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Raummomente in Joseph Roths ‚Hotel Savoy’

Hausarbeit 2009 17 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Das Hotel Savoy

3. Raummomente im Hotel Savoy
3.1. Begegnungen im Hotel
3.2. Das Hotel als Heimat
3.3. Hierarchisierung der Räume
3.4. Öffentlichkeit versus Geheimnis
3.5. Das Hotel als Erwartungsraum
3.6. Das Hotel als Untergangsort
3.7. Das Hotel als Welt-Raum

4. Zusammenfassung

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Joseph Roths Roman ‚Hotel Savoy’[1] aus dem Jahre 1924 handelt von dem jüdisch-russischen Heimkehrer Gabriel Dan, welcher erzählt, wie die Revolution das heruntergekommene Hotel Savoy erreicht und zerstört. Erstmals seit fünf Jahren wieder in Europa, quartiert sich Dan in einer polnischen Industriestadt im Hotel Savoy ein. Der schäbig angezogene Soldat ohne Eltern, Frau und Kind macht einen Bittgang zu seinem Onkel Phöbus Böhlaug, der in der Stadt in Saus und Braus lebt. Dan bekommt jedoch, statt Geld für die Weiterreise, nur einen abgetragenen Anzug geschenkt. Im Hotel trifft er indes auf die verschiedensten Menschen ohne feste bürgerliche Berufe, etwa den Lotterieträumer Hirsch Fisch, den Magnetiseur Xaver Zlotogor oder Stasia, die Varietékünstlerin.

Roth zeichnet in diesem Roman ein Spiegelbild einer ‚verlorenen Generation’. Dan und andere Bewohner des Hotels wurden in Folge des Krieges aus ihren alten Traditionen und Bindungen herausgelöst und befinden sich auf dem Weg nach Westen, ohne diesen zu erreichen. Das Hotel ist also eine Welt im Kleinstformat. In den untersten Etagen wohnen die Reichen und Wohlhabenden. Je höher man kommt, desto ärmer werden die Verhältnisse. Ignatz, der bereits über 50-jährige Liftboy, gebietet über den Fahrstuhl und damit auch darüber, in welcher Etage ein Gast denselben verlassen wird. Können die Gäste der obersten Etagen ihre Zimmer nicht mehr bezahlen, kommt Ignatz und beleiht ihre Koffer, die er mit einem Patentschloss verschließt. Währenddessen fürchten alle die Kontrollgänge des unheimlichen Hoteldirektors Kaleguropulos, den jedoch noch kein Gast zu Gesicht bekommen hat. Das Geheimnis um den Hoteldirektor wird jedoch am Ende gelüftet: „Wissen Sie, daß Ignatz eigentlich Kaleguropulos war?“ (126)

Gabriel Dan kommt in der 6. Etage in Zimmer 703 unter. Über ihm wohnt Stasia, die unglückliche Kabarett-Tänzerin, die sich in ihn verlieben wird. Aber Stasia selbst ist das Objekt der Begierde von Gabriel Dans Vetter Alexander Böhlaug.

In dem polnischen Städtchen und im Hotel gärt es. Die Arbeiter einer nahegelegenen Fabrik streiken, der Atem der Revolution liegt in der Luft. Als Gabriel Dans alter Kamerad Zwonimir, ein ehrlicher Wirrkopf von bäuerlichem Gemüt, in der Stadt ankommt, tritt dieser am Ende gar als politischer Agitator auf und wird das Fass zum Überlaufen bringen. Währenddessen warten alle auf die Ankunft von Bloomfield, einem Milliardär aus Amerika, auf den alle ihre Hoffnungen richten. Dieser kommt aber nur, um das Grab seines Vaters auf dem Friedhof zu besuchen und verschwindet bei Nacht und Nebel, bevor es zur eigentlichen Katastrophe kommt und das Hotel Savoy in Flammen steht.

In folgender Hausarbeit soll nun genauer herausgearbeitet werden, unter welchen Funktionen und Wahrnehmungen das Hotel gesehen werden kann. Ein Hotel ist nüchtern betrachtet ein Betrieb zur Beherbergung und Verpflegung von Gästen. Das Hotel ist aber auch eine Räumlichkeit, die um einiges komplexer ist, als seine sachliche Definition. Das Hotel ist ein „socia-historical phenomenon [...], one of the key witnesses to, as well as the product of, major power shifts in Western society in the late nineteenth and early twentieth century […] from sedentary to a travelling society”[2]. In anderen Worten, Hotels spiegeln den Grad geographischer und sozialer Mobilität wider, welcher während der Jahrhundertwende möglich wurde.

Architektonisch reflektieren Hotels die veränderte Einstellung gegenüber Räumlichkeit und der sozialen Funktion von Raum, beginnend im 19. Jahrhundert. Das Verständnis von Öffentlichkeit und Privatheit änderte sich genauso, wie das Verhältnis von Anonymität und Intimität und dem Sehen und Gesehen werden.[3]

Für Autoren ist das Hotel ein perfekter Schauplatz zum Experimentieren. Es liefert ausreichend Material für Studien zwischen dem Individuum und der Gesellschaft, denn es ist ein Raum, in dem sich Menschen zufällig begegnen und sich ihre Geschichten miteinander verbinden. Zwischenmenschliche Beziehungen können hier auf ergreifende Weise entstehen. In Joseph Roths Roman ‚Hotel Savoy’ wird besonders deutlich, welche verschiedenen Bedeutungen das Hotel hat. Für die einen ist es ein Stück Heimat, für andere nur eine Durchgangsstation. Mit dem Hotel werden Hoffnungen verbunden, es ist ein Erwartungsraum, andererseits auch ein Ort des Untergangs. Diese und andere Aspekte werden im Hauptteil betrachtet, nachdem zunächst im folgenden Kapitel das Hotel Savoy als solches beschrieben werden soll.

2. Das Hotel Savoy

Das Hotel Savoy steht in einer nicht näher benannten Industriestadt im Osten „an den Toren Europas“ (5). Alles deutet jedoch auf die polnische Stadt Lodz hin, denn „Roths polnischer Freund Józef Wittlin weiß zu berichten, [...] daß der Autor an das dortige gleichnamige Hotel gedacht hatte“.[4] In einer Reportage über diese Stadt berichtet Roth: „Ich mache diese Erfahrung augenblicklich in Lodz, dem ‚polnischen Manchester’. Ich wohne hier in einem großen Hotel, dessen neuzeitlicher Komfort in einem auffallendem Gegensatz zum eingestandenen Religionsbekenntnis seiner meisten Gäste steht.“[5] Wichtig hierbei zu erwähnen ist, dass Roth sein ganzes rastloses Leben überwiegend in noblen Hotels verbracht hatte.[6] Müller-Funk stellt in einer Roth Monographie dazu die Frage:

„Sind es mehrere verschiedene Aufenthaltsorte oder ist es am Ende nicht doch ein und derselbe mitsamt seinen Stereotypen, wie sie uns [...] im frühen Roman Hotel Savoy begegnen?“[7]

Das Hotel Savoy im Roman hat „sieben Etagen“ (5) und 864 Zimmer (15), die allesamt belegt sind. Es verfügt über ein eigenes, goldenes Wappen, einen livrierten Portier (5) und einen Lift – „Spiegel zieren seine Wände“ (7) – samt Liftboy Ignatz. Hauptfigur Gabriel Dan empfindet das Hotel Savoy europäischer als andere Hotels des Ostens:

„Es verspricht Wasser, Seife, englisches Klosett, Lift, Stubenmädchen in weißen Hauben, freundlich blinkende Nachtgeschirre, wie köstliche Überraschungen in braungetäfelten Kästchen; elektrische Lampen, aus rosa und grünen Schirmen erblühend wie aus Kelchen; schrillende Klingeln, die einem Daumendruck gehorchen; und Betten, daunengepolsterte, schwellend und freudig bereit, den Körper aufzunehmen.“ (5)

Das Hotel verfügt außerdem über eine Empfangshalle und am Ende des Korridors ist eine Bar, ein „dunkelrot getünchte[r] Raum, [...] in einer Ecke brannte rötlich eine Ampel, ein schwarzer Flügel stand vor einer kleinen Bühne“ (36). Jetti Kupfer ist die Bardame, oder „alma mater“ wie sie im Text genannt wird, und leitet mit ihren ‚Amüsiermädchen’ das Vergnügungsprogramm für die wohlhabenden und etablierten Gäste. Es gibt im Hotel überdies einen Fünf-Uhr-Saal und eine Küche befindet sich im Keller.

3. Raummomente im Hotel Savoy

3.1. Begegnungen im Hotel

Das Hotel ist der perfekte Schauplatz, in dem sich unterschiedlichste Menschen begegnen und sich ihre Geschichten miteinander verbinden können. Menschen, die normalerweise in verschiedenen Ländern, Städten oder Stadtteilen wohnen, leben hier unter einem Dach. Das Hotel garantiert eine gewisse „Unverbindlichkeit des Nebeneinanders“[8], aber auch direkte figurale Konfrontationen.

[...]


[1] Roth, Joseph. Hotel Savoy. Roman. München: dtv. 2003.

Im Folgenden werden die Quellenangaben aus diesem Werk in Form von Seitenzahlen in Klammern erfolgen.

[2] Matthias, Martina. The Hotel as Setting in Early Twentieth-century German and Austrian Literature: Checking

in to Tell a Story. New York: Camden House. 2006. S. 3

[3] Matthias. 2006. S. 4

[4] Bronsen, David. Joseph Roth – Eine Biographie. Köln: Kiepenheuer & Witsch. 1974. S. 250

[5] Bronsen. 1974. S. 250

[6] Müller-Funk, Wolfgang. Joseph Roth. München: Beck. 1989. S. 40

[7] Müller-Funk. 1989. S. 40

[8] Hartmann, Telse. Kultur und Identität: Szenarien der Deplatzierung im Werk Joseph Roths. Tübingen und

Basel: Francke. 2006. S. 183

Details

Seiten
17
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640410453
ISBN (Buch)
9783640410606
Dateigröße
461 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127660
Institution / Hochschule
Technische Universität Dresden – Institut für Germanistik
Note
2,0
Schlagworte
Joseph Roth Hotel Savoy Hotelästhetik

Autor

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Titel: Raummomente in Joseph Roths ‚Hotel Savoy’