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Evolutionäre Psychologie

Seminararbeit 2002 26 Seiten

Psychologie - Allgemeine Psychologie

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1) Einleitung
1.1) Hominoidea, Hominidae, Homininae:
1.2) Evolutionstheoretische Grundlagen der Hominidenforschung:

2) Paläoanthropologie
2.1) Kurze Geschichte der Paläoanthropologie:
2.2) Die Entwicklung des Menschen aus paläoanthropologischer Sicht:
2.3) Ein Stammbaum mit vielen Fragezeichen:

3) Rezente Menschenaffen

4) Evolutionsbiologische Grundlagen der Psychologie

5) Schlusswort

Quellen und Abbildungen:

1) Einleitung

In the distant future I see open fields for far more important researches. Psychology will be based on a new foundation, that of the necessary acquirement of each mental power and capacity by gradation. Light will be thrown on the origin of man and his history.

Charles Darwin[1]

1.1) Hominoidea, Hominidae, Homininae:

Die Geschichte der Primaten reicht bis in die Kreidezeit zurück. Es wird vermutet, dass sich die ersten Affen vor etwa 70-80 Millionen Jahren aus der Gruppe kreidezeitlicher Insektenfresser abzweigten. Fossile Primatenfunde wurden aus der Zeit vor zirka 60 Millionen Jahren gefunden.

Die Überfamilie der Menschenartigen, Hominoidea, trennte sich vor rund 20 Millionen Jahren von der Überfamilie der Hundsaffen, Cercopithecoidea. Von den heute lebenden Affen werden der Gibbon, Siamang, Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse, Zwergschimpanse und Mensch zur Überfamilie Hominoidea gezählt.

Über die genealogischen Beziehungen innerhalb dieser Überfamilie sind die Auffassungen unterschiedlich: Die traditionelle Evolutionäre Taxonomie favorisiert (aufgrund vorwiegend anatomisch-morphologischer Merkmale) die Zusammenfassung von Orang-Utan, Gorilla, Schimpanse und Zwergschimpanse zur Familie der Pongidae, während der Mensch als einziger rezenter Vertreter der Familie Hominidae angeführt wird. Dagegen stellt die moderne Phylogenetische Systematik (vorwiegend aufgrund molekularer Merkmale) den Menschen gemeinsam mit dem Schimpansen und dem Gorilla in die Unterfamilie der Homininae, sodass als einziger Vertreter der Unterfamilie der Ponginae der Orang-Utan verbleibt; Homininae und Ponginae werden schließlich zur Familie der Hominidae zusammengefasst.

So bestehen also zwei Auffassungen darüber, was eigentlich „Hominiden“ seien: In der traditionellen Klassifikation handelt es sich dabei um eine Familie, in welcher lediglich der Mensch und seine Vorfahren seit der Trennung von der Schimpansenlinie zusammengefasst werden. Dagegen enthält diese Familie nach der modernen Klassifikation auch die großen Menschenaffen.

Wenn im Folgenden dieser modernen Klassifikation der Vorzug gegeben wird, geschieht dies aus zwei Gründen: Einerseits zeigt sich in den biologischen Wissenschaften ein starker Trend zur Bevorzugung molekularer Verwandtschaftsbeziehungen gegenüber morphologischen Strukturähnlichkeiten[2]. Andererseits konnte gezeigt werden, dass zwischen dem Menschen und dem Schimpansen eine engere genetische Verwandtschaft besteht als zwischen dem Schimpansen und dem Gorilla – wodurch das Herausnehmen des Menschen aus der Familie, in welche Schimpanse und Gorilla eingeordnet werden, unplausibel wurde.

1.2) Evolutionstheoretische Grundlagen der Hominidenforschung:

Carl von Linné (1707-1778):

Es lässt sich aus heutiger Sicht wohl nicht mehr entscheiden, inwieweit sich Linné über die enormen Konsequenzen im klaren war, als er in der dritten Auflage seines Buches Systema naturae den Menschen gemeinsam mit dem Schimpansen und dem Orang-Utan in der Ordnung der Primaten zusammenfasste (Abb. 1). Denn er hatte ja mit diesem Schritt den Menschen von seinem besonders privilegierten Platz im christlichen Schöpfungsmythos heruntergestoßen und ihm einen weit weniger spektakulären inmitten des Tierreichs zugeteilt.

Die von Linné entwickelte – und bis heute gebräuchliche – binäre Nomenklatur beruhte auf der Entdeckung morphologischer und struktureller Verwandtschaftsbeziehungen im Tier- und Pflanzenreich. Da Linné von der unveränderlichen Konstanz der Arten ausging, findet sich in seinen Büchern noch keine evolutionistische Erklärung der Ähnlichkeiten von Lebewesen[3].

Abb. 1: C. v. Linné, Systema naturae Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Jean-Baptiste de Monet de Lamarck (1744-1829):

Im Gegensatz zu Linné wandte sich Lamarck (Abb. 2) explizit von der statischen Konstanz der Arten ab: Er entwarf stattdessen eine die Evolution der Lebewesen propagierende Theorie, wobei er von der Entwicklung der Arten durch Vererbung funktioneller Anpassungen ausging.

Abb. 2: Jean-Baptiste Lamarck Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Wenn auch Lamarcks Gedanke einer evolutionären Veränderung der Tier- und Pflanzenwelt unbestreitbar richtig war, so ließ sich allerdings seine Begründung des Wandels der Arten durch einen den Organismen innewohnenden Vervollkommnungstrieb und die in der Folge auftretende Vererbung der so erworbenen Eigenschaften nicht verifizieren.

Dass sich Lamarcks Gedanken zu seinen Lebzeiten nicht durchsetzen konnten, lag am heftigen Widerspruch des einflussreichen Zoologen Georges Cuvier (1769-1832), der an der unveränderlichen Konstanz der Arten festhielt.

Charles Darwin (1809-1882):

Somit ist der endgültige Durchbruch eines evolutionistischen Weltbildes – und damit die theoretische Grundlage der Hominidenforschung – erst in das Jahr 1859 zu datieren, jenes Jahr also, in welchem Darwin (Abb. 3) On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life veröffentlichte.

Die darin vorgestellte Evolutionstheorie postulierte eine auf natürlicher Selektion und Mutation des Erbmaterials basierende Entwicklung aller Lebewesen: Zufällig stattfindende Mutationen würden eine Veränderung des Erbmaterials bewirken, welche es einer Spezies erschweren oder erleichtern würden, die Anforderungen ihres Lebensraumes zu bewältigen. Somit würden „ungünstige“ Mutationen über die natürliche Selektion zu einem Aussterben der betroffenen Spezies führen, während „günstige“ Mutationen das „Survival of the fittest“ zur Folge hätten[4].

Abb. 3: Charles Darwin Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Obwohl in diesem Buch mit der Ausnahme des dieser Arbeit vorangestellten Mottos kaum ein Wort über die Entwicklung des Menschen zu finden ist, war dem Autor – ebenso wie seinen Zeitgenossen – vollkommen klar, welche weitreichenden Schlüsse auf die Entstehung des Menschen aus seiner Theorie gezogen werden müssten.

Nachdem sich Darwin nach dem Erscheinen seines Hauptwerks massiven Anfeindungen insbesondere von klerikaler Seite ausgesetzt sah, wartete er zwölf Jahre, ehe er schließlich The Descent of Man veröffentlichte, in welchem er nun nicht nur die Ergebnisse seiner früheren Arbeit explizit auf die Entwicklung des Menschen bezog, sondern auch die Beobachtungen weiterer in der neu entstandenen Evolutionsforschung tätiger Wissenschaftler, wie beispielsweise E. Haeckel (1834-1919) oder T. H. Huxley (1825-1895), einflocht: In diesem Buch proklamierte er nicht nur die Menschenaffen als die nächsten rezenten Verwandten des Menschen[5], sondern vermutete bereits den Ursprung der Menschheit in Afrika[6].

Darwins Vermutung, dass der Mensch von einem frühen Menschenaffen abstammte, ist eine Konsequenz seiner Evolutionstheorie, beruht aber keineswegs auf Fossilienfunden. Im Gegenteil, erst Darwins Theorie führte dazu, dass sich Wissenschaftler angesichts von Knochenfunden die Frage stellten, ob es sich dabei um die Überreste eines Vorläufers des heutigen Menschen handeln könnte.

2) Paläoanthropologie

2.1) Kurze Geschichte der Paläoanthropologie:

Nachdem Bergleute 1856 in der Kleinen Feldhofer Grotte im Neandertal Teile eines Skeletts gefunden hatten (Abb. 4), kam es erstmals zu einer mit großer Vehemenz geführten Diskussion über die paläoanthropologische Relevanz eines Fossilienfundes[7].

Abb. 4: Neanderthal 1 Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten Schädeldecke des Fundes von 1856 in der Kleinen Feldhofer Grotte. Das Fundmaterial umfasste noch weitere fünfzehn Knochen, die einem einzelnen Individuum zugeordnet wurden.

Und obwohl diese Diskussion durchaus kontroversiell geführt wurde[8], ist sie als ein Meilenstein der Paläoanthropologie anzusehen: Es war ab nun klar, dass die Frage nach der Existenz von ausgestorbenen Vorfahren des heutigen Menschen gestellte werden musste und dass die Antwort auf diese Frage Licht auf die Stellung des Menschen in der Natur werfen würde.

Bei allem Wert, den der Fund im Neandertal für die Entwicklung der Paläontologie zweifellos hatte, stand jedoch stets außer Diskussion, dass es sich dabei um Knochen eines Menschen handelte. Wenn aber Darwins Theorie zutraf und der heutige Mensch tatsächlich von einem frühen Menschenaffen abstammte, musste es Fossilien geben, die diese Entwicklung dokumentierten, die also Zwischenformen von Menschenaffen und modernen Menschen darstellten.

Der erste, dem ein derartiger Fund gelang, war Eugene Dubois (1858-1940). In der Absicht, Darwins Theorie durch Fossilienfunde zu beweisen, hatte sich der holländische Arzt zuerst in Sumatra und später in Java niedergelassen[9]. Zwischen 1890 und 1892 gelangen ihm mehrere Knochenfunde, die er als Überreste einer Zwischenform von Menschenaffen und Menschen einschätzte und die er folgerichtig als Anthropopithecus erectus („aufrecht gehender menschenartiger Affe“) klassifizierte (Abb. 5).

Abb. 5: Anthropopithecus erectus Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenDie 1891 von E. Dubois auf Java gefundene Schädeldecke wurde 1894 in das von Haeckel vorgeschlagene Genus Pithecanthropus erectus umbenannt und wird heute als Homo erectus klassifiziert.

Als Dubois nach Europa zurückkehrte, um den Fund und seine Interpretation desselben bekannt zu machen, stieß er auf unterschiedliche Resonanz: Während einige Wissenschaftler die Ähnlichkeiten der Fossilien zu den Menschenaffen hervorhoben, betonten andere ihre Menschenähnlichkeit. Konsequenterweise fühlte sich Dubois durch diesen Dissens in seiner Ansicht, eine Zwischenform zwischen den Menschenaffen und dem Menschen gefunden zu haben, bestätigt.

Zwischen 1908 und 1913 wurden allerdings im englischen Piltdown Fossilien gefunden, die Dubois’ Funde weit in den Schatten zu stellen schienen (Abb. 6): Ein extrem menschenähnlicher Schädel und eine genau dazu passende extrem affenähnliche Mandibula mussten zu dem Schluss führen, dass eine enorme Gehirnvergrößerung der erste Schritt auf dem Weg der Menschwerdung des Affen war, während die Veränderungen beispielsweise des Gebisses offenbar erst viel später erfolgt sein konnten; und anscheinend war dieser erste Schritt, ganz im Gegensatz zu den Vorstellungen Darwins oder Haeckels, nicht in Afrika oder Asien, sondern in England erfolgt. Der Piltdown-Mensch, „Eoanthropus dawsoni“, wurde in den darauffolgenden Jahren begeistert diskutiert[10].

Abb. 6: „Eoanthropus dawsoni“ Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthaltenDas Artefakt besteht aus einem 500 Jahre alten menschlichen Schädel und der Mandibula eines vor etwa 800 Jahren gestorbenen Orang-Utans. Die Zähne des Unterkiefers wurden nachträglich in die Mandibula eingesetzt und künstlich abgeschürft, ehe der gesamte Fund mit Natriumdichromat gefärbt wurde, um ihm ein gealtertes Aussehen zu verleihen.

Es war wohl vorhersehbar, dass sich Raymond Dart unverhohlener Ablehnung gegenübersehen würde, als er 1925 den Fund publizierte, den er ein Jahr zuvor in der Nähe der südafrikanischen Kleinstadt Taung gemacht hatte: Er hatte den Schädel eines fünf- bis sechsjährigen Kindes gefunden, dessen Gehirnvolumen das eines Schimpansen (altersadjustiert) nur geringfügig übertraf, während das Gebiss eher dem eines modernen Menschen ähnelte (Abb. 7). Dart kam zu dem Schluss, dass es sich bei dem Fossil um die Überreste eines Vorfahren des modernen Menschen handelte, und klassifizierte den Fund als Australopithecus africanus („afrikanischer südlicher Affe“).

[...]


[1] C. Darwin: On the Origin of Species by Means of Natural Selection, or the Preservation of Favoured Races in the Struggle for Life. 1. Aufl. (1859). Kap. 14 – Recapitulation and Conclusion.

[2] Dies ist nicht nur als Mode zu verstehen, sondern beruht auch auf der besseren Erklärungs- und Quantifizierungsfähigkeit molekulargenetischer Modelle gegenüber anatomisch-morphologischen.

[3] Sein berühmtes Postulat “Nullae species novae” relativierte Linné allerdings in seinen späteren Lebensjahren – vielleicht war ihm klar geworden, dass sein nomenklatorisches System einer sich verändernden Tier- und Pflanzenwelt besser entsprach als einer statischen.

[4] Darwin konnte dabei nicht wissen, welche molekularbiologischen Mechanismen dem Entstehen von Mutationen zu Grunde liegen. Erst ein Jahrhundert nach dem Erscheinen seines Hauptwerkes war es gelungen, das Erbmaterial als eine lange doppelhelikal gewundene, im Zellkern zu Chromosomen kondensierte Abfolge von Nukleinsäurepaaren und Mutationen als durch „falsch“ eingebaute Nukleinsäuren verursachte Proteinveränderungen zu identifizieren.

[5] C. Darwin: The Descent of Man. Kap. 6 – On the Affinities and Genealogy of Man: “The anthropomorphous apes, namely the gorilla, chimpanzee, orang, and Hylobates, are by most naturalists separated from the other Old World monkeys, as a distinct sub-group. […] If the anthropomorphous apes be admitted to form a natural sub-group, then as man agrees with them, not only in all those characters which he possesses in common with the whole catarhine group, but in other peculiar characters, such as the absence of a tail and of callosities, and in general appearance, we may infer that some ancient member of the anthropomorphous sub-group gave birth to man.”

[6] C. Darwin: The Descent of Man. Kap. 6 – On the Affinities and Genealogy of Man: “It is therefore probable that Africa was formerly inhabited by extinct apes closely allied to the gorilla and chimpanzee; and as these two species are now man's nearest allies, it is somewhat more probable that our early progenitors lived on the African continent than elsewhere.”

[7] Der Fund in der Kleinen Feldhofer Grotte war dabei durchaus nicht der erste paläoanthropologische Fund: In Belgien waren bereits 1829, in Gibraltar 1848 Schädelreste ebenfalls von Homo neanderthalensis gefunden worden. Aber erst angesichts der Fossilien aus dem Neandertal entspann sich eine leidenschaftliche Diskussion, ob es sich bei den gefundenen Knochen um die Überreste eines ausgestorbenen menschenähnlichen Lebewesens handeln könnte.

[8] Während William King (1809-1866) bereits 1863 den Begriff Homo neanderthalensis prägte, vertrat etwa Rudolf Virchow (1821-1902), die anerkannteste medizinische Autorität des 19. Jahrhunderts, die Ansicht, dass es sich bei dem Fund aus dem Neandertal um Knochen eines an Rachitis erkrankten zeitgenössischen Menschen handelte.

[9] Ein Grund, warum Dubois gerade Südostasien als Expeditionsziel wählte, war die – falsche – Annahme E. Haeckels, die dort lebenden Gibbons wären die nächsten lebenden Verwandten des Menschen. Aber auch die Tatsache, dass er sich als Holländer im damaligen Niederländisch-Ostindien problemlos niederlassen konnte, wird bei der Ortswahl mitgespielt haben.

[10] So wurden nicht weniger als 500 Doktorarbeiten über diesen Fund geschrieben.

Details

Seiten
26
Jahr
2002
ISBN (eBook)
9783638185509
Dateigröße
950 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v12740
Institution / Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck – FB Psychologie
Note
sehr gut
Schlagworte
Evolutionäre Psychologie Seminar

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