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Frauen- und Männerbilder in der Literatur der Neuen Sachlichkeit

Examensarbeit 2006 90 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Gliederung

0. Einleitung

1. Die Literaturepoche der ‚Neuen Sachlichkeit’ – Versuch einer Definition
1.1. Entstehung des Begriffs ‚Neue Sachlichkeit’
1.2. Probleme der Begriffsabgrenzung, Etablierung und zeitlichen Eingrenzung der Strömung
1.3. Inhalte der Neuen Sachlichkeit

2. Geschichtlicher und politischer Hintergrund

3. Kultureller Hintergrund der Weimarer Republik
3.1. Ein neuer Anfang mit alten Lasten
3.2. Widersprüchliche lebensweltliche Anschauungen in den ‚Goldenen Zwanzigern’
3.3. Das ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ zum Vorbild – die Amerikanismus - Welle schwappt nach Deutschland
3.4. Großstadt versus Provinz
3.5. Das Männer- und Frauenbild in der neusachlichen Kultur
Exkurs: Zum Konzept der Neuen Frau vor dem Ersten Weltkrieg 15-17
3.5.1. Traditionelles Bild der Frau versus. neues Bild der Frau
Exkurs: Zum Männerbild vor dem Ersten Weltkrieg
3.5.2. Traditionelles Männerbild vs. Suche nach dem ‚Neuen Mann’
3.6. Zum Verhältnis der literarischen Neuen Sachlichkeit und der allgemeinkulturellen Sachlichkeit

4. Männer- und Frauenbilder in Irmgard Keuns Gilgi - eine von uns und Erich Kästners Fabian – Die Geschichte eines Moralisten
4.1. Frauenbilder in Gilgi – eine von uns
4.1.1. Gilgi als Neue Frau und Girl
4.1.2. Gilgi – Ein Girl wird ‚gesellschaftsfähig’
4.1.3. Die Mütterbilder im Roman – Frau Kron, Frau Täschler, Frau Greif und Gilgi selbst als ‚Neue Mutter’
4.1.4. Das „Marzipanmädchen“ Olga – Neue Frau und Dame
4.2. Männerbilder in Gilgi – eine von uns
4.2.1. Martin – Bummler, Tagedieb und Habenichts
4.2.2. Das Vaterbild im Roman – Herr Kron
4.2.3. Pit – Sozialist und Egoist
4.3. Männerbilder in Kästners Roman
4.3.1. Der Moralist Fabian
4.3.2. Das Vaterbild im Roman – Herr Fabian und Labudes Vater
4.3.3. Labude – Sozialist und Selbstmörder
4.4. Frauenbilder in Fabian – Die Geschichte eines Moralisten
4.4.1. Cornelia Battenberg - Heilige oder Hure?
4.4.2. Das Mutterbild im Roman – Fabian im Bannkreis der ‚Übermutter’
4.4.3. Frau Moll – Prototyp der ‚leichten Mädchen’

5. Schlussteil

5. Bibliographie

0. Einleitung

Zweigeschlechtlich

Sie stiegen / vom Moped / und legten sich / zueinander, / Waldwiese, / Blumen, / und Schmetterlinge. / In ihren Kopfhörern / hatten sie jeder / einen anderen Sender.

Heinz Kahlau[1]

Das dieser Arbeit vorangestellte Gedicht drückt die Unterschiedlichkeit von Mann und Frau aus, die zwar in einer Welt leben und dennoch durch genetische Anlagen, gesellschaftliche und geschichtliche Determinierung voneinander verschieden sind. Das zeitlose, geradezu ‚ur-menschliche’ Thema der Liebe findet sich seit jeher in der Literatur. Die Werke der literaturgeschichtlichen Epoche der Neuen Sachlichkeit (1922-1933) nehmen jedoch eine Sonderstellung ein, da sich die bis dato eindeutigen Rollenverteilungen von Mann und Frau im Zuge der geschichtlichen und gesellschaftlichen Umwälzungen in der Weimarer Republik veränderten. Die Herausbildung neuer Frauen- und Männerbilder führte zu einem problematischen Verhältnis der Geschlechter zueinander. Die Darstellung dieses Konflikts ist ein Hauptthema der neusachlichen Schriftsteller.

Um die in den Romanen Erich Kästners und Irmgard Keuns vorherrschenden Männer- und Frauenbilder in der Zeit zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg vollständig verstehen zu können, bedarf es einer umfassenden Vorbetrachtung. Im Folgenden soll deshalb zuerst der Versuch einer Definition der Epoche ‚Neue Sachlichkeit’ erbracht werden, da deren Begrifflichkeit weitgehend uneindeutig ist. Des Weiteren ist es nötig, den geschichtlichen und politischen Hintergrund der Romane aufzuzeigen, weil beide Werke, insbesondere jedoch Kästners Roman Fabian – Die Geschichte eines Moralisten, weitgehend authentische Abbildungen der Gegebenheiten der Weimarer Republik darstellen. Ein dritter Schwerpunkt der Vorbetrachtung dient der Klärung des kulturellen Hintergrundes der Romane, wobei neben der Darstellung des gesellschaftlichen Lebens in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg und des Einflusses aus dem Ausland, vor allem auf die Modernisierung des Geschlechterverhältnisses eingegangen werden wird. Zur Verdeutlichung des Ausmaßes, das die Revolutionierung der Geschlechterrollen auf das Leben der Menschen hatte, sollen Exkurse zum Männer- und Frauenbild vor dem Ersten Weltkrieg mit den Ansätzen des neuen Zeitalters verglichen werden.

Der Schwerpunkt der Arbeit liegt auf der Analyse der Männer- und Frauenbilder in den 1931 erschienenen, neusachlichen Romanen Irmgard Keuns Gilgi – eine von uns und Erich Kästners Fabian – Die Geschichte eines Moralisten. Zum Zweck der Repräsentanz und des Vergleichs der Ergebnisse der Arbeit wurden Werke ausgewählt, welche die Geschlechterthematik vorrangig aus weiblicher beziehungsweise männlicher Sicht darstellen.

Analyseschwerpunkt der Arbeit ist die Beantwortung der folgenden Fragen: Bestätigen die Charaktere der fiktionalen Welten die zuvor gezeichneten neuen Frauen- und Männerporträts der Weimarer Kultur? Oder behalten die Romanhelden die tradierten Geschlechterrollen bei? Was verbindet die Protagonisten mit, was trennt sie von der Kultur der Neuen Sachlichkeit? Welche Autorintensionen beinhalten die Werke Keuns und Kästners in Bezug auf die Männer- und Frauenbilder in der Neuen Sachlichkeit? Um diese Fragen beantworten zu können, sollen die Haupt- und Nebenfiguren der Angestelltenromane genauer untersucht werden. Hierbei wird ein besonderes Augenmerk auf das wechselseitige Verhältnis der Helden zu den sie umgebenden Figuren, das heißt zu den Eltern, Freunden, Bekannten und Arbeitskollegen gerichtet werden, die ihrerseits unterschiedliche alte und neue Geschlechterkonzepte in sich vereinen und darüber hinaus zum Verständnis der Protagonisten und des Lebensgefühls in der Epoche der Neuen Sachlichkeit beitragen.

Ein sekundärer Schwerpunkt der Romananalyse liegt auf der Frage, inwieweit zeitgeschichtliche und kulturelle Verhältnisse eventuell kontrovers in den Werken diskutiert werden. Die Beschäftigung mit dieser Fragestellung ist nicht zuletzt ausschlaggebend für die Aussageabsicht der Autoren der Werke und gibt außerdem Anhaltspunkte für die Authentizität der Romane, einem wichtigen Merkmal der neusachlichen Literatur.

1. Die Literaturepoche der ‚Neuen Sachlichkeit’ – Versuch einer Definition

1.1. Entstehung des Begriffs ‚Neue Sachlichkeit’

Der Begriff der ‚Neuen Sachlichkeit’ kommt aus der Malerei und wurde von Gustav Friedrich Hartlaub geprägt, der im Jahre 1923 ein Rundschreiben verschickte, in dem er verschiedene moderne Künstler[2] dazu einlud, ihre Bilder in seiner Mannheimer Kunsthalle auszustellen.[3] Sabina Becker konstatiert zwar, dass laut wiederholter Aussagen Marieluise Fleißers, Tucholsky bereits schon im Jahr 1922 die Begriffe ‚Neue Sachlichkeit’ und ‚sachlich’ verwendet hätte[4] ; es herrscht jedoch Konsens in der Tatsache, dass Hartlaubs Ausstellung den Beginn der Ausbreitung des Begriffs in der breiten Öffentlichkeit markiert.

Die Literatur hatte schon seit einiger Zeit nach einem Begriff gesucht, unter dem man die neue Art zu schreiben subsumieren konnte. Mehrere Möglichkeiten, wie zum Beispiel ‚Neuer Naturalismus’, ‚Neorealismus’, oder ‚Magischer Realismus’ standen zur Diskussion.[5] Der Begriff ‚Neue Sachlichkeit’[6] setzte sich schließlich durch und wurde letztendlich von der Literaturwissenschaft aus der Malerei übernommen.

1.2. Probleme der Begriffsabgrenzung, Etablierung und zeitlichen Eingrenzung der Strömung

Die Tatsache, dass die Strömung Neue Sachlichkeit im Gegensatz zu anderen Stilrichtungen kein hinlänglich anerkanntes Programm entwickelt hatte und Utopien und Fiktion ablehnte, warf Probleme dahingehend auf, dass sie sich nicht in der Weise, wie zum Beispiel der Expressionismus, etablieren konnte. Bis heute stellt sie keine allgemein anerkannte ‚Richtung’ dar und bleibt nur „ein halber Begriff“.[7]

Weitere Probleme, die die Etablierung der Strömung betreffen, sind die schon erwähnte Uneinheitlichkeit bezüglich der Begriffsfindung (zum Beispiel ‚Nach-Expressionismus’, ‚Magischer Realismus’) und die Uneinheitlichkeit der der neusachlichen Strömung zugeordneten Schriftsteller im stilistischen, sowie politischen Sinn.[8] Dieser letzte Punkt trifft wohl auf mehrere Epochen zu. Jedoch dürften die unterschiedlichen Schreibweisen in der politisch bewegten Zeit zwischen den zwei Weltkriegen gravierender gewesen sein, als in vorangegangenen Literaturepochen. Da es in der Neuen Sachlichkeit um die wirklichkeitsgetreue Abbildung der (auch politischen) Realität ging, gab es Divergenzen zwischen Autoren rechtsradikaler, linksradikaler und liberaler Gesinnung, die ja jeweils ihre eigene, subjektiv wahrgenommene Realität abbildeten.[9]

Als dritter Problemkomplex sind die unterschiedlichen Bedeutungskonnotationen des Prinzips Neue Sachlichkeit zu nennen.[10] Während der circa elf Jahre, in denen die Strömung richtungsweisend in der Literatur war, verband man jeweils andere Bedeutungskomponenten mit ihr. „[Anfangs verstand man darunter] ein[en] resignativ-affirmierende[n] ‚Realismus’, der auf alle revolutionären Tendenzen verzichtet und sich mit den neuen Gegebenheiten der Republik abzufinden versucht.“[11] Als zweite Bedeutungskonnotation nennt Hermand die sich im Laufe der Stabilisierungsphase verbreitende positiv-lebensbejahende Hinwendung zum Vergnügen, zur Technik, zum Sport, zur modernen Jazzmusik und zu den Revuen.[12] Was sich eher zufällig ergeben hatte – eine Resignation und Utopielosigkeit nach der großen politischen Umwälzung, der Zerschlagung des Kaiserreiches, wurde nun zum Programm, zu einer ‚genießerischen’ Sachlichkeit. Die dritte Bedeutungsverlagerung der Stilrichtung trat erst nach ihrem Ende 1933 auf. Die Nationalsozialisten integrierten die ‚sauberen’ neusachlichen Autoren in ihre Ideologie. Der Realismus, wie ihn diese Autoren zeigen, passte völlig in Hitlers Konzept eines klaren deutschen Stils, „[...] der sich von allen umstürzlerischen oder auch nur modisch-avantgardistischen Tendenzen fernzuhalten versucht und sich allein an den ewigen Traditionen aller großen deutschen Kunst orientiert.“[13]

Problematisch ist auch die zeitliche Eingrenzung der Epoche. Becker stellt heraus, dass sie meist als „Phänomen der Stabilisierungsphase“[14] der Weimarer Republik angesehen wird. Dies würde der Neuen Sachlichkeit einen Endpunkt im Jahre 1929, dem Jahr der Weltwirtschaftkrise, zuweisen. Tatsächlich entstehen jedoch viele der literarisch wertvollsten, neusachlichen Werke nach 1929, so auch die in dieser Arbeit im Weiteren zu behandelnden Romane Keuns (Gilgi - eine von uns) und Kästners (Fabian – Die Geschichte eines Moralisten).[15] Daraus folgt, dass nicht nur der Beginn der Neuen Sachlichkeit auf das Jahr 1922 vorverlegt werden muss, sondern dass auch der in einigen Quellen angegebene Endpunkt der Strömung revidiert werden muss.[16] Die literarische Gattung Neue Sachlichkeit endet mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten im Jahr 1933. Hatte die rechtsradikale NSDAP vor 1933 der neusachlichen Bewegung noch positiv gegenübergestanden, da sie durch ihre propagierte Nüchternheit und Emotionslosigkeit keinen neuen ‚Revolutionismus’ aufkommen ließ[17], so wurden viele neusachliche Autoren (ausgenommen die zuvor schon erwähnten systemkonformen Schriftsteller wie zum Beispiel Alverdes und Carossa) unter dem NS-Regime verfolgt und ihre Bücher auf die Zensurlisten der nationalsozialistischen Kulturpolitik gesetzt.

1.3. Inhalte der Neuen Sachlichkeit

Was ist nun unter dem Prinzip der Neuen Sachlichkeit zu verstehen? Hartlaub definierte den Begriff für die Malerei wie folgt: „[...] Bilder, die weder ‚impressionistisch aufgelöst’, noch ‚expressionistisch abstrakt’ wirken, sondern der positiv ‚greifbaren Wirklichkeit mit einem bekennerischen Zuge treu geblieben oder wieder treu geworden sind.’.“[18] Das Stichwort ‚Wirklichkeitstreue’ war auch für die sich gerade neu bildende Literaturströmung ausschlaggebend. Die Schriftsteller wollten sich, wie der Name ‚Neue Sachlichkeit’ schon sagt, vom Expressionismus, Dadaismus, Symbolismus, Naturalismus und überhaupt allen –ismen abgrenzen und „[...] durch die Verbindung von neorealistischer Stiltendenz und zeitsymptomatischer Thematisierung von Lebensgefühl und Bewusstseinsinhalten ein[en] eigenständige[n] Ausdrucks- und Formwille[n] verwirklich[en].“[19] Trotz der vehementen Distanzierung von genannten literarischen Bewegungen, muss die Neue Sachlichkeit jedoch „[...] als die letzte Phase jener literarischen Moderne verstanden werden, die sich in Auseinandersetzung mit den Prozessen der Industrialisierung und Urbanisierung seit 1890 konstituiert[e].“[20] Die Themen Großstadtleben und Technisierung der Gesellschaft spielen auch in dieser Stilepoche eine große Rolle. Laut Becker ist die Neue Sachlichkeit am ehesten vergleichbar mit der Epoche des Berliner Dadaismus, welche die „Sachlichkeit des Geschehens“ und die „Rückkehr zur Gegenständlichkeit“ forderte und sich im Gegensatz zu der vom Expressionismus angestrebten „Vergeistigung“ der Literatur, den Prozess der Materialisierung und Funktionalisierung der Literatur zum Ziel setzte.[21]

Die Verwirklichung dieses Zieles strebten auch die Schriftsteller der Neuen Sachlichkeit an, indem sie Belletristik und Journalistik zu verbinden suchten. Der Romanautor der Neuen Sachlichkeit sollte ein möglichst genaues Abbild der Wirklichkeit zeichnen, indem er eher berichten und dokumentieren sollte, als fiktionalisieren. Folglich ist es nicht verwunderlich, dass Bericht, Reportage und Dokumentation zu den typisch neusachlichen Gattungen gehören und eine Mehrzahl der Autoren der Weimarer Republik, beispielsweise Erich Kästner, auch journalistisch tätig war. Das Phänomen der Neuen Sachlichkeit reichte in alle Genres hinein, sodass sich Gattungsbegriffe wie ‚Gebrauchslyrik’, ‚Tatsachenroman’ und ‚Zeitstück’[22] entwickelten, was abermals auf die Gegenwartsbezogenheit neusachlicher Werke verweist. Als Vertreter neusachlicher Lyrik werden im Reallexikon der Literaturwissenschaft Kästner und Ringelnatz, als Dramatiker der Zeit unter anderem Zuckmayer, Hasenclever, Bruckner und Lampel angeführt.[23] Autoren wie Keun, Reger, Kästner, Fallada, Kracauer oder Zweig bereicherten die neusachliche Prosa. Ihre Romane hatten die Nachwirkungen des ersten Weltkriegs (Zweig), die Industrie der Weimarer Republik (Reger) oder die Angestellten und ihre Lebensweise (Keun, Kästner, Fallada, Kracauer) zum Thema.[24]

Aufgrund ihrer Doktrin der realitätsnahen Abbildung gibt die Literatur der Neuen Sachlichkeit wie kaum eine andere literarische Strömung Einblicke in ihre Zeit. Die in der Weimarer Republik auftretenden gravierenden wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Veränderungen wurden in den neusachlichen Werken dargestellt und verarbeitet, wobei allen Gattungen eine „[...] ‚Offenheit zu bisher kunstfremden Phänomenen, wie Sport, Technik, Jazz, wie überhaupt allen Formen der Massenkultur und Vergnügungsindustrie’ [...] gemeinsam ist.“[25] Ein weiteres Merkmal der Neuen Sachlichkeit ist, laut Petersen, neben der Hinwendung zur Alltagswelt und zu Tatsächlichkeiten auch der veristische (vermännlichte), schmucklose Stil der Werke.[26] Dies wird erreicht durch das Vermeiden von exzessiven Emotions- und Gefühlsbeschreibungen, was oftmals als Attribut weiblichen Schreibens benannt wird.

Gabriella Hima bemerkt in ihrer Abhandlung über die Anthropologie der neusachlichen Prosa, dass es keine eindeutige Definition des Begriffs Neue Sachlichkeit gibt und macht den Versuch einer Annäherung an die vielschichtigen Inhalte dieser Epoche, indem sie überblicksartig folgende Stichwörter als bezeichnend für die Stilrichtung angibt: „[...] ‚Gegenständlichkeit’, ‚klare, schneidende Umrisslinien’, ‚verhärtete Außenhülle’, ‚Festhalten am Faktischen’, ‚Unvoreingenommenheit und Trockenheit’, ‚Beschreibung nach äußerlicher Erfassung, ohne Spekulation, ohne metaphysische Vertiefung’.“[27] Weitere Gedankensplitter zur Beschreibung der neusachlichen Prosa sind: „Trennung und Abgrenzung“, „Entfremdungskälte“, „Isolation“, „Ausgrenzung“, "Vereinheitlichung von Ding- und Menschenwelt“, „Erstarren“, „Kontaktbruch“, „Distanz“ und nicht zuletzt die daraus resultierende „Einsamkeit des entwurzelten Menschen“.[28] Was Hima jedoch in ihrer Aufzählung nicht explizit erwähnt, sind Stichwörter, die das massiv gestörte Verhältnis, das gegenseitige Unverständnis der Geschlechter und die dadurch abhanden kommende Liebe zwischen Mann und Frau direkt benennen. Das Thema der ‚Entzweiung der Geschlechter’ und des ‚Liebesverlustes’ sind jedoch Hauptthemen in der Literatur der Neuen Sachlichkeit und sollten deshalb in einer Aufzählung der Kennzeichen dieser Literaturepoche nicht fehlen.

Des Weiteren sind ‚Amerikanismus’, ‚Fordismus’, ‚Neue Frau’, ‚Neue Mutter’, ‚Girl-Kultur’, ‚lost generation’ oder die ‚Metropole Berlin’ Kulturphänomene, die entscheidend in die neusachliche Literatur, und damit auch auf die Männer- und Frauenbilder, eingewirkt haben. Dies wird im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch eingehender untersucht werden.

2. Geschichtlicher und politischer Hintergrund

Die der neusachlichen Literatur innewohnende Hinwendung zum Vergänglichen, Flüchtigen und dem Augenblick resultiert aus den komplexen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Umwälzungen der Zwanziger Jahre. Auch das in dieser Arbeit zu untersuchende Männer- und Frauenbild in der Neuen Sachlichkeit gründet sich auf die universalen Umbrüche dieser Zeit. Um die sich verändernden Selbst- und Fremdbilder der Geschlechter vollständig verstehen zu können, ist es notwendig, einen Überblick über den geschichtlichen Hintergrund der Weimarer Ära zu geben.

An das Ende der Wilhelminischen Ära, also das endgültige Ende der Kaiserzeit, schloss sich eine neue Zeit an. Der erste Weltkrieg endete im Jahr 1918. Im November desselben Jahres kam es zur sogenannten Novemberrevolution, einem Umsturz in Deutschland, der die Monarchien beseitigte und zur Errichtung einer parlamentarisch-demokratischen Republik führte. Am 19. Januar 1919 durften erstmalig Frauen an der Wahl teilnehmen. Achtzig Prozent der weiblichen deutschen Bevölkerung machten von diesem Recht Gebrauch. Dieser hohe Prozentsatz zeigt die Wichtigkeit dieses gravierenden Schrittes zur Gleichberechtigung der Geschlechter für die Frauen an. Schon zuvor, im Jahre 1908, hatte es einen ersten Schritt zur Gleichstellung der Geschlechter gegeben: die erstmalige Öffnung der Universitäten für die Frauen. Seither stieg die Zahl der studierenden Frauen der Weimarer Republik weiter und weiter an.

Schon vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Situation der Frauen bezüglich der Erwerbstätigkeit verändert: „Bereits Ende 1915 waren neun Millionen Männer zum Militärdienst eingezogen. Da die Kriegsunterstützung für Angehörige von Soldaten sehr gering war, wurden viele Frauen zur Erwerbstätigkeit gezwungen.“[29] Sie arbeiteten vor allem in der Rüstungsindustrie. Nach Kriegsende befand sich ein Großteil der Männer noch in der Gefangenschaft, war verstorben oder arbeitsunfähig geworden. Die Wirtschaft musste neu aufgebaut werden und zur Verwirklichung dieses Zieles bedurfte es der Frauen. Plötzlich waren sie einer Doppelbelastung ausgesetzt, die ihnen jedoch auch Selbstbewusstsein und damit zusätzliche Stärke gab. „Technisierung und Rationalisierung der 20er Jahre bewirkten [...] Umschichtungen weiblicher Erwerbsarbeit.“[30] Frauen wurden nun auch in Fabriken, der Landwirtschaft und im Bürowesen eingesetzt. Es entwickelte sich die weibliche ‚Angestelltenkultur’. „Siegfried Kracauer spricht 1930 in seinem Angestellten - Buch von insgesamt 3,5 Millionen Angestellten, darunter 1,2 Millionen Frauen, und er fügt hinzu: ‚Das Einkommen der weiblichen Angestellten ist übrigens in der Regel 10 bis 15 Prozent niedriger.’.“[31] Mit dem kontinuierlichen Anstieg der weiblichen Angestellten wurden die Bereiche „Häusliche Dienste“ und „Landwirtschaft“ rückläufig, machten Mitte der Zwanziger Jahre jedoch noch über fünfzig Prozent aus.[32] „Dennoch war es [wie im Weiteren noch ausführlicher gezeigt werden wird] das Phänomen ‚weibliche Angestellte’, das in der Zeit zwischen 1918 und 1933 ‚großes öffentliches Interesse und Aufmerksamkeit erfuhr’ und als ‚Inbegriff Weimarer Modernität’ galt.“[33]

Im Sommer 1923 wurde Gustav Stresemann Reichskanzler und Außenminister einer großen Koalition, der unter anderem die SPD angehörte. Nachdem seine Regierung durch den Rücktritt der SPD-Minister am 22. November 1923 gestürzt war, war Stresemann bis zu seinem Tod als Außenminister in verschiedenen Koalitionsregierungen tätig.[34] Ab dem Zeitpunkt der Übernahme seiner Regierungstätigkeit stabilisierte sich die deutsche Wirtschaft zusehends. Durch die hohen Inflationsraten hatten bis dato große Teile der Bevölkerung in großer Armut gelebt. Nun kam es mit der Währungssanierung und der Neuregelung der Reparationsfrage im Jahre 1924 (dem Dawesplan), an die internationale Anleihen hauptsächlich aus den USA geknüpft waren, zu einem extremen wirtschaftlichen Aufschwung, den sogenannten ‚Goldenen Zwanzigern’, der bis zur Weltwirtschaftskrise im Jahre 1929 anhielt. In die Jahre der Blütezeit der Weimarer Republik fiel auch die Geburtsstunde eines neuen Frauentypus, der vorrangig aus dem Angestelltenwesen hervorging: Der Typus der ‚Neuen Frau’, dessen Charakteristika im weiteren Verlauf dieser Arbeit noch näher erläutert werden sollen.

Mit dem Börsenkrach des New Yorker Wertpapiermarktes im Oktober 1929, der sich auf die gesamte westliche Welt ausdehnte, gingen auch die Goldenen Zwanziger in Deutschland zu Ende. Ende 1929 stieg die Arbeitslosenzahl steil an. Die hieraus resultierende Unzufriedenheit der Bevölkerung bereitete den Nährboden für die nationalsozialistische Ideologie. „1929 konnte die NSDAP aus der politischen Isolation ausbrechen und ihre ersten Wahlerfolge verbuchen.“[35] 1933 kam es zur Machtergreifung Hitlers, was den Endpunkt der Weimarer Republik markiert.

3. Kultureller Hintergrund der Weimarer Republik

3.1. Ein neuer Anfang mit alten Lasten

„Was ist da ‚ persönliche Entwicklung’? Niemand entwickelt sich da ‚persönlich’. Da entwickelt etwas anderes ihn. Vor dem Zwanzigjährigen erhob sich der Krieg. Schicksal. Es machte jeden anderen Lehrmeister überflüssig.“[36]

Mit dem Ende des Ersten Weltkrieges sahen die Menschen in Deutschland einem neuen Zeitalter entgegen. Jedoch war ihr Blick in die Zukunft kein hoffnungsvoller, sondern ein desillusionierter. Viele Menschen hatten durch vier Jahre Propaganda ein Bild des siegreichen Deutschlands aufgebaut, dass nun jäh zerstört worden war. Nun musste man sich nicht nur mit der Niederlage abfinden, sondern auch mit dem Versailler Vertrag, der Deutschland die alleinige Kriegsschuld zusprach, das Deutsche Reich zu Gebietsabtretungen, hohen Reparationszahlungen sowie zu umfangreicher Entwaffnung verpflichtete.[37] Deutschland hatte jegliches Ansehen vor der Welt verloren und die Deutschen konnten sich auf niemanden mehr stützen, nicht einmal mehr auf sich selbst. Ihre Umwelt, ihre Hoffnungen und Träume, ihr Selbstbewusstsein, sowie das Leben vieler Angehöriger von Kriegsopfern war erst einmal zerstört. Walter Benjamin fasst das Lebensgefühl der jungen Generation nach dem Krieg folgendermaßen zusammen:

Nie sind Erfahrungen gründlicher Lügen gestraft worden als die strategischen durch den Stellungskrieg, die wirtschaftlichen durch die Inflation, die körperlichen durch die Materialschlacht, die sittlichen durch die Machthaber. Eine Generation, die noch mit der Pferdebahn zur Schule gefahren war, stand unter freiem Himmel in einer Landschaft, in der nichts unverändert geblieben war als die Wolken und unter ihnen, in einem Kraftfeld zerstörender Ströme und Explosionen, der winzige, gebrechliche Menschenkörper.[38]

Der Erste Weltkrieg war eine noch nie da gewesene Zäsur im Leben der Deutschen. Plötzlich fand man sich perspektivlos, ja identitätslos wieder in einer desolaten und inflationären Wirtschaft. Es ist nicht verwunderlich, dass sich in der Gesellschaft der Wunsch nach Ordnung und Stabilität im eigenen Leben wie auch im Land entwickelte. Tradierte Werte, wie ein bürgerliches Leben, Religion und Moral, wurden wieder aktuell.

3.2. Widersprüchliche lebensweltliche Anschauungen in den Goldenen Zwanzigern

Mit der Stabilisierung der Wirtschaft und dem Beginn der Goldenen Zwanziger änderte sich jedoch das Lebensgefühl der Deutschen. Wie Rudolph Kaiser, der damalige Redakteur der „Neuen Rundschau“ 1930 konstatierte, entdeckten die Leute nach einer Zeit der Verzweiflung, des Bankrotts und des Selbstmords, nach der Lehre vom Untergang des Abendlandes, „[...] das Geheimnis der guten Geschäfte. Es [ließ] sich wieder leben.“[39] Die Menschen befanden sich zwar nicht mehr, wie in den ersten Nachkriegsjahren, in einem Schockzustand, doch die schmerzhafte Erfahrung, sich allein auf sich selbst verlassen zu können, im Ernstfall allein dazustehen, war noch immer präsent im Leben der Deutschen. Man konnte und wollte sich nicht an andere Menschen binden, ihnen nicht ‚blind’ vertrauen. Es begann mit der Stabilisationsphase die Ära einer sachlichen Lebensweise, die sich, wie schon gezeigt wurde, nicht nur in der deutschen Kultur verbreitete, sondern sich auch auf Malerei und Literatur ausdehnte.

Einerseits strebte man in der Bevölkerung nach Sachlichkeit, Stabilität und geordneten Verhältnissen, um ein Leben nach dem Krieg meistern zu können, andererseits bot die gute wirtschaftliche Lage nun endlich die Chance, die ‚versäumten Jahre’ nachzuholen und der Republik ein neues Antlitz zu geben. Dies ist einer der immanentesten Widersprüche in der Blüte der Weimarer Kultur. Es bildeten sich in der Bevölkerung, wie auch in der Elite des Staates, zwei Pole heraus: ein eher konservativer und ein moderner, der eine neue, sachlich-moderne Lebensanschauung vertrat. Das Lebensgefühl der kulturellen Intelligenz, sowie der Bevölkerungsschicht der jungen Nachkriegsgeneration, konstituierte sich aus einer Begeisterung

[...] für die sozialen, mehr noch ästhetischen Begleiterscheinungen des US-gesteuerten Wirtschaftsimpulses: Technik, Kollektiv, Sport, Freizeit. Alles was irgend den Anstrich von Aktivität, Tempo und Novität hat, [wurde] begeistert aufgegriffen. Man [gab] sich betont kühl, lässig, sportlich, bis hin zu – kultivierter – Primitivität und Rohheit, allemal jedoch ironisch bis höhnisch gegenüber der offenkundig schwachen, obsoleten Kultur der Vorkriegszeit und ihren bürgerlich-humanistischen Traditionen.[40]

Im Gegensatz dazu stand das konservative Lager, nämlich die „[...] reale[n] Bastionen des kaiser-deutschen Obrigkeitsstaates“[41] (die Instanzen der Kirche, der Verwaltung, des Militärs, der Schule und der Justiz) und die Teile des Volkes, die die Generation der Kaiserzeit ausmachten.

3.3. Das ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’ zum Vorbild – die Amerikanismus - Welle schwappt nach Deutschland

Der Amerikanismus beeinflusste die meisten deutschen Schriftsteller und seine Attribute wurden in eine neue, sachliche Literatur übernommen. Folglich ist es relevant, im Folgenden die Gründe für die Etablierung dieser Lebenseinstellung in Deutschland aufzuzeigen.

Die junge deutsche Generation konnte sich keinesfalls mehr mit dem Werten der Vorkriegsgeneration identifizieren. Sie lebte in einer Zeit, in der das Alte vergangen war und vergessen werden wollte. Man bezweckte eine vehemente Abgrenzung gegen die Älteren, die ‚Kriegsinitiierer’. Der amerikanische Weg des Kapitalismus, der ‚Ellenbogengesellschaft’, nahm hier seinen Anfang. So kam es ab 1925 zu einer regelrechten ‚Amerikanismus-Welle’, einer „[...] Begeisterung für [das] entindividualisierte technische Zeitalter [...] und für die mutmaßlichen Erfordernisse der anbrechenden technisch-kollektivistischen Epoche.“[42] Was nötig schien, um ein wirtschaftlich gesichertes und hochentwickeltes Land zu werden, war eine Anpassung der Menschen an die neue Rationalität und schnelle Arbeitsweise der Maschinen. In Amerika, dem sogenannten ‚Land der unbegrenzten Möglichkeiten’, schien dieser Schritt schon getan, die soziale Frage gelöst und die Klassengegensätze versöhnt zu sein. Durch diesen Glauben und nicht zuletzt durch das 1923 in deutscher Sprache erschienene Buch der Erfolgsgeschichte Henry Fords Mein Leben und Werk wurde die USA zum Vorbild für eine neue, deutsche Lebensart:

Amerikanismus ist eine neue europäische Methode. (...) Sie ist eine Methode des Konkreten und der Energie und völlig eingestellt auf geistige und materielle Realität. Ihr entspricht das neue (amerikanisierte) Aussehen des Europäers; bartlos mit scharfem Profil, zielstrebigen Blick, schmalem, stählernen Körper; und der neue Frauentypus (...): knabenhaft, linear, beherrscht von lebendiger Bewegung, vom Schreiten, vom Bein. Überhaupt gehört es zur Mode des Amerikanismus, dass er selbst stark im Körperlichen sich ausprägt, dass er Körperseele besitzt.[43]

Wie an dieser Zeitzeugenaussage deutlich wird, wirkte das Prinzip des Amerikanismus nicht nur in die Arbeitswelt der Deutschen, sondern auch in die Mode und selbst bis in das Innerste der Menschen hinein. Denn um einen „zielstrebigen Blick“ oder einen „schreitenden Gang“ zu bekommen, musste man die Attribute der neuen, amerikanisierten Lebensweise, als da wären Schnelligkeit, Agilität, Planmäßigkeit, Rationalität und Unsentimentalität, verinnerlicht haben. Folglich kann man sagen, dass die Begeisterung für den damaligen ‚American way of life’ die Lebensweise der Menschen im öffentlichen wie im privaten Bereich, also ganzheitlich zu prägen begann. „Amerika, die kriegsentscheidende Übermacht, [wurde] zur friedenszeitlichen Allmacht aus industriell-kapitalistischer Potenz und kultureller Unbekümmertheit.“[44]

Was machte die enorme Begeisterung für den Amerikanismus aus? Wie schon erwähnt, gab er der Wirtschaft Impulse, sich mit Hilfe neuer Strategien aus der Nachkriegskrise zu befreien. Weiterhin brauchten die hoffnungslose Bevölkerung und die deutsche Kultur neue Dynamiken, um sich von der Lethargie und Fassungslosigkeit, dem wieder erreichten Nullpunkt, zu befreien. So wurde gerade die Lebensweise eines Landes, das kulturell traditionslos und, gemessen am europäischen Konventionalismus, geradezu „barbarisch“ war, von der literarischen Intelligenz dankbar als Anstoß zu einer neuen deutschen Kulturentwicklung angenommen.[45]

Jedoch blieb die unverhohlene Verherrlichung der amerikanischen Lebensweise nicht ganz kritiklos. Schütz bemerkt, dass die übereifrigen Befürworter des Amerikanismus die Tatsache übersahen, dass kulturelle und sportliche Massenphänomene wie Jazz oder Boxen in den USA von Anfang an eine Mischung aus Volkstümlichkeit und Handel waren. Deutschland war auf dem Weg in den „kapitalistischen Kommerzgriff“.[46] Dies hatte auch Gottfried Benn erfasst, der auf die Frage einer Zeitschrift, was er vom Amerikanismus halte, folgende Antwort gab:

[...] Die ganze junge deutsche Literatur seit 1918 arbeitet mit dem Schlagwort Tempo, Jazz, Kino, Übersee, technische Aktivität, bei betonter Ablehnung aller seelischen Probleme. [...] Ich persönlich bin gegen Amerikanismus. Ich bin der Meinung, dass die Philosophie des rein utilitaristischen Denkens, des Optimismus a tout prix, des ‚keep smiling’, des dauernden Grinsens auf den Zähnen, dem abendländischen Menschen und seiner Geschichte nicht gemäß ist. Ich hoffe, dass der Europäer, wenigstens in den reinen Typen seiner Künstler, immer das bloß Nützliche, den Massenartikel, den Kollektivplan verschmähen und nur aus seinem inneren Selbst leben wird.[47]

Was Benn erkannt hatte, nämlich dass ein Volk die eigene Geschichte nicht mit einer ‚fremden’ Ideologie aufarbeiten kann, wollte und konnte die Mehrzahl der literarischen Intelligenz Deutschlands nicht erkennen. Die Situation lässt sich mit der Lage Deutschlands in den fünfziger Jahren vergleichen, in denen das deutsche Volk, wiederum durch die USA inspiriert, eine ‚heile Welt’ aufbaute, weil man die schrecklichen Erlebnisse des Zweiten Weltkrieges vergessen und verdrängen wollte.

Zusammenfassend ist festzuhalten, dass der Amerikanismus ein entscheidender Faktor zur Etablierung der Stilrichtung Neue Sachlichkeit war. Mehr noch, dass sich die literarische Strömung aus der gesellschaftlichen, wirtschaftlichen und politischen Anlehnung an die USA heraus entwickelt hat und folglich nur aus dem Zusammenhang all dieser Faktoren verstanden werden kann.

3.4. Großstadt versus Provinz

„Es kam täglich Neues und schlug auf das Alte ein, das selbst vor drei Tagen erst neu gewesen war. Die Dinge schwammen wie Leichen im Chaos umher, dafür wurden die Menschen zu Dingen. Neue Sachlichkeit hieß das.“[48]

– Elias Canetti über seinen Berliner Aufenthalt 1928 –

„Soweit diese riesige Stadt aus Stein besteht, ist sie fast noch wie einst. Hinsichtlich der Bewohner gleicht sie längst einem Irrenhaus. Im Osten residiert das Verbrechen, im Zentrum die Gaunerei, im Norden das Elend, im Westen die Unzucht, und in allen Himmelsrichtungen wohnt der Untergang.“ „Und was kommt nach dem Untergang?“

– Fabian im Gespräch mit Cornelia Battenberg – (S. 88)[49]

Der sich bereits seit der Industrialisierung fortsetzende Drang der Menschen in die Städte erreichte in der Weimarer Republik einen Höhepunkt. Dort gab es Arbeit, dort pulsierte das kulturelle Leben Deutschlands. Für die Untersuchung der Kulturströmung Neue Sachlichkeit ist vor allem der Blick auf Berlin ausschlaggebend, denn „[...] in die meist ländlichen, traditionell orientierten Lebensbereiche drang die ‚Weimarer Kultur’ nicht ein.“[50], so de Visser.

Das zur Metropole, zur Hauptstadt der Zwanziger Jahre avancierte Berlin bereitete dank seiner durch und durch modernisierten Industrie nicht nur die materiellen Fundamente, sondern öffnete auch durch seine relativ große soziale Toleranz und seine kulturelle Experimentierfreudigkeit allererst das Terrain für andere, neue Möglichkeiten [sich selbst zu verwirklichen].[51]

Mit der sogenannten „Asphaltmetropole“ verband sich ein großstädtischer Amüsierbetrieb, der seinesgleichen in Europa suchte und unzählige Intellektuelle, sowie Paradiesvögel aus aller Welt magisch anzog: „Nirgendwo sonst schien das künstlerische und geistige Leben so lebendig zu sein. In der zeitgenössischen Literatur, Malerei, Architektur, Musik und Schauspielkunst gab es neue Strömungen und große Begabungen.“[52]

Das ständig wachsende, von nationalen, sowie internationalen neuen Einflüssen bereicherte Berlin hatte jedoch auch seine Schattenseiten. Die intellektuelle Schicht stand im Gegensatz zu der sich ausschließlich amüsierenden, ungebildeten Schicht junger, meist reicher Menschen, die die Hauptstadt vor allem in den Augen der älteren Generation zum Sündenpfuhl Deutschlands machten. Die Sucht nach Vergnügen stumpfte die Menschen ab; es wurde getanzt, gefeiert und geliebt um jeden Preis und oft ohne Erinnerung an die Namen und Gesichter der Gesellschafter des vorigen Abends. Bordelle, Strip-Clubs und Treffpunkte für Homosexuelle eröffneten. Die gleichgeschlechtliche Liebe und der häufige Partnerwechsel wurden enttabuisiert, mehr noch, als Bereicherung des individuellen Erfahrungsschatzes gesehen. Die sachliche, entromantisierte und aus traditioneller Sicht demoralisierte Art zu leben stand im krassen Gegensatz zu den traditionellen Werten der Kaiserzeit, wie Moral, Zucht und Ordnung und führte zu einer Entindividualisierung der Menschen, sowie zu der Versachlichung der Gesellschaft in den Großstädten. Die Provinzler hingegen, die mit Blick auf die Vier-Millionen-Stadt eher an Sodom und Gomorrha, als an die glorreiche Hauptstadt dachten, wandten sich eher noch verschärft den tradierten Werten zu, um sich vom Lebenswandel in Berlin abzugrenzen. Dies trieb die Jugend wiederum in die Hauptstadt. Die Faszination Berlins liegt laut Schütz auch „[...] in der Spannung zur Provinz, - in wechselseitiger Erfindung: Berlin, wie die Provinz es sich ausmalte, die Provinz, wie Berlin sie sich imaginierte.“[53]

3.5. Das Männer- und Frauenbild in der neusachlichen Kultur

Die zuvor ausgeführten geschichtlichen, politischen, wirtschaftlichen und vor allem kulturellen Veränderungen in der Weimarer Republik nahmen natürlich auch Einfluss auf die in Deutschland lebenden Menschen, insbesondere auf die Nachkriegsgeneration. Durch die erst in den letzten beiden Jahrzehnten errungenen Gleichberechtigungsschritte der Frauen – Wahlrecht und Eintritt in die Universitäten – war das Selbstbewusstsein der Frauen gestärkt worden. Man hatte jetzt die Chance, sich aktiv an der Politik zu beteiligen sowie sich selbst intellektuell verwirklichen zu können. Mit dem verstärkten Eintritt der weiblichen Bevölkerung in die Arbeitswelt sowohl im Ersten Weltkrieg, als auch danach, in der Stabilisierungsphase der Weimarer Republik, schien die Aufnahme der Frau als vollwertiges Mitglied der Gesellschaft besiegelt zu sein. Zwangsläufig musste sich das Selbstbild der Frauen durch die verschiedenen Einflüsse von außen verändern.

Die junge Generation der Männer sah sich folglich mit einem völlig neuen Typ Frau konfrontiert, der viele Maximen vertrat, die die Mütter der jungen Männer ablehnten. Die Jungen waren im traditionellen Sinn erzogen worden, das heißt mit dem Bild einer mütterlichen, fürsorglichen, intellektuell und ökonomisch dem Mann unterlegenen Frau. Als Erwachsene sahen sie sich nun selbstbewussten, gebildeten Wesen gegenüber, die keineswegs zum Mann aufschauten, sondern eher mit ihm, der Liebe und dem Leben spielten.

Im Folgenden sollen die verschiedenen Facetten der Neuen Frau vorgestellt und mit den traditionellen Geschlechterrollen, wie sie noch immer in der Vorkriegsgeneration vorherrschten, kontrastiert werden. Außerdem bedarf das Problem der Männer, sich dem Typ der Neuen Frau, anzupassen, einer Erörterung. Die einem Exkurs zur bürgerlichen Frauenbewegung vor dem ersten Weltkrieg nachstehenden Ausführungen sollen weiterhin Einblicke in die gesellschaftlichen Reaktionen auf das neue Rollenverständnis der Frau in der Weimarer Republik geben, sowie eine Verständnisbasis bilden zur Darstellung der Geschlechter und ihrer Beziehungen in der neusachlichen Literatur.

Exkurs: Zum Konzept der Neuen Frau vor dem Ersten Weltkrieg

Der erste Weltkrieg stellte in vielen Lebensbereichen eine Zäsur für die Deutschen dar. Mit dem Kriegsende waren die Kaiserzeit, sowie viele andere Dinge unwiederbringlich zu Ende. Es darf jedoch nicht übersehen werden, dass der Krieg viele Entwicklungen, die bereits vor 1914 ihrem Anfang genommen hatten, für mehrere Jahre einfach nur brach gelegt hatte. So ist der aus der Frauenbewegung hervorgegangene Typ Neue Frau der Weimarer Republik nicht, wie gemeinhin angenommen, ein Kind der neuen Zeit. „Die deutsche Frauenbewegung bildete sich vor dem Hintergrund der bürgerlichen Revolutionen von 1848/49. [...] 1888 [wurde der] Verein Frauenwohl ins Leben [gerufen], der sich als erste Organisation in Deutschland für das Frauenwahlrecht einsetzte.“[54] Es bildeten sich in Verbindung mit der Frauenliteratur bereits in den Vierziger Jahren des 19. Jahrhunderts, in denen die Frauenbewegung entstand, Ideen und Konzepte des neuen Frauentypus heraus:

Die Entstehung einer eigenen Frauenbewegung im Umfeld der revolutionären Bewegungen der Vormärz-Zeit schuf [...] in Deutschland den Rückhalt für die Herausbildung einer kämpferischen Emanzipationsliteratur und führte zu den Entwürfen der ‚Neuen Frau’, die durch den 1. Weltkrieg kurzzeitig zurückgedrängt wurden, um in der Weimarer Republik in unterschiedlichen politischen und literarischen Kontexten radikalisiert und ausdifferenziert zu werden.[55]

Auch Kerstin Barndt weist darauf hin, dass die Manifestierung der Neuen Frau in Kultur und Literatur der Weimarer Republik in Verbindung mit dem sich transnational verändernden Frauenverständnis gesehen werden muss: „Bereits um die Jahrhundertwende bildete sich in Großbritannien das Konzept der ‚New Woman Novel’ aus und antizipierte jene Stellung zwischen Hoch- und Populärkultur, die später auch das deutsche Genre kennzeichnete.“[56] Hierbei leistete Virginia Woolf, Literaturkritikerin und Autorin des Romans A Room of One’s Own (1929; Ein Zimmer für sich allein) einen entscheidenden Beitrag. Ihr Roman ist einer der ersten, der sich mit der Frage beschäftigt, ob sich weibliches und männliches Schreiben unterscheiden. Der Titel spielt auf die Tatsache an, dass weibliche Schriftstellerei in der Vergangenheit nicht aufgrund von mangelnder Intelligenz minderwertig gewesen ist, sondern aufgrund der fehlenden Privatsphäre und Bildung, sowie der Unterdrückung durch die patriarchalische Gesellschaft keine Früchte getragen hat. Woolfs Romane markieren den Anfang einer sich emanzipierenden weiblichen Autorengeneration, die literarisch und somit auch kulturell in ihre Zeit und Kultur hineingewirkt haben.

Auch in Deutschland formte sich das neue Selbstverständnis der Frau nicht aus dem Nichts, sondern bildete sich langsam heraus, wobei die Literatur der Jahrhundertwende mit Autorinnen wie Hedwig Dohm oder Gabriele Reuter wegweisend war. Im Unterschied zum restlichen Europa war die Vision einer Neuen Frau allerdings dem klassischen Weiblichkeitsideal der sozialen Mütterlichkeit verbunden.[57] Die Neue Frau war zu Beginn des Zwanzigsten Jahrhunderts „[...] nicht mehr als ein Versprechen, eine Jahrhundertphantasie, die die literarischen [sic] Zunft, und hier insbesondere Schriftstellerinnen beflügeln sollte.“[58] Man war sich einig, dass dieser neue Frauentyp ein Schwellenwesen zwischen alten und neuen Weiblichkeitsentwürfen sein würde. Wie Barndt erklärt, entwarf die Schwedin Ellen Key bereits 1902 eine Typologie der Neuen Frau, in der sie zwischen Arbeiterin und Studentin, erotisch emanzipierter Frau und Agitatorin der Frauenbewegung unterschied.[59] Mit der Bewilligung des Eintritts der Frauen in den Universitätsbetrieb 1908 rückte Keys Typologisierung in Deutschland in den Bereich des Möglichen. Dennoch setzt sich das neue Frauenbild erst nach dem Krieg gesamtkulturell durch:

Während der Diskurs der Neuen Frau vor dem Ersten Weltkrieg auf das sozio-kulturelle Umfeld der städtischen Künstlerboheme, die literarischen Zeitschriften der Moderne und die Publikationen der Frauenbewegung beschränkt bleibt, öffnet sich der Diskurs in der Weimarer Republik der zeitgenössischen Populärkultur. Hier werden die Bilder der‚Neuen Frau’ in Filmen und Romanen, Schlagertexten und Fotoreportagen, auf der Bühne und Reklametafeln multipliziert.[60]

Folglich ist die Herausbildung der Neuen Frau vorrangig aus den Ideen der literarischen Kreise Ende des 19. Jahrhunderts hervorgegangen. „Der Literatur und nicht der Politik fällt es zu, kommende Entwicklungen zu entwerfen, und das heißt hier ganz konkret den Aufbruch der Frauen in eine neue Zeit, ihre Befreiung und Emanzipation aus patriarchaler Vormundschaft vorzuzeichnen [...]“[61], so Barndt.

3.5.1. Traditionelles Bild der Frau vs. neues Bild der Frau

Wir passieren Stationen vom Sportgirl bis Gretchen

Studentin Helene bis Lesbosmädchen

Und bei welchem Typ wir bleiben

Ist schwer zu entscheiden – wir lassen uns treiben.[62]

- Gedicht aus der Zeitschrift Uhu 1931-

Der Amerikanismus, der neue Fortschritts- und Technikwahn, sowie die neue Schnelllebigkeit der Zeit hatten auch vor der Gruppe der Frauen nicht Halt gemacht. Dabei entstammten die Pioniere dieser Neuen Frau zunächst vor allem großbürgerlichen und adeligen Kreisen mit entsprechenden finanziellen Möglichkeiten für einen normabweichenden Lebensstil und uneingeschränkten Konsum an Mode, Freizeit und Unterhaltung.[63] Das Vorbild dieser emanzipierten Frau war die amerikanische. ‚Frau’ machte sich die Männerwelt zu Eigen, trug einen androgynen Haarschnitt, fuhr Auto, verdiente ihren Lebensunterhalt selbst und wurde aktiv in der Suche nach Sexualpartnern. Ziel war es vor allem, unabhängig zu sein und sich selbst in Beruf und Freizeit zu verwirklichen. In Magazinen wie Die Dame oder Die elegante Welt wurde die berufstätige und aktive Frau als die moderne Frau propagiert. So wurde der Typ der Neuen Frau vor allem über die Bildmedien in die minder privilegiertere Bevölkerungsschicht übertragen. In den Goldenen Zwanzigern strömten junge Frauen in die pulsierenden Großstädte Deutschlands, um sich im „Ladenmädel“, der „kleinen Verkäuferin“, und der „Tipse“, der Büroangestellten ‚im kleinen Stil’ zu verwirklichen.[64]

Berlin, die Hauptstadt der Weimarer Republik, fungierte dabei als Entstehungsort der weiblichen Angestelltenkultur.[65] Um ein Teil der Arbeitswelt sein zu können nahmen die Frauen nicht nur niedrigere Löhne als die männlichen Angestellten in Kauf, sondern auch sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz und die feindseiligen Blicke männlicher Arbeitskollegen, die sich von dem neuen Rollenverständnis der Frauen bedroht sahen und sie plötzlich als Konkurrenz im Kampf um den Arbeitsplatz ernstnehmen mussten.[66] Dennoch galt der Typus der Angestellten mit den Attributen des knieumspielten Rockes, der Zigarette, dem Bubikopf und den rotgeschminkten Lippen bald als Symbolfigur der berufstätigen Frauengeneration im Allgemeinen.[67]

Weitere Typologisierungen der Neuen Frau ergeben sich aus ihren Aktivitäten außerhalb der Berufs- beziehungsweise Angestelltenwelt. Zwei Bilder der Neuen Frau wurden in den Medien und der damaligen Literatur gezeichnet. Hervorgerufen durch das in der neusachlichen Kultur verbreitete Ausleben der weiblichen Sexualität, des häufigen Partnerwechsels und dem Unwillen sich zu binden und treu zu sein, verbreitete sich einerseits das Bild der „femme fatale“, des männerverschlingenden Vamps, der sich teilweise unschuldig, teilweise dirnenhaft benahm.[68] Andererseits kleideten und benahmen sich die jungen Frauen betont mädchenhaft, aktiv und unbekümmert. Dieser Typus des knabenhaft schlanken, sportlichen, sich modisch und männlich gebenden ‚femme enfant’ oder des ‚Girls’ stellte seine erotische Attraktivität möglichst sachlich zur Schau.[69]

Als ‚Girls’ wurden auch die Akteurinnen in den in Mode gekommenen Revuen nach amerikanischem Vorbild bezeichnet. Die bekanntesten Vertreter, sozusagen der Prototyp dieser Tanztheater, waren die amerikanischen Tillergirls, die in den Zwanziger Jahren durch Deutschland tourten. Der Reiz der Varietes für die Kulturbewegung der Neuen Sachlichkeit lag an der Paramilitarität und den präzisen, mechanisch-gleichschrittartigen Bewegungen der Körper, die das so lang vermisste Gefühl der Ordnung symbolisierten.[70] Außerdem verbanden die Aufführungen durch die maschinenhaften und stakkatogleichen Bewegungen die Technikbegeisterung der Menschen mit dem attraktiven Typ der Neuen Frau und wurden so, vor allem für die Männerwelt der Weimarer Republik, zum Magnet.

Giese, ein Bewunderer der Aufführungen, spricht im positiven Sinn von der „Girlmaschine“, der „Girltechnik“ und den „Girls als Material“.[71] „Hervorgegangen aus Großstadt- und Maschinenrhythmus, so Giese, überwinde der Rhythmus der ‚Girltechnik’ [...] den anachronistischen, den gegenwärtigen Bedingungen des Kapitalismus nicht mehr angemessenen Rhythmus des Organischen und Individuellen [...].“[72] Er stellt weiterhin heraus, dass die durch typgleiches Aussehen, gleiche Kleidung und simultane Bewegungen der Frauen hervorgerufene Entindividualisierung und Enterotisierung, sich nur positiv auf das Arbeitsverhalten auswirken könnte. Anders ausgedrückt: „Die Entlastung von den Triebwünschen [...] setzt Kapazitäten frei für die gesellschaftliche Produktion.“[73] Die Gefahr, die in diesen Anschauungen liegt, nämlich die Entmenschlichung der Frau, die unter anderem zu ungerechter Behandlung oder sexuellen Übergriffen führt, übersieht Giese. Außerdem ist es unlogisch, das Freizeitphänomen der Revuen mit der Arbeitswelt zu vergleichen. Auf der Bühne mögen die Frauen zur „Girlmaschine“ werden, am Arbeitsplatz sind sie jedoch wieder Individuen!

Das in den ‚Revuegirls’ schon zu erkennende neue Körperideal der Frau ist ein weiteres Merkmal der Kulturlandschaft der Weimarer Republik. Die Neue Frau sollte ein sportliches, durchtrainiertes und weniger mütterliches äußeres Erscheinungsbild haben, um den Anforderungen der Arbeitswelt besser gewachsen sein zu können: „Der gestählte, abgehärtete, biegsame Frauenkörper kann die Anstrengungen des Berufslebens bei weitem besser erfüllen.“[74] Die ‚Girlkultur’ im Allgemeinen ist für Giese „[...] eins der avanciertesten Mittel der Disziplinierung der wilden und chaotischen Triebe im Register der Eurhythmie und Körperkultur: ‚Der Körper war unser Feind, das Erotische und die Machtlosigkeit unsere besondere Qual. Nun drillen wir ihn.’“[75]

Wie dieses Zitat zeigt, wollten die Deutschen nichts mehr dem Zufall überlassen. Der Wunsch, das eigene Leben, die Wirtschaft und das Land wieder in Ordnung zu bringen, weitete sich zum Fanatismus aus und spiegelte sich sogar im Verhältnis zum eigenen Körper wider. Man zeigte Härte, nicht nur im Berufsleben, sondern auch gegen sich selbst. Es galt für Mann und Frau als modern und chic, Mitglied in einem der sich zunehmend bildenden Sportvereine zu werden. Trainierende junge Männer und Frauen, letztere genannt ‚Sportgirls’, galten als attraktiv, dynamisch und aktiv in Beruf und Privatleben.[76] „In den Zwanziger Jahren wurde eine Sportkultur aufgebaut, die keineswegs eine nur dem Körper dienende Freizeitkultur propagierte, sondern von der Industrie zielstrebig in ökonomisch verwertbare Bahnen gelenkt wurde.“[77] Von vielen Unternehmen wurde Betriebssport organisiert, der einerseits auf die Erhöhung der Produktivität zielte, andererseits das militärische Training ersetzte, das infolge des Aufrüstungsverbots für Deutschland untersagt war.[78]

Die vorgestellten Typen der Neuen Frau (Angestellte, femme enfant, femme fatale, Revue- und Sportgirl) waren jedoch keine ‚reinen’ Typen. Einzelne Merkmale eines jeden Subtypus zeichneten das individuelle Gesamterscheinungsbild einer Frau. Eine solche ‚Patchworkfrau’ hatte es in der vorherigen Generation nicht gegeben. Doch welche Merkmale konfigurierten das traditionelle Frauenbild? Die in der Gesellschaft voll akzeptierte Frau war Hausfrau, treu, arbeitsam, ihrem Mann gegenüber gehorsam, sowie pflichtbewusst und aufopferungsvoll in der Kindererziehung. Ihre Hauptaufgabe bestand darin, ihrem Mann eine gute Ehefrau zu sein und ihm viele Kinder zu gebären. Traditionelle Frauenbilder waren neben dem Bild der Mutter noch das der Geliebten und der Hure, wobei die beiden letzteren natürlich gesellschaftlich unakzeptabel waren. Alle drei Typen jedoch konnte man als ‚reine’ Typen bezeichnen. Ohne einen Skandal auszulösen, hatte eine Frau in der Öffentlichkeit nicht die Freiheit, sich ihrem Charakterbild entsprechend Eigenschaften anderer Typen anzueignen und zum Beispiel neben der Mutterrolle und der der braven Gattin auch die der Geliebten eines anderen Mannes zu spielen. Die Typologisierung der Frau als ‚reines’ beziehungsweise differenziertes Wesen zitiert Hartmut Vollmer aus Hermann von Wedderkops Roman Adieu. Obwohl aus einem literarischen und somit fiktionalen Werk entnommen, zeichnet sich jedoch auch das reale gesellschaftliche Bild der Frau im Wandel der Zeit ab:

[...]


[1] Heinz Kahlau: Die schönsten Gedichte. Ausgewählt von Lutz Görner. Berlin: Aufbau Taschenbuch Verlag 2003. S. 66.

[2] Personenbezeichnungen gelten im gesamten Text für beide Geschlechter.

[3] Vgl. Jost Hermand: Einheit in der Vielfalt?. In: Das literarische Leben in der Weimarer Republik. Hg. v. Keith Bullivant. Königstein: Scriptor-Verlag 1978. S. 71.

[4] Vgl. Sabina Becker: Neue Sachlichkeit im Roman. In: Neue Sachlichkeit im Roman: Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hg. v. Sabina Becker und Christoph Weiss. Stuttgart / Weimar: Metzler 1995. S. 14.

[5] Vgl. Hermand (1978), S. 71.

[6] Sobald die Begriffe Neue Sachlichkeit, Neue Frau, Girl, Neuer Mann etc. erklärt wurden, werden sie im Weiteren ohne einstellige Anführungsstriche verwendet.

[7] Vgl. Helmut Kreuzer: Zur Periodisierung der „modernen“ deutschen Literatur. In: Basis, 2, 1971, S 7ff ; zit. n.: Hermand (1978), S. 71-72.

[8] Vgl. Gabriella Hima: Dunkle Archive in hellen Gebärden des Körpers: die Anthropologie der neusachlichen Prosa. Frankfurt am Main: Lang 1999. (=Europäische Hochschulschriften: Reihe 18, Vergleichende Literaturwissenschaft; Bd. 91). S. 14.

[9] Vgl. Hermand (1978), S. 74. Er benennt Heinz Kindermann und Alois Bauer, die zwischen einer „radikalen“ (linken) und einer „idealen“ (rechten) Sachlichkeit unterschieden. Nur die letztere „realidealistische“ Sachlichkeit fand ihre Zustimmung. Rechtsradikale Literaten wie Alverdes und Carossa wurden der „wahren Sachlichkeit“ zugeordnet, Autoren wie Bruckner, Lampel und Grünberg als „unsachlich“ abgewertet.

[10] Vgl. Hima (1999), S. 14.

[11] Hermand (1978), S. 73.

[12] Vgl. Ebd.

[13] Ebd. S. 74.

[14] Becker (1995), S. 16.

[15] Vgl. Ebd. S. 17.

[16] Zu falschen Datenangaben bezüglich des Zeitraums der literarischen Strömung „Neue Sachlichkeit“ vgl. zum Beispiel: Klaus Petersen: Neue Sachlichkeit. In: Reallexikon der Literaturwissenschaft. Bd. 2. Hg. v. Klaus Weimar. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1997. S. 699-701.

[17] Vgl. Hermand (1978), S. 74.

[18] Ebd. S. 71.

[19] Petersen (1997) S. 699.

[20] Becker (1995), S. 15.

[21] Vgl. Ebd. S. 16.

[22] Vgl. Petersen (1997), S. 699.

[23] Vgl. Ebd. S. 701.

[24] Vgl. Órein: Neue Sachlichkeit. http://uni-essen.de/literaturwissenschaft

aktiv/Vorlesungen/literaturge/neuesach.htm (21.05.2004)

[25] Petersen (1997), S. 700.

[26] Vgl. Ebd. S. 700.

[27] Hima (1999), S. 17.

[28] Vgl. Ebd.

[29] Ellen de Visser: Aspekte der gesellschaftlichen und politischen Situation von Frauen in der Weimarer Republik. In: Verdeckte Überlieferungen: Weiblichkeitsbilder zwischen Weimarer Republik, Nationalsozialismus und Fünfziger Jahren. Hg. v. Barbara Determann, Ulrike Hammer, Doron Kiesel. Frankfurt am Main: Haag und Herchen 1991. (=Arnoldsheiner Texte; Bd. 68), S. 107.

[30] Ebd. S. 108.

[31] Siegfried Kracauer. Die Angestellten. Aus dem neuesten Deutschland. Frankfurt/M.: Suhrkamp 1971 (=st. Bd. 13). S. 11 u. S. 13; zit. n.: Walther Fähnders und Helga Karrenbröck: Einleitung. In: Autorinnen der Weimarer Republik. Hg. v. Fähnders und Karrenbröck. Bielefeld: Aisthesis Verlag 2003. S. 8.

[32] Vgl. de Visser (1991), S. 108.

[33] Ebd. S. 108.

[34] Vgl. Stresemann. Encarta. © 1993-2003 Microsoft Corporation.

[35] de Visser (1991), S. 115.

[36] Erwin Piscator: Das politische Theater. Faksimiledruck der Erstausgabe 1929, Berlin/DDR 1968, S.9.; zit. n.: Erhard Schütz: Romane der Weimarer Republik. München: Wilhelm Fink Verlag 1986. S. 15.

[37] Vgl. Weimarer Republik. Encarta. 1993-2003 Microsoft Corporation.

[38] Walter Benjamin: Der Erzähler, in: W.B.: Gesammelte Schriften, Bd. II, 2, Frankfurt a.M. 1977, S. 439.; zit. n.: Schütz (1986), S. 14.

[39] Rudolf Kayser: Dichterköpfe, Wien 1930, S. 199.; zit. n.: Schütz (1986), S. 16.

[40] Schütz (1986), S. 17.

[41] Vgl. Schütz (1986), S. 16-17.

[42] Ebd. S. 70.

[43] Rudolf Kayser: Amerikanismus, zit. n. Anton Kaes (Hg): Weimarer Republik. Manifeste und Dokumente zur deutschen Literatur 1918 – 1933, Stuttgart 1983. S. 265.; zit. n.: Schütz (1986), S. 72.

[44] Schütz (1986), S. 72.

[45] Vgl. Ebd.

[46] Vgl. Ebd.

[47] Gottfried Benn: Über den amerikanischen Geist, in: Gottfried Benn: Gesammelte Werke, Bd. 7: Vermischte Schriften, München 1975, S. 1658.; zit. n.: Schütz (1986), S. 73.

[48] Hartmut Vollmer: Liebes(ver)lust: Existenzsuche und Beziehungen von Männern und Frauen in deutschsprachigen Romanen der Zwanziger Jahre: erzählte Krisen – Krisen des Erzählens. Oldenburg: Igel-Verl. 1998. S. 28.

[49] Im Weiteren werden folgende Quellen nur noch im fortlaufenden Text mit den Kürzeln F. für Fabian – Die Geschichte eines Moralisten beziehungsweise G. für Gilgi – eine von uns ausgezeichnet: Irmgard Keun: Gilgi – eine von uns. Hildesheim: Claassen 1993. und Erich Kästner: Fabian – Die Geschichte eines Moralisten. Berlin und Weimar: Aufbau Verlag 1976.

[50] de Visser (1991), S. 112.

[51] Fähnders / Karrenbröck (2003), S. 9.

[52] Schütz (1986), S. 32.

[53] Ebd.

[54] Frauenbewegung. Encarta. © 1993-2003 Microsoft Corporation.

[55] Inge Stephan: Frauenliteratur. In: Reallexikon der Literaturwissenschaft Bd.1. Hg. v. Klaus Weimar. Berlin, New York: Walter de Gruyter 1997. S. 627-628.

[56] Barndt, Kerstin: Sentiment und Sachlichkeit: der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik. Köln [u.a]: Böhlau -Verlag 2003. S. 9.

[57] Vgl. Ebd. S. 11.

[58] Ebd. S. 9.

[59] Vgl. Ebd.

[60] Ebd. S. 10.

[61] Ebd.

[62] Tilrot, Kollektiv-Klage junger Mädchen. Inhalt von heute, in: Uhu, Mai 1931, S. 84.; zit. n.: Barndt: Sentiment und Sachlichkeit: der Roman der Neuen Frau in der Weimarer Republik. (2003), S. 3.

[63] Vgl. Carla Scheunemann: Sexualmoral und die „neue Frau“ in der Literatur der 20er Jahre am Beispiel von Aldous Huxleys Brave New World. http://homepage.ruhr-uni-bochum.de/niels.werber/Newworld.htm (04.11.04)

[64] Vgl. Schütz (1986), S. 162.

[65] Das Kulturphänomen beeinflusste auch die neusachliche Literatur. Die Angestellte fungierte häufig als Vorbild für die Protagonistinnen der Romane der Weimarer Republik. Es entwickelte sich das Subgenre des Angestelltenromans, dessen zentrale Gestalten zumeist Frauenfiguren (wie in Keuns Gilgi - eine von uns oder Fleißers Eine Zierde für den Verein), zuweilen jedoch auch männliche Protagonisten (wie in Kästners Fabian. Geschichte eines Moralisten) waren.

[66] Vgl. Fähnders / Karrenbröck (2003), S. 8-9.

[67] Vgl. de Visser (1991), S. 110.

[68] Scheunemann (04.11.04), S. 2.

[69] Vgl. Scheunemann (04.11.04), S. 2.

[70] Vgl. de Visser (1991), S. 110-111.

[71] Vgl. Schütz (1986 ), S. 165.

[72] Ebd.

[73] Ebd.

[74] Dr. Med. Hanny Magnus, Die schlanke Frau, In: Frau und Gegenwart, 1925, S. 2; zit. n.: de Visser (1991), S. 111.

[75] Helmut Lethen: Neue Sachlichkeit 1924-1932. Studien zur Literatur des „Weißen Sozialismus“. Stuttgart: Metzler 1970, S. 43.

[76] Der neue Sportgeist der Zeit ging auch in viele Romane der Weimarer Republik ein. So wurde zum Beispiel der 1931 erscheinende Roman Mehlreisende Frieda Geier Marieluise Fleißers als „Sportroman von kleinen Leuten“ bezeichnet. Viele neusachliche Autoren, unter anderem auch Brecht und Fleißer, diskutierten in den Zwanziger Jahren das Verhältnis von Sport und Literatur, wobei Fleißer mithilfe ihrer Mehlreisenden Frieda Geier heftig Kritik am Sport als paramilitärischer Aktivität äußert. Mit ihrer Beschreibung der von Männern dominierten Vereinswelt der Zwanziger Jahre machte sie auf das faschistische Potential einer solchen Sportideologie aufmerksam. Doch auch in Bezug auf die Gleichsetzung von Mensch und Maschine mithilfe der drillharten Sportausübung kritisieren viele neusachliche Autoren die Weimarer Kultur. Die Protagonistinnen der neusachlichen Werke legen meist größten Wert auf ihr Äußeres. Der Blick in den Spiegel und die morgendliche Gymnastik werden zur Manie, beziehungsweise zum festen Bestandteil der Tagesabläufe. Dass diese strikten Normen der körperlichen, sowie seelischen Perfektion, welche hier mit Emotionslosigkeit und maschinenartiger Präzision gleichgesetzt werden, in der Realität, sowie in der Romanwelt nicht immer aufrecht erhalten werden können, versteht sich von selbst. Mann und Frau bleiben immer noch fühlende Menschen, nicht Maschinen. Wie die neusachlichen Autoren mithilfe ihrer Romanfiguren veranschaulichen, ist das Ideal des perfekten, sportlich durchtrainierten Körpers, sowie der sich reibungslos abspinnenden Produktivität am Arbeitsplatz praktisch nicht realisierbar. Vor allem wenn naturgegebene Ereignisse wie die Liebe, Schwangerschaft oder andere Faktoren in das Leben der Menschen eingreifen, wird die Produktion der von Giese so sehr herbeigesehnten ‚Maschine Mensch’ zum Erliegen gebracht.

[77] Sabina Becker: „Hier ist nicht Amerika“. Marieluise Fleißers „Mehlreisende Frieda Geier. Roman vom Rauchen, Sporteln, Lieben und Verkaufen“. In: Neue Sachlichkeit im Roman: Neue Interpretationen zum Roman der Weimarer Republik. Hg. v. Sabina Becker und Christoph Weiss. Stuttgart / Weimar: Metzler 1995. S. 227.

[78] Vgl. Ebd.

Details

Seiten
90
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640347780
ISBN (Buch)
9783640347445
Dateigröße
852 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129032
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena
Note
1,7
Schlagworte
Frauen- Männerbilder Literatur Neuen Sachlichkeit

Autor

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Titel: Frauen- und Männerbilder in der Literatur der Neuen Sachlichkeit