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Biographieforschung und soziale Wirklichkeit

Hausarbeit 2007 22 Seiten

Pädagogik - Berufserziehung, Berufsbildung, Weiterbildung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Die rekonstruktive Sozialforschung im Bereich der Sozialen Arbeit

2. Die pädagogische Profession im Spannungsfeld von Organisation, Öffentlichkeit und fallspezifischen Problemlagen
2.1 Die Profession im Dialog mit der Öffentlichkeit
2.2 Der soziale Erwartungshorizont
2.1.2 Der wissenschaftliche Erwartungshorizont
2.2 Das Image der pädagogischen Profession
2.3 Hindernisse für die erfolgreiche Zusammenarbeit zwischen Professionellen und Klienten

3. Schluss

4. Literatur

0. Einleitung

Ungleichheit ist ein elementares soziales Merkmal. Der Begründer des Strukturfunktionalismus, Talcott Parsons hat in seinem modernisierungstheoretischen Aufsatz „Evolutionäre Universalien der Gesellschaft“ vier fundamentale Bedingungen für die Soziogenese herausgearbeitet, nämlich Schichtung, kulturelle Legitimierung, Bürokratie sowie Geld- und Marktorganisation, die nach seinem Dafürhalten den Weg in die freiheitlich -demokratische Gesellschaft bereitet haben.

Danach ist die soziale Hierarchie die grundlegende „evolutionäre Universalie“ (ders. 1979: 58) aller menschlichen Gemeinschaften, welche, verbunden mit einem „System[.] der ausdrücklichen kulturellen Legitimierung differenzierter gesellschaftlicher Funktionen, insbesondere der von Verwandtschaftsbeziehungen unabhängigen politischen Funktion“ (ebd.) von Parsons als Motor für die Entwicklung menschlicher Gesellschaften präsentiert wird. So gesehen, ist die Entstehung der Moderne ohne soziale Ungleichheit, oder „Prestigedifferenzierung“ (a.a.O.:59), nicht denkbar, da sie die Stoßrichtung jeder menschlichen Gemeinschaft, insb. im politischen und im religiösen Bereich (vgl. ebd.) fokussiert, sowie ein System der Bewältigung von „gesteigerte[n] Probleme[n] der inneren Ordnung, zum Beispiel der Kontrolle der Gewaltanwendung, der Garantie des Eigentums, der Heiratsregeln usw. und der Verteidigung gegen Übergriffe von außen“ (a.a.O.: 59f.) etabliert, was eine fortschreitende Differenzierung erst ermöglicht. Zentral wichtig für den Übergang von der archaischen Gemeinschaft über imperiale Großreiche zu demokratischen Gesellschaften ist die Überwindung partikularistischer Strukturen zugunsten einer funktionalen Differenzierung. Richard Münch fasst Parsons’ Argumentation folgendermaßen zusammen:

„Einen Durchbruch zu höher entwickelten Gesellschaftsformen schafft die Entwicklung von sozialer Schichtung nach Prestige auf der Basis von erbrachten Leistungen statt bloßer Statuszuschreibung durch Herkunft. Es wird dadurch die Rigidität der sozialen Organisation durch Verwandtschaft durchbrochen. (...) Die Entwicklungsstufe der modernen Gesellschaften wird durch die Herausbildung von bürokratischer Organisation, Märkten und Geld, universalistischen Normen und demokratischer Assoziation erreicht“ (ders. 1999: 40).

Damit werden zwei wichtige Modernisierungsfaktoren angerissen, die in der vorliegenden Arbeit eine gewichtige Rolle spielen, nämlich die Transformation sozialer Ungleichheit von einer partikularistischen, innerhalb der Verwandtschaftsbeziehungen in traditionellen Gemeinschaften existierenden zu einer gesellschaftlichen Schichtung und die zentrale Rolle bürokratischer Verwaltungsorganisation in höher entwickelten Gesellschaften.

Der Übergang von einer verwandtschaftlichen Hierarchie zu einer Ungleichheit der gesellschaftlichen Statusunterschiede vollzog sich in mehreren Etappen und ist m.E. keineswegs als teleologisch evolutionärer Vorgang zu begreifen. Während in vormodernen Gesellschaften die gesellschaftliche Stellung qua Geburt die entscheidende Determinante für gesellschaftlichen Erfolg gewesen ist, wurden im Zuge der Demokratisierung, Industrialisierung und Urbanisierung des Okzidents die Standesunterschiede zugunsten der individuellen Entfaltungsmöglichkeiten überwunden. Während in der vormodernen Agrargesellschaft sozialer Auf- und Abstieg kaum realisierbar war, etablierten sich in der modernen Industriegesellschaft neue Gradmesser für den gesellschaftlichen Wert eines Menschen. „Erst Besitz“, später der „Beruf prägen [die individuelle] Stellung im Ungleichheitsgefüge“ (Hradil 2004: 31), erläutert Hradil, die Chancen- und Verteilungstungleichheit sinkt, es entsteht eine breite Mittelschicht, die als Medium für soziale Auf- und Abstiege fungiert (vgl. ebd.). In der modernen postindustriellen Wissens- und Dienstleistungsgesellschaft werden Schichtunterschiede –zumindest modernisierungstheoretisch- weiter nivelliert und ausgefächert, es entsteht eine heterogene und pluralistische Gesellschaft, die Chancengleichheit wächst, der Beruf ist nicht mehr die einzige Determinante sozialer Unterschiede, neuartige Statussymbole, z.B. Konsumgüter als Statussymbole, definieren den gesellschaftlichen Rang[1].

Die Speerspitze der hoch differenzierten, arbeitsteiligen Gesellschaft bildet die Bürokratie, die dafür sorgt, dass die Wirksamkeit staatlicher Institutionen, welche die Dauerprobleme sozialer Ordnung strukturieren und allzu krasse soziale Unterschiede aufzufangen helfen sollen, durchgesetzt werden. Hinsichtlich der Bedeutung bürokratischer Organisation orientiert sich Parsons an Max Weber und dessen Definition des bürokratischen Idealtypus:

„Das wesentliche Merkmal des Weberschen Bürokratiebegriffs ist die Institutionalisierung der Amtsautorität. Das heißt, das sowohl einzelne Amtsinhaber wie die Bürokratie selbst „offiziell“ für die Organisation bzw. „im Namen der“ Organisation handeln können; ohne die Amtsautorität wäre die Organisation nicht lebensfähig“ (ders. 1979: 63).

In diesem Sinne hat eine hoheitsstaatliche Bürokratie die Macht, hegemoniale Interessen nötigenfalls durch die Anwendung von Gewalt durchzusetzen, indem sich die Demokratie als Herrschaft des Volkes definiert, dient die moderne Bürokratie der Durchsetzung des Gemeinwohls (vgl. ebd.). Da die Amtsinhaber der Bürokratie universalistische Interessen durchsetzen, „[i]st bürokratische Herrschaft dem Typus nach immer rational-legal“ (ebd.).

Insofern kann die Bürokratie als Ordnungsprinzip hoch differenzierter Gesellschaften aufgefasst werden, die dazu dient, die gesellschaftliche Ordnung derselben systematisch zu unterfüttern und deren Anpassungsfähigkeit zu erhöhen (vgl. a.a.O.:64).

In der modernen Gesellschaft hat der Nationalstaat die sozialen Aufgaben, die in der Gemeinschaft durch familiäre Hierarchie und Arbeitsteilung geleistet wurden, übernommen. Soziale Wohlfahrtssysteme gewährleisten die soziale Sicherheit, indem sie die Risiken, bspw. Alter, Krankheit, Arbeitslosigkeit etc., die den individuellen Lebenserfolg bedrohen, abfedern. Innerhalb dieses Wohlfahrtssystems ist die pädagogische Profession angesiedelt, als eine autonome Berufssparte, die von der Gesellschaft mit einem Mandat oder einer Lizenz ausgestattet ist, einen bestimmten Problembereich zu bearbeiten – „ein Problembereich, in Bezug auf den individuelle Menschen Handlungsschwierigkeiten haben oder erleidensbetroffen sind“ (Schütze 1996: 184f.). Damit kann die pädagogische Profession als gesellschaftlicher Teilbereich aufgefasst werden, der dafür Sorge trägt, dass den Effekten sozialer Ungleichheit aktiv entgegengewirkt werden kann. Da die Pädagogik, wie bereits erwähnt, einen Teilbereich der nationalstaatlichen Versorgerrolle abdeckt, ist es unumgänglich, dass ihre Aufgabe institutionell verankert ist und sie aus diesem Grund durch Organisationen, die bürokratisch verwaltet werden, gesteuert wird, um ihre gezielte und flächendeckende Wirksamkeit realisieren zu können:

„Das professionelle Handeln ist progressiv in (.) Kontexte der Steuerung, der bürokratischen Zumessung von materiellen Ressourcen und Lebenschancen sowie der staatlichen Kontrolle und Sanktionierung eingebunden, weil der Interdependenz- und organisationsgrad moderner Gesellschaften in Verbindung mit einer umfassenden Verwissenschaftlichung trotz aller Entstaatlichungs- und Deinstitutionalisierungsversuche fortlaufend zunimmt und die Professionen als soziale Welten von diesen Aktivitätsbereichen, Ordnungsquellen und Mittelressourcen immer mehr abhängen“ (a.a.O.: 188).

Damit steht die bürokratische Organisation, die rational und standardisiert abläuft, im logischen Widerspruch zur fallbezogenen, ganzheitlich orientierten pädagogischen Intervention. Während es die Organisation auf Standardisierung und Routinisierung der in Frage kommenden Fälle absieht, muss sich der Sozialarbeiter mit dem konkreten Klienten auseinandersetzen, dessen spezifisch gelagertes Problem erkennen, um wirksam intervenieren zu können (vgl. a.a.O.:189).

Das interpretative Paradigma, das sich in den 70er Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Gegenentwurf zu positivistisch orientierter quantitativer Sozialforschung entwickelte, wagt mit einem neuartigen Konzept der biographischen Fallarbeit einen Vorstoß in die pädagogische Praxis. Die vorliegende Arbeit untersucht, welchen Beitrag dieses neuartige Konzept leisten kann, um die Zusammenarbeit zwischen Professionellen und ihren Klienten zu verbessern. Diese Analyse kann m.E. nicht durchgeführt werden, ohne die makrosozialen und mikrosozialen Schwierigkeiten im Auge zu behalten, in welche die Soziale Arbeit als Profession eingebettet ist. Im ersten Kapitel wird das bereits erwähnte Konzept v.a. anhand der druckfrischen Publikation „Biographische Fallarbeit“ von Birgit Griese und Hedwig Griesehop knapp vorgestellt, wobei nicht alle Prämissen und Arbeitsschritte, die das Konzept der Biographischen Fallarbeit umfassen, ausführlich erläutert werden können, was der Verfasserin hoffentlich nicht als ignorante Haltung ausgelegt wird.

Im zweiten Kapitel werden die Einschränkungen, denen sich die Profession nach Auffassung der Verfasserin auf mehreren Ebenen stellen muss, herausgearbeitet:

1. Mangelndes öffentliches Verständnis für teure und wenig Erfolg versprechende Maßnahmen für die Klienten, woraus sich:
2. Finanzieller/ personeller Notstand in den Organisationen ergibt.
Bei gleichzeitiger:
3. mangelnder Akzeptanz der Pädagogischen Profession
3.a.: seitens anderer Professionen, z.B. Medizin (vgl. Anamnese)
3.b.: seitens der Bevölkerung Bei gleichzeitiger:
4. hoch problematischer Gesamtsituation der Klientel

Den Abschluss der vorliegenden Arbeit bildet eine Diskussion über die Frage, inwiefern es realistisch ist, eine neue aufwändige Methode innerhalb der Sozialen Arbeit zu etablieren.

1. Die rekonstruktive Sozialforschung im Bereich der Sozialen Arbeit

Entstanden aus dem Konzept der Kommunikativen Sozialforschung, deren „Prinzip (.) erstmals in den 1970er Jahren von der Arbeitsgruppe Bielefelder Soziologen formuliert“ (Ziegaus 2007: 293, Marotzki 1996: 56) wurde, der u.a. Fritz Schütze und Ralf Bohnsack angehörten, ging es darum, „ein anderes Grundverständnis von Sozialforschung zu etablieren, das Forschungssysteme als Kommunikationssysteme betrachtet und Forschungsprozesse als Kommunikationsprozesse gestaltet“ (a.a.O.: 294). Die Basis für die methodologischen und methodischen Überlegungen der Bielefelder Soziologen bildeten der Symbolische Interaktionismus nach G.H. Mead und die Ethnomethodologie (vgl. ebd.). Von dem populärsten Vertreter der letzteren, Garfinkel, wurde nicht nur das Krisenexperiment, sondern auch „die dokumentarische Methode der Interpretation“ (a.a.O.: 297) übernommen, das Fritz Schütze „unter der Bezeichnung ‚narratives Interview’ später weiterentwickelt“ (ebd.) hat.

Ihrem Selbstverständnis nach begriffen sich die Bielefelder Soziologen als Sprachwissenschaftler:

„Dabei gingen sie von der Überlegung aus, dass jeder Kommunikation ‚Basisregeln’ zu Grunde liegen, die Verständigung auch unter fremden Menschen möglich machen. Darüber hinaus sei jede Kommunikation aber auch abhängig von einem institutionenspezifischen und soziohistorisch bedingten zweiten Regelsystem, das Kommunikation in der jeweiligen spezifischen Kommunikation steuert. Da diese Wissensbestände aber in der Regel nicht direkt abrufbar sind (und die Kommunikationsteilnehmer sich vielleicht gar nicht ihrer Existenz bewusst sind), können sie nur durch tatsächlich ablaufende Kommunikation herausgefunden werden“ (a.a.O.: 296.).

[...]


[1] Die Autorin markiert an dieser Stelle bewusst den Hinweis, dass es sich bei der These der fortschreitenden sozialen Chancengleichheit in der postindustriellen Gesellschaft um ein theoretisches Konstrukt handelt, das empirisch nicht bestätigt werden kann. Die im Rahmen des Wirtschaftswunders und der damit verbundenen Steigerung des allgemeinen Wohlstandes und die durch staatliche Maßnahmen der öffentlichen Wohlfahrt erreichte Chancenverbesserung, z.B. die Bildungsexpansion, erwies sich als nicht zugkräftig genug, die Konsequenzen unterschiedlicher individueller Ausgangsbedingungen, die sich durch sozialstrukturelle und familiäre Lebenslagen konstituieren, zu nivellieren (vgl. 131ff.). Die Faktoren, welche den Lebenserfolg des Individuums in der industriellen Gesellschaft vordefinierten, sind in der Spätmoderne keineswegs irrelevant geworden, vielmehr wirken sie als informelle gesellschaftliche Mechanismen genauso unbarmherzig wie zu früheren Zeiten, für den Individualisierungstheoretiker Beck zeitigt die Inflation von Bildungsabschlüssen durch die Bildungsexpansion eine „Renaissance ständischer Zuweisungskriterien in der Verteilung sozialer Chancen“ (ders. 1986: 247), was er als „Refeudalisierung“ (ebd.) bezeichnet. Stattdessen steht zu befürchten, dass durch die Logik der Wissensgesellschaft soziale Ungleichheit steigt. Indem Bildung zur notwendigen, wenn auch nicht hinreichenden Bedingung für den individuellen Lebenserfolg avanciert, bedeutet dies, dass die Masse der Bildungsfernen bedroht ist, dem Anschluss an den Arbeitsmarkt inkl. der damit verbundenen gesellschaftlichen Partizipationsmöglichkeiten verlustig zu gehen. Welche Auswirkungen diese aktuelle Entwicklung für den sozialen Frieden einer Gesellschaft zeitigen kann, soll an dieser Stelle nicht zur Debatte stehen (vgl. dazu: . Dubet/Lapeyronnie 1994).

Details

Seiten
22
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640355716
ISBN (Buch)
9783640356072
Dateigröße
527 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128489
Institution / Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz – Institut für Erziehungswissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Biographieforschung Wirklichkeit

Autor

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