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Individualisierung und Depression

Individualisierung und Abhängigkeit bei der kultursoziologischen Überlegung zur Identitätsnorm der Individualität

Seminararbeit 2008 38 Seiten

Soziologie - Individuum, Gruppe, Gesellschaft

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Individualisierung
2.1 Individualisierung – Ergebnis der Modernisierung
2.2. Die Produktion des individualisierten Individuums in modernen Gesellschaften
2.3 Einflüsse auf das Individuum in der Adoleszens
2.4 Das Individuum als erwachsener Mensch
2.5 Individualisierung nach Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim
2.6 Identitätsentwicklung in der modernen Gesellschaft
2.7 Individualisierung und Kollektivisierung nach Karl Otto Hondrich
2.7.1 Der gehobene Konsens
2.7.2 Die Rückwendung zu traditionalen Mustern
2.7.3 Die Vergemeinschaftung und Verdrängung
2.7.4 Verbleib traditionaler Bindungen und Zwänge
2.7.5 Verwandlung traditionaler Bindungen
2.7.6 Verbleib der sich auflösenden Beziehungen
2.8 Zusammenfassende Darstellung

3 Depression
3.1 Depression in der Gesellschaft – Eine allgemeine Betrachtung
3.2 Depression und Geschlecht
3.3 Depression und Gesellschaft nach Alain Ehrenberg
3.4 Motivation und Ziele
3.5 Der Suizid
3.6 Suizid und Arbeitslosigkeit
3.7 Zusammenfassende Darstellung

4 Abschließende Betrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In der vorliegenden Hausarbeit wird der Frage nachgegangen, ob durch den vielfältigen Prozess der Individualisierung im Zeitalter der Moderne eine Freisetzung des Individuums aus den Zwängen der Gesellschaft erfolgt und Freiheit des Handelns besteht oder ob sich soziale Ungleichheit und soziale wie psychologische Abhängigkeiten dadurch verstärken.

In den westlichen Industrieländern, sehr deutlich in der Bundesrepublik Deutschland er-folgte in der wohlfahrtsstaatlichen Modernisierung nach dem Zweiten Weltkrieg ein gesell-schaftlicher Individualisierungsschub bei weitestgehend konstant bestehenden Ungleich-heitsverhältnissen (Beck 1986:116).

In diesem Kapitel erfolgt eingangs eine Beschreibung des Begriffs der Individualisierung und es werden die klassischen Thesen der Theoriegeschichte angeführt, ohne jedoch vertie-fend auf diese einzugehen.

Im weiteren Verlauf erfolgt eine Beschreibung, wie in einer modernen Gesellschaft die In-dividuen bereits frühzeitig auf die Anforderungen der individualisierten Lebensweise vor-bereitet werden und welche in der Adoleszens wie auch als erwachsene Person bestehen und welche staatlichen, institutionellen Organisationen eine Orientierungshilfe und Rah-menplan zu der Konstruktion der eigenen Wirklichkeit existieren. Es entsteht die Tendenz nach individualisierten Existenzformen und Existenzlagen, die die Menschen dazu zwin-gen, sich selbst zum Zentrum der eigenen Lebensplanung und Lebensführung zu machen (Beck 1986:116).

Da die Werke von Ulrich Beck und Elisabeth Beck-Gernsheim auf die Thematik der Indi-vidualisierung eingehen, werden in diesem Abschnitt einige ihrer Annahmen zur Indivi-dualisierung fragestellungsbezogen beschrieben.

Individualisierungsprozesse bedeuten für das Individuum eine Herausforderung der eige-nen Identitätsbildung in der Gesellschaft. Identitätsbildung ist wichtig, da das Individuum stetig die Aufgabe zukommt sich selbst in jeder Situation selbst zu entwerfen und um sich seine eigene Wirklichkeit zu schaffen. Die Identitätenbildung steht im Zusammenhang mit der Motivation und Zielrealisierung, was in einem späteren Kapitel dargestellt wird. Dem-zufolge liegt es nahe, dass im weiteren Verlauf der Arbeit auf die Identitätsentwicklung der Individuen eingegangen wird.

Im Anschluss an das Kapitel der Identitätsbildung wird unter Bezugnahme zu dem Text von Karl Otto Hondrich dargelegt, dass es eine reine Individualisierung nicht gibt, sondern dass diese immer in einem Wechsel zu dem Prozess der Kollektivisierung steht. Er vertritt die Position, dass aus der Individualisierung heraus sich Kollektivisierung entwickelt, die den Individuen Sicherheit und Orientierung gibt, die durch die Entwicklungen der Indivi-dualisierung verloren gegangen sind. Werden diese kollektivisierenden Lebensbedingun-gen als Einschränkung des individuellen Lebens empfunden, erfolgt wieder eine Bewe-gung der Individualisierung. Individualisierung bedeutet nicht, dass Abhängigkeiten ver-schwinden, sondern dass diese sich verlagern. Gesellschaftliche Normen, Kontrollen, Zwänge und Abhängigkeiten bleiben immer bestehen, werden nur anders wahrgenommen.

Die Antithese zu der scheinbar neu erworbenen Freiheit und Selbstgestaltung des autono-men Lebens eines jeden Individuums besteht in dem verstärkten Auftreten der Depression. Dieses Kapitel befasst sich mit der Fragestellung, weshalb sich die Depression als die am meisten verbreitete psychische Störung durchgesetzt hat und welche Rolle die Individuali-sierung der Gesellschaft dabei einnimmt.

Nach einer allgemeinen Beschreibung der Depression und deren Vorkommen in der Ge-sellschaft und der Betrachtung von Geschlecht und Gesellschaft, wird auf der Grundlage des Werks „Das erschöpfte Selbst – Depression und Gesellschaft in der Gegenwart“ von Alain Ehrenberg der Fragestellung nachgegangen. Anhand des Werkes von Alain Ehren­berg wird dargelegt, inwiefern das Individuum aufgrund der gestiegenen Anforderungen und Eigenständigkeit ein eigenes Leben zu führen immer mehr in Krankheiten zurück-weicht. Psychische Leiden werden zudem nicht behoben oder in den Ursachen behandelt, sondern durch Psychopharmaka bekämpft. Das Individuum ist dem Druck der Gesellschaft ausgesetzt und versucht diesem zu entfliehen.

Da in der heutigen Gesellschaft Motivation und Zielsetzung für jedes Individuum von Re-levanz ist, um in der individualisierten Gesellschaft bestehen zu können, wird im An-schluss der Erläuterung von Alain Ehrenberg mitunter von der sozialpsychologischen Per-spektive auf diese Aspekte eingegangen. Abschließend zu der Thematik erfolgt eine Erläu-terung hinsichtlich des Suizids, der zumeist als ein klassischer psychischer Parameter für die Sterblichkeit in Folge einer depressiven Erkrankung angesehen wird.

2 Individualisierung

2.1 Individualisierung – Ergebnis der Modernisierung

Der vielfältige Begriff „Individualisierung“ umschreibt systematisch die soziale Realität und beinhaltet eine Fülle an Individualisierungsprozessen. Im Allgemeinen ist unter Indivi-dualisierung die zunehmende Bedeutung des Individuums für den Vergesellschaftungspro-zess zu verstehen. Bei diesem Vergesellschaftungsprozess wird das Individuum als autono-mer Gestalter seiner sozialen Welt angesehen (Junge 2002:9). Individualisierung kann ebenfalls als das Ergebnis eines allgemeinen Modernisierungsprozesses betrachtet werden, wobei die Modernisierung eine spezifische Form des Wandels bezeichnet. Modernisierung beinhaltet Prozesse der Industrialisierung, Bürokratisierung, Urbanisierung, Demokratisie-rung und der steigenden sozialen Mobilität, die zumeist als Einheit miteinander in Verbin-dung stehen. Individualisierung ist hierbei ein Teilprozess, in dem das Individuum soziale Bedeutung erlangt und gleichzeitig selbst Produkt gesellschaftlichen Wandels ist (Junge 2002:10). Die Individualisierungsthese verheißt Erlösung aus gesellschaftlichen Zwängen wie auch Selbstbestimmung und Gleichheit durch die Auflösung der Traditionen (Hond-rich 2001:40).

Individualisierung als soziologischer Begriff hat eine Theoriegeschichte (Junge 2002:14). Bereits Emile Durkheim, Max Weber und Georg Simmel versuchten den sozialen Wandel, der im Fortschreiten der Moderne zu erkennen war, zu beschreiben. In den damaligen Zeit-diagnosen wurde versucht, das Individuum und den Individualisierungsprozess als Ergeb-nisse gesellschaftlicher Entwicklung zu erklären und darzustellen. Ihre Grundannahme lag darin, dass Modernisierungsprozesse mit einer Autonomisierung des Individuums verbun-den sind. Die klassischen Thesen zur Modernisierung besagen nach Emile Durkheim (1893), dass Modernisierung im Zuge der gesellschaftlichen Arbeitsteilung erfolgte. Max Weber (1920) betrachtete Modernisierung als rationale Durchdringung der Welt. Des Wei-teren muss nach Max Weber der Mensch in der Moderne als isolierter Wirtschaftsmensch funktionieren (Feldmann 2001:127). Die Handlungen des Individuums werden sachlicher, unpersönlicher und utilitaristischer1, ausgerichtet auf den eigenen Nutzen. Durch den Indi-vidualisierungsprozess erfolgt eine Verinnerlichung der Kontrolle, die zuvor von Institutio-nen ausgeübt wurde. Diese Selbstkontrolle verlangt vom jeweiligen Individuum Zeitdiszi-plin, Bedürfnisunterdrückung und Befriedigungsaufschub, d.h. es erfolgt eine zunehmende Selbstbeschränkung. Nach Weber sind die Individuen in ihren wachsenden sozialen Bindungen gefangen wie auch mit unflexiblen und nach formalen Regeln funktionierenden Strukturen konfrontiert.

Georg Simmel beschrieb den Prozess der Individualisierung, die Veränderung des Verhält-nisses zwischen Individuum und Gesellschaft, als eine Vermehrung von Chancen zur Aus-bildung eines eigenen Lebensstils, d.h. Individualisierung von und durch Lebensstile (Jun-ge 2002:11, 15). Simmel begreift Individualisierung als Freisetzungsprozess. Die Auflö-sung traditionaler Beziehungen hat eine Minderung zwischenmenschlicher Solidarität zur Folge, das bedeutet, dass innerhalb sozialer Gruppen weniger Fürsorge geleistet wird, Ver-antwortung von jedem selbst für die eigene Handlung getragen wird, die Kontrolle gerin-ger wird bis ganz entschwindet und eine Freiheit von sozialen Normen entsteht. Das Indi-viduum erhält mehr Eigenverantwortung und der Bedarf an Selbstkontrolle steigt. Die neu-en Beziehungen sind vielfältiger als die traditionellen Beziehungen, distanzierter, kosmopolitischer und entstehen häufiger aufgrund von Bedürfnissen. Die neuen sozialen Bindungen sind im Vergleich zu den alten Bindungen schwächer, einseitiger und sachbe-zogener, so dass das Individuum letztendlich in der Ausbildung seines individuellen Le-bensstils über einen größeren Handlungs- und Entscheidungsspielraum verfügt.

Über diese klassischen Thesen hinausgehend, ist der Modernisierungsprozess ein automati-scher Prozess, der beständig weiterläuft und modernisiert wird. Diese Modernisierung der Modernisierung erfolgt durch Rückwirkung auf sich selbst und durch Reflexion. Die be-sondere Funktion der reflexiven Modernisierung liegt bei dem Prozess der Individualisie-rung, in dem das Individuum als treibende Kraft wirkt (Junge 2002:11). Die Einforderung der in der Moderne entwickelten Standards, der autonomen und vernünftigen Gestaltung sozialer und individueller Lebensverhältnisse durch die Individuen, kann unreflektierte, traditionelle Elemente im Modernisierungsprozess verschwinden lassen (Junge 2002:11). Allerdings ist Individualisierung nicht mit der Zerstörung von Traditionen gleichzusetzen. Der Individualisierungsprozess kann zum einen zur Veränderung aber auch zum anderen seinen Teil zur Erhaltung und Verfestigung von Traditionen beitragen. Dieses bedeutet, dass davon ausgegangen werden kann, dass nur ein Teil der Traditionen verkümmert, an-dere sich wandeln oder konserviert werden. Der Wandel von Traditionen vollzieht sich oft in der Form, dass Traditionen internalisiert und verleugnet werden, wieder hoch kommen, an Bedeutung für die Individuen gewinnen und instrumentalisiert werden (Feldmann 2001:124).

2.2 Die Produktion des individualisierten Individuums in modernen Gesellschaften

In den hochindustrialisierten Staaten beginnt der Individualisierungsprozess bereits von Geburt an. Beispielsweise schlafen Babys nicht mehr im Ehebett der Eltern sondern haben ihr eigenes Bett. Innerhalb kurzer Zeit lernt das Baby seine Macht über die Mutter kennen, die alles für ihr Kind tut. Anders formuliert bedeutet es, dass der Säugling innerhalb kür-zester Zeit lernt, dass die Mutter seine Bedürfnisse befriedigt und er Aufmerksamkeit er-hält, sobald er schreit. In einer großen Zahl der Familien ist das Kind ein Einzelkind oder es sind zwei Kinder, die jedoch mehr oder weniger wie Einzelkinder aufwachsen. Von den Eltern werden die Wünsche jedes Kindes berücksichtigt, gefördert und befriedigt. Es erhält frühzeitig Eigentum, ein eigenes Zimmer und viele eigene Spielsachen. Wenn die finanzi- ellen Möglichkeiten es erlauben, bekommt das Kind alles, was es haben möchte. Das Kind erhält den Eindruck, der Mittelpunkt der Welt zu sein. Mit dem Eintritt in den Kindergar­ten oder in die Schule verändert sich die Position des Kindes nach außen. Es beginnt der Kampf, sich gegen andere Kinder durchsetzen und behaupten zu müssen, um den eigenen Weg zu gehen oder um die erwarteten Ziele zu erreichen. Spätesten in der Schule erfährt das Kind, dass nur die eigene Leistung zählt und nicht die Kooperation mit den anderen.

Neben den angeführten ersten Institutionen, die das Kind bereits früh kennengelernt hat, erfolgt durch den kontinuierlichen Konsum von Massenmedien eine frühzeitige Identifika-tion mit Siegertypen und eine Heldenverehrung (Feldmann 2001:120). Das moderne Be-wusstsein wird schon in früher Kindheit aufgebaut, geprägt und kontinuierlich aktualisiert. Den jungen Menschen werden die Siegertypen bzw. In-Style-Ikonen zum Beispiel in den medialen Castingshows präsentiert, die diese dabei auch produzieren bzw. kreieren. Jeder der sich durchsetzen und überzeugen kann, der kann ein Star werden. Besondere Begabun-gen und herausragende Schönheit sind nicht unbedingt nötig. Die entsprechende Selbstdar-stellung, Inszenierung vor der Kamera und die Maske basteln den neuen Star. Die Helden-verehrung erfolgt beispielsweise durch den Konsum von Nonstopserien auf den Kinder-kanälen und den dazugehörigen materiellen Angeboten an Spielsachen, Karten und Internetauftritten. In Bezug auf die soeben erwähnten Castingshows kann auch von einer Heldenverehrung gesprochen werden. Bei den Kinderserien und den Castingshows wird ei-nem zumeist jungen Publikum gezeigt, was sozial erwünscht und möglich ist und durch ak-tives, zielorientiertes Handeln erreicht werden kann. Die Kandidaten der Castingshows, die direkt aus der Bevölkerung entsprungen sind, sich vor der Kamera lächerlich gemacht ha-ben, individuelle Stärken und Schwächen aufwiesen und doch genommen wurden, spre-chen junge Leute stark an. Während in vielen Serien direkt vorgegeben wird, was wie ge-macht werden sollte, was in und kultig, moralisch und sozial vertretbar ist etc. hat bei den Castingshows das Publikum die Wahl, mit welchem Kandidaten es sich identifizieren möchte, welcher Fangemeinde es sich anschließen würde. Es findet insbesondere bei jun-gen Leuten eine Identifikation und Personifizierung mit dem, vor der Kamera singenden, tanzenden, schillernden, entwickelnden Individuum statt. Freud und Leid können förmlich mitempfunden, miterlebt werden. Die Nachricht an das Publikum bzw. an die Individuen der Gesellschaft ist: „Ihr könnt alles schaffen, egal wo Ihr herkommt. Ihr müsst es nur wol-len! Seht mich an, ich bin einer von Euch und habe es geschafft – zunächst im individuel-len Alleingang, Flexibilität, Mobilität, Selbststarstellung, Inszenierung etc. Das Selbst hat überzeugt! Jedoch zum großen Finale kam ich nur durch Euch, durch die Unterstützung meiner Fans!“

Massenmedien, das Bildungssystem, Politik, Wirtschaft, das Internet etc. bieten Wirklich-keitskonstruktionen an (Feldmann 2001:129), anhand derer sich alle Gesellschaftsmitglie-der in Bezug auf die Ausrichtung individueller Lebensentwürfe und Zielsetzungen orientie-ren können. Insbesondere hervorgehoben wird die Relevanz einer guten Schul- und Ausbil-dung, um im Beruf erfolgreich zu sein. Die Darstellung jener, die am Rand der Gesellschaft in Armut leben, beinhaltet die Warnung, dass der soziale Absturz jederzeit möglich ist. Die Individuen der Gesellschaft müssen kontinuierlich an sich selbst und der Gestaltung des Lebens aktiv arbeiten, um den Platz in der Gesellschaft zu wahren. Zwar sind die Individuen frei in der Wahl des Lebensweges, jedoch benötigen die Menschen in einer sich differenzierenden und wandelnden Gesellschaft Orientierungshilfen (Feldmann 2001:128), um die richtige Wahl zu treffen, motiviert in die Richtung der relativen Sicher-heit das Leben auszurichten.

Die einstigen unkonventionellen Rebellen, die sich gegen das „Spießertum“ auflehnten, Kontrolle, Regeln und Traditionen ablehnten, haben entweder in den Nachkommen Indivi-duen, die auch „Spießer“ werden wollen, sich nach gefestigten und geregelten Sicherheiten und Ordnung sehnen oder vollziehen den Wandel ihrerseits, indem die Lebensführung in geregelte Bahnen lenken, sich ein Haus bauen etc. Auch Traditionen und Familie werden verstärkt gelebt. Aufgrund von gemachten Erfahrungen des individuell gestalteten Lebens besteht die Möglichkeit, dass eine Umkehr von der Freiheit hin zu einer gesicherten Le-bensform erfolgt.

2.3 Einflüsse auf das Individuum in der Adoleszens

Des Weiteren lernt das Individuum bereits sehr früh die Relevanz der finanziellen Ressour-cen kennen, die dazu notwendig sind, um all die Produkte erwerben zu können, die als neu und innovativ gelten. Durch den Erwerb von technischen IN-Produkten, wie zum Beispiel der Spielkonsole „Wii“ oder dem „Nintendo DS“, deren Spiele und Zubehör, erfolgt eine gewisse Gruppenzugehörigkeit. Da der Nintendo DS primär darauf ausgerichtet ist, dass die Spiele überwiegend alleine gespielt werden, bezieht sich die Gruppenzugehörigkeit darauf, dass das Individuum sich zu den Besitzenden zählen kann. Das besitzende Indivi-duum nimmt eine besondere Stellung gegenüber jener ein, die nicht zu den privilegierten Personen gehören, die das Produkt nicht erwerben können. Dem entgegengesetzt existiert die Gruppe jener, deren Eltern aus pädagogischer Überzeugung den Erwerb derartiger Pro-dukte ablehnen, da diese als Gefahr für die Entwicklung der Persönlichkeit angesehen wer-den und soziale Kompetenzen nicht fördern bzw. ausbilden oder diese gar verkümmern lassen. Eine Gemeinsamkeit zwischen den Personen, die aufgrund mangelnder finanzieller Mittel das jeweilige Produkt nicht erwerben können und der Gruppe, die aufgrund intellek-tueller Prioritäten und Entscheidungen den Erwerb ablehnen, ist, dass sie nicht über das be-sondere Statussymbol verfügen. Beizeiten ist auch für die jungen Mitglieder der Gesell-schaft erkennbar, dass der, der über die jeweils geforderte Kompetenz und das ökonomi-sche und soziale Kapital verfügt, der angestrebten sozialen Gruppe angehört und „mitspielen kann“ (Feldmann 2001:127). Die übrigen individuellen Eigenschaften, bei-spielsweise Hilfsbereitschaft, Sensibilität etc. sind nicht immer von Bedeutung. Mehrdi-mensional Individualisierte arbeiten kontinuierlich daran, sich von Angehörigen der unte-ren Schichten zu unterscheiden und sind Spezialisten der Distinktion, vor allem durch Kleidung, Wohnungseinrichtung, Konsumgüter, Essen, Reisen, Kunstkonsum etc. (Feld­mann 2001:123).

Was in der frühen Kindheit begonnen hat, durch Eltern vorangetrieben wurde, ist für den gesamten individuellen Lebensverlauf von Relevanz. Der Unterschied besteht darin, dass das heranwachsende und zunächst gelenkte Individuum als Erwachsener die meisten Ent-scheidungen eigenständig und selbstbestimmt zu treffen hat. Der Einzelne ist bei der Reali-sierung seiner Ziele einem starken Druck ausgesetzt und muss ein großes Maß an Eigen-leistung, Motivation und Disziplin aufbringen. Durch Selbstkontrolle, Aktivismus und der rationalen Auswahl der Mittel zum Erreichen der definierten, individuellen Ziele muss das Leben gestaltet werden. Rationalität ist charakteristisch für moderne Gesellschaften. Das Individuum muss sich Ziele setzen und eigenständig versuchen, diese zu erreichen. Mittel müssen herangezogen, überprüft und anerkannt werden, um zu entscheiden, welche für das Erreichen der Ziele brauchbar sind (Feldmann 2001:128).

2.4 Das Individuum als erwachsener Mensch

Im weiteren Lebensverlauf gehen die meisten der individualisierten Individuen im privaten Bereich eine Partnerschaft oder Ehe ein, gründen eine eigene Familie, sind konforme Mit-glieder von Vereinen und gestalten das Leben in geordneten Verhältnissen. Dem gegen-über steht eine relativ geringe Zahl der Personen, die freiwillig Singles bleiben (Feldmann 2001:121). Bei allen Aspekten der privaten Lebensführung, ob als Single, in einer Partner-schaft oder Kleinfamilie, stehen die berufliche Tätigkeit, die berufliche Verwirklichung und Sicherung der Lebensstandards im Vordergrund. Durch berufliche Erwerbstätigkeit bzw. Verwirklichung der Karriere, Aneignung, Vermehrung wie auch Sicherung des Kapi-tals können die Lebensstandards gehalten oder verbessert werden. Ein modernes, stark auf-stiegsmotiviertes Individuum kann sich nur auf einer soliden Kapitalbasis, d.h. mittels öko-nomischen, sozialen und kulturellen Kapitals entfalten und selbstbestimmt weiterentwi-ckeln, wobei die Selbstbestimmung abhängig vom sozialen Erfolg und von der sozialen Gruppenzugehörigkeit ist Nach Pierre Bourdieu ist Individualisierung ein Merkmal eines privilegierten Habitus. Dieses bedeutet nicht, dass die Individuen sich jenseits von sozialen Klassen oder Schichten befinden. Vielmehr ist sie ein Instrument für soziale Strukturerhal-tung, verbunden mit sozialen Aufstiegshoffnungen (Feldmann 2001:123). Wertvolle Ei-genschaften zum Existieren und Bestehen in der modernen Gesellschaft, die das Individu-um besitzen bzw. ausgeprägt haben sollte, wären beispielsweise ausreichende und gesi-cherte materielle und finanzielle Ressourcen, Beziehungs- und Kommunikationsfähigkeit, Korporationsbereitschaft, Egoismus, Anpassungsfähigkeit, Mobilitätsbereitschaft, Ver-handlungsgeschick und Flexibilität. Diese Eigenschaften sind ebenfalls relevant, um sozia-le Anerkennung zu erlangen und um an gesellschaftlichen Lebensprozessen teilhaben zu können. Sind die Kompetenzen nicht oder nur geringfügig ausgebildet, kann dieser Um-stand soziale Ausgrenzung oder Exklusion zur Folge haben. In der Epoche der Individuali-sierung bleibt die soziale Ungleichheit und Ungerechtigkeit bestehen und scheint sich so-gar noch verstärkt zu haben. Des Weiteren bekräftigt die Kapitalabhängigkeit, d.h. der Er-halt des Kapitalismus, dass Individualisierungsprozesse sozial geschichtet sind (Feldmann 2001:128) und zudem durch das Wirtschafts- und Berufssystem produziert werden. Die In-dividualisierung erhöht die individuellen Mobilitätschancen, wodurch das Wirtschaftssys-tem stabilisiert wird (Feldmann 2001:123).

Diese kurze Skizzierung beschreibt, wie das moderne Individuum mit einem hohen Auf-wand in einer Kleinfamilie, bereits von Geburt an, in den Prozess der Individualisierung hineinwächst und dementsprechend erzogen wird. Es ist wichtig, dass jedes einzelne Ge-sellschaftsmitglied von klein auf lernt, welche Anforderungen in Zeiten der Individualisie-rung und der freien Wahlmöglichkeiten gestellt werden. Es besteht die Eventualität, dass bei Überforderung wieder der Wunsch nach einem eindeutigen, strukturierten, eine Orien- tierung weisenden System entsteht, ähnlich jenem System, das früher durch die Sicherheit gebende Struktur der Familie, der Rollenverteilung wie auch durch vorgegebene Sozialfor-men und sozialen Bindungen bestand. Als Auflösung historisch vorgegebener Sozialfor-men wie Schicht, Familie, Nachbarschaft, Geschlechtslagen etc. wirkt die Freisetzung der Individuen aus den traditionellen Sozialbezügen der industriellen Gesellschaft in der Mo-derne (Fischer / Weber 2000:174; Beck 1986:115). Demzufolge befindet sich die moderne Gesellschaft in einem Prozess der „Freisetzung“, der auch als Enttraditionalisierung, Ver-lust der Mitte, transzentrale Obdachlosigkeit oder Desintegration bezeichnet wird (ebd.). Die Freisetzungsdimension, gemeint ist hierbei die erwähnte Herauslösung der Individuen aus historisch vorgegebenen Beziehungsformen und Bindungen und die Entzauberungsdi-mension, mit der der Verlust von tradierten Sicherheiten hinsichtlich des Wissens, Glau-bens und der normativen Grundlagen des Verhaltens benannt ist (Fischer / Weber 2000:174; vgl. Beck 1995:206). Freigesetzte Individuen treten in eine Form der Abhängig-keit ein. Sie werden arbeitsmarkt- und bildungsabhängig, konsumabhängig, abhängig von sozialrechtlichen Regelungen und Versorgungen, von Verkehrsplanungen, Konsumange-boten, Möglichkeiten und Moden, medizinischer, psychologischer, pädagogischer Bera-tung und Betreuung. Dies alles verweist auf die Kontrollstruktur institutionenabhängiger Individuallagen (Beck 1986:119).

Durch die Mobilitätsprozesse der heutigen Gesellschaft wird bewirkt, dass sich die ehe-mals verlässlichen örtlichen und sozialen Bezugspunkte der Individuen verändern (ebd.), was sich einerseits auf das Bewusstsein der betroffenen Individuen und andererseits auch auf die veränderten sozialen Bezüge auswirkt (ebd.). Das „freigesetzte Individuum“ steht vor der Aufgabe, in diesen neuen, unübersichtlichen Abhängigkeiten und Unsicherheiten zu leben. Zwar sind teilweise Normierungen abgebaut worden, allerdings entstanden gleichzeitig andere neuartige und flexible Normierungen. Ebenso handelt es sich bei den Prozessen nicht um einen Zustand von moralischem Zerfall oder Anomie, sondern um zu-nehmende gesellschaftliche Komplexität und innere Differenzierungen der Freiheitsspiel-räume (Feldmann 2001:129). Einerseits erhält das Individuum die Freiheit wählen zu kön-nen, andererseits verliert es diese Freiheit gleichzeitig wieder durch die gesetzten Rahmen-bedingungen von Institutionen, Vorgaben, Reglementierungen und neuer sozialer Einbindungen. Aus der Abhängigkeit von der Familie wird eine Abhängigkeit von einem komplexen System an Institutionen. Infolge der Individualisierungsprozesse, zum einen durch das Herauslösen aus den alten Verhältnissen und den festen Grenzen der Traditio-nen, zum anderen durch die daraufhin erzwungene Integration in die Gesellschaft, werden hohe Anforderungen für die Gestaltung und Durchführung des Lebens an jedes Individuum gestellt. Durch den eigenen Willen, Zielstrebigkeit, Aktivismus etc. kann jeder sein Leben in die Richtung lenken und situationsabhängig gestalten. Um die eigenen Ziele bestmög-lich zu erreichen und um in der modernen Gesellschaft zu bestehen, werden von den Indi-viduen Durchhaltevermögen und Willensstärke erwartet. Dieses bedeutet, dass Situationen richtig eingeschätzt und richtig beurteilt werden. Es gilt situationsbedingt freie Entschei-dungen für jeden Lebensbereich zu treffen und eine eigene, unvergleichbare, selbstständige Existenz jenseits der Familie und sozialen Gruppe zu führen. Ein Individuum erschafft sich aus eigener Kraft selbst, ohne Kontrolle oder Einfluss der Familie oder Gesellschaft. Hieraus folgt, dass jedes Individuum einem steten Entscheidungs- und Reflexionsdruck ausgesetzt ist. Nach der Phase des prüfenden und vergleichenden Nachdenkens über die ei- genen Handlungen und Entscheidungen erfolgt von dem Individuum eine Begründung der Handlungen und Entscheidungen. Rechenschaft vor sich oder auch anderen gegenüber ab-zulegen nützt, um die Orientierung nicht zu verlieren und auch um Einstellungen, Ratschläge, Hinweise oder Unterstützung von anderen, herangezogenen Personen zu erhal-ten. Um die Zunahme der depressiven Erkrankungen der modernen Gesellschaft zu erklä-ren, kann die Aufgabe des disziplinarischen Modells der Verhaltenssteuerung herangezo-gen werden. Dieses Modell, das autoritär und verbietend den sozialen Klassen und den bei-den Geschlechtern spezifische Rollen zuwies, wurde durch Norm ersetzt. Mit der Norm wurde jedes Individuum zu persönlicher Initiative aufgefordert und verpflichtet es selbst zu werden. In der Folge dieser Aufforderung und gleichzeitigen Verpflichtung nahmen die de-pressiven Erkrankungen zu (Ehrenberg 2004:4). Eine Konsequenz dieser Entwicklung ist, dass die Verantwortung für das eigene Leben zum einen bei dem Individuum liegt, zum anderen auch im kollektiven Zwischenmenschlichen (ebd.). Für das erfolgreiche Bestehen in der modernen Gesellschaft, unter den neuen Verhältnissen, gibt es jedoch keine konkrete Anleitung.

Eine die gesellschaftlichen Individualisierungsprozesse unterstützende Funktion nehmen bürokratische Organisationen und Sozialisationsinstanzen ein, beispielsweise Kindergar­ten, Schule, Kirche, Betriebe. Der Kindergarten und die Schule vermitteln Werte und Kompetenzen, die in der modernen Gesellschaft erwartet werden und fungieren in gewisser Hinsicht als soziales Korrektiv. Mit Hilfe von bürokratischen Organisationen kann eine Entlastung der Menschen erfolgen, sodass den gestiegenen Anforderungen Folge geleistet werden kann. Durch diese Vorgaben, die in der Regel bindend sind, erhält der Einzelne eine Rahmenstruktur dessen, was er machen muss, neben dem, was er eigenständig und durch freie Wahl zur Konstruktion seines Lebens machen soll.

[...]


1 Utilitarismus: Grundlage für die ethische Bewertung einer Handlung ist das Nützlichkeitsprinzip. Als erster in Europa erläutert Jeremy Bentham (1789) den zentralen Begriff des Nutzen folgendermaßen: „Mit dem Prinzip des Nutzen ist das Prinzip gemeint, das jede beliebige Handlung gutheißt oder missbilligt entsprechend ihrer Tendenz, das Glück derjenigen Partei zu erhöhen oder zu vermindern, um deren Inter-essen es geht ... Mit ‚Nutzen’ ist diejenige Eigenschaft einer Sache gemeint, wodurch sie zur Schaffung von Wohlergehen, Freude, Gutem oder Glück tendiert.“ Benthams Arbeit konzentriert sich auf die Ge-staltung der sozialen Ordnung. Er entwickelte eine rationale Gesetzgebungslehre. Utilitaristische Richtun-gen können danach differenziert werden, welche Vorstellung von Nutzen und Glück ihnen zugrunde liegt. (In: http://de.wikipedia.org/wiki/Utilitaristisch. Zugriff am 22. 09. 2008).

Details

Seiten
38
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640350353
ISBN (Buch)
9783640350056
Dateigröße
633 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127945
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Institut für Sozialwissenschaften
Schlagworte
Individualisierung Depression Abhängigkeit Identitätsnorm Individualität

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Titel: Individualisierung und Depression