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"Der deutschen Kritik ein deutsches Buch?" - Ruth Klügers "weiter leben. Eine Jugend" und sein Dialogangebot in der Wahrnehmung der deutschen Buchkritik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 25 Seiten

Germanistik - Neuere Deutsche Literatur

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Literaturkritik: Anforderungen, Möglichkeiten, Grenzen

3. Klügers Dialogangebot in der deutschen Buchkritik
3.1 Der Themenbereich Gedenkkultur als Bestandteil des Dialogangebots
3.2 Vereinnahmung durch Identifikation in der deutschen Buchkritik
3.2.1 „Tolle Prosa“ ̶ Ellen Pomikalko in der „Brigitte“
3.2.2 „Davongekommen“ ̶ Sigrid Löffler in „Die Zeit“
3.2.3 „Der Tod, ein deutsches Buch“ ̶ Klaus Jeziorkowski in „Die Zeit“
3.2.4 „Genauigkeit und Skrupel “ ̶ Hannes Stein in „Die Zeit“

4. Schlussbetrachtungen

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

"Ob man fragt oder nicht", lässt Ruth Klüger einen ihrer Leser in "weiter leben. Eine Jugend" zu Wort kommen, "dir kann man’s nicht recht machen."[1]. Ist das so? Oder greift dieser Leser in seiner fast beleidigten Hilflosigkeit da vielleicht ein fundamentales Missverständnis auf, das das Buch und seine Rezeption verfolgt? Geht es tatsächlich darum, der Auschwitz-Überlebenden Ruth Klüger durch (Nach-) Fragen Aufmerksamkeit und Beachtung zu schenken und sie damit "zufrieden zu stellen"? Hat sie das in ihrem autobiografischen Werk "weiter leben. Eine Jugend" so gefordert und zum Ausdruck gebracht? Kommt es nicht viel eher darauf an, sich in Anbetracht der Lebenserinnerungen der Autorin selbst zu befragen, um mit sich und anderen in Dialog zu treten? Das muss sich der von Klüger zitierte Leser fragen und das müssen sich womöglich auch die zahlreichen Rezensenten und Kritiker des im Jahr 1992 erschienenen Buches fragen. Sie müssen sich vergewissern, ob dieses Werk behandelt werden will wie eine herkömmliche Autobiografie, was allein aufgrund des historischen Kontextes der Lebenserinnerung so nicht möglich ist, und ob es genügt, ihm allein mit dem Instrumentarium der versuchsweisen Einfühlung und Betroffenheit entgegenzutreten.

Hier müssen auch die Bedingungen und Möglichkeiten der Literaturkritik in den Blick geraten, die die Voraussetzungen für das Verfassen von Rezensionen stellen. Die fehlende Einheit der Vorstellung dessen, was Literaturkritik ist und was sie soll, kann und darf, macht es auf den ersten Blick schwierig, hier Leitlinien zu erkennen, die wiederum rückblickend auf bereits verfasste Rezensionen angewandt werden könnten. Dennoch soll mit dieser Arbeit der Versuch unternommen werden, ausgehend von verschiedenen theoretischen Überlegungen zum Wesen der Literaturkritik ausgewählte Rezensionen zu Ruth Klügers "weiter leben. Eine Jugend" eingehender zu betrachten und zu vergleichen. Den Schwerpunkt dieses Vergleichs bildet die Frage, inwieweit die Rezensionen das von Klüger innerhalb verschiedenster Themenbereiche intendierte Dialogangebot an ihre -deutschen- Leser aufgegriffen und vielleicht sogar bereits eingelöst haben oder inwiefern sie hinter den Möglichkeiten, die das Buch in all seiner Besonderheit eröffnet, zurückbleiben. Zu unterstreichen ist hierbei die dezidierte Unterscheidung von „akademischem und publizistischem Diskurs“[2], da an dieser Stelle einzig Texte aus dem deutschen Feuilleton und andere Buchkritiken außerhalb der wissenschaftlichen Diskussion besprochen werden sollen.

Nach einem kurzen Exkurs in die Theorie der Literaturkritik mit ihren Möglichkeiten und Grenzen soll schließlich untersucht werden, wie vielschichtig Klüger ihr Dialogangebot an den Leser literarisch umsetzt und ob und wie die vorliegenden Rezensionen darauf eingehen. Dabei wird der Themenaspekt der Gedenkkultur, den die Rezensionen größtenteils außer Acht lassen, in seiner Bedeutung für Klügers Dialogangebot besprochen. Hinzu kommt die in vielen Kritiken zu entdeckende Vereinnahmung Klügers durch verschiedenste Identifikationsversuche, die ebenfalls ihr Dialogbemühen unterlaufen.

Aus den ca. 130 allein bis zum Jahr 1993 zu "weiter leben" erschienenen Rezensionen und Buchbesprechungen wurden vier ausgewählt, vor allem Rezensionen der bekanntesten deutschen Zeitungen wie der „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ und „Die Zeit“. Es wurde aber auch eine Rezension aus der Frauenzeitschrift „Brigitte“ berücksichtigt, die sich in erster Linie an ein weibliches Publikum richtet und bei der Klügers Buch nicht zuletzt wegen seiner feministisch geprägten Grundhaltung große Beachtung fand. Insgesamt kommen so vier Rezensionen zusammen, die jedoch nicht repräsentativ für alle sonstigen Buchkritiken zu „weiter leben“ analysiert werden sollen, sondern rein qualitativ hinsichtlich prägnanter Einzelaspekte untersucht werden.

2. Literaturkritik: Anforderungen, Möglichkeiten, Grenzen

Man kann sich wohl darauf einigen, Literaturkritik als „öffentliche Kommunikation über Literatur“[3] zu bezeichnen. Kein Konsens scheint jedoch darüber zu bestehen, was diese öffentliche Kommunikation zu leisten hat und mit welchen Mitteln. Otto Lorenz spricht in seiner Abhandlung „Literatur als Gespräch. Zur Aufgabe von Literaturkritik heute“ von einer „Willkür der ganzen Prozedur“[4], der „beliebige Wertungsmaßstäbe“[5] zugrunde liegen und die deshalb „vollkommen unverbindlich“[6] bleibt. Die Schnelllebigkeit des Marktes verhindere zudem weiterführende Diskussionen und so könne laut Lorenz „weder ein Konsens über die Funktion von Literatur noch über die Aufgabe von Literaturkritik“[7] entstehen. Aufgrund eines fehlenden Regel-Katalogs, in dem auch „poetologische Gesetzlichkeiten“[8] verbrieft wären, ist jede Rezension so individuell wie problematisch, weil unvergleichbar und darum austauschbar. Werden unterschiedliche Schwerpunkte und Wertungsmaßstäbe herangezogen und andere dafür außer Acht gelassen, ohne sie zumindest zu erwähnen, kann ein diffuses, beinahe willkürliches Bild von ein und demselben literarischen Werk entstehen und die einzelnen Teile dieses Bildes werden austauschbar.

Wenn man aber davon ausgeht, dass ein Anspruch an die Literaturkritik darin besteht, „die Selbstverständigung der Gesellschaft im Medium ihrer literarischen Reflexion konstruktiv zu begleiten“[9], also den literarischen Diskurs in der Öffentlichkeit zu unterstützen, so scheint unter diesem Aspekt eine nicht ganz so beliebige Literaturkritik notwendig. Das meint jedoch nicht, dass Literaturkritik zu einer genormten, nach starrem Regelsatz verfassten Abhandlung verkommen soll. Denn auf der anderen Seite steht die Auffassung, die Pluralität der Meinungen und Ansichten nicht als Hindernis, sondern vielmehr als „Bedingung der Möglichkeit von Kritik“[10] anzuerkennen. Nur so ist eine Kommunikation über Literatur überhaupt möglich, denn „Kritik zeichnet sich vor allem durch ihren Gesprächscharakter aus“[11].

Kritik hat also keinesfalls normativen Charakter, vielmehr ist sie darauf aus, das Urteil des Lesers herauszufordern und es nicht im Vorhinein zu produzieren. Literaturkritik ist nie etwas Fertiges, sie ist kein „Endprodukt“. Sonst genügte es ja, die Rezensionen der Bücher zu lesen und nicht mehr die Bücher selbst. Zwar kann eine Rezension den Leser auch vor der Lektüre eines Buches zurückschrecken lassen, aber auch das ist schließlich das Resultat einer Art von Produktivität, der Urteilsbildung durch den Leser.

Daran schließt der „Vermittlungsgedanke“[12] an, der im Zentrum der Anforderungen an die Literaturkritik steht. So sollte Literaturkritik bei ihrem Publikum „zum besseren Verständnis und zur Reflexion von Literatur führen“[13], also die nötigen Informationen für eine weitere Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Werk liefern bzw. hierzu die Entscheidungsgrundlage bereitstellen. Literaturkritik hat also gewissermaßen auch Aufforderungscharakter, indem sie eine Auswahl zu besprechender Werke trifft und die Besprechung so gestaltet, dass im besten Fall die Leselust geweckt und ein Diskurs in Gang gesetzt wird.

„Wichtig ist allein das problembewusste Gespräch“[14], wie es Lorenz ausdrückt. Doch wie tief soll dieses Gespräch gehen? Was darf eine Rezension dem Leser an Interpretation vorweg nehmen? Dieses Problem wird besonders deutlich an einem so vielseitigen Buch wie „weiter leben. Eine Jugend“ von Ruth Klüger. Es beinhaltet weit mehr als die Lebenserinnerungen einer Auschwitz-Überlebenden. Neben einer Vielzahl „literarischer, kunstgeschichtlicher und historischer Bezüge“[15], die ein „dichtes intellektuelles Netz“[16] knüpfen, findet man einen starken Einbezug des Lesers in ein Gespräch, das Klüger im Buch führt. Diese Hinwendung zum Rezipienten ist so besonders, da sie sich auf gesellschaftliche Fragen und Verantwortung richtet, die Problematik des Holocaust aus Sicht einer Überlebenden anspricht und dabei provokant und mitunter schonungslos vorgeht. Das Zwiegespräch der Autorin mit dem (potentiellen) Leser beinhaltet auch ein Dialogangebot über die Grenzen des Buches hinaus. Inwieweit sollte dies bereits durch die Buchbesprechungen und Kritiken zum Ausdruck kommen? Genügen hier „kurze Angaben zur Biographie“[17], gefolgt von einer „realistisch verfertigten Inhaltsangabe des vorliegenden Werks“[18], was im Falle von „weiter leben“ sogar zusammengenommen werden könnte? Ist eine „merksatzhafte Urteilsbegründung“[19] am Schluß dem Werk angemessen? Sicher nicht, wie auch keinem anderen Buch, das Gegenstand einer Rezension ist.

Die Literaturkritik befindet sich hier in einem Dilemma. Auf der einen Seite ist es nicht ihre Aufgabe, mit den „Spezialistenwerkzeugen des Wissenschaftlers spektakulär [zu] jonglieren“[20], also das sprachliche Kunstwerk in seine Einzelteile zu zerlegen und jeder noch so kleinen Spur auf Verweise nachzugehen, den ursprünglichen Leseeindruck auf der Strecke lassend. Andererseits ist es bei einem Buch wie dem von Ruth Klüger von enormer Wichtigkeit, im Rahmen des öffentlichen Diskurses über Literatur gesellschaftlich relevante Aspekte wie Klügers Dialogangebot an die Leser gesondert herauszustellen, um sie der Diskussion zugänglich zu machen. Denn aus der Perspektive eines „öffentliche[n] Forum[s]“[21], das die Literaturkritik etablieren soll, dürfte es nicht genügen, auf der Oberfläche des Werkes zu bleiben und lediglich dem Leser Anregungen zur Lektüre zu liefern.

Insofern hat die Literaturkritik zwei Funktionen. Sie ist aus Verlagssicht auf das potentielle Leserpublikum ausgerichtet und sorgt dafür, dass dessen Aufmerksamkeit auf die vorgestellten Bücher gelenkt wird und die nötigen Informationen mitgeliefert werden. Aus diesem Blickwinkel, der die Literaturkritik als Katalysator für Verkaufszahlen annimmt, wäre es ausreichend, gerade so viele Informationen zum Buch zu liefern, wie nötig sind, um das Publikum neugierig auf die Lektüre zu machen. In einem Fall wie „weiter leben“ wäre vermutlich schon der Verweis auf die KZ-Vergangenheit der Autorin solch eine Information, die vor allem das „human interest“ anspricht. Das wirklich Innovative an Klügers Werk würde dabei unterschlagen bzw. wäre erst wieder dem Leser des Buches zugänglich. Die „Mündigkeit des Publikums“[22] und seine Fähigkeit zur Reflexion wird somit zur Voraussetzung.

Die zweite Funktionszuschreibung an die Literaturkritik bemisst sich an ihrer Aufgabe, „ein öffentliches Forum zu etablieren, auf dem produktive Auseinandersetzungen möglich sind“[23]. In diesem Rahmen wäre es äußerst sinnvoll, wenn nicht sogar unerlässlich, auf Klügers Dialogangebot einzugehen, um eine gesellschaftliche Diskussion zu ermöglichen und das Buch aus der Menge an Holocaust-Lebenserinnerungen herauszuheben. Dann gelingt es der Literaturkritik auch, „seismographisch Zeitfragen [zu] erfassen“[24], vor allem solche, die Klügers Werk in enormer Zahl aufwirft.

Wie mit dieser Aufsplittung der Aufgabenbereiche letztlich umgegangen werden kann und was die Rezensionen jeweils leisten können, muss mangels verbindlicher Maßstäbe von Werk zu Werk neu entschieden und vom Kritiker bestimmt werden und ist zudem vorgegeben durch den Rahmen, in dem die Kritik erscheinen soll. Der „spezifische Vergleichs- und Bezugsrahmen“[25] eines literarischen Werkes muss immer wieder neu gefunden werden.

Für Ruth Klügers „weiter leben. Eine Jugend“ und die ausgewählten Rezensionen soll genau dieser Rahmen nun gesucht und untersucht werden.

[...]


[1] Klüger, Ruth: weiter leben. Eine Jugend. 11. Auflage. München: dtv 2003. S. 238.

[2] Blatnik, Meike: Literaturkritik heute. Eine Bestandsaufnahme. In: Positionen der Literaturkritik.

Hrsg. von Norbert Miller, Dieter Stolz. Köln: SH 2002. S. 25.

[3] Ebd.

[4] Lorenz, Otto: Literatur als Gespräch. Zur Aufgabe von Literaturkritik heute. In: Über
Literaturkritik. Hrsg. von Heinz Ludwig Arnold. München: Text + Kritik 1988. S. 101.

[5] Ebd.

[6] Ebd.

[7] Ebd., S. 102.

[8] Ebd., S. 101.

[9] Ebd., S. 102.

[10] Blatnik, M.: Literaturkritik heute. S. 34.

[11] Ebd., S. 34.

[12] Ebd., S. 26.

[13] Ebd., S. 27.

[14] Lorenz, O.: Literatur als Gespräch. S. 102.

[15] Feuchert, Sascha: Vorbemerkungen. In: Erläuterungen und Dokumente. Ruth Klüger, weiter
leben. Eine Jugend. Hrsg. von Feuchert, Sascha. Stuttgart: Reclam 2004. S. 5.

[16] Ebd.

[17] Lorenz, O.: Literatur als Gespräch. S. 101.

[18] Ebd.

[19] Ebd.

[20] Menasse, Eva: Der Kritiker als Geigenbauer oder Von der Qual, Literatur zu kritisieren. In: Positionen der Literaturkritik. Hrsg. von Miller, Norbert; Stolz, Dieter. Köln: SH 2002. S. 125.

[21] Lorenz, O.: Literatur als Gespräch. S. 104.

[22] Blatnik, M.: Literaturkritik heute. S. 27.

[23] Lorenz, O.: Literatur als Gespräch. S. 104.

[24] Ebd.

[25] Menasse, Eva: Der Kritiker als Geigenbauer. S. 126.

Details

Seiten
25
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640340095
ISBN (Buch)
9783640337385
Dateigröße
510 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127521
Institution / Hochschule
Friedrich-Schiller-Universität Jena – Germanistische Literaturwissenschaft
Note
1,0
Schlagworte
Kritik Buch Ruth Klügers Eine Jugend Dialogangebot Wahrnehmung Buchkritik

Autor

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