Lade Inhalt...

Walter Benjamins Idee der Aura

Konstituierung, Verfall, Wiederkehr?

Hausarbeit 2009 12 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Der Begriff „Aura“
1.2 Benjamins Konzeption des Aurabegriffs
1.3 Die Zertrümmerung der Aura
1.4 Ausgewählte Rezeption oder: Die vielen Facetten der Aura

2. Die Wiederkehr der Auratizität
2.1 Die dekonstruierte Auratizität: Mediaura
2.2 Die Tür zur Erfahrung: Der ‚Chock’
2.3 Gewollte Verbindungen

Bibliographie

Nun hat schon jeder die Erfahrung machen können,

je öfter er mit einem Faktum, einer Ansicht, einer

Formel auftrat, desto mehr verlor sie an Suggestivkraft.[1]

1. Der Begriff „Aura“

1.2 Benjamins Konzeption des Aurabegriffs

Dass Walter Benjamin [B.] das Bild der Moderne maßgeblich geprägt hat, sowohl im Bereich der Ästhetik- als auch der Kultur- und Medientheorie, ist unbestritten. Doch war dies nicht immer so selbstverständlich wie nach der intensiven Wiederentdeckung der Schriften B.s (vor allem die des Kunstwerkaufsatzes) Ende der 60er Jahre. Der zentrale Kritikpunkt vieler Zeitgenossen (u.a. Brecht, Adorno und Horkheimer) kann wohl an dem von B. bewußt nicht eindeutig positivistisch definierten Begriff der Aura festgemacht werden. Brecht merkte an: „alles Mystik, bei einer Haltung gegen Mystik. In solcher Form wird die materialistische Geschichtsauffassung adaptiert! Es ist ziemlich grauenhaft.“[2] Langjähriger Freund und respektvoller Kritiker B.s, Adorno, bemängelte u.a. in einem Brief an ihn den zu mystischen Umgang mit dem autonomen Kunstwerk[3]. Als nicht dialektisch genug und zu unverändert aus der Theologie adaptiert sieht er, wie Brecht auch, den Aurabegriff als zu mystisch auf das Kunstwerk bezogen.

Es wird in dieser Arbeit hoffentlich ersichtlich werden, dass sich B. wahrscheinlich über die Einwände seiner Kollegen und Kritiker teilweise gefreut haben dürfte. Denn die Einführung des in B.s Schriften so zentralen Begriffs der Aura entzieht sich ganz bewußt jeglicher klaren Definierbarkeit. Wie der eingangs zitierte Satz aus einem der zahlreichen Denkbilder B.s (Der Weg zum Erfolg in dreizehn Thesen) andeutet, richtet sich seine Denkweise ganz deutlich gegen den Positivismus, gegen festgelegte Definitionen und versucht vielmehr – in diesem Punkt der kritischen Theorie durchaus naheliegend – ex negativo Begriffe dialektisch zu umschreiben, sich ihnen zu nähern, indem mit teilweise literarischen Verfahrensweisen eine Art „Denkbild“ um den zu beschreibenden Gegenstand herum aufgebaut wird. Wie genau sieht das nun in der Praxis aus? Um Aussagen zur viel diskutierten These des Verfalls der Aura und gar zu dessen potentieller Wiederkehr – mit der sich Mika Elo[4] aufbauend auf Samuel Weber in einem Essay auseinandergesetzt hat – treffen zu können, wird es nötig sein zunächst einmal zu verstehen, wie genau B. das Kunstwerk vor dem Zeitalter seiner Reproduzierbarkeit sieht, wie er dementsprechend den vielschichtigen Begriff der Aura konzipiert und auf welche Weise es zu einem Verfall der Aura kommen konnte. Im Kunstwerkaufsatz wird die Aura zum ersten Mal mit folgenden zunächst scheinbar widersprüchlichen Worten umschrieben:

Es empfiehlt sich, den […] Begriff der Aura an dem Begriff einer Aura von natürlichen Gegenständen zu illustrieren. Diese letztere definieren wir als einmalige Erscheinung einer Ferne, so nah sie sein mag. An einem Sommernachmittag ruhend einem Gebirgszug am Horizont oder einem Zweig folgen, der seinen Schatten auf den Ruhenden wirft – das heißt die Aura dieser Berge, dieses Zweiges atmen.

Ganz unabhängig vom Kunstwerk zunächst versucht Benjamin hier die Natur der Aura an natürlichen Objekten zu illustrieren, um dies dann direkt auf das Kunstwerk zu übertragen. Dabei kann man deutlich eine zentrale Eigenschaft in B.s Arbeitsweise erkennen. Nämlich seinen Fokus auf das Kleine, das Alltägliche als Mittel um größere beudeutendere Phänomene nicht zu erklären und somit auf spezifische Parameter festzulegen sondern sie bildlich zu umschreiben, um ihnen somit habhaft zu werden.

B. spezifiziert den Aurabegriff, indem er weitere Faktoren um ihn herum aufbaut, die für die Aura des klassischen Kunstwerks von Bedeutung sind. Dabei spielt das Hier und Jetzt eine wichtige Rolle. Er beschreibt dieses für die Aura konstitutive Element als „das einmalige Dasein [des Kunstwerks] an dem Orte, an dem es sich befindet.“[5] Vor dem Beginn des ‚Zeitalters der technischen Reproduzierbarkeit’ sei der ursprüngliche Zugang zum Kunstwerk das Ritual, welches fest an eine Örtlichkeit gebunden sei. In ihm liege der Ursprung der Aura im Sinne einer transzendentalen Funktion. Eben dieses wechselseitige Einflussnahme des Hier und Jetzt, die damit verbundene Einmaligkeit des Kunstwerks und dessen Kultwert machen nach B. die Echtheit eines Kunstwerks aus. Im Kunstwerkaufsatz beschreibt B. diesen Zusammenhang wiefolgt:

[...]


[1] Benjamin, Walter. Gesammelte Schriften IV, I. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 1980, 351.

[2] Fürnkäs, Josef: Aura. In: Michael Opitz (Hg.): Benjamins Begriffe. Erster Band. Suhrkamp: Frankfurt a. M. 2000, 96.

[3] Benjamin, Walter. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technologischen Reproduzierbarkeit und weitere Dokumente. Kommentar von Detlef Schöttker. Suhrkamp: Frankfurt a.M., 2007, 74-75.

[4] Vgl. Elo, Mika, „Die Wiederkehr der Aura“. In: Christian Schulte (Hg.): Walter Benjamins Medientheorie. UVK-Verlag: Konstanz, 2005. 117-136.

[5]Benjamin, Walter. Das Kunstwerk im Zeitalter seiner technologischen Reproduzierbarkeit und weitere Dokumente. Kommentar von Detlef Schöttker. Suhrkamp: Frankfurt a.M., 2007, 15.

Details

Seiten
12
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640353910
ISBN (Buch)
9783640353583
Dateigröße
428 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v129012
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Germanistisches Institut
Note
1,0
Schlagworte
Walter Benjamins Idee Aura Konstituierung Verfall Wiederkehr Walter Benjamin Reproduzierbarkeit Germanistik Zeitalter

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Walter Benjamins Idee der Aura