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Goethes "Novelle" - Verschiedene Deutungen

Referat (Ausarbeitung) 2006 22 Seiten

Germanistik - Literaturgeschichte, Epochen

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Inhaltswiedergabe

3. Entstehungsgeschichte

4. Hintergründe und Interpretationsansätze
4.1 Die religiös-humane Deutung
4.2 Die politische Deutung
4.3 Kritisch-negative Stimmen

5. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Auf den ersten Blick scheint Goethes Novelle (1828) sehr unpolitisch, geradezu privat, daherzukommen. In der privaten Deutung stecken allerdings schon sehr viele – literaturwissenschaftlich interessante – Details, die es lohnt, näher zu betrachten. Beschäftigt man sich dann aber länger und tiefer mit der Novelle, wird einem auffallen, dass es doch einige textimmanente Hinweise gibt, die auch eine politische Interpretation zulassen. Die Kritik an diesem Spätwerk Goethes reicht von „Hochklassik“[1] über „absoluter Bildungspoesie“[2] bis „lächerlich“.[3] Diese Ausarbeitung versucht somit, eine Übersicht über die verschiedenen Deutungen zur Novelle zu erarbeiten.

Ich gebe in Kapitel 2 zunächst einen kurzen inhaltlichen Überblick über Goethes Erzählung. Im 3. Kapitel soll die Entstehungsgeschichte der Novelle näher beleuchtet werden, um einige Missverständnisse bezüglich des Titels auszuräumen und Goethes Intention zur Entstehung dieses kleinen Werkes zu klären. Der Hauptteil dieser Arbeit, Kapitel 4, beschäftigt sich mit der Rezeption der Erzählung in der Literaturwissenschaft. Welche Deutungen gibt es? Der Schwerpunkt liegt hier auf der politischen Auslegung, weil dieser Interpretationsansatz sehr umstritten ist. Kapitel 5 gibt einige didaktische Hinweise zur Aufarbeitung der Novelle im Deutschunterricht und schließt mit dem Fazit.

2. Inhaltswiedergabe

Die Novelle spielt in einem fürstlichen Kleinstaat. Der frisch vermählte Fürst will zur Jagd ausreiten. Damit es der Fürstin nicht langweilig wird, unternimmt sie mit dem fürstlichen Oheim und dem Hofjunker Honorio einen Ausritt vom fürstlichen Schloss zur Stammburg ihres Geschlechts. Zuvor reitet man allerdings noch in der Stadt auf dem Markt entlang. Im regen Treiben des Marktes sieht man in Käfigen exotische Tiere, wie Tiger und Löwen, die gerade gefüttert werden. Der Ausritt geht weiter zum Stadttor hinaus in das gebirgige Land Richtung Stammburg. In mitten des Waldes, unterhalb der Stammburg bei einem Ausblick, entdeckt Honorio ein Feuer, das gerade auf dem Markt in der Stadt ausgebrochen ist. Fürst Oheim reitet sofort zurück, um die Löscharbeiten zu unterstützen. Honorio und die Fürstin reiten langsam hinterher, als plötzlich ein Tiger aus dem Gebüsch hervorspringt, der durch das Feuer auf dem Markt aus seinem Käfig entwischen konnte. Honorio erlegt den Tiger mit dem zweiten Schuss. Nun tritt eine fremdländisch gekleidet Frau und ein Knabe auf. Die Frau beklagt den Tod ihres Tigers. Zeitgleich treten nun der Mann der fremden Frau auf und der fürstliche Jagdtrupp, der auf dem Rückweg in die Stadt zum Feuerlöschen ist. Der Mann erzählt, dass auch sein Löwe durch das Feuer ausbrechen konnte. Die Frau und das Kind überzeugen den Fürsten, dass der Junge durch sein Flötenspiel den Löwen bezähmen könne. Der Wächter der Stammburg kommt nun herbeigelaufen und berichtet, dass sich der Löwe in der Stammburg unter einem Baum befände. Nachdem Honorio sich als Versicherung vor der Stammburg mit einer Schusswaffe postierte, um den Löwen im Fall des Falles zu erschießen, gehen Mann, Frau und Kind mit dem Wärter zur Stammburg. Der Jagdtrupp reitet nun ebenfalls zum brennenden Markt. Der Knabe spielt auf seiner Flöte ein Lied, das Harmonie und Liebe zum Thema hat und der Löwe kommt zum Jungen und zeigt ihm seine rechte Vorderpfote, in der ein Dorn steckt. Der Junge zieht den Dorn aus der Pfote und der bezähmte Löwe legt sich zu Füßen des Jungen.

3. Entstehungsgeschichte

Goethes Novelle ist im Laufe von drei Jahrzehnten entstanden.[4] Dies zeigt schon, dass Goethe mit der Novelle kein Paradebeispiel einer Novelle schreiben wollte, was der Titel suggerieren könnte. Goethe begann mit den ersten Ausführungen bereits 1797. Zu diesem Zeitpunkt wollte er den Stoff als episches Gedicht mit dem Titel „Die Jagd“ niederschreiben. Auch eine Balladenform war für Goethe denkbar.

Goethe korrespondiert über sein Vorhaben sowohl mit Wilhelm von Humboldt als auch mit Friedrich Schiller. Später bereute Goethe es, seine Pläne offenkundig gelegt zu haben, da Schiller und vor allem von Humboldt ihn von seinem Vorhaben abrieten, „weil sie nicht wissen konnten, was in der Sache lag, und weil nur der Dichter allein weiß, welche Reize er seinem Gegenstand zu geben fähig ist.“[5] Aber zu dieser Erkenntnis kommt Goethe erst 1827. Dreißig Jahre zuvor schreibt er noch an Schiller:

[…] ich muss ihnen meinen Plan schicken oder selbst bringen. Es werden dabei sehr feine Punkte zur Sprache kommen, von denen ich jetzt im allgemeinen nichts erwähnen mag. Wird der Stoff nicht für rein episch erkannt, ob er gleich in mehr als Einem (sic!) Sinne bedeutend und interessant ist, so muss sich dartun lassen, in welcher anderen Form er eigentlich behandelt werden müsste.[6]

Einige Monate später des Jahres 1797 scheint Goethe von der Unmöglichkeit einer epischen Gestaltung seines Werkes überzeugt, nachdem er Schillers Handschuh erhalten hatte. Er teilt seinem Freund Friedrich Schiller mit, dass sein Werk auch in „Reim und Strophendunst“ aufgehen könnte. Er wolle es aber „noch ein wenig cohobieren lassen“.[7] Schiller antwortet Goethe vier Tage später und gibt eine Art Vordefinition von dem Begriff Novelle:

Wenn ich sie neulich recht verstanden habe, so haben sie die Idee, Ihr neues episches Gedicht, „Die Jagd“, in Reimen und Strophen zu behandeln […] es darf sich, wo nicht des wunderbaren, doch des seltsamen und Überraschenden mehr bedienen […] Die griechische Welt, an die der Hexameter unausbleiblich erinnert, nimmt diesen Stoff daher weniger an, und die mittlere und neue Welt, also auch die moderne Poesie, kann ihn mit Recht reklamieren.[8]

Goethe ist sich auch jetzt immer noch nicht sicher, wie er den Stoff behandeln möchte. Durch die Arbeiten am Faust und durch die Balladenschöpfungen des Jahres, denkt er weiter über die Strophenform und über die Ausführung einer Ballade nach. Er teilt Schiller mit, dass er abwarten möchte „an welches Ufer der Genius das Schifflein treibt.“[9] Das Schifflein treibt dann dreißig Jahre, denn mit der Wiederaufnahme der Arbeiten am Faust und dem Beginn der Schweizer Reise am 30. Juni 1797 gerät der Plan in Vergessenheit.

Fast drei Jahrzehnte ruhte dann der Stoff und erst 1826 beschäftigte sich Goethe wieder mit dieser Thematik. Im Herbst 1826 findet Goethe einige seiner alten Aufzeichnungen wieder und er will nun den alten Plan in anderweitiger Ausführung durchführen.

Sie erinnern sich wohl noch eines epischen Gedichtes […] Bei einer modernen Jagd kamen Tiger und Löwe mit in’s Spiel […] jetzt beim Untersuchen alter Papiere, finde ich den Plan wieder und enthalte mich nicht, ihn prosaisch auszuführen, da es denn für eine Novelle gelten mag, eine Rubrik unter welcher gar vieles wunderliche Zeug kursiert.[10]

In einigen Teilen veränderte Goethe die Geschichte noch, so scheint erst jetzt, die gesamte Honorio-Handlung samt des Motivkerns komponiert worden sein.[11] Goethe fand zwar einige Notizen wieder, aber nicht das eigentliche Schema. Am 15. Januar unterhielt sich Goethe mit Dr. Eckermann über den chronologischen Verlauf, den die Novelle genommen hatte:

[…] ich wollte das Sujet schon vor dreißig Jahren ausführen, und seit der Zeit trage ich es im Kopfe […] Damals, gleich nach „Hermann und Dorothea“, wollte ich den Gegenstand in epischer Form und Hexametern behandeln und hatte auch zu diesem Zweck ein ausführliches Schema entworfen. Als ich nun jetzt das Sujet wieder vornehme, um es zu schreiben, kann ich jenes alte Schema nicht finden und bin also genötigt, ein neues zu machen, und zwar ganz gemäß der veränderten Form, die ich jetzt dem Gegenstand zu geben willens war. Nun aber nach vollendeter Arbeit findet sich jenes ältere Schema wieder, und ich freue mich nun, daß ich es nicht früher in den Händen gehabt, denn es würde mich nur verwirt haben.[12]

Diesmal entschied sich Goethe also für die Prosa. Am 25. Januar 1827 kommt es im Gespräch mit Dr. Eckermann zur Bestimmung des Titels:

‚Wissen sie was’, sagte Goethe, ‚wir wollen es die Novelle nennen; denn was ist eine Novelle anders als eine in sich ereignete unerhörte Begebenheit. Dies ist der eigentliche Begriff, und so vieles, was in Deutschland unter dem Titel Novelle geht, ist gar keine Novelle, sondern bloß Erzählung oder was sie sonst wollen.[13]

Die Novelle erschien zum ersten Mal 1828 im 15. Band der 3. Auflage der Cottaschen Ausgaben von Goethes Werken.[14]

[...]


[1] Wäsche, Erwin: Honorio und der Löwe. Studie über Goethes Novelle. Säckingen: Stratz 1947. S.

5f.

[2] Gundolf, Friedrich: Goethe. Berlin 1916. S. 743. f.

[3] Benn, Gottfried: Briefe an F. W. Oelze. 1932-1945. Wiesbaden/München: Limes 1977. S. 102ff.

[4] vgl. Wagenknecht, Christian: Erläuterungen und Dokumente. Johann Wolfgang Goethe. Novelle.

Stuttgart: Reclam 1982. S. 63-87.

[5] Goethe im Gespräch mit Eckermann am 18.Januar 1827. Zitiert nach: Goethes Werke, Band VI.

Romane und Novellen I. München: Verlag C. H. Beck 1998. S. 759.

[6] Goethe an Schiller, Weimar, 26. April 1797. Zitiert nach: Goethes Werke, Band VI. Romane und

Novellen I. München: Verlag C. H. Beck 1998. S. 753.

[7] Goethe an Schiller am 22. Juni 1797.ebd.

[8] Schiller an Goethe, Weimar, 26. Juni 1797. ebd.

[9] Goethe an Schiller, Weimar, 27. Juni 1797. ebd. S. 754.

[10] Goethe an von Humboldt am 22. Oktober 1826. S. 757.

[11] ebd. S. 755.

[12] Goethe im Gespräch mit Dr. Eckermann am 15. Januar 1827. Zitiert nach: Goethes Werke, Band

VI. Romane und Novellen I. München: Verlag C. H. Beck 1998. S. 757.

[13] Goethe im Gespräch mit Dr. Eckermann am 25. Januar 1827. Zitiert nach: Goethes Werke, Band

VI. Romane und Novellen I. München: Verlag C. H. Beck 1998. S. 760

[14] vgl. Goethes Werke, Band VI. Romane und Novellen I. S. 760.

Details

Seiten
22
Jahr
2006
ISBN (eBook)
9783640335466
ISBN (Buch)
9783640335046
Dateigröße
443 KB
Sprache
Deutsch
Katalognummer
v127120
Institution / Hochschule
Gottfried Wilhelm Leibniz Universität Hannover – Seminar für Deutsche Literatur und Sprache
Note
1,0
Schlagworte
Goethe Novelle Französische Revolution Absolutismus Religion

Autor

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