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Über O'Neills "The Iceman Cometh": Der amerikanische Traum zwischen Illusion und Wirklichkeit

Hausarbeit 2009 27 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einführung

2. The Iceman Cometh als Welt der pipe dreams

3. Einbruch der Realität in die Traumwelt durch den Salesman

4. Das Scheitern des Theodore Hickman

5. Desillusionierung und alternative Strategien der Bewältigung

6. Der amerikanische Traum als pipe dream

Literaturverzeichnis

Ehrenwörtliche Erklärung

We talk about the American Dream, and we want to tell the world about the American Dream, but what is that dream, in most cases, but the dream of material things? I so- metimes think that the United States, for this reason, is the greatest failure the world has ever seen.

Eugene O'Neill. Interview. Theatre Guild, New York, 2. September 1946.

1. Einführung

Mit The Iceman Cometh beendete Eugene O'Neill im Jahre 1946 seine zwölfjährige Abwesenheit von der amerikanischen Bühne und konfrontierte das Publikum mit einer Parabel über den bedauernswerten Zustand des Menschen.1 Bereits 1939 geschrieben, hatte O'Neill das Drama angesichts der Schrecken des Zweiten Weltkriegs über Jahre verschlossen gehalten, da er eine Aufführung als unangemessen empfunden hatte. In einem Brief heißt es: "The Iceman Cometh would be wrong now. A New York audience could neither see nor hear its meaning. […] But after the war is over, I am afraid from present indications that American audiences will understand a lot of The I- ceman Cometh only too well."2 Allerdings zögerte O'Neill auch nach dem Krieg eine Produktion hinaus. Vom Sieg der Alliierten beflügelt, könne das Publikum die Kernbotschaft des Stücks nicht verstehen, so der Autor: "The Iceman Cometh might be a big success, if done well, but it would be for its least significant merits and its finest values would be lost, or dismissed because the present psychology would not want to face them."3Erst nachdem der derzeitige Optimismus einer neutralen Haltung gewichen sei und unter den Menschen eine zunehmende Desillusionierung eingesetzt habe, würde The Iceman Cometh jene Wertschätzung erfahren, die ihm gebühre.

Doch auch nach der Uraufführung in New York im Oktober 1946 hielt sich der Enthusiasmus der Rezensenten in Grenzen. Während O’Neill The Iceman Cometh als "one of the best (plays) I have ever written" und "the most satisfying work of all"4 bezeichnete, bemängelten Kritiker insbesondere die Überlänge sowie die vielen Wiederholungen. The Iceman Cometh sei "painfully repetitious", "tedious" und "bulky and unwieldy in the extreme", so das nahezu einhellige Urteil.5 Erst die Neuinszenierung durch José Quintero im Jahre 1956 erfreute sich großer Beliebtheit und trug zu einer Aufwertung und Neubeurteilung des Stücks bei. Die zuvor beanstandeten Wiederholungen und Längen wurden nun als musikalische bzw. lyrische Qualität ausgelegt und die Dauer des Dramas als "novelistic completeness" gelobt.6 Mittlerweile zählt The Iceman Cometh zu

(1987): S. 50) Ähnlichkeiten zu einer Sinfonie sieht, oder Orr, der dem Stück "(the) lyrical and auratic power of Greek tragedy" (Orr (1987): S. 87) bescheinigt.

den bedeutendsten amerikanischen Dramen und gilt neben Long Days Journey into Night als O'Neills herausragendstes und vielschichtigstes Werk.7

The Iceman Cometh zeigt die Ereignisse rund um die Geburtstagsparty des Hotelund Kneipenbesitzers Harry Hope und umfasst einen Zeitraum von knapp achtundvierzig Stunden. In vier Akten führt das Stück zunächst in die Traumwelt der Figuren ein, bevor diese in den folgenden Akten ins Wanken gebracht, dann zerstört und schließlich im letzten Akt wiederhergestellt wird. Die äußere Handlung ist hierbei stark reduziert: Eine Gruppe gescheiterter Alkoholiker und Obdachloser wartet auf das Eintreffen des Handlungsreisenden Theodore Hickman, genannt Hickey. Stark verändert und nicht länger die Frohnatur von einst, hat er sich zum Ziel gesetzt, seine Freunde von ihren Lebenslügen, den sogenannten pipe dreams, zu erlösen. Doch anstatt seinen Zechkumpanen wie geplant den inneren Frieden zu bringen, zerstört er ihre Hoffnungen und nimmt ihnen ihre Lebensfreude. Das Stück endet mit der Erkenntnis des Salesman, selbst einem pipe dream aufgesessen zu sein. Unfähig, mit dieser Einsicht zu leben, erklärt er sich für wahnsinnig und gibt seinen Freunden ihre Traumwelt zurück, die ihren gewohnten Alltag des Trinkens und Träumens unmittelbar wieder aufnehmen.

Im Gegensatz zu der geringen äußeren Handlung nimmt die innere Handlung ungleich mehr Raum ein. Die Geschehnisse sind retrospektiv und die Figuren in The Iceman Cometh leben weniger in der physischen Gegenwart der Bühne als in Heraufbeschwö- rung der Vergangenheit und in Antizipation der Zukunft. Nicht Veränderung der jetzigen Situation, sondern Bewältigung früherer auf sich geladener Schuld steht im Fokus des Dramas. "(T)he play is […] a vast exploration of degrees of guilt."8 O'Neill selbst betonte die hohe Bedeutung von Sünde und Erlösung in seinem dramatischen Werk: "In all my plays sin is punished and redemption takes place. Vice and virtue cannot live side by side."9 Und in Bezug auf The Iceman Cometh merkte er an: "Revulsion drives a

man to tell others of his sins… It is the Furies within us that seek to destroy us."10

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

7 So schrieb z.B. Brooks: "It is impossible not to be excited by [José Quintero's] production of Eugene O'Neill's The Iceman Cometh ", und nennt das Stück ein "major theatre work" (Brooks (1970): S. 212). Kritiker sehen in der Neuinszenierung "an admirable production" (Gilder (1970): S. 203) und ein "extraordinary play" (Brustein (1968): S. 101). Raleigh bezeichnet The Iceman Cometh sogar als "the most substantial dramatic literature ever composed on this continent." Raleigh (1968): S. 17. The Iceman Cometh ist äußerst schwer einzuordnen und wird formal von einigen als "thesis play" (Berlin (1987): S. 97), "drama of thought" und "discussion drama“ (Long (1968): S. 189) von anderen hingegen als "novelistic play" (Eisen (1994): S 157) oder "huge and vastly complex poem" (Black (1988): S. 17.) eingestuft. Inhaltlich wird The Iceman Cometh u.a. als "social drama", "ethnographic text“ (Stanich (1989): S . 55), "drama of disaster" (Heilman (1987): S. 17), "tragicomedy" (Berlin (1987): S. 101), "morality play" (Muchnic (1970): S. 439), "antipolitical play" (Diggins (2007): S. 235) und "memory play" (Floyd (1985): S. 512) bezeichnet.

Darüber hinaus setzt sich O'Neill in The Iceman Cometh insbesondere mit Träumen auseinander. Anhand der Bewusstseinsprozesse seiner Charaktere zeigt er, dass Menschen ohne pipe dreams nur bedingt lebensfähig sind. In einem Interview erklärte der Autor:

You ask, what is the significance, what do these people mean to us today? Well, all I can say is that it is a play about pipe dreams. And the philosophy is that there is always one dream left, one final dream, no matter how low you have fallen down there at the bottom of the bottle. I know because I saw it.11

Vor diesem Hintergrund stellt sich insbesondere die Frage, inwieweit auch der amerikanische Traum als ein solcher pipe dream anzusehen ist. Wenngleich The Iceman Cometh in der Sekundärliteratur ausgiebig diskutiert, fällt auf, dass eine Betrachtung des amerikanischen Traums nicht erfolgt ist. Weder in Publikationen zu The Iceman Cometh , noch in wissenschaftlichen Untersuchungen zum Gesamtwerk O'Neills, hat dieser Gegenstand bisher Beachtung gefunden.12 Dies ist umso erstaunlicher, als sich Eugene O'Neill selbst zum Mythos äußerte und das Stück damit indirekt kommentierte: "This American Dream stuff gives me a pain. Telling the world about our American Dream! I don't know what they mean. If it exists, as we tell the whole world, why don't we make it work in one small hamlet in the United States?"13 Ziel ist daher herauszuarbeiten, inwieweit The Iceman Cometh als Auseinandersetzung mit dem amerikanischen Traum verstanden werden kann.

2.The Iceman Comethals Weltder pipe dreams

Was in Death of a Salesman der Erfolgsund in Glengarry Glen Ross der Frontiermythos, ist in The Iceman Cometh der pipe dream. Als illusionäres Selbstbild hält er die Zechkumpanen in Harry Hopes Bar am Leben und garantiert ihnen ein beschwerdefreies Dasein. Ohne den schützenden Mechanismus der Täuschung sind die Träumer hingegen jeglicher Zuversicht beraubt. Insofern ist die Welt der Kneipenhocker eine Welt des Scheins, in welcher dem pipe dream eine lebenserhaltende Funktion zukommt: "The world of the pipe dream is all appearance, all make-believe, and in it nothing is ever felt – in illusion the emotions are buried, the real personality entombed."14

Wie in Death of a Salesman , entfalten sich die Ereignisse in The Iceman Cometh wesentlich im Aufeinanderprallen von Illusion und Wirklichkeit. Beseelt vom amerikanischen Traum eines "better, richer, and happier life"15, gedenken die Figuren eines unbestimmten 'Morgen', an welchem sie ihre glorreiche Vergangenheit wiederherstellen und ihren persönlichen Wunschtraum verwirklichen werden. An diesem Tag werden all ihre Hoffnungen in Erfüllung gehen. Harry Hope wird nach über zwanzig Jahren zum ersten Mal wieder seine Bar verlassen, der Zirkusmann Ed Mosher wird wieder als Kassenwart arbeiten, James Cameron ('Jimmy Tomorrow') wird seinen alten Job bei der Zeitung zurückerhalten, Joe Mott wird ein neues Spielkasino für Afroamerikaner eröffnen, der Ex-Polizist Pat McGloin wird wieder als Leutnant eingestellt und Cora und Chuck werden heiraten und eine Farm in New Jersey kaufen. Auch der Ex-Anarchist Hugo Kalmer, der 'General' Piet Wetjoen und einstiger Führer eines Burenkommendos, sowie Cecil Lewis alias 'The Captain' und ehemaliger Hauptmann der britischen Infanterie, träumen von der Wiederherstellung ihres einstigen Erfolgs. Eine Ausnahme bildet Willie Oban: Er erinnert sich nur ungern seiner Vergangenheit. Überzeugt davon, trotz seiner Alkoholsucht Karriere als Anwalt zu machen, verklärt jedoch auch er die Realität und stimmt hierin mit den anderen Kameraden überein. Demgegenüber haben Pearl, Margie und Rocky zwar keinen Zukunftstraum, doch auch sie gehören zum Kreis der ewigen Träumer: So sind die zwei Frauen überzeugt, lediglich 'tarts' und keine 'whores' zu sein, während Rocky sich nicht eingesteht, als Zuhälter zu arbeiten. Insofern steht der Name des Hotelbesitzers Harry Hope ironisch für die Hoffnung der Gestrandeten auf eine bessere Zukunft, und auch der Beiname James Cameron alias 'Jimmy Tomorrow' erhält eine symbolische Bedeutung.16

Bereits der Schauplatz der Handlung greift das Traummotiv auf. Von der Alltagswirklichkeit weitgehend abgetrennt, bildet das als "Raines-Law hotel of the period, a cheap gin mill of the five-cent whiskey, last resort variety situated in the downtown of New Y- ork" (IC xi)17 beschriebene Hotel den Zufluchtsort für eine Gruppe von Alkoholikern und Aussteigern, die an diesem realitätsfernen Ort zusammenkommen, um dem Treiben der Großstadt zu entfliehen.18

[...]


1 Vgl. beispielsweise Raleigh: "a parable analogous to the famous parable of the Cave of Plato's Republic [...], about the nature of reality and man's relationship to it" (Raleigh (1968): S. 13); oder Gilder: "an allegory of man's pitiful estate, a parable of his search for redemption" (Gilder (1970): S. 203). Ähnlich urteilt Haas, der das Stück als "Gesamtmetapher für die Misere des Menschen" (Haas (1974): S. 99) wertet.

2 O'Neill. Brief an Dudley Nichols. 16. Dezember 1942. In: O'Neill: Comments (1987): S. 197.

3 O'Neill. Brief an Eugene O'Neill Jr. 28. April 1941. In: O'Neill: Letters. (1988): S. 517.

4 O'Neill. Brief an Norman Holmes Pearson. 18. Juni 1942. In: O'Neill: Letters. (1988): S. 530.

5 Brustein (1987): S. 100; Gilder (1970): S. 206; Brustein (1968): S. 95. Für eine zusammenfassende Re-

zeptionsanalyse der drei New Yorker Produktionen vgl. beispielhaft William Hawley: The Iceman Cometh and the Critics – 1946, 1956, 1973. Eugene O'Neill Newsletter 9.3 (1985): S. 5-10.

6 Eisen (1994): S 156. Vgl. beispielhaft Bogard, der in den "the special qualities of lyric speech"(Bogard

8 Raleigh (1968): S. 15.

9 O'Neill zitiert in Bowen (1959): S. 309.

10 O'Neill zitiert in Bowen (1959): S. 309.

11 O'Neill. Interview mit Karl Schriftgiesser. NY Times, 6. Okt. 1946. In: O'Neill: Comments (1987): S. 144. 12 Nach eigener Recherche gibt es bisher keine Untersuchung, die sich mit O'Neill's The Iceman Cometh und dem amerikanischen Traum auseinandersetzt.

13 O'Neill zitiert in Bowen (1959): S. 315.

14 Chabrowe (1976): S. 78.

Details

Seiten
27
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640350377
ISBN (Buch)
9783640350094
Dateigröße
589 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128188
Institution / Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Schlagworte
Neills Iceman Cometh Traum Illusion Wirklichkeit

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