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Der mythische und der moderne Dracula - Vampirismus bei Bram Stoker's "Dracula" und in dem Fall Fritz Haarmann, dem "Vampir von Hannover", im Vergleich

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 37 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsangabe

I. Vergleich von Dracula mit dem „Vampir von Hannover“
1. Einleitung
2. Der Vampir als Advokat vs. Die Schlichtheit des Anthropophagen
2.1. Figurenstudie Dracula – der aristokratische Blutsauger
2.2. Personenstudie Haarmann – der „Vampir von Hannover“
2.3. Der Vampir mit der irdischen Hülle – der Mensch mit dem tödlichen Biss: Unterschiede und Parallelen
3. Die Wahl und die Bemächtigung der Opfer
3.1. Jungfräuliches Blut für Dracula
3.2. „Och, sind ja doch bloß Puppenjungen“ – Haarmanns Opfer
4. „Jeder tötet, was er liebt.“ – Der Todeskuss im Zeichen der Leidenschaft
4.1. Dracula als Inbegriff der männlichen Brutalität & Sexualität
4.2. Die „Bluthochzeit“ zur Überwindung von Grenzen
4.3. Kastration des Vampirs – Zurückgewonnene Potenz
4.4. Der Todeskuss des Fritz Haarmann – Liebesbemächtigung durch Vernichtung
5. Der viktorianische Dämon vs. der Teufel der goldenen 20er Jahre
5.1. Der Aberglauben der slawischen Bevölkerung in Dracula
5.2. Nachkriegsdeutschland im Blutrausch
5.3. Der Himmel über Fritz Haarmann
5.4. Die Bedeutung der Medien – Der Hype um die „blutige Dame“ und den Massenmörder Haarmann
6. Die formale Umsetzung von Dracula und den Haarmann-Protokollen
7. Rezeption
7.1. Dracula – Die Lust am Grusel
7.2. Die Haarmann-Protokolle – Der unangenehme Grusel

II. Mythos Dracula vs. die Entmythisierung durch den „Vampir von Hannover“ – Zusammenfassung

III. Quellenangabe

I. Vergleich von Dracula mit dem „Vampir von Hannover“

1. Einleitung

Die „Welt birgt viele gute Menschen, auch wenn sie Ungeheuern Raum gewährt.“[1]

In unserem Sprachgebrauch definieren wir das Ungeheuerliche als etwas anormales, der Gesellschaft nicht inhärentes. Das Ungeheuer ist für die Menschen nicht fassbar und ruft Gefühle der Angst und des Abscheus hervor. Als nicht menschliche Gestalt hebt es sich klar in seiner Wesenhaftigkeit ab. Doch was ist, wenn sich das Ungeheuer als Mensch tarnt und unauffällig in der Gesellschaft lebt, bis der Wolf seinen Schafspelz abwirft und seine Opfer findet und tötet?

In dieser Arbeit soll es um zwei historische Figuren gehen, deren augenscheinlichste Verbindung zunächst in der Art und Weise liegt, wie sie ihre Opfer töten: dem Vampirbiss.

Dracula, die Romanfigur, die von Bram Stoker erfunden wurde, stellt dabei einen Schwerpunkt der Arbeit dar, fußt unsere heutige Vorstellung vom Vampir doch hauptsächlich auf der literarischen Darstellung des Klassikers aus dem 19. Jahrhundert.

Den extremen Gegensatz dazu bildet die Person des Fritz Haarmann, der von den Medien im Deutschland der 20er Jahre, als „Vampir von Hannover“ tituliert wurde.

In dieser Arbeit sollen Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen dem Blutsauger Dracula und dem Massenmörder Haarmann herausgearbeitet werden. Dabei sollen sowohl ihr Charakter, als auch die gesellschaftlichen Bedingungen analysiert werden, sowie die Bedeutung der Religion und der Medien.

Den Schluss bildet die Auseinandersetzung mit dem Thema des Mythos um den Vampir und inwieweit durch den Fall Haarmann eine Entmythisierung stattfindet.

2. Der Vampir als Advokat vs. Die Schlichtheit des Anthropophagen

2.1. Figurenstudie Dracula – der aristokratische Blutsauger

Als Gast in einem fremden Land, dessen Kultur und Bewohner man nicht versteht und einschätzen kann, fühlt man sich unbehaglich und wünscht sich einen Fremdenführer, der einem sowohl in der Kunde des anderen Landes überlegen, als auch im Wissen um die eigene Sprache und Kultur ebenbürtig ist. Für Jonathan Harker repräsentiert Graf Dracula diese gastfreundliche polyglotte Bezugsperson, in einem Transsilvanien, das sich nicht nur bezüglich seiner Natur von dem England, in dem Harker lebt, unterscheidet, sondern auch in dem Aberglauben der Bevölkerung. Mit einer selten erlebten Höflichkeit und in perfektem Englisch heißt Dracula Harker Willkommen und spielt ihm gleich zu Beginn Wohlgesinntheit vor. „Das Licht, die Wärme und des Grafen herzlicher Willkommensgruß hatten alle meine Zweifel und Befürchtungen zerstreut.“[2] Das Auftreten Draculas täuscht Harker zunächst über den ersten Eindruck von Trostlosigkeit und Verfall hinweg, den die wilde Landschaft und das menschenleere Schloss auf ihn gemacht hatten. Später im Roman wird Harker dann deutlich, dass die Einsamkeit und Ungebundenheit des Schlosses die ideale Brutstätte für das Schmieden und Reifen von Draculas teuflischen Plänen ist.

Doch Verlassenheit meint nicht nur, dass diese Stätten von Menschen verlassen wären, sondern auch: verlassen von Liebe, von Glauben, von Hoffnung, von Jugend, von Freiheit, von Vielfalt, von guten Geistern. An deren Stelle findet sich hier ein ‚Reichtum’ an Abhängigkeit, Gleichgültigkeit und schlechten Träumen, denn ein solches Vakuum zieht beinahe magisch andere Kräfte an.[3]

Doch anfangs lässt sich Harker noch von dem Grafen manipulieren, so dass selbst Draculas Physiognomie, die Harker anschaulich beschreibt, keine Gefühle der Angst und Bedrohung in ihm weckt, sondern für ihn zunächst nur auffällig und bemerkenswert sind.

Sein Gesicht war ziemlich [...] raubvogelartig; ein schmaler, scharf gebogener Nasenrücken und auffallend geformte Nüstern. Die Stirn war hoch und gewölbt, das Harr an den Schläfen dünn, im Übrigen aber voll. [...] Sein Mund [...] sah hart und ziemlich grausam aus; die Zähne waren scharf und weiß und ragten über die Lippen vor, deren auffallende Röte eine erstaunliche Lebenskraft für einen Mann in seinen Jahren bekundeten. [...]Der allgemeine Eindruck war der einer außerordentlichen Blässe.[4]

Die animalischen Assoziationen, die Harker mit Draculas Aussehen verbindet, finden ihre Bestätigung alsbald in der von Dracula thematisierten engen Verbindung zwischen ihm und den Wölfen. „’Hören Sie die Kinder der Nacht? Was für eine Musik sie machen!’ [...] ‚Ja, mein Herr, Ihr Stadtbewohner seid eben nicht im Stande, einem Jäger nachzufühlen.’“[5] Hier betont Dracula bereits sein tierisches Wesen und der Leser erhält einen ersten Hinweis darauf, dass er, als Anführer, den jägerischen Wölfe gebietet. Neben dieser animalischen, triebhaften Seite demonstriert er Harker anfangs überwiegend seine menschliche und gebildete Seite. Als adeliger Bewohner der Karpaten hat er sich intensiv mit England, samt seiner Literatur, Politik und Geologie auseinandergesetzt und plant nun seine Weltherrschaft, durch den Kauf verschiedener Immobilien in London, über die westliche Welt weiter auszubauen. „Bei Stoker gibt der Vampir [...] seine ruralen Wurzeln auf, um als Flaneur die Großstadt zu erobern. Sehnsüchtig wartet er darauf, seine Beißer in den Puls der Stadt schlagen zu können“[6]. Draculas Absichten erkennt auch Harker und befindet sich in einem Zwiespalt zwischen helfen und weiterleben oder die Verweigerung seiner Informationen und dem vorzeitigen Tod. Er entscheidet sich schließlich dafür, Dracula zunächst noch zu unterstützen und sein Vorhaben später zu boykottieren, da der Vampir sein Unternehmen notfalls auch ohne ihn fortsetzen würde.

Das also war das Wesen, dem ich helfen wollte nach London überzusiedeln, wo es vielleicht Jahrhunderte lang unter den sich mehrenden Millionen von Menschen seine Blutgier befriedigen und einen sich immer vergrößernden Kreis von Halbdämonen schaffen würde, um sie auf die Wehrlosen zu hetzen.[7]

Harker erzählt Dracula alles für ihn Wissenswertes bezüglich der geschäftlichen Angelegenheiten und Englands Beschaffenheit, obwohl Dracula bereits einen sehr informierten Eindruck macht. „Ich klärte ihn nach meinem besten Willen über all diese Dinge auf und gewann den Eindruck, dass er selbst einen vorzüglichen Advokaten abgegeben hätte, denn es gab nichts, woran er nicht gedacht, was er nicht in den Kreis seiner Erwägungen gezogen hätte.“[8]

Im weiteren Verlauf wird Harker aber die Bedrohung, die von Graf Dracula ausgeht, immer bewusster, genauso wie sein Gefühl, in einer Falle zu sitzen, aus der er nicht entfliehen kann. Doch stellt der Vampir daneben seinen einzigen Bezugspunkt dar und er erhofft sich, solange er von Nutzen ist, von ihm vor noch schlimmeren Wesen beschützt zu werden.

Bin ich aber noch bei Sinnen, dann ist der Gedanke geeignet, einen verrückt zu machen, dass von all den scheußlichen Dingen, die an diesem verhassten Ort lauern, der Graf noch lange nicht das Schrecklichste ist; nur bei ihm finde ich Schutz und sei es auch nur so lange, als ich seinen Zwecken diene.[9]

Ein traumatisierendes Erlebnis stellt für Harker die Begegnung mit den drei weiblichen Vampiren dar, die Dracula zu Diensten sind und in dem jungen Engländer ein wehrloses Opfer sehen, das es zu betören und auszusaugen gilt. Auf den sexuellen Aspekt dieser Szene werde ich später detailliert eingehen. Dass auch Dracula an Harker noch ein gewisses Interesse hat, wird besonders deutlich, als der Graf, kurz bevor die Vampirinnen ihre Zähne in Harkers Hals rammen können, hereinstürmt und sie von ihm wegzerren. „Nie sah ich einen solchen Grimm, eine solche Wut. Der reine Dämon der Hölle! Seine Augen sprühten förmlich Flammen.“[10]

Neben der Auffälligkeit, dass Dracula offensichtlich der Herrscher der Vampire ist, werden erste Parallelen zu der Gestalt des Teufels hergestellt, die sich durch den ganzen Roman ziehen. Das ganze ruinengleiche Schloss, seine Aura, Farben, Gerüche und nicht zuletzt die blutrünstigen Bewohner scheinen für Harker jeden irdischen Charakter verloren zu haben. Über allem liegt der Hauch des Todes, der sich allmählich auch Harkers zu bemächtigen versucht. Letztlich gelingt es ihm allerdings der Hölle und damit der Verdammnis des ewigen Lebens und Blutdurstes zu entfliehen. „Fort von diesem verruchten Ort, aus diesem verwünschten Lande, wo noch jetzt der Teufel und seine Nachkommen in Menschengestalt wandeln.“[11]

An einer anderen Stelle verwendet Van Helsing, um seinen Mitstreitern die Natur Draculas zu veranschaulichen, diverse Male satanische Begriffe und vergleicht den Vampir mit einem Geschöpf des Teufels oder bezeichnet ihn sogar als den Herrscher der Hölle selbst. „’Er, der des Todes spottet, wie wir wissen; er, der inmitten von Seuchen gedeiht, die ganze Menschengeschlechter dahinraffen! Wenn Gott ein solch begabtes Wesen schaffen würde, und nicht der Teufel, welche Ströme des Guten könnten von ihm ausgehen!’“[12] Van Helsing ist fasziniert von der Kraft, dem Intellekt und der Verwandlungsfähigkeit von Dracula und bedauert, dass ein Wesen mit solch einem Potenzial nicht für, sondern gegen die Menschheit agiert. Gerade die Möglichkeit der Metamorphose verschafft dem Vampir an verschiedenen Punkten im Roman große Vorteile gegenüber seinen Widersachern. Ob als Hund, Fledermaus oder nebelige Materie, schleicht er sich an seine Opfer an oder macht sich buchstäblich aus dem Staub, wenn Van Helsing und seine Kumpanen ihm dicht auf den Fersen sind. Wenn er sich nicht selbst transformiert, so hat er doch immer die Gewalt über die Elemente und die niederen Tiere in seiner Umgebung. „’Er kann [...] erscheinen, wann und wo und in welcher Gestalt er will [...] Er hat auch Macht über geringere Dinge, über Ratten, Fledermäuse, Fliegen, Füchse und Wölfe.’“[13] Auch die Gedanken seiner bisherigen Opfer kann er kontrollieren, da er durch seinen Biss mit ihnen auf einer geistigen Ebene auf ewig verbunden ist. „Dracula dringt in der Tat mit den gleichen Methoden in die Gedanken seiner Opfer ein, mit denen er ihr Fleisch penetriert.“[14]

Trotz dieser überragenden Fähigkeiten besitz Dracula aber auch eine kindliche Seite, die bei Mina Mitleid hervorruft. „Eigentlich müsste man ja Mitleid mit jemand haben, der so verfolgt wird wie der Graf. Aber schließlich ist er kein menschliches Wesen, nicht einmal ein Tier.“[15]

Bei seinen Gegnern wecken die Naivität und seine Bindung „’an die Bedingungen seiner irdischen Hülle’“[16] stattdessen einen Funken Hoffnung, stellen sie doch die einzigen verwundbaren Angriffspunkte des Grafen dar. „’Auch unser Verbrecher ist zum Verbrechen prädestiniert, auch er hat ein Kindergehirn und arbeitet wie ein Kind. Der junge Vogel, der junge Fisch, überhaupt das junge Tier lernt nicht theoretisch, sondern erfahrungsmäßig.’“[17] Daher ist schnelles Handeln entscheidend, da er durch jede Erfahrung und jedes neue Opfer stärker und gerissener wird und damit die Möglichkeit ihn zu besiegen mit jeder Stunde schwindet. Beginnend mit den Frauen „aus dem Salon des Adels oder aus dem Kreise junger und schöner Erbinnen des Großbürgertums“[18] will Dracula die Menschheit mit dem Vampirvirus infizieren und zu seinen Sklaven machen. „’Eure Frauen sind jetzt schon mein, durch sie sollt ihr und andere auch mein werden; meine Kreaturen, die meine Befehle ausführen, und meine Schakale, wenn ich speise.’“[19] Letztendlich gelingt jedoch der Sieg der Guten „’in diesem Spiele, wo es sich um Menschenseelen handelt’“[20], womit eine Invasion des Vampirgeschlechts über London und von dort aus über die ganze Welt verhindert wird. „’Wenn wir nicht seine Pfade durchkreuzt hätten, so wäre er [...] der Vater und Schöpfer einer neuen Art von Wesen geworden, deren Weg durch den Tod, nicht durchs Leben geht.’“[21]

2.2. Personenstudie Haarmann – der „Vampir von Hannover“

Als „Vampir von Hannover“ wurde Friedrich Haarmann im Deutschland der 20er Jahre berüchtigt. 1924 wurde er des Mordes an 24 jungen Männern überführt und zum Tod durch das Schafott verurteilt. Innerhalb von sechs Jahren tötete er nachweislich mehrere Jungen im Altern von 13 und 20 Jahren durch einen gezielten Biss in die Kehle, vermutlich im Rausch des Sexualaktes. Dabei wurde ihm sowohl vom Gericht als auch von der Bevölkerung vorgeworfen, nach der Tötung nicht nur, wie er zugab, die Leichen fachmännisch zerkleinert und in der Leine entsorgt zu haben, sondern seinen Opfern das Blut ausgesaugt und ihr Fleisch verarbeitet, verkauft und sogar selbst gegessen zu haben. „Haarmann hat [...] jedoch allgemeinen Kannibalismus bestritten.“[22]

Meiner Personenstudie liegen sowohl der Film Der Totmacher von Romuald Karmaker zugrunde, als auch, im Wesentlichen die Haarmann-Protokolle, auf deren Basis der Spielfilm entstand. Für den Sachverständigen Ernst Schultze, der sich Haarmann annahm um ein gerichtliches Gutachten über ihn zu erstellen, ging es um die Frage, ob der Massenmörder zum Zeitpunkt seiner Taten zurechnungsfähig war oder ob er den schwachsinnigen Eindruck, den er auf sein Umfeld machte, nur simulierte. An diversen Stellen im Protokoll konfrontiert Schultze Haarmann mit seiner Vermutung, dass er viel schlauer sei, als er ihnen immer vorzuspielen versuche und er sich damit nur über die Behörden lustig mache. „Ich glaube, daß Sie einen Idiot markiert haben.“[23]

In der Krankenakte der Göttinger Heil- und Pflegeanstalt, in der Haarmann sich vor seiner Verhaftung eine Zeit lang aufhielt heißt es, dass Haarmann „ein auf allen Seelengebieten minderwertiger, moralisch defekter, wenig intelligenter, träger und gänzlich egoistischer Mensch [ist], der seine vermeintlichen Interessen ohne jede Rücksicht auf andere verfolgt“[24] und weiter: „Er ist ein großer Simulant“[25]. Sein schauspielerisches Talent erkennt auch Ernst Schultze und teilt Haarmann seinen Verdacht offen mit. „Ich glaube, daß Sie mir jetzt noch viel vorsimulieren.“[26]

„Wie viele Verbrecher wollte auch er mir beweisen, daß ich es mit einem gebildeten Menschen zu tun hätte.“[27] Fritz Haarmann war bemüht um eine gepflegte Ausdrucksweise, stutzte sich zu jeder Vernehmung den Bart und begegnete allen in den Fall involvierten Personen mit Respekt und Höflichkeit. „Paranoiker wie die Romanfigur Hannibal Lector sind, wenn sie nicht grade schlachten und verstümmeln, die Kultiviertheit in Person. Chaos und Ordnung sind in gleicher Weise übersteigert vorhanden.“[28] Doch stellt sich hier die Frage, ob das seinem natürlichen Charakter entsprach oder ob Haarmann auf diese Weise, wie Dracula, sein Gegenüber manipulieren wollte und sich dadurch Vorteile versprach.

Bezüglich seiner Bildung macht er keinen Hehl daraus, dass sein Intellekt Defizite aufwies. „Ich war immer so’n bißchen dumpf im Kopf“[29]. Er hat aber für alle seine Schwächen eine Erklärung, in diesem Fall einen Hitzschlag in seiner Militärzeit. Daneben hatte er eine lange Krankenakte vorzuweisen, in denen u.a. seine epileptischen Anfälle und seine diversen Unterbringungen in psychiatrischen Kliniken vermerkt waren. All diese Probleme, die ihn zu seiner Zeit zu einem „minderwertigen“ Menschen deklassierten und die Tatsache, dass ihn potenzielle Arbeitgeber wegen seines Invalidenstatus nicht haben wollten, ließen Haarmann ein negatives Resümee seines Lebens ziehen. Mein „Leben war mir eine Last, da hatte ich keine Freude, daß ich das sagen konnte.“[30] Einzig in seiner Mutter und Hans Grans sah Haarmann Bezugsmenschen, die ihm, wie in Grans Fall, zwar nur aus Eigennutz wohl gesonnen waren, aber ihm wenigstens über seine Einsamkeit hinweghalfen. Kurze Glücksmomente empfand er zudem, wenn er mit den jungen Männern „poussierte“. Für ein Obdach und etwas zu essen gingen sie mit in Haarmanns Wohnung und fanden dort nicht selten ihren Tod. Als Ernst Schultze genau dieses Menschenschlachten anspricht, reagiert Haarmann empört und erklärt die Notwendigkeit der Zerkleinerung und Beseitigung. „Nee, nee, die waren schon tot und da habe ich sie wegbringen müssen – das sagen die immer draußen.“[31] Zwar kann er sich nicht erklären, wie es immer wieder zu den Morden kam und wieso er gerade die Mordtechnik des Beißens benutzte, er sieht aber seine Schuld ein und die Strafe als gerecht an. „Wenn man einen tot macht, wird man auch wieder tot gemacht.“[32] Im nahezu gleichen Atemzug erklärt er aber, dass er anständig ist und es keinen Grund gibt, warum er für seine Taten statt in den Himmel in die Hölle kommen sollte. „Nee, nee, habe doch nichts Böses gemacht.“[33] Die eigentliche Schuld tragen für ihn auch seine Mitmenschen, die sich nicht genug um ihn gekümmert haben, da er aus Einsamkeit heraus, ohne ein intaktes Familienleben, die jungen Männer immer wieder zu sich einlud. Nach seiner Meinung „wäre das mit dem Abmurksen gar nicht passiert, wenn man verheiratet ist und eine Frau ist im Hause, dann kann das nicht passieren“[34].

[...]


[1] Stoker, Bram: Dracula. Ein Vampirroman. Bindlach 2005. S. 294.

[2] Stoker, Bram: Dracula. S. 24.

[3] Borrmann, Norbert: Orte des Schreckens. Warum das Grauen überall nistet. München 2004. S. 24.

[4] Stoker, Bram: Dracula. S. 25.

[5] Stoker, Bram: Dracula. S. 26.

[6] Ellmann, Maud: Perforierte Membranen des Bewußtseins. Vampirismus und Schreiben am Fin de siècle. In: Keck, Annette / Kording, Inka / Prochaska, Anja (Hrsg.): Verschlungene Grenzen. Anthropophagie in Literatur und Kulturwissenschaften. Tübingen 1999. S. 165.

[7] Stoker, Bram: Dracula. S. 69.

[8] ebd. S. 42.

[9] Stoker, Bram: Dracula. S. 49.

[10] ebd. S. 52.

[11] ebd. S. 71.

[12] ebd. S. 421.

[13] Stoker, Bram: Dracula. S. 312.

[14] Ellmann, Maud: Perforierte Membranen des Bewußtseins. S. 166.

[15] Stoker, Bram: Dracula. S. 300.

[16] ebd. S. 383.

[17] ebd. S. 446.

[18] Heer, Burckhardt: Strukturen und Mythen des Horrorfilms. In: Baier, Eberhard / Heer, Burckhardt: Der Horrorfilm. Aachen 1984. Seite 25.

[19] Stoker, Bram: Dracula. S. 402.

[20] ebd. S. 333.

[21] Stoker, Bram: Dracula. S. 397.

[22] Lange, Hermann: Der Fall Haarmann. Aus den unveröffentlichten Erinnerungen des zuständigen Kriminalinspektors (1961). In: Pozsár, Christine / Farin, Michael (Hrsg.): Die Haarmann-Protokolle. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 18.

[23] Psychiatrische Gespräche. Gespräche in Hannover 26. Juli – 9. August 1924. In: Pozsár, Christine / Farin, Michael (Hrsg.): Die Haarmann-Protokolle. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 249.

[24] Friedrich Haarmann – Eine Krankengeschichte. Aus in der Krankenakte der Göttinger Heil- und Pfleganstalt befindlichen Abschriften. In: Pozsár, Christine / Farin, Michael (Hrsg.): Die Haarmann-Protokolle. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 87.

[25] Friedrich Haarmann – Eine Krankengeschichte. S. 92.

[26] Psychiatrische Gespräche. S. 249.

[27] Frey, Erich: Fritz Haarmann. Aus den Erinnerungen eines Strafverteidigers (1959). In: Pozsár, Christine / Farin, Michael (Hrsg.): Die Haarmann-Protokolle. Reinbek bei Hamburg 1995. S. 29.

[28] Schätzing, Frank: Ein Zeichen der Liebe. Gelesen von Jan Josef Liefers. In: TV-Kommissare lesen Krimis. München 2006. Kapitel 14, 04:36.

[29] Psychiatrische Gespräche. S. 142.

[30] ebd. S. 443.

[31] ebd. S. 150.

[32] Psychiatrische Gespräche. S. 160.

[33] ebd. S. 228.

[34] ebd. S. 272.

Details

Seiten
37
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640345311
ISBN (Buch)
9783640345151
Dateigröße
573 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127974
Institution / Hochschule
Universität Paderborn
Note
1,7
Schlagworte
Dracula Vampir Mythos Stoker Horror Sexualität Kannibalismus

Autor

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