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Sklaverei und Sklavenhandel in der Erinnerungskultur

Am Beispiel von Harriet Beechers Stowes "Uncle Tom’s Cabin"

Hausarbeit 2007 28 Seiten

Amerikanistik - Literatur

Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Literatur als Form der Erinnerungskultur

3. Historischer Kontext

4. Kurze Veröffentlichungsgeschichte von „Uncle Tom’s Cabin“ und Zusammenfassung der Handlung

5. Konzeption von Erinnerung durch Leserbeeinflussung

6. Reaktionen auf „Uncle Tom’s Cabin“

Literatur

1. Einleitung

Die amerikanischen slave narratives als Form fiktionaler Aufarbeitung afroamerikanischer Vergangenheit beeinflussen lange das Bild von der Sklaverei in den Vereinigten Staaten. Mit „Uncle Tom‘s Cabin“ (1852/53) geht ein von diesen Erzählungen beeinflusster Roman in die amerikanische Literaturgeschichte ein.[1]

[„Uncle Tom’s Cabin“] has been a collection and arrangement of real incidents [...] grouped together with reference to a general result, in the same manner that the mosaic artist groups his fragments of various stones into one general picture.[2]

Dieser Satz aus Harriet Beecher Stowes „A Key To Uncle Tom’s Cabin“ zeigt, dass ihr Text in direktem Bezug zur außertextuellen Welt steht, „real incidents“[3] werden verhandelt. Stowe bezieht sich in ihrem Werk explizit auf Sklavenschicksale, die sie persönlich miterlebt oder durch Freunde und Bekannte berichtet bekommen hat. Des Weiteren beschreibt sie deutlich, was Paul Ricœurs unter dem Begriff der Konfiguration[4] zusammenfasst: Selektive Elemente werden zu einer Geschichte verknüpft. Der Roman sollte dem Leser Stowes Bild von der Sklaverei vermitteln, das Bewusstsein für deren Ungerechtigkeit schärfen und den Leser so über die Lektüre hinaus beeinflussen. „The object of these sketches is to awaken sympathy and feeling for the African race [...]“[5], schrieb sie dazu im Vorwort zu „Uncle Tom’s Cabin“. Schlussendlich fordert Stowe mit ihrem Roman nichts anderes als die Abschaffung der Sklaverei und die Erinnerung an diese: „[...] men and women of America, is [Sklaverei] a thing to be trifled with, apologized for, and passed over in silcence?“[6].

Harriet Beecher Stowes Werk „Uncle Tom’s Cabin“ soll hier daher stellvertretend für die Beschäftigung mit der Sklaverei im amerikanischen Roman und darüber hinaus als Beispiel für Sklaverei in der Erinnerungskultur stehen. Zuerst wird zu klären sein, warum sich Literatur überhaupt als Träger von Erinnerungen auszeichnet. An Hand von „Uncle Tom’s Cabin“ soll gezeigt werden, warum und mit welchen Mitteln Stowe ihre Leser beeinflussen wollte. Von weiterem Interesse sind die Reaktionen, die ihr Werk hervorrief.

2. Literatur als Form der Erinnerungskultur

Mit Erinnerungskultur wird allgemein der Versuch, die Vergangenheit im Bewusstsein zu halten und zu vergegenwärtigen, bezeichnet. Literatur ist neben Mythen, Religionen oder auch der Wissenschaft eine eigene Form der Erinnerungskultur. Allgegenwärtig erfüllen literarische Texte „vielfältige erinnerungskulturelle Funktionen, wie die Herausbildung von Vorstellungen über vergangene Lebenswelten, die Vermittlung von Geschichtsbildern, die Aushandlung von Erinnerungskonkurrenzen“.[7]

Die subjektive Wahrnehmung vergangener Zusammenhänge steht bei der Bewusstmachung historischer Zusammenhänge in der Regel über der Darstellung historisch-objektiven Wissens. Dieses Privileg der Form der fiktionalen Literatur macht es ihr möglich, im Gegensatz zur Geschichtsschreibung oder anderen literarischen Formen, wie der Autobiografie, Nicht-Belegtes in ihr Geschichtsbild zu integrieren, auf Faktentreue zu verzichten oder gar kontrafaktische Elemente einfließen zu lassen.

Literatur repräsentiert nicht nur außerliterarische Erinnerungen, sie kann ebenso Wirklichkeits- und Vergangenheitsversionen hervorbringen und daher als Medium der Konstruktion von Erinnerung wirken. Kurz gesagt, das Medium Literatur hat die Möglichkeiten Erinnerungskulturen wie auch individuelle Gedächtnisse mitzuformen, „Vergangenheitsversionen sowie Erinnerungs- und Identitätskonzepte ihres kulturellen Kontextes durch ästhetische Formen zu inszenieren, zu thematisieren und zu problematisieren“[8]. Wie Paul Ricœurs Modell des Kreises der Mimesis[9] zeigt „nimmt [Literatur] existierende Muster auf, gestaltet sie und speist sie wieder in die Erinnerungskultur ein“[10].

Ricœur geht davon aus, dass sich der Bezug eines literarischen Textes zur vergangenen außertextuellen Welt (Mimesis I oder auch Präfiguration), die Erzeugung des fiktionalen Werkes und damit Erinnerungen (Mimesis II, Konfiguration) und die Rezeption durch den Leser (Mimesis III, Refiguration) wechselseitig beeinflussen.

Literatur entsteht immer im Kontext von Kulturen, die bereits bestehende Erinnerungskonzepte und -versionen haben und nach diesen handeln. In der Mimesis I erfolgt also ein Austausch zwischen literarischem Text auf der einen und Erinnerungskultur auf der anderen Seite.

Als Mimesis II bezeichnet Ricœur nun die Verknüpfung der in der Präfiguration ausgewählten Elemente zu einer (fiktionalen) Geschichte, die im Gegensatz zur außerliterarischen Erinnerung, temporal und kausal verknüpft ist. Literatur nimmt Bezug auf Inhalte, Praktiken und Formen des kollektiven Gedächtnisses. Begriffswelten der außerliterarischen Wirklichkeit werden aktiv mitgestaltet, Literatur erzeugt so quasi eine neue Form von Wirklichkeit. Texte stellen Erinnerungen unter anderem in Form von herrschenden Stereotypen, kollektiven oder individuellen Gedächtnisinhalten oder auch bisher gesellschaftlich-ausgeschlossenen beziehungsweise verdrängten Erinnerungen dar und repräsentieren bzw. verändern so außerliterarische Erinnerungen. Durch Vermittlung von (neuen) Normen und Werten, Verbindung von Realem und Imaginärem inszenieren fiktionale Texte kollektives Gedächtnis. Ricœur spricht hier auch von der Poieis (nach Aristoteles[11] ), dem - im Kontrast zum praktischen und theoretischen Handeln stehenden - zweckgebunden Handeln, poietische Arbeit sei darauf ausgerichtet etwas, so auch neue Erinnerungen, zu produzieren. Durch den Eingang in die Literatur werden Elemente der außertextuellen Wirklichkeit aus ihrem ursprünglichen Kontext gelöst, Literatur ist demnach in der Lage kollektive Gedächtnisinhalte neu- oder umzustrukturieren, durch neue Elemente zu ergänzen oder gar umzudeuten.

Durch die Rezeption des Lesers wirken literarische Texte auf die außerliterarische Welt zurück. Die literarische Darstellung verändert ggf. die Wirklichkeitswahrnehmung des Rezipienten, sie beeinflusst so die Reflexion von Erinnerung, formt Vergangenheit bzw. eine Version des Vergangenen. Durch folgende Handlungen des Lesers, die von der Literatur beeinflusst sind, verändert der Leser direkt und damit indirekt auch die Literatur die Wirklichkeit selbst. „Literatur prägt Kollektivvorstellungen vom Ablauf und vom Sinn vergangener Ereignisse, deutet die Gegenwart und weckt Erwartungen an die Zukunft.“[12]

3. Historischer Kontext

Vor allem die Frage der Sklaverei führte in den 1830er bis 1850er Jahren immer häufiger zu Auseinandersetzungen im föderalen System der USA, das den einzelnen Staaten erlaubte selbst über die Sklavenfrage zu entscheiden. Der Streit zwischen den Nordstaaten, die industialisierungsbedingt nicht auf Sklaven angewiesen waren, und den Südstaaten, für die Sklaven von großer wirtschaftlicher Bedeutung waren, entbrannte erstmals mit dem Beitritt Missouris zur Union in den 1820er Jahren. Bis dahin bestanden die USA aus elf Sklavenhalter-Staaten im Süden und eben so vielen sklavenfreien Staaten im Norden. Mit der Aufnahme Missouris sah man dieses Gleichgewicht gefährdet. Der Missouri-Kompromiss von 1820 regelte, dass der sklavenfreie Staat Maine im selben Jahr Mitglied der Union wurde, so konnte auch Missouri 1821 als Sklaverei billigender Staat in die USA aufgenommen werden ohne die Balance zu zerstören. Der Missouri-Kompromiss regelte, dass in allen Staaten südlich der Mason-Dixon-Linie Sklaverei erlaubt, nördlich davon verboten sein sollte. Bereits in den 1840er Jahren schwelte der Konflikt, ob Staaten, die der Union beitreten wollten, freie oder Sklavenhalterstaaten sein sollten, wieder auf: Der Beitritt von Texas 1845 als flächenmäßig größter Staat des Bundes und den daraus resultierenden Grenzkonflikten mit Mexiko, aus denen sich der mexikanisch-amerikanische Krieg (1846-48) entwickelte, gab erneut Anlass zu Widerständen gegen die Politik des Südens und den Krieg, dessen Ziel mit der weiteren Landgewinnung im Südwesten auch die Ausdehnung von Sklavenstaaten in diesem Gebiet war. Der Norden sah mit dem Sieg der USA über Mexiko die Grundlagen des Missouri-Kompromisses zugunsten der Südstaaten verschoben. 1848 scheiterte der sogenannte Wilmot Proviso, der die Ausweitung der Sklaverei auf die von Mexiko erworbenen Gebiete verbieten sollte, am Veto des Senats. Dies und die, durch den Kompromiss von 1850 mögliche, Aufnahme des sklavenfreien Staates Kalifornien 1850 in die Union, mit dem die freien Staaten ein Übergewicht von 32 zu 30 Stimmen im Senat erhielten, bedrohte erneut die Balance zwischen den Nord- und Südstaaten. Als erneuter Versuch die Einheit zwischen Süden und Norden zu erhalten, verzichtete Texas im Kompromiss von 1850 daraufhin auf einige Gebiete, aus denen im Folgenden zusammen mit von Mexiko abgetretenen Gebieten New Mexico gebildet wurde, in dem Sklaverei nicht verboten wurde. Im District of Columbia, in dem Sklaverei erlaubt war, wurde des Weiteren der Handel mit Sklaven verboten.

Teil des Kompromisses von 1850 war das sogenannte Fugitive Slave Law[13], das im Norden auf großen Protest stieß. Mit dem Gesetz war der Norden nun direkt an der Sklaverei beteiligt. Strafverfolgungsbehörden des Südens und Nordens hatten nun die Pflicht, jeden der Flucht verdächtigen Sklaven lediglich auf eidesstattliche Aussage des Antragstellers zu verfolgen und zu verhaften. Auch in den freien Norden geflohene Sklaven sollten an ihre Besitzer zurück gegeben werden. Der verdächtige Sklave hatte kein Anrecht auf ein Gerichtsverfahren, um eventuell zu beweisen, dass er frei war, so dass auch Freie in die Fänge von Sklavenjägern gerieten. Darüber hinaus machte sich jede Person, die „knowingly and willingly obstruct, hinder, or prevent such claimant [...] from arresting such a fugitive from service or labor, [...] or shall rescue, or attempt to rescue, such fugitive from service or labor from the custody of such claimant, [...] or shall aid, abet, or assist such person [...] to escape from such claimant, [...] or shall harbor or conceal such fugitive, so as to prevent the discovery and arrest of such person [...][14], strafbar und musste mit einer Strafe von $1.000 und mindestens sechs Monaten Haft rechnen.

[...]


[1] Vgl. Hubert Zapf (Hrsg.): Amerikanische Literaturgeschichte. Stuttgart: Metzler 1997.

[2] Harriet Beecher Stowe: A Key To Uncle Tom‘s Cabin. In: Harriet Beecher Stowe: Uncle Tom’s Cabin. Or, Life Among the Lowly. With an introudction setting forth the history of the novel and A Key To Uncle Tom’s Cabin. In Two Volumes. Volume II. Cambridge: Riverside Press 1896. (= The Writings of Harriet Beecher Stowe: with biographical introductions, portraits, and other illustrations; in 16 vol.). S. 255.

[3] ebd.

[4] Zu Ricœurs Theorie siehe Kapitel 2 dieser Arbeit.

[5] Harriet Beecher Stowe. Uncle Tom's Cabin. Authoritative text, backgrounds and contexts, criticism. Hrsg. von Elizabeth Ammons. New York, London: Norton 1994. S. xiii.

[6] ebd. S. 384.

[7] Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen: eine Einführung. Stuttgart, Weimar: Metzler 2005. S. 143.

[8] Astrid Erll, Marion Gymnich, Ansgar Nünning: Einleitung: Literatur als Medium der Repräsentation und Konstruktion von Erinnerung und Identität. In: Astrid Erll, Marion Gymnich, Ansgar Nünning (Hrsg.): Literatur – Erinnerung – Identität: Theoriekonzeption und Fallstudien. Tier: WVT Wissenschaftlicher Verlag Trier 2003. (= ELK; Band 11). S. v.

[9] Vgl. Paul Ricœur: Zeit und Erzählung. 3 Bände. München: Fink 1988-1991.

[10] Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. S. 146.

[11] Vgl. Aristoteles. Poetik. Hrsg. von Manfred Fuhrmann. Stuttgart: Reclam 1994 (= Universal-Bibliothek 7828).

[12] Astrid Erll: Kollektives Gedächtnis und Erinnerungskulturen. S. 153.

[13] Vgl. The Fugitive Slave Law. http://www.sonofthesouth.net/slavery/fugitive-slave-law.htm (17.12.2007).

[14] ebd.

Details

Seiten
28
Jahr
2007
ISBN (eBook)
9783640339778
Dateigröße
561 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127316
Institution / Hochschule
Justus-Liebig-Universität Gießen – Neuere Geschichte
Note
3+
Schlagworte
Sklaverei Sklavenhandel Erinnerungskultur Uncle Tom’s Cabin Onkel Toms Hütte Harriet Beecher Stowe

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Titel: Sklaverei und Sklavenhandel in der Erinnerungskultur