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Arthur Schopenhauer. Reichweite und Grenzen seiner Mitleidsethik

Hausarbeit (Hauptseminar) 2009 25 Seiten

Philosophie - Philosophie des 19. Jahrhunderts

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

2. Die Mitleidsethik
2.1 Schopenhauers Weltsicht
2.2 Abgrenzung zu Immanuel Kant
2.3 Der Egoismus als Antimoral
2.4 Handlungen von moralischem Wert
2.5 Beweis der moralischen Triebfeder
2.6 Die zwei Kardinaltugenden

3. Metaphysische Grundlage

4. Reichweite und Grenzen der Ethik Schopenhauers

5. Literatur- und Quellenverzeichnis

Primärliteratur

Sekundärliteratur

1. Hinführung zum Thema

„Moral predigen ist leicht, Moral begründen schwer.“[1]

Zum 30. Januar 1840 verfasste Arthur Schopenhauer seine „Preisschrift zur Grundlage der Moral“ als Antwort auf die von der „Königlich Dänischen Societät der Wissenschaften zu Kopenhagen“ veröffentlichte Preisfrage, was die Quelle und Grundlage der Moral denn eigentlich sei.

In einem „Allgemeinen Rückblick“ legte Schopenhauer in seiner Schrift zunächst dar, wieso die theologische Moralvorstellung von einem „göttlichen Willen“, der den Menschen moralische Werte und Gesetze vorgeben würde, für ihn rein spekulativer Natur war: Die Existenz einer Gottheit ist nach wie vor nicht bewiesen und kann daher nicht als das Fundament einer Moral dienen, denn dieses müsse gesichert sein. Generell waren für Schopenhauer alle bisherigen Versuche einer Moraldeutung unzureichend: „Zu allen Zeiten ist viele und gute Moral gepredigt worden, aber die Begründung derselben hat stets im Argen gelegen.“[2] Damit wendet sich Schopenhauer auch gegen den deutschen Philosophen Immanuel Kant, dessen Ethik die letzten 60 Jahre gegolten habe, obwohl sie – nach Ansicht Schopenhauers - nicht haltbar ist[3]. Schopenhauers Preisschrift erhob daher den Anspruch, der Moral ein besseres und vor allem nachweisbares Fundament zu liefern.

Da er bereits 1839 den ersten Preis für seine Schrift „Ueber den Willen in der Natur“ erhalten hatte, schickte er etwa zwei Monate nach der Einreichung seines Ethikentwurfs siegessicher ein Schreiben an die königliche Societät: „Von dem errungenen Sieg bitte ich mich alsbald durch die Post benachrichtigen zu wollen. Den mir zuerkannten Preis aber hoffe ich… auf diplomatischem Wege von Ihnen zugeschickt zu erhalten.“[4] Entsprechend groß muss seine Enttäuschung gewesen sein, als er wider Erwarten nicht zum Sieger gekürt wurde. Die königliche dänische Societät der Wissenschaften begründete dies damit, dass der Philosoph angeblich nicht auf die Fragestellung eingegangen sei. Nach der Lektüre seiner zweiten Preisschrift kann man ihm diesen Vorwurf meiner Ansicht nach jedoch nicht machen, und es stellt sich die Frage, wieso Schopenhauer weder bei der Societät noch bei einem breiteren Publikum Zuspruch fand[5].

War die Welt dem Anspruch seiner Ethik nicht gewachsen? Bestand sie nicht, weil sie das Leiden als Weltprinzip postulierte? Oder ist Schopenhauers Ethik etwa unzureichend, in sich selbst widersprüchlich, oder aus anderen Gründen nicht als das Fundament einer Moral geeignet?

Ich möchte in dieser Arbeit zunächst die Ethik Schopenhauers analysieren und ihre wesentlichen Thesen darstellen, um diese im Folgenden einer Bewertung zu unterziehen. Ich werde dazu auch die Meinungen anderer Schopenhauerkritiker (siehe Quellenangabe) berücksichtigen, um letztlich meine eigene Antwort auf die Frage zu finden, wo die Grenzen der Schopenhauer’schen Ethik liegen, weshalb sie vermutlich nicht bestehen konnte und auch, worin Schopenhauers Verdienst für die heutige Ethikdiskussion besteht.

2. Die Mitleidsethik

2.1 Schopenhauers Weltsicht

Um das Moralverständnis Schopenhauers zu deuten, halte ich es für wichtig zu wissen, dass Arthur Schopenhauer das Leben in seinem Kern beklagenswert fand. Für ihn war die Welt eine Art moralischer Skandal, da sie mehr Böses als Gutes zutage förderte. „In meinem 17ten Jahre, ohne alle gelehrte Schulbildung, wurde ich vom Jammer des Lebens so ergriffen, wie Buddha in seiner Jugend, als er Krankheit, Alter, Schmerz und Tod erblickte.“[6] Vielleicht sagt man Schopenhauer deshalb nach, er sei durch und durch pessimistisch und menschenverachtend gewesen, ein überheblicher Einsiedler, der Nietzsches „Gott ist tot“ nur unterstreichen konnte. Doch das ist meiner Ansicht nach kaum die halbe Wahrheit, bedenkt man, dass er Buddhist war und seine Liebe den Tieren widmete. Schopenhauer verbrachte seines Lebensabend mit einem Pudel, und in seiner Ethik finden Tiere besondere Berücksichtigung. Auch verteufelte er Optimisten primär deshalb, weil sie das Leiden der Menschen seiner Ansicht nach nicht ernst nehmen: „Der Optimismus […] ist […] ein bitterer Hohn über die namenlosen Leiden der Menschheit.[7] Für Arthur Schopenhauer ist dieses Leiden Aller eine Urerfahrung, die ein jeder notwendig machen müsse. Glückliche Momente könnten das Ausmaß des Leidens nicht aufwiegen: „[Es herrscht] vieles und langes Leiden, beständiger Kampf, […] Gedränge, Mangel, Noth und Angst, Geschrei und Geheul.“[8]

So mag es nicht verwundern, dass er das Leiden und Mitleiden der Menschen zum Fundament seiner eigenen Ethik machte, da das Leiden doch erst den Anstoß gebe, sich überhaupt Gedanken um die Existenz zu machen: „Ohne Zweifel ist es […] die Betrachtung des Leidens und der Noth des Lebens, was den stärksten Anstoß zum philosophischen Besinnen und zu metaphysischen Auslegungen der Welt giebt. Wenn unser Leben endlos und schmerzlos wäre, würde es vielleicht doch Keinem einfallen zu fragen, warum die Welt dasei und gerade diese Beschaffenheit habe; sondern eben auch sich Alles von selbst verstehen.“[9]

2.2 Abgrenzung zu Immanuel Kant

Schopenhauer war keineswegs ein völliger Gegner Immanuel Kants, er sah sich vielmehr als dessen Schüler und Vollender. Kants metaphysische Schriften fanden seine Bewunderung[10] ; in dem Versuch, eine Ethik zu entwerfen, hatte Kant nach Schopenhauers Meinung jedoch versagt. Er unterstellte ihm einige entscheidende Fehler. „Seit mehr als einem halben Jahrhundert liegt [die Ethik] auf dem bequemen Ruhepolster, welches Kant ihr untergebreitet hatte: dem kategorischen Imperativ der praktischen Vernunft.“[11] Laut des kategorischen[12] Imperativs soll ein Mensch so handeln, dass „die Maxime [seines] Willens zugleich als Prinzip einer allgemeinen Gesetzmäßigkeit gelten könne“.[13] Schopenhauer bezeichnete Kants Ethik als „legislatorisch“[14] und somit anmaßend, denn moralische Gesetze dürften nicht einfach als vorhanden angenommen werden. „[…] bis jener Beweis geführt worden, erkenne ich für die Begriffe Gesetz, Vorschrift, Soll in die Ethik keinen anderen Ursprung an als einen der Philosophie fremden.“[15] Fremd deshalb, weil die Begriffe „Pflicht“ und „Gesetz“ in der christlichen Theologie zu finden sind[16], die Schopenhauer „spekulativ“[17] nannte und bereits als nicht nachweisbar abgetan hatte.

Kants Ethikverständnis unterscheidet sich wesentlich von Schopenhauers Konzeption in den Begriffen des „Sollens“ und „Wollens“. In Schopenhauers Hauptwerk „Die Welt als Wille und Vorstellung“ von 1819 erklärte dieser, dass der Wille des Menschen völlig frei sei. Damit ein Mensch sich also – vielleicht entgegen seinem Willen – nach moralischen Vorgaben richtet, benötigt er eine Motivation; folgt man Kants „Pflichtmoral“, kann die Motivation nur in der Aussicht auf Belohnung oder Strafe liegen. Kurzum, hier fehlt das Wichtigste: Das intrinsische Motiv zu moralischen Handlungen, der Wille, Gutes zu tun ohne eine Belohnung (oder Strafe) von außen zu erwarten. „Eine Handlung, sagt [Kant], habe erst dann ächten moralischen Werth, wann sie lediglich aus PFLICHT […] geschehe […]. Der Werth des Charakters hebe erst da an, wenn Jemand, […] kalt und gleichgültig gegen die Leiden anderer und NICHT EIGENTLICH ZUM MENSCHENFREUNDE GEBOREN, doch bloß der leidigen PFLICHT halber Wohltaten erzeigte. […] BEFOHLEN muss es seyn! Welche Sklavenmoral!“[18] Schopenhauer bezeichnete Kants Moralvorstellung als lieblos und menschenfeindlich, denn sie befiehlt, aber sie hinterfragt nicht.

Schopenhauer ist daran gelegen, eine Ethik nicht etwa zu lehren, sondern sie zu erklären. Seiner Ansicht nach ist „die Ethik […] in Wahrheit die leichteste aller Wissenschaften; […] da Jeder die Obligenheit hat, sie selbst […] aus dem obersten Grundsatz, der in seinem Herzen wurzelt, […] abzuleiten: denn Wenige haben die Muße und Geduld, eine fertig konstruirte Ethik zu erlernen“[19], wie Kant es vorsah.

Schopenhauers nächster Kritikpunkt an der kantischen „Metaphysik der Sitten“ ist das apriorische Moralfundament: Kant sah die reine Vernunft als Ursprung der Ethik, sprach von a priori, also vor aller Erfahrung gegebenen Sittengesetzen: „Eine bloß empirische Rechtslehre ist ein Kopf, der schön sein mag, nur schade! dass er kein Gehirn hat.“[20] Dem hatte Schopenhauer entgegenzusetzen, dass Kant die „Methode, welche er mit so vielem Glück in der theoretischen Philosophie angewandt hatte, auf die praktische übertragen“[21] hätte. Er habe nämlich angenommen, dass der Mensch, ebenso wie er Zeit und Raum a priori erkennen würde, von Geburt an wisse, wie er sich moralisch zu verhalten habe. „Aber wie himmelweit ist der UNTERSCHIED zwischen jenen theoretischen Erkenntnissen a priori […] und jenem angeblichen Moralgesetz a priori, dem die Erfahrung bei jedem Schritte Hohn spricht[…].“[22] Denn Kant postulierte zwar, dass man sich nach dem kategorischen Imperativ richten, den eigenen Willen einem allgemeinen Gesetz unterwerfen sollte – aber dass der Mensch dies wirklich tut, ist mehr als unwahrscheinlich. Zu Recht fragte Schopenhauer, was denn den Menschen dazu bewegen sollte, vor einer affektiven Handlung zuerst einmal ausführlich deren Folgen für die Gesellschaft abzuwägen. Der Soziologe Émile Durkheim war entgegen der Kant’schen Annahme sogar der Auffassung, dass der Mensch als „tabula rasa“ geboren würde, in die erst alle gesellschaftlichen Werte und Moralvorstellungen a posteriori „eingeschrieben“ werden müssten, ehe er gesellschaftsfähig würde.[23] Das ist freilich übertrieben, aber eine bloß rationale, auf Begriffen ruhende Ethik ist auch für Schopenhauer irreal. Generell erkannte man seiner Meinung nach den „echten Philosophen“ daran, dass er seine Erkenntnisse aus dem „Anblick der Welt“[24] entnehme.

„Die moralische Triebfeder“, die den Menschen zu moralisch wertvollen Handlungen erst antreibt, „muß […], wie jedes den Willen bewegende Motiv, eine […] REALE seyn: Und da für den Menschen nur das Empirische […] Realität hat […] muß die moralische Triebfeder in der That eine EMPIRISCHE seyn […].“[25] Ohne Erfahrungswerte habe die kantische Ethik keinerlei Bezug zum Leben der Menschen und entbehre jeglicher Realität und Wirksamkeit; und damit ihrer Grundlage. „Die Moral hat es mit dem WIRKLICHEN Handeln des Menschen und nicht apriorischem Kartenhäuserbau zu thun, […] dessen Wirkung […], dem Sturm der Leidenschaften gegenüber, so viel seyn würde, wie die einer Klystierspritze bei einer Feuersbrunst.“[26] Moralisches Handeln beruht nicht auf dem Verstand, sondern auf dem Gefühl, deshalb kann eine rein rationale Ethik nie zum Erfolg führen. So „überantwortet[e]“ Schopenhauer „die Moral wieder ihrer alten, gänzlichen Ratlosigkeit“[27], um ihr in seiner folgenden Ausführung ein neues, gesichertes Fundament mit dem Anspruch auf Realität zu liefern.

[...]


[1] Arthur Schopenhauer. Ueber den Willen in der Natur. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S.128

[2] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S. 469

[3] Dazu ausführlicher: Kap. 2.2 dieser Arbeit.

[4] Rüdiger Safranski. Schopenhauer und die wilden Jahre der Philosophie. Zweites Buch, S. 466; Zitat aus: A. Hübscher. Arthur Schopenhauer, Gesammelte Briefe. Bonn 1978

[5] Schopenhauers Werke blieben lange unbeachtet.

[6] Michael Hauskeller. Vom Jammer des Lebens: Einführung in Schopenhauers Ethik, S. 7

[7] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band I, S. 424

[8] Ebd., S. 15

[9] Michael Hauskeller. Vom Jammer des Lebens: Einführung in Schopenhauers Ethik, S.11

[10] Vgl. Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S. 624

[11] Ebd., S. 471

[12] für alle gültigen

[13] Immanuel Kant. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten.

[14] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S. 476

[15] Ebd. S. 477

[16] Man denke etwa an die zehn Gebote…

[17] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S. 468

[18] Ebd., S. 490

[19] Ebd., S. 587

[20] Immanuel Kant. Die Metaphysik der Sitten. §B, Erster Teil, S. 66

[21] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S. 488

[22] Ebd., S. 488/489

[23] Émile Durkheim: Erziehung, Moral und Gesellschaft. Frankfurt a.M.: Suhrkamp 1984. S. 173-198.

[24] Arthur Schopenhauer. Die Welt als Wille und Vorstellung. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band I, S. 67

[25] Arthur Schopenhauer. Preisschrift über die Grundlage der Moral. In: Ludger Lütkehaus. Arthur Schopenhauers Werke in fünf Bänden, Band III, S. 499

[26] Ebd., S. 499

[27] Ebd., S. 472

Details

Seiten
25
Jahr
2009
ISBN (eBook)
9783640344246
ISBN (Buch)
9783640344123
Dateigröße
522 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127388
Institution / Hochschule
Universität Kassel
Note
1
Schlagworte
Arthur Schopenhauer Ethik Mitleidsethik Welt und Wille als Vorstellung Metaphysik
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Titel: Arthur Schopenhauer. Reichweite und Grenzen seiner Mitleidsethik