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Schulangst. Ursachen, Symptome und wie Kinder damit umgehen

Examensarbeit 2007 111 Seiten

Pädagogik - Pädagogische Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1 Einleitung

Theoretischer Teil

2 Begriff und Begriffsbestimmung von Angst und Schulangst
2.1 Der Begriff Angst
2.1.1 Angst – eine emotionale Störung
2.1.2 Die normale Angst
2.1.2.1 Körperliche und psychische Angstsignale
2.1.2.2 Angst ist angeboren und wird erlernt
2.1.2.3 Die Übertragung von Angst und die Entstehung von Angst durch Verdrängung
2.1.3 Die neurotische Angst
2.1.4 Angst unter verschiedenen geisteswissenschaftlichen bzw. theoretischen Aspekten
2.1.4.1 Der soziologische Aspekt von Angst
2.1.4.2 Der philosophische Aspekt von Angst
2.1.4.3 Der psychologische Aspekt von Angst
2.1.4.4 Der pädagogische Aspekt von Angst
2.1.5 Angst in Abgrenzung zu anderen Begriffen
2.1.5.1 Angst in Abgrenzung zu ‚Furcht‘
2.1.5.2 Angst in Abgrenzung zu ‚Phobie‘ und ‚Panik‘
2.1.5.3 Angst in Abgrenzung zu ‚Neurose‘
2.2 Schulangst – eine spezielle Art von Angst
2.2.1 Formen der Schulangst
2.2.2 Die Schulphobie
2.3 Theorieansätze zur Entstehung von Schulangst
2.3.1 Die psychoanalytische Angsttheorie
2.3.2 Die Behavioristische Theorie zur Entstehung von Angst
2.3.3 Die kognitionstheoretischen Ansätze zur Entstehung von Angst

3 Ursachen der Schulangst
3.1 Familiäre Situation und Erziehung als Ursache von Schulangst
3.2 Schulische Bedingungen als Ursache von Schulangst
3.2.1 Angst vor Leistungsanforderungen
3.2.2 Angst vor Konflikten im zwischenmenschlichen Bereich
3.2.2.1 Lehrer-Schüler-Interaktionen
3.2.2.2 Konflikte auf der Schülerebene
3.3 Lernschwierigkeiten und –störungen als Ursache von Schulangst
3.4 Zukunftsängste der Schüler als Ursache von Schulangst

4 Symptome und Folgen von Schulangst
4.1 körperliche Symptome und Folgen
4.2 Seelische Symptome und Folgen von Schulangst
4.3 Verhaltensauffälligkeiten als Folge von Schulangst
4.4 Fazit Theoretischer Teil

Empirischer Teil

5 Konzeption der empirischen Untersuchung
5.1 Die Methode der Schulangstuntersuchung
5.2 Zur Situation der Klasse
5.3 Verlaufsbeschreibung der Untersuchung
5.4 Zusammenfassung und Diskussion der Untersuchungsergebnisse
5.4.1 Überblick über die Untersuchungsergebnisse
5.4.2 Zusammenfassung der Untersuchungsergebnisse
5.4.3 Begründung der Untersuchungsergebnisse mit Hilfe von Theorieansätzen zur Entstehung von Schulangst
5.4.3.1 Anwendung der psycholanalytischen Angsttheorie auf die Schulangstuntersuchung
5.4.3.2 Anwendung der behavioristischen Theorie zur Entstehung von Schulangst auf die Schulangstuntersuchung
5.4.3.3 Anwendung der kognitiven Angsttheorie, insbesondere Lazarus Stresstheorie auf die Untersuchungsergebnisse
5.4.3.3.1 Fall I: Angst in der Schule ausgelöst durch den Spott von Mitschülern
5.4.3.3.2 Fall II: Schulangst aufgrund von schulischen Leistungssituationen
5.4.3.3.3 Fall III: Schulangst ausgelöst durch das Verbringen einer Unterrichtsstunde in einer anderen Klasse

6 Ausblick - Konsequenzen für Lehrer
6.1 Prävention und Abbau von Schulangst durch die Schule unter Berücksichtigung der Untersuchungsergebnisse
6.2 Prävention und Abbau von Schulangst im familiären Bereich

7 Schlusswort

8 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

„Warum in die Schule gehen? – Schulschwänzen hat viele Ursachen“ heißt ein Artikel der vierten Ausgabe 2000 des DAKmagazins. In diesem Artikel wird beschrieben, warum Kinder die Schule schwänzen und was bei Kindern Schulangst hervorrufen kann. Es wird gesagt, dass heute viele Kinder nicht mehr gerne in die Schule gehen. Das hat verschiedene Gründe: Sie können dem Unterricht nicht mehr folgen „[...] und empfinden die Anforderungen als unerträglich“ (DAKmagazin 4/2000, S.4). Die Folge davon ist oft, dass die Kinder am Unterricht nicht mehr aktiv teilnehmen und dadurch mehr und mehr Wissenslücken entstehen. Laut DAKmagazin „[...] ein Teufelskreis, der oft in Schulschwänzen mündet“(ebd.). Hierfür werden verschiedene Ursachen genannt. Dabei sind „Probleme im Elternhaus“ (ebd.) eine der Hauptursachen. Andere Ursachen sind unerkannte oder unbehandelte gesundheitliche Störungen, die psychischer oder physischer Natur sein können. Auch Legasthenie kann ein Grund für Unterrichtsverweigerung oder Schulschwänzen der Kinder sein. Hinzu kommt „die zunehmende Gewalt an Schulen“, die von „brutaler Gewalt (Schläge, Auflauern, Erpressung) bis zu den ‚subtilen‘ Methoden: Spott, Hohn, Hänseleien und Erniedrigungen, Beleidigungen, Beschimpfungen durch Klassenkameraden“ reicht (ebd.). Als Reaktion darauf treten bei den Kindern Symptome wie „Kopfschmerzen, psychosomatische[n] Erkrankungen und Schulangst“ auf. (ebd.).

Um dem vorzubeugen, sollten Lehrer bereits präventiv tätig werden. Wichtig ist, den Kindern beizubringen, dass sie freundlich und respektvoll miteinander umgehen, denn das „[...] bietet die Voraussetzung für das spätere Leben.“ (ebd.).

Aber ist Schulangst nicht zunächst eine natürliche Angst, die jeder von uns wohl schon empfunden hat? Hat nicht jeder von uns schon einmal Angst in der Schule gehabt? Das kann die Angst vor der Einschulung, die Angst vor Klassenkameraden und Lehrern oder auch die Angst vor schlechten Zensuren gewesen sein.

Problematisch wird es aber dann, wenn die Schulangst so stark wird, dass ein Kind davon in seinem alltäglichen und schulischen Leben behindert oder gar krank wird. Dann muss etwas unternommen werden. Allerdings ergibt sich die Schwierigkeit der Kinder, ihre eigene Schulangst zu beschreiben oder diese überhaupt als Angst wahrzunehmen.

Eltern und Lehrer haben oft keinen Einblick in die Schulängste der Kinder, sie wissen nicht, was mit dem Kind „nicht stimmt“ oder was ihm fehlt und sind daher oft ratlos. Lehrer und Lehrerinnen werden von ihren Schülern und Schülerinnen[1] oder deren Eltern nur selten um Rat gebeten, wenn es um Schulangst geht. Das Thema wird in der Grundschule auch nicht angesprochen. Es wäre ja schlecht für die Institution Schule zuzugeben, dass in ihr auch negative Situationen und Einzelfälle, in denen die Schulangst zur Schulphobie wird, auftreten können.

Infolgedessen kann oder will sich niemand mit dem Thema auseinandersetzen, solange dafür nicht absolute Notwendigkeit besteht, nämlich dann, wenn das Kind aufgrund übermäßiger Schulangst den (Schul)alltag nicht mehr bewältigen kann und eine Psychotherapie oder ähnliches benötigt, um aus der belastenden Angstsituation herauszufinden.

Wahrscheinlich haben auch die Lehrer und Eltern Angst, durch Diskussion und Behandlung dieses heiklen Themas im Unterricht und zu Hause erst recht, Schulangst bei den Kindern hervorzurufen.

Deshalb ist es meiner Meinung nach zunächst wichtig, sich mit dem Begriff der Angst und speziell der Schulangst, den Theorien zur Entstehung von Angst, den Ursachen und den einhergehenden Symptomen und Folgen der Schulangst auseinanderzusetzen. Diese habe ich im ersten Teil meiner Zulassungsarbeit untersucht.

Im zweiten Teil, dem Praxisteil, durchleuchtete ich den Theorieteil mit Angsttheorien, Ursachen und Symptomen der Schulangst näher. Dabei habe ich versucht, in einer Grundschulklasse den Ist-Stand von Schulangst festzustellen.

Ich wollte herausfinden, ob überhaupt und wie die Kinder selbst Situationen erleben, die in der Literatur als Schulangst bezeichnet werden. Die Einbeziehung der Kinder hierbei war mir besonders wichtig, denn schließlich geht es um sie und ihre Empfindungen und Bedürfnisse bezüglich der Schule.

Ziel meiner Arbeit soll für mich als angehende Lehrerin sein, die Schulängste der Kinder zu erkennen und ihnen, wenn möglich, präventiv entgegenzuwirken. Zusätzlich sollen eventuelle Möglichkeiten für Lehrer, Eltern und Kinder zum Umgang mit Schulangst aufgezeigt werden. Denn als oberstes Ziel einer Schule sollte neben der Erfüllung des Bildungsauftrags auch das Bestreben stehen, den Kindern eine angenehme und schöne Schulzeit zu bereiten.

Möglichkeiten zur Heilung von Schulangst, durch Mediziner und Psychologen habe ich in meiner Arbeit bewusst nur kurz angesprochen, beziehungsweise ganz ausgegrenzt, um nicht in den mir fremden medizinischen Bereich abzuschweifen. Auch die Schulphobie habe ich nicht näher untersucht. Diese Fragestellungen überlasse ich den Fachleuten auf diesem Gebiet. Außerdem soll meine Arbeit Präventivmaßnahmen als Konsequenzen und Hilfe aufzeigen. Denn sitzt die Schulangst erst einmal tief, kann die Schule, beziehungsweise der Lehrer, nur noch bedingt helfen.

Meine Quellensuche und Literaturrecherche basierte auf verschiedenen Suchsystemen: Zum einen recherchierte ich im Internet mit Schlagwörtern, wie Schulangst und Angst in der Schule, zum anderen suchte ich mit denselben oder ähnlichen Suchbegriffen über den Server der Universitätsbibliothek in Ulm nach einschlägiger Literatur zu meinem Thema. Die auf diesem Weg gefundene Literatur erhielt ich zum Teil in der Universitätsbibliothek, in der Pädagogischen Zentralbibliothek in Stuttgart und hauptsächlich in der Württembergischen Landesbibliothek in Stuttgart. In diesen Bibliotheken fand ich mit Hilfe von weiteren Schlagwörtern, Autoren und Titeln aus Handbüchern, Nachschlagewerken und mir bereits bekannten Fachbüchern weitere Quellen zu meinem Thema. Auch einige brauchbare Zeitschriftenaufsätze konnte ich auf diesem Wege finden und an der Pädagogischen Zentralbibliothek, in der alle Zeitschriften (auch solche älterer Jahrgänge) sofort greifbar sind, entleihen.

Theoretischer Teil

2 Begriff und Begriffsbestimmung
von Angst und Schulangst

2.1 Der Begriff Angst

2.1.1 Angst – eine emotionale Störung

Um den Begriff ‚Angst‘ in eine größere Gruppe einzuordnen, muss man sich zunächst die Gruppe der ‚speziellen Störungen‘ im Bereich der Psychologie ansehen. Hierzu sagt MYSCHKER: „[...] „spezielle Störungen“ sind zumeist in einem engen Zusammenhang mit der Gefühlswelt des Menschen zu sehen oder beziehen sich direkt auf diesen psychischen Bereich[...]“ (MYSCHKER, 1999, S.320).

Die Angst ist demnach eine emotionale Störung. Emotionen sind sehr bedeutsam für das menschliche Leben. Unter Emotionen versteht man so genannte psychische Zustände, die durch die Evolution des Menschen und der Tiere über mehrere Jahrtausende hinweg entstanden sind. Sie dienen nach MYSCHKER dazu „Ereignisse zu bewerten und die aus Anlage- und Lernbedingungen resultierenden Verhaltensmuster selbstbestimmt zu aktivieren, für die entsprechende physiologische Abläufe verfügbar sind.“ (ebd.). Man geht in der Psychologie von fünf Grundemotionen aus:

1) Freude und Glück
2) Angst und Furcht
3) Ärger und Wut
4) Ekel und Hass
5) Zorn und Trauer,

die zusätzlich eine große Anzahl von „Gefühlsmischungen“ bewirken können.(vgl. MYSCHKER, 1999, S.320). Zusätzlich muss man laut MYSCHKER davon ausgehen, „[...] dass Wut nicht gleich Wut, Angst nicht gleich Angst ist, dass es große interindividuelle und situationsabhängige Unterschiede gibt – und zwar qualitativ und quantitativ. [...] dass Emotionen gleicher Art auf sehr unterschiedliche psychische Abläufe zurückzuführen sein können“ (ebd.). So weint zum Beispiel der eine, weil er trauert, ein anderer aber weint vor Glück. „Emotionale Kategorien sind also deskriptive Konstrukte, die Menschen als sprachliche Zeichen brauchen, um Ordnung in die Vielfalt emotionaler Phänomene zu bringen und diese Phänomene analysierbar und erklärbar zu machen“ (ebd.).

Im Bereich der speziellen Störungen liegt Angst nahe bei Aggression. Die Emotionen dienen der Selbsterhaltung des Menschen. Sie können jedoch bei besonders starker Ausprägung auch selbstzerstörend wirken.

Betrachtet man die Verhaltensstörungen von Kindern und Jugendlichen, so erkennt man, dass Angst und Aggression zu den größeren Gruppen der speziellen Störungen gehören. Unterteilen lassen sich diese Emotionen laut MYSCHKER in die Gruppe der „ängstlich-gehemmt[en]“ und in die der „aggressiv-ausagierend[en]“ Kinder und Jugendlichen (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 321). Interessant ist der Aspekt, dass Kinder und Jugendliche Angst vor dem aggressiven Verhalten von Gleichaltrigen, Älteren oder Mitschülern in der Schule haben.

In dieser Arbeit soll es um die Schulangst von Kindern als spezielle Störung gehen. Aggression bei Kindern und Jugendlichen ist ein anderes Thema und wird nur in Kapitel 4.3 als Folge von Angst kurz dargestellt und in den Kapiteln 3 und 4 hinsichtlich den Ursachen und Symptomen von Schulangst erläutert.

2.1.2 Die normale Angst

Hinsichtlich der Definition von ‚Angst‘ ist zu sagen, dass eine allgemeingültige Begriffsbestimmung nicht möglich ist. In der Regel wird Angst in der Literatur durch die Umschreibung von Angst oder die Beschreibung der Merkmale von Angst erklärt.

Angst ist zunächst ein dem Menschen ureigenes normales und gesundes Gefühl. Angst steht also neben anderen Gefühlen wie zum Beispiel Wut, Freude, Zufriedenheit, Zorn, Trauer und ist wie diese im Menschen biologisch verankert.

Diese Annahme wird zum Beispiel durch DELLISCH belegt. Sie sagt: „Die Angst hat als warnendes Signal vor Gefahr eine entscheidende Schutzfunktion. Sie gehört – ebenso wie der Schmerz – zur existentiellen und biologischen Grundausstattung jedes Lebewesens“ (DELLISCH, In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, Heft 4/1991, S. 128).

Doch kaum ein anderer Gefühlszustand ist wie Angst so deutlich im Gesicht und am Körper sichtbar. Daher wird Angst als „[...] ein durch negative Gefühle (Beeinträchtigung, Bedrohtheit) gekennzeichneter Zustand, der oft mit körperl. [= körperlichen][2] Symptomen (Zittern, Schweißausbruch, erhöhte Pulsfrequenz etc.) und Vermeidungstendenzen (Abwehr, Flucht, Bewegungslosigkeit, [...] Aggression etc.) einhergeht“, bezeichnet (BÖHM, 2000, S. 24).

Nach BEDERSDORFER entsteht Angst, „[...] wenn eine Person eine Situation als bedrohlich einschätzt“ (BEDERSDORFER, 1988, S. 19).

Für STRITTMATTER ist „Angst ein Phänomen im Leben eines jeden Menschen“ (STRITTMATTER, 1993, S. 55).

Der biologische Aspekt der Angst ist auf unsere prähistorischen Vorfahren zurückzuführen. Angst dient demnach sowohl für Tiere als auch für den Menschen als natürliches Warnsystem des Körpers gegen Gefahren und Bedrohungen.

Solche Gefahren und Bedrohungen können ausgehen von:

- tatsächlich vorhandenen Objekten oder eingetretenen Ereignissen, wie zum Beispiel ein brennender Gegenstand, eine schwere Krankheit,
- eigenen Gefühlen und Empfindungen, zum Beispiel Schmerzen, Atemnot, Herzklopfen, Schwindelgefühle,
- gedanklichen Erwartungen und Vorstellungen, beispielsweise die Vorstellung mit einem Flugzeug abzustürzen.

Die Bedrohung ist ein psychische oder physische Wirkung erzeugendes Gefahrenmoment, das real oder eingebildet sein kann. Ob jemand eine Situation als bedrohlich empfindet, hängt von seiner Person selbst und seinen Motiven ab.

Wenn man Angst empfindet, fühlt man sich bedroht, empfindet eine Situation als unkontrollierbar oder bangt um sein Leben. Durch die aufkommende Angst setzt man sich zur Wehr, handelt schnell oder flüchtet. Demnach ist Angst ein uns ureigenes Alarmsignal unseres Körpers und löst eine Alarmreaktion aus. Diese Alarmreaktion zwingt uns zur Vorsicht.

Nach KELLER & NOVAK beschreiben folgende Merkmale die Angst ausreichend:

„- Angst wird als unangenehmes, beklemmendes Gefühl erlebt.

- Das unangenehme Gefühl, die Spannung entsteht als Reaktion auf eine reale und vermeintliche äußere oder innere Bedrohung, eine Gefährdung.
- Das Erleben wird begleitet von körperlichen Reaktionen.
- Die Angst beeinflusst in der Regel das Verhalten (Vermeidungsverhalten, Flucht, Passivität). Sie führt u.a. zu Schlafstörungen und Impotenz“ (KELLER&NOVAK, 1993, S. 26).

Die Formen der Angst sind verschiedener und vielseitiger Natur. Gemäß Schwarzer existieren drei große Gruppen von Angst: die Leistungsangst, die soziale Angst und die Existenzangst.

Schwarzer unterteilt diese drei Gruppen nochmals in ein breites Spektrum von Unterängsten, die situationsspezifisch auftreten:

Jede dieser Angstformen kann bei Annahme eines extrem starken Ausmaßes zur Angstphobie, zur neurotischen Angst und eventuell zur Panik werden.

2.1.2.1 Körperliche und psychische Angstsignale

Angst kann sich durch körperliche Veränderungen wie heftiges Schwitzen, erhöhter Pulsschlag, unregelmäßiger Atem, Erbleichen, plötzlicher Harn- und Stuhldrang bemerkbar machen (vgl. SCHAUB & Zenke, 1997, S. 26). Grund hierfür ist eine durch Stress bedingte Adrenalinausschüttung, die im vegetativen Nervensystem stattfindet, körperliche Stresssymptome zur Folge hat und wie folgt abläuft:

Unser Gehirn reagiert auf eine Bedrohung noch bevor uns diese bewusst ist. Während sich die Pupillen reflexartig weiten und damit die Nachricht einer Gefahr weitergeben, werden bestimmte Gehirnteile, wie Thalamus, Großhirnrinde und Hypophyse dazu angeregt, Botschaften an andere Körperorgane und –teile zu schicken. Botenstoffe, wie zum Beispiel Noradrenalin, steigern nun die Leistung von Atmung, Herz und Kreislauf und der Muskulatur. Die Muskeln werden durch das Herz stärker mit Blut versorgt. Dadurch verringert sich die Durchblutung der Haut. Die Stresshormone Noradrenalin, Adrenalin und Kortisol werden stärker durch die Nebenniere ausgeschüttet. Zuckerreserven werden durch die Leber freigesetzt, parallel dazu vermindert die Bauchspeicheldrüse die Produktion von Insulin. Hierdurch steigt der Blutzuckerspiegel. In der Regel werden körperliche Angst- und Stressreaktionen nach einer Weile vom Körper automatisch wieder dem Normalzustand angepasst (vgl. FALLER, 1999, S. 325).

Durch körperliche Symptome können auch andere Personen erkennen, dass wir Angst haben und Hilfe benötigen. Vor allem bei Säuglingen, die sich verbal noch nicht äußern können erweisen sich diese Angstsignale als lebensnotwendig.

Auch durch ängstliche Gefühle und Gedanken kann sich Angst zeigen. Angst führt zur Beschleunigung unserer körperlichen und psychischen Reaktionen. Die einsetzenden Reaktionen auf Angst werden zumeist als unangenehm empfunden. Sie können jedoch ebenso positiv ausgelegt werden, da sie den Menschen schützen, indem sie Kraft und Energie geben, um bei Gefahr zu kämpfen oder zu fliehen. Angst beinhaltet also die Komponenten körperliche Symptome, Gedanken und Gefühle und Verhaltensänderung. Angst kann individuell konstruktiv oder destruktiv wirken.

Destruktiv ist die Angst für die betroffene Person, wenn die Angstreaktion nicht mit der objektiven Gefahr übereinstimmt. Zum hemmenden Faktor wird Angst dann, wenn das Gefühl der Angst ein individuell abhängiges Maß überschreitet. Der Betroffene erlebt zusätzlich ein Gefühl der Hilflosigkeit, er verfügt also nicht über angemessene Angstbewältigungsstrategien. Ein Gefühl der Hilflosigkeit tritt dann auf, wenn die Verbindung zwischen eigenem Handeln und den Folgen für die Umwelt fehlt. Die Person neigt nun dazu, zur Abwehr dieses Angstgefühls neurotische Mechanismen zu wählen.

Wenn die Angst krankhaft wird, können körperliche Reaktionen bei den Betroffenen auftreten wie zum Beispiel Herzrasen, Panikausbrüche, starkes Zittern und Ohnmachtsanfälle. Derartige Symptome sind äußerst unangenehm und werden kaum als positiv empfunden.

Neurophysiologisch lässt sich „[...] Angst [als] das Produkt der Verarbeitung von bedrohlichen Informationen aus der Innen- und Außenwelt im zentral gelegenen limbischen System des Gehirns, das je nach Situation andere Gehirnpartien zur Reaktion veranlaßt“, bezeichnen (KÖCK & OTT, 1997, S. 30).

2.1.2.2 Angst ist angeboren und wird erlernt

Angst entsteht bereits im Säuglings- und Kleinkindalter. Bereits die Geburt, die als Loslösen aus der schützenden Höhle des Mutterleibes empfunden wird, ruft beim Neugeborenen Angst hervor. Im Laufe der Entwicklung geraten Kleinkinder und Kinder immer wieder in Situationen, die sie noch nie erlebt haben, die undurchschaubar und unausweichlich sind und demnach Angst hervorrufen. Beispiele hierfür sind das so genannte Fremdeln beim Säugling, das um den achten Lebensmonat auftritt, die Angst vor Gewitter und Dunkelheit sowie die Angst vor der Schule. Zusätzlich lösen folgende Situationen bei Kindern Angst aus:

„- Isolation oder drohender Kontakt- bzw. Liebesverlust;
- Überforderung und die damit verbundenen Gefühle der Unzulänglichkeit;
- Situationen, in denen sich das Kind nicht orientieren kann, Unsicherheit, Fehlen von verlässlichen Normen;
- massive Einengung kindlicher Aktivitäten, Bestrebungen und Eigeninitiative;
- Ängstlichkeit und Unsicherheit der Bezugspersonen (Mutter, Vater, Lehrer)“ (KELLER & NOVAK, 1993, S. 27).

Es gibt Ängste, mit denen die meisten Menschen im Laufe ihres Lebens konfrontiert werden, wie die Angst vor Krankheiten und Schmerzen, die Angst vor Einsamkeit, Trennung und Tod oder Angstschrecken-Reaktionen mit starken körperlichen Reaktionen wie zum Beispiel heftiges Herzklopfen. Auch die Angst vor unangenehmen Situationen wie beispielsweise Prüfungen, Arztbesuche oder Angst vor zukünftigen ausweglos erscheinenden Situationen ist bei vielen Menschen feststellbar.

Angst ist demnach angeboren und wird während des Lebens erlernt und kann sich vielseitig zeigen beziehungsweise auswirken. Wie stark ein Mensch zu Angst neigt, ist angeboren.

Erlernen lässt sich Angst durch Modelle und Vorbilder, wie zum Beispiel das Imitieren von Ängsten bei Menschen, die uns nahe stehen, wie Eltern, Geschwister oder auch Menschen in unserem Umfeld.

Andererseits erlernen wir Angst durch eigene Erfahrungen. Sind wir beispielsweise einmal aus gefährlicher Höhe von einem Baum gefallen, so werden wir aus Angst vor einem weiteren Sturz diesen Baum oder andere hohe Bäume meiden. Hier dient die erlernte Angst dem Schutz unserer Gesundheit.

Zudem kann Angst durch klassisches Konditionieren (Vgl. Kapitel 2.3.2) gelernt werden.

2.1.2.3 Die Übertragung von Angst und die Entstehung von Angst durch Verdrängung

Angst lässt sich auch übertragen. Wenn man oft negative Erlebnisse hat und selten Erfolge durch eigene Leistungen aufweisen kann, neigt man dazu, die Angst weiterzuentwickeln. Die Angst wird dann auf Situationen übertragen, die bisher keine Angst auslösten und mit dem negativ Erlebten nicht in Zusammenhang stehen.

Durch Verdrängung kann ebenfalls Angst entstehen. Wenn man sich mit wichtigen alltäglichen Situationen nicht beschäftigen will, diese beiseite schiebt oder gar verdrängt und dadurch keine Lösung erhält, entsteht Angst. Solche Situationen können sein: verdrängte Gefühle, ungelöste Konflikte, anstehende Aufgaben, unerledigte Verpflichtungen und Themen, die Unbehagen bereiten.

Auch aus Mangel an Informationen kann Angst entstehen. Wenn man beispielsweise unzureichend vorbereitet in eine Prüfung geht und über das Prüfungsthema nicht ausreichend Bescheid weiß oder das Falsche gelernt hat, fühlt man sich hilflos und verliert den Überblick. So wird Angst aufgrund einer negativen Erwartungshaltung gelernt.

Laut WINKEL lassen „[V][v]erdrängte und verschobene Ängste [lassen] auf unbewusste Bedrohungen schließen, so dass die Therapie es schwer hat, die eigentlichen Angstursachen zu ermitteln“ (WINKEL, 1979, S. 46).

2.1.3 Die neurotische Angst

Angst kann allerdings auch ein bestimmtes Ausmaß überschreiten und das Alltagsleben eines Menschen beeinträchtigen. Wenn ein Mensch seinen täglichen Aufgaben nicht mehr nachgehen kann, Angst die Kontrolle über ihn gewonnen hat und in einer Situation unangemessen stark, oft und lang anhaltend auftritt, wird Angst zur Krankheit. Zu der Entstehung von krankmachender Angst sagt DELLISCH: „Gerät das Individuum durch extrem belastende oder ausweglose Situationen an die Grenzen seiner Bearbeitungskapazität, treten Symptome auf: Neurotische oder psychosomatische Symptome als regressive Verarbeitung von Stress und Angst“ (DELLISCH, In: Praxis der Kinderpsychologie und Kinderpsychiatrie, Heft 4/1991, S. 128).

Die Betroffenen versuchen in der Regel durch Vermeidung der angstauslösenden Situation der Angst entgegen zu wirken, nehmen dadurch jedoch intensives Leiden und eine starke Lebenseinschränkung in Kauf.

Angst, die krank macht, wird auch als neurotische Angst oder Angststörung bezeichnet. Das bedeutet, etwas Verborgenes im Menschen, das einmal Angst auslöste, zeigt sich nun als unbegründete Angst. Es wird Angst erlebt, obwohl keine Gefahr vorliegt. Dem Angsterleben liegt auch keine tatsächlich nachvollziehbare Bedrohung zugrunde oder aber das Ausmaß einer konkret vorhandenen oder erwarteten Gefahr wird vollkommen überschätzt.

Nach MYSCHKER kann von „[...] neurotischer Angst [kann] gesprochen werden, wenn die Emotion übersteigert ist, als krankhaft empfunden wird, anfallartig auftritt, sich – was häufig der Fall ist – auf einzelne Organe zentriert, z.B. auf das Herz, den Magen, die Atmung“ (MYSCHKER, 1999, S.323).

Der Begriff ‚neurotische Angst‘ stammt aus der Tiefenpsychologie und Psychotherapie, die davon ausgehen, dass alle seelischen Störungen, wie zum Beispiel Depressionen, letztlich auf Angst zurückgehen.

Demnach sollten immer wieder auftretende Ängste, deren Motive undeutlich sind, durch Therapie, beziehungsweise Psychotherapie besprochen und behandelt werden. Angststörungen lassen sich wirksam bekämpfen, indem die Ursachen, die der Angst zugrunde liegen, aufgedeckt werden.

2.1.4 Angst unter verschiedenen geisteswissenschaftlichen bzw. theoretischen Aspekten

Angst ist ein sehr individuelles und auf die Person bezogenes Problem. Doch

Angstgefühle sind nicht nur abhängig von Einstellungen, Haltungen und Verhaltensweisen, sondern auch von gesellschaftlichen, individuellen und institutionellen Bedingungen. Mit Ängsten und Angstforschung beschäftigen sich Menschen schon seit langer Zeit. Bereits in früheren Zeiten faszinierte und erschreckte das Phänomen Angst. Theologen und Philosophen versuchten das Phänomen zu erklären und sogar für sich zu nutzen. Heute spielt Angst und Angstforschung auch in der Psychologie, Medizin und Pädagogik eine große Rolle. Letztlich war und ist Angst ein gesellschaftlich bedingtes Phänomen, das jeder von uns schon einmal am eigenen Leib gespürt hat. Im Folgenden werden verschiedene theoretische Aspekte von Angst näher beschrieben.

2.1.4.1 Der soziologische Aspekt von Angst

Soziologisch gesehen entsteht Angst durch „[...] [die] gesellschaftlich bedingten Schwierigkeiten [...]“ eines jeweiligen Zeitalters (BÖHM, 2000, S. 24). Bereits früher mussten die Menschen mit bestimmten gesellschaftsbedingten Ängsten leben. Da war zum Beispiel die Angst vor Bestrafung durch die Kirche, die Angst vor dem Herrscher und seinen Strafen bei Ungehorsam. Derartige Ängste gibt es heute nur noch in wenigen Kulturen. Allerdings machen sich nun andere angsterregende Situationen bemerkbar. Zunehmende Angststörungen und die Entstehung immer neuer Ängste, wie zum Beispiel die Angst vor Umweltkatastrophen oder vor der Atombombe, sind das Resultat unserer heutigen Gesellschaft. Das Leben wird immer komplizierter und hektischer. Unsere Kommunikationsmöglichkeiten – Radio, Fernsehen, Telefon und Mobilfunk, Computer-Online-Systeme – nehmen ein unüberschaubares Ausmaß an. Tatsächlich aber erfahren wir eine Zunahme von Vereinsamung in der industriellen Massengesellschaft. Ein weiteres Phänomen ist, dass der Mensch immer besser funktionieren soll, um mitunter in Schule und Beruf mithalten zu können. Schwäche, Sorgen, Problemen und ähnlichen Gemütszuständen und Charaktereigenschaften wird kein Platz mehr eingeräumt. Das Eingeständnis dieser ist nicht erwünscht, sondern man soll Stärke zeigen und Stress und Belastungen unbegrenzt standhalten können. Hierdurch werden viele Gefühle wie zum Beispiel Versagensangst und Konkurrenzangst unterdrückt und verdrängt. Irgendwann jedoch kommen solche unterdrückten Gefühle zum Vorschein und dann umso nachhaltiger. Daher sollte aus soziologischer Sicht der Umgang mit der Angst bereits im Kleinkindalter gelernt werden, um zukünftige Ängste besser ertragen und bewältigen zu können (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 328).

2.1.4.2 Der philosophische Aspekt von Angst

Philosophisch gesehen lebt der Mensch „[...] in Angst vor Möglichkeiten und in Furcht vor Wirklichkeiten [lebt]“ (MYSCHKER, 1999, S. 324/325).

In der Existenzphilosophie wird „[...] die Befindlichkeit der A. [= Angst][3] vom Affekt der Furcht [unterschieden]“ (WILLMANN-INSTITUT, 1970, S. 46). Hier wird gesagt, dass die Furcht ein momentaner Zustand ist, der „[...] auf etwas inhaltlich Bestimmtes gerichtet ist [...]“ (ebd., S. 46). Angst dagegen ist eine „menschliche Grundbefindlichkeit“ (BÖHM, 2000, S. 24). Die Philosophen Heidegger, Jaspers und Kierkegaard haben diese Begrifflichkeit der Angst mit geprägt. Kierkegaard und später auch Jaspers und Heidegger unterscheiden Angst als eine gegenstandslose Stimmungslage von Furcht als gegenstandsbezogenes, intentionales Gefühl (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 323).

Um den Unterschied von Angst und Furcht zu verdeutlichen, schildert MYSCHKER ein Anschauungsbeispiel des amerikanischen Angsttheoretikers Epstein von 1967: „Fährt ein Autofahrer auf einem Dschungelpfad und hat plötzlich ein[e] Elefantenherde vor sich, erlebt er Frucht. Er kann schnell wenden und sich somit der Gefahr entziehen. Hört er jedoch auf seiner Fahrt durch den Dschungel nahe, aber nicht genau lokalisierbare Geräusche von Elefanten, wird er unsicher; er weiß nicht, wie er zur Abwendung der Gefahr reagieren soll. Er kommt in einen Zustand der Angst“ (Epstein, In: MYSCHKER, 1999, S. 324).

Der wissenschaftliche Aspekt der Angst wird in der Philosophie nicht bedacht. Angst wird als ein Erscheinungsbild angesehen, „[...] das Aufschluss gibt über das Verhältnis des Menschen zu seiner Lebenswirklichkeit im ganzen. Die Beschreibung des Phänomens achtet auf die erschließende Kraft der Erscheinung selbst“ (WILLMANN-INSTITUT, 1970, S. 47). Heidegger sieht bereits das Sich-in-der-Welt-Befinden als Ursache für die Angst an (Heidegger, In: MYSCHKER, 1999, S. 324). Der griechische Philosoph Platon kannte, wie seine Zeitgenossen, nur den Begriff ‚Furcht‘. „Nach Platon ist Furcht zu überwinden durch Tapferkeit, die erzielt wird durch sittliche Erziehung [...]“ (MYSCHKER, 1999, S. 324). Sartre sieht den Menschen in einer Verdammung zu Freiheit und Angst (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 324). Die Philosophie und ihr Hinterfragen nach dem Sinn des Lebens begründet sich mitunter in der Angst des Menschen vor dem Unbegreiflichen und vor dem unumgänglichen Ende, dem Tod. MYSCHKER bezieht sich auf Kierkegaard und Heidegger, indem er sagt: „Dem menschlichen Leben in seiner Bedrohung und seiner Unsicherheit und in dem Bewusstsein eines drohenden Endes ist die Angst immanent (Kierkegaard 1937). Angst wird somit letztlich zur Todesangst (Heidegger 1949). Die Unsicherheit des Lebens, der Zwang zur Entscheidung, die Aussicht auf das Ende machen Angst. Damit gehört Angst unüberwindbar zum menschlichen Leben. Der Mensch, sich seiner selbst bewusst, reflektiert diese Angst und verstärkt sie dadurch noch. Die Angst kann zum lebensumfassenden und lebensbedrohenden Problem werden“ (MYSCHKER, 1999, S. 324).

2.1.4.3 Der psychologische Aspekt von Angst

In der Psychologie und speziell in der Psychoanalyse wird Angst „als ein menschliches Grundphänomen [...]“ angesehen (BÖHM, 2000, S.24). Angst tritt bereits beim Neugeborenen auf und erklärt sich aus dessen Geburtstrauma und Hilfsbedürftigkeit, um in der Welt überleben zu können. Nach Freud entsteht die Angst im Ich. Im Ich findet für ihn auch das Angsterleben statt (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 325). Dabei ist die Realangst, die sich auf konkrete Situationen bezieht, dem Ich, die Gewissensangst dem Über-Ich zugeordnet, da sie zur Ursache eine Auseinandersetzung zwischen Ich und sehr strengem Über-Ich hat. Die neurotische Angst ist als Reaktion des Ichs auf die Bedrohung durch die im Es erzeugten Triebe, dem Es zuzuordnen (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 325). Riemann (1961) sieht Angst als ein persönlichkeitsformendes Element, das zu grundlegenden Charaktereigenschaften führt, die gestörte Persönlichkeiten prägen (Riemann, vgl. MYSCHKER, 1999, S. 326).

Die Psychologie kennt verschiedene Typen von Angst, beispielsweise die Todesangst, die Leistungs- und Prüfungsangst oder auch die frei flottierende (nicht fundierte) Angst. Laut WILLMANN-INSTITUT wird Angst in der Psychologie „[...] [nicht nur] als phänomenaler Zustand, [sondern auch] als physiolog.

[= physiologisches][4] Syndrom und als theoretisches Konstrukt [bezeichnet], um Abwehr- und Meiden-Verhalten sowie neurotische Symptome zu erklären“ (WILLMANN-INSTITUT, 1970, S. 47/48). Unter ‚physiologischem Syndrom‘ werden die körperlichen Signale, die bei Angst auftreten, bezeichnet. Angst als ‚theoretisches Konstrukt‘ bezeichnet laut dem WILLMANN-INSTITUT die psychoanalytische Theorie von Angst, die davon ausgeht, dass Angst entweder als Urzustand des Menschen zum eigenen Schutze (normale Angst, Kapitel 2.1.2) oder „[...] als eine Ursache für die Entwicklung neurotischer Verhaltensstörungen (z.B. A.-Neurose) [auftritt.]“ (WILLMANN-INSTITUT, 2000, S.48), (vgl. auch Kapitel 2.1.3, neurotische Angst). Auch die Behavioristische Theorie, die die Lerntheorie von Angst vertritt, ist Bestandteil des ‚theoretischen Konstruktes‘. Diese geht davon aus, dass Angst ein erlernter Trieb ist und „[...] durch klassisches Konditionieren erworben wird [...]“ (WILLMANN-INSTITUT, 2000, S.48). ‚Klassisches Konditionieren‘ bezeichnet eine bestimmte Reaktion, nämlich Angst, auf die Verbindung eines neutralen Reizes mit einem anderen, negativ empfundenen Reiz, der einen schädlichen Zustand bewirkt, wie zum Beispiel Schmerz. Eine erlernte Angst (Kapitel.2.1.1.2) führt immer dann zu einem bestimmten Verhalten, wenn zukünftig eine identische oder ähnliche Situation eintritt. Ein Beispiel für das Erlernen von Angst ist das Experiment von Watson mit einem fast einjährigen Jungen, das von MYSCHKER wie folgt geschildert wird: „Dem Jungen wurden immer, wenn er mit einer weißen Ratte spielte, laute Geräusche – Schläge mit einem Hammer auf Metall – dargeboten, auf die er mit Furcht reagierte. Bereits nach fünf Versuchen dieser Art begann Albert [der fast einjährige Junge], der Ratte gegenüber Angst zu zeigen. Diese Angst wurde nach einigen Tagen auf alles Weiß-Pelzige – Hund, Hase, Pelzmuff, Weihnachtsmann-Maske – transferiert bzw. generalisiert und war auch nach vier Monaten noch existent“ (Watson, In: MYSCHKER, 1999, S. 326). Das heißt, ein neutraler Stimulus wird mit einem schmerzhaften, furchtauslösenden Stimulus in Verbindung gebracht. Aus dem neutralen Stimulus entsteht ein konditionierter Stimulus, der unabhängig von dem schmerzhaften, furchtauslösenden Stimulus immer eine konditionierte Angstreaktion hervorruft (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 326). Die Fortsetzung des klassischen ist das operante Konditionieren, das auch Verstärkungslernen genannt wird. Die durch Konditionieren entstandene Angstreaktion veranlasst den Betroffenen dazu, die konditionierten Angststimuli und damit die Angst zu vermeiden. Das führt wiederum zur Verstärkung der Vermeidungsreaktion. In dem Experiment von Watson (vgl. mit dem kleinen Jungen verhält sich das operante Konditionieren gemäß MYSCHKER wie folgt:

„Wenn der kleine Albert künftig allem Pelzigen aus dem Wege gegangen sein sollte, dann hat er wohl Angstgefühle vermeiden, nicht aber seine Pelzphobie loswerden können, denn gelernte Verhaltensweisen können nur dadurch gelöscht werden, dass sie hervorgerufen, aber nicht verstärkt werden“ (MYSCHKER, 1999, S. 326).

Zuletzt zählen die empirischen Befunde zum ‚theoretischen Konstrukt‘. Erforscht wurde zum Beispiel die ‚manifeste Angst‘ durch Taylor im Jahre 1953 und die Prüfungsangst durch Mandler und Sarason im Jahre 1952 (vgl. WILLMANN-INSTITUT, 2000, S. 48).

2.1.4.4 Der pädagogische Aspekt von Angst

Nicht nur beim Säugling und beim Kleinkind, sondern auch in der späteren Entwicklung ist die Angst ein wichtiger Zustand, um sich in der eigenen Umwelt zu sozialisieren. Das WILLMANN-INSTITUT erwähnt hierzu folgende Notwendigkeit der Angst in der kindlichen Entwicklung: „Bei der kindl. Exploration der Umwelt ist die A. [= Angst][5] im Sinne des „thrill“ im Spiel: der Kitzel der A. [= Angst][6] reizt zum Verlassen des Vertrauten“ (WILLMANN-INSTITUT, 2000, S. 47).

Die Pädagogik unterscheidet zwischen Angst als einem Erlebnis und der Angstbereitschaft, auch als Ängstlichkeit bezeichnet. Ängstlichkeit ist ein Persönlichkeitsmerkmal des Menschen und bei jedem unterschiedlich stark ausgeprägt. Ängstlichkeit lässt sich mehrere voneinander unabhängige Faktoren beschreiben:

- die Neigung, sich Sorgen zu machen,
- motorische Spannungen oder Gefühle von innerer Unruhe,
- eine verstärkte körperliche Reaktionsbereitschaft,
- Schlafstörungen,
- ein schlechtes Selbstwertgefühl (vgl. KELLER & NOVAK, 1993, S. 26-27).

Ängstlichkeit bei Kindern ist zumeist das Resultat schulischer und familiärer Bedingungen. Kinder ängstlicher Eltern oder Elternteile werden in der Regel selbst ängstliche Menschen. Aus einer verfrühten Erziehung zur Selbstständigkeit in der Schule entwickelt sich oft eine Leistungsängstlichkeit beim Kind (vgl. MYSCHKER, 1999, S. 327).

Unter dem Begriff der ‚Schwarzen Pädagogik‘ ist das so genannte ‚Angst machen‘ oder ‚Verängstigen‘ des Kindes ebenfalls bekannt, um es zu Ordnung, Disziplin und Leistung zu zwingen. Dadurch sind Zusammenhänge zwischen Angst und Leistung entstanden. Derart wird heute fast nicht mehr vorgegangen, denn man hat begriffen, dass das Kind vor allem durch die Entwicklung eines Urvertrauens und durch Vertrauen in seine Umgebung und seine eigenen Fähigkeiten zu einem mündigen Menschen in unserer Gesellschaft wird. Angst wird ihn das ganze Leben hindurch begleiten. „Die Erziehung soll deshalb Angst nicht ‚nehmen‘, aber erst recht nicht erzeugen und gebrauchen, sondern den einzelnen instand setzen, mit Angst zurechtzukommen und sie zu bewältigen“ (BÖHM, 2000, S.24).

Aus der Angst des Kindes vor und in der Schule sind in der Pädagogik die Begriffe Schulangst, Schulschwänzen und Schulphobie entstanden. Diese werden in Kapitel 2.2 erklärt.

2.1.5 Angst in Abgrenzung zu anderen Begriffen

2.1.5.1 Angst in Abgrenzung zu ‚Furcht‘

Angst und Furcht unterscheiden sich meistens durch einen konkreten Anlass. Angst ist die Reaktion auf ein subjektiv erfahrenes, bedrohliches Ereignis, sie ist das Gefühl einer nur ungenau bestimmbaren Bedrohung.

Die Furcht hingegen bezieht sich auf ein genau definiertes Ereignis oder Objekt. Der Grund für den Furchtzustand ist für den Betroffenen klar erkennbar. Die Furchtursache ist ein tatsächlich bedrohliches Objekt, Subjekt oder Ereignis, beispielsweise ein bissiger Hund, ein Einbrecher oder ein Erdbeben. Man spricht allerdings bei solchen Bedrohungen und Gefahren salopp auch von Angst. Aber das unangenehme Gefühl ‚Angst‘ ist unspezifischer. Um besser zu unterscheiden, wird daher für die ‚Furcht‘ auch das Wort ‚Realangst‘ verwendet (vgl. BROCKERT, 1993, S. 43/44).

Und trotzdem ist die Grenze zwischen Furcht und Angst nicht selten fließend. Nach mehrmaligem Wiederholen desselben bedrohlichen Ereignisses kann Furcht zu Angst werden. Fürchtet man sich beispielsweise vor einem gefährlichen Hund und wird tatsächlich gebissen, so kann in Zukunft bereits das Bellen eines Hundes in weiter Ferne zu einer Angstreaktion führen.

Reaktionen auf Furcht können wie bei Angst über Untätigkeit und Flucht bis hin zu Kampf reichen. Vor allem Tiere zeigen bei Furcht ein bestimmtes Verhalten: Sie bewegen sich nicht, das heißt, sie stellen sich tot, oder aber sie setzen sich zur Wehr (vgl. KÖCK & OTT, 1997, S. 244).

2.1.5.2 Angst in Abgrenzung zu ‚Phobie‘ und ‚Panik‘

Der Begriff ‚Phobie‘ stammt von griechisch ‚phobos‘ und steht für eine abnorme neurotische Erwartungsangst (vgl. Kapitel 2.1.3). Sie ist im Gegensatz zur rationalen Angst eine irrationale Angst, die sich auf bestimmte Situationen, Objekte, Lebewesen, Naturereignisse und Orte richtet. Im Grunde genommen kann alles eine Phobie hervorrufen. Der Phobie liegen zumeist eine innere Angst vor verdrängten Wünschen oder unlösbar erscheinende seelische Konflikte zugrunde, die mit dem Objekt der Phobie auf symbolische Weise in Zusammenhang stehen. So steht zum Beispiel die vor allem bei Frauen weit verbreitete Spinnenphobie für die Angst vor Mütterlichkeit. Eine weitere sehr bekannte Phobie, die vor allem Frauen befällt, ist die Agoraphobie (=Angst vor öffentlichen Plätzen). Weitere in der klinischen Psychologie häufig auftretende Phobien sind Technikphobien, die Klaustrophobie (=Angst in geschlossenen Räumen), Hypochondrie (=Einbildung von Krankheiten und deren Symptome) sowie die Schulphobie und die Berufsphobie (vgl. KÖCK & OTT, 1997, S. 541).

MYSCHKER geht davon aus, dass Phobie „eine Angstreaktion bezeichne[n][t], die in keinem Verhältnis zum Auslöser steht, die auf spezifische Gegebenheiten wie auf enge Räume (Klaustrophobie), auf freie Plätze (Agoraphobie), auf so gefährliche Tiere wie Spinnen, Mäuse, Kaninchen [...]“ gerichtet ist (MYSCHKER, 1999, S. 323). Als erweiterte Form von Phobie tritt die Panik auf. Nach MYSCHKER ist sie „[...] eine für den Betroffenen völlig unsteuerbare, unkontrollierbare Reaktion, die ihren Auslöser im Erschrecken, d.h. in der Konfrontation mit einer unerwarteten, plötzlichen Situationsänderung, in sich anfallartig auswirkenden inneren Stimuli oder auch in sich entwickelnden Vorstellungen haben kann“ (ebd.).

Tritt eine bedrohliche Situation ein oder wird ein die Phobie auslösendes Objekt erblickt, so reagiert der Betroffene mit verstärkten körperlichen Angstreaktionen, wie starkes Herzklopfen, Zittern, Schwindelanfälle, starkem Schwitzen.

Meist wird die betroffene Person durch die Phobie in ihrem Lebensalltag beeinträchtigt, indem sie versucht die bedrohliche Situation zu vermeiden und über längere Zeit akute Angststörungen verdrängt.

Das phobische Leiden sollte ernst genommen und nicht verharmlost werden. Zunächst muss geprüft werden, ob eine andauernde übermäßige Angststörung oder nur eine vorübergehende Angst vorliegt. Um die oftmals tief sitzenden Ursachen einer Phobie zu bekämpfen, ist eine Therapie erforderlich, die hauptsächlich in Richtung Verhaltenstherapie geht.

2.1.5.3 Angst in Abgrenzung zu ‚Neurose‘

Eine Neurose ist eine funktionelle Störung, die sich im Verhalten und Erleben einer Person bemerkbar macht. Zum Teil können bei der Neurose auch körperliche Reaktionen auftreten, wie Ekelgefühle und Störung des Gleichgewichtssinns. Der Neurose liegen jedoch keine organischen Krankheiten zugrunde, sondern Konflikte mit der eigenen Person, wie Ängste oder Störungen im Triebverhalten, Konflikte im zwischenmenschlichen Bereich und im sozialen Umfeld, die sich vor allem durch Affekthandlungen äußern. Nach der Theorie von Freud (vgl. KÖCK & OTT, 1997, S.502) war die Neurose zunächst die Folge von Sexualkonflikten, später kam er zu dem Schluss, dass diese das Ergebnis von traumatischen Kindheitserlebnissen ist.

Eine für wissenschaftliche Zwecke entstandene künstliche Neurose ist die durch Pawlow 1900 bei Tieren bewirkte ‚experimentelle Neurose‘. Bekannt ist hier das Modell des Pawlowschen Hundes: Ein Hund wurde so lange mit starken, unvereinbaren Reizen konfrontiert, bis er Zeichen von neurotischer Reaktion – hauptsächlich Angst - zeigte.

Übermäßige Angst, deren Ursachen nicht geklärt und beseitigt werden, kann zu einer Neurose führen.

2.2 Schulangst – eine spezielle Art von Angst

Schulangst ist das zentrale Thema dieser Arbeit. Nachdem nun ein Überblick über die Angst gegeben wurde, soll im weiteren Verlauf der Zulassungsarbeit speziell die Schulangst begrifflich näher erläutert und von anderen mit Angst in Verbindung stehenden Begriffen, die im Schulalltag auftreten können, abgegrenzt werden.

Das Phänomen Schulangst existiert, seit es Schulen gibt. Sie betrifft in der Regel Kinder und Jugendliche, die sich in schulischer Ausbildung befinden. Im empirischen Teil der Arbeit soll jedoch schwerpunktmäßig auf die Schulangst bei Grundschulkindern eingegangen werden.

[...]


[1] Anmerkung von mir: Im Folgenden spreche ich nur noch von Lehrer(n) und Schüler(n), gemeint sind dann automatisch weibliche und männliche Lehrer und Schüler

[2] Hinzufügung von mir.

[3] Hinzufügung von mir.

[4] Hinzufügung von mir.

[5] Hinzufügung von mir.

[6] Hinzufügung von mir.

Details

Seiten
111
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640343003
ISBN (Buch)
9783640342983
Dateigröße
772 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v128051
Institution / Hochschule
Universität Augsburg
Note
2
Schlagworte
Schulangst Ursachen Symptome Kinder

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Titel: Schulangst. Ursachen, Symptome und wie Kinder damit umgehen