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Bewegung im Unterricht - Bekannt und doch verbannt

Erstellung eines Realisationskonzeptes für den schulischen Alltag

Examensarbeit 2008 40 Seiten

Pädagogik - Schulpädagogik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die „Bewegte Schule“
2.1 Genese und Begriffsklärung
2.2 Ziele

3. Das Konzept
3.1 Einführung am Gymnasium
3.1.1 Möglichkeiten der „Bewegten Schule“ am Gymnasium
3.1.2 Probleme und Rahmenbedingungen
3.1.3 Funktion als Multiplikator
3.1.4 Methoden der Evaluation
3.1.5 Über die Praxismappe
3.1.6 Über die Materialkiste
3.2 Methoden und Inhalte die „bewegen“
3.2.1 Bewegungsanlässe
3.2.1.1 Das dynamische Sitzen
3.2.2 Themenbezogenes Bewegen im Unterricht
3.2.3 Bewegungspausen
3.2.4 Entspannungs- und Stilleübungen
3.3 Durchführung in eigener BdU-Klasse
3.3.1 Angaben zur Lerngruppe
3.3.2 Zielsetzungen
3.3.3 Didaktische Schwerpunktsetzung
3.3.4 Einleitende Stunde
3.3.5 Die Durchführung
3.3.5.1 Beispiele aus der Praxis
3.4 Die Zwischenbilanz
3.4.1 In der eigenen Klasse
3.4.2 Im Hinblick auf die Integration im Unterricht von Kollegen

4. Reflexion und Ausblick
4.1 Etablierung einer nachhaltigen Kultur der Bewegung am Gymnasium
4.2 Überprüfung der Alltagstauglichkeit und Effektivität von Bewegungsübungen

5. Fazit und Ausblick

6. Literatur

1. Einleitung

„Damit es nicht erst kommt zum Knackse,
erfand der Mensch die Prophylaxe.
Doch lieber beugt der Mensch, der Tor,
sich vor der Krankheit als ihr vor.“

(Eugen Roth1)

„Freude an der Bewegung und am gemeinsamen Sport zu entwickeln, sich gesund zu
ernähren und gesund zu leben,...“2

und etwas weiter:

„Der Unterricht soll die Lernfreude der Schülerinnen und Schüler erhalten und weiter
fördern. Er soll die Schülerinnen und Schüler anregen und befähigen, Strategien und
Methoden für ein lebenslanges nachhaltiges Lernen zu entwickeln.“3

Das Schulgesetz des Landes Nordrhein-Westfalen (erster Abschnitt, allgemeine Grundlagen) und Eugen Roth sind sich einig. Bewegung ist - oder macht - gesund!

Bewegung war am Gymnasium4 bereits einmal Thema einer Lehrerkonferenz. Dieser Fokussierung folgte allerdings keine erkennbare Umsetzung im Unterricht der Kollegen5. Diese Erfahrungen im Schulalltag und Impulsreferate im Studienseminar bildeten den Auslöser für das in dieser Arbeit vorgestellte Konzept zur Integration von Bewegungs- und Entspannungsübungen im Unterricht.

Der Schulalltag stellt Lehrerinnen und Lehrer stets vor neue, herausfordernde Aufgaben. Insgesamt scheint die Komplexität des schulischen Alltags zuzunehmen6. Dabei geht es vielfach gar nicht so sehr um das fachliche Wissen. Lauter sind die Stimmen derer, die „nervige“ Schüler, oder „furchtbare“ Klassen beklagen7. Das Unterrichten an sich wird allenthalben als Belastung empfunden und das Vermitteln von Wissen als die Sysiphus-Arbeit des modernen Lehrers. Frei nach dem Motto: „Kaum begonnen so zerronnen.“

Referendaren wird zu Beginn der Ausbildung mit als erstes vermittelt, was einen guten Lehrer ausmacht. Da fallen Begriffe wie „Authentizität“, „Konsequenz“, „Vorbildfunktion“, „fachliche Sicherheit“, „methodisches Geschick“... Schon in den ersten Hospitationsstunden an den Schulen stellt man als Referendar fest, dass das schulische Bild gelegentlich eher von einer „freieren Interpretation“ dieser hehren Ziele geprägt ist. Und man muss erfahren, dass Missstände ebenso oft gar nicht an fehlender Motivation oder Innovationsbereitschaft der Lehrer, sondern an externen Zwängen8 liegen. Lehrer sind nicht mehr einfach nur Lehrer. Sie sind Erzieher, Streitschlichter, Krisenmanager, Begleiter, Kokorrektor, Animateur, Dirigent, Dompteur9, Langstreckenläufer,... und Bauarbeiter in einem. Schüler schaffen es schon kaum innerhalb einer Fünf-Minuten-Pause von einem Ende der Schule in den Fachraum am anderen Ende des Gebäudes. Wie soll das ein Lehrer schaffen, der auf dem Weg noch von drei Schülern angesprochen wird, kopieren gehen muss, was immer mit Wartezeiten verbunden ist, die Nachmeldeliste für das Pausenturnier – wenn es denn eines gibt - noch im Sekretariat abgeben muss, dabei noch den Direktor trifft, der auch noch eine Frage zum Organisations- Fortschritt der geplanten Exkursion hat und lückenlos an den Vertretungsplan-Kollegen übergibt, der auch gerne wissen würde, wie denn all die Stunden zu vertreten seien und wieso das ausgerechnet in der Klausurphase sein müsse.

Natürlich lassen sich solch fiktive Abläufe durch organisatorisches Geschick entzerren, aber was bleibt ist ein Wust an Aufgaben, die alle zu erfüllen sind. Dies bedeutet allzu oft nur Stress. Dann noch eine der „schlimmen“ Klassen im Unterricht und ein weiterer Schritt in Richtung Burn-Out10 ist getan.

Auch aufgrund eigener Erfahrungen stellte ich mir die folgenden Fragen:

Wie kann man den Alltagsstress signifikant reduzieren, ihn zum Alltag ohne Stress werden lassen?

Wie kann Unterricht (wieder) lernförderlicher gestaltet und möglicherweise sogar Spaß am Unterricht evoziert werden?

Wie kann ein Konnex hergestellt werden zwischen dem Bedürfnis der Schüler und auch der Lehrer nach Bewegung und den Forderungen, die die medial geprägte Lebenswirklichkeit, Curricula und Gesellschaft heutzutage an Schüler und Lehrer stellen?

Wie kann es gelingen, die Innovationen, die mit dem Schlagwort „Bewegte Schule“ einhergehen, so zu vereinfachen, dass ein jeder Möglichkeiten der Integration in seinem Unterricht sieht?

Hinlänglich bekannt ist, das Bewegung gesund ist und sogar das Lernen effektivieren11 kann (Ein Beispiel, Diagramm 1). Alle wissen das12, aber kaum einer setzt es in seiner unterrichtlichen Praxis um. Auf Konferenzen werden diese Themen und vermeintlich „neuen“ Ansätze diskutiert und erörtert, ins Programm aufgenommen und dann dem Verfall anheim gestellt.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Aus: Oppolzer, 2004, S. 9

Wie kommt es, dass Prinzipien, über deren positive Effekte allgemeiner Konsens13 herrscht, sich in der Praxis nicht durchsetzen?

Dieser Frage habe ich meine Aufmerksamkeit gewidmet und bin zu dem Schluss gekommen einen Versuch zu starten, um dieses Dilemma zu durchbrechen. Ziel der vorliegenden Arbeit ist es ein Konzept zu entwickeln, dass es Kollegen ermöglicht, auf einfache, weitestgehend planungsfreie Weise Bewegung in ihren Unterricht zu integrieren (Innovieren14). Es soll überprüft werden, ob es tatsächlich gelingen kann, durch dieses Konzept und entsprechende Multiplikatortätigkeit (Verstärkungstätigkeit als Initiator und Impulsgeber und Erstellung eines Methodenordners, sowie einer Materialbox für interessierte Kollegen) entgegen hartnäckiger Klischees quasi „durch die Hintertür“ Bewegung zum Thema zu machen und so Unterricht für alle Beteiligten angenehmer zu gestalten (Unterrichten). Die Meta-Idee ist ein Steinchen loszutreten (Schülergewinnung) und darüber Eltern und Kollegen für dieses Projekt zu gewinnen. Die Schüler sollen erkennen, dass Bewegung ein wichtiges Element der Persönlichkeitsentwicklung und der Entwicklung von Handlungskompetenz ist, das u.a. das Lernen unterstützen kann (Erziehen).

In der vorliegenden Arbeit werde ich zunächst die positiven Effekte von Bewegung im allgemeinen und insbesondere im Unterricht erläutern und sie fachwissenschaftlich verorten. Dieser Teil dient der Konkretisierung und Bündelung überwiegend bereits bekannten Wissens. Es soll nochmals bewusst gemacht werden, was ja eigentlich alle wissen, nämlich dass Bewegung gesund ist und das Lernen unterstützen/erleichtern kann15. In der Praxis werde ich verschiedenste Bewegungs- aber auch Entspannungspausen durchführen, bzw. durchführen lassen und ihren subjektiven Erfolg anhand von z.B. Fragebögen erfassen. Da es sich bei der angestrebten Veränderung um eine „stille Revolution“ handelt, werden kaum objektivierbare Ergebnisse vorliegen. Ich stütze mich in der Reflexion demnach auf Gespräche mit Kollegen und Schülern, die ihre subjektiven Eindrücke über Erfolg oder Misserfolg des „Bewegten Lernens“ schildern und die Auswertung der Fragebögen meiner eigenen BdU-Klasse, mit der ich Bewegungsübungen regelmäßig durchführe.

In der anschließenden Auswertung werde ich versuchen darzustellen, ob Bewegungspausen im Unterricht tatsächlich halten können, was sie versprechen und ob sie am Gy de facto im Alltag integrierbar sind.

Aufgabenstellungen:

1. Kann Unterricht durch Bewegungsangebote subjektiv verbessert werden?
2. Eignen sich die Materialien und meine Tätigkeit als Multiplikator dazu „Bewegtes Lernen“ am Gy in den Unterricht verschiedener Kollegen erfolgreich zu integrieren? Können Kollegen für das Konzept des „Bewegten Lernens“ gewonnen werden?

2. Die „Bewegte Schule“

2.1 Genese und Begriffsklärung

Bewegte Schule, Bewegungsfreundliche Schule, Bewegungsfreudige Schule, Bewegtes Lernen – es gibt verschiedene Begriffe für dasselbe Grundanliegen.

Ebenso gibt es zahlreiche Fachdisziplinen, die ihre eigenen Ansichten zur „Bewegten Schule“ haben. Aber auch sie sind sich alle über die positiven Effekte einig. Und ebenso beziehen sich alle mehr oder weniger direkt auf zu beobachtende Veränderungen, die durch den „gesellschaftlichen Wandel“ und die zunehmende „Technisierung“ unserer Umwelt hervorgerufen werden. Allein mit den Ergebnissen und Äußerungen zu diesen beunruhigenden Beobachtungen und Untersuchungen könnte man eine eigene Arbeit füllen. Da es aber nicht mein Ziel ist einen dantesken Höllenkreis aufzuzeigen, widme ich diesem Bereich nur kurz meine Aufmerksamkeit.

Es seien hierzu einige Schlagworte genannt, die die Problematik anschaulich umreißen:

„Deutschland – Land der fettleibigen Kinder ' 16
„... deutliche Gewichtszunahme und Bewegungsmangel... '17
„... 1,9 Millionen übergewichtige Kinder und Jugendliche. Darunter ca. 800.000 Adipöse. '18
„Erworbene Haltungsschäden machen 73 Prozent des Nachwuchses zu schaffen. '19
„Kinder können nicht aufrecht stehen '20

Nun mag man sich denken, dass der Termindruck der Schüler immer weiter zunimmt, was auf eine zunehmende Füllung des Nachmittags durch Freizeitaktivitäten und eben und vor allem auch durch organisierte sportliche Aktivität zurückzuführen ist. Der Vollständigkeit halber soll deswegen auch eine abweichende, wenn auch nicht die Gegenseite vertretende, Meinung genannt werden.

„..., dass nicht die Teilnahme an organisierten Sportaktivitäten das Problem ist [denn die ist sogar höher als früher]21 , sondern die dramatische Veränderung des Alltags. '22

Das Bedürfnis nach Bewegung aus Sicht der verschiedenen Fachdisziplinen23:

„- Aus anthropologischer Sicht ist der Mensch ein auf Bewegung und Erfahrung angelegtes Wesen, das des Einsatzes aller Sinne bedarf, um sich ein Bild über die Welt und sich selbst in ihr zu machen24.
- Aus entwicklungspsychologischer Sicht benötigt das Kind vielfältige Gelegenheiten zum Explorieren und Erkunden seiner dinglichen und räumlichen Umwelt über Spiel und
Bewegung.

- Aus lernpsychologischer Sicht und neurophysiologischer Sicht bilden Wahrnehmung und Bewegung die Grundlage kindlichen Lernens25.
- Aus gesundheitspädagogischer Sicht ist es unerlässlich, der Vielzahl der Bewegungsmangelerkrankungen, die viele Kinder bereits bei der Einschulung aufweisen, entgegenzuwirken.
- Aus sozialökologischer Sicht sind Bewegungsangebote notwendig, um die durch den gesellschaftlichen Wandel bedingten Defizite der heutigen Lebenssituation auszugleichen.
- Aus der Sicht der Unfallprävention und Sicherheitserziehung ist es unabdingbar, die motorischen Fähigkeiten der Kinder zu trainieren, um Unfällen vorzubeugen. '26

Johann Heinrich Pestalozzi (1746 – 1827) ist einer derjenigen27, dessen Ideen öfter in Verbindung mit „bewegtem Lernen“ erwähnt werden. Sein Anliegen, das Lernen mit „Kopf, Herz und Hand“28 zu ermöglichen, entspricht dem neueren Begriff des „ganzheitlichen Ansatzes“.

Die Ideen, die sich hinter der „Bewegten Schule“ verbergen, sind keinesfalls neu. Rüdiger Klupsch-Sahlmann fomuliert diesen Sachverhalt folgendermaßen: „..., daß mein Ansatz von der Bewegten Schule nichts Neues ist. Ich erinnere nur an etwas, was als pädagogische Idee schon ganz alt ist. '29

Es sind nicht die Curriculumwerkstätten, die „Bewegte Schule“ entwickelten und dann in der Schule implementierten, sondern sie entstand an der Basis durch Erfahrungen im Alltag ohne Anwendung theoretischer Vorgaben.

Zu Beginn der 90er Jahre tauchten wieder Publikationen zu diesem Thema auf3031. Einer der ersten, der sich mit dieser Thematik beschäftigte, war der Schweizer Sportpädagoge Urs Illi32. Er prägte auch den Begriff „Bewegte Schule“. Sein Konzept der „Bewegten Schule“ enthält im Wesentlichen all die Ideen, auf die später noch eingegangen werden wird. Durch Erfahrungen und dem Dialog mit Anderen entwickelte sich schließlich das Unterrichtsprinzip der Bewegung.

Inzwischen haben sich viele Autoren mit dem Prinzip der „Bewegten Schule“ beschäftigt und eigene Bücher dazu veröffentlicht. Die Grundidee bleibt aber die gleiche. Die Ideen der verschiedenen Autoren sind gekennzeichnet durch veränderte Begriffsdefinitionen, neue alte Ideen und differenzierende Zusammenstellungen der Einzelaspekte, die das Prinzip der „Bewegten Schule“ ausmachen.

Da es in der vorliegenden Arbeit nicht darum gehen soll, die unterschiedlichen Ansichten auf einen Nenner zu bringen, werden im jeweiligen Kontext Begriffe unterschiedlicher Autoren verwendet. Da sich aber alle im Kern einig sind („Da wir alle das gleiche Anliegen haben, ist dies legitim.“ Rüdiger Klupsch-Sahlmann dazu, warum er den von Urs Illi geprägten Begriff der „Bewegten Schule“ in seinen Publikationen verwende33), sollen die verschiedenen Begriffen nicht verwirren, sondern als eine Art Zusammenstellung gleicher Ansichten verstanden werden, die unter dem Begriff der „Bewegten Schule“ subsummiert werden.

Schon im letzten Drittel des 18. Jahrhunderts integrierten philanthropische Reformer34 Bewegung in den Unterricht, um drohende Gefahren durch die herkömmliche Schulerziehung zu unterbinden. Sie stellten sich damit gegen die aktuelle Schulerziehung, die geprägt war von permanentem Sitzzwang, einer Dominanz der geistigen Bildung und der Vernachlässigung der körperlichen Erziehung. Die sogenannten „philanthropischen Erziehungsschulen“ sollten auf das künftige Leben vorbereiten und dies eben in einer Einheit von Körper und Geist. Sie erkannten den lebenspropädeutischen Nutzen in Leibesübungen und setzten diese konsequent im Alltag ein35.

Ein weiterer Einschnitt kam durch die sogenannten Herbartianischen Übungsschulen in der Mitte des 19. Jahrhunderts. Hier sind Stoy und Rein diejenigen, die das Erziehungsmodell Herbarts interpretierten und unterrichtspraktisch weiterentwickelten. Sie erweiterten die bisherigen Ideen zusätzlich um den Aspekt der Bedeutung des Schullebens als wichtigem Erziehungselement. Im damaligen Lehrplan waren nur zwei wöchentliche Turnstunden verankert. Jedoch konnten Schüler „vor und nach dem Unterricht (...) die Turngeräte und den Spielplatz [zu] benutzen“ (Soldt, 1935, S. 167)36. Hier zeigten sich bereits Tendenzen den Tagesablauf dahingehend zu rhythmisieren, dass Bewegung ihren festen Platz bekam. Rein entwickelte hieraus seine „Lehre vom Schulleben“. Er stellte damit die Organisation des Schullebens mit dem Konzept des „erziehenden Unterrichts“ auf eine Stufe und distanzierte sich damit eindeutig von der Position Herbarts, der dem Unterricht eine deutliche Priorität einräumte. „der Gestaltung des Schullebens [sei] dieselbe Sorgfalt zu widmen, wie dem Ausbau des Unterrichts [, weil] die erzieherische Kraft (...) im Tun der Erzieher, in ihrem Beispiel, in ihrer Hingabe an die Jugend [liegt], die weit mehr in den vielfachen Veranstaltungen der Zucht als in denen des Unterrichts in Wirksamkeit tritt“ (Rein, 1912, S. 33637). Auch setzten sie sich erstmals für die tägliche „Turnstunde“ ein, ein Konzept, das heute auch wieder vielerorts gefordert, teils auch durchgeführt wird. Schon damals sah man sich anscheinend ähnlichen Problemen gegenübergestellt wie heute. Eine tägliche Turnzeit wurde als wünschenswert, aber kaum durchsetzbar angesehen und so empfahlen Rein, Pickel und Scheller später (um 1910) in einer Schrift mit Überlegungen zur „Anwendung des Turnens im Schulleben“ (1910, S. 201 – 203) „die Schulpausen zwischen den Stunden zu Freiübungen zu benutzen oder auch während der Unterrichtsstunden in den Klassen einige Körperbewegungen machen zu lassen“ (Rein, Pickel & Scheller, 1910, S. 20138).

Im beginnenden 20. Jahrhundert gründete Lietz drei Internate für unterschiedliche Altersstufen (Ilsenburg für die Unterstufe, Haubinda für die Mittelstufe und Bieberstein für die Oberstufe). Diese sogenannten „deutschen Landerziehungsheime“ werden charakterisiert durch eine deutliche Trennung von allem „Großstädtischen Übel“. Einseitigkeiten in der Erziehung sollen vermieden und die Heranwachsenden sollen zu „harmonischen, selbständigen Charakteren“ erzogen werden, die „an Leib und Seele gesund und stark, die körperlich, praktisch, wissenschaftlich und künstlerisch tüchtig sind, die klar und scharf denken, warm empfinden, mutig und stark wollen“ (Lietz, 1899, S. 17). Hier liegt schon eine deutliche Rhythmisierung des Schultages vor. Allerdings zeigten sich hier auch schon national-chauvinistische Züge, etwa durch Gefechtsübungen, Exerzieren und Marschieren (Bauer, 1961).

[...]


1 Beigel, 2005, S. 219.

2 SchulG NRW, § 2 Absatz 5.7.

3 Ebd. Absatz 8.

4 Im Weiteren Gy abgekürzt.

5 Für die gesamte vorliegende Arbeit gilt: Bei Nennung von maskulin oder feminin anmutenden Begriffsformen, verzichte ich zu Gunsten des Leseflusses auf die zusätzliche Erwähnung der jeweils andersgeschlechtlichen Form. Es sind aber in der Regel im Sinne der Gleichberechtigung beide Geschlechter gleichermaßen gemeint.

6 Vergleiche auch: Ministerium für Schule, Jugend und Kinder, 2007, S. 45 f.

7 Sinngemäß zeigen Thiel/Teubert/Kleindienst-Cachay in einer Untersuchung zu Erwartungen von Grundschullehrern gegenüber der „Bewegten Schule“ den Punkt „Spannungs- und Aggressionsabbau“ als wichtigstes Begründungsmuster für die Integration von Bewegung in den Schulalltag auf. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 320.

8 Vergl. u.a. Vortrag von Lutz Kottmann beim Kongress „Gute und gesunde Schule“, S. 193 ff.

9 Vergl. Anrich, 2002, Band 2, S. 38 erster Absatz.

10 Vergl. Stephan Riegger, „Pisa und andere Epidemien“.

11 Besonders eindrucksvoll: Breithecker in „Bewegte Schüler – Bewegte Köpfe“, S. 8 ff.

12 Kottmann beziffert dies in einem Beitrag zum Programm „Bewegungsfreudige Schule – Schulentwicklung bewegt gestalten“ mit 90%. In Kongressdokumentation „Gute und gesunde Schule“, Nov. 2004, S. 202

13 Vergl. auch Kottmann o.J. ,S. 202

14 Im Folgenden werden die Lehrerfunktionen auf die ich mich in dieser Arbeit konzentriere in Klammern benannt werden. Für nähere Informationen vergl. Ministerium für Schule, Jugend und Kinder, 2004, S. 46 ff.

15 Vergl. auch Präsentationsniederschrift von Prof. Dr. Klaus Völker, 2004, S. 4

16 Schiltz, 2008.

17 Bundesärztekammer, 2006.

18 CDU, ohne Jahr.

19 MED-Magazin, 2008.

20 Titel eines Wissenschaftsartikels aus der „Welt“ vom 10.03.2008.

21 Anmerkung des Autors. Diese Tatsache kann sicher durch zahlreiche Mama-Taxi-Unternehmen bestätigt werden.

22 Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), 2005.

23 Weitere Beispiele auch bei Yasmin Baur-Fettah. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 182

24 Vergl. auch Laging. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 65.

25 Vergl. Spitzer, 2002 bei Baur-Fettah. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 185.

26 Zimmer, 2003, S. 2.

27 Weitere: Johann Amos Comenius (1592 – 1670) in seinem Werk „Orbis pictus“ (Forderung nach täglicher Turnstunde), F.L. Jahn, A. Spiess, Carl Diem... Eine umfassende und chronologische Aufstellung findet sich in Dannemann, 1997, S. 19 f.

28 „Trias“-Konzept. Vergl. auch Baur-Fettah. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 182.

29 Klupsch-Sahlmann, 1997. In: Dannemann, 1997, S. 31 f.

30 Vergl. Hildebrandt-Stramann, S. 2.

31 Vergl. Baur-Fettah. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 183.

32 Ebd., S. 183.

33 In: Dannemann, 1997, S. 32.

34 Begründer war J.B. Basedow (1723 – 1790) in Anschluss an Rousseau (1712 – 1778); Vergl. Dannemann, 1997, S. 19 f.

35 Vergl. Stibbe/Stariha, 2007. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, S. 48 ff.

36 Ebd., S. 51.

37 Vergl. Stibbe/Stariha, 2007. In: Hildebrandt-Stramann, 2007, Kapitel II, S. 51.

38 Ebd., S. 52.

Details

Seiten
40
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640345977
ISBN (Buch)
9783640345793
Dateigröße
1.5 MB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128595
Institution / Hochschule
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg
Note
1,7
Schlagworte
Bewegung Unterricht Bekannt Erstellung Realisationskonzeptes Alltag

Autor

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Titel: Bewegung im Unterricht - Bekannt und doch verbannt