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Die Soziologie Bruno Latours

Theoretische Hintergründe der Akteur-Netzwerk-Theorie

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 19 Seiten

Soziologie - Klassiker und Theorierichtungen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Wie ist Gesellschaft möglich? – Latour´s Umgehungsstrategie des Mikro- Makro-Problems der Soziologie

3. Die Abschaffung von „Macht“ – Eine Re-Definition von „Gesellschaft“ und die Rolle der Technik

4. Die Methode – Wie sich die ANT anwenden lässt

5. Schlussbemerkung

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Bruno Latour ist gelernter Philosoph, Literaturwissenschaftler und Anthropologe. Zur Zeit ist er Professor für Soziologie in Paris, er gehört heute zu den bekanntesten Vertretern der Wissenschaftsforschung. Zusammen mit Michel Callon entwickelte er die Akteur-Netzwerk-Theorie (ANT), diese versucht soziale Ordnung mit Hilfe eines Netzwerks, also mit Verbindungen zwischen menschlichen Agenten, Technologien und Objekten, zu erklären. Die Entwicklung der ANT begann in den 1980er Jahren, zunächst als Methode zur Erforschung von Wissenschaften entwickelte sie sich weiter zu einer Gesellschafts-theorie. Die ANT ist keine ganzheitliche, in sich schlüssige Theorie, es ist eher ein Konzept, entstanden zur Erklärung wissenschaftlicher und technischer Innovationen, das sich seit bis heute stetig entwickelt und verändert hat. Latour selbst, kritisiert im Nachhinein den geschaffenen Begriff „Akteur-Netzwerk-Theorie“ und bezeichnet das Gedankenkonstrukt eher als eine Methode, (um „die eigenen weltbildenden Aktivitäten des Akteurs zugänglich zu machen“[1] ) als eine Sozialtheorie.

Die ANT bietet die Möglichkeit, Techniken bei der Erklärung von gesellschaftlichen Zusammenhängen einzubeziehen und somit von klassischen soziologischen Perspektiven abzuweichen, die Techniken entweder als außersoziale Phänomene begreifen, die lediglich Ergebnisse menschlichen Handelns darstellen und keinen Einfluss auf Menschen haben und daher dem Willen und Handlungen der Menschen unterliegen, oder Techniken als determinierende Größen begreifen, deren Einfluss sich der Mensch nicht entziehen kann und willenlos ausgeliefert ist. Diese zwei extremen Standpunkte, prägten die Begriffe „Technikdeterminsmus“ und „Sozialkonstruktivismus“[2], Latour´s Anliegen ist es, diese beiden Widersprüche zu umgehen.

Die Akteur-Netzwerk-Theorie insgesamt, ist geeignet Kollektive[3] zu erfassen, in denen menschliche und nichtmenschliche Akteure sich wechselseitig definieren, rekrutieren oder Rollen zuweisen und kooperieren. Mit anderen Worten: „Das Grundanliegen der Akteur-Netzwerk-Theorie besteht darin, alle Einwirkungen, Rückwirkungen und Folgewirkungen einzubeziehen, die in Prozessen der Assoziierung wirksam werden. Das Mittel, um dies zu erreichen, lautet, den Spuren der Akteure zu folgen.“[4]

Stark auffällig ist die Beschreibungssprache, mit der diese Prozesse verbalisiert werden. So sind Objekte wie ein hydraulischer Türschließer in der Lage, andere Entitäten zu übersetzen, deren Charakteristik zu bestimmen und darüber hinaus auch noch zu entscheiden, ob eine Kooperation gemessen an den eigenen Zielen erstrebenswert ist oder nicht. Diese konzeptuelle Herangehensweise ist teilweise schwer nachvollziehbar und daher vor allen Dingen nicht leicht vermittelbar. Da jedoch das Konzept der Akteur-Netzwerk-Theorie von einer symmetrischen Betrachtungsweise ausgeht, d.h. menschliche und nichtmenschliche Akteure als abhängige Variablen betrachtet,[5] ist die logische Konsequenz dieses Symmetrieprinzips eine ebenso symmetrische Beschreibungssprache um die zu Beginn kurz angeschnittene strikte Trennung von Technik und Sozialem auf diese Weise nicht nur theoretisch, sondern auch praktisch aufzuheben, wobei anzumerken ist, dass auch die Akteur-Netzwerk-Theorie zunächst von einer Trennung zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Entitäten ausgeht, um diese dann anschließend wieder in Relation zueinander zu setzen. Empirisch behauptet sie dadurch in einer Weise zu den Dingen selbst vorstoßen zu können, „wie dies dem Beobachter, der von den herkömmlichen Unterscheidungen ausgeht, verstellt bleibt.“[6]

Ziel diese Arbeit ist es, die Herleitung der verschiedenen gedanklichen Grundüberlegungen der ANT aufzeigen. Ich werde im ersten Kapitel darauf eingehen wie Latour die Grundfrage der Soziologie[7], nämlich die Frage danach, wie soziale Ordnung möglich ist, beantwortet und aufzeigen wie er das Mikro-Makro-Problem löst. Danach möchte ich erklären, wie er mittels der Dekonstruktion des Machtbegriffs eine Redefintion der Gesellschaft vornimmt und welche Rolle die Technik dabei spielt. Abschließen soll dann im 3.Kapitel Aufschluss darüber gewonnen werden welches methodisches Vorgehen Latour vorschlägt. Mit Hilfe, der von der ANT verwendeten Begriffe, soll gezeigt werden, was es bedeutet den Spuren der Akteure zu folgen.

2. Wie ist Gesellschaft möglich? - Latours systematische „Umgehungsstrategie“ des Mikro-Makro-Problems der Soziologie

Wie ist soziale Ordnung möglich? Bei dieser grundlegenden Frage stößt die Soziologie immer wieder auf den Widerspruch von Handeln und Struktur bzw. Individualismus und Kollektivismus. Bei der Analyse von dem was man Mikro-Ebene nennen könnte, also bei der Untersuchung lokaler Interaktionen, kommt man schnell zu der Frage nach dem, was der Situation Sinn verleiht, das zwar nicht direkt sichtbar ist, aber was sie zu dem macht was sie ist. Begriffe wie „Gesellschaft“, „Normen“, „Werte“, „Struktur“ und „sozialer Kontext“ sollen erklären was der Mikro-Interaktion Form gibt. Die Abstraktheit der Makro-Ebene wiederum führt aber zu einer anderen Unzufriedenheit, die Gegensätze können nicht aufgelöst werden. Latour versucht auch nicht diese Gegensätze zu überwinden oder zu lösen, sondern „[…] ihnen an einen anderen Ort zu folgen und zu versuchen, die tatsächlichen Bedingungen, die diese beiden gegensätzlichen Enttäuschungen ermöglichen zu erforschen.“[8] In Anlehnung an Hobbes staats-philosophische Schrift „Leviathan“ beginnt Latour den Unterschied zwischen Mikro- und Makro-Akteuren in Frage zu stellen. Er übernimmt Hobbes Behauptung, es gäbe keinen, ihrer Natur inhärenten Unterschied zwischen den Akteuren. Alle Unterschiede hinsichtlich Niveau, Größe und Fähigkeiten sind demnach Ergebnisse eines Kampfes oder einer Verhandlung. „Für Hobbes wie für uns stellt sich nicht die Aufgabe, Makro- und Mikro-Akteur zu klassifizieren oder das, was wir von Ersteren und Letzteren wissen, zu versöhnen, sondern erneut die alte Frage aufzuwerfen: Auf welche Weise kann ein Mikro-Akteur zu einem Makro-Akteur werden? Wie können viele wie eine/-r handeln?“[9] Hobbes beantwortet diese Frage mit dem „Gesellschaftsvertrag“- d.h. der gesellschaftliche Naturzustand („Kampf jeder gegen jeden“) kann durch die Gründung eines Staates und die Übertragung der Macht an einen Soverän aufgelöst werden. Latour hingegen, führt an dieser Stelle zur Erklärung den Übersetzungsbegriff ein. Er definiert „Übersetzung“ in diesem Zusammenhang wie folgt: „Übersetzung umfasst alle Verhandlungen, Intrigen, Kalkulationen, Überredungs- und Gewaltakte, dank derer ein Akteur oder eine Macht die Autorität, für einen anderen Akteur oder eine Andere Macht zu sprechen oder zu handeln, an sich nimmt oder deren Übertragung auf sich veranlasst.“[10]

Der Unterschied von Mikro- und Makro-Akteuren werden durch Machtverhältnisse und die Konstruktionen von Netzwerken hergestellt. Die Vorannahme von grundsätzlichen Größenunterschieden von Mikro- und Makro-Akteure hält Latour für falsch, weil man sich dadurch der Analysemöglichkeit der Netzwerkskonstruktionen beraubt. Er behauptet aber nicht, dass es überhaupt keinen Unterschied zwischen Mikro-und Makro-Akteuren gibt, „[…]sondern das es a priori keinen Weg gibt, die Größe festzulegen, das diese das Ergebnis einen langen Kampfes darstellt.“[11] Latour übt an dieser Stelle deutliche Kritik an den Soziologen, seiner Meinung nach wechseln diese ihren Analyserahmen immer in Abhängigkeit davon, ob man es mit einem Mikro- oder einem Makro-Akteur zu tun habe, dadurch werden vorher angenommen Machtverhältnisse nur noch bestätigt. Es handelt sich also um eine Kritik an der Methode wenn Latour bemängelt, dass „gegenwärtig kein Soziologe Makro- und Mikro-Akteure mit denselben Werkzeugen und Argumenten untersucht.“

Es stellt sich nun aber die Frage: „Wenn alle Akteure isomorph sind und keiner von Natur aus größer oder kleiner ist, wieso stellen sie dann entweder Makro-Akteure oder Individuen dar?“

Um diese Frage zu beantworten, zieht Latour einen Vergleich zu Pavianen. In der Wildnis lebende Paviane können keinen Makro-Akteur also keinen Leviathan aufbauen, er spricht hier von dem „unmöglichen Affen-Leviathan“. Obwohl auch Paviane klare hierachische Strukturen aufbauen, liegt doch der Unterschied zum Menschen darin, dass Paviane keinen, schon einmal hergestellte Beziehungen verfestigender Apparat wie Gesetzgebung, Regierung, Uniformen usw. zur Verfügung steht um Machtpositionen zu verfestigen. Um eine stabile Gesellschaft herzustellen, müssen Bindungen geschaffen werden, die die sie formenden Interaktionen überdauern. Ein Mikro-Akteur kann dadurch an Größe gewinnen, indem er es schafft, andere Akteure zu überzeugen oder gleichzuschalten, damit diese dann die gleichen Interessen vertreten. Hierzu ist eine Reihe von Übersetzungen nötig, zusammengefasst bilden diese ein Netzwerk. Ein stabiles Netzwerk wiederum wird zu einer „Black Box“, diese enthält was nicht länger beachtet werden muss – „jene Dinge, deren Inhalt zum Gegenstand der Indifferenz geworden sind.“[12] Die relative Größe eines Akteurs ändert sich mit der Anzahl der Elemente die er in Black Boxes deponieren kann. Auf die anfangs gestellte Frage, wie man nun Makro-und Mikro Akteure untersuchen soll, ohne Größenunterschiede zu bestätigen, antwortet er: „Indem wir unsere Aufmerksamkeit nicht auf das Soziale, sondern auf die Prozesse lenken, durch die ein Akteur dauerhaft Asymetrien schafft.“[13] Den Akteursbegriff nutzt Latour also um die üblichen Unterscheidungen von makro/mikro und sozial/technisch zu ersetzen. Ein Akteur ist „Jedes Element, das Raum um sich herum beugt, andere Elemente von sich abhängig macht und deren Willen in seine eigene Sprache übersetzt.“[14] Somit werden auch technische Artefakte in der ANT als Akteure bezeichnet, weil diese ebenso Wirkungen verursachen können.

[...]


[1] Latour 1999, in „ANThology“ S. 561

[2] Langdon Winner gibt in seiner Gegenüberstellung der Begriffe folgende Definitionen: Technikderterminismus bedeutet, „that the development of technology follows ist own logic and that the technology determines it´s use.“

Der Sozialkonstruktivismus hingegen sagt: „that society and it´s actors develop the technology they `want´ and use it as they want, imlplying that technology in itself plays no role.”

"Upon Opening the Black Box and Finding it Empty: Social Constructivism and Philosophy of Technology" S. 369 in Science, Technology & Human Values, Vol. 18, No. 3, S. 369 (1993)

[3] Der Begriff „Kollektiv“ ersetzt bei Latour die Begriffe „Gesellschaft“ und „Natur“, umfasst also nicht nur Menschen, sondern auch Dinge (Natur). Das Kollektiv wird als ein andauernder Prozess verstanden, „durch den der Kosmos in einen lebbaren Ganzen versammelt wird (Latour 1999a, 376), d.h. in dem alles, was es in einer historischen Epoche gibt, miteinander in Beziehung gesetzt wird

[4] Schulz Schaeffer, 2008: S.141

[5] vgl. Schulz-Schaeffer, 2000

[6] Schulz Schaeffer, 2000, S.195

[7] „Soziologische Theorien“, 2007, S.13

[8] Vgl. Latour, 1986: S. 56

[9] Latour, 1981 In: “ANTholgy “ 2006: S. 76

[10] Ebd. S.77

[11] Ebd. S. 78

[12] Ebd. S. 83

[13] Ebd. S. 84

[14] S.85

Details

Seiten
19
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640330096
ISBN (Buch)
9783640331871
Dateigröße
647 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128231
Institution / Hochschule
Technische Universität Berlin – Institut für Soziologie
Note
Schlagworte
Soziologie Bruno Latours Theoretische Hintergründe Akteur-Netzwerk-Theorie

Autor

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