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Psychosoziale Risikofaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung körperbehinderter und sehgeschädigter Kinder

Diplomarbeit 2001 130 Seiten

Psychologie - Sonstiges

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einleitung

I. THEORETISCHER TEIL
1 Risiko- und Schutzfaktoren
1.1 Zusammenhänge zwischen Risiko- und Schutzfaktoren
1.2 Wie sind Risiko- und Schutzfaktoren voneinander abzugrenzen?
1.3 Bedeutung des Umfeldes für die Pathogenese.
2 Wirkungsweise von Risikofaktoren
2.1 Risikokumulation
2.2 Dauereinwirkung risikoerhöhender Faktoren
2.3 Chronizität vs. punktuelle Belastung
2.4 Wirkungsweise von biologischen und psychosozialen Risikofaktoren
2.5 Wechselwirkungen von biologischen und psychosozialen Risiken
2.6 Stabilität und Veränderung von Intelligenzmeßwerten
3 Übersicht über ausgewählte Longitudinalstudien und aktueller
Stand der Forschung
3.1 Die Kauai-Studie
3.2 Die Rostocker Längsschnittstudie
3.3 Die Mannheimer Risikokinderstudie
3.4 Das Mannheimer Kohortenprojekt.
3.5 Die Rochester Longitudinal-Studie
3.6 Ergebnisse weiterer Studien
3.6.1 Kinder aus unvollständigen Familien
3.6.2 Verlust der Eltern durch Tod
3.6.3 Scheidung der Eltern.
3.6.4 Stieffamilien
3.6.5 Disharmonische Ehe
3.6.6 Geschwister und Familiengröße
3.6.7 Berufstätige Mutter
3.6.8 Wohnortwechsel
4 Charakteristika des Jugendalters.
4.1 Entwicklungsübergang vom Kind zum Erwachsenen als Phase erhöhter Vulnerabilität
4.2 Spezifität der Wirkungweise von kritischen Lebensereignissen im Jugendalter
5 Fragestellung und Hypothesen

II. ANALYTISCHER TEIL
6 Methodik
6.1 Ursprung der Humboldt-Studie
6.2 Ziel dieser Analyse der Humboldt-Studie
6.3 Datenerfassung
6.4 Statistisches Vorgehen
6.5 Katalog der Risikofaktoren
7 Datenanalyse
7.1 Beschreibung der Stichprobe
7.1.1 Kind
7.1.2 Familiärer Hintergrund
7.1.3 Sozialer Hintergrund
7.1.4 Kritische Lebensereignisse
7.1.5 Lebensqualität
7.1.6 Anregungsmilieu
7.2 Einzelne Risikofaktoren
7.2.1 Ergebnisse..
7.2.2 Interpretation.
7.3 Komplexe Risikostrukturen unter Berücksichtigung in dieser Population bereits bekannter Merkmale
7.3.1 Ergebnisse
7.3.2 Interpretation
7.4 Komplexe Risikostrukturen unter Berücksichtigung aktuell in der Literatur untersuchter Merkmale...
7.4.1 Ergebnisse
7.4.2 Interpretation
7.5 Zusammenfassende Interpretation der Untersuchungsergebnisse
8 Zusammenfassung

Ausblick

Abbildungsverzeichnis

Tabellenverzeichnis.

Literaturverzeichnis

Einleitung

Das Ziel der Lebensverlaufsforschung besteht in der Beschreibung und Erklärung individueller Lebenslagen, Lebensereignisse und gesamtgesellschaftlicher Prozesse in einem einheitlichen formalen, kategorialen und empirischen Bezugsrahmen. Soziale Prozesse, die sich über den Verlauf des gesamten oder über wichtige Teile des Lebens erstrecken, sollen untersucht werden; sie stammen vor allem aus den Bereichen Familie, Bildungsweg, Wohnortsverläufe usw.. Lebensverläufe werden dabei als die Summe zahlreicher Einflüsse betrachtet: ökonomische, politische, kulturelle, gesetzliche Vorstellungen, Normen und Strukturen sowie individuelle Entscheidungen und Sozialisationsprozesse. Der Lebensverlauf stellt sich als ein endogener Kausalzusammenhang dar, in dem Ereignisse, Phasen, Übergänge und Lebensabschnitte nicht isoliert betrachtet werden können. Verläufe, die sich auf einzelne Lebensbereiche wie z.B. Beruf, Familie oder Bildung beziehen, können nicht isoliert von den Verläufen in anderen Lebensbereichen verstanden oder erklärt werden. Die Bedingungen und Erfahrungen aus der vorangegangenen Lebensgeschichte sind entscheidend für das Verständnis und die Erklärung späterer Ergebnisse, Zielsetzungen und Erwartungen (MAYER 1990).

Keine Entwicklung verläuft frei von Risiken. Belastungen kennzeichnen nicht nur die Biographien von Risikokindern oder psychisch kranken Personen, auch in der Normalpopulation herrschen widrige Lebensumstände und finden kritische Lebensereignisse statt. Veränderungsprozesse können kontinuierlich oder diskontinuierlich verlaufen, sie können Gewinn oder Verlust bedeuten. Unterschiedliche Einflußfaktoren können je nach Lebenslage, Alter, Geschlecht, Temperament usw. unterschiedliche entwicklungsfördernde oder auch hemmende Auswirkungen haben. Welche Faktoren bei wem, mit welcher Wahrscheinlichkeit, auf welche Weise bedeutsam für die Entwicklung sein können, beleuchtet die empirische Forschung (ULICH 1988).

Die Frage, ob und wie sich belastende Lebensumstände bzw. -erfahrungen auf die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen auswirken, beschäftigt die epidemiologische Risikoforschung des Kindes- und Jugendalters. Das primäre Ziel besteht dabei in der Identifizierung von Gruppen von Kindern, deren Entwicklung gefährdet ist - Risikokinder genannt - und in der Ermittlung von Lebensbedingungen, die mit einer Gefährdung der kindlichen Entwicklung einhergehen, die sogenannten Risikofaktoren (LAUCHT et al. 2000a).

Mit Hilfe von Längsschnittstudien, die besonders deutlich die Wechselwirkungen, (Dis-) Kontinuitäten und fortlaufende Veränderungen der unterschiedlichen Faktoren aufzeigen (ULICH 1988), lassen sich Entwicklungen von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen dokumentieren, die Aufschlüsse für die Diagnostik und Möglichkeiten zur Intervention einbringen können. Es ist möglich, die normale und die abweichende Entwicklung des Menschen aufgrund wissenschaftlicher Befunde zu analysieren und so Entwicklungs- und Verhaltensstörungen zu identifizieren (PETERMANN 1999).

Bisher hatten sich Längsschnittuntersuchungen aus verschiedenen Kulturkreisen mit dem Einfluß von biologischen und psychosozialen Risiken auf die kindliche Entwicklung beschäftigt und bedienten sich unterschiedlicher Kriterien, was die Auswahl der Population betraf. Die Kauai-Studie (WERNER/SMITH 1982) nahm alle Kinder eines Jahrgangs auf und analysierte die Entwicklung ihrer Intelligenz. SAMEROFF et al. (1993) betrachteten in ihrer Rochester-Längsschnittstudie die Folgen, die eine psychische Beeinträchtigung der Mutter für die Entwicklung von Kindern haben kann. Die Rostocker Längsschnittuntersuchung (MEYER-PROBST/TEICHMANN 1984) wählte zu Beginn der Studie Kinder mit perinatalen Risiken aus, deren körperliche und kognitive Entwicklung den Schwerpunkt der Studie darstellte. Dagegen schloß die Mannheimer Risikokinderstudie (LAUCHT et al. 2000a) Kinder mit biologischen Risiken aus (vgl. PULS 1997).

Das Anliegen der vorliegenden Diplomarbeit ist es, zunächst einen Überblick über die Zusammenhänge von Risiko- und Schutzfaktoren und die Wirkungsweise von Risikofaktoren zu geben. Es folgt eine Übersicht über den aktuellen Stand der Forschung in Form ausgewählter Longitudinalstudien.

Die Darstellung der Ergebnisse und eine Interpretation einer an der Humboldt-Universität zu Berlin stattgefundenen Untersuchung an körperbehinderten, sehgeschädigten und entwicklungsunauffälligen Kindern bildet den zweiten Teil der Arbeit. Hier soll statistisch geprüft werden, ob und welche Auswirkungen Strukturmerkmale aus dem familiären Umfeld der Kinder auf die kognitive und sozial-emotionale Entwicklung der Kinder haben und ob sich Unterschiede bezüglich der Wirkungsweise zwischen den drei Untersuchungsgruppen zeigen. Desweiteren werden einige ausgewählte Umfeldmerkmale zu zwei Risikostrukturen konglomeriert, um die Wirkung auf die Entwicklung der Probanden zu untersuchen.

1 Risiko- und Schutzfaktoren

1.1 Zusammenhänge zwischen Risiko- und Schutzfaktoren

Um den Begriff "Risikofaktor" später möglichst isoliert betrachten zu können, sollen zunächst die Zusammenhänge und Vernetzungen, mit denen die Wirkungen von Risikofaktoren in Verbindung stehen, erläutert werden. Dem Leser soll dabei veranschaulicht werden, daß zwar eine isolierte Betrachtung und Analyse von Risikofaktoren möglich, daß in der Realität jedoch stets Schutzfaktoren und Vulnerabilitäten gleichzeitig auf eine Person einwirken.

Nach TEWES/WILDGRUBE (1992, S. 286f) sind Risikofaktoren "Lebensumstände, Verhaltensweisen und körperliche Merkmale, die die Entstehung von Krankheiten begünstigen". Risikofaktoren können also als Bedingungen betrachtet werden, die die Wahrscheinlichkeit des Auftretens einer Krankheit oder einer Störung, z.B. einer kindlichen Entwicklungsstörung, im Vergleich zu einer unbelasteten Kontrollgruppe erhöhen (ALLHOFF 1994, LAUCHT 1999).

Die Wirkung von Umfeldvariablen auf die Entwicklung des Kindes wird in der Regel als einseitig gerichtetes Verhalten verstanden. Die Wirkungen entfalten sich lediglich auf der Grundlage von bzw. im Wechselspiel mit erblichen Dispositionen. Diese wiederum können einen schädigenden oder schützenden Charakter haben, genauso wie Umwelteinflüsse schützend oder schädigend wirken können. Die Bilanz dieser Einflüsse ergibt die gesuchten pathogenen Effekte (SCHMIDT 1993).

SCHEITHAUER/PETERMANN (1999) haben die Zusammenhänge von Risiko- und Schutzfaktoren in ihrem Modell sehr anschaulich dargestellt und betonen, daß eine Vielzahl unterschiedlicher risikoerhöhender Faktoren, die sich aus Vulnerabilitäts- und Risikofaktoren zusammensetzen, zur Entstehung und Aufrechterhaltung psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter beitragen. Den risikoerhöhenden Faktoren gegenüber stehen risikomildernde Faktoren, die die Risiken „puffern“ bzw. die Widerstandsfähigkeit (Resilienz) fördern (siehe

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1-1).

Abbildung 1-1: Risikoerhöhende und risikomildernde Faktoren in der kindlichen Entwicklung (aus: SCHEITHAUER/PETERMANN 1999, S. 4)

Risikoerhöhende Faktoren. Man unterscheidet zwei große Gruppen von Risikofaktoren: Zur Ersten (LAUCHT et al. 1998) gehören Bedingungen, die sich auf biologische und psychologische Merkmale eines Individuums beziehen. Diese werden als Vulnerabilität oder „kindbezogene Faktoren“ (PETERMANN 1997) bezeichnet. "Die Vulnerabilität gibt die Verletzlichkeit des Kindes gegenüber äußeren (ungünstigen) Einflußfaktoren an. Weitere kindbezogene Faktoren beziehen sich auf genetische Dispositionen" (PETERMANN 1997, S. 12), chronische oder vorübergehende Krankheiten, Behinderungen, sowie bestimmte Persönlichkeitsmerkmale, wie z. B. niedrige Intelligenz, hohe Ablenkbarkeit, schwieriges Temperament und fehlendes Interesse an sozialen Kontakten (ALLHOFF 1994).

Die zweite Gruppe bilden die Bedingungen, die psychosoziale Merkmale der Umwelt des Individuums ausmachen und werden auch Stressoren oder umgebungsbezogene Faktoren genannt (LAUCHT et al. 1998). Umgebungsbezogene- bzw. Risikofaktoren beinhalten sozioökonomische Faktoren und familiäre Belastungen, sowie Faktoren innerhalb des sozialen Umfeldes des Kindes (SCHEITHAUER/PETERMANN 1999), z.B. materielle Notlage, Kriminalität oder psychische Erkrankung eines Elternteils und chronische Disharmonie in der Familie (LAUCHT et al. 1998). Dieser Faktorengruppe wird im Verlauf der vorliegenden Arbeit die größte Aufmerksamkeit gewidmet, da aus ihnen ein Risikoindex erstellt werden soll.

Nach KRAEMER et al. (1997, zit. in SCHEITHAUER/PETERMANN 1999, S. 5) können Risikofaktoren in drei Gruppen gegliedert werden: Strukturelle Faktoren sind nicht veränderbar bzw. können nicht verändert werden (z.B. das Geschlecht des Kindes oder die Ausbildung der Eltern). Variable Faktoren hingegen können beispielsweise durch Interventionsmaßnahmen verändert werden; sie werden nochmals untergliedert in diskrete Faktoren, die zu einer unmittelbaren Veränderung führen (z.B. besondere Lebensereignisse, wie der plötzliche Tod einer nahestehenden Person) und kontinuierliche Faktoren, die "über die Zeit in ihrem Ausmaß und ihrer Auswirkung variieren können“ (ebd.); die Qualität der Eltern-Kind-Beziehung kann hier als Beispiel angeführt werden.

SCHMIDT (1993) gliedert das Umfeld von Kindern in dingliche, personale und interaktionale Umwelten. Die dingliche Umwelt bilden physikalische Lebensbedingungen wie die Ernährung, die Wohnung, das Vorhandensein von Spielzeug und Büchern, das Schulgebäude usw.. Eltern, Geschwister, Lehrer, Freunde und fremde Menschen stellen die personale Umwelt des Kindes dar. Die interaktionale Umwelt, die auf das Kind einwirkt und die sämtliche Interaktionen einschließt, an denen das Kind teilhat, bezeichnet SCHMIDT nur zum Teil als eine unabhängige Variable, da sie vom Verhalten des beeinflußten Kindes mit abhängig ist.

Als Phasen erhöhter Vulnerabilität bezeichnet man Entwicklungsstadien, in denen Kinder und Jugendliche besonders anfällig für Belastungen sind und vermehrt mit Persönlichkeitsstörungen reagieren (LAUCHT et al. 2000b). Vor allem gilt dies für soziale Entwicklungsübergänge, wie z.B. die Einschulung, die körperliche Reifung im Jugendalter, der Eintritt ins Berufsleben und "Übergänge, die durch die kognitive Entwicklung (z.B. ein differenziertes Urteils- und Selbstreflexionsvermögen) bedingt sind. Besonders das Jugendalter stellt eine Phase vielfältiger Übergänge und damit erhöhter Vulnerabilität dar. In dieser Entwicklungsphase ereignen sich komplexe Veränderungen im Leben des Jugendlichen, die biologische, kognitive und soziale Aspekte betreffen" (PETERMANN 2000, S. 12).

Die Gesamtheit der risikoerhöhenden Faktoren stellen die Belastungen für das Kind dar. Risikofaktoren gelten nur dann als solche, wenn sie zeitlich vor dem Eintreten negativer Verhaltensweisen oder psychischer Störungen aufgetreten sind (LAUCHT et al. 1997).

Risikomildernde Faktoren. Die risikomildernden Faktoren, die als positiver Gegenbegriff zu den risikoerhöhenden Faktoren gesehen werden können, lassen sich wiederum in kindbezogene Faktoren, Resilienz und umgebungsbezogene Faktoren unterteilen (siehe Abb. 1-1, S. 7).

In der Resilienzforschung, einem im Gegensatz zur Risikoforschung relativ neuen wissenschaftlichen Gebiet, beschäftigt man sich mit der Frage, "warum manche Personen trotz ausgeprägter Belastungen und Risiken gesund bleiben oder sich relativ leicht von Störungen erholen, während andere unter vergleichbaren Bedingungen besonders anfällig sind. Resilienz betrachtet man hierbei als Gegenpol zur Vulnerabilität. Man versteht darunter sowohl den Prozeß der biopsychosozialen Anpassung als auch dessen Ergebnis“ (BENDER/LÖSEL 1998, S. 119).

Als kindbezogene, schützende Faktoren bezeichnet PETERMANN (2000) ein positives Sozialverhalten, ein stabiles positives Selbstwertgefühl, ein günstiges Temperament, gute Problemlösestrategien, eine emotional sichere Beziehung zu mindestens einer Bezugsperson, ein anregendes Erziehungsklima usw.. Als umgebungsbezogene, risikomildernde Faktoren bezeichnet er stabile Freundschaften und eine hinreichende familiäre Unterstützung des Kindes.

Die kind- und umgebungsbezogenen Faktoren summieren sich und machen sich in der Resilienz, der psychischen Belastbarkeit bzw. dem Grad der Unverwundbarkeit des Kindes bemerkbar. PETERMANN (2000) betont, daß die psychische Belastbarkeit, die Ausprägung der Resilienz, nicht angeboren ist, sondern sich allmählich im Kontext der Kind-Umwelt-Interaktion entwickelt. Die Resilienz oder Widerstandskraft ist demnach das Ergebnis der schützenden Prozesse, "die dem Kind oder Jugendlichen helfen, sich trotz hohem Risiko normal zu entwickeln“ (WERNER 1999, S. 25).

WERNER (1999) beobachtete bei widerstandsfähigen Kindern bestimmte Temperamentseigenschaften, die sie als lebensbegünstigende Eigenschaften bezeichnet, z. B. die Fähigkeit, bei Bezugspersonen positive Reaktionen auslösen zu können, die bereits im Babyalter zu erkennen war. Im Grundschulalter fielen Leistungsfähigkeit, Kommunikations- und praktische Problemlösestrategien auf, die effektiv von den Kindern genutzt wurden. Intelligenz und schulische Kompetenz korrelierten in ihren Untersuchungen positiv mit individueller Widerstandsfähigkeit. Die Korrelation wurde mit steigendem Alter des Kindes größer. "Intelligente Kinder schätzen streßerzeugende Lebensereignisse realistisch ein und benutzen eine Vielfalt flexibler Bewältigungsstrategien im Alltag und vor allem in Notsituationen“ (WERNER 1999, S. 27f). Als weiteren schützenden Faktor fand WERNER (ebd.) die Fähigkeit zu überlegen und zu planen und die Überzeugung, das Schicksal durch eigene Handlungen positiv beeinflussen zu können und Vertrauen in sich selbst zu gewinnen.

Die risikomildernden Faktoren sind als Ressourcen auf Seiten des Kindes anzusehen.

Aus dem Zusammenspiel von Belastungen und Ressourcen ergeben sich folgende Punkte (siehe Abb. 1-1, S. 7): die Gesamtbelastbarkeit des Kindes und seiner Familie, die Anstrengungen zur Belastungsbewältigung und die Entwicklungsprognose des Kindes.

Da in der vorliegenden Arbeit ausschließlich Risikofaktoren betrachtet werden sollen, werde ich auf die risikomildernden bzw. Schutzfaktoren an den verschiedenen Textstellen nicht näher eingehen. Dennoch soll, um eine verständliche Einbeziehung des Themas zu erreichen, im folgenden Abschnitt die Problematik der Abgrenzung von Risiko- und Schutzfaktoren diskutiert werden.

1.2 Wie sind Risiko- und Schutzfaktoren voneinander abzugrenzen?

Eine klare Abgrenzung von Risiko- und Schutzfaktoren ist schwierig. In der Literatur herrschen unterschiedliche Meinungen und Sichtweisen über die Definitionen vor. Stellt ein Faktor entweder einen Risiko- oder einen Schutzfaktor dar oder liegen Risiko- und Schutzfaktoren einander wie zwei Pole gegenüber und stellen dieselbe Variable dar? Analog zum Begriffspaar "Risikofaktor - Schutzfaktor" stellt sich die Frage für die Begriffspaare "Vulnerabilität - Resilienz" ebenso wie für "Belastung - Bewältigung" (vgl. ULICH 1988).

Um eine Erfassung von Schutzfaktoren als das Gegenteil oder als das Fehlen von Risikofaktoren zu vermeiden, müssen diese begrifflich und methodisch eindeutig voneinander abgegrenzt werden. Es muß sichergestellt sein, daß scheinbar resiliente Kinder in Untersuchungen sich nicht nur aufgrund einer geringeren Risikobelastung im Vergleich zu Kindern mit ungünstiger Entwicklung besser entwickelt haben (LAUCHT et al. 1997).

Stellen protektive Faktoren lediglich die "Kehrseite der Medaille" oder das Fehlen von Risiken dar? Die Auswahl an risikomildernden Faktoren, die LAUCHT et al. (1997) beschreiben (siehe Tabelle 1-1, S. 12), sind - nun mit "umgekehrtem Vorzeichen" - zum Teil bereits als Risikofaktoren bekannt. So ist bei ULICH (1988) nachzulesen, daß das männliche Geschlecht, vor allem im Säuglings- und Kindesalter eher einen Risikofaktor darstellt als das weibliche.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1-1: Risikomildernde Faktoren im Kindes- und Jugendalter (nach LAUCHT et al. 1997 in: SCHEITHAUER/PETERMANN 1999, S. 10)

Auch ELDER (1974, zit. in SCHMIDT 1993) bestätigt anhand seiner Nachuntersuchungen an Kindern, die während der großen ökonomischen Depression in den 30er Jahren in den USA geboren wurden, daß Jungen im früheren Alter für pathogene Einflüsse vulnerabel sind, Mädchen erst im späteren Alter. Längerfristige Trennungen von primären Betreuungspersonen und isolierte, entwurzelte Familien ohne soziale Unterstützung sind ebenfalls als Risikofaktoren anzusehen (WERNER/SMITH 1982).

TEICHMANN/MEYER-PROBST (1991, S. 54) sehen in protektiven Faktoren keine anderen Variablen als in Risikofaktoren. Sie bezeichnen sie als "Einflußgrößen, die vor der Wirkung von Risikofaktoren schützen oder sie erheblich abschwächen" und die ihre schützende Wirkung erst in Kombination mit anderen protektiven Faktoren entfalten. Ein einzelner schützender Faktor hingegen hat nur eine minimale Wirkung. Insofern ist der Effekt eines schützenden Faktors als relativ und abhängig von anderen äußeren und inneren Faktoren zu betrachten. Ob eine Variable als Risiko- oder Schutzfaktor angesehen werden kann, hängt von der Ausprägung ab: eine liebevolle Zuwendung zum Kind kann protektiv gegenüber psychosozialen und biologischen Belastungen wirken. Ein Zuviel an emotionaler Zuwendung und Aufmerksamkeit kann in Form von Verwöhnung jedoch auch einen Risikofaktor für die Kindesentwicklung darstellen. Auch zu wenig Aufmerksamkeit, Vernachlässigung und Deprivation stellen Risiken dar.

Ähnlich wie TEICHMANN/MEYER-PROBST geht RUTTER (1990, zit. in LAUCHT et al. 1997) in seinem Konzept von einem spezifischen Zusammenwirken von Risiko- und protektiven Faktoren aus. Demnach moderieren Schutzfaktoren die schädliche Wirkung eines Risikofaktors: "Liegt ein protektives Merkmal vor, wird der Risikoeffekt gemindert oder völlig beseitigt; fehlt ein protektives Merkmal, kommt der Risikoeffekt voll zum Tragen. Darin liegt die Vorstellung einer Pufferwirkung: ein protektiver Faktor ist besonders oder ausschließlich dann wirksam, wenn eine Gefährdung vorliegt. Ohne Gefährdung hingegen kommt ihm keine bedeutsame Rolle zu." (LAUCHT et al. 1997, S. 265) Dies setzt das Vorhandensein und eine Interaktion von Risiko- und Schutzfaktoren voraus, wie sie in Abbildung 1-2 als "Puffermodell" dargestellt ist.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1-2

: Zusammenwirken von Risiko- und Schutzfaktoren: Puffer- und Fördermodell (aus: LAUCHT et al. 1997, S. 265)

Eine vereinfachte Sichtweise bezüglich der Interaktion von Risiko- und Schutzfaktoren ist im "Fördermodell" (siehe Abb. 1-2) dargestellt, in dem von einem protektiven Faktor als förderndem Einfluß auf die Gesundheit allgemein ausgegangen wird. Dabei wird nicht das Vorhandensein von Risikofaktoren vorausgesetzt. Die Einflüsse Risikofaktoren und Schutzfaktoren werden mit je umgekehrten Vorzeichen additiv verknüpft. Auch beim Fehlen einer Risikobelastung wirkt der Schutzfaktor förderlich (in gleichem Maße wie bei vorhandener Risikobelastung). Daraus ergibt sich jedoch die Frage, wovor die Kinder ohne Risikobelastung geschützt werden. "Theoretisch sparsamer erscheint bei einer derartigen Konzeptualisierung des Schutzbegriffs die Annahme allgemein-förderlicher Entwicklungsbedingungen oder unspezifischer Fördereffekte, die allen Individuen zuteil werden. Damit gelangt man freilich zu einer Aussage, die erheblich unspektakulärer ist als die Unterstellung eines Puffereffekts protektiver Faktoren, die nur unter Belastung wirksam wird" (LAUCHT et al. 1997, S. 266).

SCHEITHAUER/PETERMANN (1999) sind der Ansicht, daß Schutzfaktoren nur im Zusammenhang mit Risikofaktoren eine protektive Wirkung zeigen und diese sozusagen kompensieren. Bei Menschen ohne beeinträchtigte Entwicklung hat das Vorhandensein protektiver Faktoren keine großen Auswirkungen auf das Auftreten psychischer Störungen.

Um von einem Schutzfaktor sprechen zu können und diesen von einem Risikofaktor eindeutig zu trennen, muß nach LAUCHT et al. (1997) der Nachweis einer zeitlichen Priorität gegeben sein: ein protektiver Faktor sollte nachweisbar vor der Risikobelastung vorhanden sein. Nur dann kann davon ausgegangen werden, daß ein Merkmal, in dem sich Risikokinder mit günstiger und ungünstiger Entwicklung unterscheiden und das als protektiver Faktor interpretiert werden soll, auch wirklich die Ursache der Entwicklung darstellt und sich nicht als seine Folge daraus ergibt.

Insgesamt stellen LAUCHT et al. (1998) den theoretischen Nutzen von globalen Schutzkonzepten aufgrund der hohen Überschneidung mit Risikofaktoren, des wenig spezifischen Erklärungswertes und der fehlenden Pufferwirkung in Frage.

1.3 Bedeutung des Umfeldes für die Pathogenese

Die erste Erfassung der Klassifikation abnormer psychosozialer Umstände fand sich im Rahmen der ICD-9, nun aktualisiert in der ICD-10 (deutsche Version bei REMSCHMIDT/SCHMIDT 1996). Die Klassifikation von pathogenen Umwelteinflüssen erfolgt nach der World Health Organization (WHO) in neun Kategorien, wovon vier in direkter Verbindung mit der Familie stehen (siehe Tabelle 1-2, S. 16). Mit zunehmendem Alter verlieren die familiären Einflüsse an Intensität, da die Schule und später auch die Freunde an Einfluß gewinnen. Gegen Ende des Jugendalters erweist sich die Gestaltung einer festen Partnerschaft als einflußreicher Faktor (SCHMIDT 1993).

Diese Arten von Umgebungseffekten, die abnorme psychosoziale Bedingungen darstellen, sollen keinesfalls mit der Bewältigung von Entwicklungsaufgaben. verwechselt oder gleichgestellt werden. Jedes Kind ist vor die Aufgabe gestellt, bestimmte Alltagsprobleme und -schwierigkeiten zu bewältigen, die nicht als außergewöhnlich bezeichnet werden können. Sie müssen sich mit ihren Eltern und eventuell der Eifersucht auf Geschwister auseinandersetzen, Differenzen mit Freunden austragen, Schwierigkeiten in der Schule bewältigen und sich der Rolle als Kind dem Erwachsenen gegenüber stellen. "Das Bewältigenkönnen von Entwicklungsaufgaben im Sinne solcher Alltagsaufgaben scheint einen wesentlichen Teil psychischer Gesundheit auszumachen" (SCHMIDT 1993, S. 18). Für die Entwicklung von Bewältigungsverhalten ist es wichtig, bereits in der Frühkindheit zwar die Wünsche des Kindes ausdrücklich zur Kenntnis zu nehmen, aber bei Nichterfüllbarkeit von Wünschen mit der Ablehnung eine stützende Anleitung zu Alternativen zu vermitteln (ebd.).

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Tabelle 1-2: WHO-Klassifikation abnormer psychosozialer Umstände (aus: van GOOR-LAMBO 1993, S. 46)

2 Wirkungsweise von Risikofaktoren

Bisher konnten die in der Literatur beschriebenen Untersuchungen nur ungenügend zu einer Aufklärung der vermittelnden Prozesse zwischen psychosozialen Risiken und der kindlichen bzw. jugendlichen Entwicklung beitragen. Dieses begründet sich einerseits durch die grundlegenden Wirkmechanismen, andererseits durch die Individualisierung der Risikohaftigkeit von Entwicklungsbedingungen (HOFMANN/REICHERT 1998). Um eine Entwicklungsprognose zu stellen, ist die Analyse von Differenzen zwischen Untersuchungsgruppen mit unterschiedlich ausgeprägter Risikobelastung nicht ausreichend. Die aufklärbaren Anteile am Entwicklungsstand sind oft gering. Außerdem sind einige Aussagen über den spezifischen Erklärungswert einzelner organischer bzw. psychosozialer Risikofaktoren für die Suche nach Prozessen und Mechanismen unzureichend (LAUCHT et al. 1996; 1998). Dennoch sind in der Literatur einige Wirkmechanismen analysiert, validiert und beschrieben worden.

2.1 Risikokumulation

MEYER-PROBST/REIS (2000) betonen, daß eine Entwicklungsgefährdung durch eine Risikokumulation bestimmt ist. Einzelrisiken existieren kaum isoliert, und einzelne Risikofaktoren entfalten nur in Kombination mit bestimmten anderen eine entwicklungshemmende Wirkung. So waren z.B. Kinder aus kinderreichen Familien nur dann wirklich benachteiligt, wenn weitere Risiken hinzukamen (MEYER-PROBST/REIS 1999).

Bei untersuchten Zweijährigen stellten MEYER-PROBST/REIS (2000) bei hoher versus niedriger Risikobelastung eine doppelt so hohe Krankheitsanfälligkeit bei den hoch belasteten Kindern fest. Bezüglich des Körpergewichts blieben die Kinder mit höherer biologischer und sozialer Risikobelastung gemessen an ihrer Altersnorm eher zurück. Die Autoren gehen davon aus, daß der Entwicklungsrückstand um so ausgeprägter ist und um so häufiger normabweichende Verhaltensstörungen auftreten, je mehr Risiken auf das Kind einwirken.

Die Autoren konnten die Wirkung der oben erwähnten Risikokumulation nachweisen: Zwischen der kognitiven Entwicklung und der Anzahl der einwirkenden Risikofaktoren besteht eine funktionale Abhängigkeit. Dabei ist nicht wichtig, welcher Risikofaktor vordergründig wirkt, sondern vielmehr die Anzahl der gleichzeitig wirkenden oder später hinzutretenden Risikofaktoren. Es gibt also Risikofaktoren, die erst dann entwicklungshemmend wirken, wenn andere dazu kommen (MEYER-PROBST/TEICHMANN 1984). Insgesamt gilt: Je mehr Risikofaktoren vorliegen, desto verzögerter vollzieht sich die geistige Entwicklung (MEYER-PROBST/REIS 1999).

TEICHMANN/MEYER-PROBST (1991) betonen desweiteren, daß Risikovernetzungen nur im individuellen Fall von Bedeutung sind. Allgemeingültige Modelle hingegen sind nur schwer zu formulieren. "Die Herauslösung einer Variable aus einem Netz multikausaler Verflechtungen vereinfacht, unterdrückt oder täuscht isolierte Zusammenhänge vor. Die monokausale Auswertungs- und Interpretationsweise ist im biopsychosozialen Kontext von begrenztem Wert und stets fragwürdig" (MEYER-PROBST/REIS 1999, S. 61).

LAUCHT et al. (2000b) beschreiben die Risikokumulation am Beispiel "Psychische Erkrankung der Mutter". Die Beeinträchtigung der gesamten Familie durch die Erkrankung der Mutter erhöht das relative Risiko für psychosoziale Auffälligkeiten in folgenden Bereichen (siehe Tabelle 2-1, S. 19).

Auch SCHEITHAUER/PETERMANN (1999) bestätigen, daß Risikofaktoren selten isoliert auftreten, sondern meist kumulieren. Treten zwei oder mehr Risikofaktoren auf, erhöht sich das Risiko für eine psychische Störung.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 2-3: Kumulation von Risiken. "Wenn die Mutter psychisch krank ist, ist oft die ganze Familie krank": Erhöhtes Risiko für psychosoziale Auffälligkeiten in Familien psychisch kranker Mütter (aus: LAUCHT et al. 2000b, S. 100)

RUTTER stellt ebenfalls fest, daß das Risiko von Kindern, an einer psychischen Störung zu erkranken, beim Auftreten eines Risikofaktors statistisch gesehen nicht höher ist als bei Familien, in denen kein psychosozialer Risikofaktor nachweisbar war. Das Risiko erhöht sich erst dann, wenn gleichzeitig zwei oder mehr Faktoren präsent sind. Bei zwei vorhandenen Risikofaktoren verdoppelt es sich, bei vier Faktoren verzehnfacht sich das Risiko der Entwicklung einer psychischen Störung. Einzelne Risikofaktoren wirken demnach nicht nur additiv zusammen, sie können sich unter Umständen sogar potenzieren. RUTTER geht von einer Toleranzschwelle aus, die Kinder gegenüber den Problemen ihrer Umwelt haben und die sie einzelne Probleme unbeschadet überstehen lassen. Erst die Häufung von Problemen, die einen kritischen Schwellenwert überschreitet, führt zu psychischen Störungen (RUTTER 1978, zit. in GÖPPEL 1997).

Die Effekte mehrerer Risiken summieren sich, d.h. mit zunehmender Risikobelastung wächst die zu erwartende Entwicklungsbeeinträchtigung. Die Rate von psychisch auffälligen achtjährigen Kindern steigt in der Studie von LAUCHT et al. (2000b) kontinuierlich an (siehe Abb. 2-1, S. 20).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2- 3 : Kumulativer Effekt psychosozialer Risikofaktoren (aus: LAUCHT et al. 2000b, S.101)

Es fanden sich jedoch Effekte, die sich nicht nur additiv, sondern multiplikativ verstärkend auswirkten. Eine besonders hohe Entwicklungsgefährdung hatten in der Studie dabei die Kinder, die sowohl eine hohe organische als auch eine hohe psychosoziale Risikobelastung aufwiesen (siehe Abb. 2-2). Über ein Drittel der doppelt hoch belasteten Kinder zeigte eine schwere Entwicklungsstörung im Vergleich zu 0 bis 13 % der Kinder aus den weniger belasteten Gruppen (LAUCHT et al. 2000b).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-4: Interaktiver Effekt organischer (ORG) und psychosozialer (PSY) Risikofaktoren (aus: LAUCHT et al. 2000b, S. 101)

In dem von RUTTER/QUINTON (1977; vgl. auch: SCHEITHAUER/PETER-MANN 1999) erstellten Family Adversity Index, der für deutsche Verhältnisse von VOLL et al. (1982) und BLANZ et al. (1991) bestätigt wurde, finden sich psychosoziale Belastungen, die nicht allein, sondern nur in Kombination mit mehreren risikoerhöhenden Faktoren einen negativen Einfluß auf die Entwicklung des Kindes nehmen (siehe Tabelle 2-2, S. 21).

- psychische Erkrankung einer Hauptbezugsperson
- Vater ist oder war straffällig
- Vater ohne qualifizierten Schulabschluß und ohne abgeschlossene Berufsausbildung
- Mutter oder Vater alleinerziehend
- Kritisch gespannte Partnerschaft
- Vier oder mehr Kinder in der Familie
- Enge Wohnverhältnisse
- Kind war oder ist fremduntergebracht

Tabelle 2-4: Psychosoziale Belastungen des Kindes nach dem Family Adversity Index (RUTTER/QUINTON 1977 in: SCHEITHAUER/PETERMANN 1999, S. 6)

Nach dieser Sichtweise ist weniger die Art und Spezifität eines Risikofaktors entscheidend dafür, ob der Entwicklungsverlauf des Kindes negativ beeinflußt wird, sondern vielmehr die Quantität der Risikofaktoren. Die Risikofaktoren wirken nicht nur auf ganz spezifische Störungsbereiche, es können ähnliche oder dieselben Risikofaktoren eine Depression, Angststörung oder aggressives Verhalten bewirken. Einige Risikofaktoren können jedoch isoliert werden, die nur in bestimmte Formen aggressiven Verhaltens münden. Die Frage die hieraus resultiert ist, welche spezifischen Wirkzusammenhänge zwischen bestimmten Risikofaktoren und psychischen Störungen bestehen (SCHEITHAUER/PETERMANN 1999).

2.2 Dauereinwirkung risikoerhöhender Faktoren

Frühkindliche Belastung prädestiniert zu erhöhter Vulnerabilität, die bei späteren Entwicklungsanforderungen zum Tragen kommen kann (MEYER-PROBST/TEICHMANN 1984).

Mit dem Lebensalter ändert sich die Einflußstärke der Risikofaktoren. Mit steigendem Alter nimmt die entwicklungshemmende Wirkung biologischer Komplikationen ab, bei dauerhafter sozialer Belastung steigt sie an. (MEYER-PROBST/REIS 2000).

In den Abbildungen 2-3 und 2-4 (S. 22) wird dies auf einen Blick deutlich: Während bei Zweijährigen ohne biologisches Risiko ein durchschnittlicher Entwicklungsquotient (EQ) von 105 besteht, der bei elf Risiken auf knapp 80 abfällt, ist die Differenz der IQ-Punkte bei Zwanzigjährigen wesentlich geringer: Ohne das Vorhandensein eines biologischen Risikos liegt der durchschnittliche IQ bei gut 100, bei elf Risiken knapp darunter (MEYER-PROBST/REIS 1999). Eine Langzeiteinwirkung perinataler Belastungsfaktoren ist zwar somit nachweisbar, sie nimmt mit zunehmendem Alter jedoch enorm ab (TEICHMANN/MEYER-PROBST 1991).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-5: Regression kumulierter perinataler Risiken auf das Intelligenzniveau - Entwicklungsquotient (EQ) bzw. Intelligenzquotient (IQ) (aus: MEYER-PROBST/REIS 1999, S. 61)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2-6: Regression kumulierter psychosozialer Risiken auf das Intelligenzniveau - Entwicklungsquotient (EQ) bzw. Intelligenzquotient (IQ) (aus: MEYER-PROBST/REIS 1999, S. 61)

Anders sieht es bei der Kumulation der psychosozialen Risiken aus. Bei den Zweijährigen fällt der EQ bei steigender Risikoanzahl deutlich ab. Bei den 20jährigen führt die Dauerwirkung psychosozialer Risiken ebenfalls zu einem deutlichen Abfall des IQ-Wertes: ohne vorliegende Risikobelastung liegt der durchschnittliche IQ-Wert bei über 100, bei einer Kumulation von sieben Risiken fällt er auf ca. 84. Eine Differenzierung von biologischen und psychosozialen Risiken impliziert jedoch nicht, daß diese unabhängig voneinander wirken (MEYER-PROBST/REIS 1999).

2.3 Chronizität vs. punktuelle Belastung

Akute Lebensereignisse haben keine geringeren Einwirkungen auf die Pathogenese psychischer Störungen im Kindes- und Jugendalter als chronisch wirksame Bedingungen (ALLEHOFF et al. 1988).

ESSER et al. (1993, S. 86) fanden sogar heraus, daß frühe chronische Belastungen in Form von Ablehnung und mangelnder Versorgung des Kindes durch die Eltern keinen direkten Einfluß auf psychische Störungen der Kinder im Alter von acht, 13 und 18 Jahren haben. Bei den 13jährigen zeigten belastende Lebensereignisse, die zwischen acht und 13 Jahren stattfanden, indirekte Einflüsse auf die psychische Auffälligkeit. Im Alter von 18 Jahren waren die indirekten Einflüsse auf psychische Störungen eher gering. Chronische Belastungen zwischen acht und 13 Jahren erhöhten allerdings die Rate von psychischen Störungen, die im Alter von 13 Jahren präsent waren. Im Gegensatz zu akuten Belastungen, die zwischen 13 und 18 Jahren vorfielen, hatten chronische Belastungen eine direkte Wirkung auf die psychischen Störungen bei den 18jährigen. Insgesamt zeigt die Studie von ESSER et al. (1993), daß Belastungen die kürzer zurückliegen enger mit aktuell vorhandenen psychischen Störungen verknüpft sind als Stressoren, die längere Zeit zurückliegen. Vor allem den Belastungen aus der frühen Kindheit kommt im späteren Alter kaum Bedeutung zu. Dennoch sind frühe Stressoren den späteren, akuten Belastungen ebenbürtig, bedingen sie diese doch teilweise. Chronische Belastungen waren insgesamt bedeutsamer als akute Lebensereignisse, da diese nicht nur die Ursache, sondern auch die Folge psychischer Störungen waren. Als Beispiele hierfür nennen die Autoren Schulwechsel, Heimaufenthalte, Wechsel von Pflegepersonen und den Verlust von Freunden infolge psychischer Auffälligkeit (ebd.).

IHLE et al. (1992) sprechen sich für eine separate Betrachtung und Wirkungsanalyse akuter und chronischer Lebensereignisse aus. Als akute Ereignisse definieren sie solche, die bei Neu- oder Wiederauftreten unmittelbar vor dem Untersuchungszeitpunkt durch die Familie als belastend erlebt werden. Chronische Lebensereignisse hingegen sind Besonderheiten, die nahe um den Geburtszeitraum und innerhalb der Familie liegen, ein hohes Risikopotential in sich bergen und als zeitlich stabil und überdauernd bezeichnet werden können. Die Autoren betonen, daß die Summe der akuten kritischen Lebensereignisse neben der Wirkung der chronischen Belastungen einen eigenen Beitrag zur Prognose der Entwicklung leisten. Weiterhin weisen sie darauf hin, daß in ihren Untersuchungen akute Lebensereignisse vor allem die sozial-emotionale, weniger die kognitive Entwicklung beeinflussen.

Wirken chronische Belastungen gemeinsam mit akuten Lebensereignissen, ist das Wirkungsmuster als additiv, nicht als multiplikativ anzusehen (GOODYER et al. 1988, zit. in SCHMIDT 1993).

2.4 Wirkungsweise von biologischen und psychosozialen Risikofaktoren

Während psychosoziale Risiken sich vor allem auf die kognitive und sozio-emotionale Entwicklung auswirken, sind biologische und organische Risiken (z.B. niedriges Geburtsgewicht) eher mit beeinträchtigten motorischen Funktionen verknüpft; ihnen kommt eine vergleichsweise geringe Bedeutung zu (SCHEITHAUER/PETERMANN 1999).

LAUCHT et al. (1996; 1998) haben in ihren Untersuchungen herausgefunden, daß die kognitive Entwicklung hauptsächlich von den entwicklungshemmenden Einflüssen psychosozialer Risiken abhängt und der durchschnittliche IQ-Wert mit steigendem psychosozialen Risiko stärker abnimmt als bei Kindern mit zunehmendem organischen Risiko. Hinweise, die auf eine Interaktion beider Risiken hindeuten, fehlen. Für Störungen in der sozial-emotionalen Entwicklung sind ebenfalls fast ausschließlich psychosoziale Risiken verantwortlich. Kinder aus psychosozial belasteten Familien erreichen eine Summe von psychopathologischen Symptomen, die im Durchschnitt höher ist als die der unbelasteten Kinder. Biologische Risiken beeinflussen die sozial-emotionale Entwicklung der Kinder nicht signifikant. Ein bedeutsamer Interaktionseffekt beider Risiken fehlt ebenfalls (LAUCHT et al. 1996; 1998).

Deutliche Rückstände weisen Kinder mit biologischen Risiken in der motorischen Entwicklung auf. Bis zu 12 Punkte auf der Entwicklungsquotienten-Skala liegen organisch belastete Kinder hinter den unbelasteten zurück. Auch die psychosoziale Belastung führt, zumindest in der frühen Kindheit, zu einer beeinträchtigenden Wirkung der motorischen Entwicklung. Kinder mit multipler, also mit biologischer und psychosozialer Belastung, besitzen die ungünstigste Entwicklungsprognose. An dieser Stelle zeigt sich erneut der kumulative Effekt beider Risiken, der der Addition der Einzeleffekte entspricht. Eine Interaktion in Form einer wechselseitigen Verstärkung besteht allerdings nicht (LAUCHT et al. 1996; 1998).

Auch MEYER-PROBST/REIS (2000) bestätigten in ihren Untersuchungen, daß motorische Unruhe, Ungeschicklichkeit und eine verminderte affektive Steuerung stärker dem Einfluß biologischer Risiken unterliegen, während das Intelligenzniveau und das soziale Verhalten eher vom sozialen Milieu abhängen.

Beim Vergleich der biologischen und psychosozialen Risiken im Verlauf der Entwicklung war festzustellen, daß sich die Folgen der biologischen Risiken abschwächen, die Folgen der psychosozialen Risiken mit steigendem Alter dagegen zunehmen (SCHEITHAUER/PETERMANN 1999; MEYER-PROBST/REIS 1999). Diese Ergebnisse werden in Untersuchungen von LAUCHT et al. (1996; 1998) ebenfalls bestätigt.

2.5 Wechselwirkungen zwischen biologischen und psychosozialen Risiken

Zwischen biologischen und psychosozialen Risikofaktoren bestehen Wechselwirkungen. Biologische Belastungen können durch günstige psychosoziale Bedingungen vermindert bzw. durch ungünstige verstärkt werden. Umgekehrt kann die entwicklungshemmende Wirkung psychosozialer Risiken abgeschwächt werden, wenn die biologische Vorbelastung gering war (MEYER-PROBST/REIS 1999; MEYER-PROBST/TEICHMANN 1984).

Betrachtet man die Wirkung von intraindividuellen biologischen in Abhängigkeit von psychosozialen Risikokumulationen und umgekehrt, erhält man genauere Bedingungszusammenhänge: Bei zwei- und zehnjährigen Kindern ohne psychosoziales Risiko verringert sich der EQ/IQ-Wert bei steigender Anzahl von biologischen Risiken bis auf neun nur gering, wohingegen das Gefälle bei den Zweijährigen mit psychosozialem Risiko stärker ausgeprägt ist. Ab vier psychosozialen Risiken ist ein deutlicher Abfall der EQ/IQ-Werte um bis zu 20 Punkte bei gleichzeitig bis auf sieben ansteigenden biologischen Risiken in beiden Altersgruppen erkennbar.

Liegen keine biologischen Risiken vor, so bleibt bei Zweijährigen das Entwicklungsniveau trotz steigender Anzahl psychosozialer Risiken bis auf sechs konstant bei etwa 105 EQ-Punkten. Nach psychosozialer Langzeiteinwirkung über zehn Jahre fällt der IQ-Wert bei steigender psychosozialer Belastung allerdings um bis zu 10 Punkte auf ca. 95. Auf der Ebene für vier und mehr biologische Risiken ist ein deutlicher Abfall der EQ/IQ-Werte mit steigender psychosozialer Risikoanzahl in beiden Altersgruppen zu beobachten. Beim Vorliegen von elf psychosozialen Risiken beträgt der EQ-Wert mit zwei Jahren im Durchschnitt 68,5, und mit 10 Jahren liegt der IQ-Wert bei 68,4. Liegt kein psychosoziales Risiko vor, betragen die EQ/IQ-Werte 101,7 bzw. 103,2 (MEYER-PROBST/REIS 1999; MEYER-PROBST/TEICHMANN 1984).

Die größten Entwicklungsschäden sind demzufolge bei Kindern mit psychosozialer Langzeitbelastung und bei denen mit hoher biologischer und psychosozialer Belastung vorhanden. TEICHMANN/MEYER-PROBST bezeichnen diesen Sachverhalt als das "Relativitätsgesetz der Wirkung von Belastungsfaktoren": "Die relative Wirkung eines Risikofaktors ist minimal, sofern nicht weitere hinzutreten, sie wird aber um so erheblicher, je mehr Belastungsfaktoren von großer Intensität und Dauer gleichzeitig oder nachfolgend hinzukommen oder unmittelbar vorausgegangen sind" (TEICHMANN/MEYER-PROBST 1991, S. 52ff).

Bei den in der Rostocker Längsschnittstudie untersuchten Zweijährigen ist die entwicklungshemmende Wirkung der biologischen Belastungen am stärksten und nimmt mit zunehmendem Alter ab, bis sie bei 20jährigen keine signifikante Auswirkung mehr erreicht. Psychosoziale Risiken hingegen spielen im Entwicklungsverlauf eine tragende Rolle: War das psychosoziale Bedingungsgefüge schon bei den Zweijährigen ausschlaggebend für einen Entwicklungsrückstand, ist die Dauereinwirkung dieser defizitären Lebenslage mit zunehmendem Alter erst recht als negativ für die Entwicklung zu beurteilen. Biologische Risikofolgen schwächen sich also mit steigendem Alter ab, während psychosoziale Risikofolgen zunehmen (MEYER-PROBST/REIS 1999).

2.6 Stabilität und Veränderung von Intelligenzmeßwerten

Die Intelligenzwerte unterliegen zwischen zwei und 14 Jahren einer hohen Dynamik. Die prognostische Aussagekraft bei Zweijährigen bezüglich ihrer Intelligenz im Schulalter ist dabei geringer als die IQ-Konstanz zwischen dem 10. und 14. Lebensjahr. Der prozentuale Anteil der Kinder, die mit sechs Jahren im gleichen EQ-Intervall bleiben wie mit zwei Jahren liegt bei fast der Hälfte (49 %), bei Zehnjährigen nur noch bei einem Drittel (30 %) und bei 14jährigen beträgt der prozentuale Anteil nur noch 24 %, etwa ein Viertel. Verglichen mit den 69 % der 14jährigen, die mit zehn Jahren im gleichen individuellen IQ-Intervall verbleiben, sind die prognostischen Voraussagen für die Zweijährigen sehr gering. Auch bei den Sechsjährigen ist die Dynamik noch relativ hoch: Bei den Zehnjährigen entsprechen noch 53 % bezüglich ihres IQs der Prognose; bei den 14jährigen sind es gerade noch 42 % (TEICHMANN/MEYER-PROBST 1991). Daraus ergibt sich: "Je größer die Intervalle, desto geringer der Zusammenhang. Je später die Meßzeitpunkte, desto sicherer die Prognose“ (MEYER-PROBST/REIS 1999, S. 63).

Betrachtet man die Entwicklungsdynamik der sechsjährigen im Vergleich zu den zehnjährigen Kindern indem man sie in eine obere Gruppe mit einem EQ/IQ größer als 115, eine Mittelgruppe (EQ/IQ= 99-101) und eine untere Gruppe mit einem EQ/IQ unter 85 einteilt, so werden gravierende Veränderungen deutlich. Kinder, die mit 6 Jahren einen EQ über 115 hatten, weisen mit zehn Jahren IQ-Werte zwischen 90 und 130 auf. Bei einigen Kindern ist zwar ein geringer IQ-Anstieg zu verzeichnen, ein Drittel der Kinder halten ihren Wert über die vier Jahre auf dem gleichen Niveau, aber ein Großteil der Kinder erfährt IQ-Abfälle von bis zu 20 IQ-Punkten. Überdurchschnittlich intelligente Erstkläßler halten ihr Niveau folglich nicht zwangsläufig bis ins späte Grundschulalter.

Auch die Veränderungen in der Mittelgruppe sind aussagekräftig. Kinder, die mit sechs Jahren einen EQ von 99 bis 101 haben, liegen mit zehn Jahren gleichmäßig verteilt bei IQ-Werten zwischen 80 und 120.

Enorme Veränderungen sind bei den Kindern, die mit sechs Jahren einen EQ von unter 85 hatten, zu beobachten. Bei der überwiegenden Anzahl ist bis zum Erreichen des 10. Lebensjahres ein deutlicher Anstieg der Intelligenzleistung zu verzeichnen. Der Wert einiger Schüler sinkt innerhalb der vier Jahre ab, und 46,3 % der Kinder halten ihr individuelles EQ/IQ-Niveau (TEICHMANN/MEYER-PROBST 1991) .

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Details

Seiten
130
Jahr
2001
ISBN (eBook)
9783638185721
ISBN (Buch)
9783638698566
Dateigröße
794 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12767
Institution / Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin – Rehabilitationswissenschaften
Note
2,1
Schlagworte
Risikofaktoren Schutzfaktoren Jugendalter psychosoziale Risiken

Autor

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Titel: Psychosoziale Risikofaktoren für die Persönlichkeitsentwicklung körperbehinderter und sehgeschädigter Kinder