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Schule im Dritten Reich

Das Lesebuch als Medium nationalsozialistischer Propaganda

Hausarbeit 2009 26 Seiten

Geschichte Europa - Deutschland - Nationalsozialismus, II. Weltkrieg

Leseprobe

Inhalt

Einleitung

1. Die Neuordnung des Bildungswesens nach 1933

2. Hitlers Bildungsverständnis

3. Das Lesebuch als Medium der Beeinflussung
Die äußere Struktur des Lesebuchs
Die innere Struktur des Lesebuchs
Das Vorwort
Das Inhaltsverzeichnis
Die Themen und Inhalte

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

6. Quellenverzeichnis

Einleitung

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen des Nationalsozialismus und sei-nem Wirken in den Lebenswelten von Jugendlichen, insbesondere in der Schule. Der Schwer-punkt dieser Arbeit liegt auf der Untersuchung der propagandistischen Beiträge in Volksschul-lesebüchern, die exemplarisch an dem Deutschem Lesebuch für Volksschulen für das 5. und 6. Schuljahr von 1937 vorgenommen werden soll. Die Arbeit setzt Kenntnisse der groben Zü-ge, Strukturen und Wirkungsweisen der nationalsozialistischen Weltanschauung und deren Vertreter voraus.

Für ein besseres Verständnis des Gegenstandes werden im ersten Kapitel die im Dritten Reich herrschenden Rahmenbedingungen im Bildungswesen erläutert und deren Veränderung nach 1933. Im zweiten Kapitel sollen die Erziehungsziele Hitlers anhand verschiedener Quellen-zeugnisse betrachtet werden, da diese richtungsweisend für den Aufbau der Lesebücher des Dritten Reichs sind.

Im dritten Kapitel wird eine exemplarische Untersuchung an dem Deutschen Lesebuch für Volksschulen für das 5. und 6. Schuljahr von 1937 vorgenommen, die zeigen soll, ob und wie die nationalsozialistische Weltanschauung in den Lesebüchern vermittelt wurde. Dabei soll sowohl die äußere Struktur des Lesebuches, als auch die innere Struktur, mit besonderer Be-rücksichtigung des Vorworts und Inhaltsverzeichnisses, Betrachtung finden. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt auf der Herausarbeitung bestimmter inhaltlicher Themenkomplexe mit pro-pagandistischen Inhalten und ihrer konkreten Umsetzung in Lesetexten, die anhand zahlrei-cher Zitate belegt wird.

1. Die Neuordnung des Bildungswesens nach 1933

Der durchschlagende Erfolg einer weltanschaulichen Revolution wird immer dann erfochten werden, wenn die neue Weltanschauung möglichst allen Menschen gelehrt und, wenn notwen-dig, später aufgezwungen wird [...]1

In diesem Sinne sollte Hitlers Gleichschaltungs-, Indoktrinations- und Propagandapolitik nicht nur die Lebenswelt der Erwachsenen umfassen, sondern auch die der Kinder und Ju-gendlichen, die in Freizeit und Schule mit der nationalsozialistischen Ideologie im Rahmen der „Volkserziehung“2 beeinflusst werden sollten. Hitler erklärte in einer Rede vor der SA, der Nationalsozialismus werde nicht geboren, sondern erzogen.3 Dies macht deutlich, dass die nationalsozialistische Erziehung im dritten Reich darauf abzielte, junge Menschen in ihrer Grundhaltung fir die nationalsozialistische Weltanschauung zu gewinnen, um auch die zu-kinftigen Generationen zu erreichen und damit eine gesamte Umwälzung des Gedankengutes und aller Lebensverhältnisse (soziale Revolution4) zu erzielen.

Den Grundstein fir die Indoktrination der nationalsozialistischen Ideologie in der Schule leg-te die Einrichtung des „Reichsministerium fir Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ (REM), das am 1. Mai 1934 mit Bernhard Rust als „Minister fir Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung“ begrindet wurde. Diesem Reichsministerium unterstand nun u.A. das gesamte Erziehungs-, Bildungs- und Schulwesen des Reiches, das vorher den Länderregierungen unterstand.5 Auch das Referat Wissenschaft, das bis dahin dem „Preußischen Ministerium fir Wissenschaft, Kunst und Volksbildung“ unterstand, wurde auf das REM ibertragen.6

Die Organisation war in 7 Ämter eingeteilt7, wobei Schulangelegenheiten das Amt fir Erzie-hung (Amt III) betrafen, das verschiedene Unterabteilungen umfasste: eine Allgemeine Abtei-lung, eine Abteilung fir Volks- und Mittelschulen, eine Abteilung fir höheres Schulwesen, eine Abteilung fir berufliches Schulwesen, eine Abteilung fir landwirtschaftliches Ausbil-dungswesen, eine Abteilung fir das philologische Landesprifungsamt und eine Abteilung fir die Ausbildung der Studienrefrendare.8 Mit dem Amt fir Erziehung (Amt III) ibernahm der Nationalsozialismus also auch die Macht in der Schule, die er auf sechs schulpolitischen Ent-scheidungsfeldern durch folgende Handlungen ausibten sollte:9

- Vereinheitlichung des Schulsystems, Reduktion der Typen- und Formelvielfalt, Gründung neuer politischer Schulen
- Veränderung in der Lehrerbildung
- Verabschiedung neuer Lehrpläne und Richtlinien
- Einführung des Staatsjugendtages und Veränderung der Stundenpläne
- Einschränkung der Pluralität der Bildungsmächte
- Etablierung des Rassismus und Antisemitismus in der Schule1

In der vorliegenden Arbeit soll die Veränderung der Lehrpläne und die damit einhergehende Gestaltung der Lehrbücher, insbesondere die des Lesebuchs, näher untersucht werden.

Die Lehrpläne und Richtlinien wurden in zwei Schritten verändert:

In den Jahren 1933 bis 1937 wurden lediglich einzelne Erlasse und Anweisungen zur Neuge-staltung der Lehrpläne verabschiedet. Der entscheidende Wandel trat erst in den Jahren 1938 bis 1942 ein, in denen die offiziellen Richtlinien des Reichserziehungsministeriums für alle Schulformen erschienen.2 Diese Richtlinien betrafen insbesondere die historischen Fächer, die naturwissenschaftlichen Fächer und den Muttersprachenunterricht und damit auch das Lesebuch.3

Die historischen Fächer (politische und nationalsozialistische Geschichte, Kunst- und Musik-geschichte, Erdkunde und Geopolitik) sollten den Rassenhochmut und die Aversion gegen rassische Minderheit fördern4 und dazu dienen, ein vaterländisch-völkisches Geschichtsbe-wusstsein5 zu vermitteln. Die naturwissenschaftlichen Fächer wurden um das Fach Rassen-kunde erweitert, das zugleich als Unterrichtsprinzip in alle Fächer des deutschkundlichen Be-reichs (Erdkunde, Geschichte und Deutsch) mit einfließen sollte.6

Dem Fach Deutsch wurde nicht nur das biologische Thema der Rassenkunde zugewiesen, sondern es hatte vor allem die vom Nationalsozialismus hoch geschätzte Blut-und-Boden-Li-teratur im Sinne der nationalsozialistischen Ideologie zu vermitteln und die nordisch-arische Abstammung eines Deutschen zu betonen.7 Jegliche Art „psychologisierende[r] und ästheti-sierende[r] Literatur“8 sollte zugunsten politischer und historischer ideologisch-einseitig be-trachteten Themen gemieden werden. Dies spiegelt sich deutlich in der Textauswahl der Le-sebücher wider, die später Gegenstand einer näheren Untersuchung sein sollen.

2. Hitlers Bildungsverständnis

„Alle Erziehungsträger der Jugend, Elternhaus, HJ und Schule, haben ein Ziel: die Formung des nationalsozialistischen Menschen“

Hitlers Verständnis von Bildung und Erziehung ist richtungsweisend für das Verständnis der Struktur des1 Schulwesens und nicht zuletzt für das Verständnis des Aufbaus und der Auswahl von Lesebüchern und ihren Inhalten. Die Ziele von Hitlers Erziehung lassen sich vor allem durch seine Äußerungen in „Mein Kampf“ und durch zahlreiche Reden rekonstruieren und sollen hier nur knapp dargestellt werden. Beachtenswert ist in diesem Zusammenhang vor al-lem, dass Hitler seine Vorstellung von Bildung recht erfolgreich (im Sinne der Durchsetzung) in deutschen Schulen zur Anwendung brachte, es dafür allerdings keine theoretische Unter-mauerung gab,2 die mehr als reine Ideologie war. In Folgendem werden Hitlers Ziele deutlich:

„Der völkische Staat hat [...] seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geis-tigen Fähigkeiten. Hier aber wieder an der Spitze die Entwicklung des Charakters, besonders die Förderung der Willens- und Entschlußkraft, verbunden mit der Er-ziehung zur Verantwortungsfreudigkeit, und erst als Letztes die wissenschaftliche Schulung.“3

Mit dieser Zielformulierung bricht Hitler mit den seit der Antike tradierten Bildungswerten und ordnet den geistigen Fähigkeiten die körperliche Fitness, die „Entwicklung des Charak-ters“ und die „Förderung der Willens- und Entschlußkraft“ im Sinne der Ideologiekonformität unter.4 Hitler lastet der Erziehung der vergangenen Jahrzehnte an, sie habe sich auf oberfläch-liche Wissensvermittlung, statt auf die Bildung der praktischen Fähigkeiten und die Entwick-lung des Charakters konzentriert, was letztendlich zum Verfall Deutschlands geführt habe.5

Seine Ansichten über die Stellung körperlicher Fitness spiegeln sich auch in der Überbeto-nung des Sportunterrichts wider, der bis zu fünf Stunden in der Woche umfasste und damit ein Sechstel bis ein Siebtel der Gesamtstundenzahl vereinnahmte.6 Das Ziel des „Heranzüchtens kerngesunder Körper“ macht deutlich, dass Hitler eine Erziehung, die an der Individualität des Schülers orientiert ist, ablehnte und die zu Erziehenden als beliebig formbarer Rohstoff7, als Körper seiner politischen Ziele betrachtete. Leibesübungen sollten eine Vorstufe der poli-tisch-militärischen Ausbildung sein und die Schüler zu Menschen formen, die körperlich und geistig in der Lage waren, in jeder Lebenslage „hart wie Kruppstahl“ zu sein1. Hitler betont:

„In unseren Augen, da muss der deutsche Junge der Zukunft schlank und rank sein, flink wie Windhunde, zäh wie Leder und hart wie Kruppstahl. Wir müssen einen neuen Menschen erziehen, auf dass unser Volk nicht an den Degeneration-serscheinungen der Zeit zugrunde geht.2

Die körperliche Ertüchtigung sollte auch die Ausbildung des Charakters mit den Tugenden Treue, Verschwiegenheit, Opferbereitschaft und einem Einheitsbewusstsein bewirken. Diese Art der Erziehung erschien Hitler als ausschlaggebend für den Fortbestand seines Systems, da so ein Mensch herangezüchtet werden sollte, der sich und seine Individualität willig und op-ferbereit als uniformierter Einheitsmensch in den Dienst von Volk, Rasse, Staat und Partei stelle.3 Im Unterricht Hitlers sollte der Schüler also zu jeder Zeit politisch beeinflusst und auf sein Leben in der „Volksgemeinschaft“ vorbereitet werden. Besonders betont werden sollte auch die Überlegenheit der arischen Rasse:

„Seine [des „Volksgenossen“] gesamte Erziehung muss darauf angelegt werden, ihm die Überzeugung zu geben, anderen unbedingt überlegen zu sein.“4

„Der tätige Mensch ist das Ziel der gesamten Arbeit. Ihn zu schaffen, der sich sei­nes deutschen Wesens immer bewusst ist und dementsprechend handelt, ist Auf-gabe des neuen Deutsch- Unterrichts“.5

Wie durchdacht Hitlers Erziehungsapparat mit dem Ziel einer Gesamterfassung des Volkes und vor allem der Jugend war, macht Folgendes deutlich.

“Dann kommt eine neue deutsche Jugend, und die dressieren wir schon von ganz klein an für diesen neuen Staat. Diese Jugend, die lernt ja nichts anderes als deutsch denken, deutsch handeln. Und wenn diese Knaben und Mädchen mit ih-ren zehn Jahren in unsere Organisationen hineinkommen [...] dann kommen sie vier Jahre später vom Jungvolk in die Hitlerjugend, und dort behalten wir sie wie-der vier Jahre, und dann geben wir sie erst recht nicht zurück in die Hände unserer alten Klassen- und Standes-Erzeuger, sondern [...] sie werden nicht mehr frei ihr ganzes Leben.”6

3. Das Lesebuch als Medium der Beeinflussung

Wie alle Kultur der Gegenwart notwendig politische Kultur sein muss, so wird alle Erzie- hung und Bildung politisch ausgerichtet sein1

Diese politische Ausrichtung des gesamten Erziehungsapparats wurde auch in Schulbüchern jeglicher Art umgesetzt, die nun in ihren Inhalten und Ausprägungen den nationalsozialisti-schen Grundsätzen angepasst wurden. Hier soll die Betrachtung der Lesebücher, die in dem Fach „Deutschkunde“2 ihre Anwendung fanden, im Mittelpunkt der Untersuchung stehen. Lesebücher im engeren Sinne sind Schulbücher, die eine Auswahl von Lesestücken bieten, die auf die Interessensgebiete ihrer Rezipienten abgestimmt sind3 und einen gewissen schulischen Kanon repräsentieren. In der Gegenwart soll mit der Arbeit mit Lesebüchern das literarische Lernen, die Lesekompetenz und die Lesemotivation gefördert werden. Die Untersuchung an dem Deutschen Lesebuch für Volksschulen4 für das 5. und 6. Schuljahr von 1937 soll zeigen, wie das Lesebuch von seinen ursprünglichen Aufgaben abweichend als Medium der Propa­ganda genutzt wurde.

Die äußere Struktur des Lesebuchs

Das untersuchte Lesebuch „Deutsches Lesebuch für Volksschulen. 5. und 6. Schuljahr“ trägt im Gegensatz zu propagandistischen Titulierungen anderer Lesebücher wie „Dein Volk ist al-les“, „Der Mensch der germanisch-deutschen Frühzeit“, „Lebensgut“, „Erbe und Auftrag“, „Von deutscher Art“, „Ewiges Deutschland“, „Ewiges Volk“ „Ihr sollt brennen“5 einen recht neutralen Titel, der noch nicht auf Inhalte mit propagandistischer Funktion hinweist. Auch die Einbandgestaltung des Lesebuchs ist relativ neutral gehalten und besteht aus olivgrünem Halbleinen mit dunkelgrüner Schrift. Oft wurde das Layout der Lesebücher propagandistisch in den Farben der nationalsozialistischen Fahnen und Plakate in Schwarz, Weiß, Braun und Rot gehalten6, die von den Schülern als nationalsozialistische Farben“ wiedererkannt wurden und so Leitbilder boten.7

[...]


1 Adolf Hitler: Mein Kampf. Minchen 1938, S. 654.

2 Jirgen Heinssen: Das Lesebuch als politisches Fihrungsmittel. Minden 1964, S. 14.

3 Adolf Hitler: Rede vor der SA am 30.1.1936 in Berlin. Zitiert nach Heinssen 1964, S. 14.

4 Heinßen, S.14.

5 Kurt-Ingo Flessau: Schule der Diktatur: Lehrpläne und Schulbicher des Nationalsozialismus. 1. Aufl. Minchen 1977, S. 15.

6 Cornelia A. Endler: Es war einmal... im Dritten Reich. Die Märchenfilmproduktion fir den nationalsozialistischen Unter-richt. Frankfurt a.M. 2006, S. 74.

7 Endler, S. 76.

8 Endler, S. 78.

9 Flessau, S.14.

1 Flessau, S.14.

2 Flessau, S.19.

3 Flessau, S.19.

4 Flessau, S.19.

5 Flessau, S.19.

6 Flessau, S.19.

7 Flessau, S.20.

8 Verordnungblatt des sächsischen Volksbildungsministeriums (Dresden) 1933, S.65. Zitiert nach Flessau, S.20.

1 Deutsche Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung. 8. Jahrgang 1942, S. 128/29, Erlass 182, Bestimmung über Erziehung und Unterricht in der Hauptschule. RdErl. d. RMfWEV vom 9.3.42 - E II d 289/41. Zitiert nach Heinssen, S.22.

2 Flessau, S. 22.

3 Hitler, S. 452.

4 Flessau, S. 24.

5 Flessau, S. 22.

6 Flessau, S. 20.

7 Flessau, S. 26.

1 Heinssen, S.19.

2 Adolf Hitler am 14. September 1935 vor der Hitler-Jugend auf dem Reichsparteitag 1935 in Nürnberg. Zitiert nach Heinssen, S. 19.

3 Heinssen, S.20.

4 Hitler, S. 456.

5 Alfred Hunhäuser im Vorwort zu: Deutsche Volkserziehung, Frankfurt a.M. 1939, Heft 4, S. V. Zitiert nach Heinssen, S. 29.

6 Adolf Hitler am 2.12.1938 bei einer Rede in Reichenberg. Zitiert nach Flessau, S.26.

1 Friedrich Alfred Beck: Geistige Grundlagen der neuen Erziehung, dargestellt an der nationalsozialistischen Idee. Oster-wieck 1933, S. 16. Zitiert nach Heinssen, S. 21.

2 Heinssen, S. 40.

3 Heinssen, S. 41.

4 Deutsches Lesebuch für Volksschulen. 5. und 6. Schuljahr. Leipzig. 1937.

5 Heinssen, S. 53f.

6 Heinssen, S.54.

7 Heinssen, S. 62.

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