Religion in der Rational-Choice-Theorie Platz findet. Kapitel 4 stellt das Konzept der mentalen Modelle dar, welche kultu- relle Faktoren in die Beschreibung von wirtschaftlichen Zusammenhängen ein- führt. In Kapitel 5 wird die Übertragung des Konzepts der mentalen Modelle auf den Bereich Religion unternommen und überblicksartig mögliche Einflüsse von Religion auf ökonomische Entscheidungssituationen dargestellt. Anschließend fin- det in Kapitel 6 eine Diskussion der beiden Ansätze auf ihre Leistungsfähigkeit hinsichtlich der Darstellung von Religion in wirtschaftlichen Situationen statt. Kapitel 7 schließt mit einer Annäherung an die Realität und einer Schlussbetrach- tung die Arbeit ab.

2 Begriffsbestimmungen

Im Folgenden werden die Begriffe »Handeln«, »wirtschaftliches Handeln«, »Religion«, sowie ein allgemeiner »Modellbegriff« in der Weise dargestellt, wie sie im weiteren Verlauf der Arbeit vorausgesetzt und mitgedacht werden.

2.1 Handeln

Nach Weber wird Handeln von Verhalten differenziert, und zwar dahingehend, dass Verhalten absichtslos, spontan und unreflektiert erfolgt, wohingegen Han- deln sinnhaft ist, Zweck hat und der handelnde Menschen damit Interessen ver- folgt, auch wenn dem Akteur Sinn und Zweck seines Handelns oft nicht bewusst ist. Weber unterscheidet weiter zwischen Handeln allgemein und sozialem Han- deln, wobei soziales Handeln dasjenige bezeichnet, das am Verhalten anderer ori- entiert ist (vgl. Hirsch-Kreinsen 2005, 1415)1. Als Beispiel für Handeln sei ein Angler genannt, der sein Tun darauf ausrichtet, Fische zu fangen. Er muss sich dabei mit der Natur auseinandersetzen, nicht aber mit anderen Menschen. Dies ändert sich, wenn derselbe Angler seine gefangenen Fische auf einem Markt zu verkaufen versucht. Dort handelt er zwar immer noch zweckhaft, muss sich aber auf das Verhalten anderer Menschen einstellen und sich z. B. am aktuellen Preis für die von ihm gefangenen Fische orientieren (vgl. Hirsch-Kreinsen 2005, 14).

2.2 Wirtschaftliches Handeln

Wirtschaftliches Handeln sei jenes, das an einem »Begehr nach Nutzleistungen« orientiert ist. Dabei ist der Handelnde interessiert an der »Verfügungsgewalt über Sachgüter und Leistungen, die als Mittel für Bedürfnisbefriedigung wie aber auch als Handlungsressourcen zu begreifen sind« (Hirsch-Kreinsen 2005, 16). Es umfasst sowohl Prozesse des Tausches von Gütern und Ressourcen als auch deren kollektive Produktion. Wirtschaftliches Handeln erfolgt dabei, häufig im Unter- schied zu weiteren Formen sozialer Aktivitäten, zweckrational, d. h. »die Mittel und die Zwecke der Aktivitäten werden planvoll gegeneinander abgewogen« (Hirsch-Kreinsen 2005, 16).

Zwei weitere Begriffe, die eng in Verbindung mit wirtschaftlichem Handeln ste- hen, sollen auch kurz eingeführt werden. Zum einen ist die Transaktion zu nen- nen, die den Tausch materieller und immaterieller Güter, Leistungen und Rechte bezeichnet. Davon zu unterscheiden ist der Begriff der Interaktion, die eine wei- tere Form des sozialen Handelns darstellt, bei der wechselseitige kommunikative, symbolische, kulturelle und normativ geprägte Beziehungen eine Rolle spielen. Sie kann sich auf den gezielten Tausch von Ressourcen beschränken, muss dieses aber nicht tun, wohingegen Transaktionen stets auch Interaktionen sind, weshalb kulturelle und normative Bedingungen dort immer eine Rolle spielen (vgl. Hirsch- Kreinsen 2005, 16).

2.3 Religion

Religionswissenschaftlich betrachtet ist Religion ein Teil von Kultur und steht in steter Interdependenz mit anderen Bereichen der Gesellschaft. Religion muss dabei als intersubjektiv verstanden werden. Sie erlangt durch kommunikative Akte Bedeutung. Von Religion zu differenzieren ist subjektive Frömmigkeit oder Spiri- tualität, die Teil einer, aber auch mehrerer Religionen gleichzeitig sein kann. Reli- gion besteht also zum Großteil aus Kommunikation sonst könnte sie nicht Teil von Kultur sein. Sie manifestiert sich in Symbolen und Texten, Gesten und Sprechakten, sowie in Handlungen, durch die der Glaubende seinen Glauben kommuniziert. Erst das Teilen von persönlichem Glauben mit Anderen lässt Reli- gion entstehen (vgl. Kippenberg / Stuckrad 2003). Sie ist sowohl individuell als auch kollektiv bedeutungsvoll. Neben dieser ethisch-sozialen Dimension lassen sich Auffarth / Mohr (2005) folgend weitere Dimensionen des Phänomens »Reli- gion« beschreiben. Die kognitive Dimension besteht aus der Ausformulierung des Glaubenssystems in Form von Mythologie und Theologie. Symbolische Handlun- gen und Riten lassen sich in der rituellen Dimension zusammenfassen. Die Art und Weise der Vergemeinschaftung und Inkorporation in das Rechtssystem der jeweiligen Gesellschaft stellt die institutionelle Dimension dar. Eine ganz andere Art der Wahrnehmung spricht die ästhetische Dimenion an. Sie umfasst alles visu- ell, auditiv, olfaktorisch, gustatorisch und taktil Wahrnehmbare. Durch Religion ausgelöste Gefühle und Stimmungen lassen sich auf eine psychische Dimension von Religion zurückführen.

Eine kurze und prägnante Definition von Religon ist nur möglich, wenn man sich auf eine Dimenion von Religion konzentriert und bewusst die restlichen unbe- trachtet lässt. Die folgenden Ausführungen beziehen sich hauptsächlich auf die ethisch-soziale Dimension, die von Klinkhammer (2008) folgendermaßen beschrieben wird: »Religion interpretiert und integriert alltägliche Erfahrungen in ein z. T. loses System von transzendenten Wahrheiten und Handlungsorientierun- gen«. Das bedeutet, »Religion ist zu verstehen als ein Pool von Sinn- und Handlungspräferenzen, auch in Form von Gewohnheiten eines Einzelnen oder einer Gruppe [...]« (Klinkhammer 2008).

2.4 Modell

Die methodologische Engführung des Phänomens Religion auf einen kleinen Bereich deckt sich mit der allgemeinen Modelltheorie nach Stachowiak (1973), die kurz vorgestellt werden soll. Dies ist insbesondere deswegen sinnvoll, da im weiteren Verlauf zwei Modelle menschlichen Verhaltens behandelt werden und ein adäquater Umgang mit ihnen nur dann möglich ist, wenn der Begriff Modell geklärt ist.

Eine allgemeine Modelltheorie wurde von Herbert Stachowiak (1973) vorgeschla- gen. Er kennzeichnet ein Modell mit drei Merkmalen: (1) Ein Modell ist immer eine Abbildung von natürlichen oder künstlichen Originalen. »Sie referenzieren somit ein Original, zu dem sie in einer Abbildungsrelation stehen« (Brocke 2003, 10). (2) Ein Modell stellt immer verkürzt dar. Es erfasst nicht alle Attribute des Originals sondern stellt nur diejenigen Teile dar, die dem Modellschaffer relevant erscheinen. (3) Das Modell orientiert sich immer am Nützlichen. Die Teilaspekte dieses pragmatischen Merkmals sind Zeitlichkeit, Intentionalität und Subjektivi- tät. Eine besondere Rolle kommt daher dem Modellschaffer zu. Er ist es, der das Modell dem Original zuordnet. Erst durch den festgelegten Kontext wird das Modell für ein bestimmtes Ziel relevant. Dabei konstituiert sich der Kontext durch die Fragen »Für wen wurde das Modell geschaffen?« »Warum wurde das Modell geschaffen?« »Wozu wurde das Modell geschaffen?« (vgl Brocke 2003, 10). Ein Modell ist also immer eine Interpretation der Wirklichkeit und muss seinerseits interpretiert werden. Es wird gebildet, um eine bestimmte, eng umrissene Art von Erkenntnissen zu gewinnen und schließt andere Erkenntnisarten aus. Auf das Thema der Arbeit bezogen heißt das, dass lediglich Aussagen über die ethisch- soziale Dimension getroffen werden können, andere Bereiche, wie z. B. die ästhe- tische Dimension, werden außer Acht gelassen.

3 Darstellung der Rational-Choice-Theorie

Dieses Kapitel stellt dar, was in den Sozialwissenschaften als »Rational-Choice- Theorie« bekannt ist. Zunächst erfolgt in Kapitel 3.1 ein Aufriss der historischen Entwicklung der Rational-Choice-Theorie. Es schließt sich in Kaptiel 3.2 ein Überblick darüber an, wie die Ökonomik dieses Forschungsprogramm anwendet. Kapitel 3.3 ist eine kritische Würdigung des Rationalansatzes zu entnehmen. Welchen Ort Religion in diesem Modell einnimmt und was mit seiner Hilfe über Religion gesagt werden kann, wird in Kapitel 3.4 beschrieben. Als Fazit beschließt Kapitel 3.5 die Darstellung der Rational-Choice-Theorie.

3.1 Historische Entwicklung des Homo-Oeconomicus-Modells

Im siebzehnten Jahrhundert wurde damit begonnen, die Regierenden zu beraten, »durch welche Maßnahmen in ihrem Staat die Produktivität gefördert und der Wohlstand vermehrt werden könnte wobei sich das Interesse letztlich auf die Vermehrung des Staatsschatzes erstreckte.« (Manstetten 2000, 39) Diese »politische Ökonomie« beschäftigte sich mit Güterproduktion, Distribution, Märkten, Verkehrsverhältnissen, Geldwesen sowie mit rechtlichen, politischen und sozialen Institutionen (vgl. Manstetten 2000, 38).

Die im Verlauf dieses Kapitels betrachteten Theorien der rationalen Wahl orientie- ren sich an dem Programm der schottischen Moralphilosophen, deren wichtigster Vertreter neben David Hume und Adam Ferguson insbesondere Adam Smith und seine klassische Ökonomie ist (vgl. Vanberg 1975, 5). Dieser treibt mit sei- nem Werk die Trennung von Staat und Wirtschaft voran. Seine Empfehlungen zur Vermehrung des Besitzes sind nicht mehr vornehmlich an die Herrschenden des Staates gerichtet, sondern an den einzelnen im Staat wirtschaftenden Bürger. Er geht davon aus, »dass die Wirtschaft ein System sei, dessen Funktion für das poli- tische Ganze am besten gewährleisten werde, wenn man ihm weitgehend freien Lauf lasse« (Manstetten 2000, 47) und postuliert 1776 in seinem Buch An Inquiry into the Nature and Causes of the wealth of Nations ein System der »natürlichen Freiheit des Menschen«, in dem der Staat dem Bürger erlaubt, »frei sein eigenes Interesse zu verfolgen und demgemäß seinen Erwerbsfleiß und sein Kapital ein- setzen lässt« (Manstetten 2000, 47). Dadurch »wird Wirtschaft als ein System in (annähernd) reiner Form erkennbar: als ein sozial nützlicher Ordnungszusammenhang, der sich einstellt, wenn die Menschen im Rahmen der Gesetze die Freiheit haben, so tätig zu sein, wie es ihre Natur ihnen eingibt. Smith selbst verwendet den Begriff Homo-Oeconomicus nicht.

Sein Vertrauen in die Menschennatur entsprang eher einem ethisch religiösen Hintergrund als in heutigem Sinne ökonomische Erwägungen. Aber die Denkfigur des Systems der natürlichen Freiheit wurde, losgelöst von den Kontexten, in denen Smith sie konzipiert hatte, zur Grundlage der Wissenschaft der Ökonomik« (Manstetten 2000, 47).

Der Nationalökonom David Ricardo formuliert Anfang des 19. Jahrhunderts das System von Adam Smith aus. Er prägt die Vorstellung einer Ökonomie, die »von Kräften getrieben« ist, welche von den Individuen nicht kontrolliert werden können (vgl. Manstetten 2000, 47). Damit entwirft er ein Bild der Wirtschaft, das an Modelle aus der Physik angelehnt ist.

John Stuart Mill entwickelt 1836 vor diesem Hintergrund eine wissenschaftliche Herangehensweise, die menschliches Verhalten auf wenige Motive reduziert. Nach Mill untersucht die Ökonomik diejenigen Handlungen, die zustande kom- men, wenn der Mensch danach trachtet, sein Vermögen zu erhöhen. Alle anderen Beweggründe werden nicht berücksichtigt, mit Ausnahme der Arbeitsscheu und der Genusssucht des Menschen, die beide dem Streben nach Vermögen antagonis- tisch gegenüberstehen (vgl. Manstetten 2000, 48). Mill ist sich dabeu durchaus bewusst, dass es sich bei diesen Annahmen um eine Abstraktion handelt und die Realität anders aussieht:

»Alle diese Verrichtungen, von denen viele in Wahrheit das Ergebnis einer Viel- zahl von Beweggründen sind, sieht die politische Ökonomie so an, als wären sie lediglich dem Verlangen (desire) nach Vermögen entstammt... Nicht dass je ein politischer Ökonom absurderweise angenommen hätte, dass die Menschheit wirklich so beschaffen ist, sondern dies ist die Art, in der Wissenschaft notwen- dig vorgehen muss.« (Mill, 1974, 901; Übersetzt von Manstetten 2000, 48)

Mill hält die Reduktion auf eines oder wenige Motive für sinnvoll, da menschliches Verhalten dadurch »in systematisch gedachte Zusammenhänge« (Manstetten 2000, 4849) eingeordnet werden kann.

Auch Mill verwendet den Begriff »Homo-Oeconomicus« noch nicht. Aber bei ihm findet sich die Sichtweise, die später zur Konzeption des Homo-Oeconomicus führt, bereits in einem vollständig entwickelten Zustand (vgl. Manstetten 2000, 4748).

Der Ausdruck »Homo-Oeconomicus« taucht das erste Mal gegen Ende des 19. Jahrhunderts auf und ist ein von Gegnern Mills geprägter Begriff. Bei diesen Geg- nern handelt es sich um Vertreter einer ganzheitlichen Soziologie. Sie wehren sich gegen den reduktionistischen Ansatz von Mill und sprechen in polemischer Absicht von einem economic man als einer Karikatur des wirklichen Menschen. Der italienische Ökonom Vilfredo Pareto ist der erste, der den oben genannten Kampfbegriff in einen lateinischen Terminus wandelt und als Homo-Oeconomicus zu Beginn des 20. Jahrhunderts in seiner Theorie systematisch einsetzt (vgl. Man- stetten 2000, 48, Fußnote 12).

Ab den 70er Jahren des 19. Jahrhunderts entwickelt sich die Neoklassik zu der dominanten Theorie der Ökonomik. Kennzeichnend sind für sie die folgenden drei Merkmale: Zum einen versucht sie, ökonomische Sachverhalte mit der Sprache der Mathematik auszudrücken und orientiert sich dabei an der Darstellung von energetischen Systemen, wie sie aus der Physik bekannt waren, was sich z. B. an der Verwendung des aus der Thermodynamik entlehnten Begriffes Gleichgewicht ablesen lässt. Des Weiteren ist das Postulat des methodologischen Individualismus charakteristisch, der das Individuum als den elementaren Bestandteil wirtschaftli- cher Zusammenhänge ansieht. Das dritte Merkmal der neoklassischen Ökonomik ist, dass in ihren Modellen jedes Individuum nach maximalem Nutzen strebt und dadurch alles wirtschaftliche Handeln bestimmt wird.

3.2 Darstellung der Rational-Choice-Theorie

Die Theorie der rationalen Wahl, wie die Rational-Choice-Theorie auch genannt wird, basiert auf einem speziellen Menschenbild, dem Homo-Oeconomicus. Was diesen grundsätzlich auszeichnet, wird im Folgenden erläutert2. Dann folgt die Darstellung axiomatischer Annahmen, die jeder ökonomischen Analyse zugrunde liegen. Hiervon ausgehend wird gezeigt, wie der Homo-Oeconomicus sich in Ent- scheidungssituationen verhält. Zuletzt wird betrachtet, wie Interdependenzen zwi- schen Akteuren dargestellt werden können und wie sich mehrere Homines-Oeco- nomici koordinieren.

3.2.1 Der Homo-Oeconomicus als Menschenbild der Rational-Choice-Theorie

Bei der Rational-Choice-Theorie handelt es sich um eine abstrakte Herangehens- weise, die von der neoklassischen Ökonomik3 entwickelt wurde,4 um das Handeln des Menschen unter Knappheit5 zu analysieren. Als spezielles Modell hat die Öko- nomik hierzu das »ökonomische Modell individuellen Handelns« (Erlei 1999, 1) konzipiert, welches auch »Homo-Oeconomicus Modell« genannt wird. Es ist tau- tologisch6 aufgebaut. Prozesse menschlicher Präferenzbildung und Informations- verarbeitung werden bewusst ausgeklammert und die Präferenzen eines Menschen dagegen als gegeben und sich nicht verändernd angenommen. Ziel ist es, den Menschen in einer Laborsituation darzustellen, um die Reaktion des Akteurs auf die Änderung von situativen Anreizen bzw. Restriktionen herauszustellen. Unter situativen Anreizen können in genuin ökonomischen Situationen z. B. die Ände- rung des Preises eines Gutes oder die Veränderung des Einkommens des Akteurs verstanden werden (vgl. Erlei 1999, 6). Der Homo-Oeconomicus ist also das Men- schenbild der neoklassischen Ökonomik. Grob gesagt handelt es sich dabei um einen perfekt informierten, nur von seinen Präferenzen geleiteten rational ent- scheidenden Akteur. Was ihn genau auszeichnet, wird in den folgenden Abschnit- ten beschrieben.

3.2.2 Sechs Grundannahmen des Modells

Sechs axiomatische Grundannahmen prägen den Analyserahmen des Modells des rational entscheidenden Menschen in der Ökonomik. Sie werden als gegeben angenommen und liegen allen analytischen Überlegungen innerhalb des Modells zugrunde. Aus ihnen werden sämtliche Aussagen abgeleitet. Es sind im Einzelnen:

1. das Individualprinzip,
2. das Prinzip der Problemorientierung,
3. das Prinzip der Trennung zwischen Präferenzen und Restriktionen,
4. das Rationalitätsprinzip,
5. das Prinzip der Nicht-Einzelfall-Betrachtung sowie
6. das Prinzip des methodologischen Individualismus.

Das Individualprinzip legt fest, dass der Akteur sich ausschließlich an seinen eigenen Präferenzen orientiert und daher egoistisch handelt. Er stellt die alleinige Quelle seiner Werte dar, und seine eigene Präferenzenstruktur ist die einzige Referenz für die Beurteilung seines Handelns.

Das Prinzip der Problemorientierung beschreibt, dass zum einen nur Knapp- heitsprobleme und »nur die für ein Problem wesentlichen Präferenzen und Restriktionen betrachtet [werden]« (Erlei 1999, 3), ungeachtet dessen, dass der Mensch eine Fülle von weiteren Präferenzen und Restriktionen sowie Neigungen besitzt. Wichtige Restriktionen sind zeitlicher Art oder Ressourcenbeschränkun- gen personeller oder finanzieller Natur. Besonderes Augenmerk liegt bei der Pro- blemorientierung auf den Kosten, die eine Entscheidung mit sich bringt (vgl. Auf- derheide 1995, 42).

Das Prinzip der Trennung zwischen Präferenzen und Restriktionen geht davon aus, dass eine Spannung zwischen den Bedürfnissen eines Akteurs und sei- nen knappen Mitteln besteht. Um die Präferenzen eines Individuums zu beschrei- ben, werden weitere Annahmen getroffen: Zum einen wird vorausgesetzt, dass die Bedürfnisse des Menschen nicht stillbar sind. Dies stellt sicher, dass jede Restrik- tion Knappheit verursacht. Eine weitere Annahme ist die der Konsistenz der Annahmen. Das bedeutet, dass die Präferenzen widerspruchsfrei und transitiv geordnet sind, so dass der Akteur eine Rangfolge seiner Präferenzen bzw. deren Gleichrangigkeit (vgl. Aufderheide 1995, 47) angeben kann. Zuletzt wird die Konstanz dieser Präferenzen als gegeben angenommen. Dies stellt sicher, dass Verhaltensänderungen nicht auf Grund von Präferenzänderungen zustande kom- men, sondern Auswirkungen von Kosten- oder Restriktionsänderungen sind. Die Ökonomik geht von einer interindividuellen Gleichartigkeit der Präferenzen aus (vgl. Aufderheide 1995, 52).

Das Rationalitätsprinzip besagt, dass das Individuum seine Handlungsmöglich- keiten unter Zuhilfenahme eines Kosten-Nutzenkalküls bewertet und anschließend die relativ betrachtet beste Alternative bevorzugt. Für die Ökonomik ist auch dies »ein methodisch hilfreicher Trick, um von Restriktionsänderungen auf individu- elle Verhaltensänderungen zu schließen.« (Erlei 1999, 4) Ein weiteres Kennzei- chen des rationalen Individuums ist die Fähigkeit, Ziele von den zu ihrer Errei- chung notwendigen Mitteln sowie von den den Handlungsspielraum definierenden Restriktionen zu differenzieren (vgl. Aufderheide 1995, 47). »Das Rationalitäts- prinzip stellt das Bindeglied zwischen den situativen Bedingungen und den indivi- duellen Handlungen bzw. deren Resultaten her« (Erlei 1999, 5).

Das Prinzip der Nicht-Einzelfall-Betrachtung besagt, dass die Aussagen der Ökonomik weder den Einzelfall noch das Verhalten aller Individuen darstellen. Hingegen werden Aussagen über allgemeine Verhaltensweisen getroffen, um repräsentatives, das heißt dominantes Verhalten abzubilden. Die Analysen der Ökonomik sind so aufgebaut, als ob alle Akteure gleichermaßen rational handeln und dies über die Modellierung eines einzelnen Akteurs illustriert werden kann (vgl. Aufderheide 1995, 48). Dies ermöglicht eine systematische Perspektive auf extrapersonale Parameter, die prinzipiell beobachtbar und veränderlich sind. Die Begründung für dieses Vorgehen ist nach Aufderheide, »dass es der Ökonomik nicht um das Verhalten bestimmter Individuen geht, sondern um Handlungssitua- tionen [...]« (Aufderheide 1995, 52).

Das letzte Prinzip ist das des methodologischen Individualismus. Es besagt, dass die Eigenschaften sozialer Systemen von den Eigenschaften und Anreizsystemen der diese konstituierenden Individuen abhängen, dass Gesellschaft also über das Aggregat von Individuen abgebildet werden kann.

Diese sechs Grundannahmen bilden das Fundament, auf dem jede ökonomische Analyse stattfindet, und mit dem dargestellt werden kann, wie sich der im ökono- mischen Sinne rational handelnde Mensch in Entscheidungssituationen verhällt.

3.2.3 Der Homo-Oeconomicus in Entscheidungssituationen

Um die Art der Entscheidungsfindung des Homo-Oeconomicus adäquat beschrei- ben zu können, werden drei Bausteine verwendet. Zunächst müssen seine Präfe- renzen definiert werden. Diese werden in ökonomischen Analysen als gegeben und konstant angenommen. Dann wird der Handlungsraum des Akteurs beschrie- ben. Er konstituiert sich aus sämtlichen dem Individuum zur Verfügung stehenden Handlungsalternativen. Essentiell für eine ökonomische Analyse sind jedoch die Handlungsrestriktionen, die die Knappheit der Situation definieren. Gibt es keine

Restriktionen und damit keine Knappheitssituation, scheitert eine ökonomische Analyse. Schlussendlich spielt die Wahlhandlung des Individuums eine wichtige Rolle. Sie resultiert aus dem Spannungsfeld zwischen den Präferenzen und den Restriktionen des Individuums (vgl. Erlei 1999, 2).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Entscheidungsbaum. Nach Freiling / Reckefelderbäumer 2004, 13. Die zweite Spalte zeigt den Handlungsraum an, die dritte Spalte die Ergebnisse der jeweiligen Handlung. Die Zahlen zwischen dazwischen geben die Eintrittswahrscheinlichkeiten der Ergebnisse an.

Um rational handeln zu können, ist es für den Homo-Oeconomicus unerlässlich, alle für die Entscheidung benötigten Informationen zu kennen (vgl. Freiling / Reckefelderbäumer 2004, 11). Er ist daher bestrebt, alle Handlungsalternativen und Handlungskonsequenzen zu ermitteln sowie jeder dieser Zukunftslagen eine Eintrittswahrscheinlichkeit zuweisen zu können7 (Freiling / Reckefelderbäumer 2004, 12). Dieser Zustand wird Sicherheit genannt. Er ist in der Realität jedoch selten anzutreffen, da das eigene Ergebnis vom Verhalten anderer Akteure abhängt, deren Verhalten aber nicht oder nur sehr schlecht eingeschätzt werden kann, weshalb Voraussagen über eintretende Ereignisse in der Regel nicht möglich sind. »Vor diesem Hintergrund rücken Entscheidungen unter unvollständiger Information in das Zentrum der Betrachtung« (Freiling / Reckefelderbäumer 2004, 11).

In der Ökonomik hat sich folgende Differenzierung von Entscheidungskonstella- tionen durchgesetzt: Neben der oben beschriebenen Sicherheit, bei der das Indivi- duum perfekt informiert ist, sind das Risiko, die Ungewissheit und die Unsicherheit als Konstellationen definiert, in denen nur unvollständige Informationen vorliegen (vgl. Schneider 1995).

Befindet sich der Akteur in der Situation des Risikos, kennt er alle in Frage kom- menden Zukunftslagen und kann ihnen Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen. Diese werden in der Ökonomik als subjektiv zugewiesen angenommen und kön- nen je nach Standpunkt des Entscheidenden voneinander differieren.8 Als Hilfs- mittel, um die Situation besser zu durchdringen, dienen Entscheidungsbäume, in denen die Ausgangssituation, die möglichen Handlungen und die antizipierten Ergebnisse erfasst werden und somit den Entscheidungsfindungsprozess bewusst machen (vgl. Abbildung 1 auf S. 1214). Auf der Basis von verfügbaren Eintritts- wahrscheinlichkeiten im Zusammenspiel mit bewerteten Handlungskonsequenzen kann nun eine optimale Entscheidung herbeigeführt werden, indem man das quan- tifizierte Ergebnis der Handlungskonsequenz mit der Eintrittswahrscheinlichkeit multipliziert.

Ist der Entscheider nur in der Lage, die Zukunftslagen vollständig zu überblicken, kann ihnen aber keine Eintrittswahrscheinlichkeiten zuordnen, spricht die Ökono- mik von Ungewissheit. Optimale Entscheidungen im oben genannten Sinne sind nicht realisierbar. Ausnahmen sind möglich und liegen zum Beispiel vor, wenn Handlungskonsequenzen bewertbar sind und eine Alternative alle anderen über- trifft.

Entscheidungstheoretisch kaum zu bewältigen für viele wirtschaftliche Ent- scheidungen jedoch typisch ist die Situation der Unsicherheit. Hier kann nicht mehr vorausgesagt werden, welche Handlungskonsequenzen eintreten könnten. Unsicherheit beruht also auf unvollständigem Wissen. Es ist zwar klar, dass nur eine der möglichen Zukunftslagen eintreten wird, aber mit dem Wissen zum Ent- scheidungszeitpunkt kann nicht ausgeschlossen werden, dass Alternativen überse- hen werden oder sich Zukunftslagen ergeben, die nicht gewusst werden konnten (vgl. Freiling / Reckefelderbäumer 2004, 14; Schneider 1995, 12). Die Ökonomik differenziert hier in Verhaltensunsicherheit und exogene Unsicherheit, wobei der

Begriff der Verhaltensunsicherheit darauf abstellt, dass »kein vollständiges Wissen darüber vorliegt, wie sich der jeweilige Austauschpartner verhält« (Frei- ling / Reckefekderbäumer 2004, 14) und der Begriff der exogenen Unsicherheit beschreibt, dass unvollständiges Wissen über die Begleitumstände der Transaktion herrscht. Eine Übersicht über die dargestellten Entscheidungskonstellationen gibt Abbildung 2 auf Seite 14.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2: Entscheidungskonstellationen (nach Freiling / Reckefelderbäumer 2004, 12)

Wie gezeigt hängt das Ergebnis des Homo-Oeconomicus nicht nur von seiner Entscheidung sondern auch von denen anderer Akteure ab. Wie diese Interdependenzen genau aussehen und wie sich mehrere Akteure koordinieren können, wird im nächsten Kapitel erläutert.

3.2.4 Koordination und Interdependenz des Homo-Oeconomicus

Aus dem Vorgenannten ist ersichtlich, dass sich die Zukunftslagen aus zwei Para- metern zusammensetzen: Zum einen sind bei einer Entscheidung die Handlungs- möglichkeiten zu bedenken, die der Akteur zur Verfügung hat und die einen soge- nannten Handlungsraum beschreiben (Mag 1977, 10). Die Konsequenzen, die sich aus dem eigenen Handeln ergeben, hängen jedoch nur zum Teil von eigenen Entscheidungen ab. Ein wichtiger Faktor für das Ergebnis einer Handlung sind daher zum anderen die Umweltlagen oder sog. fremde Alternativen, auf deren Eintreten der Akteur keinen Einfluss hat. »Umweltlagen sind nicht per se von Ein- fluss auf die Wahl einer Handlungsmöglichkeit, sondern weil sie die ökonomi- schen Konsequenzen der Handlungsmöglichkeit unterschiedlich beeinflussen« (Mag 1977, 11). Je nach eintretender Umweltlage kann sich also das Ergebnis einer Entscheidung ändern. Ein Beispiel: Ein Unternehmen plant die Einführung eines neuen Produktes. Dazu muss eine Fertigungsanlage errichtet werden. Dies verursacht Kosten in Höhe von 900.000 Euro. Ob dieser Schritt gewagt werden kann, hängt von der Beurteilung der Umweltlagen ab, also ob das neue Produkt genügend Abnehmer finden wird, um die Investitionskosten zu decken oder ob es nicht genügend Gewinn abwirft, so dass insgesamt ein Minus entsteht.

Die Umweltlagen werden nicht zuletzt von weiteren Akteuren geprägt. Diese Akteure handeln nach den gleichen Prinzipien wie der Akteur, dessen Entscheidung genauer betrachtet wurde; es sind ebenfalls Homines-Oeconomici. Das heißt, dass sie ihr Handeln am Rationalitätsprinzip ausrichten, danach trachten, ihren Nutzen zu maximieren und sich selbst als einzige Instanz referenzieren. Das Ergebnis der anderen Akteure spielt für den jeweils einzelnen keine Rolle. Dennoch hängen ihre Ergebnisse von dem Verhalten der anderen Akteure ab. Diese Abhängigkeit der Akteure voneinander nennt die Ökonomik Interdependenz. »Jeder Akteur kontrolliert einen Teil der Ressourcen und Güter, die für den jeweils anderen Akteur von Interesse sind« (Esser 1996, 551).

Eine typische Situation, in der interdependente Akteure aufeinandertreffen, ist der vollkommene Markt. Die Ökonomik spricht von einem vollkommenen Markt, wenn viele rational handelnde Anbieter und Nachfrager aufeinander treffen und keiner in der Lage ist, den Preis alleine festzusetzen. In der ökonomischen Theorie kann auf diesem vollkommenen Markt mit mehreren Anbietern und Nachfragern ein Gleichgewicht in dem Punkt entstehen, in dem jeder Akteur sein optimales Ergebnis erzielt. Obwohl die jeweiligen Akteure nicht miteinander in Kontakt tre- ten, treffen sie sich bei dem so genannten Gleichgewichtspreis. Die Akteure koor- dinieren sich also über den Preis.9

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[1] Diese Idee verfolgen auch der Sozialpsychologe George H. Mead (1973) und auf diesem auf- bauend Herbert Blumer. Mead unterstellt, dass sich der Sinn der Handlung eines Akteurs A erst durch die Reaktion eines zweiten Akteurs B einstellt. Akteur A interpretiert seine Handlung auf- grund der Reaktion von B. Er kann die Reaktion von B in Form einer Geste dazu heranziehen, sein Handeln zu korrigieren. Ruft eine Handlung sowohl bei A als auch bei B die gleiche Reak- tion hervor, wird sie zur »signifikanten Geste«.

[2] Die Darstellung ist hauptsächlich dem Lehrbuch Neue Institutionenökonomik aus dem Jahr 1999 von Mathias Erlei et al. entnommen. Diese Beschränkung rührt her von der Fülle der zur Verfügung stehenden Literatur, die die folgenden Punkte in unterschiedlicher Kombination und Detaillierung nennen. Erleis Überblick scheint hingegen umfassend und wird dort, wo es nötig scheint, ergänzt.

[3] Aufderheide (1995) gibt folgende Definition: »Ökonomik ist die Wissenschaft vom Handeln unter Entscheidungszwang. Sie beschäftigt sich mit der Ermittlung der relevanten Alternativen sowie ihrer zielgerichteten Wahl durch rational und eigeninteressiert handelnde Individuen (S. 43).« Er weist darauf hin, dass gerade der zweite Satz dieser Definition essentiell ist, da durch diesen das Agieren des betrachteten Akteurs aus nicht rationalen Motiven beispielsweise Tra- dition, Gewohnheit oder Pflichtgefühl ausgeschlossen ist. (Vgl. hierzu auch Kirchgässner 1980, 423)

[4] Der Begriff Ökonomik unterscheidet sich von dem Begriff Ökonomie. Unter Ökonomie wird das »tatsächliche Wirtschaften real existierender Akteure« verstanden. Die Ökonomik wird als eine Sozialwissenschaft definiert, die sich mit menschlichem Handeln vor dem Hintergrund von Knappheitsproblemen beschäftigt. (vgl. Erlei 1999, 1 f.)

[5] Knapp kann zum einen ein Gut sein. Das bedeutet, dass es nicht in derart ausreichender Menge zur Verfügung steht, so dass alle Akteure ihre Bedürfnisse befriedigen können. Zum anderen können auch die Ressourcen eines Individuums knapp sein, so dass es sich nicht alle seine Be- dürfnisse befriedigen kann. Das Vorhandensein von knappen Gütern ist ein Grund für wirt- schaftliches Handeln, also für das optimale Verteilen eines Budgets auf eine bestimmte Menge von Gütern. (vgl. Gabler Kompakt-Lexikon Wirtschaft, Art. knappe Güter.)

[6] Das heißt, dass es sich dabei um ein geschlossenes System handelt, das Aussagen zulässt, die ungeachtet ihres Wahrheitswertes immer wahr sind.

[7] Dabei strebt er stets danach, seinen Nutzen zu maximieren (Nagel 2006, 422). 12

[8] Freiling / Reckefelderbäumer geben hierfür folgendes Beispiel aus dem Bereich des Fußballs: »Dabei ist hervorzuheben, dass es sich um subjektive Schätzwerte handelt. So mag ein Fußball- fan des FC Bayern München annehmen, dass sein favorisiertes Team gegen Borussia Dortmund mit 85%iger Wahrscheinlichkeit gewinnt. Ein Borussenanhänger mag hingegen seinem bevor- zugten Team eine 75%ige Siegeswahrscheinlichkeit einräumen, während ein neutraler Toto- Tipper hingegen den Sieg der Heim- und der Auswärtsmannschaft mit 30% beziffert, für ein Unentschieden hingegen eine Wahrscheinlichkeit von 40% vermutet« (Freiling / Reckefelder- bäumer 1999, 12).

[9] Esser (1996) nennt als ein weiteres Beispiel für koordinatives Verhalten ohne Absprachen das Entstehen und Verhalten eines Mückenschwarms. Obwohl die Mücken sich nicht verabredet ha- ben, einen Schwarm zu bilden, finden sie sich in einem solchen wieder und bleiben auch als solcher zusammen. »Das Zusammenbleiben der Mücken ist leicht erklärlich, wenn man an- nimmt, dass sie zwar ganz unregelmäßig in alle Richtungen fliegen, aber sich wieder in Rich- tung auf den dichtesten Teil des Schwarmes wenden, wenn sie merken, dass sie von ihm ab- kommen« (Popper 1973, 232f, nach Esser 1996, 549) »Keine Mücke plant den Schwarm oder gar die Kugelform desselben. Keine Mücke muss sich bei ihrem Handeln insgesamt sehr sys- tematisch verhalten mit einer Ausnahme: wenn sie an den Rand des Schwarmes gerät. [...] Keine Mücke hat die Gesellschaft der Mücken als sakralisierte Vorstellung oder als cultural sys- tem im Kopf. Auch der Schwarm selbst hat sicher keine Bedürfnis so als Schwarm zu existie- ren« (Esser 1996, 549).

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Titel: Shared Mental Models - Ein institutionenökonomischer Ansatz zur Beschreibung des Einflusses von Religion