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Analyse und Interpretation von J. von Eichendorffs "Das zerbrochene Ringlein"

Unter besonderer Berücksichtigung des archaischen Moments

Hausarbeit 2009 18 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. „Das zerbrochene Ringlein“ – ein Volkslied?

3. Interpretation
3.1 Das „zerbrochene Ringlein“ als Hauptmotiv in Eichendorffs Werk
3.2 Eine exklusive Liebesbeziehung bis zum Freitod
3.3 Einklang von innerem und äußerem Sinn
3.4 Das Werk in seiner Wirkung auf den Leser

4. Das Werk in seiner Zeit

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

In meiner Arbeit befasse ich mich mit Joseph Freiherr von Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“, das ich, neben einer eingehenden Analyse und Interpretation, auf archaische Wesensmerkmale genauer untersuchen werde. Vorab ist zu erwähnen, dass ich mich auf die Fassung von der man annimmt, dass sie um 1810 entstanden ist[1], stütze. „Auf die Frage, wann das Werk entstanden ist, könnte eventuell die eine oder andere der zur Zeit verschollenen Handschriften (Nr. 1, 3 und 4) im Falle ihres Wiederauftauchens eine Antwort geben, wenn es möglich wäre, die chronologische Reihenfolge der vier zuletzt angeführten Niederschriften und damit die Frage klären, ob das Gedicht unabhängig oder im Zusammenhang mit dem Roman „Ahnung und Gegenwart“ (1815) konzipiert wurde.“[2] Anzunehmen ist, dass Eichendorff sich an bereits existierenden Texten orientiert hat, wie beispielsweise an „Des Knaben Wunderhorn“ (I, S. 103), „Müllers Abschied“ („Da droben auf dem Berge“), Strophe zwei, das mit ähnlichem Inhalt und Thema beginnt: „Da drunten in jenem Thale Da treibt das Wasser ein Rad, […] Das Rad, das ist gebrochen, Die Liebe, die hat ein End, [..]“. Eichendorff, der selbst am 10.3.1788 auf Schloß Lubowitz bei Ratibor in Oberschlesien geboren wurde, ließ sich während seines Jurastudiums in Halle, Heidelberg, Berlin und Wien von bekannten Literaten seiner Zeit, wie beispielsweise Achim von Arnim, Clemens Brentano oder Heinrich von Kleist, beeinflussen. Wie viele Schriftsteller zu der Zeit verfasste Eichendorff nicht nur Gedichte, sondern auch Dramen, Epen, Erzählungen und Romane. Die Motive Heimat und Sehnsucht, die in vielen seiner Werke vorkommen, scheinen durch den Verlust seiner Heimat Lubowitz - das Schloss wurde zwangsversteigert - hervorgerufen worden zu sein. Ob sein „Das zerbrochene Ringlein“ autobiographischer Natur ist, würde ich negieren. Das Motiv der Heimat wird nur kurz durch die Ruhelosigkeit und das von „Haus zu Haus“ (Z. 12) -Gehen angesprochen. Hauptaugenmerk wird auf die Sehnsucht nach der Geliebten gelegt, die das lyrische Ich verlassen hat.

Im Folgenden setze ich mich eingehend mit dem Gedicht auseinander. Zu Beginn meiner Arbeit beschäftige ich mich mit der Frage, ob das Gedicht tatsächlich ein Volkslied ist. Dabei zeige ich allgemeine Merkmale eines Volksliedes auf und vergleiche diese mit Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“. Anschließend arbeite das Hauptmotiv des „zerbrochenen Ringleins“ als Spiegel des Gedichts heraus und stelle danach die exklusiven Liebesbeziehung und deren Einzigartigkeit vor. Eine weitere Besonderheit zeigt sich in der harmonischen Gestaltung der zeitlichen und räumlichen Aspekte des Gedichts. Im nächsten Punkt beschäftige ich mich mit der Wirkung des Werkes auf den Leser. Dabei stelle ich heraus, mit Hilfe welcher Mittel das Gedicht den Leser anspricht und warum es auch nach fast 200 Jahren immer noch gut verständlich ist. Letztendlich versuche ich zu klären, ob es sich bei dem Gedicht um ein typisches romantisches Gedicht handelt. Viele Aspekte des Gedichtes weisen auf ein archetypisches, also ein urtümliches Bild, hin. Im Zuge meiner Abhandlung untersuche ich, ob dieser erste Eindruck sich als wahr herausstellt oder ob es nur dem Anschein nach einen archaischen Ausdruck hat.

2. „Das zerbrochene Ringlein“ – ein Volkslied?

„Das Volkslied ist neben anderen Gattungen, wie Roman, Novelle und Volksmärchen, eine der bedeutendsten Gattungen in der romantischen Literaturepoche und nimmt eine Gegenposition zur zeittypischen Gelehrten– und Individualpoesie ein.“[3] Während die Gelehrten –und Individualpoesie wegen ihres eigenwilligen Umgangs mit Sprache und der oft schwer verständlichen Inhalte nicht für jedermann zugänglich ist, findet der Leser bei dieser archetypischen Art der Gedankendarbietung eine leichte verständliche Sprache, sowie volksnahe Themen. „Zu den Merkmalen des Volksliedes gehören die Mischung der Stilelemente (Pathos und Trivialität; Bericht und Ausdruck von Stimmung, Gefühl; Wechsel von Heiterkeit und Traurigkeit etc.), bruchstückhafte Ereigniswiedergabe, Vernachlässigung von Logik und Informationsgenauigkeit und der Anspielungscharakter.“[4] Einige dieser Eigenschaften findet man auch in Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“: Der Wechsel der Emotionen macht sich besonders bemerkbar, da das lyrische Ich zwischen tiefer Traurigkeit (Strophe 1 und 2), unbändigem Tatendrang (Strophen drei und vier) und anschließendem Verlangen zu sterben glaubt. Ebenso wird in Strophe zwei auf ausführliche Erklärungen zum Trennungsvorgang und die Gründe, die zur Trennung geführt haben, verzichtet. Der Leser wünscht sich zu erfahren, welche Beweggründe es gegeben hat, die dazu geführt haben, dass sie „die Treue brach“.

Nicht umsonst trägt das Volkslied den Namen „Volkslied“, welches seinen Ursprung preisgibt, aber auch sein Zielpublikum verrät. Es versteht sich als eine Art Poesie, die vom Volk für das Volk geschrieben wurde. Neben einer einfachen, einprägsamen Melodie sind es auch einfache Erlebnis- und Gefühlsinhalte, die für jedermann verständlich sind, in einer Sprache, die so durchsichtig ist, das sie von jedem verstanden wird. „Volksnahe Motive wie Natur- und Liebeserfahrungen sind zentrale Themen in den Volksliedern.“[5]

Themen wie Wanderlust, Liebe, Abschied von einer Geliebten und den deshalb erwünschten Freitod findet man auch in Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“, wie etwa. Oft werden manche Erlebnisse in einer etwas abgehackten, kurzen Form dargestellt. Dies beeinflusst aber nicht das Verständnis, da die Erlebnisse durch die einfache Wortwahl leicht zu verstehen sind. Es bildet den Charakter des Volksliedes, welches ja auf Schlichtheit und Verständlichkeit setzt. „Die vielfältigen Strophenformen in dieser Gattung sind meist gereimt, teilweise assonierend, reich an metrischen und rhythmischen Entsprechungen und Wiederholungsfiguren.“[6] Überlieferungen findet man seit dem späten Mittelalter.[7] Während sie zunächst nur mündlich weitergegeben wurden und es kaum Belege darüber gibt, wurden sie ab dem 15. Jahrhundert auch schriftlich überliefert. Neben abweichenden Präsentations-formen im 16. Jahrhundert, wie etwa dem Flugblatt, haben eher die Volkslieder ab dem 19. Jahrhundert den Begriff geprägt. Neben Joseph von Eichendorff waren es Dichter, wie Clemens Brentano und Ludwig Achim von Arnim und dessen Werk „Des Knaben Wunderhorn“, die die Volkslieder verfestigt und populär gemacht haben.

Auf die Frage, ob Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“ ein typisches Volkslied ist, gibt uns Eichendorff in einem Brief an den Erbprinzen von Sachsen-Coburg-Gotha und späteren Herzog Ernst II. vom 1. September 1838 selbst eine Antwort: "[…]Euer Durchlaucht haben, wie mir mein Sohn aus Bonn schreibt, meine Po[e]sien einer wohlwollenden Aufmerksamkeit gewürdigt und den Wunsch geäußert, Ihrer Handschriftensammlung auch eine von meiner Hand beizufügen.[…]Mit Freuden möchte ich daher gern das Schönste übersenden das ich besitze. Da ich aber zu diesem Zweck meine Papiere durchblättre, stoße ich immer wieder auf ein einfaches Liedchen, dem man vielfach die Ehre angethan, es für ein Volkslied zu halten und das also wohl nicht das schlechteste seyn kann.[…]"[8] Man hat also bereits zu Eichendorffs Lebzeiten das „Das zerbrochene Ringlein“ für ein Volkslied gehalten, wie dieser Brief beweist.

Meiner Meinung nach treffen alle vorhandenen Merkmale eines Volksliedes auf Eichendorffs Werk zu. Neben typischen Inhalten, sind es vor allem die Einfachheit der Sprache sowie volksnahen Themen, die dieses Lied so vollkommen und volkstümlich erscheinen lassen.

3. Interpretation

3.1 Das „zerbrochene Ringlein“ als Hauptmotiv in Eichendorffs Werk

Gedichte zeichnen sich nicht nur durch ihre inhaltliche- sondern auch durch ihre formale Seite aus. Dabei muss man sich vor Augen halten, dass Form und Inhalt grundsätzlich miteinander in Verbindung stehen und sich in ihrer Wirkung gegenseitig stärken. Ein Gedicht ist erst dann richtig wirkungsvoll, wenn die äußere Gestalt den Inhalt widerspiegelt, besonders, wenn nach jedem formalen Einschnitt, also nach jeder Strophe, auch ein inhaltlicher Einschnitt erfolgt. Dabei unterscheidet man, ob sich der Inhalt der Form oder die Form dem Inhalt anpasst.

Bei strophischen Gedichten, wie Eichendorffs „Das zerbrochene Ringlein“, passt sich der Inhalt der vorgegebenen äußeren Form an, wie sich in folgender Analyse zeigt:

Das Gedicht besteht aus fünf Strophen zu je vier Versen, die von dreihebigen Jamben und abwechselnd weiblichen und männlichen Kadenzen geprägt sind. Der Kreuzreim bildet die Grundbasis, die in der ersten Strophe (Z. 1 u. 3) durch Halbreime, so genannte Assonanzen, unterbrochen wird. Ebenfalls wird der starre Reim in der letzten Strophe (Z. 1 u. 3) durch eine Kombination aus gereimten und ungereimten Zeilen, den so genannten Waisenzeilen, von seiner Strenge befreit.

Neben der ersten formalen Gliederung zeigt sich nun, dass das Gedicht auch inhaltlich in Abschnitte gegliedert ist. Strophe eins markiert den Ausgangspunkt für den Leser und ist demzufolge im Präsens formuliert. Doch bereits in der zweiten Hälfte der ersten Strophe beginnt das lyrische Ich seine gedankliche Reise in die Vergangenheit, verdeutlicht durch Eichendorffs Wahl des Präteritums und des Perfekts. Strophe zwei führt diesen Rückblick in den gleichen Tempi fort. Durch die Wahl des Futurs in den Strophen drei und vier wird die Umbruchssituation, in der sich das lyrische Ich befindet, deutlich. Die Resignation des lyrischen Ich findet in der Verwendung des Konjunktiv Präsens in der fünften Strophe ihren Niederschlag.

Die zentrale Thematik behandelt eine verflossene Liebe, die das lyrische Ich nie verwunden hat. In der ersten Strophe wird durch das Enjambement „In einem kühlen Grunde da geht ein Mühlenrad“ dem Leser der Einstieg in das Gedicht erleichtert. Seine „Liebste“ ist verschwunden, die einst in der Nähe des Mühlenrads gelebt hat. Schon mit der Verwendung des Adjektivs „kühl“ (Z. 1) weist das lyrische Ich auf die Trennungssituation hin, die hier wie das Wort „kühl“ negativ konnotiert ist. Die Metapher des Mühlenrads, das als Symbol für den Lauf des Lebens steht, bildet den inhaltlichen Rahmen des Gedichts, da diese in der letztens Strophe wieder aufgegriffen wird. Das kreisrunde Mühlenrad steht ebenso für seine Gedanken, die sich immer wieder um seine Liebste und folglich im Kreis drehen. Durch die vielen dunklen Vokale, die in den Wörtern „Grunde“, „verschwunden“ und „gewohnet“ vorkommen, breitet sich eine ruhige beständige Stimmung aus, wodurch sich der Leser auf die Geschichte einlassen kann.

In der zweiten Strophe erklärt das lyrische Ich den Prozess der Trennung: Seine Liebste gab ihm einen Ring und schwor ihm die Treue, die sie jedoch brach, weshalb sein Ring zersprang. In dieser Strophe wurden weder ausschmückende Adjektive verwendet noch anmutende Worte benutzt. Starr durch Kommata voneinander getrennte Verse und eine hölzerne Aufzählung geben dem Leser einen Einblick in die vergangene Liebesbeziehung und die darauf folgende Trennung. Auf resignierende Art und Weise beschreibt es, wie sehr die Liebste seine Gefühle verletzt haben muss. Besonders stark zeigt sich dies in Zeile fünf und sieben, die sich inhaltlich nur durch die Reime „versprochen“ und „gebrochen“ von einander unterscheiden und damit die starken Gegensätze der Liebe darstellen. Der Ring als Symbol für Liebe und Treue steht für sein Innerstes, für sein Herz, das durch die Untreue zerbrach. Der Titel des Gedichtes und somit der zerbrochene Ring selbst wird ohne die Geschichte, die dahinter steht, eher als etwas Rationales und rein Materielles gedeutet. Die tiefere Bedeutung des Symbols und Leitmotivs erschließt sich dem Leser erst, wenn er das Gedicht in seiner Gesamtheit betrachtet. Der Verlust einer Geliebten und die damit verbundene Enttäuschung können erst bei erneuter Erwähnung des „zerbrochenen Ringlein“ im Text wirklich assoziiert werden. Der Ring, ein kalter, harter Gegenstand, steht als Sinnbild für seine Geliebte, deren Verhalten er als gefühlskalt empfand, als sie die Treue brach. Das Symbol des „zerbrochenen Ringleins“ bildet die Basis der Geschichte und gilt als Anstoß für künftige Handlungen, die in den nächsten Strophen erläutert werden.

[...]


[1] Vgl. Joseph von Eichendorff: Werke. Bd.1: Gedichte. Versepen. Dramen. Autobiographisches, S. 318 f.

[2] Wolfgang Kron: Zur Überlieferung und Entdeckung zu Eichendorffs Romanze >Das zerbrochene Ringlein<, S. 64

[3] Metzlers Literaturlexikon, S. 492

[4] Metzlers Literaturlexikon, S. 492

[5] Vgl. Benedikt Jeßing und Ralph Köhnen: Einführung in die Neuere deutsche Literaturwissenschaft, S. 29

[6] Metzlers Literaturlexikon, S. 492

[7] Vgl. „Der vil lieben sumerzeitt“ von Neidhard aus dem 13. Jahrhundert. Text unter http://www.spielleut.de/Noten/sumerzit.pdf

[8] Wolfgang Kron: Zur Überlieferung und Entstehung von Eichendorffs Romanze „Das zerbrochene Ringlein“, S. 54

Details

Seiten
18
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640402120
ISBN (Buch)
9783640402496
Dateigröße
453 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128943
Institution / Hochschule
Universität Trier
Note
Schlagworte
Analyse Interpretation Eichendorffs Ringlein Unter Berücksichtigung Moments

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