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Legasthenie - zur Geschichte der Forschung und neue Ansätze

Hausarbeit 2005 4 Seiten

Didaktik - Deutsch - Pädagogik, Sprachwissenschaft

Leseprobe

1. Zur Geschichte der Legasthenieforschung

Wenn man heute in einem Wörterbuch den Begriff „Legasthenie“ nachschlägt, steht dort folgendes geschrieben: „Lese- und Rechtschreibschwäche“1. Da diese Erklärung sehr allgemein scheint, muss der Begriff noch weiter definiert werden, was sich im Laufe der Geschichte laut Christine Mann als schwierig herausgestellte.

Im Mittelalter gab es in der Gesellschaft nur wenige Menschen, die lesen und schreiben konnten, weil die Beschulung der Bevölkerung nicht notwendig war. Mit der Zeit jedoch ist das Lesen und Schreiben zur Notwendigkeit geworden, weshalb nun deutlich werden konnte, dass es Kinder gibt, die trotz großer Bemühungen die Schriftsprache nicht ausreichend erlernen können. Legasthenie wurde als eine Art Krankheit verstanden, weshalb man ab 1916 nach den Ursachen forschte. Da es verschiedene Erscheinungsbilder der Legasthenie gab, definierte Lindner den Begriff als eine aus dem Rahmen fallende Schwäche des Lesens und indirekt auch des Schreibens, bei einer intakten bis relativ guten Intelligenz des Kindes. Linder betonte dabei, dass nicht eine Lese-Schreibschwäche untersucht wurde, die durch Faulheit, mangelnde Übung, schlechte Lehrmethoden oder Krankheit hervorgerufen wurde. Über die Ursachen der Legasthenie gab es viele Annahmen wie z.B. Erblichkeit, psychische Probleme oder funktionale Störungen im Gehirn, jedoch trafen die vermuteten Ursachen nie für alle Legastheniker zu. Es wurden operationale Verfahren entwickelt, um mit Hilfe von verschiedenen Testergebnissen Legastheniker zu ermitteln, was R. Müller und Valtin taten. Allerdings wurde von ihnen die allgemeine Legastheniedefinition Linders verändert, weil beide den Begriff anders verstanden. In dem operationalisierten Verfahren fehlte der Bereich, mit dem bei den Kindern zwischen „mangelnder Übung, schlechtem Milieu usw. zu schwachen Leistungen im Lesen und Rechtschreiben“2 unterschieden werden konnte. Durch Untersuchungen zwischen lese- rechtschreibschwachen und nicht lese-rechtschreibschwachen Kindern versuchte man die Arten und Ursachen der Legasthenie zu ermitteln, indem man nach Schwächen im Kind suchte. Widerwillig wurden andere Faktoren wie die Ausstattung der Schulen und das soziokulturelle Umfeld der Kinder mit als Ursache für Legasthenie aufgenommen. Durch diese blinde Suche nach Ursachen kam es dazu, dass um 1970 Sirch die Meinung vertrat, dass Legasthenie keine Schwäche sei. Er betonte, dass „[...]die Didaktik des Erstlese- und Rechtschreibunterrichts viele Elemente enthalte, die Legasthenie erzeugen“3 könnten und, dass der Erstleseunterricht die Kinder demotiviere und auch nicht die Funktion des Lesens verdeutliche. Dazu äußerte sich auch Schlee, indem er aufzeigte, dass Testwerte oder Testdifferenzen zur Definition von Legasthenie ein willkürliches Kriterium seien, da die Tests so gemacht wurden, dass 15% der schlechtesten Rechtschreiber in einer Schule immer als Legastheniker bezeichnet werden könnten. Es ist nämlich unmöglich, dass alle Schüler gleich gute Leistungen im Rechtschreiben erbringen. Auch die Verwendung von Intelligenztests war umstritten, da kein Zusammenhang zwischen der Lese-Rechtschreibschwäche und der Intelligenz eines Kindes ermittelt werden konnte.

2. Legasthenie: neue Forschungsansätze und Förderung

Die Forschung musste verändert werden, was Sirch in die Wege leitete. Man untersuchte das Wesen der Schrift und stellte fest, dass die Schriftsprache wie auch die akustische Durchgliederung eines Wortes in Phoneme, Fähigkeiten erfordert, die in der Realität der Kinder kaum trainiert werden. Dieses Fehlen der Fähigkeit war keine Schwäche des Kindes, sondern ein Beweis dafür, dass im Erlernen der Schriftsprache ein bestimmter Schritt noch nicht vollzogen wurde. Damit war man sicher, dass Legasthenie keine Krankheit war, sondern eine Art Entwicklungsrückstand, der durch ungünstige Faktoren verstärkt wurde. Daraufhin gab es lernpsychologische, kognitive und medizinische Ansätze, die die Legasthenieursachen untersuchten und erklärten. Ein Kind, das unter Legasthenie leidet, befindet sich in einem Teufelskreis aus verzweifelten Tricks und lästigen Gewohnheiten. Beim Erlernen von Lesen und Schreiben ergeben sich zunächst kleine Lernlücken, z.B. durch die falsche Auffassung vom Wesen der Schrift, was zu Misserfolgen führen kann. Diese Misserfolge beeinträchtigen das Kind so sehr, dass die kritischen Reaktionen der Umwelt zu Ängsten und Blockierungen führen können. Dieses Verhalten kann weitere Lernlücken und Fehler verursachen, die den Legastheniker wiederum in den Anfang des Teufelskreises versetzen, wodurch Entmutigungen sowie Verhaltensstörungen auftreten können. Laut Frith läuft der Schriftspracherwerb in drei Stufen ab, der mit dem Lernen von Wörtern ganzheitlich beginnt. Daraufhin folgt die Lautschrift sowie das Schreiben und Lesen der Wörter nach Klang, gefolgt vom orthographischem Schriftsystem, das beim weiterführenden Lesen und Schreiben hilft. Demnach sind die Legastheniker für Frith auf der ersten Stufe stehen geblieben, woraus sich wieder drei verschiedene Legasthenikertypen ableiten lassen, die auch „Wortbild-Jäger“, „Kontext-Spekulanten“ und „Buchstaben-Sammler“ genannt werden. Die erste Gruppe besteht aus den wenigen Kindern, die das Prinzip der Buchstaben gar nicht verstanden haben, weshalb sie Texte, Wörter und Wortbilder auswendig lernen. Die zweite Gruppe der Legastheniker benutzt die Buchstaben als Hilfe zum Wiedererkennen von Wortbildern, die sie dann in einem relativ großen Umfang speichern können, da sie eigentlich die Buchstabenschrift verstanden haben. So werden neue Wörter nur nach einigen Buchstaben erschlossen bzw. erraten und nicht als Ganzes vollständig erfasst. Die dritte Gruppe dagegen liest die Wörter fast alle synthetisch und speichert sie nicht nach der Sinneszuordnung und den umgangssprachlichen Wortklang, obwohl es zum Erlernen von komplexeren Schreib- Sprechmustern notwendig wäre. Reines Üben würde den Legasthenikern nicht helfen, da sie unter dem stehenden Druck nur ihre falsche angelernte Strategie verfestigen würden. Der medizinische Ansatz der Legasthenieforschung besagt, dass Legasthenie eine Behinderung sei, denn wenn ein Mensch die gesellschaftlich notwendige Schriftsprache nicht beherrscht, kann durch den ungünstigen Umwelteinfluss eine kriminelle Entwicklung folgen. So stellte A. Warnke z.B. fest, dass manche Kinder wegen feinmotorischen Störungen so viel Konzentration für den Schreibprozess brauchen, dass ihnen die Kraft fehlt das Wissen über Rechtschreibung abzurufen. Ende 1980 ließ man Taten sprechen, weshalb sich ein Fachverband für integrative Lerntherapie gründete, der mit Hilfe von Legasthenikertherapeuten Qualitätskriterien für außerschulische Therapien erarbeitete und durchsetzte. Ein Interessenverband von Eltern setzte durch, dass Legasthenie in einigen Fällen als Entwicklungsbehinderung des § 39 Bundessozialhilfegesetz anerkannt wurde, womit das Sozialamt die außerschulische Förderung eines Kindes mitfinanzieren muss.

Als Trainingsprogramm wurde z.B. versucht die Schreibfähigkeit grundlegender zu vermitteln, indem die lautliche Schreibung aufgebaut und automatisiert wurde durch das rhythmisch-synchrone Sprechschreiben. Dabei werden Wörter in Silben gegliedert und langsam ausgesprochen, damit dann synchron mitgeschrieben werden kann. Ein kombiniertes Modell entwickelten Betz und Breuninger 1982, die dem Legastheniker nicht nur eine Rechtschreibförderung und Arbeitstechniken vermittelten, sondern auch eine psychologische Stütze durch Gruppentherapie, bei der Ängste und Widerstände abgebaut werden sollten. Hinzu versuchten sie eine umfangreiche Elternarbeit zu leisten, wodurch deren Einstellung und Verhalten der Legasthenie gegenüber verändert werden sollte, was sich allerdings als sehr aufwendig herausstellte.

Insgesamt muss Legasthenie laut Christine Mann früher im Erstunterricht erkannt werden, indem eine Befreiung vom Gleichschritt im Schriftspracherwerb stattfindet und individuelle Voraussetzungen der Kinder beachtet werden, um ihnen den psychischen Druck und den verzweifelten Teufelskreis zu ersparen.

[...]


1 Neues Deutsches Wörterbuch von A-Z; 2003 im Lingen Verlag

2 Taschenbuch des Deutschunterrichts Band 1: Legasthenie von Christine Mann; Seite 306

3 Taschenbuch des Deutschunterrichts Band 1: Legasthenie von Christine Mann; Seite 307

Details

Seiten
4
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640350575
Dateigröße
423 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128898
Institution / Hochschule
Technische Universität Carolo-Wilhelmina zu Braunschweig
Note
2
Schlagworte
Aufsatz Legasthenie

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Titel: Legasthenie - zur Geschichte der Forschung und neue Ansätze