Lade Inhalt...

Die Gestaltung nationalsozialistischer Propaganda im Rundfunkprogramm

Zwischen weltanschaulicher Schulung und musikalischer Unterhaltung

Hausarbeit (Hauptseminar) 2006 36 Seiten

Geschichte Europa - and. Länder - Neueste Geschichte, Europäische Einigung

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Die Leitfragen
1.2 Forschungsbericht
1.3 Quellenlage

2. Untersuchung
2.1 Grundlagen der nationalsozialistischen Rundfunkpropaganda
2.1.1 Die propagandistische Konzeption
2.1.2 ’Im Dienste der Volksführung’ - Der Rundfunk als 11 Herrschaftsinstrument des NS-Regimes
2.2 Phasen der Programmgestaltung des NS-Rundfunks in der Vorkriegszeit
2.2.1 Die politisch-propagandistischen Übertragungen von 1933
2.2.2 Die ’kulturelle Offensive’ des Jahres 1934
2.2.3 Das Unterhaltungsprogramm ab 1935
2.3 Der nationalsozialistische Rundfunk im Zweiten Weltkrieg
2.3.1 Der Einsatz der Kriegspropaganda
2.3.2 Unterhaltungsmusik im Krieg: Das ’Wunschkonzert 25 für die ’Wehrmacht’
2.3.3 Von den Reformen 1941/42, über die Stalingrad-Krise 1943 bis 26 zur Einstellung des Rundfunk

3. Ergebnis
3.1 Die Hörer: Über Stimmungen, Mentalitäten und ihren Einfluss im Rundfunk
3.2 Die Bedeutung des Rundfunks im Rahmen der NS-Medienpropaganda

4. Schrifttum
4.1 Quellen
4.2 Darstellungen
4.3 Anhang

Der Rundfunk muss [sic] der Regierung die fehlenden 49% zusammentrommeln, und haben wir sie dann, muss [sic] der Rundfunk die 100% halten, muss [sic] sie so verteidigen, so innerlich durchtränken, dass niemand mehr ausbrechen kann.“

(Joseph Goebbels, 30. März 1933)

1. Einleitung

Mit der Entwicklung des Radios zum schnellsten und aktuellsten Massenmedium nach dem Ersten Weltkrieg stieß die Informationsverbreitung in größere und neuartige Dimensionen hervor. Gegenüber den Presseerzeugnissen hatte der Rundfunk den „unschätzbaren Vorteil, das Wort über Fronten, Meere und Kontinente hinweg räumlich nahezu unbegrenzt und in Sekundenschnelle über den Äther in die Welt senden zu können“1. Der Rundfunk verfügte außerdem über die Möglichkeit, seine Zuhörer nicht nur mit den wichtigsten Meldungen direkt zu konfrontieren, sondern auch mit musikalischem und kulturellem Programm für abwechslungsreiche Unterhaltung zu sorgen.

In Deutschland wurde dem Rundfunk bereits in den Anfängen der Weimarer Republik ein hoher Stellenwert eingeräumt. Am 29. Oktober des Jahres 1923 wurde in Berlin mit der Übertragung eines einstündigen Abendkonzerts das ständige Rundfunkprogramm eingeläutet. Da in Zeiten wirtschaftlicher Nöte, sozialer Verarmung und politischer Instabilität die Ängste und Sorgen der Bevölkerung immer mehr geschürt würden, müsste nach Meinung Hans Bredows „dem deutschen Volk etwas Anregung und Freude in das Leben“2 gerufen werden. Diese Worte stammen vom damaligen Staatssekretär des Telegrafen-, Fernsprech- und Funkwesens, der zugleich den ersten öffentlichen deutschen Rundfunk organisierte. „Erholung, Unterhaltung und Abwechslung lenken den Geist von den schweren Sorgen des Alltags ab, erfrischen und steigern die Arbeitsfreude“, fügte Bredow hinzu. Nach seiner Einschätzung seien für den einfachen kleinen Bürger der Erwerb von Büchern oder Zeitschriften sowie der Besuch von Konzerten oder Theateraufführungen auf Dauer nicht mehr zu finanzieren. Der Gefahr eines schleichenden Prozesses „geistige[r] Verarmung“ sollte mit dem Radio Einhalt geboten werden. Gleichzeitig könne der Rundfunk dazu dienen, eine Brücke zwischen Politik und Unterhaltung zu schlagen. Die Bevölkerung nicht nur mit Nachrichten zu versorgen, sondern auch vermehrt mit politischen Fragen zu konfrontieren, wurde zur staatspolitischen Aufgabe erklärt. Die Staatsnähe des Rundfunks bewirkte letztendlich sogar eine Umwandlung in einen ’Staatsrundfunk’3. Diese Struktur trug dazu bei, dass die Nationalsozialisten nach ihrer Machtübernahme 1933 den Rundfunk für ihre politischen Zwecke sehr umfassend einsetzen konnten. In einer radikalen Form wollten sie den Rundfunk zu ihrem Herrschaftsinstrument ausbauen. „Jedem Volksgenossen muss [sic] klar werden“, sagte der Reichssendeleiter Eugen Hadamovsky des Reichsministeriums für Volksaufklärung und Propaganda4, „dass [sic] er einfach nicht abseits stehen darf, wenn er sich nicht selber ausschalten will von den geschichtsbildenden Ereignissen des im Aufbau befindlichen Freiheitsstaates Adolf Hitler“5. Um ihre ideologischen Vorstellungen und Paradigmen gegenüber der Gesellschaft zu untermauern, mussten entsprechende Mittel in die Wege geleitet werden. Dabei waren die Nationalsozialisten auf systematische Manipulationen der öffentlichen Meinung angewiesen, mussten gleichzeitig aber auch auf Selbstanpassungsmechanismen der Bevölkerung vertrauen, um ihre politische Linie durchzusetzen. Infolgedessen wurde der Rundfunk zum wichtigsten Propagandainstrument erklärt. Dieser ließ sich im Vergleich zur Presse und zum Film, der sich erst am Anfang seiner Entwicklung befand, am leichtesten für die nationalsozialistische Idee instrumentalisieren und zum Sprachrohr der neuen Regierung Hitlers funktionalisieren.

Kurz nach seiner Ernennung zum Reichsminister für Propaganda und Volksaufklärung am 25. März 1933 hob Joseph Goebbels die eminente Bedeutung des Rundfunks hervor: „Ich halte den Rundfunk für das allermodernste und für das allerwichtigste Massenbeeinflussungsinstrument, das es überhaupt gibt.“ Aufgabe des Rundfunks sei es nach seiner Vorstellung, das Volk „innerlich [zu] durchtränken mit den geistigen Inhalten unserer Zeit.6 “ Die Wichtigkeit des Rundfunks innerhalb seines Ressorts manifestierte Goebbels fünf Monate später auf der Berliner Funkausstellung vom 18. August 1933. In Anlehnung an den legendären französischen Feldherrn Napoleon Bonaparte, der zu seiner Zeit die Presse als die „fünfte Großmacht des 19. Jahrhunderts“ hochstilisierte, bezeichnete der Reichs- minister den Rundfunk als die „achte Großmacht“ des 20. Jahrhunderts. Dieser sei der „einflußreichste Mittler zwischen geistiger Bewegung und Volk, zwischen Idee und Menschen“. Das Volk sollte über das Medium Radio die Reden von Hitler und seiner Entourage, die Berichte von Reichs- und Parteitagen oder auch die Einweihungen von Autobahnen verfolgen können. Die Erinnerung an die ’Machtergreifung’ 1933 oder auch der Geburtstag Hitlers am 20. April gehörten zu den wichtigen Programminhalten. Dass die ideologische Indoktrinierung des deutschen Volkes auf fruchtbaren Boden stieß, ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen. Dennoch darf diese Einschätzung nicht darüber hinwegtäuschen, dass die nationalsozialistische Kultur- und Medienpolitik auch mit Problemen verbunden war. Auf der einen Seite bestand der dringliche Appell seitens der Propagandaabteilung, die Gesellschaft mit der nationalsozialistischen Weltanschauung zu durchdringen, auf der anderen Seite bestand für die Verantwortlichen des Rundfunks die Gefahr, den Hörer mit langweiligen politischen Reden vom Radio fernzuhalten. Die Bemühungen der NS-Führungselite liefen oftmals dem Wunsch des Adressaten nach Unterhaltung zuwider. Den Rundfunk daher nur als Symbol einer allmächtigen Manipulationsmaschinerie darzustellen, wäre fatal und würde dem neuen Massenmedium Radio und seiner Wirkung auf die Hörerschaft in seiner Gesamtheit nicht gerecht werden. Daher waren die Nationalsozialisten während ihrer zwölfjahrelangen Diktatur zeitweilig darauf angewiesen, von einer simplen ’Gehirnwäschestrategie’ abzurücken, um mit verschiedenen Unterhaltungs- programmen auf die Bedürfnisse der Hörer einzugehen.

1.1 Die Leitfragen

Die vorliegende Arbeit liefert einen Beitrag zur Untersuchung der Programmgestaltung des nationalsozialistischen Rundfunks. Dabei soll der Frage nachgegangen werden, was es nach dem Machtantritt der Nationalsozialisten für den einzelnen Hörer eigentlich bedeutete, dass nun „der Rundfunk im Dienste der Volksführung“7 stand. Auf welche inhaltlichen Schwerpunkte wurde besonderen Wert gelegt und wie wirkten sich der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges und dessen Verlauf auf das Programmgestalten und Radiohören aus? Ziel dieser Untersuchung soll es sein, vorherrschende Denkmuster und Charakteristiken des Rundfunkprogramms aufzuzeigen und diese später in den Gesamtkontext der faschistischen Medienpropaganda einzubetten. Die technischen und wirtschaftlichen Details des Rundfunks, ebenso der organisatorische Aufbau der Rundfunkführung werden dagegen bewusst ausgeblendet. Im Mittelpunkt der Arbeit steht nämlich vielmehr die Diskussion, ob es dem Naziregime gelang, die Bevölkerung mit Hilfe von Propaganda und Unterhaltung für ihre politische Agenda zu gewinnen und welche Methoden dafür eingesetzt wurden. Abschließend stellt sich die Frage, welchen Einfluss der Hörer auf die Gestaltung hatte und inwieweit der Erfolg des neuen Mediums von dem Einsatz der Propaganda abhing.

Um die Leitfragen in einer adäquaten Weise beantworten zu können, bedarf es zunächst, einen weiten Blick auf die Konzepte der nationalsozialistischen Rundfunkpolitik zu werfen. Hierbei bilden sowohl die propagandistischen Theorien von Hitler, Goebbels und Hadamovsky als auch deren Verständnis vom Rundfunk als Führungsinstrument eine tragende Säule. Im zweiten Teil der Untersuchung stehen die verschiedenen Ausrichtungen des Rundfunkprogramms bis zum Ausbruch des Krieges im Mittelpunkt. Diese werden anhand von verschiedenen Phasen näher untersucht. Die Auswirkungen des Krieges und der Einfluss des Kriegsverlaufs auf die Gestaltung der Radiosendungen werden im dritten Abschnitt behandelt. Abschließend wird eine Bewertung über den Einfluss des Hörers und über die Rolle des Rundfunks im Kontext der medialen Propaganda vorgenommen.

1.2 Forschungsbericht

Über die nationalsozialistische Rundfunkpolitik sind bisher zahlreiche Publikationen herausgegeben worden. Allerdings beziehen sich die meisten Werke zum Thema NS- Rundfunk überwiegend auf den technischen oder organisatorischen Aspekt und gehen nicht genügend auf die Programmgestaltung ein, wie zum Beispiel Ansgar Dillers ’Rundfunkpolitik im Dritten Reich’. Dieses Buch leistet ebenso einen wichtigen Beitrag für die Untersuchung, wie auch die Arbeit ’Der Rundfunk als Instrument der Politik. Zur Geschichte des deutschen Rundfunks von 1923/38’ von Heinrich Pohle, die sich dagegen sehr detailliert mit den verschiedenen Phasen der nationalsozialistischen Rundfunkpolitik beschäftigt. Speziell zur Untersuchung des norddeutschen Rundfunks eignet sich das Buch „Der NDR. Zwischen Programm und Politik. Beiträge zu seiner Geschichte“ von Wolfram Köhler.

Leider ist die aktuelle Forschung in Bezug auf das Hörprogramm im Zweiten Weltkrieg noch nicht weit fortgeschritten. In jüngerer Zeit sind zwei Publikationen von Konrad Dussel erschienen, zum einen ’Deutsche Rundfunkgeschichte. Eine Einführung’ und zum anderen ’Hörfunk in Deutschland. Politik, Programm, Publikum’, die beide Aufschluss über die nationalsozialistische Propaganda von 1939-45 geben. Die Dissertation ’Nationalsozialistische Rundfunkpolitik 1942-1945. Organisation, Programm und die Hörer’ von Walter Klingler legt ihren Schwerpunkt auf die Rundfunkpolitik in den Krisenjahren des ’Dritten Reiches’.

Auch ist der Hörer in der Betrachtung bisher zu kurz gekommen. Eine Übersicht über die verschiedenen Rundfunkangebote und eine Fokussierung auf den Hörer bietet das Buch ’Zuhören und Gehörtwerden I. Radio im Nationalsozialismus. Zwischen Lenkung und Ablenkung’, herausgegeben von Inge Marßolek und Adelheid von Saldern. Einen wichtigen Beitrag zur Untersuchung der musikalischen Unterhaltung liefert Nanny Drechsler mit ihrem Buch ’Die Funktion der Musik im deutschen Rundfunk 1933-1945’.

1.3 Quellenlage

Die Quellenlage ist mit erheblichen Problemen verbunden, da Tondokumente und Aktenüberlieferungen aus der damaligen Zeit sehr rar sind. Programmzeitschriften sind zwar vorhanden, spiegeln aber nicht immer die Realität wider, weil die Inhalte der Rundfunksendungen nicht selten kurzfristig geändert wurden. Die Arbeit wird sich daher zum einen auf die Werke ’Mein Kampf’ von Adolf Hitler und ’Der Rundfunk im Dienste der Volksführung’ von Eugen Hadamovsky stützen. Zum anderen findet die aus dem Jahre 1933 stammende Schrift von Richard Bie und Alfred Mühr über ’Die Kulturwaffen des neuen Reiches’ Erwähnung. Im Jahre 1943 erschien zudem von Ludwig Heyde die Schrift ’Presse, Rundfunk und Film im Dienste der Volksführung’. In allen genannten Quellen sind wichtige Äußerungen zu den Propagandastrategien in der Vorkriegszeit und im Zweiten Weltkrieg enthalten. In den Quellendokumentationen ’Presse und Funk im Dritten Reich’ und ’Musik im Dritten Reich’ von Josef Wulf lassen sich sämtliche Zeitungsberichte zu den Richtlinien und Aufgaben des Rundfunks von der Machtergreifung bis zu den entscheidenden Kriegsjahren finden. Wie der Rundfunk im Zweiten Weltkrieg von den Nationalsozialisten propagandistisch instrumentalisiert wurde, zeigt Willi A. Boelcke in seiner Dokumentation „’Wollt ihr den totalen Krieg?’. Die geheimen Goebbels-Konferenzen 1939-43“.

2. Untersuchung

2.1 Grundlagen der nationalsozialistischen Rundfunkpropaganda

Das neue Massenmedium Rundfunk nahm während des ’Dritten Reiches’ die wichtigste Funktion zur Umsetzung der Propaganda ein. Die Nationalsozialisten glaubten, im Rundfunk ein ’Sprachrohr des Führers’ gefunden zu haben, mit dem die faschistische Herrschaft und Ideologie manifestiert werden könnte. Die Lenkung und Beeinflussung der öffentlichen Meinung als die zentralen Elemente der propagandistischen Ziele waren bereits in Hitlers zweibändigem Werk ’Mein Kampf’, in Goebbels und Hadamovskys Schriften formuliert. Adolf Raskin, zunächst im saarländischen Rundfunk tätig und später mit der deutschen Rundfunkpropaganda im Ausland beschäftigt, brachte den Sinn und Zweck der Propaganda auf eine präzise Formel: „Im Rundfunk darf es nichts geben, was nicht auf den letzten und tiefsten Sinn der Propaganda hinzielt […] Wahrer rechter Rundfunk ist Propaganda schlechthin. Er ist der Inbegriff des Wortes ’Propaganda’“.8

2.1.1 Die propagandistische Konzeption für den Rundfunk

Hitler stütze sich bereits in der Frühphase seiner Bewegung auf die rednerische Gabe, der er eine weitaus höhere Bedeutung beimaß als der geschriebenen Sprache. Für den neuen Reichskanzler schien diejenige Propaganda am wirkungsvollsten zu sein, die sich an die Masse richtet:

„Für die Intelligenz, oder was sich heute häufig so nennt, ist nicht Propaganda da, sondern wissenschaftliche Belehrung…Die Aufgabe der Propaganda liegt nicht in einer wissenschaftlichen Ausbildung des einzelnen, sondern in einem Hinweisen der Masse auf bestimmte Taten, Vorgänge, Notwendigkeiten usw., deren Bedeutung dadurch erst in den Gesichtskreis der Masse gerückt werden soll. Die Kunst liegt nun schließlich darin, dies in so vorzüglicher Weise zu tun, dass [sic] eine allgemeine Überzeugung von der Wirklichkeit einer Tat- sache, der Notwendigkeit eines Vorganges, der Richtigkeit von etwas Notwendigem usw. entsteht.“9

Die Ausführungen aus ’Mein Kampf’ zeigen, welche Verachtung Hitler der Volksmasse entgegenbringt. Nach seiner Auffassung habe die Propaganda „volkstümlich zu sein und ihr geistiges Niveau einzustellen nach der Aufnahme- fähigkeit des Beschränktesten unter denen, an die sie sich zu richten hat“10. Besonders müsse die Propaganda „auf das Gefühl“ gerichtet sein. Da Hitler eine „weltanschauliche Erneuerung und damit rassische Klärung […] auf sämtlichen Gebieten des völkischen Lebens“ anstrebte, müsse eine „Gemeinschaft von Führer und Volk“ entstehen. Noch abwertender gegenüber der Masse äußerte sich Propagandaminister Goebbels, der in ihr „eine schwache, faule, feige Mehrheit von Menschen“11 sah, die nicht mit intellektuellem Vokabular zu gewinnen, sondern auf das „Wesentliche hinzulenken [sei], da der Durchschnittsmensch sich in dem täglichen Nachrichtenstoff nicht zurechtfinden könne“12. Getreu dem Motto ’Wahr ist, was meinem Volke nützt’ scheute Goebbels auch nicht davor zurück, „die Wirklichkeit [zu] vereinfachen, hier etwas weg[zu]lassen und dort etwas hinzu[zu]fügen.“ Diese Aussage suggeriert den Vorbehalt, notfalls auch Tatsachen- verdrehungen, sogar Lügen, in die Propaganda einfließen zu lassen. Hitler wurde noch präziser, in dem er sagte: „In der Größe der Lüge liegt immer ein gewisser Faktor des Geglaubtwerdens, da die breite Masse eines Volkes […] bei der primitiven Einfalt ihres Gemütes einer großen Lüge leichter zum Opfer fällt als einer kleinen, da sie selbst ja wohl manchmal im kleinen lügt, jedoch vor zu großen Lügen sich doch zu sehr schämen würde“. Allerdings ist das damalige Verständnis von ’Propaganda’ mit unserer heutigen Vorstellung, die durch den Nationalsozialismus vorwiegend mit negativen Konnotationen behaftet ist, nicht gleichzusetzen. Im 19. und 20. Jahrhundert wurde ’Propaganda’ überwiegend als Synonym für Werbung verwendet. Dies lässt nicht automatisch darauf hindeuten, dass mit Hilfe dieser Strategie die Bürger hinters Licht geführt und mit Unwahrheiten konfrontiert werden sollten. In der Folge aber steht Propaganda umgangssprachlich häufig für absichtlich falsche oder irreführende Information, die einen bestimmten politischen Zweck verfolgt, zum Beispiel den des Machterwerbs und -erhaltung.

Grundsätzlich lassen sich für den Rundfunk typische Charakteristika und Konstanten der nationalsozialistischen Propaganda erkennen, die ganz im Zeichen der faschistischen Ideologie stehen. Die Nationalsozialisten polemisierten ständig das ’System’ und den ’Systemrundfunk’ Weimarer Prägung, den sie als akademisch, volksfremd, kapitalistisch, theoretisch, unpolitisch und rationalistisch ansahen.13 Massive Kritik übten die Nationalsozialisten auch an ihren Gegnern, insbesondere den jüdischen Künstlern und Autoren, deren Werke eine Entartung der deutschen Kultur darstellen würden.14 Dagegen fand eine Heroisierung bestimmter geschichtlicher Epochen, Taten und Gestalten statt, die in das Gedächtnis der Hörer gerufen werden sollte. Durch nationalsozialistische Dichtungen und Schriften, durch Reden der Minister, Gauleiter, Parteimitgliedern und schließlich durch den Führer selbst, wurde ein Personenkult um Adolf Hitler kreiert, der einerseits als Messias des deutschen Volkes gepriesen, andererseits aber auch immer als eine Identifikation stiftende Figur geadelt wurde. Hitler galt auch immer als ein ’Mann aus dem Volke’, der sich im Ersten Weltkrieg als tapferer Soldat ausgezeichnet hätte. Die „Gemeinschaft von Führer und Volk15 “ und der Glaube an „die Genialität und Kraft des Führers“16, so äußert sich Ludwig Heyde in seiner Schrift ’Presse, Rundfunk und Film im Dienste der Volksführung’, sind die Schlüsselpunkte einer funktionierenden Propaganda.

2.1.2 ’Im Dienste der Volksführung’ - Der Rundfunk als Herrschaftsinstrument des Regimes

Die bisherigen Ausführungen haben gezeigt, dass das Propagandakonzept maßgebend für den nationalsozialistischen Rundfunk war. Sowohl die Reden des Führers, die Konzerte von Richard Wagner als auch die Übertragung der Olympischen Spiele aus dem Jahre 1936 - alle Sendungen verfolgten einen propagandistischen Zweck, weshalb dem Rundfunk auch ein totalitärer Charakter zu unterstellen ist. Die Beherrschung des Volkes bis in die kleinsten Ecken ihres Privatlebens und die vollkommene Ausschaltung jeglicher oppositioneller Kräfte lassen sich als die Prämissen der nationalsozialistischen Führung heraus- kristallisieren. Aus diesem Anlass ordneten beispielsweise Partei- und Staats- funktionäre den Gemeinschaftsempfang in Schulen und Behörden an und verlangten von Betrieben und Gaststätten, dass sie in ihren Räumlichkeiten die Rundfunk- sendungen für die Arbeiter und Gäste übertragen. Diese Anweisung hatte auch eine Gemeinschaft fördernde und integrative Funktion. Goebbels bezeichnete den Rundfunk daher auch als einen „Diener am Volk und ein Mittel zur Vereinheitlichung des deutschen Volkes in Nord und West, in Süd und Ost, zwischen Katholiken und Protestanten, zwischen Proletariern und Bürgern und Bauern“17.

[...]


1 Vgl. Schnabel, Reimund: Mißbrauchte Mikrofone. Deutsche Rundfunkpropaganda im Zweiten Weltkrieg. Eine Dokumentation, Wien 1967, S. 7.

2 Bredow, in: Der Deutsche Rundfunk, Nr. 1, 14.10.1923, S. 1. Zit. nach Drechsler, Nanny: Die Funktion der Musik im deutschen Rundfunk 1933-1945 (Musikwissenschaftliche Studien, Bd. 3), Pfaffenweiler 1988, S. 19.

3 Im Jahre 1926 werden ’Richtlinien über die Regelung des Rundfunks’ erlassen, wodurch das Programm durch den Innenminister und die Landesregierungen kontrolliert wird. Nach der ’Rundfunkreform’ von 1932 überwachen zusätzlich ’Rundfunk-Kommissare’ das Programm. Notverordnungen erweitern den Staatseinfluss zunehmend.

4 Im Folgenden wird für das Reichsministerium für Volksaufklärung und Propaganda die Abkürzung RMVP verwendet.

5 Hadamovsky, Eugen. Zit. nach Dahl, Peter: Radio. Sozialgeschichte des Rundfunks für Sender und Empfänger, Hamburg 1983, S. 149.

6 Goebbels. Zit. nach Diller, Ansgar: Rundfunkpolitik im Dritten Reich (Rundfunk in Deutschland, Bd. 2), München 1980, S. 9.

7 Gleichnamiger Buchtitel des damaligen Reichssendeleiters Eugen Hadamovsky, erschienen im Jahre 1934.

8 Raskin. Zit. nach Pohle, S. 220.

9 Hitler, Adolf: Mein Kampf, München 1936, S. 196/97.

10 Hitler, Ebenda.

11 Goebbels. Zit. nach Pohle, Heinz: Der Rundfunk als Instrument der Politik. Zur Geschichte des deutschen Rundfunks von 1923/38, Hamburg 1955, S. 225.

12 Goebbels. Zit. nach Ebenda.

13 Dressler-Andress: „Die Reichsrundfunkkammer. Ziele, Leistungen und Organisation.“ Schriften der deutschen Hochschule für Politik, H. 6, Berlin 1933, S. 7. Zit. nach E. Kurt Fischer: Dokumente zur Geschichte des deutschen Rundfunks und Fernsehens (Quellensammlung zur Kulturgeschichte, Bd.11), S. 261.

14 Vgl. Wolfram Köhler: Der NDR. Zwischen Programm und Politik. Beiträge zu seiner Geschichte, Hannover 1991, S. 54.

15 Heyde, Ludwig: Presse, Rundfunk und Film im Dienste der Volksführung, Dresden 1943. S. 7.

16 Heyde, Ebenda.

17 Goebbels. Zit. nach E. Kurt Fischer: Dokumente zur Geschichte des deutschen Rundfunks, S. 261.

Details

Seiten
36
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783668007413
ISBN (Buch)
9783668007420
Dateigröße
979 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127814
Institution / Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel – Historisches Seminar
Note
2,0
Schlagworte
gestaltung propaganda beispiel rundfunkprogramms zwischen schulung unterhaltung

Autor

Teilen

Zurück

Titel: Die Gestaltung nationalsozialistischer Propaganda im Rundfunkprogramm