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Die öffentliche Meinung in Frankreich nach den Krawallen im November 2005

„Kampf der Kulturen“ als Erklärungs- und Argumentationsmuster

Bachelorarbeit 2006 48 Seiten

Soziologie - Politische Soziologie, Majoritäten, Minoritäten

Leseprobe

I.Inhaltsverzeichnis

1.Einführung

2. Huntingtons Theorie
2.1.Die Einteilung in die Kulturkreise
2.2.Der Westen – ein universaler oder verhasster Kulturkreis?
2.3. Das Verschieben von dem kulturellen Gleichgewicht
2.4. Die Migration
2.5. Kernstaaten- und Bruchlinienkonflikte

3. Die „Französische Krankheit“ – die Krawalle in Oktober
3.1.Was geschah in französischen „banlieus“?
3.2. Die Ursachen

4. Reaktionen der öffentlichen Meinung
4.1. „Sarcko - gib nicht auf“ – Das Phänomen von Nicolas Sarkozy
4.2. „Es ist nicht ihre Schuld“ – die „linken“ Erklärungen für die Krise
4.3. Political correctness versus öffentliche Meinung?
4.4. "Die islamische Bedrohung" - die rechte und rechtsextremistiche Strömung
4.4.1. Alain Finkielkraut – der linke Rechtsextremist
4.4.2.Angesichts Djihad und Intifada
4.4.3. Ökonomische Parasiten
4.4.4. „S ie wollen sich nicht integrieren
4.4.5 „La droite gagnante“ – der Erfolg der Rechtsextremisten

5. Die Analyse der Reaktionen der öffentlichen Meinung
5.1.Rassismus – die französische Tradition ?
5.2. Politisch gesteuert : Kampf der Kulturen als politisches Werkzeug
5.3. Abneigung und Hass – eine self fulfilling prophecy ?
5.4. Sozial und ökonomisch begründete Kulturdivergenz
5.5. Die französische Eigenart

6. Schluss

II. Literaturverzeichnis

1. Einführung

Die Arbeit befasst sich mit den Reaktionen der öffentlichen Meinung in Frankreich nach den Krawallen in November 2005 im Kontext der Theorie von Samuel Huntington über den Kampf der Kulturen.

Die kontroverse Theorie versucht die Weltkonflikte auf eine bestimmte Weise zu erklären. Nach Huntington, in der Welt wo sich die Menschen um die Kulturen konzentrieren und nach ihrer kulturellen Identität in ihrem Verhalten richten, werden die kulturellen Antagonismen zur Grundlage der Konflikte. Die heutigen ethnisch geprägten Konflikte rufen die Theorie zu der Debatte herbei. Welche Rolle hat die Theorie während der Krawalle in Frankreich gespielt?

Die überwiegenden Reaktionen der öffentlichen Meinung wurden als Ausdruck der wachsenden Abneigung der Franzosen gegenüber den islamischen Immigranten bezeichnet. Man könnte behaupten, dass die Argumente aus der Theorie des Kampfes der Kulturen als eine Erklärung der Situation genutzt und in der Argumentation als grundsätzliche Pfeile angewendet wurden.

Die Frage, die die Arbeit zu beantworten versucht, lautet nicht ob die Theorie wahr ist, sondern ob die Franzosen sie als wahr begreifen...Glauben die nicht mehr an die Multikulturalität?

Wurde die Furcht vor der wachsenden „islamischen Bedrohung“ ausgedrückt? Hatten die Reaktionen einen ethnischen und so zu sagen „anti-multikulturellen“ Hintergrund? Haben die Franzosen, bewusst oder auch unbewusst, den Kampf der Kulturen als ein Argumentationsmuster verwendet?

Zuerst wird es in der Arbeit auf die Huntingtons Theorie eingegangen, es werden ihre wichtigsten Aspekte erläutert, wobei ein besonderer Wert auf die Frage der islamischen Migration gelegt wird. Wie sieht nach Huntington die Relation zwischen dem Westen und den arabischen Immigranten aus?

In dem weiterem Teil wird kurz an die Ereignisse in den Vorstädten erinnert. Was war der Auslöser, was geschah während der krisenhaften Wochen und was wurde offiziell zu den Ursachen erklärt. Nach dieser Einleitung werden die unterschiedlichen Reaktionenströmungen der öffentlichen Meinung, die das Forschungsthema dieser Arbeit darstellen, untersucht.

Die Franzosen blieben unter einem ziemlich starken Einfluss der Politik und daher wird hier in der ersten Linie die Gestalt des Innenministers Nicolas Sarkozy besprochen. Welchen Einfluss hatte er auf die öffentliche Meinung, welche Reaktionen folgten seinen Äusserungen und in welchem Verhältnis standen sie zur Huntingtons Theorie?

Danach werden die „linken" Erklärungen der Situation erwähnt, die auch einen Teil der Ansichten bildeten. Wie hat diese Gruppe argumentiert?

Die Krise in den banlieus brachte ein interessantes Problem ans Licht, das hier als nächstes besprochen wird. Die Divergenz zwischen der offiziellen Meinung der französischen Presse und Politik und der Ansichten der "normalen" Franzosen wurde zu einem Thema, welches sich trotz Versuchen nicht unterdrücken liess. Wie sah es aus, wurde die Heuchelei Frankreichs zu einem echten Problem?

Das nächste Kapitel wird den stricte rechten und rechtsextremistischen Reaktionen gewidmet. An dieser Stelle werden unterschiedliche Aspekte des Problems genannt, die aber überwiegend einen antimuslimischen Ausklang haben.

Erwies sich hier also die Theorie des Kampfes der Kulturen als erklärungsfähig? Bedienten sich die Franzosen der Huntingtons Argumenten um die Situation zu erklären und zu beurteilen? Inwieweit hatten die Krawallen in der öffentlichen Meinung kultur- kämpferische Reaktionen ausgelöst? Warum?

In dem letzten Kapitel wird soeben ein Versuch unternommen, die Analyse der Reaktionen durchzuführen. Politischer Einfluss, self fulfillig prophecy, verwurzelter Rassismus, Wirtschaft – ob und inwieweit haben sie die französischen Reaktionen beeinflusst?

Der empirische Teil der Arbeit stützt sich überwiegend auf die Artikeln und Berichten aus der deutschen, polnischen und insbesondere französischen Presse und die Veröffentlichungen im Internet, vor allem Foren und Blogs, die als Ausdruck der „lebendigen“ Meinung der Franzosen gelten. Alle Übersetzungen aus dem Französischen stammen von der Verfasserin.

2. Huntingtons Theorie

1993 publizierte die Zeitschrift „Foreign Affairs” einen Artikel unter dem Titel „Clash of Civilizations ?”, der außergewöhnlich viele Kommentare und Kritiken auf der ganzen Welt auslöste. Der Autor des Artikels behauptete, dass die kommende globale Politik von dem Konflikt zwischen unterschiedlichen Kulturkreisen bestimmt wird. Es war Samuel Huntington, Professor für Politikwissenschaft und Leiter des John-M.-Olin-Instituts für Strategische Studien an der Harvard Universität.

Aufgrund der grossen Debatte und Interesse an der Theorie hat er drei Jahre später das Buch „Kampf der Kulturen“ veröffentlicht, das die oben genannte These umfassend dargestellt und noch um viele neue Aspekte ergänzt hatte. Seitdem ist Huntingtons Weltauffassungsmodell zu einem festen Begriff in der Debatte um die Weltordnung nach dem Kalten Krieg geworden.

Wie es der Autor selbst beschreibt, lautet das zentrale Thema des Buches „Kultur und die Identität von Kulturen, auf höchster Ebene also die Identität von Kulturkreisen , prägen heute, in der Welt nach dem Kalten Krieg, die Muster von Kohärenz, Desintegration und Konflikt.[1]

Was besagt die berühmte Theorie im Detail? Wie begründet Huntington seine - wie es sich zeigte- extrem kontroverse These? Der Autor beschreibt in seinem Buch zunächst die Welt aus Kulturen, wobei er den Aspekt der universellen Kultur des Westens analysiert, dann geht er zu dem Problem der Verschiebung des kulturellen Gleichgewichtes in der heutigen Welt über. Die sinkende Hegemonie des Westens und die gleichzeitig schnell wachsende Bedeutung anderen Kulturkreisen, die vor allem durch das steigende kulturelle Identitätsbewusstsein geprägt sein sollte, führen, so Huntington, zu einer neuen Ordnung der Zivilisationen. Die Konfliktlinien des 21. Jahrhunderts werden nicht mehr von stricte ökonomischen, ideologischen oder politischen Gegensätzen bestimmt, sondern einträchtig mit den grossen kulturellen Grenzen verlaufen. Die Hegemonie der Kultur des Westens solle dabei allmählich degradiert werden.

Werfen wir einen näheren Blick auf die einzelnen Aspekte der Theorie.

2.1. Die Einteilung in die Kulturkreise

Nach der Phase der bipolaren Machtverteilung zwischen der Sowjetunion und dem Westen war es klar, dass die Welt vor einer neuen Ära der internationalen Politik steht. Nach Huntington sei die Welt nach dem Kalten Krieg zum ersten Mal in der Geschichte multipolar und multikulturell geworden[2], da die Unterscheidungen zwischen Völkern nicht mehr eine ökonomische oder ideologische Grundlage haben, sondern eine stricte kulturelle. Als Ende der achtziger Jahre das bipolare System des Kalten Krieges mit dem Ende der Sowjetunion zusammenbrach, begannen die Menschen nach einer neuen Identität zu suchen um sich neu definieren zu können. Die Antwort auf die klassische Frage „Wer sind wir“ beruht diesmal, so der Autor, auf der kulturellen Ebene der Identität. Die Menschen bestimmen sich durch die grössten Kollektiven der Welt: Kulturen, die vor allem durch gemeinsame Religion, Sprache, Symbole, Geschichte, Wertesystem, Lebensweise, Weltanschauung, Institutionen und Traditionen zu definieren sind. Die Nationalstaaten bleiben nach Huntington die Hauptakteure des Weltgeschehens, aber sie ordnen sich diesmal in sieben oder acht Kulturgruppierungen ein – in so genannte Kulturkreise. Der Kulturkreis versteht sich als die grösste kulturelle Einheit und der Ort der kulturellen Identität mit unpräzisen und eher offenen Grenzen, oft mit der Religion gleichbedeutend. Samuel Huntington unterscheidet sieben zeitgenössische Kulturkreise:

- sinischen
-japanischen
-westlichen
-orthodoxen
-hinduistischen
-islamischen
-lateinamerikanischen
-afrikanischen.

2.2. Der Westen – ein universaler oder verhasster Kulturkreis?

Die Begegnungen zwischen den Kulturkreisen waren bis zum 15.Jahrhundert ziemlich

begrenzt, da sie räumlich und zeitlich voneinander getrennt waren. Ab dem 15.Jahrhundert begann jedoch der Westen seine Macht auf alle andere Kontinenten auszudehnen, vor allem durch den Prozess der Kolonisation. Dabei hat er sein Wertesystem den anderen aufgedrängt. Nach dem 1989 sollten sich die interkulturellen Beziehungen in die Richtung der gleichberechtigten Relationen entwickeln. Nichtsdestoweniger „Der Westen ist und bleibt auf Jahre hinaus der mächtigste Kulturkreis der Erde.“[3]

1920 wurde 48,5% des Weltterritoriums vom Westen kontrolliert[4], was fast alle übrigen Kulturen zu der Auseinandersetzung mit diesem herrschenden Kulturkreis zwang. Und obwohl diese Rate allmählich mit dem Prozess der Dekolonisation sank, ist es unbestritten, dass die westliche Kultur bis heute noch „durch den technischen Fortschritt, ihre wirtschaftliche Entwicklung und durch die Überlegenheit ihrer Staaten und ihrer militärischen Mittel weltweit eine Vorrangstellung erkämpft.“[5]

Die Expansion des Westens forderte die Verwestlichung und Modernisierung der nichtwestlichen Kulturen auf. Der Westen solle eine universale Weltkultur darstellen, dennoch ist das nur bedingt gelungen. Die dramatische Rückkehr zu eigenen Wurzeln, zu eigener Kultur und vor allem die Renaissance der nichtwestlicher Religionen (so genanntes Revanche de Dieu) sind die machtvollste Manifestationen der Ablehnung der westlichen „laizistischen, relativistischen, degenerierten[6] “ Kultur durch die Nicht-Westler.

Und da, anders als das noch von einigen Jahrzehnten der Westen sah, die Verwestlichung und Modernisierung zu trennen sind, geht die Epoche der Hegemonie des Westens zu Ende. Die anderen Kulturen „holen auf“ während die „universale Kultur universaler Macht bedarf[7].

2.3. Das Verschieben von dem kulturellen Gleichgewicht

Die Modernisierung der nichtwestlichen Kulturen hat zu deren Machterneuerung deutlich beigebracht. Einen wirtschaftlichen Konkurrent für den Westen sieht Huntington in dem ostasiatischen Kulturkreis, unter anderem auch China, welcher sich zu einem zukünftigen größten Wirtschaftsmarkt des 21.Jahrhunderts der Welt entwickeln sollte. Dabei werden die westlichen Werte absolut nicht als kausal für den rapiden ökonomischen Progress Ostasiens angesehen.

Der sinische Kulturkreis sieht seine eigenen, kulturspezifischen Werte, wie z.B. das Priorität des Kollektiven gegenüber dem Individuellen, als die Erfolgsgründe der wirtschaftlichen Entwicklung- „Die Menschen Ostasiens schreiben ihre dramatische wirtschaftliche Entwicklung nicht ihrem Import der westlichen Kultur zu, sondern vielmehr ihrem Festhalten an der eigenen“[8].

Die Steigerung des kulturellen Bewusstseins und kulturelle Herausforderungen an den Westen sind auch besonders von der Seite des Islams ersichtlich. Der aufgestaute Ressentiment, die politische, kulturelle und soziale Resurgenz des Islam kommt nach Huntington jetzt in Form einer heftiger Kritik und kategorischer Ablehnung der westlichen Werte zum Ausdruck, wie auch besonders in Gestalt „des politischen Islams“ –Fundamentalismus, wobei Huntington vorbehält, dass „Die islamische Resurgenz eine Hauptströmung ist, nicht Extremismus“ und daher „eine umfassende, keine isolierte Erscheinung[9].

Die Ursachen der antiwestlichen Stimmung und destabilisierenden Rolle des Islams erblickt der Autor besonders in dem rapiden Bevölkerungswachstum des islamischen Kulturkreises. Bei dem 1.85 % jährlicher weltlicher Wachstumsrate, liegen die Wachstumswerte in den muslimischen Gesellschaften fast immer um die 3%.[10] Während sich die westliche Gesellschaft sukzessiv veraltert, werden muslimische Populationen auf Jahre hinaus junge Populationen werden.

Junge Menschen bedeuten Revolution, Extremismus und Protest. Sie sind mehr kampf- und gewaltbereit, begeistern und überzeugen sich schneller, einfacher und williger für revolutionäre und extreme Ideen und sind daher auch ein perfektes Rekrutierungsmaterial für den kulturellen Fundamentalismus und die antiwestliche Propaganda. Und da der Islam nicht bloß eine Religion ist, sondern eine ganze Lebensweise für seine Anhänger darstellt, scheint es desto attraktiver für die Jungen, die bei den Entwicklungsdefiziten schwer für sich eine Perspektive finden können. Die Empörung gegen die westlichen Werte und die Islamisierung bietet eine hervorragende Alternative, um die eigene Identität zu definieren.

Diese islamische Resurgenz ist nach Umfang und Tiefe die jüngste Phase in der Anpassung der islamischen Zivilisation an den Westen, ein Versuch, die >Lösung< nicht in westlichen Ideologien, sondern in Islam zu finden. Sie steht für Akzeptanz der Moderne, Ablehnung der westlichen Kultur und neue Bindung an den Islam als kulturelle, religiöse, soziale und politische Richtschnur für das Leben in der modernen Welt[11] .

2.4. Die Migration

Die schnell wachsende Bevölkerungszahl zwingt dazu, mehrere Ressourcen zu besitzen um die größeren Populationen am Leben zu halten. Daher tendieren die islamischen Gesellschaften sich auszubreiten, Territorium zu besetzen und Druck auf andere weniger dynamische Völker auszuüben. Das macht das islamische Bevölkerungswachstum zu einem wichtigen Faktor für Konflikte zwischen Völkern entlang der islamischen Grenzen.[12]

Aus der raschen demografischen Entwicklung und gleichzeitiger wirtschaftlicher Stagnation ergibt sich gleichzeitig das Problem der wachsenden Migration in westliche und andere muslimische Gesellschaften. Infolgedessen wird die Einwanderungsfrage in den Gastgesellschaften eskaliert.

Ein Migrationsstrom, einmal in Gang gekommen, hält sich selbst in Gang. Migranten ermöglichen ihren Freunden und Verwandten in der Heimat die Migration, indem sie ihnen Informationen über den Modus der Migration liefern, ihnen Ressourcen zur Ermöglichung des Umzugs erschliessen und ihnen helfen, Arbeit und Wohnung zu finden“[13]

Es führe zu „einer globalen Migrationskrise “.

Mitte der neunziger Jahre lebten annährend 4 Millionen Muslime in Frankreich und bis zu 13 Millionen in Europa insgesamt. Der Autor schreibt, die Sorge der Europäer richte sich immer mehr gegenüber der muslimischen Einwanderung und die Feindseligkeit gegen die Araber ist im Vergleich zu anderen Immigrantengruppen viel grösser. Nach Huntington kam die wachsende öffentliche Abneigung gegenüber den muslimischen Immigranten in Europa durch extreme Gewalttaten gegen einzelne Einwanderer zum Ausdruck und auch, was viel wichtiger erscheint, durch „die zunehmende Wahlerfolge von rechten, nationalistischen Anti-Einwanderungs-Parteien“[14], unter anderen durch den Wahlerfolg von Front National in Frankreich der von einer minimalen Quote in 1981 auf 12-15 Prozent in 1995 steigerte. Die offizielle Politik von Frankreich und Deutschland wurde in Reaktion auf diese einwandererfeindliche Stimmung immer mehr „antiimmigranter“ und wurde sogar zu einem Element des Wahlkampfs erfolgreich gemacht, schreibt der Autor.

Ob Europa und auch Amerika, die einen gleichen Problem mit den hispanischen Ländern hat, infolgedessen „ zu gespaltenen Gesellschaften mit zwei unterschiedlichen und weithin voneinander isolierten Gemeinschaften aus zwei verschiedenen Zivilisationen werden“[15] ?

Huntington macht das von dem Assimilationspotential abhängig, jedoch bemerkt gleichzeitig dass dieses Potenzial de facto sehr gering ist und auch so bleiben wird.

2.5. Kernstaaten- und Bruchlinienkonflikte

Huntington behauptet, die Kulturen konzentrieren sich um ihre Kernstaaten, die die Rolle eines führenden Zentralstaates erfüllen. Am deutlichsten ist es in dem sinischen Kulturkreis, wo China diese Rolle übernimmt, wie auch in dem westlichen, wo die Vereinigten Staaten und im Bereich Europa Frankreich und Deutschland die Zentralrolle spielen. In Orthodoxie ist es natürlich Russland. Indien ist ein Kernstaat für sich selbst und der muslimische und afrikanische Kulturkreis bleiben zur Zeit ohne zentrale Macht, da keiner der Staaten genügend überlegen ist ( wobei Huntington die Türkei als ein Führungsstaat vorschlägt, allerdings nach der endgültiger Absage ihrer westlichen Ambitionen.)

Auf diese Weise verkörperte Kulturen engagieren sich in die so genannten Kernstaatskonflikte, die auf der internationalen Makro-Ebene stattfinden und deren Gegenstand „die klassischen Streitfragen der internationalen Politik[16] sind. Auf der lokalen Mikro-Ebene kommt es zu Bruchlinienkonflikten zwischen benachbarten Ländern aus unterschiedlichen Kulturen oder innerhalb von multikulturellen Staaten wie Bosnien, Sudan oder Indonesien, die überaus gewaltsam erscheinen, wobei hier Huntington auf die besonders „blutigen Grenzen des Islam“ hinweist. Er behauptet, dass die „muslimische Kriegslust und Gewaltbereitschaft Ende des 20. Jahrhunderts eine Tatsache sind, die weder Muslime noch Nichtmuslime leugnen können“[17], dabei nennt er die Bevölkerungsexplosion in muslimischen Gesellschaften und die riesige Anzahl der oft beschäftigungslosen, frustrierten Männern zwischen 15 und 30 Lebensjahr als den wichtigsten Grund dafür. Diese Männer stellen nach dem Autor eine natürliche Quelle der Instabilität und der Gewalt innerhalb des Islams, wie auch gegen die Nichtmuslime dar.

Mit dem natürlichen Älterwerden dieser Generation und eventueller wirtschaftlichen Entwicklung soll diese Gewaltbereitschaft sinken wie auch automatisch die Häufigkeit und Intensität der Bruchlinienkriege.

Dennoch sieht Huntington den Preis für den endgültigen Frieden nur in der kulturellen Trennung, in dem „Verrat an der kulturellen Verwandtschaft[18] Die Idee des Multikulturalismus soll aufgegeben werden, die Politik der wechselseitiger Abgrenzung und das Prinzip der Enthaltung seien die beste Lösung um den fatalen Kampf der Kulturen zu vermeiden, dessen katastrophale Vision er in einem der letzten Kapiteln skizziert: ein thermonukleares Desaster zwischen der islamisch- konfuzianischen Koalition und dem Westen.

Ein Präventionsmittel für diese größte Gefahr der kommenden Ära: für den Kampf der Kulturen, ersieht der Autor nur in einer auf Kulturen basierenden internationalen Ordnung.

Wenn man dieser Theorie folgen möchte, dann stellt Frankreich – ein Staat mit muslimischer Mehrmillionenminderheit zweifellos ein Feld des angeblichen Kulturkampfes dar. Die Krawalle in November 2005 gaben der Theorie eine Chance ans Licht gebracht zu werden.

Eine lange Zeit lang galt das Land der Freiheit, neben Holland, als ein Vorbild der Einwanderungspolitik und friedlicher Multikulturexistenz. Die Ereignisse schufen aber in den Vorstädten ein Raum der öffentlichen Diskussion, in der die Idee von Huntington eine erhebliche Rolle spielen konnte. Um den Kontext der später analysierten Äusserungen und Reaktionen der öffentlichen Meinung zu präsentieren und zu veranschaulichen, wird es zuerst in dem nächsten Kapitel kurz auf den Sachverhalt der Ereignissen eingegangen.

3. Die „Französische Krankheit“ – die Krawallen in Oktober 2005

3.1. Was geschah in französischen „ banlieus “?

27 Oktober 2005, Pariser Vorstadt, Clichy-sous-Bois.

Drei Jugendlichen aus Immigrantenfamilien Ziad Benna (17), Bouna Traoré (15) und Muhttin Altun (17), verstecken sich in einem Transformatorhäuschen aufgrund eines Verdachts, die Polizei sei hinter ihnen her. Trotz eines Warnschildes versuchen sie die Transformatorstation zu überqueren und werden von den Stromschlägen getroffen. Zwei von den : Ziad und Bouna - tödlich. Muhttin überlebt, jedoch mit schweren Verbrennungen.

Der Staatsanwalt François Molins gibt an, dass die Jugendlichen vor Polizisten flüchteten, die allerdings eine andere Gruppe verfolgten, die sich einer Personenkontrolle entziehen wollte. Es wird auch von dem französischen Innenminister Nicolas Sarkozy bestätigt, der jedoch zunächst die Jugendlichen eines Diebstahls der Baumaterialien beschuldigt, was sich aber schnell als falsch ergibt.

Muhttin Altun behauptet keine Polizisten während ihrer Flucht noch in der Nähe des Transformators gesehen zu haben. Nachdem die offizielle Untersuchung abgeschlossen wird, eröffnet Sarkozy ein Ermittlungsverfahren wegen unterlassener Hilfeleistung gegen unbekannt. Grund? Die Polizisten wussten von der Anwesenheit der Jugendlichen auf dem Gelände, kümmerten sich aber trotz der Lebensgefahr nicht darum. Dies ist jetzt durch Mitschnitte des Polizeifunks bestätigt worden.

Die Gerüchte über den Tod verbreiten sich blitzschnell in den so genannten „banlieus“ – vorstädtischen Immigrantenzonen und lösen eine Welle von Krawallen aus. Die Pariser Vorstädte brennen. Die Situation wird schnell zum Thema Nummer Eins in Frankreich.

Die Ausschreitungen verbreiten sich schnell auch auf andere Pariser Vorstädte wie Seine-Saint-Denis, Bondy, Neuilly -sur- Marne, Blanc-Mesnil, Aulnay -sous -Bois und mehrere Städte Frankreichs; Dijon, Marseille, Nantes, Renne, Lille, Lyon und andere.

Die Jugendbanden zünden die Autos an, bewerfen die Polizei mit Steinen, zünden die öffentlichen Gebäude wie Rathäuser, Schulen und Polizeiwachen an. Der öffentliche Nahverkehr musste eingestellt werden, da zahlreiche Busse ständig mit Steinen beworfen oder durch Brände vollständig zerstört wurden. Die Krawalle erreichen sogar das Zentrum von Paris, wo 22 Autos angezündet wurden. Es werden tausende von Sicherheitskräften eingesetzt, um die Ordnung wiederherzustellen.

Die Aufrufe der Regierung, der muslimischen Würdenträger und am 5.November auch der Eltern der zwei Jungen, deren Unfalltod die Unruhen ausgelöst hatte, bleiben ungehört.

[...]


[1] Huntington, Samuel P. (1998): Kampf der Kulturen. Die Neugestaltung der Weltpolitik im 21.Jahrhundert, München. S.19

[2] Vgl.Ebd.S.20

[3] Ebd. S.28

[4] Vgl. Ebd. Tabelle 4.1. S.121

[5] Müller, Harald (2001):Das Zusammenleben der Kulturen. Ein Gegenentwurf zu Huntington. Frankfurt am Main. S.11

[6] Huntington (1998):154

[7] Ebd. S.137

[8] Ebd. S.139

[9] Ebd. S.168

[10] Vgl. Ebd. S.181

[11] Ebd.S.168

[12] Vgl. Ebd. S.187

[13] Ebd. S.317

[14] Ebd. S.320

[15] Ebd. S.326

[16] Ebd. S.332

[17] Ebd. S.422

[18] Ebd. S.490

Details

Seiten
48
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640341719
ISBN (Buch)
9783640341757
Dateigröße
698 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127486
Institution / Hochschule
Europa-Universität Viadrina Frankfurt (Oder)
Note
1,8
Schlagworte
frankreich krawallen november 2005 huntington kampf der kulturen öffentliche meinung minorität sarkozy

Autor

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Titel: Die öffentliche Meinung in Frankreich nach den Krawallen im November 2005