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Lehre in der Dichtung und Lehrdichtung im Mittelalter

Hausarbeit (Hauptseminar) 2008 17 Seiten

Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

I Einleitung

II Theoretische Überlegungen zur Einbettung der Lehrdichtung in die mittelalterliche Sachliteratur
II 1. Herausbildung deutschsprachiger Lehrdichtung im Mittelalter
II 2. Lehrdichtung im Mittelalter – Probleme der Abgrenzung

III Theoretische Überlegungen zur Verbreitung und Wirkung mittelalterlicher Lehrdichtung am Beispiel von Hugo von Trimbergs „Der Renner“
III 1. Allgemeine Erläuterungen zu Hugo von Trimberg und seinem Werk
„Der Renner“
III 2. Zum Inhalt und zur Struktur des Werkes
III 3. Die Aussageabsicht des Werkes

IV Linguistische Analyse

V Zusammenfassung der Ergebnisse

VI Literaturverzeichnis

VII Anhang

I Einleitung

Bei der mittelalterlichen Lehrdichtung handelt es sich um die didaktische Vermittlung von Wissen, Moral oder Lebenslehren in poetischer Form. Ihre Blütezeit erlebte die lehrhafte Dichtung im 13. Jahrhundert, welches viele geistliche und moralisch-didaktische Werke hervorbrachte. Die Lehre in der Dichtung beziehungsweise die Lehrdichtung im Mittelalter unterscheidet sich hinsichtlich der dichterischen Gestaltung und Wirkungsabsicht wesentlich vom gegenwärtigen Verständnis von Dichtung und Poetik. Zwar handelte es sich bei der mittelalterlichen Lehrdichtung ebenfalls um in Reime gefasste Aussagen, doch stand hier nicht die künstlerische Gestaltung und Fiktionalität im Vordergrund. Vielmehr diente die lehrhafte Dichtung der didaktischen Vermittlung von tatsächlichem Wissen, allgemeiner Lebenslehren oder Moral. Dabei bediente sie sich häufig fiktionaler Elemente wie Gleichnissen, Fabeln, Legenden oder Sagen, die in Reimen verfasst einer höheren Einprägsamkeit dienten. Da die mittelalterliche Lehrdichtung ein breites Spektrum an Gattungen und Textsorten hervorbrachte und die Grenzen hinsichtlich Inhalt und formaler Gestaltung zu übrigen Dichtungsformen dieser Zeit weitestgehend fließend sind, gestaltet sich eine klare Abgrenzung der Lehrdichtung schwierig. Ziel dieser Hausarbeit soll es sein, wesentliche Formen mittelalterlicher Lehrdichtung herauszuarbeiten und diese von einander abzugrenzen. Dabei soll ihre Stellung in der mittelalterlichen Sachliteratur näher betrachtet werden. Um einen theoretischen Rahmen zu schaffen, werde ich zunächst einen kurzen Überblick über die Herausbildung der Lehrdichtung im Mittelalter geben und anschließend auf Probleme der Abgrenzung zu übrigen Dichtungsformen dieser Zeit eingehen. Dabei werde ich mich sowohl mit dem Wesen als auch mit den Verfassern mittelalterlicher Lehrdichtung befassen. Im Anschluss daran erfolgen spezifische Überlegungen zur Verbreitung und Wirkung mittelalterlicher Lehrdichtung am Beispiel der allgemeinen Lebenslehre des „Renners“ von Hugo von Trimberg, da dieses Werk den Höhepunkt der lehrhaften Dichtung des Mittelalters bildet. Um die linguistische Besonderheit mittelalterlicher Lehrdichtung zu verdeutlichen, folgt eine exemplarische Analyse anhand einer ausgewählten Textstelle dieses Werkes. Abschließend erfolgen eine Zusammenfassung der gewonnenen Ergebnisse und das Literaturverzeichnis.

II Theoretische Überlegungen zur Einbettung der Lehrdichtung in die mittelalterliche Sachliteratur

II 1. Herausbildung deutschsprachiger Lehrdichtung im Mittelalter

Die didaktische Vermittlung von Wissen, Moral und allgemeiner Lebenslehren in poetischer Form folgt einer langen Tradition der Lehrdichtung, die bereits im Frühmittelalter einsetzt und ihre Blütezeit im 12. und 13. Jahrhundert mit dem Höhepunkt der höfischen Dichtung und dem Übergang zu bürgerlich- orientierten Dichtungsformen erlebte. Im Zuge der literarischen Entwicklung kam der mittelalterlichen Lehrdichtung in der Volkssprache eine eher dienende Funktion zu. Von antiken Leitbildern und dem Christentum geprägt, diente die deutschsprachige lehrhafte Dichtung seit dem 8. Jahrhundert zunächst der Verständnishilfe lateinsprachiger, biblischer oder geistlicher Texte, wobei der Gebrauch des Reims vielmehr einer höheren Einprägsamkeit diente. Von zentraler Bedeutung in der frühmittelalterlichen geistlichen Dichtung ist die religiöse Ausrichtung, die belehrend und mahnend auf die göttliche Allmacht verweist. Auch die Lehrdichtung des 12. und 13. Jahrhunderts, die durch ein zunehmendes Interesse an Bildungsinhalten geprägt ist, lässt sich auf die Tradition geistlicher Dichtung zurückführen. Somit geht, Crossgrove zufolge, „die Vermittlung naturkundlicher und gelehrter Inhalte häufig mit der zentralen Vermittlung christlicher Lehrinhalte“[1] einher. Mit der Blüte des Feudaladels im 12. Jahrhundert und der Herausbildung der ritterlichen Kultur und Ideale vollzog sich auch ein Wandel in der mittelalterlichen Lehrdichtung. Denn anstelle des gelehrten Geistlichen tritt nun der dichtende Ritter, der, so Boesch, „für eine gebildete, in ihrer Lebensweise gehobene Laienschaft“[2] dichtete. Somit stellte der höfische Roman die am häufigsten auftretende Kunstform der lehrhaften Dichtung des Hochmittelalters dar, welche meist nach französischen Vorbildern entstanden und der Vermittlung ritterlicher Tugenden dienten. Doch unterstehen auch hier die ritterlichen Ideale einer höheren christlichen Ethik. Somit werden diese in enge Beziehung zur Belehrung der Menschen hinsichtlich der Erfüllung des göttlichen Heilsplans durch absoluten Gehorsam gegenüber Gott gesetzt. Dabei zieht der Rezipient eigene Erfahrungen und Einsichten aus der Personen- und Handlungsstruktur und wird zum eigenständigen, verantwortungsbewussten Handeln angeregt. Mit dem aufsteigenden Bürgertum im 13. Jahrhundert und der Entstehung bürgerlicher Bildungseinrichtungen erlebte die deutschsprachige Lehrdichtung einen erneuten Wandel, da sie für mehr und mehr Laien zugänglich und erschließbar war. Im Zentrum standen nicht mehr die höfischen Künste oder Heldenepen, sondern die Vermittlung von praktischem Wissen, allgemeiner Lebenslehren und Moral in der Volkssprache. Hierzu bemerkt Crossgrove:

„Die dienende Rolle, die Deutsch bis jetzt bei der Erklärung lateinischer Texte gespielt hat, wird also um eine wichtige Neufunktion erweitert. Deutsche Texte dienen selber zur Übermittlung von Wissen. Es gibt also offenbar am Anfang des 13. Jahrhunderts ein Publikum für deutsche Sachliteratur.“[3]

Dennoch blieb die mittelalterliche Lehrdichtung des 12. und 13. Jahrhunderts trotz einer zunehmenden Vielfalt an Themen und einem höherem Anteil an Rezipienten als zweckgebundene Kunstform eine der Politik, Wissenschaft und Religion verpflichtete Dichtung.

II 2. Lehrdichtung im Mittelalter – Probleme der Abgrenzung

Aus dem Blickwinkel der heutigen Auffassung von Poetik und Rhetorik betrachtet, nimmt die deutschsprachige Lehrdichtung des Mittelalters eine Sonderstellung ein, da sie sowohl inhaltlich als auch in ihrer formalen Gestaltung „kaum in die sogenannten Naturformen der Dichtung, nämlich Epik, Dramatik und Lyrik, einzuordnen ist.“[4] So geht diese mit allen Bereichen der Dichtung einher und erschließt sich dem Rezipienten in unterschiedlichen Gattungen und Textsorten. Somit geht der Status einer Sonderstellung mittelalterlicher Lehrdichtung, dem heutigen poetologischen Diskurs zufolge, mit dem Fehlen gattungsspezifischer Merkmale wie Subjektivität, Fiktionalität oder Emotionalität einher und folgt keinen festgelegten Gestaltungsmustern. Des Weiteren ist sie vor allem didaktisch motiviert und steht somit der heutigen Dichtungsauffassung, in der die Form vordergründig ist, entgegen. Hinsichtlich der Abgrenzung mittelalterlicher Lehrdichtung als eigenständige Gattung äußert sich Sowinski folgendermaßen:

„Vorangegangene poetologische Theorien sahen das Kriterium des Poetischen

viel eher in der Bindung von Aussagen an eine künstlerisch gestaltete reimende

oder reimlose metrische Sprachform und bestimmte Gattungsmuster, so daß

auch Lehrdichtungen als eigene Gattungen zulässig waren, wenn sie sich auch

wie andere Arten deskriptiver Sprachgestaltung durch das Fehlen des

Phantasievoll-Fiktiven von anderen Dichtungsformen unterscheiden.“[5]

Auch der zweck- und sachgebundene Charakter mittelalterlicher Lehrdichtung macht eine eindeutige Abgrenzung zu anderen Sachtexten schwierig, da sie wie viele andere Texte dieser Zeit objektiv Wissen vermittelt, christlich-religiös orientiert und nicht-fiktiv ist. Boesch zufolge ist eine Ursache dieser Abgrenzungsschwierigkeiten darin zu finden, dass es im Mittelalter „eine zweckentbundene „schöne Literatur“ nicht gibt“[6]. Demnach wird der Wert eines Textes daran bemessen, was er an christlicher Wahrheit vermittelt. Hierzu bemerkt Boesch: „Ohne eine christliche Ausrichtung bleibt jede Form, so schön sie gestaltet sein mag, nur die schlecht verhüllt Decke über einem abstoßenden Hintergrund.“[7] Darüber hinaus bringt das Mittelalter, Boesch zufolge, zwei wesentliche Formen der Lehrdichtung hervor, die sich hinsichtlich der Stellung der Lehre an sich und ihrer didaktischen Ausrichtung unterscheiden. In diesem Zusammenhang nennt er zum einen die Lehre in der Dichtung und zum anderen die Lehrdichtung.[8] Hinsichtlich der Lehre in der Dichtung kommt es zur Integration der Lehre beziehungsweise der lehrhaften Elemente in die Dichtung, wobei die dichterisch-künstlerische Gestaltung im Vordergrund steht. Bei der Lehrdichtung hingegen kommt es zur Integration dichterischer Gestaltung in die Lehre. Somit steht die didaktische Vermittlung von Wissen, Moral oder Lebenslehren im Mittelpunkt.

[...]


[1] Vgl.: Crossgrove 1994, S. 82

[2] Vgl.: Boesch 1977, S. 11

[3] Vgl.: Crossgrove 1994, S.54

[4] Vgl.: Sowinski 1971, S. 1

[5] Vgl.: Sowinski 1971, S. 1f

[6] Vgl.: Boesch 1977, S. 9

[7] Vgl.: Boesch 1977, S. 10

[8] Vgl.: Boesch 1977, S. 7

Details

Seiten
17
Jahr
2008
ISBN (eBook)
9783640346684
ISBN (Buch)
9783640347018
Dateigröße
467 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127322
Institution / Hochschule
Universität Potsdam – Institut für Germanistik
Note
1
Schlagworte
Lehre Dichtung Lehrdichtung Mittelalter

Autor

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Titel: Lehre in der Dichtung und Lehrdichtung im Mittelalter