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Aufschwung und Umbruch: Die Veränderungen im europäischen Gewerbe des ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhunderts

Hausarbeit (Hauptseminar) 2002 20 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Die technischen und wirtschaftlichen Verhältnisse im Mittelalter

3. Das städtische und ländliche Handwerk
3.1 Das Textilgewerbe
3.2 Der Buchdruck
3.3 Der mechanische Drahtzug

4. Das Montangewerbe
4.1 Vom Holz zur Steinkohle
4.2 Verbesserungen im Montanwesen
4.3 Der technische Fortschritt in der Eisenproduktion

5. Die Organisation des Gewerbes
5.1 Der Verfall der Zünfte
5.2 Die Rolle des Staats
5.3 Das Verlagssystem

6. Zusammenfassung

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts[1] macht sich in Europa ein wirtschaftlicher Aufschwung bemerkbar, wie es ihn in dieser Form vorher noch nicht gegeben hat. Er umfaßt so gut wie alle Bereich der Wirtschaft, von der Landwirtschaft über das Gewerbe bis hin zum Handel. Gleichzeitig wurden in diesem Bereich Wandlungen erkennbar, die die mittelalterlichen Strukturen zu überwinden begannen, indem sie „neuzeitliche“ Akzente setzten und in diesem Sinne als Voraussetzung des späteren Übergangs zur technisch-industriellen Moderne von großer Bedeutung waren.[2]

In dieser Arbeit möchte ich das Phänomen des Aufschwungs und der Wandlungen bzw. die dazu führenden oder daraus resultierende Veränderungen innerhalb des europäischen Gewerbes des ausgehenden 15. Jhs. und beginnenden 16. Jhs. untersuchen. Wo gab es Veränderungen? Wie sahen die Veränderungen aus? Und wodurch führten sie zu einem Aufschwung? Diese Fragen stehen im Mittelpunkt der Arbeit und sollen anhand einiger exemplarisch ausgesuchten Beispiele aus verschiedenen Gewerbezweigen bearbeitet werden. Dabei gehe ich zwar in Beispielen konkret auf Länder ein, im ganzen beziehe ich mich aber auf eine allgemeine europäische Situation.

Um in das Thema einzuführen, möchte ich dem Themenschwerpunkt einen geschichtlichen Überblick voranstellen, welcher die technische und wirtschaftliche Situation des Mittelalters zusammenfassend behandelt. Die darauf folgenden drei Kapitel beschäftigen sich mit der Leitfrage der wirtschaftlichen Veränderungen innerhalb des Gewerbes während des gewerblichen Aufschwungs. Hierbei untersuche ich, zuerst im städtischen und ländlichen Handwerk, dann im Montanwesen, Veränderungen, Fortschritt und Neuerungen sowohl ganzer Gewerbe als auch einzelner Vorgänge innerhalb eines Gewerbezweigs. Der letzte Teil der Arbeit wendet sich schließlich ab von der bisher im Vordergrund stehenden Produktion und widmet sich der ebenso wichtigen Organisation des Gewerbes. Denn auch hier gab es maßgebliche Veränderungen, zum Teil durch den Aufschwung einsetzend, zum Teil durch ihn verstärkt.

Das Themengebiet des Aufschwungs der Wirtschaft zu Beginn der Frühen Neuzeit, selbst auf das Gewerbe begrenzt, ist nahezu, in bezug auf die Literatur, unerschöpflich. Und es liegt nahe, das hier gewählte Thema beispielhaft zu behandeln. Auch ist es nicht zu vermeiden, daß innerhalb des Themenschwerpunkts Gewerbe ‚Abstriche’ gemacht werden müssen. Die Bearbeitung der Frage nach den weiteren bzw. sämtlichen Gründen und Auswirkungen des Aufschwungs würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen. So bleiben auch Themen wie zum Beispiel der Aufschwung im Baugewerbe oder die Auswirkungen durch den neuen Markt in Amerika weitgehend außen vor.

In bezug auf die Literatur bietet besonders das Werk von Ruggiero Romano und Alberto Tenenti[3] einen guten Überblick über die gesamtwirtschaftliche Situation der behandelten Zeitepoche. Genauer auf die gewerblichen Verhältnisse gehen dagegen Hermann Kellenbenz[4] und Domenico Sella[5] ein, deren Werk auch zum Teil die Basis dieser Arbeit bilden. Besonders für den dritten Teil der Arbeit, der Organisation des Gewerbes, läßt sich im weiteren eines der Werke von Fernand Braudel[6] anführen, auf welches auch viele andere Autoren bereits zurückgegriffen haben.

2. Die technischen und wirtschaftlichen

Verhältnisse im Mittelalter

Wie in der Einleitung erwähnt, möchte ich ein Kapitel über die wirtschaftlichen und technischen Verhältnisse im Spätmittelalter voranstellen, um ein besseres Verständnis der Situation zu ermöglichen.

Das europäische Gewerbe erreichte in der Wende vom 15. zum 16. Jh. In bezug auf das vom Mittelalter her bekannte Entwicklungstempo besonders im quantitativen Sinn unerhörte Ausmaße.[7] Um die Frage allgemein beantworten zu können, wie es überhaupt zu einem solchen Aufschwung kommen konnte, müssen mehrere Faktoren bedacht werden.

So darf nicht außen vor gelassen werden, daß bereits seit dem 11. Jh. die Automatisierung von handwerklichen Verfahren betrieben wurde. Und auch wenn es mit den wirtschaftlichen Wachstumsraten der heutigen Zeit nicht mehr zu vergleichen ist[8], so nahm das Mittelalter und Spätmittelalter eine wichtige Stellung in der industriellen Entwicklung Europas ein.[9]

„Das Hauptkennzeichen der neuen Wirtschaftsweise war der Übergang von individueller Handarbeit auf organisierte und arbeitsteilige Produktion mit zunehmendem Einsatz von (hydraulischen) Kraft- und (mechanischen) Arbeitsmaschinen und anspruchsvollen Verfahren zur Massenproduktion standardisierter Fernhandelsgüter.“[10]

Bereits seit dem 11. Jh. gab es einen Aufschwung in der europäischen Maschinentechnik und seit dem 13. Jh. dokumentierten erste Belege die Mechanisierung von Schmieden.[11]

Mit Beginn des 14. Jh. wurde in Europa in den wichtigsten Gewerben die Wasser- und Windkraft verwendet. Die Wind- und Wassermühlen wurden dabei auf verschiedene Weise eingesetzt. So zum Beispiel zum Mahlen und Gerben, aber auch zum Sägen, als Antrieb von Blasebälgen und Hämmern bis hin zum Rühren von Brei für Papier und Maische für die Bierherstellung.[12] Von der Mitte des 14. Jh. beschleunigte sich die Entwicklung der europäischen Technik merklich wobei es gleichzeitig zu einer allgemeinen Belebung des Gewerbes kam. So begann Böhmen zum Beispiel in den 40er Jahren des 14. Jh. mit dem Gold-, Silber- und Zinkabbau während in Süddeutschland, dem italienischen Beispiel folgend, angefangen wurde die Erzeugung von Leinen und anderen billigen Stoffen aus Mischgeweben, kommerziell zu nutzen.[13]

Anfang des 15. Jh. kam es dann zu wesentlichen Erfindungen, wie der sich rasch verbreitenden Bohrwinde, gefolgt von der Kurbel und schließlich der Pleuelstange um 1440.

Der Dynamik des spätmittelalterlichen Gewerbes lagen viele Anreize zugrunde und eine Neuerung zog unweigerlich die nächste nach sich.[14] Die Neuerungen waren bei Maschinen und Verfahren nur selten Erfindungen des Zufalls. Oft resultierten sie aus einfachen Verbesserungen und Fortschritten in der alltäglichen Anwendung von Werkzeugen und ihrer Weiterentwicklung zu Apparaten mit Antriebs- und Regelmechanismen wie das Flügel- und Tretspinnrad, die Nockenwelle zum Betrieb von Schwanz- und Aufwerfhämmern oder die Blasebälge. Auch dienten die so weiterentwickelten Gerätschaften mit ihren Wirkungsprinzipien oft als Vorlagen für andere Geräte und Arbeitsvorgänge.[15] Parallel hierzu zieht Stromer aber auch in Erwägung, daß eine Beschleunigung zum Übergang zur Maschinenarbeit durchaus auch in Zusammenhang mit den enormen Bevölkerungsverlusten in Folge der Pestepidemien und des dadurch zurückgehenden Angebots an Fachkräften und Anstiegs der Lohnkosten stehen könnten.[16]

Abschließend darf jedoch auch nicht außen den Augen gelassen werden, daß die Möglichkeiten des Maschinenwesens trotz der verschiedenen technischen Verbesserungen begrenzt blieben. Die Kraft, die durch Wasser und Wind erzeugt werden konnte, blieb eingegrenzt und setzte der weiteren Entwicklung vorläufige Schranken. So konnte zum Beispiel die Wasserkraft mit Hilfe des Mühlrads noch nicht die Leistungen der später entwickelten Turbine erbringen.[17]

[...]


[1] Im Folgenden wird Jahrhundert mit Jh. Abgekürzt.

[2] Vgl. Mieck, Ilja: Europäische Geschichte der Frühen Neuzeit. Eine Einführung. 6., verb. U. aktualisierte Aufl., Stuttgart u.a.: Kolhammer 1998, S. 18.

[3] Romano, Ruggiero u. Alberto Tenenti (Hrsg.): Die Grundlagen der modernen Welt. Spätmittelalter, Renaissance, Reformation. Fischer Weltgeschichte Bd. 12, Frankfurt/M: Fischer Taschenbuch Verlag 1981.

[4] Kellenbenz, Hermann: Die Wiege der Moderne. Wirtschaft und Gesellschaft Europas 1350-1650. Stuttgart: Klett-Cotta 1991.

[5] Sella, Domenica: Die gewerbliche Produktion in Europa, 1500-1700. In: Carlo M. Cipolla (Hrsg.): Europäische Wirschaftsgeschichte. Dt. Ausg. Hg. v. K. Borchardt, Bd.2, Sechzehntes und siebzehntes Jahrhundert, Stuttgart u.a.: Fischer 1978, S. 223-269.

[6] Braudel, Fernand: Sozialgeschichte des 15.-18. Jahrhunderts. Bd.2, Der Handel. München: Kindler 1990.

[7] Vgl. Romano, Ruggiero u. Alberto Tenenti (Hrsg.): Die Grundlegung der modernen Welt. Spätmittelalter, Renaissance, Reformation. Fischer Weltgeschichte Bd.12, Frankfurt/Main: Fischer Taschenbuch Verlag, 1981, S.314.

[8] In einem Gebiet von heutiger Staatsgröße betrugen die höchsten raten des Wirtschaftswachstums insgesamt während des Mittelalters vielleicht ein halbes Prozent. Siehe Thrupp, Sylvia L.: Das mittelalterliche Gewerbe 1000-1500. In: Carlo M. Cipolla (Hrsg.), dt. Ausg. hrsg. Von K. Borchardt: Europäische Wirtschaftsgeschichte. Bd.1. Mittelalter. Stuttgart, New York: Fischer 1978, S.144.

[9] Vgl Thrupp.: Das mittelalterliche Gewerbe, S.143.

[10] Stromer, Wolfgang von: Eine „Industrielle Revolution“ des Spätmittelalters? In: Ulrich Troitzsch u. Gabriele Wohlauf (Hrgs.): Technik-Geschichte. Historische Beiträge und neuere Ansätze. Frankfurt/M., Suhrkamp 1980, S.113.

[11] Vgl. White, Lynn jr.: Die Ausbreitung der Technik 500-1500. In: Cipolla, Europäische Wirtschaftsgeschichte. Bd.1. Mittelalter, S.100.

[12] Verwendet wurden im allgemeinen das vertikale Mühlrad, nur in Ausnahmefällen wurden horizontale Räder eingesetzt, wie zum Beispiel in manchen Gebirgsgegenden. Vgl. Kellenbenz, Die Wiege der Moderne, S.40, 43-44.

[13] In Bezug auf den Böhmischen Bergbau muß hinzugefügt werden, daß die Goldadern bald erschöpft waren und sich die Silberbergleute durch die Hussitenkriege im 15.Jh. verstreuten. Der Böhmische Bergbau war also schnell wieder erloschen. Siehe Thrupp, Das mittelalterliche Gewerbe, S.165.

[14] So muß z.B. die Erfindung des Buchdrucks im Zusammenhang mit Entwicklungen wie dem Spinnrad, optischem Glas und wasserangetriebenen Mühlen zum Zermahlen von Lumpen gesehen werden. Siehe White, Die Ausbreitung der Technik, S.103.

[15] Im weiteren schließt Stromer nicht aus, das auch der Kontakt mit höheren Kulturen weitere Anregungen in Bezug auf die Entwicklung der Gerätschaften gebracht haben kann. Siehe Stromer, Eine „Industrielle Revolution“, S.118. Dagegen meint White, daß Europa um 1500 über ein gewerbliches Können und eine Kapazität verfüge, die weit über die anderer Kulturkreise, wie in Afrika oder Asien, hinaus ginge. Siehe White, Die Ausbreitung der Technik, S.100.

[16] Die im selben Maße zurückgehende Käuferzahl und Konsumkraft der lokalen Märkte macht er im weiteren für die steigende Tendenz zur Exportproduktion verantwortlich. Siehe Stromer, Eine „Industrielle Revolution“, S.114.

[17] Vgl. Kellenbenz, Die Wiege der Moderne, S.45.

Details

Seiten
20
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638186964
ISBN (Buch)
9783638865746
Dateigröße
526 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12909
Institution / Hochschule
Carl von Ossietzky Universität Oldenburg – Historisches Seminar
Note
gut
Schlagworte
Gewerbe der Frühen Neuzeit Aufschwung Handwerk Montangewerbe Organisation des Gewerbes Mittelalter Verlagssystem Zünfte Buchdruck Textilgewerbe drahtzug Montanwesen

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