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Migrationsprozesse und soziale Transformation in Südasien

Magisterarbeit 2008 92 Seiten

Ethnologie / Volkskunde

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Migrationsprozesse
2.1 Migration – Definition und Begriffsklärung
2.2 Formen von Migration
2.2.1 Der zeitliche Aspekt
2.2.2 Der räumliche Aspekt
2.2.3 Der Aspekt der Wanderungsentscheidung und –ursache
2.2.4 Der Aspekt des Umfangs
2.3 Gründe für eine Migration
2.3.1 Fluchtbewegungen
2.3.2 Soziale Gründe
2.3.3 Individuelle Gründe
2.3.4 Wirtschaftliche Gründe
2.4 Migration in der Ethnologie
2.4.1 Ethnologie und Migration
2.4.2 Neuere ethnologische Migrationsforschung
2.4.3 Transnationalismus
2.4.4 Methodische Zugänge
2.5 Migrationsprozesse in Südasien
2.5.1 Fluchtbewegungen
2.5.2 Arbeitsmigration

3 Soziale Transformation
3.1 Einführung
3.2 Veränderungen in der Familienstruktur
3.2.1 Das traditionelle Familienbild
3.2.2 Probleme der Definition einer joint family
3.2.3 Auswirkung von Migration auf die Familienstruktur
3.2.4 Die Rolle der Familie im Migrationsprozess
3.3 Gender
3.3.1 Rollenverständnis
3.3.2 Symbole der Weiblichkeit
3.3.3 Veränderungen durch Migration
3.3.4 Probleme
3.3.5 Frauen und Migration
3.4 Veränderungen im religiösen Bereich
3.4.1 Neuerfindung der Tradition und neues religiöses Selbstverständnis
3.4.2 Sozialer Aufstieg durch Erneuerung
3.4.3 Migrantinnen, Religion und sozialer Status
3.5 Veränderungen im wirtschaftlichen Bereich
3.5.1 Remittances
3.5.2 Sozialer Status nach einer Migration
3.5.3 Frauen, Geld und sozialer Status

4 Zusammenfassung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Laut einer Schätzung der Vereinten Nationen gab es im Jahre 2005 etwa 191 Millionen Migranten, was etwa 3 Prozent der gesamten Weltbevölkerung ausmacht (UN World Migrant Stock). Migration ist nicht auf ein bestimmtes Land oder einen bestimmten Kontinent beschränkt, sondern bezeichnet ein Phänomen, das weltweit verbreitet ist und sich über alle sozialen Klassen hinweg erstreckt. Auch ist es kein neues Phänomen. Wanderungen, teilweise von ganzen Bevölkerungsgruppen, finden bereits seit Jahrtausenden statt. Auf der Flucht vor Krankheit, Hunger oder Verfolgung, ziehen Menschen in andere Gebiete und Länder als ihre eigentlichen. Dennoch lassen sich qualitative sowie auch quantitative Unterschiede zwischen früheren und heutigen Migrationsbewegungen feststellen. Das Zeitalter der Moderne ist gekennzeichnet durch Globalisierung, fortschreitender Technologisierung und Mobilität. Besonders die Entwicklungen im Bereich der Kommunikation und dem Transportwesen geben den Menschen das Gefühl, dass die Welt kleiner wird. Durch das Internet und Telefon entstehen Kontakte zu Menschen aus anderen Ländern und Freundschaften werden aufrechterhalten mit Menschen auf der anderen Seite der Welt. Durch Nutzung von Autos, Zügen und Flugzeugen ist es möglich, jeden Flecken der Erde in kürzester Zeit zu erreichen. Die Auflösung der Grenzen, wie es z.B. innerhalb der EU der Fall ist, erleichtert zudem das Überqueren eines Staatsgebietes. Die Folge ist ein Austausch von Menschen, Ideen und Gütern zwischen verschiedenen Ländern und Kontinenten. Internationale Beziehungen politischer, wirtschaftlicher und sozialer Art entstehen und werden ausgebaut. Da Migration auf viele Bereiche des Lebens Auswirkungen hat und diese beeinflusst, beschäftigen sich viele Wissenschaften mit diesem Thema. Die Politikwissenschaft, die Wirtschaftswissenschaften, ebenso die Geographie, die Geschichtswissenschaften, auch die Soziologie und verstärkt die Ethnologie. Sie alle untersuchen Migration unter verschiedenen Gesichtspunkten und tragen damit dazu bei, dass das Thema in seiner Komplexität erfasst wird. Entsprechend den Veränderungen im Migrationsverhalten, die sich in den letzten Jahrzehnten ergeben haben, war auch eine Veränderung und Erweiterung der bestehenden Theorien vonnöten. Die frühere Migrationsforschung ging bezüglich der Wanderung von Menschen von einer „one-way“-Bewegung aus. Migranten verlassen demnach ihre Heimatländer, zu denen sie nur noch sehr wenig Kontakt haben, und in die sie nicht mehr zurückkehren. Ihr Leben spielt sich komplett in der neuen Heimat ab. Deshalb konzentrierte sich die Wissenschaft auf das Zielland der Migranten. Untersucht wurde das Leben in der neuen Heimat, die Fähigkeit der Anpassung an die neue Umgebung uns das Aufbauen sozialer Netzwerke. Neuere Forschungen jedoch zeigen, dass Migration keineswegs ein einseitiger Austausch – vom Heimatland ins Zielland – darstellt, sondern in beide Richtungen verläuft. Ein Großteil der Migranten pflegt während der Abwesenheit einen intensiven Kontakt mit der Familie, Informationen und Gelder fließen zwischen den Ländern hin und her. Migranten sind nicht nur innerhalb eines Kontextes, sondern in verschiedenen ‚Welten’ präsent. Das heißt, sie agieren „transnational“ (Glick Schiller/Basch/Blanc-Szanton 1992). Das Herkunftsland ist für sie genauso wichtig wie das Zielland, zumal viele Migranten nur temporär ihr Land verlassen, um nach einiger Zeit wieder zurückzukehren. Transnationale Migration hat somit nicht nur Auswirkungen auf das Land, das die Migranten empfängt, sondern auch auf das Land, das sie (zeitweise) verlassen. In der vorliegenden Arbeit steht daher das Herkunftsland der Migranten im Mittelpunkt und inwieweit eine Migration das Leben und die kulturellen Werte und Normen dieses beeinflusst und verändert – sowohl während der Abwesenheit der Migranten, also auch nach ihrer Rückkehr. Der Schwerpunkt liegt hierbei auf Südasien mit den Ländern Indien, Sri Lanka, Pakistan und Bangladesh.

Die Arbeit teilt sich in zwei Abschnitte. Der erste beschäftigt sich mit Migrationsprozessen im Allgemeinen. Dazu gehört eine Definition des Begriffes ‚Migration’, die u.a. davon abhängig ist, in welcher wissenschaftlichen Disziplin das Thema behandelt wird. Dennoch ist ein Aspekt zentral, der Aspekt der Bewegung. Migration ist demnach immer mit einer Bewegung, einer Wanderung von Menschen verbunden. Diese Bewegungen können allerdings unterschiedliche Formen annehmen und lassen sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten ordnen. Hierzu gehört z.B. der zeitliche und räumliche Aspekt, ebenso der Aspekt der Wanderungsentscheidung und des Umfangs. Allerdings ist es nicht immer einfach und auch nicht immer möglich, zwischen diesen Aspekten zu differenzieren. Vor allem beim Aspekt der Freiwilligkeit bzw. des Zwangs wird dies deutlich werden.

All diese Formen von Migration hängen eng zusammen mit den Gründen für eine Migration. Warum sich Menschen dazu entscheiden, ihr Land für einige Zeit oder aber für immer zu verlassen, kann verschiedene Ursachen haben. In vielen Fällen sind sie dazu gezwungen, z.B. durch Umweltkatastrophen, durch politische oder religiöse Verfolgung oder kriegerische Auseinandersetzungen. Diese Fluchtbewegungen werden abgegrenzt von Gründen, die freiwilliger Natur sind. Hierzu gehören soziale Gründe, individuelle (egoistische) Gründe und wirtschaftliche Gründe. Eine genaue Abgrenzung zwischen diesen Gründen stellt, wie bereits bei den Formen von Migration, eine Schwierigkeit dar. Unter Umständen können bei einer Migration mehrere Gründe gleichermaßen oder auch in unterschiedlicher Gewichtung eine Rolle spielen. Mitunter kristallisieren sich Gründe erst später heraus.

Nach dieser allgemeinen Annäherung an das Thema Migration, geht es in den nächsten Abschnitten speziell um die ethnologische Migrationsforschung und um Migrationsprozesse in Südasien. Obwohl sich die Ethnologie im Gegensatz zu anderen Disziplinen recht spät der Beschäftigung mit dem Thema Migration widmete, so kann sie doch wichtige Beiträge dazu leisten, sowohl was die Ansätze und Theorien angeht, als auch die methodischen Zugänge. Frühere Begriffe innerhalb der ethnologischen Migrationsforschung wie Assimilation, Netzwerkanalyse und Diaspora, wurden durch Begriffe wie Transnationalismus, global spaces und social fields erweitert. Diese werden dem Umstand gerecht, dass ‚moderne’ Migranten nicht mehr nur an einem Ort leben und handeln, sondern über Länder und Kontinente hinweg ihr soziales Netzwerk spannen und dadurch in verschiedenen Kontexten verhaftet sind. Dies zeigt sich auch in Forschungen zu Migranten aus Südasien. Südasien hat eine jahrtausendealte Migrationsgeschichte vorzuweisen (Weiner 2003). Deshalb werde ich mich im Folgenden auf jüngere Migrationsprozesse beschränken, d.h. Migrationsprozesse ab der Mitte des 20. Jahrhunderts. Inwiefern Migrationsprozesse und soziale Transformation zusammenhängen, wird im zweiten Teil der Arbeit behandelt. Dabei geht es, wie bereits erwähnt, um die Veränderungen in den Heimatländern der Migranten. Denn „[n]ational and local economies, community and family organization, the lives of individuals and the social networks in which they are involved, are all implicated“ (Gardner 1995: 36). Erwähnung finden die Veränderungen im familiären Bereich, Veränderungen bezüglich der gender -Vorstellungen und der traditionellen Rollenverteilung, ebenso Veränderungen im religiösen und wirtschaftlichen Bereich. Da diese Bereiche eng miteinander verbunden sind, können sie nicht immer völlig unabhängig voneinander betrachtet werden. Deshalb sind an einigen Stellen Überschneidungen und Wiederholungen möglich sind.

Eine Zusammenfassung schließt die Arbeit ab. Wichtig ist mir zu verdeutlichen, dass Migration einen Prozess darstellt, der nicht mit der Abreise im Heimatland beginnt und mit der Ankunft in einem fremden Land abgeschlossen ist. Migration beinhaltet viele verschiedene Stationen, angefangen bei der Planung, der Finanzierung, der Abreise, die Zeit der Abwesenheit, eine evtl. Rückkehr, bis hin zu einem Leben nach der Migration. An diesem Prozess ist nicht nur der Migrant beteiligt, sondern in vielen Fällen ganze Familien und Verwandtschaftsgruppen. Auch die Dörfer, aus denen Migranten und deren Familien kommen, durchleben häufig einen Prozess der sozialen Transformation. Denn neue Vorstellungen, Ideen und vor allem wirtschaftliche Verbesserungen führen dazu, dass Migranten ihre Position innerhalb der Gesellschaft überdenken und sich neu definieren und positionieren.

Wenn es im zweiten Teil um Migranten geht, so sind diese in der Regel männlichen Geschlechts. Aus persönlichem Interesse wird jedoch in jedem Abschnitt gesondert auf die Rolle der Frau eingegangen, speziell auf Migrantinnen und inwieweit Migration und sozialer Wandel Auswirkungen auf das Leben der Frauen in Südasien haben.

2 Migrationsprozesse

2.1 Migration – Definition und Begriffsklärung

Migrationsprozesse sind komplex und beeinflussen das Individuum, seine Orientierungen, Verhaltensweisen und sozialen Kontexte, dessen Herkunftsländer sowie Zielländer und deren soziale und ökonomische Strukturen. Die Komplexität des Phänomens macht eine Betrachtung aus unterschiedlichen Blickwinkeln notwendig. Deshalb haben sich die verschiedensten Wissenschaften der Untersuchung von Migrationsprozessen gewidmet (Treibel 1990: 17): Dazu gehören die Wirtschaftswissenschaften, die sich mit den ökonomischen Ursachen, Konsequenzen, Vor- und Nachteilen von Wanderungsströmen beschäftigen. Ferner die Demographie und die Geographie, die Migration als räumliche Mobilität auffassen und die Veränderungen von Bevölkerungsaufbau und Siedlungsstruktur untersuchen. In den Geschichtswissenschaften wiederum steht der Verlauf und Vergleich von Wanderungsbewegungen im Vordergrund, während in den Politikwissenschaften der politische Umgang und die politische Partizipation von Zuwanderern interessiert. Während sich diese Wissenschaften auf der Makroebene bewegen, steht in der Ethnologie, aber auch in der Soziologie, das Individuum im Mittelpunkt. Erstere hat zum Ziel, die Migrationserfahrung des Einzelnen zu dokumentieren und die durch einen Ortswechsel resultierenden sozialen und kulturellen Veränderungen aufzuzeigen. Letztere hingegen interessiert sich für die individuellen und gesellschaftlichen Folgen von Migration.

Genauso mannigfaltig wie die Wissenschaften, die sich mit Migration beschäftigen, sind auch die Definitionen. Zentral für alle Definitionen ist der Aspekt des Wandels, der Bewegung, der Wanderung (lateinisch: migratio „Wanderung“). Menschen machen in ihrem Leben häufig die Erfahrung einer Bewegung, z.B. dann, wenn sie umziehen, wenn junge Menschen zum Studium die Stadt wechseln oder durch eine Heirat in eine andere Region ziehen. Demnach stellt Bewegung eine menschliche Konstante dar und der Begriff ‚Migration’ bezeichnet nur eine besonders auffällige Bewegung und Veränderung (Treibel 1990: 19). Diese Auffälligkeiten können in bestimmte Kategorien eingeordnet werden und damit lassen sich unterschiedliche Formen von Migration ausmachen. Je nach Wissenschaft werden diese herangezogen und für Definitionen und Untersuchungen verwendet. Die Abbildung 1 gibt eine kurze Übersicht über die unterschiedlichen Wissenschaften, in denen das Thema Migration behandelt wird.

Abbildung 1: Migration in verschiedenen Disziplinen (Brettell/Hollifield 2000: 3)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.2 Formen von Migration

Migration lässt sich nach unterschiedlichen Gesichtspunkten ordnen und Wissenschaftler haben ihren Definitionen von Migration verschiedene Kategorien zugrunde gelegt (Du Toit 1975, McGee 1975, Gonzalez 1961). Diese sind sehr vielfältig und versuchen, das Phänomen Migration in seiner Totalität und Komplexität zu erfassen. Im Folgenden soll auf einige dieser Aspekte genauer eingegangen werden.

2.2.1 Der zeitliche Aspekt

Unter dem zeitlichen Aspekt wird zwischen begrenzter (temporärer) Migration und dauerhafter (permanenter) Migration unterschieden. Eine temporäre Migration liegt dann vor, wenn der Migrant nach einigen Monaten oder einigen Jahren in sein Heimatland zurückkehrt. Während der Zeit im Gastland reißt der Kontakt zu seiner Familie in der Heimat nicht ab. Das Geld, das er verdient, wird zum Großteil nach Hause geschickt, und sobald er genügend Geld verdient hat, oder aber andere (individuelle, ‚egoistische’) Ziele[1] erreicht sind, kehrt er wieder in sein Heimatland zurück. Bei dieser Form der Migration steht der finanzielle Aspekt im Vordergrund und eine Migration ist hier mit der Suche bzw. Ausführung von Arbeit verbunden. Sie ist in der Moderne die häufigste Form der Migration.

Bei der zeitlich begrenzten Migration gibt es unterschiedliche Formen. Ein Beispiel einer temporären Migration bietet die Saisonarbeit. Vor allem Bereiche wie die Landwirtschaft und der Tourismus bieten nicht das ganze Jahr über Beschäftigungsmöglichkeiten. Zu bestimmten Zeiten, wie z.B. in der Hochsaison oder während der Erntezeit, besteht eine hohe Nachfrage an Arbeitskräften, die durch die Anstellung von ausländischen (billigeren) Arbeitskräften befriedigt wird. Diese Art der Arbeit stellt für viele Menschen eine Alternative zur dauerhaften Migration dar und hat den Vorteil gegenüber dieser, dass das Heimatland nicht für immer verlassen werden muss. Menschen, die als Saisonarbeiter beschäftigt sind, verbringen mehrere Monate im Jahr an einem anderen Wohnsitz als ihrem eigentlichen.

Eine zweite Form von temporärer Migration ist die einmalige Arbeitsmigration, die für einen absehbaren Zeitraum von ein paar Jahren mit anschließender Rückkehr an den Heimatort unternommen wird. Beispiele hierfür sind der Einsatz von Soldaten bei Auslandseinsätzen wie es auch die Bundeswehr macht, die Arbeit als Seefahrer (Thomas 2003) oder aber die Arbeit als Hausangestellte (Gamburd 2000). Auch immer mehr Studenten entschließen sich zu einem Studium im Ausland und gehören damit zu den temporären Migranten. Besonders bei jungen, unverheirateten Männern und Frauen ist diese Form der Migration sehr beliebt (Lucassen 2005: 39). Lucassen weist darauf hin, dass es jedoch keine Seltenheit ist, dass aus einer geplanten zeitlich begrenzten Migration ein dauerhafter Aufenthalt wird (Lucassen 2005: 39). Das kann daran liegen, dass ein unerwartetes Jobangebot vorliegt oder der Migrant eine Frau bzw. einen Mann aus dem Zielland kennenlernt und dort heiratet. Ebenso kann die Angst vor Konflikten im Heimatort, ausgelöst durch Missgunst und/oder Neid, Migranten von der Rückkehr abhalten.

Eine permanente Migration liegt dann vor, wenn der Migrant im Gastland bleibt. Er migriert entweder gemeinsam mit seiner Familie oder holt diese nach. Die nachfolgenden Generationen sehen das Gastland häufig als ihre Heimat an und kennen das Land ihrer Eltern und Großeltern nur von gelegentlichen Besuchen. So z.B. die sog. Gastarbeiter, die in den 1950er und 1960er Jahren aus den südlichen Ländern wie Italien, Spanien und der Türkei nach Deutschland kamen. Viele von ihnen blieben in Deutschland, gründeten hier eine Familie und eröffneten eigene Geschäfte. Für sie und vor allem ihre Kinder ist Deutschland mittlerweile zu einer Heimat geworden. Auch wenn viele Menschen ihre Heimat mit dem Gedanken verlassen, irgendwann zurückzukehren, so bleibt dies häufig nur ein Wunsch und die geplante zeitlich begrenzte Migration wird zur dauerhaften, die allerdings immer wieder von dem Vorhaben, irgendwann einmal zurückkehren, bestimmt wird.[2]

2.2.2 Der räumliche Aspekt

Eine weitere Klassifikation kann nach dem räumlichen Aspekt erfolgen. Hier unterscheidet man zwischen Binnenwanderung (nationaler Wanderung) und internationaler (externer Wanderung). Eine Binnenwanderung bezeichnet Wanderungsprozesse, die innerhalb eines Landes stattfinden. Hier ist vor allem die Land-Stadt-Bewegung zu nennen, die eine Urbanisierung zur Folge hat. Dieser Prozess ist nicht neu, nimmt aber vor allen in Entwicklungsländern bisher ungeahnte Ausmaße an. Viele Menschen, die auf dem Land häufig an der Armutsgrenze leben, sehen als einzige Möglichkeit, um zu Überleben, die Migration in die Stadt. Die Hoffnung auf Arbeit, bessere Verdienstmöglichkeiten und ein Leben mit Zukunft lässt sie in die Städte wandern. Die Folge von Land-Stadt-Bewegungen ist die, dass viele Städte innerhalb kürzester Zeit wachsen. Die Anzahl der Megastädte nimmt beständig zu und die Zahl der Menschen in Städten wächst rapide. Vor allem in Entwicklungs- und Schwellenländern nimmt die Urbanisierung zu und viele Städte sehen sich mit schier unlösbaren Problemen in Bezug auf die Bereitstellung von Infrastruktur, Wohnraum und Arbeitsplätzen konfrontiert. Für die Mehrheit der Menschen bedeutet eine Land-Stadt-Migration das Leben in Slums am Rande der Stadt (und der Gesellschaft), wo die Lebensbedingungen sehr schlecht sind. Platzmangel, schlechte Hygiene und Probleme bei der Wasser- und Lebensmittelversorgung führen dazu, dass sich z.B. Krankheiten sehr schnell ausbreiten. Auch hier leben die Migranten an der Armutsgrenze und die Hoffnung und der Traum von einem besseren Leben und einem höheren Einkommen erfüllt sich für sie nur selten.

Eine Stadt-Land-Migration findet sich häufig in Industrieländern. Viele Menschen verbinden mit dem Landleben eine höhere Lebensqualität als mit einem Leben in der Stadt. Deshalb versuchen viele, selbst wenn sie ihren Arbeitsplatz in der Stadt haben, in ländliche Gegenden zu ziehen.

Weitere Formen sind die Land-Land-Migration und die Stadt-Stadt-Migration. Eine Land-Land-Migration liegt häufig bei Saisonarbeitern vor, die, um den unterschiedlichen Erntezeiten zu entsprechen, in unterschiedliche Gebiete migrieren. Auch dann, wenn die Landwirtschaft aufgrund von besseren Weide- und Anbaumöglichkeiten an einen anderen Ort verlegt wird, spricht man von einer Land-Land-Migration. Die Stadt-Stadt-Migration bezeichnet den Wechsel zwischen Städten. Diese Form der Migration ist im Vergleich zu den anderen drei Formen nicht ganz so häufig verbreitet.

Eine internationale Migration bezeichnet eine Bewegung, bei der Menschen Ländergrenzen überschreiten. Beispiele hierfür lassen sich überall finden, z.B. die Migration vieler Asiaten in die Länder der arabischen Halbinsel, wo Männer als ungelernte Arbeitskräfte auf Ölfeldern arbeiten oder Frauen als Hausmädchen angestellt sind. Aber auch gelernte und professionelle Arbeitskräfte wandern verstärkt ins Ausland (brain drain), wie momentane Entwicklungen zeigen. Viele deutsche Ärzte arbeiten mittlerweile in der Schweiz oder in den skandinavischen Ländern und Ökonomen wandern vermehrt in die USA aus. Bei der internationalen Migration werden von den Wandernden größere räumliche und politische Grenzen überwunden. Im Gegensatz zur Binnenmigration sind die kulturellen Barrieren größer, denn die Migranten müssen sich auf eine neue Kultur einlassen, häufig mit einer fremden Sprache, einer fremden Religion und anderen Gewohnheiten im Alltag und Berufsleben. Selbst dann, wenn Migranten einen ähnlichen kulturellen Hintergrund haben wie die Menschen im Gastland, so treffen sie doch immer wieder auf neue Vorstellungen. Verdeutlichen lässt sich dies daran, dass viele Europäer von einem ‚Kulturschock’ sprechen, den sie erleben, wenn sie zum ersten Mal die USA besuchen.

2.2.3 Der Aspekt der Wanderungsentscheidung und –ursache

Es gibt viele Gründe, warum Menschen ihre Heimat für einige Zeit oder aber für immer verlassen. Dazu gehören der Wunsch nach Unabhängigkeit, die Suche nach einem besseren Leben, die Hoffnung auf einen Arbeitsplatz oder aber auch Abenteuerlust. Während die Entscheidung zur Migration in diesen Fällen freiwillig getroffen wird und häufig auch einer gewissen Vorbereitungszeit bedarf, gibt es Millionen von Menschen, die ihre Heimat unfreiwillig verlassen müssen. Sie werden aufgrund von Krisen dazu gezwungen und in vielen Fällen bedeutet das ein plötzliches Aufbrechen. Die Fluchtursachen sind hier ethnische (religiöse) Verfolgung, politische Verfolgung, die Flucht vor (Bürger-)Kriegen, Naturkatastrophen oder Umweltzerstörung, sowie die Flucht vor Armut. Die Wanderungsentscheidung kann somit freiwillig erfolgen oder wurde aufgrund von nicht beeinflussbaren Umständen erzwungen. Im zweiten Falle spricht man von Flucht und Vertreibung. Beispiele einer erzwungenen Migration sind die nationalsozialistischen Umsiedlungsaktionen im Osten während des Zweiten Weltkrieges, die Flüchtlingsbewegungen infolge des Kosovokrieges im Jahre 1999, außerdem die Migration vieler religiöser Minderheiten wie der Tamilen, der Kurden oder der Tibeter. Die Anzahl der Flüchtlinge für das Ende des Jahres 2006 beziffert der Hohe Flüchtlingskommisar der Vereinten Nationen (UNHCR) auf 9,9 Millionen Menschen (UNHCR).

Der Aspekt der Freiwilligkeit bzw. der Zwang zur Migration ist nicht ganz unproblematisch. Denn eine klare Trennung zwischen freiwilliger und erzwungener Migration zu ziehen ist häufig sehr schwer. Auch wenn einige Menschen freiwillig ihre Heimat verlassen, um in einer anderen Gegend oder einem anderen Land z.B. zu arbeiten, steckt häufig ein gewisser Zwang dahinter, weil das Bleiben im Heimatland die Überlebenschancen für sie und ihre Familien sinken lässt. Armut, häufig ein Grund warum Menschen vor allem aus weniger entwickelten Gebieten als Arbeitsmigranten in die Städte oder ins Ausland gehen, stellt also einen Grenzfall dar, der zeigt, wie schmal der Grat zwischen Freiwilligkeit und Zwang ist.

2.2.4 Der Aspekt des Umfangs

Der Aspekt des Umfangs bezeichnet die Quantität von Migrationsbewegungen. Unterschieden wird zwischen Einzelwanderung, Gruppenwanderung und der Massenwanderung. Wie beim Aspekt der Wanderungsursache sind auch hier die Übergänge fließend. Denn viele Arbeitsmigranten fallen in der Statistik zwar

unter Einzelmigranten, sind aber Teil der sog. Kettenmigration[3] und stellen damit eine Form der Gruppenwanderung dar (Treibel 1990: 20). Massenwanderungen sind häufiger mit Zwang verbunden, während freiwillige Migration vor allem von Einzelpersonen und Gruppen gewählt wird, um z.B. die wirtschaftliche Lage der Familie zu verbessern oder um als Individuum in einem anderen Land einen Neuanfang zu starten.

Migrationsprozesse können nicht immer isoliert voneinander betrachtet werden, da sie sich teilweise überschneiden, ergänzen oder ein Vorgang in einen anderen übergeht. Des Weiteren sind zusätzliche Möglichkeiten der Klassifikation und Unterscheidung von Migrationsprozessen möglich, z.B. nach der Art der Qualifikation der Migranten, nach der Distanz (vor allem der ethnischen Distanz) oder aber der Dauerhaftigkeit von Migration.

Genauso mannigfaltig wie die Klassifizierungsmöglichkeiten unterschiedlicher Migrationsbewegungen sind, sind auch die Gründe die Menschen dazu bewegen, ihre Heimatländer zu verlassen. Diese Gründe sollen im nächsten Kapitel besprochen werden.

2.3 Gründe für eine Migration

2.3.1 Fluchtbewegungen

Die Gründe für eine Migration sind vielfältig. Betrachtet man Massenbewegungen von Menschen, so lässt sich der Großteil als Wanderungsbewegungen bezeichnen, die unfreiwillig stattfinden und mit Zwang verbunden sind. Ethnische, religiöse oder politische Minderheiten sind davon am häufigsten betroffen. Fluchtbewegungen sind meist die Folge von Naturkatastrophen, Verfolgung, Krieg oder Menschenrechtsverletzungen. Beispiele hierfür lassen sich überall auf der Welt finden. Die Fluchtbewegungen aus der ehemaligen DDR mit politischem Hintergrund, der Massenansturm Tausender afrikanischer Armutsflüchtlinge auf die spanischen Nordafrika-Exklaven Ceuta und Melilladie im Oktober 2007, die Flucht von mehr als 160.000 Tamilen nach massiven Angriffen der srilankischen Armee gegen Rebellen-Stellungen in Thoppigalla im März 2007, oder die kurzzeitige Flucht unmittelbar nach einem Erdbeben, einem Vulkanausbruch oder einem Tsunami. Diese Umstände zwingen Menschen dazu, ihre Regionen zu verlassen. Dann, wenn es nötig ist, Landesgrenzen zu überschreiten, tritt häufig die Frage nach der Legalität der Einreise auf. Viele dieser eben genannten Fluchtbewegungen führen dazu, dass Menschen versuchen, illegal in ein fremdes Land zu migrieren.

2.3.2 Soziale Gründe

Dort, wo Menschen sehr stark in die Familie eingebunden sind und die Familie sowie die Umgebung eine starke Kontrolle über den Einzelnen ausüben, sind es oft soziale Gründe, die Menschen zur Migration bewegen. Streitigkeiten innerhalb der Familie können dazu führen, dass sich Menschen, wenn auch nur für kurze Zeit, zur Migration entschließen. Dazu gehören vor allem junge Leute, die mit der traditionellen Lebensweise und der strengen Rollenverteilung nicht zurechtkommen. Darunter sind z.B. Paare, deren Beziehung von der Familie und der Dorfgemeinschaft nicht gebilligt wird, Probleme zwischen Eltern und ihren Kindern oder Einschränkungen bezüglich des Verhaltens durch kulturell klar definierte Werte und Normen. Migration stellt hier eine Möglichkeit dar, den strengen Regeln im Dorf zu entfliehen und diejenigen, die sich dazu entscheiden „[…] view their migration as a temporary escape from a problem at home” (Shah 2006: 93).

Soziale Unterschiede können ebenfalls dazu beitragen, dass Menschen ihre Heimat verlassen, um anderswo Arbeit zu finden und sich ein neues Leben aufzubauen. Der Status und die Zugehörigkeit zu einer Kaste bestimmen vor allem auf dem Lande sehr stark, wie jemand wahrgenommen und behandelt wird. Die Ziele die sich Migranten aussuchen, sind vor allem große Städte oder Fabrikanlagen. Dort spielen die Herkunft und der soziale Status eine eher untergeordnete Rolle oder werden völlig ignoriert. Alle Arbeiter leben auf die gleiche einfache Art und Weise und alle arbeiten dasselbe, so dass die Frage nach dem sozialen Status im Heimatdorf unwichtig wird (Shah 2006). Die Migranten sehen es als eine positive Veränderung an, dass Kasten und die traditionellen hierarchischen Strukturen im Zuge des Migrationsprozesses an Bedeutung verlieren und sich die sozialen Grenzen zwischen einzelnen Kasten auflösen. Menschen können sich frei entfalten, können Freundschaften schließen und Beziehungen führen, unabhängig von ihrer Kaste oder sozialen Identität:

„The growth of an urban-industrial culture has reduced the traditional social barriers between various castes and communities, and between language-based and other types of ethnic groups. Inside the steel plant there is little hindrance to interdining among ex-untouchable and upper-class workers on the shop floor. Even at the family level, some low-caste workers have been able to establish close social relationships with upper-caste Hindu families, and they unhesitatingly intermingle with one another on all important social occasions […]” (Meher 2003: 435).

Auch für Frauen und Männer, die aufgrund kulturellen Fehlverhaltens an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden, stellt Migration die einzige Lösung dar, frei von gesellschaftlicher Stigmatisierung zu leben. Ein Ausschluss aus einer Gesellschacht kann die Folge von Beschuldigung der Hexerei sein oder eine Heirat, die nicht den kulturellen Normen entspricht. Das Leben außerhalb des Dorfes bedeutet für diese Menschen soziale und kulturelle Unabhängigkeit (Shah 2006: 109).

Familien, die sich die Migration eines oder mehrerer ihrer Kinder leisten können, nutzen ebenfalls diese Chance, um an sozialem Ansehen zu gewinnen. Ein Sohn, der z.B. als Lehrer oder Kapitän erfolgreich im Ausland arbeitet, macht Familien zum einen sehr stolz und zum anderen trägt er mit seinem Verdienst dazu bei, dass seine Familie im Dorf an Ansehen gewinnt. Das kann durch die Bereitstellung einer hohen Mitgift für seine Schwester sein, die eine Heirat mit einem sozial höher gestellten Mann erlaubt oder durch die Mitfinanzierung bestimmter Rituale (Kessinger 1974: 42).

Ein weiterer Grund für Migration, der durch soziale Beziehungen vorangetrieben wird, ist die Migration durch Heirat. In vielen Ländern Südasiens ist es die Regel, dass Frauen nach der Hochzeit ihren Geburtsort verlassen und in das Dorf des Ehemannes ziehen. Dort leben sie entweder mit der Familie des Mannes oder aber gründen mit ihrem Ehemann einen eigenen Haushalt.

2.3.3 Individuelle Gründe

Neben sozialen Gründen spielen zudem individuelle Gründe eine Rolle. Wenn diese manchmal auch marginal sind und als angenehme Begleiterscheinung empfunden werden, so lassen sich auch individuelle Argumente finden, die vor allem junge Menschen zur Migration motivieren. Dies zeigt Shah in ihrer Feldforschung über das Migrationsverhalten in Tapu, einem Dorf in Jharkhand, wo es üblich ist, dass Menschen jeden Alters für einige Monate in andere Staaten Indiens gehen, um dort in Ziegeleien zu arbeiten (Shah 2006, siehe auch Gamburd 2000: 144ff.). Sie stellt die These auf, dass hier nicht der ökonomische Aspekt im Vordergrund steht, sondern primär der Wunsch nach temporärer Unabhängigkeit und Freiheit, dem Ausleben verbotener Liebesbeziehungen, dem Kennenlernen anderer Länder und dem Entkommen aus häuslichen Zwängen. Während die Menschen in ihrer Heimat durch die Familie und durch die kulturellen Werte und Normen einer gewissen Kontrolle unterliegen, so haben Migranten in der Stadt die Möglichkeit, unabhängig ihres familiären und kulturellen Hintergrundes zu agieren und sich in die Gemeinschaft der Arbeiter einzufügen. Auch wenn das Leben in den Ziegeleien mit harter Arbeit, einem schlechten Lebensstandard und oftmals Ausbeutung verbunden ist, so betrachten sie es dennoch als frei. Shah meint hierzu: „I’m not suggesting that the kilns give Tapu migrants freedom, but I do see it as significant that Tapu migrants often describe the kilns as a place where they can live ‘freely’” (Shah 2006: 93).

Ferner wird Migration mit Moderne verbunden, an der die Menschen teilhaben möchten. Die Stadt steht für Moderne, Fortschritt und Zukunft, während das Dorf mit Rückständigkeit, Bigotterie, Analphabetismus und dem Fehlen von Zivilisation in Verbindung gebracht wird (Parry 2003: 221). Dabei steht nicht der tatsächlich zurückgelegte Weg im Vordergrund, sondern der komplette Migrationsprozess, in dem auch die Menschen einen Prozess durchleben:

„Most migrants are conscious of having travelled a long way in attitudes, outlook and style of life. They are now ‘modern’ workers. Migration, that is, has involved a transformation of the ‘self’, and this is expressed in the narrative stress on their individual journeys” (Parry 2003: 221).

Frauen, die sich zur Migration entschließen, tun dies nicht nur aus finanziellen Gründen. Auch individuelle Gründe spielen hier eine Rolle. Dazu kann eine unerwünschte Heirat, eine schlechte Ehe oder einfach der Wunsch nach Erfahrungen im Ausland und dem Kennenlernen einer neuen Kultur und anderen Menschen gehören. Die traditionelle Rollenverteilung lässt Frauen wenig Raum um sich zu entfalten und ihren eigenen Interessen nachzugehen. Migration bietet in diesen Fällen Frauen die Möglichkeit der Flucht vor sozialen Zwängen.

Persönliche Gründe, wie die Suche nach Freiheit, der Wunsch nach Unabhängigkeit oder reine Abenteuerlust, sollten nicht unterschätzt werden. Vor allem bei jüngeren Generationen, die bedingt durch die Globalisierung immer mehr mit anderen Vorstellungen und Lebensweisen in Kontakt kommen, könnte diese Art von Gründen an Bedeutung gewinnen.

2.3.4 Wirtschaftliche Gründe

Migration aus wirtschaftlichen Gründen nimmt unterschiedliche Formen an. Kuhn hat für Bangladesh zwei festgestellt:

„[…] First, households with insecure or threatened rural livelihoods use migration, particularly individual and circular moves, to supplement and enhance income from rural economic activities. […] Second, households with devastated rural livelihoods use migration, particular permanent family moves, to find new sources of income and security” (Kuhn 2003: 313).

Wirtschaftliche Gründe sind die häufigsten, die in der modernen Zeit die Menschen zu Migration zwingen oder aus denen sie sich freiwillig dazu entschließen. Dann, wenn sie keine Möglichkeiten mehr sehen in ihrem Heimatland Arbeit zu finden und die Aussicht auf bessere Verdienstmöglichkeiten in anderen Ländern besteht, wird oft die Entscheidung zur Migration getroffen. Dabei gehen viele ein hohes Risiko ein, da sie nicht wissen, was sie in der neuen Umgebung erwartet. Sie verlassen sich auf Erzählungen und Berichte von Freunden und Verwandten, die dort waren oder darüber gehört haben (Parry 2003: 228f.). Sie haben keine Sicherheiten, reisen mit wenig Geld und in vielen Fällen ohne Zusage auf eine feste Arbeit. Dennoch nehmen Millionen von Menschen dieses Risiko in Kauf.

Unter dem Begriff ‚Arbeitsmigration’ lässt sich die Art der Migration zusammenfassen, die das Auswandern zum Zwecke der Arbeitsaufnahme in einer anderen Region oder in einem anderen Land bezeichnet. Die Migration verläuft dabei hauptsächlich von industriell weniger entwickelten Regionen in ökonomisch weiter entwickelte Gebiete oder in Industrienationen und so sind die moderneren Regionen und Gesellschaften das Ziel vieler Arbeitsmigranten. Es gibt verschiedene Arten von Arbeitsmigration: Bei der temporären und zirkulären Migration (z.B. Saisonarbeit) verlassen die Menschen für einige Jahre ihr Heimatland oder sie verbringen regelmäßig einige Monate im Jahr in einer anderen Region oder einem anderen Land. Eine zirkuläre Migration gehört häufig zum Alltag der Menschen in armen Gegenden, wo sie von der Landwirtschaft leben, sich aber aus finanziellen Gründen keine dauerhafte Bewässerung leisten können oder in den trockenen Monaten keine Arbeit bekommen. In der Trockenzeit müssen sie in andere Gebiete ziehen, um so das Einkommen und häufig das Überleben ihrer Familie sichern zu können. Beispiele hierfür sind die Arbeiter aus vielen Ländern des Ostens, die als Erntehelfer nach Deutschland kommen oder Arbeiten auf dem Bau übernehmen. Das im Heimatland erwirtschaftete Geld reicht meist nicht aus, um damit eine Familie das ganze Jahr versorgen zu können. Somit sind viele Familien auf das Geld angewiesen, das andere Familienmitglieder durch die Arbeit in einem fremden Land verdienen und das sie regelmäßig nach Hause schicken oder nach einigen Monaten mit nach Hause bringen. Vor allem in Ländern wie Südasien oder Afrika, in denen viele Menschen von der Landwirtschaft leben und nicht in der Lage sind, Familienangehörige mitzunehmen, sind die temporäre und die zirkuläre Migration weit verbreitet. Bei der dauerhaften Arbeitsmigration hingegen verlassen Menschen ihr Land, ohne eine Rückkehr einzuplanen.

Nicht nur der Wunsch nach Arbeit und einem Grundeinkommen lässt Menschen ihre Heimat verlassen, sondern auch der Wunsch nach einem höheren Lebensstandard. Von der Migration versprechen sie sich ein höheres, bzw. ein gesichertes Einkommen, mit dem sie die zurückgebliebene Familie unterstützen können. An ihrem Arbeitsort leben sie meist in sehr ärmlichen Verhältnissen und teilen sich die Unterkunft mit anderen Arbeitern. Dadurch sparen sie eine Menge Geld, das ihrer Familie zuhause zugute kommt. Dazu kommt, dass sie sich auf ihre Arbeit konzentrieren und anders als im Dorf, nicht mit Familie und Freunden feiern, wo das Geld sehr schnell ausgegeben wird. Die Arbeiter werden oft erst am Ende der Saison bezahlt, sie geben wenig aus und können deshalb ihr Geld sparen (Shah 2006: 106). Ihren Lohn investieren sie häufig in Luxusgüter wie Kassettenrekorder, Schmuck oder Motorräder, die sie mit nach Hause bringen oder zuhause kaufen. Dadurch wird einerseits der wirtschaftliche, und damit verbunden der soziale Status im Dorf verbessert, andererseits „[…] [indicates] the display of particular sorts of goods from Europe or the Gulf in South Asia […] that their owners have been in close contact with places perceived as modern and cosmopolitan“ (Gardner/Osella 2003: xvi). Das deutet darauf hin, dass mit dem wirtschaftlichen Status auch eine Verbesserung des sozialen Ansehens einhergeht.

Migration ermöglicht also den Menschen in ländlichen Gegenden ihr Einkommen, das sie meist durch die Landwirtschaft verdienen, zu verbessern oder zu unterstützen. Viele Kleinbauern müssen Kredite aufnehmen die sich dann häufig über mehrere Jahre anhäufen. Oft sind sie nicht in der Lage, ihre Schulden zurückzubezahlen. Sie nutzen die Möglichkeit zur Migration, um in den einkommensschwachen Monaten nicht auf das Geld anderer angewiesen zu sein und so gar nicht erst in einen Kreislauf von Krediten und Schulden zu gelangen. Mit dem auswärts verdienten Geld werden die Monate abgedeckt, die kein oder ein geringes Einkommen bedeuten. Migration wird von diesen Familien als Mittel gesehen, um keine Schulden machen zu müssen (Kuhn 2003, Srivastava 2003, Stark 1991).

Es scheint, als sei Migration für viele, vor allem arme Menschen, der einzige Ausweg um zu überleben. Aber gerade sie sind es, die sich diese eigentlich nicht leisten können. Die Reise muss bezahlt werden, genauso wie die Vermittlung eines Arbeitsvertrages. Da viele das Geld dafür nicht aufbringen können, machen sie Schulden, die sie viele Jahre zurückbezahlen müssen. Somit ist die Situation schwierig, denn eine Migration setzt voraus, dass etwas Geld vorhanden ist, um die Kosten zu decken, die bis zur Ankunft im Zielland entstehen. Aber gerade diejenigen, für die Migration vielleicht die letzte Chance auf ein besseres Leben bietet, können sich die Reise nicht leisten. Für viele bleibt Migration deshalb ein unerreichbares Ziel (Lefebvre 1999: 169).

Migranten haben oft mehrere Gründe, sich für eine Migration zu entscheiden. Auch wenn wirtschaftliche Gründe häufig die Hauptursache sind, so spielen bei der Entscheidung noch weitere Argumente eine Rolle oder werden als angenehme Nebeneffekte in Kauf genommen (Shah 2006). Migranten nur ein Motiv für ihre Entscheidung zu unterstellen, erfasst den komplexen Prozess einer Migration nicht vollständig. Insbesondere sind es große Städte, die Ziel vieler Menschen sind. Angezogen von den „bright lights of the city“, versprechen sich Migranten vor allem mehr Beschäftigungsmöglichkeiten, ein verbessertes Bildungssystem, ein größeres Angebot an Konsumgüter und eine Statuserhöhung. Letztere bezieht sich in erster Linie nicht auf das Zielland, denn hier spielen z.B. Kastenunterschiede kaum eine Rolle. Der ökonomische, und damit häufig verbunden der soziale Status im Herkunftsland, wird mit einer Migration bekräftigt oder versucht zu verbessern. Denn „[…] labour migration towards the cities was for many migrants a way of maintaining their economic position in the village“ (De Haan 2003: 195), und zusätzlich „[…] assist their families to move up the social ladder” (Thangarajah 2003: 159). Migration stellt also einen Prozess dar, der nicht nur die finanzielle Versorgung einer Familie sicherstellen soll, sondern auch Auswirkungen auf soziale Hierarchien hat.

Hier soll kurz auf das Problem der illegalen Migration eingegangen werden. Je nachdem welche Gründe vorliegen, kann eine Migration zu einer illegalen Migration werden. Speziell bei wirtschaftlichen Problemen, bei denen das Bleiben im Heimatland ein Überleben der Familie nicht gewährleisten würde, zudem häufig bei Fluchtbewegungen, nehmen Migranten ein hohes Risiko in Kauf, um eine gewisse Sicherheit zu erlangen. Dies führt dazu, dass viele Menschen versuchen illegal in ein fremdes Land einzureisen. Die USA bieten hier ein sehr gutes Beispiel. Das Land gilt als das Einreiseland schlechthin. Doch während es ursprünglich vor allem Europäer waren, die in den USA versuchten eine neue Heimat zu finden, stammt heutzutage der Großteil der eingewanderten Menschen aus Lateinamerika, an erster Stelle Mexiko. Unter ihnen sind viele illegale Einwanderer, die entweder nach Ablauf ihres Visums nicht in ihre Heimat zurückkehren, oder aber bereits ohne Visum eingereist sind. Die Grenze zu Mexiko wird mit tausenden von Sicherheitskräften bewacht, die versuchen, eine unerlaubte Einreise von Mexikanern zu verhindern. Allerdings sind sie kaum in der Lage dem Strom an Menschen, die illegal die Grenze überqueren, Herr zu werden. Der Status eines illegalen Einwanderers bringt jedoch viele Probleme mit sich. Die Menschen sind auch im Zielland immer auf der Flucht und die Angst entdeckt zu werden, begleitet sie.

2.4 Migration in der Ethnologie

2.4.1 Ethnologie und Migration

Migration ist weder ein neues Phänomen noch auf einzelne Regionen beschränkt. Seit Jahrtausenden verlassen Menschen aus unterschiedlichen Gründen ihre Herkunftsregion (siehe oben). Besonders im Zuge der Globalisierung, in dem sich Grenzen auflösen, die Menschen enger zusammenrücken und globale Beziehungen sich intensivieren, bestimmen Wanderungsprozesse den Alltag vieler Menschen. Migration ist eine soziale Tatsache und hat großen Einfluss auf die betroffenen Kulturen. Zudem spielt Migration in Ländern, mit denen sich Ethnologen traditionell beschäftigen, wie Afrika, Asien und Ozeanien eine immer größere Rolle. Das Anwachsen der Städte zeigt, dass dort immer mehr Menschen aus ländlichen Gebieten in die Städte ziehen um Arbeit zu suchen. Gerade deshalb ist dieses Thema für Ethnologen interessant und bietet eine Reihe von Forschungsmöglichkeiten.

Dennoch ist das Verhältnis der Ethnologie zur Migrationsforschung ein ambivalentes. So nimmt das Thema Migration einerseits eine zentrale Position ein, andererseits findet es aber nur am Rande Beachtung und ihre Bedeutung ist eher gering (Eades 1987, Darieva 2007). Zentral für die Ethnologie ist Migration deshalb, weil Mobilität, genauso wie Tod und Geburt, eine anthropologische Tatsache darstellt und einen großen Einfluss auf die von Forschern beobachtete soziale Realität nimmt (Eades 1987: 1). Migration stellt eine Universalie dar, ist Teil einer Gesellschaft und hat Auswirkungen auf kulturelle und soziale Strukturen, die von jeher im Mittelpunkt ethnologischer Untersuchungen stehen. Gerade deshalb bietet sich Migration als Forschungsschwerpunkt in der Ethnologie an.

Auch wenn Migration der Ethnologie ein breites Spektrum an Forschungsmöglichkeiten bietet, so konnte sie sich bisher noch nicht als eigenständige Disziplin etablieren. Diese marginale Position, die die Migration bisher (noch) in der Ethnologie einnimmt, lässt sich Eades zufolge auf unterschiedliche Gründe zurückführen. Ein Grund ist der, dass sie bereits in anderen Disziplinen Beachtung findet. Während sich die Ethnologie erst recht spät, etwa ab den 1950er Jahren, intensiver dem Thema Migration widmete, wurde Migration bereits Ende des 19. Jahrhunderts innerhalb der Soziologie und den Wirtschaftswissenschaften thematisiert, gefolgt von der Geographie, der Demographie und den Geschichtswissenschaften. Die Ethnologie greift dort, wo es Anknüpfungspunkte gibt (z.B. mit der Soziologie), auf Modelle aus diesen Wissenschaften zurück und versucht, diese mit Themen aus der Ethnologie zu verbinden.[4] So entstehen Forschungen zu den Themen „Frauen und Migration“ oder „Migration und Identität“[5]. Eine Ethnologie der Migration gibt es somit nicht und Ackermann weist darauf hin, dass eher von einer ethnographischen Erforschung von Migrationsphänomenen die Rede sein sollte (Ackermann 1997: 1).

Ferner werden vor allem die Auswirkungen von Migration in den Zielländern untersucht. Fragen danach, wie sich Migranten in ihrer neuen Heimat organisieren, welche Kontakte sie pflegen, welcher Arbeit sie nachgehen usw. stehen im Mittelpunkt. Diaspora, Assimilation und Netzwerk liefern hier die Stichworte. Doch die Länder und vor allem die lokalen Bereiche aus denen Migranten kommen, finden weniger Beachtung. Da aber ein Großteil der Migranten Kontakte nach Hause pflegt und durch regelmäßige Besuche, durch das Schicken von Geld oder das Nachholen weiterer Familienmitglieder sehr stark mit dem Heimatland verbunden ist, spielt der Ort, aus dem die Migranten kommen, eine zentrale Rolle im Migrationsprozess. In vielen Ländern gehört Migration zum Alltag und bestimmt, als ein Bestandteil der Kultur, das Leben der Menschen.[6] Damit nimmt sie auch Einfluss auf vorhandene Strukturen und verändert diese. Viele frühere ethnologische Arbeiten betrachteten Migration als eine Gefahr, die zum Zusammenbruch lokaler Kulturen führen würde und hin zu einer Entwicklung moderner Formen von sozialen und kulturellen Institutionen. Doch diese recht einfache Darstellung und der damit angedeutete homogene Verlauf von kulturellem Wandel wird dem komplexen Phänomen Migration nicht gerecht. Denn wie später noch gezeigt wird, ist Migration höchst widersprüchlich: Trennt sie doch einerseits Familien und gilt als Zeichen für Moderne und Fortschritt, bindet aber andererseits Familien enger aneinander und führt dazu, dass sich Menschen auf ihre kulturellen Werte rückbesinnen und sich stärker als zuvor mit ihrer Kultur identifizieren. Migration und Kultur sind somit eng miteinander verbunden, weshalb dieses Thema verstärkt Beachtung in der Ethnologie finden muss.

[...]


[1] Zu diesen individuellen bzw. egoistischen Gründen gehört der Wunsch nach neuen Erfahrungen oder das Bedürfnis auf eigenen Beinen zu stehen und Abstand von der Familie zu bekommen (siehe hierzu Punkt 2.3.3).

[2] Viele Menschen, die als Migranten in ein anderes Land gehen träumen davon, irgendwann einmal wieder in ihrer Heimat zurückzukehren. Häufig sind diese Vorstellungen verbunden mit einer Idealisierung des Heimatlandes. Dieses Phänomen wird als Rückkehrer-Mythos bezeichnet. Der Rückkehrer-Mythos findet u.a. bei Anwar Beachtung (Anwar 1979).

[3] Kettenmigration bezeichnet die Wanderung von Menschen, die durch Verwandte und Bekannte ins Zielland nachgeholt werden. Dazu gehören viele Frauen, die ihren Männern nach einiger Zeit folgen oder aber das Nachholen von weiteren Familienangehörigen, die ebenfalls auf einen besser bezahlten Arbeitsplatz im Ausland hoffen.

[4] Die Ethnologie griff z.B. auf die Netzwerkanalyse aus den Sozialwissenschaften zurück, die als analytisches Werkzeug genutzt wird, um das soziale Verhalten und Handeln von Personen zu interpretieren (siehe Schweizer 1996, Schweizer 1989 und Mitchell 1969).

[5] Frauen und Migration wird u.a. behandelt von Knörr 2000, dem Thema Migration und Identität widmet sich Chambers 1996.

[6] Ein Beispiel aus dem afrikanischen Raum liefert Lambert mit seiner Arbeit über ein Dorf im Senegal. Das Leben der Bewohner ist von der Migration und dem Wunsch einmal nach Dakar zu migrieren bestimmt, was enorme Auswirkungen auf die Bevölkerungsstruktur und das tägliche Leben im Dorf hat (Lambert 2002).

Details

Seiten
92
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640340019
ISBN (Buch)
9783640338733
Dateigröße
1012 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127443
Institution / Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster – Institut für Ethnologie
Note
1,5
Schlagworte
Migrationsprozesse Transformation Südasien

Autor

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Titel: Migrationsprozesse und soziale Transformation in Südasien