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Theoretische Erklärungsansätze rechtsextremistischen Handelns

Vergleich Heitmeyers Theorie mit denen von Honneth, Simmel, Freud, Marx und Rational Choice

Essay 2007 18 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Hauptteil
2.1 Begriffsdefinition
2.1.1 Desintegration
2.1.2 Rechtsextremismus
2.2 Theoretische Erklärungsansätze
2.2.1 Grundlage: Integration
2.2.2 Prozesse zur Abnahme sozialer Integration
2.2.3 Beeinflussende Faktoren in Bezug auf anti-soziale Einstellungen und Handlungen
2.2.4 Erklärung rechtsextremistischer Handlungen und Einstellungen
2.3 Alternative Erklärungsmuster rechtsextremer Handlungen und Einstellungen
2.3.1 Die Honneth’sche Annerkennungstheorie
2.3.2 Simmels Konflikttheorie
2.3.3 Freuds Psychoanalyse
2.3.4 Die Rational Choice-Theorie
2.3.5 Marx Konflikttheorie

3 Zusammenfassung

4 Bibliographie

1 Einleitung

Die Desintegrationstheorie, als soziologisch inspirierte, obgleich transdisziplinär angelegte Theorie, stellt ein vergleichsweise zeitgemäßes Modell dar, welches in der Konflikt- und Gewaltforschung eine wichtige Rolle einnimmt. Heitmeyer, welcher als Professor für Pädagogik mit dem Schwerpunkt Sozialisation an der Universität Bielefeld lehrt, entwickelte diese Theorie zusammen mit Reimund Anhut in den 1990er Jahren. Spezifischer Erklärungsansatz dieser Theorie sind Phänomenbereiche, wie Rechtsextremismus, Gewalt sowie ethnisch-kulturelle Konflikte in Form der Abwertung und Abwehr ethnisch Anderer (vgl. Reimund & Heitmeyer, 2007: 55). Diese schreibt der Desintegrationsansatz den unzureichenden Integrationsleistungen einer modernen Gesellschaft zu. Zudem liefert er vor allem in Bezug auf die Ursachen rechtsextremistischer Handlungen und Einstellungen wichtige Deutungsmuster, weshalb ich im ersten Abschnitt meines Essays die grundlegenden Aussagen Wilhelm Heitmeyers Desintegrationstheorie darstellen werde. Im zweiten Teil geht es mir darum, inwiefern andere sozialwissenschaftliche Konflikttheorien, wie die von Karl Marx, Sigmund Freud (Psychoanalyse), Georg Simmel, Axel Honneth (Anerkennungstheorie) sowie die Rational-Choice Theorie, einen alternativen Erklärungsansatz in Bezug auf diese Thematik liefern.

2 Hauptteil

2.1 Begriffsdefinition

2.1.1 Desintegration

Reimund Anhut definiert in seinen Ausführungen zur Konflikttheorie der Desintegrationstheorie den Begriff „Desintegration“ als „die nicht eingelösten Leistungen von gesellschaftlichen Institutionen und Gemeinschaften, in der Gesellschaft existentielle Grundlagen, soziale Anerkennung und persönliche Unversehrtheit zu sichern.“ (Anhut, 2002: 381). Dies führt unweigerlich zu der Auflösung des sozialen Zusammenhalts innerhalb einer Gruppe. Mit Desintegration gehen kollektive wie auch individuelle Wahrnehmungen oder Verhaltensweisen einher, die Ohnmacht bzw. Machtlosigkeit ebenso einschließen wie Indifferenz. Alle diese Erscheinungsformen von Anomia können aufgrund ihrer verunsichernden Substanz auch zur Auslösung von Konflikt- und Gewaltpotentialen führen (vgl. Heitmeyer, 1997: 634).

2.1.2 Rechtsextremismus

„Rechtsextremismus“ ist eine Sammelbezeichnung für antidemokratische Strömungen. Diese lehnen das Prinzip der menschlichen Fundamentalgleichheit ab und richten sich nationalistisch oder fremdenfeindlich aus (vgl. Gesellschaft für Online-Information, 2007). Rechtsextremismus als Partei- und Bewegungsangebot sowie rechtsextreme Gewalt stellen nicht nur eine wachsende Bedrohung ideologisch markierter Bevölkerungsgruppen dar, sondern „vergiften“ zusätzlich die demokratische Atmosphäre in liberalen Gesellschaften und lassen sich mit dem Prinzip des demokratischen Verfassungsstaates nicht vereinbaren. Zum soziologischen Rechtsextremismus-Konzept gehören zwei zentrale Aspekte: Es sind Ideologien der Ungleichwertigkeit (z. B. nationalistische Überhöhung, totalitäre Normverständnisse und rassistische Abwertungen), die mit verschiedenen Stufen der Gewaltakzeptanz einhergehen. Die Ideologie der Ungleichwertigkeit richtet sich auf ein breites Syndrom von gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit, die sich nicht nur gegen ethnisch-kulturell oder religiöse Fremde wendet, sondern auch gegen „Gleiche“, die aus der Sicht rechtsextremistischer Ideologie der Ungleichwertigkeit als „normabweichend“ definiert werden (z. B. Behinderte) (vgl. Heitmeyer 2002: 501 ff.).

2.2 Theoretische Erklärungsansätze

In Bezug auf Erklärungen von rechtsextremistischen Handlungen gibt es bisher keine signifikante Theorie. Allerdings bestehen zahlreiche Ansätze, die auf unterschiedliche Ausprägungsformen der Entstehung und Entwicklung rechtsextremer Gewalt ausgerichtet sind (z. B. der Sozialpsychologische und der Subkulturtheoretische Ansatz, die Bewegungstheoretische Konzepte u.v.m.). Um Bezug auf Heitmeyer zu nehmen, interessieren mich vor allem die Sozialisationstheoretischen Ansätze. Diese erklären insbesondere frühzeitig erworbene Dispositionen (vgl. Heitmeyer 2002: 511 ff.). Hierbei ist anzunehmen, dass der spätere Zugang eines Menschen zu rechtsextremistischen Organisationen und/ oder Ideologien in Verbindung steht mit den vorausgegangenen defizitären Integrationsleistungen der Gesellschaft. Auf die genauen Ursachenstrukturen für Desintegration möchte ich in den folgenden Unterpunkten eingehen.

2.2.1 Grundlage: Integration

Eine gesellschaftliche Integration erfüllt sich durch die Lösung von drei Problemstellungen:

Zum einen müssen auf der sozialstrukturellen Ebene genügend Zugänge zu den materiellen und kulturellen Gütern einer Gesellschaft ermöglicht werden. Zum zweiten muss auf der institutionellen Ebene ein Ausgleich verschiedener Interessen sichergestellt werden, ohne jedoch die Integrität von Personen zu verletzen. Zum dritten muss auf der personalen Ebene die individuelle und kollektive Identität entwickelt und der soziale Rückhalt hergestellt werden.

Die Lösung der drei Problemstellungen kann laut Desintegrationstheorie durch die individuell-funktionale, die kommunikativ-interaktive sowie durch die kulturell-expressive Sozialintegration erfolgen. Eine erfolgreiche Bewältigung der Problemstellung führt dann zu der Bereitstellung von moralischer und/ oder emotionaler sowie positionaler Anerkennung und einer Selbstdefinition als zugehörig zur entsprechenden sozialen Gemeinschaft. So ist auch eine freiwillige Normakzeptanz erwartbar, während bei scheiternder Integration die Auswirkungen des eigenen Handelns auf andere Personen nicht weiter berücksichtigt werden. Dies begünstigt eine Entwicklung anti-sozialer Einstellungen und birgt die Gefahr einer Gewalttoleranz mit sich (vgl. Anhut 2002: 382 ff.).

2.2.2 Prozesse zur Abnahme sozialer Integration

Hinsichtlich der Ebenen lassen sich Prozesse abzeichnen, die aus der Sicht der Desintegrationstheorie zu einer Abnahme sozialer Integration führen können:

Neue soziale Polarisierungen führen auf der sozialstrukturellen Ebene zu einer Verschärfung der Zugangschancen und erzielbaren Gratifikationen im Hinblick auf die individuell-funktionale Systemintegration. Es wird das Menschenbild eines autonomen, kompetenten und erfolgreichen Individuums propagiert. Dies erhöht den Druck auf jeden Einzelnen, sich als erfolgreich darstellen zu müssen, um in der Gesellschaft als „Jemand“ akzeptiert zu werden. Die Personen, denen dies nicht gelingt, gelten als Verlierer. Ihre Enttäuschung führt zu Gefühlen, die Ohnmacht, Resignation und Wut freisetzen. Wettbewerbs- und Konkurrenzdenken bestimmt die gesellschaftlichen Strukturen. Zudem fördert eine konsumorientierte Lebensweise eigennütziges Denken, das Gefühl des Sich-Durchsetzen-Müssens, soziale Distinktion und Ausgrenzung. Die Zunahme der ökonomischen Polarisierung zieht nach Heitmeyer eine Vertiefung der sozialen Spaltung nach sich und fördert zudem eine sozial-räumliche Polarisierung. Außerdem kommt es zu einer Öffnung der Schere der Einkommensentwicklung in der Gesellschaft, dass das Ungerechtigkeitsempfinden zum Wachsen bringt.

Auf der institutionellen Ebene führt ein neoliberales Klima zur Entsolidarisierung zwischen den gesellschaftlichen Gruppen. Kernnormen der sozialen Gerechtigkeit werden zunehmend untergraben.

Abschließend führen auf der sozio-emotionalen Ebene ambivalente Individualisierungsprozesse zu einer wachsenden Instabilität von Paarbeziehungen. Die Folgen von familiärer Desintegration können sich schädlich auf die Sozialisationsbedingungen der Kinder auswirken. Frustration und Verunsicherungen führen zu Spannungs- und Konfliktpotentialen im familiären Raum. Dadurch kommt es zu einer zeitlichen und sozialen Ressourcenreduzierung in Bezug auf Erziehungsaufgaben. Dies beeinträchtigt die Stabilität der Familienbeziehungen ebenso wie das Selbsterleben und die Anerkennungsleistung der Kinder. Kinder, die in solch’ einem familiären Umfeld aufwachsen, haben meist Verhaltensauffälligkeiten, autoaggressive und Fremdschädigungstendenzen zu verzeichnen (vgl. Anhut & Heitmeyer, 2000: 25 ff.; Anhut, 2002: 381 ff.).

Ein wichtiger Aspekt in Bezug auf Anfälligkeit für anti-soziale Einstellungen ist die relative Deprivation. Darunter versteht M. Heitmeyer den subjektiv empfundenen Grad von Benachteiligung – gemessen an den individuellen Erwartungen. Aus dieser relativen Deprivation ergibt sich das Basismaterial für Vorurteile und Feinbilder und somit auch ein mögliches Ausbruchspotential für ethnisch-kulturelle Konflikte (vgl. Anhut & Heitmeyer, 2000: 34).

Inwiefern ein Individuum allerdings auf soziale Desintegration reagiert, ist immer abhängig von dem Zusammentreffen der biographischen Muster, der Einbindung in spezielle soziale Milieus, der sozialen Positionierung etc. Es stellt sich zudem die Frage inwieweit makrostrukturelle Entwicklungen, mikrostrukturelle Dispositionen zusammenwirken und durch subkulturelle Muster der Mesoebene relativiert werden. Laut Desintegrationsansatz geht man von einem Ineinandergreifen aller Prozesse aus (vgl. Anhut 2002: 382 ff.).

2.2.3 Beeinflussende Faktoren in Bezug auf anti-soziale Einstellungen und Handlungen

Erst einmal ist wichtig zu verstehen, dass nicht jede Desintegrationserfahrung zwangsläufig eine anti-soziale Einstellung oder Handlung nach sich zieht. Diesen Aspekt verdeutlicht auch folgendes Zitat:

„Bei Jugendlichen führt ein autoritäres Elternhaus, eine kleinstädtisch-konservative Umwelt, Jugendarbeitslosigkeit, geringes Bildungsniveau und Systempessimismus nicht notwendigerweise zum Rechtsextremismus. Auslöser ist fast immer das Zusammentreffen objektiver sozialer und ökonomischer Schwierigkeiten mit persönlichkeitspsychologischen Defekten und greifbaren rechtsextremen Lösungsangeboten.“ (Heitmeyer 1995: 41).

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Details

Seiten
18
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640348602
ISBN (Buch)
9783656095514
Dateigröße
615 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128764
Institution / Hochschule
Philipps-Universität Marburg – Gesellschaftswissenschaften und Philosophie
Note
2+
Schlagworte
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Titel: Theoretische Erklärungsansätze rechtsextremistischen Handelns