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Der Frankfurter 'Fettmilchaufstand'

Untersuchungen zu den Frankfurter Unruhen 1612-1616

Hausarbeit 2005 19 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Mittelalter, Frühe Neuzeit

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Zur politischen Ordnung Frankfurts
2.1 Die Patrizier
2.2 Handwerker und Zünfte
2.3 Die Kaufleute
2.4 Die religiöse Situation

3. Zum Verlauf des Aufstandes
3.1 Der Ausbruch der Unruhen 1612
3.2 Der Bürgervertrag 1612/13
3.3 Der „Fettmilchaufstand“

4. Nachbetrachtung
4.1 Das Verhalten der Patrizier
4.2 Das Verhalten der Aufständischen
4.3 Die Juden als Sündenbock
4.4 Die Rolle des Kaisers

5. Die politischen Folgen des Aufstands

6. Ergebnis

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Als am Morgen des ersten Septembers 1614 eine aufgebrachte Menge die Judengasse der freien Reichsstadt1 Frankfurt plünderte, war das wohl der Höhepunkt des Bürgeraufstandes, welcher als „Fettmilchaufstand“ in die Geschichte einging. Namensgebend war hierbei einer der Haupträdelsführer der aufständischen Bürger, der Kuchenbäcker Vinzenz Fettmilch. Nun könnte man natürlich daraus schließen, dass die Frankfurter Juden die maßgebliche Schuld an der misslichen Lage der Bürgerschaft trugen. Doch entsprach dies wirklich den Tatsachen? Schließlich stellten die Juden, wie ersichtlich werden wird, eine gesellschaftlich und politisch isolierte Minderheit in der Stadt dar. Wieso entlud sich dann der Volkszorn gerade an ihnen?

Ziel dieser Arbeit ist es, die wahren Ursachen aufzuzeigen, die zum Frankfurter Bürgeraufstand führten. Zuerst wird zu klären sein, welche gesellschaftlichen Gruppen in der Stadt vorhanden waren und sich in ihren Interessen gegenüberstanden. Dabei kann auch die religiöse Situation in Frankfurt nicht außen vor bleiben. Anschließend wird, in groben Zügen, der Verlauf des Aufstandes zu schildern sein. In einer Nachbetrachtung werden anschließend die Aktionen und Reaktionen der am Aufstand maßgeblich beteiligten Akteure herausgearbeitet. Bildete die Frankfurter Bürgerschaft eine einheitliche Front gegen den Rat, oder war nur es nur ein radikaler Flügel, der zu den Waffen griff? Und warum musste die jüdische Gemeinde als Sündenbock für die Unzufriedenheit der Bürgerschaft herhalten?

Die Quellenlage für die hier behandelte Thematik ist durchaus problematisch, da viele der benötigten Akten des Frankfurter Stadtarchivs während des Zweiten Weltkriegs durch einen Brand verloren gingen. Der Historiker Matthias Meyn legte seinem Werk „Die Reichsstadt Frankfurt vor dem Bürgeraufstand 1612 bis 1614- Struktur und Krise“ die Forschungsergebnisse und Abschriften von Friedrich Bothe zugrunde, welcher seine Manuskripte noch vor dem Krieg erarbeitet hatte. Außerdem trifft man auf eine Vielzahl weiterer Forschungsliteratur. Zumeist wird überblicksartig die Stadtgeschichte Frankfurts vom Mittelalter bis zur Neuzeit geschildert, in welcher der „Fettmilchaufstand“ nur eine Episode bildet, andererseits finden sich Aufsätze zu spezifischen Themenstellungen, wie die Erinnerungskultur von Patriziergesellschaften2, in welchen die Frankfurter Unruhen zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine wichtige Rolle spielen.

Zwar steht außer Frage, dass in dem begrenzten Rahmen dieser Hausarbeit keine neuen Antworten auf die Frage nach den Ursachen des Aufstandes zu finden sind. Dennoch sollen bisherige Forschungsergebnisse in eine schlüssige Argumentation eingebunden werden, um letztendlich ein vielschichtiges Bild der Thematik präsentieren zu können.

2. Zur politischen Ordnung Frankfurts

An dieser Stelle soll auf einige gesellschaftlichen Reibungspunkte eingegangen werden, welche schließlich zum „Fettmilchaufstand“ führen sollten. Seit dem ausgehenden Mittelalter hatten sich politisch vor allem Patrizier, Handwerker und Kaufleute gegenübergestanden. In diesem Kapitel sollen die jeweiligen Situationen dieser Gruppen und die daraus resultierenden Konfliktpunkte verdeutlicht werden. Auch die Frage, ob vielleicht religiöse Gegensätze die Lage zum eskalieren brachten, ist natürlich von Interesse.

2.1. Die Patrizier

Seit dem Ausbau zur Königspfalz im frühen Mittelalter war allein der deutsche König Stadtherr von Frankfurt gewesen. Als dessen Stellvertreter wurde ein Schultheiß bestimmt, welcher die städtischen Verwaltungs-, Steuererhebungs-, Gerichts-, und Schutzaufgaben ausübte. Spätestens seit Friedrich I. Barbarossa (1152-1190) rekrutierten sich diese Führungskräfte aus den Familien, welche sich schon in der Verwaltung der Reichsministerien bewährt hatten.3 Manche von ihnen wurden sogar mit königlichen Lehen ausgestattet, eine Ehre, die üblicherweise nur dem Adel zustand. Aus dieser Verwaltungselite, und landbesitzenden „Altfreien“ hatten sich schließlich die Patrizier entwickelt.4

Zur Kontrolle der Stadtgeschäfte diente der seit 1266 urkundlich nachweisbare Rat, welcher sich aus drei Bänken zusammensetzte (Schöffenbank, Senatorenbank, Handwerkerbank). Im Jahre 1372 hatte er sich vom Kaiser das Recht der weitgehenden Selbstverwaltung Frankfurts erkauft.5 In dem für uns interessanten Zeitraum war jede Ratsbank mit 14 Mann besetzt. Die Patrizier besaßen dabei stets eine zweidrittel Mehrheit, da sie die ersten beiden Bänke allein besetzen. Seit Mitte des 16. Jahrhunderts konnte der Rat, und somit die Patrizier, seine Stellung gegenüber den Zünften, welche zwischenzeitlich die Oberhand gewonnen hatten, deutlich stärken.6 Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei Frankfurts bedeutende Stellung als Wahl- und Krönungsstadt. Die Etablierung einer verlässlichen Obrigkeit lag also allein schon deshalb im direkten Interesse der Krone. Dies hatte die deutschen Könige bei innerstädtischen Auseinandersetzungen oft dazu veranlasst, die Partei der Patrizier zu ergreifen.7

Zu Beginn des 17. Jahrhunderts hatte der Rat eine nahezu vollständige Machtstellung in Frankfurt inne. Aus ehemaligen Trinkstubengesellschaften hatten sich seit dem 14. Jahrhundert die Patriziergeschlechter der „Frauensteiner“ und „Alt-Limburger“ entwickelt. Vor allem letztere dominierten den Rat und ergänzten ihn wie selbstverständlich aus den eigenen Reihen.8 Jedoch hatte sich das Patriziat bis zum 16. Jahrhundert gegenüber wirtschaftlich aufstrebenden Bürgerfamilien gesellschaftlich nicht abgeschlossen. Vielmehr gelang es ihm, diese Familien zu assimilieren und so seine Stellung als oberste Elite der Stadt zu behaupten.9 Dies änderte sich erst dann, als sich die Patrizier vom bürgerlichen Erwerbsleben abkehrten und ihr Vermögen weitgehend in Landbesitz umwandelten. Denn mit dieser Entwicklung einher, ging letztendlich die soziale Abschließung gegenüber gesellschaftlichen Aufsteigern. Dies führte u.a. dazu, dass sich die Aufnahmebedingungen der patrizischen Gesellschaften im ausgehenden 16. Jahrhundert enorm verschärften. So durften etwa weder Eltern noch Großeltern eines Bewerbers Handwerker oder Krämer gewesen sein.10

Obwohl den Zünften theoretisch einige Einflussmöglichkeiten, welche im nächstem Unterpunkt detaillierter behandelt werden, auf die Geschicke der Stadt zustanden, stellte sich die Situation kurz vor dem Aufstand wie folgt dar: Das Frankfurter Patriziat war die politische Führungsschicht, welche zwar nicht die wirtschaftlich stärkste Kraft stellte, sich aber weitgehend gegen alle Aufsteiger abgeschlossen hatte. In Lebensweise und Unterhaltserhalt (Renteneinkünfte aus Landbesitz) hatte man sich weitgehend dem Adel angenähert. Und mit der Zeit war es durchaus üblich geworden, dass mehrere Familienmitglieder gleichzeitig im Rat saßen. In der Tat hatte sich zu Beginn des 17. Jahrhunderts eine Geburtsadelsmentalität herausgebildet, wie nicht zuletzt die Teilnahme von Patriziern an Adelsturnieren deutlich machte.11 In den Augen der Patrizier stellten sie das durch Geburt legitimierte Oberhaupt der Stadt. Die Rolle der restlichen Bürger wurde ganz klar als eine der Untertanen verstanden, welche sich ihren Anweisungen zu beugen hatten.

2.2 Handwerker und Zünfte

Die „gemeine“ Frankfurter Bürgerschaft war aus den ehemaligen Unfreien der Königspfalz entstanden. Vor allem die Handwerker, welche im zweiten Drittel des 12. Jahrhundert das Bürgerrecht erworben hatten, kämpften um politisches Mitspracherecht.12 Ihren Anspruch auf Machtteilhabe stärkten sie vor allem durch den Zusammenschluss in Zünften. So gab es bis 1355 bereits 14 Zünfte, welche noch im ausgehenden 14. Jahrhundert mit dem Rat um die Aufteilung der Macht rangen.13 Zwar konnten man den Patriziern, die aufgrund finanzieller Notlagen eine gewisse Kompromissbereitschaft an den Tag legten, durchaus einige Zugeständnisse abringen. Doch nach Intervention des Kaisers zu Beginn des 15. Jahrhunderts, wurden die gewährten Verfassungsänderungen wieder zurückgezogen und die Machtposition des Rates erneut gestärkt.14

Als das Patriziat begann sich sozial abzuschließen, konnten gesellschaftliche Emporkömmlinge eine politische Beteiligung am Stadtregiment nur noch über die Zünfte erreichen. Die ursprünglich reinen Handwerkerorganisationen verloren damit ihre eigentliche Funktion, und wurden mehr und mehr zu machtpolitischen Vereinen. Dennoch musste sich die angestrebte Partizipation letztlich in Grenzen halten. Denn die Zünfte verfügten zwar durch die 14 Ratsmitglieder der Handwerkerbank rein formal über politisches Mitspracherecht, doch blieb deren Einfluss weit hinter dem der 28 patrizischen Ratsherren zurück.

Da die zunfteigene Gerichtsbarkeit der Rechtsaufsicht des Rates unterlag, waren die Zünfte auch in sich selbst nicht unabhängig. Die sogenannten Ratsfreunde (meist Mitglieder der Handwerkerbank) hatten für das richtige, d. h. den Weisungen der Patrizier entsprechende, Verhalten der Zünfte zu sorgen. Auch war der Rat in der Lage, per Dekret einzelne Zunftverbände auflösen und neu gründen. Selbst auf die Zusammensetzung, bis hinunter zu den Handwerksgesellen, konnte Einfluss genommen werden. Darüber hinaus wurden alle neuen Zunftmitglieder bei ihrem Arbeitsantritt auf die beiden Bürgermeister vereidigt.15

[...]


1 Im Gegensatz zu den Landstädten, die den jeweiligen Territorialherren unterstellt und abgabepflichtig waren, unterstand eine freie Reichstadt nur dem deutschen König/Kaiser.

2 Dzeja, Stephanie, „Zu Nutz der Statt und Regiment”, in: Rösner, Werner (Hrsg.), Adelige und bürgerliche Erinnerungskulturen des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit, Göttingen 2000, S. 177 – 190.

3 Holtfrerich, S. 47

4 Koch, S. 8

5 Holtfrerich, S. 48

6 Meyn, S. 187

7 Ebd., S.99

8 Hansert, S. 117

9 Meyn, S.218

10 Hansert, S. 122

11 Die Turnierfähigkeit war eine spezifische Kennzeichnung des Adels. Vgl. dazu: Ebd., S. 119

12 Holtfrerich, S. 49

13 Koch, S. 9

14 Holtfrerich, S. 50

15 Meyn, S. 189

Details

Seiten
19
Jahr
2005
ISBN (eBook)
9783640345281
ISBN (Buch)
9783640345120
Dateigröße
491 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127969
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin
Note
1,3
Schlagworte
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