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Die Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens nach Lawrence Kohlberg

Hausarbeit 2006 19 Seiten

Pädagogik - Allgemein

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Ausgangspunkte von Kohlbergs Theoriebildung
2.1. Piagets Ansatz zur kognitiven Entwicklung
2.1.1. Stufen der kognitiven Entwicklung kindlichen Denkens
2.1.2. Stufen der Entwicklung moralischen Urteilens
2.2. Deweys Stufen des moralischen Urteilens

3. Lawrence Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteilens
3.1. Biographische Angaben
3.2. Kohlbergs Stufenmodell
3.3. Grundlegende Aspekte des Stufenmodells
3.4. Kohlbergs empirische Grundlage
3.5. Veränderung von Kohlbergs Standpunkt

4. Entwicklungen in der Praxis
4.1. Weiterentwicklung im praktischen Einsatz
4.2. Das Modell der Gerechten Gemeinschaft – Die Just Community
4.3. Mögliche Umsetzung von Kohlbergs Ideen in der Schule

5. Bedeutung von Kohlbergs Modell und abschließende Bemerkungen

1. Einleitung

„Wenn das Wohlergehen der Menschen vom Verhalten anderer Menschen beeinflusst wird, betreten wir den Bereich der Moral." (Oser und Althof, 1992. S. 11.)

Die Schlagworte der Moral und der Gerechtigkeit sind aus dem täglichen Sprachgebrauch nicht mehr wegzudenken. Sei es in der politischen Diskussion, in der Berichterstattung der Medien oder im privaten Bereich. Doch wie entwickeln sich beim einzelnen Menschen eigentlich Vorstellungen von Moral - und damit die Fähigkeit zum moralischen Urteilen und Handeln - und in welchem Verhältnis steht die Gerechtigkeit dazu? Der amerikanische Psychologe Lawrence Kohlberg versucht, dieser Frage in seiner Theorie zur Entwicklung der zunehmenden Gerechtigkeit des moralischen Urteilens auf den Grund zu gehen.

In Anlehnung an Immanuel Kant stellt Kohlbergs Theorie der Entwicklung des moralischen Urteils die Gerechtigkeitsaspekte von Moral ins Zentrum seiner Untersuchungen. Die Entwicklung dieses Standpunktes stellt Kohlberg wie folgt dar: „Das Forschungsprogramm […] hat sich von einer Begrenzung der Untersuchung der Moralität auf die Untersuchung der Moralentwicklung bewegt, von dort erfolgte eine Beschränkung auf die Untersuchung des moralischen Urteilens (und seines Zusammenhangs mit dem Handeln) und schließlich auf die Form oder kognitiv-strukturelle Stufe des Moralurteils, wie sie in Gerechtigkeitsurteilen verkörpert ist.“ (Kohlberg, zitiert nach Oser und Althof, 1992. S. 47f). So bildet das moralische Urteilen in Bezug auf Gerechtigkeitsfragen für Kohlberg den Kern der Moral.

Die Entwicklung der moralischen Urteilsfähigkeit erklärt er in einem sechs Stufen Modell, welches in dieser Arbeit dargestellt werden soll. Dazu werden zunächst einige Einflüsse, die seiner Theorie zugrunde liegen vorgestellt, darauf aufbauend befasst sich das dritte Kapitel mit Kohlbergs Stufenmodell. Das vierte Kapitel geht auf die praktischen Anwendungsmöglichkeiten von Kohlbergs Theorie ein. Kurze Anmerkungen über die Bedeutung von Kohlbergs Arbeit und einige Kritikpunkte stehen am Ende dieser Arbeit.

2. Ausgangspunkte von Kohlbergs Theoriebildung

2.1. Piagets Ansatz zur kognitiven Entwicklung

Der Schweizer Psychologe Jean Piaget (1896-1980) ist der Begründer der kognitiven Entwicklungspsychologie. Da Kohlbergs Theorie u. a. auf Überlegungen Piagets aufbaut, soll an dieser Stelle der – für Kohlbergs Modell relevante – Ansatz zur kognitiven und moralischen Entwicklung kurz skizziert werden.

Piaget beurteilt die geistige Entwicklung eines Individuums hauptsächlich als strukturellen Prozess, in dessen Verlauf sich die kognitiven Muster des Subjekts stetig weiterentwickeln.

Diese Entwicklung der Denk- und Handlungsstrukturen des Menschen geschieht durch die Auseinandersetzung und Interaktion mit der Umwelt. So entwickeln sich Vorstellungen über die Welt, die mit neuen Erfahrungen immer wieder abgestimmt werden müssen, da das Individuum vor immer weitere Probleme gestellt wird. Wenn die erworbenen kognitiven Strukturen zu deren Bewältigung nicht ausreichend sind, müssen sie auf ein höheres Niveau angehoben werden, so dass „eine Reintegration der Umwelteinflüsse und der eigenen Vorstellungen erreicht wird.“ (Tillmann, 2003. S..90)

Bei diesem Prozess - der so genannten Äquiliberation - wird ein gestörtes Gleichgewicht von Anforderungen und Fähigkeiten durch ein neu erworbenes Gleichgewicht abgelöst. Dies geschieht durch die Integration von Informationen in das vorhandene Realitätsbild (Assimilation - Wirkungsrichtung Subjekt zu Objekt) oder durch die Anpassung der subjektiven Muster an die Umwelt (Akkommodation – Wirkungsrichtung Objekten zu Subjekt). Oder wie Oser kurz formuliert: „Das Denken entwickelt sich in der Auseinandersetzung, in Wechselwirkung mit der dinglichen und sozialen Umwelt. Auftauchende Hindernisse werden zu Anregungen für Veränderungen der geistigen Herangehensweise, des >kognitiven Apparats< [Hervorhebungen im Original]“ (Oser und Althof, 1992, S.42).

Auf Basis dieser Überlegungen fußt Piaget sein Stufenmodell der kognitiven Entwicklung des Subjekts.

2.1.1. Stufen der kognitiven Entwicklung kindlichen Denkens

Piaget unterscheidet in seinem Modell der kognitiven Entwicklung vier Stufen, die ein Kind in seiner Entwicklung durchlaufen muss:

(1) In der sensomotorischen Stufe (0 bis 2 Jahre) vollzieht sich die Entwicklung vom - auf Reflexe angewiesenen - Neugeborenen zum Kleinkind, das lernt, seine Umwelt mittels einfacher Konzepte zu begreifen. Dies bezieht sich sowohl auf das Denken als auch auf das Handeln des Kindes. Die so erworbenen Fähigkeiten bleiben jedoch objektgebunden.
(2) Die prä-operationale Stufe (ca. 2 bis 7 Jahre) markiert den Beginn der Sprachentwicklung des Kindes; Es entwickeln sich symbolische Vorstellungen von abwesenden Dingen und Ereignissen. Die prä-operationale Stufe zeichnet sich durch eine egozentrische Sichtweise des Kindes aus. Es hat noch keine Möglichkeit sich in andere Sichtweisen hineinzuversetzen, da es davon ausgeht, dass alle Menschen seine Perspektive teilen. In diesem Alter verfügt das Kind noch nicht über die Fähigkeit logisch zu denken. Denken basiert auf Kontiguität; gleichzeitige Vorgänge werden in einen Kausalzusammenhang gebracht. Dieses „magische“ Denken ist typisch für diese Entwicklungsstufe.
(3) Mit erreichen der Stufe des konkreten Operierens (ca. 7 bis 12 Jahre) überwindet das Kind seine egozentrische Begrenzung sowie das „magische Denken“. Es besitzt nun die Befähigung zum logischen Umgang mit konkreten Objekten und die Begabung, sich in die Lage anderer zu versetzen. Dennoch kann es auf dieser Stufe nicht abstrahierend über die erlebte Realität hinaus denken.
(4) Die Stufe des formalen Operierens (ca. 11 Jahre und älter) vollendet nach Piaget weitestgehend die Entwicklung der Denkfähigkeit des Kindes. Es lernt hypothetisch zu Denken und besitzt die Fähigkeit, zu formalen Operationen als „Operationen zweiter Ordnung“ - die Befähigung über Gedanken nachzudenken und allgemeine Gesetze zu erkennen. Das Kind vermag nun sich selbst zu reflektieren (vgl. Tillmann, 2003. S.90ff).

Die verschiedenen Stufen der kognitiven Entwicklung müssen in einer nicht umkehrbaren Abfolge absolviert werden, es kann auch keine Stufe übersprungen werden. Auch ist nach dem Erreichen einer Stufe kein Rückfall auf eine niedrigere Stufe der Problembewältigungsfähigkeit möglich (Invarianz der Sequenz). Die Denkfähigkeiten einer Stufe werden in die nächst höheren transformiert und in ihnen „aufgehoben“ (Hierarchische Integration).

Bestimmte Schritte in der Denkentwicklung müssen also bereits abgeschlossen sein, so dass die moralische Entwicklung beginnen kann.

Für die Entwicklung des moralischen Urteilens sind die drei Stufen ab dem Erwerb der Sprache relevant (da das Kind in der sensomotorischen Phase noch nicht über die dazu erforderlichen Fähigkeiten verfügt): das prä-operationale, das konkret-operationale und das formal-operationale Denken.

2.1.2. Stufen der Entwicklung moralischen Urteilens

Durch Beobachtung des Verhaltens von Kindern beim Murmelspiel fand Piaget folgende Stadien in der Entwicklung der moralischen Regelpraxis:

(1) In einem motorisch-individuellen Stadium (0-2 Jahre) spielt das Kind alleine, nach eigenen Vorstellungen und seinen motorischen Gewohnheiten entsprechend. Es zeigen sich zwar ritualisierte Wiederholungen, die aber aufgrund der Individualität des Spieles dem Bereich von motorischen Regeln zugeschrieben werden.
(2) In einem nachahmenden und egozentrischen Stadium (ca. 2-7 Jahre) ahmt das Kind gegebene Beispiele, also auch Regeln nach. Das Kind spielt aber alleine, auch wenn es gemeinsam mit anderen spielt. Jedes Kind kann gleichzeitig Gewinner sein, da die parallel spielenden Kinder nicht versuchen, sich auf gemeinsame Regeln zu einigen.

[...]

Details

Seiten
19
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640342921
ISBN (Buch)
9783640342679
Dateigröße
429 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128122
Institution / Hochschule
Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg – Institut für Pädagogik
Note
2
Schlagworte
Lawrence Kohlberg Moralisches Urteilen Pädagogik Kohlberg Entwicklung des moralischen Urteilens Gerechtigkeit des moralischen Urteilens Theorie

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