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Vernunft, Bewusstsein, Sprache und Kultur der höheren Primaten

Zur anthropologischen Grundfrage nach den Unterschieden zwischen Tier und Mensch

Seminararbeit 2007 21 Seiten

Soziologie - Kultur, Technik und Völker

Leseprobe

Inhalt

1 EINLEITUNG

2 EVOLUTIONÄRE ENTWICKLUNG DER PRIMATEN UND BIOLOGISCHE BESONDERHEITEN DER MENSCHEN

3 PRÄGUNG

4 BEISPIELE FÜR LERNEN, SOZIALISATION UND INTELLIGENTES VERHALTEN BEI PRIMATEN
4.1 WERKZEUGGEBRAUCH
4.2 KOMMUNIKATION
4.3 VORAUSSCHAUENDES DENKEN
4.4 ALTRUISMUS
4.5 SELBSTMEDIKATION
4.6 REGENTANZ

5 FAZIT: GIBT ES TATSÄCHLICH UNTERSCHIEDE ZWISCHEN MENSCH UND TIER AUS ANTHROPOLOGISCHER SICHT?

LITERATURVERZEICHNIS

1 Einleitung

Um den Menschen von den Tieren abzugrenzen, war es in der Vergangenheit in der Wissenschaft weit verbreitet, ihn durch Begriffe wie Vernunft, Bewusstsein, Sprache und Kultur zu charakterisieren und diese Fähigkeiten den Tieren abzusprechen und bei ihnen rein von angeborenen Verhaltensweisen auszugehen. Durch neuere Erfahrungsberichte und Laborexperimente konnte jedoch bewiesen werden, dass Tiere und insbesondere Menschenaffen, dazu in der Lage sind, auf ihr Umfeld zu reagieren, von ihm zu lernen und sich weiter zu entwickeln. Im Folgenden soll daher geprüft werden, inwiefern der Mensch nun noch vom Tier abgegrenzt werden kann oder ob es neuer Einschränkungen bedarf.

Der Mensch absolviert in seiner Individualentwicklung eine komplexe Sozialisation. Damit wird der Prozess gekennzeichnet, „durch den Individuen soziale Kompetenz entwickeln, die für wirksames Planen und Handeln in der Gesellschaft, in der sie leben, unabdingbar ist". Genauso wichtig ist die Individuation, „der Prozess der Reifung und Differenzierung des Individuums zu einer Persönlichkeit" (Henke/ Rothe 2003: 14).

Die höheren Primaten, wie Orang-Utans, Schimpansen und Gorillas, absolvieren auf Grund ihrer langsameren körperlichen und psychischen Reifung, ihrer hohen Lernbegabung verbunden mit einer charakteristischen Neugierde „und dem verstärkten Einbau von erlernten (tradierten) Verhaltenskomponenten in das ausreifende Verhaltensrepertoire eine komplexe individuelle Entwicklung, die also durch tradi- und biogenetische Komponenten geprägt ist" (Henke/ Rothe 2003: 15).

Unermüdliche Lernbereitschaft, die Fähigkeit neue Verhaltensregeln zu entwickeln und diese flexibel zu gestalten, gehören zu den existenziellen Bedingungen in der Primatenevolution. Da man unter natürlichen Be-dingungen bereits vielfach Traditionsbildungen und verblüffend komplexe Problemlösungsstrategien der Primaten beobachten konnte, kommt man zu der Frage, ob höhere Primaten zu kulturellen Leistungen fähig sind (vgl. ebd.).

Hierfür ist es zunächst nötig die Begriffe ,Tradition` und ,Kultur` zu definieren:

„Wird in einer eingegrenzten Population eine spezifische Technik in Werkzeugherstellung und -gebrauch von Generation zu Generation weitergegeben, so kann man vonTraditionsprechen. Wird ein ganzes Bündel solcher Techniken und spezifischer Verhaltensweisen von einer Generation auf die nächste durch Erlernen übertragen, so kann man von einerKultursprechen" (JGI).

Masao Kawai, ein japanischer Primatologe, definiert Kultur ganz ähnlich als „eine Lebensweise, die zu einer Verhaltensweise wurde, die erworben, geteilt, sozial vererbt und unter Mitgliedern derselben Gesellschaft fixiert wird" (in Henke/ Rothe 2003: 15).

Es stellt sich nun also die anthropologische Grundfrage nach den Unterschieden zwischen Mensch und Tier. Haben Tierprimaten bereits Kultur im definierten Sinne oder sind sie nur protokultural?

Um dies festzustellen wird Kultur im Folgenden als Summe von Verhaltens-mustern verstanden und diese sollen näher analysiert werden. Doch zu-nächst sollen die evolutionäre Entwicklung der Primaten, sowie die Besonderheiten des Menschen kurz skizziert werden. Um daraufhin den Prozess der Prägung und einzelne Beispiele für Lernen, Sozialisation und intelligentes Verhalten bei Primaten näher zu betrachten.

2 Evolutionäre Entwicklung der Primaten und biologische Besonderheiten der Menschen

Menschen und Schimpansen sind in ihrer genetischen Struktur nah verwandt miteinander. Was den Menschen vom Schimpansen unterscheidet sind in genetischer Hinsicht lediglich 1,6 Prozent der DNS. Und was noch erstaun-licher ist, ist die Tatsache, dass Schimpanse und Mensch sich einander näher stehen, als Schimpanse und Gorilla (vgl. JGI). Die Gattung Homo weist jedoch biologisch gesehen diverse Besonderheiten auf, „aus denen wiederholt auf eine Sonderstellung des Menschen geschlossen wurde" (Brock 2006: 98).

Im Folgenden wird kurz auf die evolutionäre Entwicklung der Primaten eingegangen (vgl. Zink 1994: 27f):

Nach dem Aussterben der Saurier am Ende des Pleistozäns (vor 50.000 bis 10.000 Jahren) auf Grund einer langen Kälteperiode wurde das Klima wieder wärmer und feuchter, was dazu führte, dass es zur Entstehung riesiger Ur-und Regenwälder in Afrika kam, die den sich nun neu entwickelnden Vögel und Säugetieren ausreichend ökologische Nischen boten. Es konnten zahlreiche spezialisierte Arten entstehen, darunter auch die Primaten. Sie waren auf Bäumen lebende Pflanzenfresser. Dieser Umstand gilt als wichtige Voraussetzung für die anatomische und sinnesphysiologische Weiterent-wicklung zu den Hominiden. „Denn durch die Lebensweise in den Asten entwickelten sie anstelle von Tatzen und Klauen Hände mit Nägeln und einem Daumen in Oppositionsstellung zur Handfläche, also Greifhände mit der schicksalsträchtigen Möglichkeit zum Werkzeuggebrauch" (Zink 1994: 27). Das Leben hoch oben im Geäst führte außerdem zu der Zentralstellung der Augen mit einer farbenregistrierenden Netzhaut, so dass die Affen mit einem sehr gut ausgebildeten Sinn für die Tiefe des Raumes, für Perspektive und Entfernung auf Nahrungssuche gehen konnten. Durch eine erneute Klimaänderung — es wurde wieder kälter — gingen die Regenwälder in Afrika stark zurück und an ihre Stelle traten Savannen und Steppen. Nun wurden die baumbewohnenden Primaten gezwungen ihre Nahrung vorwiegend auf dem Boden zu suchen, der ebenfalls durch gefährliche Raubtiere bevölkert war. Um die weiten Ebenen besser überschauen und somit Nahrung und Gefahrenquellen auch in der Ferne besser wahrnehmen zu können, ent-wickelte sich langsam die Tendenz zum aufrechten Gang bei den Primaten.[1] Im Hinblick auf die zentrale Herausstellung des sozialen Verhaltens der Primaten, das dem der Menschen ähnlich ist, werden hier nur die wichtigsten Besonderheiten des Menschen kurz genannt:

Der grundlegendste Unterschied zu den Menschenaffen ist der aufrechte Gang. Schimpansen, Orang-Utans oder Gorillas sind vorwiegend Baumbe-wohner, die sich schwer tun über längere Strecken aufrecht zu gehen, da ihre Gliedmaßen sowie ihre Wirbelsäule auf das Klettern ausgerichtet sind.

Bei den Menschen hingegen sind die Wirbelsäule, Beine und Füße so geschaffen, dass sie problemlos den aufrechten Gang ermöglichen, während die Hände nicht mehr zum Fortbewegen gebraucht werden und somit zu einem Handhabungs- und Wahrnehmungsorgan wurden. Diesen Sachverhalt hat insbesondere Mead näher untersucht und er kam zu der Ansicht, dass dies die Chancen für gezieltere Handlungen erhöht. Denn durch das vorherige Betasten eines Gegenstandes mit der Hand kommt es zu einer Reaktionsverzögerung und ein zielgerichteter Umweltbezug durch die Verbindung von Hand, Auge und Gehirn wird möglich (vgl. Brock 2006: 99). Zu den weiteren Merkmalsbesonderheiten des Menschen gehören die Reduktion des Haarkleides, die unspezialisierte Ausformung der Hände, die Erhöhung der Anzahl der Schweißdrüsen, die Hirnentfaltung, die Geradge-sichtigkeit, das weitgehend undifferenzierte Gebiss als Anpassung an Allesfresserei, die Absenkung des Kehlkopfes, sowie die Veränderungen in der Luftröhre zur Erzeugung diskreter Sprachlaute und die Verlängerung der Entwicklungsphasen (vgl. Henke/ Rothe 2003: 19).

3 Prägung

Verhaltensweisen entstehen durch biologische Anlagen und Kommuni-kationsprozesse. Kommunikation tritt dabei immer nur dann auf, wo die Erbinformationen Raum für Alternativen offen lassen. Wie es im Prozess der Prägung der Fall ist. Dieser Vorgang kann sich in extrem kurzer Zeit abspielen. Als Beispiel sei hier die Prägung des Kükens auf das Muttertier erläutert: Der erste frei bewegliche große Gegenstand, den Entenküken nach dem Schlüpfen zu sehen bekommen, wird automatisch vom Küken als Mutter erkannt. In der Natur ist dies mit großer Wahrscheinlichkeit auch das Mutter-tier, im Labor bei Tierversuchen kann es jedoch jeder beliebige Gegenstand sein, der sich bewegt. Das Küken würde beispielsweise auch einem roten Ballon, der an einer Schnur gezogen wird, nachlaufen. Dabei ist die Prägung so stark, dass sich die Küken, wenn sie ein paar Tage später vor die Wahl zwischen wirklicher Mutter und Ballon gestellt werden, sich für den Ballon entscheiden würden (vgl. Brock 2006:105f.).

Prägung bedeutet demnach instinktiv auf einen Reiz reagieren zu müssen und aus dem Dargebotenen zu lernen. Die Mutter-Kind-Bindung wird also durch einen „einseitigen Kommunikationsakt hergestellt [...], die Küken wissen offenbar nicht instinktiv, wer ihre Mutter ist. Zum biologisch angebo-renen Verhaltensrepertoire gehört nur das Bestreben, sofort nach dem AusschlOpfen die Mutterbindung herzustellen" (ebd.: 106). Der evolutionare Vorteil liegt auf der Hand, denn der Prägungsprozess erlaubt das Überleben von Küken, die, aus welchen Gründen auch immer, beim Ausschlüpfen keine Elterntiere mehr haben, indem sie beispielsweise auf andere weibliche Tiere geprägt werden, die sogar von einer anderen Tierart sein können (vgl. ebd.). Insbesondere bei Reifungs- und Sozialisationsprozessen scheint es so, als wäre der kommunikative Prozess biologisch unterstützt. Zu den ersten koordinierten und wichtigsten postnatalen Verhaltensmustern der Primaten gehören die Saug- und Greifaktivitaten, also jene, die dazu dienen, „den Körperkontakt mit der Mutter aufrechtzuerhalten und die Ernährung zu ermöglichen. Anfangs scheinen diese Reaktionen reflexahnlich" (Schmid-bauer 1974: 108), da die jungen Affen sehr sensibel auf spezifische Reizformen reagieren. Später werden die Reaktionen durch viele Ereignisse gefordert oder verstärkt (vgl. ebd.).

Diese Beispiele zeigen sehr schon das „Zusammenspiel zwischen ererbtem und erworbenem Verhalten". Dabei gelten die genetischen Festlegungen aber immer als Voraussetzungen für die kommunikativen Prozesse. Denn Verhalten als eine Folge von Kommunikation kann immer nur dann erfolgen, „wenn es zumindest punktuell auf biologischem Wege nicht festgelegt worden ist" (Brock 2006: 107).

[...]


[1] Auf die Darstellung der weiteren evolutionären Entwicklungen bis hin zum Homo Sapiens wird im Folgenden verzichtet, dies kann in der einschlägigen Literatur nachgelesen werden, hierzu u.a. Mayr, Ernst (2003): Das ist Evolution. München: Bertelsmann.

Details

Seiten
21
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640352128
ISBN (Buch)
9783640351992
Dateigröße
552 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128213
Institution / Hochschule
Technische Universität Chemnitz – Institut für Soziologie
Note
2,0
Schlagworte
Primaten Gesellschaftsentwicklung Kultur

Autor

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